{"id":104504,"date":"2025-04-29T12:04:22","date_gmt":"2025-04-29T10:04:22","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=104504"},"modified":"2025-04-29T12:04:24","modified_gmt":"2025-04-29T10:04:24","slug":"ohne-david-kein-christus-davids-bedeutung-fuer-das-neue-testament","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/ohne-david-kein-christus-davids-bedeutung-fuer-das-neue-testament\/","title":{"rendered":"Ohne David kein Christus"},"content":{"rendered":"<p>Eines wurde im Lauf dieser biblischen Tage sehr deutlich: Zwischen dem vermeintlich historischen David und der literarischen Darstellung Davids im Alten Testament muss feins\u00e4uberlich unterschieden werden. Oder anders: David wirkte weiter. An der Gestalt Davids entz\u00fcndete sich das Interesse unterschiedlicher Tr\u00e4gerkreise. David wurde gedeutet und aktualisiert, freigesprochen und verurteilt. Die Erz\u00e4hlungen sind das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit der Biografie, der Pers\u00f6nlichkeit und dem Geschick Davids. Es wurde auf David zur\u00fcckgeblickt, nicht nur um l\u00e4ngst vergangene Geschichte getreu wiederzugeben. Vor allen Dingen ging es auch darum, die eigene Geschichte zu verstehen und anhand Davids zu erl\u00e4utern und zu pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Bevor es um die Bedeutung Davids im Neuen Testament und f\u00fcr das Urchristentum geht, soll zun\u00e4chst die alttestamentliche Wirkungsgeschichte kurz paraphrasiert werden. Sie ist der N\u00e4hrboden f\u00fcr die neutestamentliche \u00dcberlieferung und Deutung Davids.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Vom Halunken zum Helden: Die alttestamentliche Wirkungsgeschichte<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>John Smith bringt in seinem Buch \u201eThe Character of David\u201c die erstaunliche Entwicklung Davids in der Sicht des Alten Testaments pointiert zum Ausdruck: \u201eDavid war ein mutiger, aggressiver Herrscher. Er vereinigte Juda und Israel unter seiner Herrschaft und machte die umliegenden V\u00f6lker weitgehend Israel tributpflichtig. Die Ausbreitung der Macht Israels verdankte sich allerdings fast vollst\u00e4ndig seiner milit\u00e4rischen Macht und Grausamkeit. Er war seinen Freunden treu, verhielt sich jedoch seinen Feinden gegen\u00fcber skrupellos. Er war ein L\u00fcgner, Betr\u00fcger und Verr\u00e4ter. Da\u00df ihn die sp\u00e4tere \u00dcberlieferung ungeachtet seiner vielen Fehler in solchem Ma\u00dfe verkl\u00e4rte und verherrlichte, ist schlechthin unbegreiflich. Diese sp\u00e4teren Autoren sahen bewu\u00dft \u00fcber seine Verbrechen und Fehler hinweg und richteten ihre Aufmerksamkeit ganz auf seine Tugenden. Aus dieser Perspektive erscheint er als gro\u00dfartige Gestalt.\u201c<\/p>\n<p>So wurde aus einem Halunken ein Held, aus einem Schurken ein Super-Hero. Diese immer lichtdurchflutetere Perspektive, diese in ein immer positiveres Licht r\u00fcckende Triebkraft l\u00e4sst sich kaum leugnen.<\/p>\n<p>Schon die Samuel- und K\u00f6nigsb\u00fccher stellen David \u2013 weit \u00fcber das rein historische Faktum hinaus \u2013 als \u00e4u\u00dfert begabte Person dar. An David l\u00e4sst sich Ma\u00df nehmen. David wird zum Idol und Vorbild: Er ist sch\u00f6n, mutig und m\u00e4chtig, fromm und musisch. Die Chroniken sind dar\u00fcber hinaus noch von einer anderen Darstellungsabsicht gepr\u00e4gt. Nun begr\u00fcndet David in seinem Tun und durch sein Testament den Kult und die restaurative Politik der Gegenwart.<\/p>\n<p>Das nicht erlahmende Interesse an der Person Davids ist nicht erstaunlich. Seine Person und Biographie beinhalten theologisches Deutungspotential und viele theologiegeschichtliche Archetypen. David bietet sich als Modell und Beispiel an in ganz unterschiedlichen thematischen Kreisen der alttestamentlichen \u00dcberlieferung und der j\u00fcdischen Heilshoffnung. Seine Abstammung aus Betlehem etwa wird in Mi 5,1 zum Hoffnungsgrund: Man erwartet wieder einen Herrscher, dessen un\u00fcberbietbare Macht in schroffem Gegensatz zum unbedeutenden Herkunftsort stehen wird. Als Hirt f\u00fcgt sich David in das breitfl\u00e4chige Motivnetz der alttestamentlichen Gottesrede und des Herrscherprofils ein: Oberster Hirt ist Gott selbst, der im Hirten-K\u00f6nig David einen Repr\u00e4sentanten in Israel berufen hat. An seiner Art haben sich alle zuk\u00fcnftigen K\u00f6nige zu messen. Ein Herrscher hat \u2013 wie Gott selbst \u2013 Hirtenqualit\u00e4ten an den Tag zu legen (Ez 34,11-17). Mit David ist sodann die Erinnerung an die Einheit des Nord- und S\u00fcdreichs verbunden. Sie wird \u2013 wo sie wieder verlorenging \u2013 sehns\u00fcchtig erwartet (Jer 23,5-9). Israel sehnt sich nach einem Herrscher, der die Fremdherrschaft beseitigt und umfassenden Frieden erm\u00f6glicht (Jes 11,1-10). Die Erinnerung an die Salbung Davids schlie\u00dflich tr\u00e4gt und st\u00fctzt die Hoffnung auf einen Gesalbten (2 Sam 7,12). Weit \u00fcber das irdischerseits Erreichbare hinaus soll dieser Messias letztlich das endzeitliche Heil herauff\u00fchren.<\/p>\n<p>Kurzum: Die Person und Biografie Davids bieten \u2013 gerade an der Schwelle zur neutestamentlichen Zeit \u2013 viele verschiedene Verst\u00e4ndnis- und Aktualisierungsm\u00f6glichkeiten. Als Hirt und K\u00f6nig, als Einheit schaffender und Frieden stiftender Herrscher ist er Pate und Wegweiser der fr\u00fchj\u00fcdischen Messiaserwartung. Auch die Qumran-Schriften greifen auf ihn zur\u00fcck und strecken sich nach einer k\u00f6niglichen Messiasgestalt aus (1 QS 9,11).<\/p>\n<p>Diese mit David fest verkn\u00fcpfte Heilshoffnung pr\u00e4gte auch die fr\u00fchen Christen. Sie atmeten \u2013 mit den Schriften und der Erwartung Israel vertraut \u2013 \u201edavidische Luft\u201c. War es verwunderlich, dass Person und Bedeutung Jesu vor dem Hintergrund Davids verstanden und erl\u00e4utert wurden? Die davidisch-messianische Hoffnungslinie l\u00e4uft nicht an Jesus vorbei, sondern direkt auf ihn zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Fu\u00dfabdr\u00fccke des K\u00f6nigs: Eine neutestamentliche Bestandsaufnahme<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Statistik ist aussagekr\u00e4ftig. Von 59 Belegen zum Namen \u201eDavid\u201c im Neuen Testament entfallen 17 auf das Matth\u00e4usevangelium, 24 auf das lukanische Doppelwerk und 7 auf das Markusevangelium. Gerade das judenchristlich gepr\u00e4gt Matth\u00e4usevangelium wei\u00df um das theologische Erl\u00e4uterungspotential des Namens. Den Adressaten d\u00fcrfte der Rekurs auf David einen gehaltvollen Verst\u00e4ndnishorizont er\u00f6ffnet haben: So l\u00e4sst sich Jesus als die Erf\u00fcllung der mit David verbundenen Hoffnung begreifen!<\/p>\n<p>Weitere drei Belege finden sich in der Johannesoffenbarung, zwei Referenzstellen jeweils im Hebr\u00e4erbrief und im Johannesevangelium und nur eine im 2. Timotheusbrief. Paulus besch\u00e4ftigt sich kaum mit David. Allein im R\u00f6merbrief wird David an drei Stellen erw\u00e4hnt: Wom\u00f6glich konzentrierte sich die Bedeutung Davids \u2013 f\u00fcr den V\u00f6lkerapostel Paulus \u2013 zu sehr auf Israel allein. In seiner v\u00f6lkerweltlichen Perspektive und Argumentationslinie greift Paulus eher auf Abraham zur\u00fcck (R\u00f6m 4,1-25): Der Stammvater aller Glaubenden st\u00fctzt die universale Verk\u00fcndigung des paulinischen Evangeliums.<\/p>\n<p>Die neutestamentlichen Aussagen \u00fcber David lassen sich auch thematisch gruppieren. David spielt in verschiedener Hinsicht eine Rolle in den Schriften des Neuen Testaments.<\/p>\n<h4><strong>David: Vorbild und Glaubenszeuge<\/strong><\/h4>\n<p>Noch ohne explizite messianische Tiefensch\u00e4rfe wird auf David als Modell und Beispiel Bezug genommen. In der synoptischen Jesustradition rechtfertigt das Tun Davids die gesetzeskritische Haltung der J\u00fcnger und das \u00c4hrenraufen am Sabbat: \u201eHabt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten \u2013 wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote a\u00df, die au\u00dfer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab?\u201c (Mk 2,25-26)<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief verweist \u2013 neben anderen gro\u00dfen Gestalten der Geschichte Israels \u2013 auf David als Glaubensvorbild. Sie, die \u201eaufgrund des Glaubens K\u00f6nigreiche besiegt, Gerechtigkeit ge\u00fcbt, Verhei\u00dfungen erlangt, L\u00f6wen den Rachen gestopft, Feuersglut gel\u00f6scht\u201c (Hebr 11,33-34) haben, werden den Christen in ihrem Glaubensalltag als mutmachende Zeugen vor Augen gestellt. David ist einer davon.<\/p>\n<h4><strong>David: Psalmist und Prophet<\/strong><\/h4>\n<p>In den Reden der Apostelgeschichte wird oft auf David als Gew\u00e4hrsmann zur\u00fcckgegriffen. Es werden Aussagen Davids zur Best\u00e4tigung der urchristlichen Predigt eingef\u00fcgt: \u201eEs musste sich das Schriftwort erf\u00fcllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus \u00fcber Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anf\u00fchrer derer, die Jesus gefangen nahmen.\u201c (Apg 1,16) Beseelt vom Heiligen Geist und damit \u2013 in der Diktion der Apostelgeschichte \u2013 in heilsgeschichtlicher Vorausschau k\u00fcndigte David das Leben und Wirken Jesu und das Geschick der Urgemeinde prophetisch an (vgl. Apg 4,24-30). Auch Paulus nutzt David \u2013 wenn auch ansonsten kaum \u2013 als Prophet, dessen Worte und Sicht sich nun erf\u00fcllen: \u201eAuch David preist den Menschen selig, dem Gott Gerechtigkeit unabh\u00e4ngig von Werken anrechnet.\u201c (R\u00f6m 4,6)<\/p>\n<p>Doch David bleibt eben \u201enur\u201c ein Prophet. Er weist auf Jesus hin, aber \u00fcbertrifft ihn nicht. Die Urchristen sind bem\u00fcht, jedweden Eindruck einer Konkurrenz oder Gleichrangigkeit zu vermeiden. Jesus ist mehr und gr\u00f6\u00dfer als David. Das h\u00e4tte schon David selbst gewusst. So jedenfalls bestimmt Petrus in der Apostelgeschichte das Rollenverh\u00e4ltnis: \u201eBr\u00fcder, ich darf freim\u00fctig zu euch \u00fcber den Patriarchen David reden: Er starb und wurde begraben, und sein Grabmal ist bei uns erhalten bis auf den heutigen Tag. Da er ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm den Eid geschworen hatte, einer von seinen Nachkommen werde auf seinem Thron sitzen, sagte er vorausschauend \u00fcber die Auferstehung Christi: Er gibt ihn nicht der Unterwelt preis, und sein Leib schaut die Verwesung nicht. Diesen Jesus hat Gott auferweckt, daf\u00fcr sind wir alle Zeugen.\u201c (Apg 2,29-32) Auch die synoptische Tradition bietet diesen kl\u00e4renden Hinweis: Der Messias muss gr\u00f6\u00dfer als David sein, denn \u201eDavid selbst nennt ihn \u201aHerr\u2018. Wie kann er dann Davids Sohn sein?\u201c (Mk 12,37)<\/p>\n<h4><strong>David: Gesalbter und Heilshoffnung<\/strong><\/h4>\n<p>Scheinbar widerspr\u00fcchlich zu dieser pointierten Verh\u00e4ltnisbestimmung von David und Jesus fungiert David doch in eindr\u00fccklicher Weise als Garant und Tr\u00e4ger einer heilvollen Zukunftshoffnung. Doch auch hier zeigt sich das Bem\u00fchen, Jesus als Erf\u00fcllung der an David ergangenen oder mit ihm verbundenen Verhei\u00dfung zu begreifen.<\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle spielt dabei die Abstammung Jesu aus dem Geschlecht Davids. So betonen Paulus (R\u00f6m 1,3) und der 2. Timotheusbrief (2 Tim 2,8), dass Jesus \u2013 qua Abstammung und Geburt \u2013 ein \u201eNachkomme Davids\u201c ist. Die Geburtserz\u00e4hlungen des Matth\u00e4us- und Lukasevangeliums verlagern die Geburt Jesu nach Betlehem, in die Stadt Davids. So erf\u00fcllt sich Mi 5,1, wonach aus der Stadt Davids \u201eeiner hervorgehen wird, der \u00fcber Israel herrschen soll\u201c. Historisch ist wohl eher dem Markus- und dem Johannesevangelium Recht zu geben. F\u00fcr das Markusevangelium spielt der Geburtsort Jesu (und somit auch die Stadt Betlehem) keine Rolle. Das Johannesevangelium wei\u00df um die mit Bethlehem verbundene Messiashoffnung (Joh 7,42). Vor diesem Hintergrund wirft die Tatsache, dass Jesus aus Nazareth stammt, Fragen auf (Joh 1,46; 7,52). Sowohl das Markus- wie das Johannesevangelium gehen also von einer Herkunft Jesu aus Nazareth aus. Die Messianit\u00e4t Jesu erweist sich nicht am irdischen Ort seiner Herkunft oder Geburt. Gerade im Johannesevangelium wird sie durch die himmlische Abstammung Jesu begr\u00fcndet (Joh 1). Dennoch ist und bleibt Bethlehem ein eindr\u00fcckliches Zeugnis f\u00fcr die urchristliche Tendenz, Jesus in die Heilslinie Davids einzuordnen.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr bindet die Apostelgeschichte an den Spross aus dem Geschlecht Davids eine eindr\u00fcckliche, letztlich messianische Hoffnung: \u201eDamit stimmen die Worte der Propheten \u00fcberein, die geschrieben haben: Danach werde ich mich umwenden und die zerfallene H\u00fctte Davids wieder aufrichten; ich werde sie aus ihren Tr\u00fcmmern wieder aufrichten und werde sie wiederherstellen, damit die \u00fcbrigen Menschen den Herrn suchen, auch alle V\u00f6lker, \u00fcber denen mein Name ausgerufen ist &#8211; spricht der Herr, der das ausf\u00fchrt, was ihm seit Ewigkeit bekannt ist.\u201c (Apg 15,15-18) Das Zitat findet sich im Kontext der Jerusalemer Versammlung, bevor sich also die Urgemeinde f\u00fcr eine \u00d6ffnung auf die V\u00f6lkerwelt hin entscheidet. Die mit David verbundene Hoffnung erf\u00fcllt sich: In Jesus bl\u00fcht die davidische Heilsverhei\u00dfung neu auf. Ja mehr noch: Die Hoffnung wird universalisiert und auf alle V\u00f6lker hin geweitet. Die \u201eH\u00fctte Davids\u201c umfasst nun mehr als Israel allein: letztlich die gesamte Menschheit.<\/p>\n<p>Dieser universale Blickwinkel mag durchaus schon im Judentum zurzeit Jesu \u2013 wenn auch nicht breitfl\u00e4chig \u2013 vorhanden gewesen sein. F\u00fcr den Gang und die Geschichte des Urchristentums ist sie anschlussf\u00e4hig: Die universale Verk\u00fcndigung des Evangeliums tr\u00e4gt die einst an David ergangene Verhei\u00dfung \u00fcber Israel hinaus, bis an die Enden der Erde (Apg 1,8).<\/p>\n<p>Die mit David verbundene messianische Erwartung \u2013 sei sie nun national politisch oder eschatologisch jenseitig zu verstehen \u2013 klingt auch in den Anreden Jesu wieder. Dies ist etwa beim Einzug Jesu in Jerusalem der Fall, wenn die Menschen rufen: \u201eHosanna dem Sohn Davids!\u201c(Mt 21,9) Die Anrede bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass das mit David verbundene Reich nun kommt und sich in Jesus erf\u00fcllt (Mk 11,10). Die Bezeichnung Jesu als \u201eSohn Davids\u201c in zahlreichen Heilungserz\u00e4hlungen ist nicht minder hoffnungsschwanger: \u201eAls er (sc. der blinde Bartim\u00e4us) h\u00f6rte, dass es Jesus von Nazareth war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!\u201c (Mk 10,47; ebenso Mt 9,27; 15,22; 20,30-31) Die Hoffnung mag diffus sein, aber sie ist vorhanden, mit der Person Davids verbunden und durch die an ihn ergangene Verhei\u00dfung begr\u00fcndet. Der Messias aus dem Geschlecht Davids f\u00fchrt die Heilszeit herauf und beendet Not und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Von einer eindeutig und apokalyptisch radikalisierten davidischen Heilshoffnung sind schlie\u00dflich die Referenzen in der Johannesoffenbarung gepr\u00e4gt. Jesus hat \u201eden Schl\u00fcssel Davids\u201c (Offb 3,7) und f\u00fchrt als \u201eSpross aus der Wurzel Davids\u201c (Offb 5,5) die Weltgeschichte zur Vollendung. Gleichwohl steigert die Johannesoffenbarung die christologische Note der davidischen Diktion. Am Ende der Johannesoffenbarung stellt sich Jesus sogar als \u201edie Wurzel und der Stamm Davids\u201c (Offb 22,16) vor. Er ist nicht l\u00e4nger mehr nur der Spross, sondern der Wurzelgrund. Nicht er stammt aus dem Geschlecht Davids, sondern er ist der Stamm, in den sich David einreihen muss. Jesus \u00fcbertrifft die mit David verbundene Hoffnung in zeitlicher und theologisch-inhaltlicher Hinsicht. David stellt eine Etappe der Heilsgeschichte dar, deren Grund und Ziel aber Christus ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Von David zu Christus und zur\u00fcck: Eine \u00f6sterliche Br\u00fccke<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fassen wir zusammen. Die wiederholten Bezugnahmen auf David in den Schriften des Neuen Testaments machen deutlich: David ist Teil des urchristlichen Reflexionsprozesses. Es zeigt sich das \u2013 sicherlich christologisch veranlasste \u2013 Bem\u00fchen, Jesus an die Geschichte Davids anzuschlie\u00dfen oder mit der von David ausgehenden Heilshoffnung zu verbinden. Gerade in judenchristlichen Rezeptionskontexten wurden die Begriffe und Konzepte dieser David-Christus-Typologie gut verstanden. Gerade dort konnten Ans\u00e4tze dieser \u201edavidischen Christologie\u201c greifen (vgl. Mt 1,1; 1,20; 9,27).<\/p>\n<p>Die Anspielungen auf die Daviderz\u00e4hlungen des Alten Testaments machen aber auch deutlich: Nicht alles aus der David-Geschichte eignete sich gleicherma\u00dfen f\u00fcr die urchristliche Rezeption. Insgesamt ist die Wahrnehmung doch selektiv. Nicht alles wurde als gehaltvoll oder n\u00fctzlich empfunden. Im Grunde werden nur die besten, saubersten und auf die Verhei\u00dfung eines (ewigen) K\u00f6nigtums bezogenen Traditionen christologisch relevant. Selbst Z\u00fcge Davids, die wiederholt und nachdr\u00fccklich in den Erz\u00e4hlungen aufscheinen (wie etwa seine Wankelm\u00fctigkeit, die Notwendigkeit von Reue und Umkehr, das gewaltbereite Durchsetzungsverm\u00f6gen) wurden geflissentlich \u00fcbergangen oder christologisch \u00fcberblendet. Gleichwohl konnten Nebenlinien der mit David verbundenen Heilshoffnung (die Herkunft aus Betlehem, die beginnende universale Dimensionierung des davidischen Reichs) akzentuiert werden.<\/p>\n<p>Die christologische Zuhilfenahme Davids bleibt dabei \u2013 aufs Ganze gesehen und die weitere theologiegeschichtliche Entwicklung geblickt \u2013 eine relativ fr\u00fche und vor allen Dingen vor\u00fcbergehende Erscheinung. In der paulinischen Mission spielt David schon fast keine Rolle mehr. F\u00fcr eine Kirche unter den V\u00f6lkern werden \u201edavidische Argumente\u201c zunehmend unverst\u00e4ndlich. Sie f\u00fchren schlie\u00dflich allenfalls ein Schattendasein in den christologischen Entw\u00fcrfen und Reflexionen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung wird schon in den judenchristlichen Diskursen vorbereitet, die noch um die Bedeutung Davids wissen und davidische Argumente christologisch nutzen. Bereits hier zeigt sich doch das Bem\u00fchen, die Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse deutlich zu machen: Letztlich \u00fcbertrifft Jesus David. Mit David ist eine Verhei\u00dfung verbunden. Die Erf\u00fcllung aber wird in Christus gefeiert. Die Geschichte verl\u00e4uft nicht r\u00fcckw\u00e4rts, sondern \u2013 \u00fcber David \u2013 auf Christus zu.<\/p>\n<p>F\u00fchrt man sich die Daviderz\u00e4hlungen des Alten Testaments in all ihren Facetten nochmals vor Augen, verwundert das wachsende Unbehagen nicht. David ist eben nicht nur eine illustre Gestalt, nicht nur der vorbildlich Fromme, das idealtypische Verhaltensmodell, der Prophet und Beter, der Gesalbte und K\u00f6nig. Es konnte doch nur eine Frage der Zeit sein, bis die Christologie nicht l\u00e4nger David brauchte, sondern vielmehr David aufhelfen musste: ihm, den M\u00f6rder und Ehebrecher, den Verr\u00e4ter und Intriganten\u2026 Christus braucht David nicht, oder zumindest: nicht zwangsl\u00e4ufig. Aber David braucht Christus, weil er \u2013 und besteht darin nicht das Faszinosum seiner Geschichte \u2013 wie jeder Mensch von der Hoffnung zehrt, die Christus verk\u00f6rpert. Die Geschichte Davids verlangt nach Heilung, so wie die Geschichte aller Menschen. Insofern erscheint David nicht als Prototyp Jesu, sondern als ein Platzhalter f\u00fcr uns. Nicht David st\u00fctzt Christus. Christus st\u00fctzt ihn. Auch David zehrt von Ostern \u2013 wie wir alle.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines wurde im Lauf dieser biblischen Tage sehr deutlich: Zwischen dem vermeintlich historischen David und der literarischen Darstellung Davids im Alten Testament muss feins\u00e4uberlich unterschieden werden. Oder anders: David wirkte weiter. An der Gestalt Davids entz\u00fcndete sich das Interesse unterschiedlicher Tr\u00e4gerkreise. David wurde gedeutet und aktualisiert, freigesprochen und verurteilt. 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