{"id":107725,"date":"2025-07-04T12:06:21","date_gmt":"2025-07-04T10:06:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=107725"},"modified":"2025-07-04T12:06:23","modified_gmt":"2025-07-04T10:06:23","slug":"wunder-gibt-es-immer-wieder-mythos-wirtschaftswunder","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/wunder-gibt-es-immer-wieder-mythos-wirtschaftswunder\/","title":{"rendered":"Wunder gibt es immer wieder"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Introduction<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mythos vom Wirtschaftswunder lebt vom Kontrast mit der bitteren Realit\u00e4t, die der Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft im Fr\u00fchjahr 1945 mit sich brachte. Vernichtung und L\u00e4hmung weiter Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur und der augenscheinlich totale Stillstand der Produktion lie\u00dfen keine Hoffnung aufkommen, Deutschland k\u00f6nne die Niederlage \u2013 wie nach dem Ersten Weltkrieg \u2013 in absehbarer Zeit wirtschaftlich verkraften. Die Siegerm\u00e4chte waren offenbar fest entschlossen, ihre eigene Wirtschaft und die ihrer Verb\u00fcndeten zu Lasten Deutschlands zu stabilisieren, die potentiellen M\u00e4rkte der besiegten wirtschaftlichen Gro\u00dfmacht unter sich aufzuteilen, vorhandene Produktionsanlagen zu demontieren und deutsche Produktion nur soweit zu erlauben, wie sie den Besatzungsm\u00e4chten direkt zu Gute kam. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung der vom Bombenkrieg zerst\u00f6rten St\u00e4dte hie\u00df dies Hunger, Not und Elend \u2013 und kein Ende abzusehen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser scheinbar hoffnungslosen Ausgangslage musste den Zeitgenossen die schon 1948 einsetzende Reihe sichtbarer wirtschaftlicher Erfolge in den westlichen Besatzungszonen unerkl\u00e4rlich erscheinen, wenn man sie nicht in direkten Zusammenhang mit konkreten politischen Ereignissen brachte, denen bis dahin unbekannte Wirkungen zugeschrieben wurden. Schon wenige Wochen nach der W\u00e4hrungsreform vom 20. Juni 1948 war es kein geringerer als der Oberdirektor des Wirtschaftsrates der Bizone, Hermann Josef P\u00fcnder, der Ihre Folgen in die N\u00e4he eines Wunders r\u00fcckte.<\/p>\n<p>Das Wirtschaftswunder, das seitdem immer wieder beschworen wurde, war seit den drei\u00dfiger Jahren nicht nur dem fr\u00fcheren Zentrumspolitiker ein vertrauter Begriff. Er stand f\u00fcr den im internationalen Vergleich verbl\u00fcffenden Erfolg der keynesianischen Strategie des Deutschen Reiches gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und n\u00e4hrte weit \u00fcber Deutschland hinaus die Hoffnung auf R\u00fcckkehr zu einer nicht enden wollende Prosperit\u00e4t, wie sie in den USA der zwanziger Jahre immer wieder als \u201aWunder\u2018 apostrophiert worden war. Selbst die SPD konnte 1936 im Prager Exil \u201edas deutsche Wirtschaftswunder\u201c nicht ignorieren, sorgte es doch daf\u00fcr, \u201eda\u00df das Regime gerade in der Arbeiterschaft noch auf die meisten Anh\u00e4nger z\u00e4hlen k\u00f6nne\u201c. Sie f\u00fchrte es \u201eauf einen starken Auftrieb\u201c zur\u00fcck, \u201eden bestimmte Industriezweige von zus\u00e4tzlichem R\u00fcstungs- und Kriegsbedarf erfahren haben\u201c.<\/p>\n<p>Dagegen lie\u00df der Pate der \u201aSozialen Marktwirtschaft\u2018, Alfred M\u00fcller-Armack, selbst noch nach Kriegsende diese bis heute beliebte Erkl\u00e4rung der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffung nicht gelten. Obwohl er den keynesianischen \u201eLenkungsapparat\u201c des NS-Wirtschaftswunders f\u00fcr seine Vorstellung von Marktwirtschaft ablehnte, wollte er ihm seinen \u201e\u00e4u\u00dferen Erfolg\u201c nicht absprechen, der ihm im In- und Ausland den Ruf als \u201e\u00fcberlegene Methode\u201c einbrachte \u2013 wohl wissend, dass der R\u00fcstungsboom in Deutschland erst nach der Wahrnehmung des \u201aWunders\u2018 einsetzte.<\/p>\n<p>Auch wenn die Gr\u00fcnde f\u00fcr das \u201aNS-Wunder\u2018 umstritten und in der Ursachenforschung nicht im Geringsten mit der Nachkriegsentwicklung vergleichbar waren, so bot sich der vertraute Begriff doch an, um einer auf den ersten Blick unerkl\u00e4rlichen Entwicklung einen Namen zu geben. Tats\u00e4chlich gleichen sich die statistischen Auspr\u00e4gungen der beiden Wirtschaftswunder weitgehend, wenn man sie als R\u00fcckweg auf den langen Wachstumspfad der deutschen Wirtschaft ansieht, der seine Kontinuit\u00e4t seit dem Kaiserreich entwickelt hat (<em>Abbildung<\/em>).<\/p>\n<p>Als Ursachen eines Wirtschaftswunders, das die Hoffnungslosigkeit der deutschen Zusammenbruchs-Gesellschaft \u00fcberwinden konnte, bot sich eine Reihe wirtschaftspolitischer Innovationen an, die \u2013 jede f\u00fcr sich \u2013 den Anspruch erhoben, der wirtschaftlichen L\u00e4hmung ein Ende zu setzen. Der Effekt der vollen Schaufenster, den die W\u00e4hrungsreform von heute auf morgen ausl\u00f6ste, geh\u00f6rte sicher zu diesen Erkl\u00e4rungsanst\u00f6\u00dfen, obwohl die Auswirkungen des neuen Geldes und der es begleitenden ersten Schritte in die Marktwirtschaft nicht allen Menschen zugute kamen und im November 1948 zum ersten und bisher einzigen Generalstreik f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Das Wachstum beschleunigte die W\u00e4hrungsreform nicht wesentlich. Vielmehr ordnet sie sich in den Wirtschaftsaufschwung ein, der im Herbst 1947 begann und eine Voraussetzung f\u00fcr ihren Erfolg war. Auch die Soziale Marktwirtschaft geh\u00f6rte eher zu den sp\u00e4ten Erkl\u00e4rungsmustern des Wirtschaftswunders. Das wirtschaftspolitische Programm der neuen Bundesregierung, das in Wirtschaftsminister Ludwig Erhard einen popul\u00e4ren Verfechter fand, blieb lange Zeit ein von Absichtserkl\u00e4rungen und Reformversuchen gepr\u00e4gtes Konzept, dessen Glaubw\u00fcrdigkeit eher von der Dynamik des Nachkriegswachstums lebte als wesentlich zu ihr beizutragen. Anders verhielt es sich mit dem Marshallplan. Mit seiner \u201aMilliarden-Dollarhilfe\u2018 schien er die westdeutsche Wirtschaft zu befl\u00fcgeln, noch ehe die ersten Hilfslieferungen \u00fcberhaupt in Bremerhaven eingetroffen waren und lie\u00df dies auch jedermann immer wieder wissen. Mehr noch: er schuf einen Mythos, der nicht nur das deutsche Wirtschaftswunder erkl\u00e4ren wollte, sondern bis heute wirksam ist, wenn es darum geht, \u00fcberall auf der Welt entwicklungspolitische Wunder zu bewirken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Mythos Marshallplan <\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter den Nachwirkungen des Morgenthau-Planes be\u00adschr\u00e4nkte sich der Wiederaufbau der deutschen Westzonen bis Fr\u00fchjahr 1947 auf die Verwaltung des deutschen Zusam\u00admenbruchs. Der Plan des einflussreichen US-Finanzministers, die deutsche Ex\u00adportnation im eigenen und britischen Interesse vom Welt\u00admarkt auszuschlie\u00dfen, stie\u00df freilich rasch auf den Wider\u00adstand einflussreicher Wirtschaftskreise und der zust\u00e4ndigen Ministerien, wie des State Department. So \u00e4nderte sich allm\u00e4hlich die Zielsetzung der amerikanischen Europapolitik \u2013 und damit die Rolle, die das besiegte Deutschland in Eu\u00adropa spielen sollte. Die Morgenthausche Devise, Westeuro\u00adpa <em>zu Lasten <\/em>Deutschlands zu stabilisieren, erwies sich of\u00adfensichtlich als unrealistisch. Zwei Jahre nach Kriegsende hatte die US-Regierung verstanden, dass noch so umfang\u00adreiche Demontagen und andere deutsche Reparationsleistungen nicht reichten, um schwache Industriel\u00e4nder wie Gro\u00dfbritannien oder Frankreich zu Ausstattern des europ\u00e4\u00adischen Wiederaufbaus zu machen. Hingegen war ihr seit Ende 1945 bis ins Detail bekannt, dass die deutsche Wirt\u00adschaft \u2013 ungeachtet der Bombensch\u00e4den \u2013 leistungsf\u00e4higer als vor dem Kriege sein konnte, wenn man sie nur lie\u00dfe. Anfang 1947 zog die US-Regierung daraus die Konsequen\u00adzen, indem sie nunmehr nach der Devise verfuhr, Westeu\u00ad\u00adropa nicht l\u00e4nger <em>zu Lasten<\/em>, sondern <em>mit Hilfe <\/em>des deutschen Wirtschaftspotentials zu stabilisieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutschen Westzonen f\u00fchrte dieser Kurswechsel zu einem grundlegenden Wandel der Rekonstruktionsbedingungen. Zum einen verfuhren die Besatzungsm\u00e4chte nun immer gro\u00dfz\u00fcgiger bei der Erteilung von <em>Permits<\/em>, d.h., sie erlaubten den Betrieben, die vorhandenen Anlagen, Ar\u00adbeitskr\u00e4fte und Rohstoffe produktiv zu nutzen. Gleichzeitig senkten sie die Demontagelast bis 1949 auf 38 Prozent des ur\u00adspr\u00fcnglichen Ansatzes. Das am 3. April 1948 vom US-Kon\u00adgress verabschiedete European Recovery Programm (ERP), das bald nach dem federf\u00fchrenden Au\u00dfenminister George C. Marshall benannt wurde, verk\u00f6rperte die umfassendste Konzeptualisierung der neuen amerikanischen Strategie f\u00fcr Europa. In ihr sollte Westdeutschland \u2013 ob es wollte oder nicht \u2013 die aktive Rolle \u00fcbernehmen, die seiner strategi\u00adschen Bedeutung f\u00fcr die Stabilisierung Westeuropas ent\u00adsprach.<\/p>\n<p>Ludwig Erhard, der Leiter der deutschen Verwaltung f\u00fcr Wirt\u00adschaft, hatte im Vorfeld des Marshallplans f\u00fcr frei verf\u00fcgba\u00adre Kapitalhilfe pl\u00e4diert, deren gezielter Einsatz erm\u00f6glicht h\u00e4tte, den westdeutschen Wiederaufbau zu beschleunigen und nach Wunsch zu gestalten. Tats\u00e4chlich floss aber kein einziger Dollar nach Deutschland, \u00fcber den die Milit\u00e4rregie\u00adrung, geschweige denn die deutsche Wirtschaftsverwal\u00adtung, h\u00e4tten verf\u00fcgen k\u00f6nnen. Der materielle Kern des ERP-Programms f\u00fcr Westdeutschland bestand vielmehr neben der Fortsetzung der Nahrungsmittelhilfe vor allem aus amerikanischer Devisenhilfe, die es US-Exporteuren erlaub\u00adte, von der Marshallplan-Administration (ECA) dazu be\u00adstimmte Waren nach Deutschland zu liefern, w\u00e4hrend deut\u00adsche Importeure den Rechnungsbetrag in Landesw\u00e4hrung auf ein <em>Gegenwertkon\u00adto<\/em> einzahlen konnten.<\/p>\n<p>Es handelte sich bei diesen Marshall\u00adplan-G\u00fctern auch nicht um Tr\u00e4ger innovative Technologien oder sonstige aufbauspezifische Importe. Die Lieferungen bestanden im Wesentlichen aus Rohbaumwolle und Tabak aus den S\u00fcdstaaten der USA. Daran kn\u00fcpften sich auf deutscher Seite Mutma\u00dfungen, die USA w\u00fcrde den Marshallplan als Vorspann f\u00fcr die Verwertung heimischer \u00dcbersch\u00fcsse nutzen. Tats\u00e4chlich betrug der Anteil an Ma\u00adschinen und Fahrzeugen lediglich 2,3 Prozent der ERP-Einfuhren. W\u00e4hrend die im ERP-Vertrag vorgese\u00adhene Propagandamaschine schon auf Hochtouren lief, musste der deutsche <em>Berater f\u00fcr den Marshallplan<\/em> in sei\u00adnem vertraulichen Jahresbericht 1948 einr\u00e4umen, dass das Programm bis Anfang 1949 nur \u201ewenig unmittelbar greifba\u00adre wirtschaftliche Ergebnisse\u201c bewirkt hatte. Nach au\u00dfen hin wurde die \u00d6ffentlichkeit aber von Anfang an falsch \u00fcber Art und Ausma\u00df der Hilfsleistungen unterrichtet. In der Bev\u00f6lkerung entstand so der Eindruck, dass Fortschritte dem Marshallplan und nicht der eigenen Rekonstruktionsdynamik zuzuschreiben waren.<\/p>\n<p>Auch der stellvertretende Milit\u00e4rgouverneur, General William H. Draper, musste fr\u00fch einr\u00e4umen, dass das Hilfsprogramm als Folge der \u201eheillosen B\u00fcrokratie\u201c der Marshallplan-Verwal\u00adtung \u201evergleichsweise unwirksam\u201c war. Im Fr\u00fchjahr 1949 trafen zwar endlich Lieferungen in nennenswertem Umfang in Bremerhaven ein. Es h\u00e4uften sich aber gleichzeitig die Klagen \u00fcber nicht ausgenutzte Kontingente, weil deutsche Importeure Schwierigkeiten hatten, Marshallplang\u00fcter auf\u00adzunehmen \u2013 sei es, weil sie zu sp\u00e4t kamen, sei es, weil sie im Vergleich zum Weltmarktangebot zu teuer oder von schlechter Qualit\u00e4t waren, wie die in der deutschen Textilindustrie unbeliebte (low-grade) Rohbaumwolle.<\/p>\n<p>Der Direk\u00adtor der Verwaltung f\u00fcr Wirtschaft sah sich paradoxer Weise vor die Aufgabe gestellt, anstatt Probleme mit Hilfe des Mar\u00adshallplans zu l\u00f6sen, das materielle ERP-Programm in Deutschland vor offenem Versagen zu bewahren. Er setzte die westdeutsche Wirtschaft solange unter Druck, bis sie schlie\u00dflich \u201efreiwillig\u201c einwilligte, den ECA-Kontingenten Pri\u00adorit\u00e4t vor den aus deutschen Exporterl\u00f6sen finanzierten und in der Regel wettbewerbsf\u00e4higeren gewerblichen Einfuhren zu geben. Die <em>Bank deutscher L\u00e4nder<\/em> war ebenfalls z\u00e4hne\u00adknirschend bereit, durch ein gr\u00f6\u00dferes kreditpolitisches En\u00adgagement die ERP-Lieferungen bis zu einem gewissen Grad zu subventionieren.<\/p>\n<p>Der Marshallplan hatte aber auch noch eine andere, f\u00fcr die westdeutsche Wirtschaft sehr viel wichtigere Seite. Weil die USA das deutsche Wirtschaftspotenzial f\u00fcr den Wiederauf\u00adbau Westeuropas nunmehr aktiv nutzen wollten, stellten sie in den bilateralen ERP-Vertr\u00e4gen ein Junktim zwischen dem Bezug von Marshallplanhilfe und dem Verbot der Entnahme von Reparationen aus der laufenden deutschen Produktion her. Dies betraf vor allem die Besatzungsm\u00e4chte Gro\u00dfbri\u00adtannien und Frankreich. Aber auch den anderen Reparationsgl\u00e4ubigern wurde der ausgesprochene Verzicht auf den gr\u00f6\u00dften Teil der Demontagen durch ERP-Hilfe kompensiert.<\/p>\n<p>Der Vorteil f\u00fcr die deutsche Wirtschaft lag auf der Hand, aber auch die Wirtschaft der \u00fcbrigen am Marshallplan teilneh\u00admenden Staaten profitierte von der wachsenden St\u00e4rke ei\u00adnes politisch von seinen Fesseln befreiten Lieferanten von Wiederaufbaug\u00fctern in der Mitte Europas. Um diesen Effekt noch zu verst\u00e4rken, lie\u00df sich die ECA ab dem zweiten Marshallplanjahr eine Methode einfallen, wie sie im Rahmen des ERP die Wiederherstellung der innereu\u00adrop\u00e4ischen Marktbeziehungen weiter f\u00f6rdern k\u00f6nnte. Sie kn\u00fcpfte einen wachsenden Teil der Devisenhilfe an die Be\u00addingung <em>(conditional aid)<\/em>, dass der Empf\u00e4nger daf\u00fcr ande\u00adren Mitgliedstaaten Ziehungsrechte <em>(drawing rights) <\/em>auf die eigene W\u00e4hrung gew\u00e4hrte. Die Verteilung der Ziehungsrech\u00adte orientierte sich an der Einsch\u00e4tzung von ECA, ob das jeweilige Land k\u00fcnftig in der Lage sei, Zahlungsbilanz\u00fcber\u00adsch\u00fcsse zu erzielen oder ob es Defizite verkraften m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Nach Lage der Dinge \u2013 und sehr zum \u00c4rger der deutschen Wirtschaftsverwaltung \u2013 wurde die Bizone als potenzielles \u00dcberschussland eingestuft, so wie Gro\u00dfbritannien, Belgien oder Italien. Gewiss w\u00e4re es 1949 auch politisch nicht ge\u00adrade opportun gewesen, die Westzonen in den Genuss ERP-gef\u00f6rderter Devisenhilfe f\u00fcr Einkaufsm\u00f6glichkeiten in den europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern kommen zu lassen, wie dies f\u00fcr Frankreich, \u00d6sterreich oder die Niederlande galt. Anders als f\u00fcr Gro\u00dfbritannien traf diese Einsch\u00e4tzung der wirtschaftlichen St\u00e4rke im deutschen Fall aber voll ins Schwarze.<\/p>\n<p>Dieser \u201eeurop\u00e4ische\u201c Marshallplan hatte aus deutscher Perspektive einen ambivalenten Charakter. Die Westzonen verloren im zweiten Marshallplanjahr nicht nur \u00fcberdurch\u00adschnittlich an Devisenhilfe aus dem Marshallplan, sondern mussten erst recht in Form von <em>conditional aid<\/em> am Gesamteffekt empfangener Auslandshilfe die h\u00f6chsten K\u00fcrzungen zu Gunsten von Defizitl\u00e4ndern hinnehmen. Es ist daher nicht \u00fcberraschend, dass auch Erhard und seine Mitstreiter \u00fcber\u00adzeugt waren, der Marshallplan habe \u201enicht das Geringste\u201c zum Aufschwung der Wirtschaft beigetragen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zehrte die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Berlin nahezu die gesamte Auslandshilfe auf, so dass auch das U.S. State Department, davon \u00fcberzeugt war, \u201ethat foreign aid is only a marginal factor in the recovery process\u201c. Es best\u00e4tigte damit Ludwig Erhards feste \u00dcberzeugung, die den wahren Kern der Wirtschaftswundermythen kritisch umschrieb: \u201eUnter der Wirkung einer allm\u00e4chtigen Propaganda, t\u00e4uschender Statistik, gedankenlosen Wiederholung ungepr\u00fcfter und irriger Behauptungen (\u2026) und vor allem v\u00f6lligen Verkennung der wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge unterblieb jede Richtigstellung nicht nur der \u00f6ffentlichen Meinung, sondern auch der Ansichten der Minister und Volksvertreter, die die Verantwortung tragen.\u201c<\/p>\n<p>Offensichtlich taugt der Marshallplan nicht als Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr die Dynamik des westdeutschen Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg und schon gar nicht als Modell in Sachen Entwicklungshilfe. Der Marshallplan war in Westeuropa deshalb erfolgreich, weil er auf wirtschaft\u00adliche Substanz stie\u00df. Er trug dazu bei, Westeuropa nach dem Zweiten Welt\u00adkrieg zu stabilisieren, und gew\u00e4hrte potenziell starken Volks\u00adwirtschaften Hilfe zur Selbsthilfe. Vor allem aber war er eine grandiose \u00dcbung in Public Relations, die Entwicklungspoli\u00adtiker bis heute in ihren Bann zieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Mythos \u201eStunde Null\u201c<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ohne die Vorstellung einer \u201eStunde Null\u201c ist der Mythos vom Wirtschaftswunder nicht denkbar. Der Ende 1944 einsetzende Absturz der Wirtschaft, das weitgehende Versagen der Infrastruktur, der v\u00f6llige Austausch der politischen Eliten, die totale Macht\u00fcbernahme durch die Siegerm\u00e4chte und \u2013 nicht zuletzt \u2013 die weiten Tr\u00fcmmerlandschaften in den Gro\u00dfst\u00e4dten suggerierten die Notwendigkeit eines v\u00f6lligen Neuanfangs in jeder Hinsicht. Auch noch vorhandene Ressourcen trugen das Brandzeichen der Reparationen oder unterlagen einem Produktionsverbot der Besatzer, soweit sie nicht f\u00fcr deren Bedarf bestimmt waren. Kein Wunder, dass die Finanzminister der L\u00e4nder und Provinzen der britischen Besatzungszone Ende 1945 glaubten, vor einem Produktionsapparat zu stehen, \u201eder nahezu auf die Anfangszeiten der Industrialisierung Deutschlands zur\u00fcckgeworfen ist\u201c.<\/p>\n<p>Es waren die USA, die relativ rasch gewahr wurden, dass dieser im In- und Ausland 1945 weit verbreitete Glaube t\u00e4uschte. Westdeutschland war noch immer eines der am h\u00f6chsten entwickelten L\u00e4nder der Welt und nicht so stark zerst\u00f6rt, wie viele noch heute glauben. Dies war das Ergebnis der von der US-Luftwaffe im M\u00e4rz 1945 eingesetzten Gruppe renommierter Wirtschaftsforscher, die unter der Leitung von John Kenneth Galbraith die Auswirkungen des strategischen Bombenkrieges auf die deutsche Kriegswirtschaft erforschten. Diese Information trug wesentlich dazu bei, die deutsche Wirtschaft im Rahmen des Marshallplans zur Stabilisierung Westeuropas einzusetzen.<\/p>\n<p>Es gelang Galbraiths Team, das Ausma\u00df der Verluste, die die deutsche Kriegswirtschaft im Bombenkrieg erlitten hatte, nicht nur statistisch zu erfassen, sondern sich auch durch eigene Anschauung ein realistisches Bild von der verbliebenen Substanz des wirtschaftlichen Kapitalstocks zu verschaffen. Die Ergebnisse blieben der internen Information der US-Regierung vorbehalten, denn der Bericht des United States Strategic Bombing Survey (USSBS) war in erster Linie eine Dokumentation der \u201ekatastrophalen Misserfolge des strategischen Bombardements\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Zerst\u00f6rung von Hamburg, K\u00f6ln, Frankfurt am Main und Berlin auf Galbraiths Team \u201eabsolut Grauen erregend\u201c wirkte, fand es schnell heraus, dass die meisten Angriffe auf Betriebe der deutschen R\u00fcstungsindustrie nichts anderes als \u201ekostspielige Fehlschl\u00e4ge\u201c waren. Es war offenbar schwierig, die R\u00fcstungsindustrie aus der Luft zu treffen. So kosteten die Angriffe der 8. US Airforce auf die Schweinfurter Kugellagerindustrie im Sp\u00e4tsommer 1943 fast ein Drittel der beteiligten Flugzeuge und setzten den Verband monatelang au\u00dfer Gefecht. Die Wirkung dieser Angriffe blieb zudem au\u00dferordentlich schwach.<\/p>\n<p>Der Schwerpunkt der alliierten Bombenangriffe lag deshalb seit M\u00e4rz 1942 bewusst nicht mehr auf der R\u00fcstungsindustrie, sondern auf dem Transportsystem und den \u2013 vom V\u00f6lkerrecht ge\u00e4chteten \u2013 Fl\u00e4chenbombardierungen von Wohngebieten deutscher St\u00e4dte, um so die deutsche Kriegswirtschaft mittelbar zu schw\u00e4chen. Auf die Zivilbev\u00f6lkerung und auf Verkehrseinrichtungen fielen jeweils siebenmal mehr Bomben als auf die R\u00fcstungsindustrie. Nur dort, wo Werk und Stadt im Gemenge lagen, wie Krupp in Essen oder die BASF im Raum Ludwigshafen\/Mannheim traf diese neue Strategie auch direkt die Kriegswirtschaft \u2013 als Kollateralsch\u00e4den der Angriffe auf die Zivilbev\u00f6lkerung. F\u00fcr den seit Ende 1944 eintretenden R\u00fcckgang der wirtschaftlichen Erzeugung war daher nicht die Zerst\u00f6rung des Anlageverm\u00f6gens, sondern die L\u00e4hmung des Transportsystems verantwortlich. In Wirklichkeit war im Mai 1945 die Substanz des industriellen Anlageverm\u00f6gens keineswegs entscheidend getroffen. Bezogen auf das \u201eWirtschaftswunderjahr\u201c 1936 war das Brutto-Anlageverm\u00f6gen der Industrie sogar noch um rund 20 Prozent angewachsen.<\/p>\n<p>Diese auf den ersten Blick \u00fcberraschende Bilanz hat im Wesentlichen zwei Gr\u00fcnde. Das Jahrzehnt zwischen dem Ende der Weltwirtschaftskrise und dem Beginn der strategischen Luftkriegsoffensive der alliierten Bomberverb\u00e4nde war eine Zeit beispielloser Investitionst\u00e4tigkeit. Von Anfang 1935 bis Ende 1942 beschleunigte sich das Wachstum des Brutto-Anlageverm\u00f6gens von Jahr zu Jahr st\u00e4rker. Erst 1944 \u00fcbertrafen die Bombensch\u00e4den den Wert der laufenden Investitionen. Die relativ g\u00fcnstige mengenm\u00e4\u00dfige Bilanz im Jahre 1945 l\u00e4sst sich in qualitativer Hinsicht noch erg\u00e4nzen. Der G\u00fctegrad, d.h. die Relation von Netto- zu Brutto-Anlageverm\u00f6gen, erreichte 1945 seinen h\u00f6chsten Stand seit dem Ersten Weltkrieg. Dies ist angesichts des Investitionsbooms in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders nicht weiter erstaunlich.<\/p>\n<p>Aus denselben Gr\u00fcnden ist auch der Altersaufbau des Brutto-Anlageverm\u00f6gens der westdeutschen Industrie 1945 erheblich g\u00fcnstiger als in den drei\u00dfiger Jahren. Die deutsche Wirtschaft ging also mit einem \u2013 angesichts extrem niedriger Produktionszahlen \u2013 bemerkenswert gro\u00dfen und neuen Kapitalstock in die Nachkriegszeit. Auch der f\u00fcr die deutsche Produktionsweise wichtigste Faktor \u2013 qualifizierte Arbeitskraft \u2013 war keineswegs knapp. Gegen\u00fcber dem Stand von 1936 hatte das Arbeitskr\u00e4ftepotential im Jahre 1948 in der Bizone um 17,7 Prozent zugenommen. In Westdeutschland erh\u00f6hte sich die Bev\u00f6lkerungszahl bis 1950 um rund 10 Millionen \u2013 vor allem wegen des Zuzugs von Vertriebenen und Fl\u00fcchtlingen aus den deutschen Ostgebieten. Sie bildeten nicht nur quantitativ ein Reservoir f\u00fcr m\u00f6gliches Wirtschaftswachstum, sondern entsprachen auch qualitativ den hohen Anforderungen, die das deutsche Produktionssystem an seine Arbeitskr\u00e4fte stellte.<\/p>\n<p>Allein diese Bilanz der Ressourcen macht deutlich: Deutschland war am Ende des Zweiten Weltkrieges zwar arm, aber keineswegs unterentwickelt. Den Zeitgenossen blieben diese Zusammenh\u00e4nge weitgehend verborgen, und so fiel den gro\u00dfen politischen Inszenierungen wie dem Marshallplan, der W\u00e4hrungsreform und dem neuen wirtschaftspolitischen Programm, der Sozialen Marktwirtschaft, die Rolle zu, das Unerkl\u00e4rliche begreiflich zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zur\u00fcck auf den Wachstumspfad: Die Rekonstruktion der nachindustriellen Wirtschaft<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Mythen k\u00f6nnen ein reales Eigenleben entwickeln. Sie waren notwendig, um in den Rekonstruktionsprozess einzutreten, auch wenn sie nicht hinreichend sind, ihn zu erkl\u00e4ren. Ohne den dramatischen Wandel der amerikanischen Europapolitik, in der die Westzonen eine Schl\u00fcsselrolle einnahmen, w\u00e4re es nicht erlaubt gewesen, die vorhandenen Ressourcen zu mobilisieren. Die W\u00e4hrungsreform gilt den Deutschen noch heute als die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik, lie\u00df sich ihre politische Qualit\u00e4t doch nicht zuletzt mit der Stabilit\u00e4t ihres Geldes identifizieren. Mit der \u201aharten\u2018 D-Mark verbanden sich bald auch gl\u00e4nzende wirtschaftliche und politische Erfolge: die vorzeitige Tilgung der Vor- und Nachkriegsschulden, die \u201aWiedergutmachung\u2018 gegen\u00fcber Israel und den NS-Opfern, die \u201aWeltmeisterschaft\u2018 im Au\u00dfenhandel, eine \u2013 ungeachtet deutscher Souver\u00e4nit\u00e4tsl\u00fccken \u2013 gro\u00dfe au\u00dfenpolitische Handlungsfreiheit, die Finanzierung des europ\u00e4ischen Integrationsprozesses und die Brechung der US-Hegemonie \u00fcber das Weltwirtschaft durch den Aufbau eines europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystems, dessen Anker die D-Mark war. F\u00fcr die Dynamik der Rekonstruktion war die Stabilisierung der W\u00e4hrung zwar nicht hinreichend aber doch notwendig. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die \u201eOrdnungspolitik der sichtbaren Hand\u201c, die den deutschen Weg der Wirtschaftspolitik seit Beginn der f\u00fcnfziger Jahre im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft bestimmte.<\/p>\n<p>Seine Dynamik bezog das deutsche Wirtschaftswunder vielmehr aus dem gewaltigen Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen dem Zusammenbruch von 1945 und der deutschen Rolle als einer der Pioniere der Zweiten wirtschaftlichen Revolution, die in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts die von der Industriellen Revolution markierte materielle Wertsch\u00f6pfung der <em>Alten Industrien<\/em> abl\u00f6ste. Die Symbiose von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, die den Kern dieser f\u00fcr die heutigen Verh\u00e4ltnisse ma\u00dfgebenden wahren Revolution bildet, hatte Deutschland bis 1914 an die Spitze der Weltwirtschaft gef\u00fchrt. Sie konzentriert sich auf die M\u00e4rkte f\u00fcr diversifizierte Qualit\u00e4tsprodukte. Damit ist jene nachindustrielle Ma\u00dfschneiderei gemeint, die bis heute Deutschlands Ruf und nachhaltigen Erfolg auf dem Weltmarkt begr\u00fcndet: intelligente Maschinen mit individuellem Innenleben, komplexe Industrie- und Infrastrukturanlagen, anwendungstechnisch veredelte Produkte, Verfahrenstechnik auf allen Gebieten und auch hochwertige Fahrzeuge.<\/p>\n<p>Diese damals wie heute auf nahezu der H\u00e4lfte der Weltm\u00e4rkte unangefochtene Stellung war durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise weitgehend aus dem Blickfeld der \u00d6ffentlichkeit geraten. Ihre Voraussetzungen \u2013 hoher Stand des wissenschaftlich produzierten Wissens, produktive Ordnungspolitik des Staates, eine korporative Organisation der Wirtschaft (regionale \u201aCluster\u2018) und ein breit angelegtes, hoch qualifiziertes Arbeitskr\u00e4ftepotential vom Facharbeiter bis zum Unternehmer \u2013 waren aber nach wie vor in wachsendem Ma\u00dfe verf\u00fcgbar. Hier konnte die westdeutsche Wirtschaft w\u00e4hrend der Rekonstruktionsperiode aus dem Vollen sch\u00f6pfen, ohne an die Grenzen einer investiven Wachstumspolitik gehen zu m\u00fcssen \u2013 zumal praktisch das gesamte soziale System der Produktion (Bankensystem, Arbeitsbeziehungen, Berufsausbildung, Interessenpolitik, Sozialstaat), das im Kaiserreich entstanden war, den Zusammenbruch von 1945 unbeschadet \u00fcberlebt hatte.<\/p>\n<p>Die besonderen Nachfragebedingungen der Nachkriegszeit f\u00f6rderten freilich auch Anachronismen der materiellen Wertsch\u00f6pfung und machten u.a. die standardisierte Massenproduktion erstmals auch in Deutschland marktf\u00e4hig. Am Ende der Rekonstruktionsperiode zeigte sich aber, dass die St\u00e4rke der deutschen Wirtschaft nach wie vor nicht in der Massenproduktion lag, sondern in der nachindustriellen Ma\u00dfschneiderei von Maschinen und Anlagen, f\u00fcr die hoch qualifizierte Facharbeiter n\u00f6tig waren. Deshalb stellte die Bundesregierung die Anwerbung von Gastarbeitern Anfang der siebziger Jahre wieder ein.<\/p>\n<p>Es zeigte sich bald, dass deutsche Investitionsg\u00fcter in der Nach\u00adkriegszeit nicht nur in Europa, wie es dem Wunsch der USA entsprach, sondern auch auf dem Weltmarkt begehrt waren. Dem Bundeswirtschaftsministerium war schon fr\u00fch bewusst, dass der \u00dcberseehandel mit einem blo\u00dfen Warenverkehr immer weniger gemein hatte. Galt zur Zeit der Industriellen Revolution noch die Devise \u201etrade follows the flag\u201c \u2013 und damit die Pr\u00e4rogative der Kolonialm\u00e4chte \u2013, war das Wirtschaftsministerium \u00fcberzeugt, dass l\u00e4ngst die Phase \u201etrade follows the engineer\u201c angebrochen war, in der den deutschen, von Anfang an weltmarktorientierten <em>Neuen Industrien<\/em> komparative Wettbewerbsvorteile zuwuchsen.<\/p>\n<p>Schon Anfang der f\u00fcnfziger Jahre, also lange bevor 1980 der Begriff Schwellenl\u00e4nder aufkam, nahm der deutsche Export damit jene L\u00e4nder ins Visier, die anstrebten, den Status von Agrar- und Industriel\u00e4ndern zu \u00fcberwinden, um in den Club der nachindustriellen Wirtschaft einzutreten, den die Zweite wirtschaftliche Revolution geschaffen hatte. Deutschland war von Anfang an Partner dieses neuen \u201eweltwirtschaftlichen Wachstumsgesch\u00e4fts\u201c, das \u201egro\u00dfe Aufgaben und verhei\u00dfungsvollen Absatz\u201c versprach. Mit ihren <em>Neuen Industrien<\/em> Gro\u00dfchemie, Elektrotechnik, Maschinen- und Fahrzeugbau, die seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert zur nachindustriellen Ma\u00dfschneiderei f\u00e4hig waren, verf\u00fcgte es \u00fcber hohe Qualit\u00e4ten als Ausstatter f\u00fcr Schwellenl\u00e4nder und musste von dieser Entwicklung des Weltmarktes profitieren.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr zur Strategie der ersten Phase der \u201eGlobalisierung\u201c vor 1914 wurde der deutschen Exportwirtschaft reichlich belohnt, als mit China (1978) und den Ostblockstaaten (1990) wichtige alte Kunden wieder in den Weltmarkt eintraten und die Dynamik einer neuen Generation von Schwellenl\u00e4ndern daf\u00fcr sorgte, dass Deutschland seine seit 1952 bestehende Position als f\u00fchrendes und nachhaltiges \u00dcberschussland weiter ausbauen konnte. Die Rolle Deutschlands auf dem Weltmarkt macht beispielhaft klar, dass es nicht die R\u00fcckkehr auf den alten Wachstumspfad allein war, die die Dynamik des Rekonstruktionsprozesses erkl\u00e4rt. Der nahtlose Anschluss an die nachindustrielle Verfassung der deutschen Wirtschaft, der sich dabei vollzog, war das eigentliche Wunder.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung &nbsp; Der Mythos vom Wirtschaftswunder lebt vom Kontrast mit der bitteren Realit\u00e4t, die der Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft im Fr\u00fchjahr 1945 mit sich brachte. 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