{"id":108125,"date":"2025-07-09T13:44:24","date_gmt":"2025-07-09T11:44:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=108125"},"modified":"2025-07-09T13:44:27","modified_gmt":"2025-07-09T11:44:27","slug":"san-romero-de-america-maertyrer-fuer-glaube-und-gerechtigkeit","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/san-romero-de-america-maertyrer-fuer-glaube-und-gerechtigkeit\/","title":{"rendered":"San Romero de Am\u00e9rica"},"content":{"rendered":"<p>Oscar Romero ist einer der j\u00fcngsten Heiligen der katholischen Kirche. Er wurde am vergangenen Sonntag, dem 14. Oktober, zusammen mit Papst Paul VI. und Maria Katharina Kasper, der Gr\u00fcnderin der Dernbacher Schwestern, von Papst Franziskus heiliggesprochen. F\u00fcr mich war es eine gro\u00dfe Freude, dass ich an dieser Feier auf dem Petersplatz teilnehmen konnte. Mit Oscar Romero und El Salvador verbindet mich eine lange Geschichte. Von seiner Ermordung am 24. M\u00e4rz 1980 erfuhr ich \u00fcber die Tagesschau. Ich war damals im Noviziat am Anfang meiner Ausbildung im Jesuitenorden. Ich meditierte in der Kapelle \u00fcber dieses Ereignis und erinnere mich noch an meine Gef\u00fchle der Emp\u00f6rung \u00fcber den kaltbl\u00fctigen Mord w\u00e4hrend der Feier einer heiligen Messe und der Bewunderung f\u00fcr sein Zeugnis. Innerlich sagte ich mir: Hoffentlich werde ich nie nach El Salvador geschickt. Doch neun Jahre sp\u00e4ter betrat ich zum ersten Mal salvadorianischen Boden. Ich schrieb damals an meiner Doktorarbeit \u00fcber die beiden Befreiungstheologen Jon Sobrino SJ und Ignacio Ellacur\u00eda SJ. Ich war sehr gl\u00fccklich, das Land und die Kirche von Oscar Romero kennenzulernen. Im November 1989 wurden sechs meiner Mitbr\u00fcder zusammen mit zwei Frauen von Soldaten der Armee wegen ihres Kampfs f\u00fcr Glaube und Gerechtigkeit ermordet. Als Nachfolger von Ignacio Mart\u00edn-Bar\u00f3 SJ, einem der ermordeten Mitbr\u00fcder, wurde ich f\u00fcr zwei Jahre Pfarrer in der Landgemeinde Jayaque. Bis heute bin ich regelm\u00e4\u00dfig in El Salvador, unterrichte Theologie an der Zentralamerikanischen Universit\u00e4t und halte meine Verbindung mit Jayaque lebendig \u2013 zuletzt im vergangenen August.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte im Folgenden einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber das Leben von Oscar Romero geben und mich dann mit der Erweiterung des Martyriumsverst\u00e4ndnisses besch\u00e4ftigen, die sich mit seiner Heiligsprechung verbindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zur Biographie Romeros<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte von Oscar Romero ist die Geschichte einer gro\u00dfen pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderung, die manche sogar eine Bekehrung nennen. In einer armen Familie geboren, erwachte in ihm mit 12 Jahren der Wunsch, Priester zu werden. Ein Freiplatz erm\u00f6glichte ihm ein Theologiestudium in Rom, wo er 1942 zum Priester geweiht wurde. Zur\u00fcck in El Salvador wurde er zu einem gesch\u00e4tzten Seelsorger. Doch er galt eher als konservativ und wollte die Kirche aus den wachsenden sozialen Konflikten heraushalten. Seine kirchliche Karriere ging steil nach oben: 1970 wurde er zum Weihbischof ernannt, dann Bischof der Di\u00f6zese Santiago de Maria und schlie\u00dflich Anfang 1977 Erzbischof der Hauptstadt San Salvador. Von seiner Ernennung zum Erzbischof waren all jene entt\u00e4uscht, die sich eine Fortsetzung der sozial engagierten Linie seines Vorg\u00e4ngers Erzbischof Luis Ch\u00e1vez y Gonz\u00e1lez erhofften.<\/p>\n<p>Doch die Ermordung von Rutilio Grande SJ und zwei Begleitern am 12. M\u00e4rz 1977 im Auftrag der Gro\u00dfgrundbesitzer ersch\u00fctterte ihn zutiefst. Grande hatte in dem Bauerndorf Aguilares als Pfarrer die Campesinos ermutigt, sich zu organisieren und eine gerechtere Landverteilung zu fordern. Romero war zwar mit ihm befreundet, doch er stand seiner pastoralen Arbeit reserviert gegen\u00fcber. Als er vor den drei noch blutenden K\u00f6rpern stand, sp\u00fcrte er, dass er nun den Weg Rutilios gehen musste. Innerhalb weniger Wochen wurde er zu einem prophetischen Verteidiger der Armen. Einige sprachen vom \u201eWunder Romero\u201c, das durch den Tod Rutilio Grandes ausgel\u00f6st wurde.<\/p>\n<p>Mit der Wandlung Romeros verband sich auch die Einsicht, dass durch blo\u00dfe Wohlt\u00e4tigkeit die Probleme El Salvadors nicht gel\u00f6st werden konnten, sondern die Frage nach den Ursachen von Armut und Ungerechtigkeit gestellt werden musste. Damit n\u00e4herte er sich der Theologie der Befreiung an, in deren Zentrum die Option f\u00fcr die Armen und die Verbindung von Glaube und Gerechtigkeit steht. Vor seiner Bekehrung war Romero ein Gegner der Theologie der Befreiung. Ihm erschien es gef\u00e4hrlich, wenn sich Kirche und Theologie in soziale und politische Fragen einmischten. Doch als Erzbischof machte er mit Ignacio Ellacur\u00eda SJ und Jon Sobrino SJ zwei Befreiungstheologen zu seinen engsten Beratern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Erweiterung des Martyriumsbegriffs<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Selig- und Heiligsprechungsverfahren f\u00fcr Oscar Romero hat sich nicht zuletzt deswegen so lange hingezogen, weil von seinen Gegnern in Frage gestellt wurde, dass Romero als Glaubenszeuge umgebracht wurde. Geschah es nicht eher wegen seines sozialen und politischen Engagements? Damit verbindet sich die Frage nach dem Martyriumsbegriff. Romero selbst hatte Jon Sobrino unter dem Eindruck der Ermordung von so vielen Christen gebeten, neu theologisch \u00fcber das Martyrium nachzudenken. Sobrino beschreibt diese Herausforderung so: \u201eDiese neue Art, die Ermordung von Christen zu begr\u00fcnden, und die \u00fcbergro\u00dfe Zahl der Ermordeten, haben dazu gef\u00fchrt, die Definition des Martyriums zu \u00fcberdenken. Das war auch deshalb n\u00f6tig, um nicht in die paradoxe Situation zu geraten, dass viele Christen gewaltsam zu Tode kommen, ohne dass man sie M\u00e4rtyrer nennen kann. Dass dies nicht sein darf, sagt uns der gesunde Menschenverstand und das Glaubensverst\u00e4ndnis, und zwar unabh\u00e4ngig davon, wie auch immer die offizielle Definition lauten mag.\u201d<\/p>\n<p>Ganz in dieser Linie antwortete Papst Franziskus am 18. August 2014 auf der R\u00fcckreise von Korea auf Frage eines Journalisten nach der Seligsprechung von Erzbischof Romero: \u201eWas ich m\u00f6chte, ist, dass gekl\u00e4rt wird, ob es sich um ein Martyrium <em>in odium fidei<\/em> handelt, sei es aufgrund des Bekenntnisses zum Glauben, sei es, weil man dem N\u00e4chsten gegen\u00fcber die Werke getan hat, die Jesus uns auftr\u00e4gt. Und das ist eine Aufgabe der Theologen, die das untersuchen.\u201c<\/p>\n<p>Im herk\u00f6mmlichen Verst\u00e4ndnis des Martyriums wird unterschieden zwischen dem materialen Element: der gewaltsam erlittene Tod, und dem formalen Element: aus Liebe und wegen eines Lebens wie Jesus. Dass ein Tod von der Kirche als Martyrium anerkannt wird, setzt voraus, dass er in freier Zustimmung erlitten wird, und dass er weder ein Fallen im Waffenkampf noch ein unbewusstes Get\u00f6tetwerden ist. Der M\u00e4rtyrer gibt Zeugnis f\u00fcr die Bedeutung und die Richtigkeit seines Glaubens, sein Martyrium setzt einen innerlich bejahten und freiwilligen Verzicht auf das Leben voraus. Es ist der h\u00f6chste Vollzug der Liebe in der Einheit von Gottesliebe und N\u00e4chstenliebe. Das Martyrium ist ein wirksames Zeugnis f\u00fcr die anderen. Christologisch gesprochen ist es eine Gleichgestaltung mit dem Leben Christi und eine \u201egnadenhafte Teilnahme am Todesereignis Christi, aber auch an dessen Wirksamkeit\u201d. Damit wird dem Martyrium auch eine soteriologische, eine heilsm\u00e4\u00dfige Bedeutung zuerkannt.<\/p>\n<p>In einer geschichtlichen Perspektive ist der Begriff des Martyriums ein analoger Begriff, der sich im Lauf der Geschichte ver\u00e4ndert und an neue Wirklichkeiten angepasst hat. Ein neueres Beispiel daf\u00fcr ist die Apostolische Konstitution <em>Divinus Perfectionis Magister<\/em> Johannes Pauls II. vom 25. Januar 1983, in der die kirchlichen Kanonisationsverfahren neu geregelt werden. Hier wird als Kriterium, einen gewaltsam erlittenen Tod kirchlich als M\u00e4rtyrertod anzuerkennen, auch <em>in aerumnis carceris<\/em>, also \u201ein der Tr\u00fcbsal des Kerkers\u201d genannt. Damit war die M\u00f6glichkeit geschaffen, Menschen, die an den Folgen von Inhaftierung und Misshandlung etwa in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten gestorben sind, kirchenoffiziell als M\u00e4rtyrer anzuerkennen. Damit hatte die Kirche ihr Verst\u00e4ndnis von Martyrium erweitert.<\/p>\n<p>Karl Rahner ist einer der wenigen europ\u00e4ischen Theologen, die sich theologisch intensiver mit dem Thema des Martyriums besch\u00e4ftigt haben. Kurz vor seinem Tod pl\u00e4dierte er 1983 in der Zeitschrift <em>Concilium<\/em> in dem Aufsatz \u201eDimensionen des Martyriums\u201d f\u00fcr eine Erweiterung des klassischen Begriffs. Ausgangspunkt ist f\u00fcr ihn dabei die Frage, ob der Martyriumsbegriff auch f\u00fcr einen im aktiven Kampf get\u00f6teten Menschen Anwendung finden k\u00f6nne. Rahner weist darauf hin, dass \u201eder \u201apassiv erduldete\u2019 Tod Jesu die Konsequenz eines Kampfes Jesu gegen die religi\u00f6sen und politischen Machthaber seiner Zeit\u201d war. Der Tod Jesu d\u00fcrfe also nicht isoliert von seinem Leben gesehen werden, das auch einen Kampf gegen die soziale und religi\u00f6se Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung mit einschloss. Interessanterweise blickt Rahner in diesem Zusammenhang nach El Salvador und fragt: \u201eAber warum sollte zum Beispiel ein Erzbischof Romero, der im Kampf f\u00fcr die Gerechtigkeit in der Gesellschaft f\u00e4llt, in einem Kampf, den er aus letzter christlicher \u00dcberzeugung f\u00fchrt, nicht ein M\u00e4rtyrer sein?\u201c<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen des Martyriums in Lateinamerika stellt auch eine Herausforderung f\u00fcr das kirchenrechtliche Verst\u00e4ndnis des Martyriums dar. Die offiziellen Selig- und Heiligsprechungsverfahren in der katholischen Kirche verlaufen h\u00e4ufig langsam und z\u00e4h. Doch in Lateinamerika werden viele, die als Christen umgebracht wurden, von ihren Gemeinden spontan als M\u00e4rtyrer verehrt. So sagte Oscar Romero selbst \u00fcber die beiden ersten in El Salvador ermordeten Priester Rutilio Grande SJ und Alfonso Navarra: \u201eF\u00fcr mich sind sie wirkliche M\u00e4rtyrer im Sinne des Volkes. Nat\u00fcrlich benutze ich diese Bezeichnung nicht im kanonischen Sinn. Im kanonischen Verst\u00e4ndnis setzt die Bezeichnung M\u00e4rtyrer einen Prozess der h\u00f6chsten kirchlichen Autorit\u00e4t voraus, die dann den M\u00e4rtyrer f\u00fcr die gesamte Universalkirche verk\u00fcndet. Ich respektiere dieses Gesetz und werde niemals sagen, dass unsere ermordeten Priester kanonisierte M\u00e4rtyrer sind. Wohl aber sind sie M\u00e4rtyrer im Sinne des Volkes, sie sind M\u00e4nner, die genau dieses Eintauchen in die Armut gepredigt haben.\u201d In diesem Sinn betone ich auch, dass Oscar Romero von der gro\u00dfen Mehrheit des salvadorianischen Volkes schon l\u00e4ngst heiliggesprochen wurde, und dass die amtliche Kirche dies am vergangenen Sonntag in einer gewissen Weise nur eingeholt und best\u00e4tigt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Prophetische Kritik an den G\u00f6tzen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zeit der Milit\u00e4rdiktaturen in Lateinamerika ist zwar \u00fcberwunden, doch das Grundproblem, das zu Repression und B\u00fcrgerkriegen gef\u00fchrt hat, besteht fort: die extreme soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit. So werden auch heute noch in Lateinamerika Christen und Christinnen wegen ihres Kampfs f\u00fcr Glaube und Gerechtigkeit ermordet. Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die \u201eG\u00f6tzen\u201c, die Oscar Romero immer wieder angeprangert hat: die G\u00f6tzen Reichtum, Macht, Ideologie der nationalen Sicherheit, die absolut gesetzt und um derentwillen Menschen geopfert werden. Sobrino bringt solche G\u00f6tzen in Verbindung mit dem, was er \u201eAntireich\u201c nennt. Die M\u00e4rtyrer \u201ebringen zum Ausdruck, dass es Opfer und Henker gibt, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Gnade und S\u00fcnde. Sie bringen zum Ausdruck, dass es das Reich Gottes und das Antireich gibt, den Gott des Lebens, Abba, und die G\u00f6tzen des Todes. Sie bringen zum Ausdruck, dass Jesus die Wahrheit und das Leben ist, und der B\u00f6se L\u00fcgner und M\u00f6rder.\u201c<\/p>\n<p>Das Martyrium in Lateinamerika ist eine Konsequenz der prophetischen Kritik, die Kirche und Theologie an diesen G\u00f6tzen ge\u00fcbt haben. Solange die Kirche sich auf karitative Wohlt\u00e4tigkeit beschr\u00e4nkte, wurde sie von niemandem als st\u00f6rend oder als bedrohend erfahren. Doch als sie die Frage nach den Ursachen f\u00fcr Armut und Ungerechtigkeit zu stellen begann, wurde sie verfolgt. Freilich nicht die Kirche als Ganze, sondern nur der Teil, der Ernst gemacht hatte mit der Option f\u00fcr die Armen \u2013 damit geht ein Riss durch die Kirche selbst. Die gesellschaftliche Spaltung f\u00fchrte zu einer Spaltung innerhalb der Kirche. Worunter Erzbischof Romero am meisten litt, war die Gegnerschaft unter seinen Mitbisch\u00f6fen. In Lateinamerika gibt es also ein Martyrium nicht prim\u00e4r aus einem <em>odium fidei<\/em>, wie vorher angeklungen, sondern einem <em>odium iustitiae<\/em>, einem Hass auf die Gerechtigkeit. Dies dr\u00fcckt sich auch darin aus, dass es in der Regel Christen sind, die andere Christen umbringen. So wurde Jon Sobrino unmittelbar nach der Ermordung seiner Mitbr\u00fcder in Thailand die ungl\u00e4ubige Frage gestellt: \u201eGibt es in Ihrem Land wirklich Katholiken, die Priester umbringen?\u201d Weil die M\u00e4rtyrer wegen ihres Einsatzes f\u00fcr die Gerechtigkeit und die Menschenw\u00fcrde der Armen umgebracht werden, steht das Martyrium in Lateinamerika in einem grundlegenden Zusammenhang mit der Option f\u00fcr die Armen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eJesuanische M\u00e4rtyrer\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jon Sobrino nennt die M\u00e4rtyrer in Lateinamerika \u201ejesuanische M\u00e4rtyrer\u201d weil sie in der Nachfolge Jesu und aus denselben Gr\u00fcnden wie er umgebracht wurden. So kann er sagen: \u201eDie M\u00e4rtyrer sind historisch und existentiell die beste Mystagogie f\u00fcr die Christologie.\u201d Diese M\u00e4rtyrer stellen f\u00fcr Sobrino das jesuanische Antlitz des Christentums dar und verleihen ihm Glaubw\u00fcrdigkeit, die Praxis Jesu ist dabei der wichtigste Bezugspunkt. Diese R\u00fcckbindung an die Urspr\u00fcnge des christlichen Glaubens in Jesus und seiner Praxis ist <em>eo ipso<\/em> \u00f6kumenisch. Dabei ist die Bereitschaft zur Hingabe des eigenen Lebens die Bedingung f\u00fcr die Nachfolge Jesu: \u201eM\u00e4rtyrer ist nicht zuerst und ausschlie\u00dflich, wer <em>f\u00fcr <\/em>Christus stirbt, sondern wer <em>like<\/em> Jesus stirbt; M\u00e4rtyrer ist nicht zuerst und ausschlie\u00dflich, wer <em>wegen<\/em> Christus stirbt, sondern wer <em>f\u00fcr die Sache<\/em> Jesus stirbt. Martyrium ist somit nicht allein der Tod aufgrund der Treue zu irgendeiner Forderung Christi, die hypothetisch auch etwas Willk\u00fcrliches beinhalten k\u00f6nnte, sondern das Treue Nachvollziehen des Todes Jesu.\u201d<\/p>\n<p>Wird das Martyrium in diesem Sinn als Teilnahme am Tod Jesu verstanden, so erhellen sich das Sterben der M\u00e4rtyrer und das Kreuz Jesu gegenseitig: \u201eDas Kreuz Jesu verweist auf die gegenw\u00e4rtigen Kreuze. Gleichzeitig aber weisen diese gegenw\u00e4rtigen Kreuze auch auf das Kreuz Jesu hin. Sie stellen \u2013 historisch gesehen \u2013 die gro\u00dfe Hermeneutik dar, um zu verstehen, warum Jesus umgebracht wurde. Und theologisch gesehen werfen sie dieselbe nicht unterdr\u00fcckbare Frage nach dem Geheimnis auf: Warum starb Jesus?\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Martyrium als Kennzeichen der wahren Kirche<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Martyrium in Lateinamerika hat auch eine ekklesiologische Dimension. So verstand Erzbischof Romero die Verfolgung als eines der Kennzeichen der Kirche: \u201eDie Verfolgung ist ein charakteristisches Zeichen f\u00fcr die Echtheit der Kirche. Eine Kirche, die keine Verfolgung erleidet, sondern die Privilegien genie\u00dft und auf irdische Dinge baut, diese Kirche sollte Angst haben! Sie ist nicht die wahre Kirche Jesu Christi.\u201c Romero sah in der Verfolgung der Kirche ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie ihre Sendung erf\u00fcllt. So konnte er die paradox anmutenden Worte sagen: \u201eIch freue mich, Br\u00fcder und Schwestern, dass sie in diesem Land Priester ermordet haben. Denn es w\u00e4re traurig, wenn in einem Land, in welchem derart schreckliche Mordtaten ver\u00fcbt werden, sich nicht auch Priester unter den Opfern bef\u00e4nden. Sie geben Zeugnis von einer in den Leiden des Volkes inkarnierten Kirche.\u201c<\/p>\n<p>Die Kirche in Lateinamerika wurde auch mit der Wirklichkeit eines \u201ekollektiven Martyriums\u201d konfrontiert. Damit sind die Massaker gemeint, in denen etwa in El Salvador und in Guatemala manchmal Hunderte von Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, von Armeeeinheiten abgeschlachtet wurden. Diese Massaker standen nicht selten im Zusammenhang damit, dass in den entsprechenden Gemeinden eine befreiende Pastoral im Geist der Bischofsbeschl\u00fcsse von Medell\u00edn verwirklicht wurde. In ihrem Fall fehlt der Aspekt der freiwilligen Hingabe des Lebens und oft auch die \u201eTugenden\u201d, die f\u00fcr eine Kanonisierung notwendig sind. Doch die Kirche muss einen theologischen Umgang mit dieser Realit\u00e4t finden. Sobrino wendet den Begriff des Martyriums in einem analogen Sinn auf die \u201emassenhaft, anonym und unschuldig Ermordeten\u201d hin, die er mit dem Knecht Gottes des Propheten Jesaja identifiziert und als \u201egekreuzigte V\u00f6lker\u201d und als M\u00e4rtyrervolk bezeichnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Heilsbedeutung des Martyriums<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Biblisch ist von der Heilsbedeutung eines gewaltsam erlittenen Todes um anderer Willen schon im vierten Gottesknechtlied im Propheten Jesaja die Rede, wo vom leidenden Knecht gesagt wird, dass er zur Rechtfertigung f\u00fcr viele und zum Licht f\u00fcr die V\u00f6lker wurde. Im Neuen Testament ist f\u00fcr die Heilsbedeutung des Leidens eine Aussage des Apostels Paulus aus dem Kolosserbrief von Bedeutung: \u201eJetzt freue ich mich in den Leiden, die ich f\u00fcr Euch ertrage. F\u00fcr den Leib Christi, die Kirche, erg\u00e4nze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt\u201c (Kol 1,24). Sobrino wendet diesen Gedanken auf die M\u00e4rtyrer an, die demnach in einer analogen Weise in ihrem Leib erg\u00e4nzen, was an den Leiden Christi noch fehlt.<\/p>\n<p>Auch Erzbischof Romero kam wiederholt auf die Heilsbedeutung des Leidens zu sprechen: \u201eAls Hirte und als B\u00fcrger El Salvadors betr\u00fcbt es mich zutiefst, dass der organisierte Teil unseres Volkes weiter abgeschlachtet wird, nur weil sie geordnet auf die Stra\u00dfe gehen, um Gerechtigkeit und Freiheit zu fordern. Ich bin sicher, dass so viel vergossenes Blut und so viel Schmerz, der den Familien der zahlreichen Opfer zugef\u00fcgt wird, nicht umsonst ist. Dieses Blut und dieser Schmerz wirken wie ein befruchtender Regen f\u00fcr neue und immer mehr Samenk\u00f6rner von Salvadorianern, die sich ihrer Verantwortung bewusst werden, eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft aufzubauen, die ihre Fr\u00fcchte in mutigen und radikalen strukturellen Reformen bringt, die unser Land so dringend ben\u00f6tigt.\u201d<\/p>\n<p>In Lateinamerika wird auch das alte Verst\u00e4ndnis des Martyriums als Bluttaufe, als Mitsterben mit Christus, um in ihm aufzuerstehen, in einer neuen Weise aktualisiert. Die M\u00e4rtyrer sind als Auferstandene in der Geschichte gegenw\u00e4rtig, was sich in dem Ruf <em>Presente<\/em> bei Gedenkgottesdiensten f\u00fcr sie ausdr\u00fcckt. Romero hatte kurz vor seiner Ermordung ahnungsvoll gesagt: \u201eWenn sie mich umbringen, werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Ambivalenz der Heiligenverehrung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach menschlichem Ermessen ist Oscar Romero gescheitert. Nach seiner Ermordung ist El Salvador in einem zw\u00f6lfj\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg versunken, der 75.000 Opfer gefordert hat. Bis heute leidet das Land unter einer Welle der Gewalt, weil die eigentliche Ursache des B\u00fcrgerkriegs nicht beseitigt wurde: die extreme soziale Ungerechtigkeit. Und trotzdem geht von Romero bis heute Hoffnung aus: Hoffnung, dass sowohl auf der pers\u00f6nlichen als auch auf der strukturellen Ebene Ver\u00e4nderungen m\u00f6glich sind, dass die Menschlichkeit st\u00e4rker ist als die Gewalt, dass die Lebenshingabe das gr\u00f6\u00dfte Zeugnis der Liebe ist. Fragt man arme Menschen in El Salvador, was er f\u00fcr sie bedeutet, so lautet die Antwort: \u201eEr hat die Wahrheit gesagt und uns verteidigt, und deswegen haben sie ihn umgebracht.\u201c<\/p>\n<p>Ein bildlicher Ausdruck f\u00fcr eine Heiligsprechung ist, jemanden \u201ezur Ehre der Alt\u00e4re zu erheben\u201c. Dies kann sich mit der Gefahr verbinden, ihn zu entr\u00fccken, zu idealisieren. Jesus selbst hat auf die Ambivalenz der Prophetendenkm\u00e4ler hingewiesen. Wir verehren den heiligen Oscar Romero nur dann angemessen, wenn wir seinen Weg gehen: wenn wir die Wahrheit \u00fcber diese Welt sagen, die eine Welt von Opfern ist; wenn wir die Frage nach den Gr\u00fcnden von Armut und Ungerechtigkeit stellen; wenn wir die G\u00f6tzen unserer Zeit beim Namen nennen und bek\u00e4mpfen; wenn wir Risiken und Konflikte in Kauf nehmen; wenn wir vom Glauben getragen sind, dass die Hingabe st\u00e4rker als der Egoismus und die Liebe st\u00e4rker als der Tod sind. Denn mit den Worten des heiligen Oscar Romero: \u201eDie Ehre Gottes ist der Arme, der lebt.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oscar Romero ist einer der j\u00fcngsten Heiligen der katholischen Kirche. Er wurde am vergangenen Sonntag, dem 14. Oktober, zusammen mit Papst Paul VI. und Maria Katharina Kasper, der Gr\u00fcnderin der Dernbacher Schwestern, von Papst Franziskus heiliggesprochen. F\u00fcr mich war es eine gro\u00dfe Freude, dass ich an dieser Feier auf dem Petersplatz teilnehmen konnte. 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