{"id":116811,"date":"2025-12-16T15:36:46","date_gmt":"2025-12-16T14:36:46","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=116811"},"modified":"2025-12-16T15:36:49","modified_gmt":"2025-12-16T14:36:49","slug":"bildungsbuergertum-und-voelkische-ideologie-zum-einfluss-der-voelkischen-schriftsteller-hans-grimm-erwin-guido-kolbenheyer-und-wilhelm-stapel-auf-die-gesellschaft-der-weimarer-republik","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/bildungsbuergertum-und-voelkische-ideologie-zum-einfluss-der-voelkischen-schriftsteller-hans-grimm-erwin-guido-kolbenheyer-und-wilhelm-stapel-auf-die-gesellschaft-der-weimarer-republik\/","title":{"rendered":"Bildungsb\u00fcrgertum und v\u00f6lkische Ideologie"},"content":{"rendered":"<p>Die zahlreichen Krisen und Belastungsproben der fr\u00fchen Weimarer Republik \u2013 der Versailler Vertrag mit seinen als dem\u00fctigend empfundenen Bestimmungen, die das politische Klima vergiftende Dolchsto\u00dflegende, die Putschversuche der radikalen Rechten und Linken, schlie\u00dflich die Erfahrung der Hyperinflation und der Ruhrkampf \u2013 f\u00fchrten in der deutschen Bev\u00f6lkerung zu einer unverkennbaren Polarisierung des politischen Denkens. Ihren Niederschlag fand diese Entwicklung nicht zuletzt in dem rasanten Anwachsen des v\u00f6lkischen Lagers, insbesondere des Deutschv\u00f6lkischen Schutz- und Trutzbunds, dessen Massenzulauf seit 1919, gerade hier in M\u00fcnchen, in der Geschichte der v\u00f6lkischen Bewegung bis dahin v\u00f6llig beispiellos war.<\/p>\n<p>Weit weniger bekannt als dieser gut untersuchte Zusammenhang ist der Umstand, dass die Krisenjahre nach 1918 keineswegs nur eine Hochzeit rechtsradikaler Agitatoren und verstiegener, esoterischer Weltuntergangspropheten war. In dieser Zeit gelang es auch zahlreichen bewusst gem\u00e4\u00dfigt auftretenden, inhaltlich gleichwohl entschieden der v\u00f6lkischen Ideologie verpflichteten Autoren, weit \u00fcber das rechtsradikale Parteien- und Verbandsleben hinaus bildungsb\u00fcrgerliche Bev\u00f6lkerungsgruppen anzusprechen und weltanschaulich zu beeinflussen. V\u00f6lkische Ideologie meint hierbei im Kern jenes Konglomerat aus Rassismus, Deutscht\u00fcmelei, Sozialdarwinismus und vor allem Antisemitismus, das seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert zunehmend popul\u00e4r wurde und aus dem ab 1920 auch die Nationalsozialisten ihre Weltanschauung epigonenhaft absch\u00f6pften. Durch den Anschein affektloser Geistigkeit und anspruchsvoller Kommunikationsformen wollten jene gem\u00e4\u00dfigt auftretenden Ideologen den mit Ressentiments und Vorurteilen beladenen Kern ihrer Weltanschauung kaschieren und so insbesondere akademische Eliten als wichtige Multiplikatoren der v\u00f6lkischen Agenda gewinnen \u2013 Eliten, die von vulg\u00e4ren und aggressiveren Formen der politischen Agitation abgesto\u00dfen wurden. Drei dieser gem\u00e4\u00dfigt auftretenden Autoren waren Hans Grimm, Erwin Guido Kolbenheyer und Wilhelm Stapel. Ihr pers\u00f6nlicher Werdegang sowie im Besonderen ihr gesellschaftlicher Einfluss nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stehen im Zentrum meines Vortrags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ein Begriff ist der historisch interessierten \u00d6ffentlichkeit heute allenfalls noch Hans Grimm. Grimm, 1875 in Wiesbaden als Sohn des sp\u00e4teren nationalliberalen Landtagsabgeordneten Julius Grimm geboren, lieferte 1926 mit dem Titel seines Bestsellers <em>Volk ohne Raum<\/em> den Nationalsozialisten ein zugkr\u00e4ftiges und gierig aufgegriffenes Schlagwort, das sich freilich bald von seinem urspr\u00fcnglich kolonialpolitischen Kontext l\u00f6sen sollte und sp\u00e4ter durch die NS-Propaganda in Verbindung mit dem angeblich erstrebenswerten \u201eLebensraum im Osten\u201c gebracht wurde. <em>Volk ohne Raum<\/em> machte Grimm praktisch \u00fcber Nacht ber\u00fchmt. Bis 1945 verkauften sich von dem Roman rund 650.000 Exemplare \u2013 ein enormer Erfolg, der im \u00dcbrigen nach dem Zweiten Weltkrieg seine Fortsetzung finden sollte, als bis 1963 weitere rund 130.000 Exemplare abgesetzt werden konnten. Vor der Ver\u00f6ffentlichung des mit insgesamt 1.300 Seiten nicht gerade schlanken Romans, an dem er insgesamt sechs Jahre gearbeitet hatte, war Grimm im Grunde ein Niemand auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt gewesen und durch seine 1913 ver\u00f6ffentlichten <em>S\u00fcdafrikanischen Novellen <\/em>allenfalls noch Kennern der Kolonialliteratur n\u00e4her vertraut.<\/p>\n<p>In fast all seinen Werken verarbeitete Grimm biografische Erfahrungen aus seinen eigenen Lebensjahren in der britischen Kapkolonie (heute S\u00fcdafrika), wo er von 1898 bis 1908 t\u00e4tig gewesen war, zun\u00e4chst als Angestellter eines Handelsunternehmens in Port Elizabeth, dann als selbstst\u00e4ndiger Kaufmann. Vor seiner Auswanderung nach Afrika hatte Grimm, der infolge eines Unfalls in der Kindheit stark sehbehindert war, auf Anraten seines Vaters ein Studium der Literaturwissenschaft abgebrochen und stattdessen eine Gro\u00dfkaufmannslehre in London absolviert. Der Schriftstellerei und Journalistik wandte sich Grimm erst 1908 zu, im Alter von bereits 33 Jahren, und kehrte daher 1910 ins Deutsche Reich zur\u00fcck. In den darauffolgenden Jahren arbeitete Grimm f\u00fcr so namhafte Zeitungen wie die <em>T\u00e4gliche Rundschau<\/em>, die <em>Vossische Zeitung<\/em> und die <em>Frankfurter Zeitung<\/em> und absolvierte ab 1911 zudem ein Studium der Staatswissenschaften und National\u00f6konomie in M\u00fcnchen und Hamburg.<\/p>\n<p>Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs geh\u00f6rte Hans Grimm nicht dem (zahlenm\u00e4\u00dfig ohnehin \u00fcberschaubaren) Lager der begeisterten Kriegsenthusiasten an. Dies war schon deshalb nicht der Fall, da ihm der deutsche Kriegsgegner Gro\u00dfbritannien, trotz aller Vorbehalte im Einzelnen, als der ideale, ja als der nat\u00fcrliche B\u00fcndnispartner Deutschlands galt. Die M\u00e4chtekonstellation des Jahres 1914 war f\u00fcr ihn daher Ausdruck einer verheerenden au\u00dfenpolitischen Fehlentwicklung. Dessen ungeachtet leistete Grimm ab dem Oktober 1916 Milit\u00e4rdienst. Nach einem kurzen Einsatz in der Etappe hinter der Somme-Front wurde er aufgrund seiner exzellenten Englischkenntnisse bald vor allem zu Dolmetscherarbeiten herangezogen. Ab 1917 verfasste Grimm im Auftrag der Obersten Heeresleitung (OHL) dann den Roman <em>Der \u00d6lsucher von Duala<\/em>, der franz\u00f6sische Kriegsverbrechen gegen deutsche Kolonisten in Kamerun anprangern und zugleich die eigenen kolonialen Ambitionen Deutschlands legitimieren sollte. In der Folgezeit arbeitete Grimm bis Kriegsende in der Berliner Auslandsabteilung der OHL, wo er abermals propagandistische Texte verfasste, die im Besonderen das neutrale Ausland von der angeblichen Unschuld Deutschlands am Kriegsausbruch \u00fcberzeugen sollten.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach der deutschen Kapitulation im November 1918 lie\u00df Grimm sich dann in Lippoldsberg an der Weser als freier Schriftsteller nieder, im Geb\u00e4ude eines aufgel\u00f6sten Klosters. Er tat dies in einer sichtlich depressiven, wie er selbst schrieb: \u201eseelisch kranken\u201c Befindlichkeit, nicht nur angesichts der milit\u00e4rischen Niederlage, sondern auch wegen vieler zerm\u00fcrbender Entt\u00e4uschungen, die er w\u00e4hrend des Krieges erlebt hatte. Noch 1925 sprach er privat von der \u201evollkommenen Unkameradschaftlichkeit\u201c und \u201eungeheuren Schieberei\u201c, die er an der Front und in der Etappe erlebt habe und durch die der einfache Soldat \u201emoralisch ruiniert\u201c worden sei. Auch in Berlin w\u00e4ren den ohnehin nur \u201eganz wenigen vornehmen geistigen F\u00fchrergestalten\u201c fast alle Wirkungsm\u00f6glichkeiten \u201everdorben\u201c worden. Private Stellungnahmen wie diese sind umso aufschlussreicher, wenn man bedenkt, dass Grimm w\u00e4hrend der Weimarer Republik in \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen undifferenziert die Legende des kollektiven \u201eAugusterlebnisses\u201c von 1914 verbreitete und an den Rissen in der angeblich so homogenen \u201eFrontgemeinschaft\u201c schweigend vor\u00fcberging.<\/p>\n<p>Erst 1920 hellte sich die Stimmungslage Grimms wieder auf und er gelangte zur \u00dcberzeugung, das deutsche Volk k\u00f6nne aus der politischen und mentalen Krise innerlich gest\u00e4rkt und geeint hervorgehen. Es lag in der Konsequenz dieses Stimmungswandels, dass Grimm in jenem Jahr zwar nicht beschloss, Politiker zu werden, sehr wohl aber entschied, mit der Arbeit an <em>Volk ohne Raum <\/em>zu beginnen \u2013 ein Roman, mit dem er den nicht gerade bescheidenen Anspruch erhob, das \u201edeutsche Schicksal\u201c seit dem 19. Jahrhundert als Ganzes aufgezeigt zu haben, und von dem er auch glaubte, er weise einen Ausweg aus der bedr\u00fcckenden Lage Deutschlands seit dem verlorenen Krieg. Als Begr\u00fcndung s\u00e4mtlicher gesellschaftlicher und politischer Verwerfungen seiner Heimat diente und gen\u00fcgte Grimm \u2013 und mit ihm vielen gl\u00e4ubigen Lesern \u2013 fortan ein einziger Aspekt: die angeblich erstickende \u201eRaumnot\u201c des deutschen Volkes in den Grenzen des Versailler Vertrags.<\/p>\n<p>Infolge der Ver\u00f6ffentlichung von <em>Volk ohne Raum<\/em>, das ihm auch die Hochachtung und Bekanntschaft f\u00fchrender Nationalsozialisten wie Hitler und Goebbels einbrachte, geriet Lippoldsberg zu einer Art Wallfahrtsort der rechtskonservativen und v\u00f6lkischen Szene. Praktisch tagt\u00e4glich wurde Grimm von nun an in seiner nordhessischen Wahlheimat von rat- und orientierungssuchenden Menschen aller Altersgruppen und Bildungsschichten auf-, um nicht zu sagen heimgesucht, die trotz aller individuellen Unterschiede eine Gemeinsamkeit einte: der erbitterte Hass gegen die Republik von Weimar.<\/p>\n<p>Dass es keineswegs nur radikale Extremisten waren, die sich von <em>Volk ohne Raum<\/em> und dem dahinter stehenden Weltbild beeindrucken lie\u00dfen, bezeugt nichts anschaulicher als die Ehrendoktorw\u00fcrde, die Grimm 1927 von der Philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen verliehen wurde. In ihrer Begr\u00fcndung hoben die Fakult\u00e4tsmitglieder, von denen einige mit dem Schriftsteller pers\u00f6nlich befreundet waren, hervor, Grimm habe mit <em>Volk ohne Raum<\/em> das \u201eSchicksal Deutschlands mit seherischer Gewalt sichtbar gemacht\u201c und der deutschen \u201eJugend die Zukunft eines freien und adeligen deutschen Lebens [\u2026] in die Seele gezeichnet\u201c. Ebenso wie Paul de Lagarde, einer der S\u00e4ulenheiligen der v\u00f6lkischen Bewegung des wilhelminischen Kaiserreichs, dessen Geburtstag sich 1927 zum 100. Mal j\u00e4hrte, verf\u00fcgte Grimm in den Augen der Fakult\u00e4t \u00fcber einen \u201eprophetischen Geist\u201c; \u201eim Glauben an die geschichtliche Sendung unseres Volkes\u201c, so hie\u00df es in der offiziellen Begr\u00fcndung des Ehrentitels weiter, habe Grimm seinen Landsleuten den Weg gewiesen, um \u201edie deutsche Nationalit\u00e4t in der Einheit eines neuen Ideals aller Deutschen\u201c zu finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erwin Guido Kolbenheyer hingegen ist heute nur noch den Wenigsten ein Begriff. Dies liegt auch daran, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum ein Forscher in das St\u00e4dtchen Geretsried bei M\u00fcnchen begeben hat, wo der umfangreiche Nachlass des Schriftstellers lagert. Dabei schuf Kolbenheyer mit seiner 1925 abgeschlossenen <em>Paracelsus<\/em>-Trilogie ein seinerzeit viel bewundertes Werk, das ihm seitens mehrerer Rezensenten gar den Ruf einbrachte, der w\u00fcrdige Nachfolger Goethes zu sein. Zugleich legte Kolbenheyer 1925 mit <em>Die Bauh\u00fctte<\/em>. <em>Elemente einer Metaphysik der Gegenwart<\/em> ein volumin\u00f6ses philosophisch-weltanschauliches Hauptwerk vor, das von dem Glauben an die biologische \u00dcberlegenheit der \u201ewei\u00dfen Rasse\u201c im Allgemeinen und des deutschen Volkes im Besonderen durchdrungen war und das im akademischen Milieu der Republik einige Anerkennung fand.<\/p>\n<p>Vor allem Geisteswissenschaftler zeigten sich beeindruckt von Kolbenheyers Denken, das in ihren Augen, wie zahlreiche Briefe an den Dichter bezeugen, eine Aura biologisch-naturwissenschaftlicher Illumination umstrahlte, an die sie sich wiederum in ihren eigenen Forschungen anlehnen wollten. Exemplarisch l\u00e4sst sich hier anschaulich jene umfassende \u201eBiologisierung des rechtsintellektuellen Denkens\u201c illustrieren, wie sie Niels L\u00f6sch vor einigen Jahren f\u00fcr die deutsche Geistes- und Wissenschaftsgeschichte des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts diagnostiziert hat. Insbesondere l\u00e4sst sich diese Faszination bei den Literarturwissenschaftlern bzw. -historikern Heinz Kindermann, Franz Koch, Josef Nadler und Hermann Schneider nachweisen. Naturwissenschaftler nahmen Kolbenheyers <em>Bauh\u00fctte<\/em> hingegen kaum zur Kenntnis \u2013 sehr zum Leidwesen des Dichterphilosophen, der sich Zeit seines Lebens mindestens auf H\u00f6he der Biologie als Wissenschaft w\u00e4hnte, eher aber noch davon \u00fcberzeugt war, ihr einen Schritt voraus zu sein. Bezeichnenderweise verfestigte sich diese narzisstische Autosuggestion mit jedem Jahr, das verging, ohne dass Kolbenheyers Werk unter den Experten der Zunft ernsthaft diskutiert worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Geboren worden war Kolbenheyer 1878 in Budapest, wo sein Vater, der Architekt Franz Kolbenheyer, zuvor einen lukrativen staatlichen Auftrag erhalten hatte. Nach dem sehr fr\u00fchen und \u00fcberraschenden Tod des Vaters im Jahr 1881, verbrachte Kolbenheyer seine Jugend im b\u00f6hmischen Karlsbad, der Geburtsstadt seiner Mutter Amalie. Ab 1900 studierte er Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Zoologie an der Universit\u00e4t Wien, wo er 1905 bei Friedrich Jodl, dem Ordinarius f\u00fcr Philosophie, auch promovierte \u2013 im \u00dcbrigen fast zeitgleich mit Stefan Zweig. Entscheidend daf\u00fcr, dass sich Kolbenheyer gegen eine m\u00f6gliche akademische Karriere entschied, sondern sich alsbald ganz der Schriftstellerei widmete, war der respektable Erfolg, der 1908 seinem Debutroman <em>Amor Dei<\/em> zuteilwurde. Der gro\u00dfe Durchbruch blieb Kolbenheyer in der Habsburgermonarchie indes verwehrt; mit den erfolgsverw\u00f6hnten Gr\u00f6\u00dfen der Wiener Literaturszene wie Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler und eben auch Zweig konnte er nicht ann\u00e4hernd konkurrieren. Ebenso wie Hans Grimm fand auch Kolbenheyer erst nach 1918 ein gro\u00dfes Publikum. Im \u201eDritten Reich\u201c z\u00e4hlte der bis zuletzt regimetreue Kolbenheyer dann sogar zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern \u00fcberhaupt, ehe er dann sp\u00e4testens ab Ende der 50er Jahre fast v\u00f6llig in Vergessenheit geriet.<\/p>\n<p>Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Kolbenheyer aufgrund eines laut eigener Aussage nur \u201egeringf\u00fcgigen Fu\u00dfleidens\u201c ausgemustert und diente ab 1915 bis Kriegsende in der Verwaltung eines Kriegsgefangenenlagers bei Linz. Diese vergleichsweise unheroische Arbeit, ein \u201ePapierkrieg\u201c, wie er schrieb, erf\u00fcllte Kolbenheyer noch sehr lange mit einem Gef\u00fchl des Versagens und der \u201eungetilgten Schuld\u201c. Umso st\u00e4rker wollte er in der Folgezeit all seine Werke als einen dezidierten \u201eDienst am Volk\u201c verstanden wissen: \u201eIch bin nicht an der Front gelegen und habe nicht das Leben eingesetzt\u201c, so bekannte er noch Ende 1930 dem Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner; \u201ees brennt mir heute noch auf der Seele. Die Frontk\u00e4mpfer sind todesbefriedet oder sie haben die \u00e4u\u00dferste Lebenspflicht geleistet; ich [aber] bin nicht dienstentlassen\u201c.<\/p>\n<p>Ebenso wie bei Hans Grimm wurde auch bei Kolbenheyer die Kriegsniederlage der Mittelm\u00e4chte und die f\u00fcr ihn, wie f\u00fcr so viele Zeitgenossen, ersch\u00fctternden Bestimmungen des Versailler Vertrags zum Ausgangspunkt einer tiefgreifenden ideologischen Radikalisierung. Vor diesem Hintergrund meldete sich Kolbenheyer bereits 1919 mit der Flugschrift <em>Wem bleibt der Sieg? <\/em>erstmalig als politischer Publizist zu Wort. Basierend auf dem Glauben, die Deutschen seien ungeachtet der Kriegsniederlage ein dezidiert \u201ejunges\u201c, weil biologisch unverbrauchtes und damit zur F\u00fchrung berufenes Volk, rief Kolbenheyer seine Landsleute darin dazu auf, sich nicht fatalistischen Untergangsszenarien hinzugeben, die damals <em>en masse<\/em> auf dem deutschen Buchmarkt zirkulierten. Stattdessen sollten die Deutschen im festen Glauben an die \u201eUnaustilgbarkeit\u201c ihrer Art optimistisch in die Zukunft blicken; die vermeintlich \u00fcberlegene biologische Kraft der Deutschen werde fr\u00fcher oder sp\u00e4ter schlechterdings naturnotwendig einen Wiederaufstieg zu \u201eneuer innerer und \u00e4u\u00dferer [\u2026] Gr\u00f6\u00dfe\u201c zur Folge haben. Mit seiner Flugschrift, die sich gewisserma\u00dfen als Gegenpl\u00e4doyer zu Oswald Spenglers suggestiven Bestseller <em>Der Untergang des Abendlandes<\/em> von 1918 lesen und verstehen l\u00e4sst, erregte Kolbenheyer innerhalb der deutschen Rechten einiges Aufsehen \u2013 unter anderem Hans Grimm und Wilhelm Stapel wurden damals auf den geb\u00fcrtigen \u00d6sterreicher aufmerksam.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie verlie\u00df Kolbenheyer mit seiner jungen Familie Wien und zog 1919 nach T\u00fcbingen, wo er bis 1932 lebte. Zum sichtbarsten Ausdruck der sehr gro\u00dfen Anerkennung, die sich Kolbenheyer in der ber\u00fchmten Universit\u00e4tsstadt erwarb, wurde die Ehrendoktorw\u00fcrde, die ihm die Medizinische Fakult\u00e4t 1927 anl\u00e4sslich der Feierlichkeiten zum 450. Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um der Universit\u00e4t T\u00fcbingen verlieh. Ganz dem Selbstverst\u00e4ndnis Kolbenheyers entsprechend, begr\u00fcndete die Fakult\u00e4t diese Ehrung ausdr\u00fccklich damit, dass Kolbenheyer sein Gesamtwerk in den \u201eDienste der seelischen und geistigen Gesunderhaltung unseres Volkes\u201c gestellt habe. Das gro\u00dfe Renommee Kolbenheyers in T\u00fcbingen wurde zudem 1932 offensichtlich, als der damalige Rektor der Universit\u00e4t Martin Kirschner anl\u00e4sslich des Umzugs des Dichters nach Solln bei M\u00fcnchen eine offizielle, prominent besetzte Verabschiedungsfeier organisierte.<\/p>\n<p>Unkompliziert und frei von Animosit\u00e4ten war das Verh\u00e4ltnis Kolbenheyers zu den deutschen Universit\u00e4ten w\u00e4hrend der Weimarer Republik indes nicht. Unschwer zu erkennen ist dies an Kolbenheyers 1929 ver\u00f6ffentlichtem <em>Aufruf der Universit\u00e4ten<\/em>, in dem der sich notorisch missachtet f\u00fchlende Autor von den deutschen Hochschullehrern forderte, der angeblichen \u201eVerniggerung\u201c des deutschen Kulturlebens aktiv entgegenzutreten und die wenigen, vermeintlich noch \u201eartgerecht\u201c schaffenden K\u00fcnstler, zu denen er sich pers\u00f6nlich selbstverst\u00e4ndlich z\u00e4hlte, st\u00e4rker zu unterst\u00fctzen. Wenig \u00fcberraschend wiesen einige Wissenschaftler Kolbenheyers pauschalen und von Selbstmitleid triefenden Appell zur\u00fcck, doch l\u00e4sst sich anhand zahlreicher Privatbriefe zeigen, dass sich weit \u00fcber das T\u00fcbinger Umfeld hinaus zugleich viele deutsche Professoren mit der rassistischen Kulturkritik Kolbenheyers solidarisierten und zugleich bem\u00fcht waren, dem polternden Schriftsteller vor Augen zu f\u00fchren, seit jeher in der von ihm geforderten Weise t\u00e4tig gewesen zu sein. Zu diesem Kreis z\u00e4hlten so unterschiedliche Wissenschaftler wie die Philologen Johannes Mewaldt und Ewald Gei\u00dfler, der Germanist Josef Nadler, der Philosoph Friedrich Kainz sowie der Physiker Pascual Jordan. Und auch Wilhelm Stapel, der dritte hier interessierende Autor, der zu diesem Zeitpunkt bereits zu den engsten Freunden und Vertrauten Kolbenheyers z\u00e4hlte, stimmte dessen Ausf\u00fchrungen uneingeschr\u00e4nkt zu und tat das Seinige, um die Inhalte des Aufrufs einem m\u00f6glichst gro\u00dfen Publikum zur Kenntnis zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wilhelm Stapel, 1882 in Kalbe westlich von Stendal als Sohn eines Uhrmachers geboren, avancierte vor allem infolge seiner 20-j\u00e4hrigen Herausgeberschaft der Zeitschrift <em>Deutsches Volkstum. Monatsschrift f\u00fcr das deutsche Geistesleben <\/em>ab 1919 zu einem der profiliertesten und bestvernetzten politischen Publizisten der Weimarer Rechten. Vor 1914 war Stapel nach einem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Volkswirtschaftslehre und erfolgreicher Promotion an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen besonders als langj\u00e4hriger Mitarbeiter der bedeutenden Kulturzeitschrift <em>Der Kunstwart<\/em> hervorgetreten. In seinen \u00f6ffentlichen Stellungnahmen vor 1914 folgte er unter dem Einfluss Friedrich Naumanns einer klar liberalen, zun\u00e4chst sogar linksliberalen Linie. So forderte Stapel etwa vehement eine politische Kooperation von Liberalismus und Sozialdemokratie und attackierte scharf die Deutschkonservative Partei und die ihr nahestehenden Interessengruppen als \u201ereaktion\u00e4re M\u00e4chte\u201c, die nichts Wertvolles und Entwicklungsf\u00f6rderndes aufzuweisen h\u00e4tten und die er zum damaligen Zeitpunkt f\u00fcr die \u201epolitische Stagnation\u201c Deutschlands verantwortlich machte. Der Sieg des \u201eliberalen Gedankens\u201c \u00fcber den Konservatismus galt Stapel vor dem Ersten Weltkrieg schlechterdings als eine \u201egeschichtliche Notwendigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Doch sollte auch bei Stapel, der 1914 ebenfalls vom Milit\u00e4rdienst freigestellt wurde, die Erfahrung von Krieg und Kriegsniederlage zu einer folgenschweren Verengung des politischen Denkens und einer fundamentalen weltanschaulichen Kehrtwende f\u00fchren, die sich vor allem in zweierlei Weise manifestierte: Erstens in einem seit 1918 j\u00e4h hervorbrechenden Antisemitismus, zweitens in einer radikalen Abkehr vom politischen Liberalismus. Welche Z\u00e4sur die Jahre 1918\/19 f\u00fcr das Denken aller drei Autoren darstellte, l\u00e4sst sich mithin kaum \u00fcbersch\u00e4tzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil Grimm, Kolbenheyer und Stapel mit den eigentlichen Kampfhandlungen in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben nicht direkt in Ber\u00fchrung kamen, projizierten sie wie selbstverst\u00e4ndlich das dichotomische Freund-Feind-Denkens der Kriegsjahre auf das zivile Leben der Weimarer Republik. Es handelt sich hierbei um eine der zentralen biografischen Parallelen, ohne die sich ihre weitreichende Interessensidentit\u00e4t w\u00e4hrend der Weimarer Republik weder erkl\u00e4ren noch verstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Publizistik Wilhelm Stapels w\u00e4hrend der Weimarer Republik l\u00e4sst sich aufgrund ihres enormen Umfangs und ihrer sehr gro\u00dfen thematischen Bandbreite nicht leicht charakterisieren. Eine feste Konstante war indes die Auseinandersetzung mit der sogenannten \u201eJudenfrage\u201c. Rasch eilte Stapel hier der Ruf als \u201eVirtuose einer vornehmen und deshalb auch f\u00fcr Intellektuelle verf\u00fchrerischen Version des \u201aSalonantisemitismus\u2018\u201c voraus, so die treffende Formulierung des Historikers Siegfried Lokatis. Im Kern basierte Stapels Auffassung vom Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschen und Juden auf der \u00dcberzeugung, jedes Volk besitze einen individuellen, gottgewollten und von Gott geschaffenen \u201eNomos\u201c, den es vor jedweder politischen und kulturellen \u201e\u00dcberfremdung\u201c abzuschirmen gelte \u2013 und genau eine solche \u00dcberfremdungsabsicht unterstellte Stapel pauschal der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungsminderheit im Deutschen Reich.<\/p>\n<p>Zugleich galt Stapel die Volkszugeh\u00f6rigkeit eines Menschen als eine \u201ein Blut und Seele vom Schicksal\u201c festgeschriebene, also irreversible Gr\u00f6\u00dfe, die nicht etwa durch autonome Willensentscheidungen des Individuums ge\u00e4ndert werden konnte. Diese grunds\u00e4tzliche \u00dcberzeugung konkretisierte sich vor allem in der Behauptung Stapels, Juden k\u00f6nnten weder jemals zu einem Teil des deutschen Volkes werden, noch je dessen Volkscharakter verstehen oder gar aktiv f\u00f6rdern. Vielmehr unterstellte Stapel j\u00fcdischen Politikern und Intellektuellen, bewusst oder unbewusst Tr\u00e4ger eines ihnen gleichsam in die Wiege gelegten \u201eInternationalismus\u201c zu sein und damit unweigerlich den genuin nationalen Interessen des deutschen Volks innerlich fremd oder gar feindselig gegen\u00fcberzustehen. Eine v\u00f6llige Gleichberechtigung j\u00fcdischer Staatsb\u00fcrger lehnte Stapel vor diesem Hintergrund ab; f\u00fcr sie konnte und durfte es nur ein Gastrecht geben. Insbesondere auf Schulen und Universit\u00e4ten sowie in der Justiz forderte Stapel konkrete Berufsverbote und verband diese Forderung stets mit der zynischen Behauptung, Juden mit \u201eTaktgef\u00fchl\u201c w\u00fcrden in diesen Bereichen ohnehin keine Karrieren anstreben.<\/p>\n<p>Wie eingangs skizziert, gr\u00fcndete Stapels Ruf als Referenzautor eines vermeintlich affektlosen und \u201esachlichen\u201c Antisemitismus auf dem expliziten Anspruch, sich durch objektivit\u00e4tsheischende Ausdrucksformen und eine vergleichsweise differenzierte Argumentation von der ma\u00df- und geschmacklosen Agitation der sogenannten \u201eRadauantisemiten\u201c abzugrenzen bzw. abzuheben. Dieses Ansehen Stapels war ausdr\u00fccklich nicht nur das Ergebnis selbstreferenzieller Zuschreibungen innerhalb des eigenen politischen Lagers. Vielmehr wurde Stapel w\u00e4hrend der Weimarer Republik auch von zahlreichen j\u00fcdischen Autoren als jener Publizist der v\u00f6lkischen Rechten betrachtet, dessen \u00c4u\u00dferungen inhaltlich und argumentativ besonders ernst genommen werden m\u00fcssten. Dabei wurde sowohl respektvolle Anerkennung als auch scharfe Kritik laut. So erhielt Stapel von zionistischer Seite etwa viel Zustimmung f\u00fcr seine Behauptung, dass es Juden grunds\u00e4tzlich unm\u00f6glich sei, \u201ewesenhaft zu Deutschen\u201c zu werden. Die Zeitschrift <em>Die Arbeit<\/em>, ein Hauptorgan des damaligen Zionismus in Deutschland, druckte einen entsprechend argumentierenden Artikel Stapels 1919 unver\u00e4ndert und mit dem trockenen Kommentar ab, die Redaktion habe den Ausf\u00fchrungen des \u201eaufrechten und ehrlichen Deutschen [\u2026] nichts hinzuzuf\u00fcgen\u201c.<\/p>\n<p>V\u00f6llig anders urteilte freilich ein der deutschen Geistesgeschichte zutiefst verbundener Philosoph wie Julius Goldstein. Goldstein hielt Stapels Thesen f\u00fcr derart suggestiv und gef\u00e4hrlich, dass er ihnen bzw. dem Versuch ihrer Widerlegung 1927 ein ganzes Buch mit dem Titel <em>Deutsche Volks-Idee und deutsch-v\u00f6lkische Idee <\/em>widmete, das ob seiner Hellsichtigkeit noch heute Leser verdient. Seine Fokussierung auf Stapel begr\u00fcndete der Philosoph dabei ausdr\u00fccklich damit, dass dessen Schriften besonders in jenen Kreisen, die ansonsten von der \u201eUngezogenheit und Unerzogenheit der antisemitischen Tagesliteratur\u201c abgesto\u00dfen seien, \u201eals das Beste und Unangreifbarste\u201c anerkannt w\u00fcrden, \u201ewas sich \u00fcber diesen Gegenstand sagen\u201c lasse. Wer einen eigenen Eindruck von den Schriften Stapels gewinnen m\u00f6chte, \u00fcber die Julius Goldstein in solcher Weise urteilte, kann dies im heutigen Arbeitskreis 5 tun. Als Textgrundlage dient hier ein Kapitel aus Stapels 1928 ver\u00f6ffentlichter Brosch\u00fcre <em>Antisemitismus und Antigermanismus<\/em>.<\/p>\n<p>Interessanterweise versuchten sp\u00e4ter auch die Nationalsozialisten, sich Stapel als Aush\u00e4ngeschild eines vermeintlich sachlichen und vorurteilsfreien Antisemitismus zunutze zu machen. So lud 1933 die Ausland-Abteilung des Reichsministeriums f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung und Propaganda Stapel dazu ein, f\u00fcr einen repr\u00e4sentativen Sammelband mit dem Titel <em>Germany speaks<\/em>, der vor allem an die britische Gesellschaft adressiert war und f\u00fcr den NS-Staat werben sollte, den Beitrag zum Thema \u201eDeutschland und die Juden\u201c zu verfassen; \u201ejedes Kapitel\u201c in dem geplanten Band, so umwarb ihn der Leiter der Ausland-Abteilung Hermann Demann in einem Brief vom Juni 1933, sollte \u201evon einem Mann geschrieben sein, der auf dem betreffenden Gebiet die gr\u00f6\u00dfte Autorit\u00e4t genie\u00dft\u201c. Zwar sollte Stapel dieses Ansehen in den Augen der neuen Machthaber in den darauffolgenden Jahren wieder verlieren, doch spricht es B\u00e4nde \u00fcber das Renommee, das er sich w\u00e4hrend der Weimarer Republik erworben hatte, dass das Propagandaministerium sich Stapel solcherart nutzbar machen wollte: als Gallionsfigur einer gegen\u00fcber dem kritischen Ausland mutma\u00dflich vorzeigbaren und intellektuell anspruchsvollen Spielart der Judenfeindschaft.<\/p>\n<p>Eine zweite Grundkonstante von Stapels umfangreicher und weithin rezipierter Publizistik w\u00e4hrend der Weimarer Republik war, wie bereits angedeutet, die Auseinandersetzung mit dem Liberalismus. Urspr\u00fcnglich ein entschieden liberaler Parteig\u00e4nger, assoziierte Stapel nach 1918 mit dem Liberalismus schlechterdings eine t\u00f6dliche Gefahr f\u00fcr das deutsche Volk. Zentrale Antriebskraft dieser antiliberalen Wende war die feste \u00dcberzeugung Stapels, der Versailler Vertrag habe \u00fcber das Kriegsende hinaus eine innen- wie au\u00dfenpolitisch existenzielle Bedrohungs- und Ausnahmesituation hervorgerufen, die nach radikalen Gegenma\u00dfnahmen rief und diese in einem prek\u00e4ren Zirkelschluss zugleich legitimierte. Unter dem ma\u00dfgeblichen Einfluss von Carl Schmitt und dessen Deutung des Freund-Feind-Gegensatzes als der eigentlichen Substanz des Politischen, wies Stapel jeden Gedanken von sich, Liberalismus und v\u00f6lkischer Konservatismus k\u00f6nnten durch ein etwaiges \u201eSowohl-als-auch\u201c miteinander verbunden werden; vielmehr h\u00fcllten sich in seinen Augen nun \u201ealle devastierenden M\u00e4chte des Lebens [\u2026] in den verderblichen Heroenmantel des Liberalismus\u201c, um so ihr (volks-)zerst\u00f6rerisches Werk zu kaschieren. Um das deutsche Volk \u201edurch diese Zeiten der Verw\u00fcstung [des] Leibes und der Seelen hindurchzuretten\u201c, m\u00fcsse, so Stapel 1928 w\u00f6rtlich, \u201eder Liberalismus ausgerottet werden\u201c.<\/p>\n<p>Dem individualistisch bzw. individualrechtlich orientierten Denken des Liberalismus, den er in den Texten nach 1918 vermehrt mit dem Adjektiv \u201ej\u00fcdisch\u201c versah, stellte Stapel denn auch das Konzept des sogenannten \u201evolkhaften\u201c Denkens entgegen: Anstelle individuelle Freiheitsrechte in den Vordergrund zu r\u00fccken, m\u00fcsse die deutsche Bev\u00f6lkerung zu der Erkenntnis gelangen, dass nicht etwa der Einzelne Tr\u00e4ger des Rechts sei, sondern allein das Volk, welches dem Individuum erst \u201eseine besondere Aufgabe und sein Recht\u201c zuweise. Ein zeitgem\u00e4\u00dfes und verantwortungsvolles politisches Denken musste f\u00fcr Stapel nun also vom Volksbegriff ausgehen: \u201eWir m\u00fcssen\u201c, so forderte er, \u201eumgekehrt wie bisher, den lebendigen Organismus des Volkes als die h\u00f6here Einheit gegen\u00fcber dem menschlichen Gebilde des Staates anerkennen\u201c; anders als der Staat sei das Volk ein von menschlichen Willens\u00e4u\u00dferungen unabh\u00e4ngiges, \u201eunmittelbares Gebilde aus Gottes Sch\u00f6pferhand\u201c.<\/p>\n<p>Die aus seiner Sicht den Deutschen von den alliierten Siegerm\u00e4chten aufgezwungene Weimarer Verfassung stellte f\u00fcr Stapel eine \u201eVergewaltigung des organischen Volkslebens\u201c dar, in der ein \u201eGrundfehler des Liberalismus\u201c zum Ausdruck komme, n\u00e4mlich der in seinen Augen naive Glaube, \u201epolitische Lebensformen\u201c ohne Weiteres \u201eerdenken und einf\u00fchren zu k\u00f6nnen\u201c, anstatt von den tats\u00e4chlich existierenden V\u00f6lkern auszugehen, verstanden als historisch gewachsene, in sich abgeschlossene, seelisch-biologische Kollektive. So sei 1918\/19 eine mit dem deutschen Volkscharakter unvereinbare \u201eZirkel- und Lineal-Demokratie\u201c entstanden, deren Bek\u00e4mpfung das zentrale Ziel seiner gesamten publizistischen Arbeit war. \u00dcberhaupt verstand Stapel, wie er 1926 an den v\u00f6lkischen Schriftsteller Friedrich Lienhard schrieb, seine Zeitschrift <em>Deutsches Volkstum <\/em>als eine \u201eKampfwaffe\u201c gegen den Liberalismus und insgesamt d\u00fcrfte die \u00f6ffentliche Wirkung Stapels w\u00e4hrend der Weimarer Republik kaum geringer ausgefallen sein als jene von Grimm und Kolbenheyer, wenngleich diese infolge ihrer gro\u00dfen Romanerfolge freilich ungleich ber\u00fchmtere Namen trugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie lassen sich nun, im Hinblick auf den Themenkomplex \u201eBildungsb\u00fcrgertum und v\u00f6lkische Ideologie\u201c, die drei vorgestellten Autoren und ihr \u00f6ffentlicher Einfluss zusammendenken? Hier lohnt ein Blick auf die Forschungen Wolfram Pytas, der vor einigen Jahren den Typus des intellektuellen Literaten beschrieben hat, der nach 1918 mit einigem Erfolg die \u201eSph\u00e4re der Kultur mit dem Feld der Politik\u201c zu verbinden versuchte, um auf Grundlage seiner \u201eim autonomen Feld der Kultur erworbenen Autorit\u00e4t\u201c Einfluss auf politische und gesellschaftliche Debatten zu gewinnen. Grimm, Kolbenheyer und in etwas eingeschr\u00e4nktem Ma\u00dfe auch Stapel lassen sich als Musterbeispiele dieses Typus verstehen.<\/p>\n<p>Dabei war und blieb seit Kriegsende ihre prim\u00e4re Zielgruppe nebst der (m\u00e4nnlichen) Jugend vor allem das akademisch gepr\u00e4gte Bildungsb\u00fcrgertum. Ihm f\u00fchlten sie sich innerlich zugeh\u00f6rig, vor ihm sollten ihre Texte Bestand haben und ihm ma\u00dfen sie vor allem eine entscheidende Rolle f\u00fcr den erhofften Wiederaufstieg des deutschen Volkes nach dem verlorenen Weltkrieg zu. Dieser Wiederaufstieg war f\u00fcr alle drei Autoren wie selbstverst\u00e4ndlich an die Bedingung gekn\u00fcpft, dass die demokratische Staatsordnung Weimars zerst\u00f6rt und das Modell einer offenen Gesellschaft revidiert werden m\u00fcssten. Ohne diese Voraussetzung bestand in ihren Augen keine Hoffnung f\u00fcr das deutsche Volk. In diesem Sinne sprach Kolbenheyer also auch f\u00fcr Grimm und Stapel, als er 1932 vor T\u00fcbinger Studenten und Professoren von einem bevorstehenden \u201egewaltigen Endkampf\u201c sprach, in dem Deutschland die ihm in seinen Augen geb\u00fchrende F\u00fchrungsfunktion wiedererlangen m\u00fcsse; andernfalls sei \u201edas Weltherrentum der wei\u00dfen Rasse verloren\u201c. Und, so Kolbenheyer weiter, \u201evon keinem Teile unseres Volkes\u201c k\u00f6nnten \u201edie Kr\u00e4fte der Erneuerung und Wiederaufrichtung st\u00e4rker str\u00f6men als von den Universit\u00e4ten\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zahlreichen Krisen und Belastungsproben der fr\u00fchen Weimarer Republik \u2013 der Versailler Vertrag mit seinen als dem\u00fctigend empfundenen Bestimmungen, die das politische Klima vergiftende Dolchsto\u00dflegende, die Putschversuche der radikalen Rechten und Linken, schlie\u00dflich die Erfahrung der Hyperinflation und der Ruhrkampf \u2013 f\u00fchrten in der deutschen Bev\u00f6lkerung zu einer unverkennbaren Polarisierung des politischen Denkens. 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