{"id":117802,"date":"2026-01-16T09:48:06","date_gmt":"2026-01-16T08:48:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117802"},"modified":"2026-01-16T09:50:05","modified_gmt":"2026-01-16T08:50:05","slug":"zukunft-des-universums-woher-kommen-wir-wohin-gehen-wir","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zukunft-des-universums-woher-kommen-wir-wohin-gehen-wir\/","title":{"rendered":"Zukunft des Universums"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fragen des Titels besch\u00e4ftigen nicht nur seit jeher das menschliche Denken, sondern beschreiben auch vollst\u00e4ndig das Themenfeld der modernen Astrophysik. Der einzige Unterschied liegt darin, auf welchen Zeitskalen man sie betrachtet.<\/p>\n<p>Immer sind es die kleinen Abweichungen im nicht ganz perfekten Kosmos, die die Dinge ins Rollen bringen. Am Anfang war alles, was sich im Universum befand, sehr hei\u00df und gleichm\u00e4\u00dfig im Raum verteilt. Das Universum expandierte und k\u00fchlte sich dabei ab. Aus den Saatk\u00f6rnern kleinster Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten bildeten sich schlie\u00dflich Materieklumpen \u2013 Galaxien, Sterne und endlich auch Planeten. An manchen Stellen erh\u00f6hte sich durch kleinste Verdichtungen die Schwerkraft, die weitere Materie anzog und das Universum entleerte. An den R\u00e4ndern dieser Leerr\u00e4ume entstanden Galaxien, die sich ihrerseits anzogen und durch ihre gegenseitige Schwerkraft zu Haufen von Galaxien versammelten. Innerhalb der Galaxien spielte sich in kleineren Dimensionen das gleiche Spiel ab: Gasverdichtungen verst\u00e4rkten sich immer mehr, bis sie schlie\u00dflich unter ihrem eigenen Gewicht kollabierten und so Sterne entstanden. Die wiederum brachten einen v\u00f6llig neuen Mechanismus in Gang. Durch die Verschmelzung von leichten zu gr\u00f6\u00dferen Atomkernen wurde Energie frei. Es wurde Licht, und die schweren Elemente entstanden. Diese neu erzeugten Elemente wurden durch Sternexplosionen ins Weltall bef\u00f6rdert. Es setzte ein Materiekreislauf ein, der st\u00e4ndig neue Sterne erzeugte und mit ihnen immer mehr schwere Elemente. Daraus entstand unser Planetensystem mit unserem blau schimmernden Heimatplaneten, der Erde. Was f\u00fcr ein wunderbarer Heimatplanet! Leibniz hatte eben doch recht: Wir leben in der besten aller m\u00f6glichen Welten \u2013 zumindest aus Sicht eines Lebewesens. Denn dieser Planet erm\u00f6glichte die gewaltigste Metamorphose, die Materie je vollzogen hat: Die Selbstorganisation von toter Materie zu lebenden Organismen. Damit sind wir bei uns angekommen \u2013 aber machen wir einen Schritt nach dem anderen.<\/p>\n<p>So wie wir von der Evolution der Organismen sprechen, m\u00fcssten wir auch von der Evolution der Erde als Ganzes sprechen. Sie schuf erst die Voraussetzung f\u00fcr die Entwicklung des Lebens. Die Uratmosph\u00e4re bestand aus Stickstoff, Ammoniak, Methan, Kohlendioxyd und Wasserdampf und \u2013 wohl gemerkt \u2013 es gab keinen freien Sauerstoff. Woher wir das wissen? Es gibt einen Zeitzeugen, den wir \u201ebefragen\u201c k\u00f6nnen: die Venus. Ihre Atmosph\u00e4re ist noch heute der Uratmosph\u00e4re der Erde sehr \u00e4hnlich. Sie bedingt eine mittlere Oberfl\u00e4chentemperatur von 460\u00b0C, was der Temperatur im Brennraum eines Kachelofens entspricht. Ohne diesen gewaltigen Treibhauseffekt w\u00e4re die theoretische Oberfl\u00e4chentemperatur etwa minus 40\u00b0C. Bei uns ist es anders gekommen, und der wesentliche Grund daf\u00fcr ist \u2013 der Regen. Ja, es hat gegossen, sintflutartig! Der zehnfache Monsun reinigte unsere Atmosph\u00e4re \u2013 \u00fcber einen Zeitraum von mindestens 40.000 Jahren.<\/p>\n<p>Kenntnisse \u00fcber die weiteren Schritte auf dem Weg zum Leben verdanken wir einem interessanten Experiment, das schon 1953 durchgef\u00fchrt wurde, dem Urey-Miller-Experiment. Stanley Miller und Harald Urey haben in einem Labor in Chicago eine bestimmte \u2013 wie sie damals glaubten, richtige \u2013 Zusammensetzung von Gasen gew\u00e4hlt, haben elektrische Blitze durch Energieentladungen simuliert und \u2013 jetzt kommt es! \u2013 tats\u00e4chlich sind in ihren Glaskolben organische Molek\u00fcle entstanden. Heute wissen wir, dass die Kombination der Gase nicht ganz optimal getroffen war. Trotzdem war das Experiment bahnbrechend. F\u00fcr die Entstehung von Leben sind zwei der entstandenen Molek\u00fclverbindungen von besonderer Bedeutung: die einfachsten Aminos\u00e4uren Glycin und Alanin. Nur der guten Ordnung halber: Aminos\u00e4uren sind organische Verbindungen aus 10 bis 30 Atomen mit mindestens einer Amin- (NH<sub>2<\/sub>) oder Carboxygruppe (COOH). Zwei Aminos\u00e4uren k\u00f6nnen miteinander verkn\u00fcpft werden, wobei sie ein Wassermolek\u00fcl abscheiden. Mit Hilfe dieser Peptidbindung k\u00f6nnen lange Aminos\u00e4ureketten zu Proteinen verbunden werden. Letztere sind wiederum wichtige Bestandteile des Lebens.<\/p>\n<p>Leben ist generell eine sehr komplexe Angelegenheit \u2013 allein schon die notwendige Kodierung des Bauplans f\u00fcr die Reproduktion. Der Kode entspricht dabei einer Art Morsealphabet. Allerdings kommt das Leben nicht mit Punkt und Strich aus, sondern es benutzt vier \u201eZeichen\u201c, die Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Zu Paaren aneinandergereiht, ergeben sie die Doppelhelix der DNA. Jeweils drei Basen kodieren dabei eine Aminos\u00e4ure.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klingt so, als h\u00e4tten wir das Ph\u00e4nomen Leben verstanden \u2013 tats\u00e4chlich sind wir weit davon entfernt. Die Komplexit\u00e4t wird uns zum Verh\u00e4ngnis. Selbst einfachste Zellen sind bereits sehr komplexe Strukturen. Das Erfolgsrezept der Physik besteht darin, ein Problem immer weiter zu reduzieren, bis fundamentale, einfachste Zusammenh\u00e4nge erkennbar werden. Diese Herangehensweise ist uns hier versperrt. Wenn man zum Beispiel ein Wassermolek\u00fcl zu genau betrachtet, dann verliert man die wesentliche Eigenschaft von Wasser, n\u00e4mlich dass es unter normalen Bedingungen fl\u00fcssig ist. Die Eigenschaft \u201efl\u00fcssig\u201c entspricht nicht einem einzigen Wassermolek\u00fcl, sondern erst der Verbindung von vielen. Reduzieren wir das Ph\u00e4nomen Leben auf seine molekularen Bestandteile, so verschwinden die wesentlichen Eigenschaften, die seine \u201eLebendigkeit\u201c ausmachen. Auf die Fragen, warum Materie zum ersten Mal launisch wurde oder sich verliebt hat, werden wir auf diese Weise keine Antworten finden. Gehen wir den umgekehrten Weg und bauen das Leben aus seinen Einzelteilen zusammen, so bleibt das R\u00e4tsel ungel\u00f6st, wie etwas derartig Komplexes von selbst entstehen konnte. Fred Hoyle hat das sehr treffend formuliert: \u201eStellen wir uns einen Schrottplatz vor, auf dem die zahllosen Bestandteile eines Jumbojets fein s\u00e4uberlich getrennt aufbewahrt werden. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein nat\u00fcrliches Ph\u00e4nomen \u2013 beispielsweise ein Wirbelsturm \u2013 die Teile derart zusammenf\u00fchrt, dass am Ende ein startbereiter Jumbojet vor uns steht?\u201c<\/p>\n<p>Deshalb bleiben bei einem Experiment wie dem von Urey und Miller zwangsl\u00e4ufig Fragezeichen. Bestenfalls weist es einen Weg. Da gibt es \u00fcbrigens eine interessante Geschichte. Auf die Frage: \u201eWie k\u00f6nnt Ihr Euch so sicher sein?\u201c hat Stanley Miller bei der Pressekonferenz schlagfertig geantwortet: \u201eWenn Gott es nicht so gemacht hat, dann hat er eine sehr gute Gelegenheit verpasst.\u201c<\/p>\n<p>Und dann kommt erschwerend hinzu, dass die Voraussetzungen auf der Erde damals so anders waren als heute, dass das Leben auf nat\u00fcrliche Weise heute nicht mehr entstehen k\u00f6nnte. Der entscheidende Unterschied liegt im extremen Vulkanismus, in der Zusammensetzung der Meere und der Atmosph\u00e4re. Ohne freien Sauerstoff gab es keine Ozonschicht, also kaum Schutz vor ultravioletter Strahlung. All diese Gegebenheiten von damals waren wesentliche Voraussetzungen. Als das Leben jedoch einmal Fu\u00df gefasst hatte, begann es die Bedingungen auf unserem Planeten zu ver\u00e4ndern, sie praktisch f\u00fcr sich selbst immer besser und besser zu machen bis heute. Die Krux besteht aber genau darin, die planetaren Voraussetzungen f\u00fcr Leben nicht zu zerst\u00f6ren, w\u00e4hrend man als Spezies f\u00fcr sich selbst die Bedingungen immer weiter verbessert. Blaugr\u00fcne Algen haben beispielsweise die oxygene Photosynthese erfunden und \u00fcber Jahrmilliarden so viel Sauerstoff freigesetzt, dass der Treibhauseffekt in der Atmosph\u00e4re zum Erliegen kam. Eine globale Eisdecke \u00fcberzog den Planeten, die sogenannte Schneeball-Erde. Damit hatten sie ihre eigene Lebensgrundlage zerst\u00f6rt. Gl\u00fccklicherweise hat nach ihrem Aussterben der nat\u00fcrliche Vulkanismus langsam aber sicher wieder Kohlendioxyd in die Atmosph\u00e4re eingetragen und den Treibhauseffekt neu belebt. Der Temperaturunterschied ist betr\u00e4chtlich. Ohne Treibhauseffekt betr\u00e4gt die mittlere Oberfl\u00e4chentemperatur auf der Erde minus 1\u00b0C, mit Treibhauseffekt plus 1\u00b0C.<\/p>\n<p>Die ersten Vertreter der oxygenen Photosynthese waren generell \u201eHasardeure\u201c. Sauerstoff ist n\u00e4mlich in entsprechenden Konzentrationen ein effektives Zellgift. Sie haben ihre Energie auf Kosten dieses Abfallproduktes gewonnen, das auf Dauer ihren Lebensraum bedrohte. Gleichzeitig haben sie damit den Grundstein f\u00fcr andere Lebensformen gelegt. Die Einzeller selbst mussten sich allerdings schrittweise an die von ihnen verursachten neuen Lebensbedingungen anpassen. Das ist vielen nicht gelungen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schildere den Beginn der Evolution auf unserem Planeten als w\u00e4re jemand dabei gewesen, der alles f\u00fcr die Nachwelt dokumentiert h\u00e4tte. Tats\u00e4chlich gibt es diese Chronik, und zwar in Form der sogenannten BIFs. In diesen banded iron formations, den geb\u00e4nderten Kieseleisenerzen, wechseln sich eisenhaltige Lagen und Hornsteinlagen mit jeweils einigen Millimetern bis Zentimetern Schichtdicke ab. Fundstellen dieser B\u00e4ndererze k\u00f6nnen mehrere hundert Meter tief sein und gestatten es, die Sauerstoffkonzentration der Ozeane und der jeweiligen Atmosph\u00e4re Schicht f\u00fcr Schicht zu rekonstruieren. In den Urozeanen war Eisen gel\u00f6st, das durch Kontakt mit Sauerstoff zu schwer l\u00f6slichem Eisenoxid (Fe<sub>2<\/sub>O<sub>3<\/sub>) umgewandelt wurde und als Schlamm auf den Meeresgrund sank. Die \u00e4lteste Ausgabe dieser Chronik reicht bis 3,8 Milliarden Jahre zur\u00fcck. Demnach gab es nennenswerten freien Sauerstoff in der Atmosph\u00e4re erst vor 2,5 Milliarden Jahren. Vorher war O<sub>2<\/sub> nur ein seltener Gast, der bei der Spaltung von H<sub>2<\/sub>O durch UV-Strahlung entstand.<\/p>\n<p>Wie kam das Eisen \u00fcberhaupt in die Meere? Durch Vulkanismus. Die Urozeane hatten generell eine andere Zusammensetzung. Das Wasser war stark basisch \u2013 eine richtige Lauge. So wie das Leben damals entstanden ist, w\u00fcrde das allein deshalb heute nicht mehr funktionieren. Heute sind die Meere nur noch leicht basisch und salzig obendrein. Die Lauge entstand durch H<sub>2<\/sub>O, etwas Natriumcarbonat und Calciumchlorid. Letzteres wurde und wird auch noch heute durch Vulkanasche in die Atmosph\u00e4re eingetragen. Der Regen wusch das Calciumchlorid in die Ozeane. Dort verwandelten sich die beiden Stoffe in Natriumchlorid und die Meere wurden nach zwei Milliarden Jahren salzige Ozeane.<\/p>\n<p>Schauen wir uns das Periodensystem der Elemente an. Darin ist kein exklusives Element f\u00fcr Leben enthalten, so dass man sagen k\u00f6nnte: \u201eWenn das Element X enthalten ist, spricht man von lebender Materie, wenn es fehlt, ist die Materie tot.\u201c Das Leben muss mit denselben elementaren Bausteinen zurechtkommen wie alles andere auf dieser Welt auch \u2013 das Geheimnis muss also in der Organisation liegen. In puncto Organisationstalent ist hier der Kohlenstoff mit seinen vier Valenzelektronen der klare Spitzenreiter im Periodensystem. Vier Elektronen in der \u00e4u\u00dfersten Schale, die als Andockstellen f\u00fcr Molek\u00fclbindungen zur Verf\u00fcgung stehen, kann sonst nur noch Silizium vorweisen. Diesen Mitbewerber sticht der Kohlenstoff jedoch spielend durch weitere biologische Vorteile aus. So hat er die sch\u00f6ne Eigenschaft, Doppelbindungen eingehen zu k\u00f6nnen wie etwa mit den zwei Valenzelektronen des Sauerstoffs. Dadurch kann er als Kohlendioxid (CO<sub>2<\/sub>) problemlos auch einen gasf\u00f6rmigen Aggregatzustand annehmen. Silizium hingegen geht keine Doppelbindungen ein. Bis auf wenige Ausnahmen bildet es also Gitterstrukturen, in aller Regel Festk\u00f6rper. Zudem ist die Bindung von Kohlenstoff an Kohlenstoff im Vergleich zu Silizium an Silizium nahezu doppelt so stark. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um lange und gleichzeitig stabile Molek\u00fclketten bilden zu k\u00f6nnen. Kein Wunder also, dass Kohlenstoff das R\u00fcckgrat des Lebens auf unserem Planeten darstellt. Wenn ich aber ein St\u00fcck Brikett neben eine Pflanze aus genauso vielen Kohlenstoff-Atomen stelle und beide mit Sonnenlicht bestrahle, dann werden sie sich v\u00f6llig unterschiedlich entwickeln. Kohlenstoff allein scheint es nicht auszumachen.<\/p>\n<p>Ma\u00dfgebliche Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt er von der einzigen Molek\u00fclverbindung zweier Gase, die bei Normalbedingungen fl\u00fcssig wird. Zwei Wasserstoff-Atome und ein Sauerstoff-Atom bilden H<sub>2<\/sub>O, unser lebensspendendes Wasser. Es dient als L\u00f6sungsmittel, UV-Schutz, Stabilisator fragiler Strukturen gegen\u00fcber der Erdanziehung, Reaktionspartner bei der Photosynthese und es verf\u00fcgt \u00fcber eine weitere Eigenschaft, die vielleicht entscheidend bei der Entstehung des Lebens war: Manche Molek\u00fclverbindungen f\u00fchlen sich von Wasser angezogen \u2013 deshalb nennt man sie hydrophil, w\u00e4hrend sich hydrophobe davon abwenden.<\/p>\n<p>Die Materie ist also aus Atomen aufgebaut, unabh\u00e4ngig davon, ob sie lebt oder nicht. Die Atome verbinden sich wiederum zu Molek\u00fclen. Lebewesen setzen sich aus sehr gro\u00dfen Kettenmolek\u00fclen zusammen, die \u00fcberwiegend aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff bestehen. Andere Atomsorten wie Phosphor, Calcium, Eisen sind in den langen Kohlenstoffketten eingebaut.<\/p>\n<p>Das Leben auf der Erde wird sicher zun\u00e4chst mit ganz einfachen, relativ kurzen Kohlenstoffverbindungen begonnen haben, sogenannten Monomeren, und sich im Laufe der Zeit zu immer komplizierteren und gr\u00f6\u00dferen Molek\u00fclverb\u00e4nden zusammengeschlossen haben, den Polymeren. Diese Entwicklung setzte bestimmte \u00e4u\u00dfere Bedingungen voraus, die den Auf- und Abbau von Molek\u00fclen ebenso gef\u00f6rdert haben wie die Entwicklung neuer Verbindungen.<\/p>\n<p>In der Fr\u00fchphase der Erde gab es eine sehr dichte Atmosph\u00e4re aus Kohlendioxid und Wasser, die durch die vulkanische Aktivit\u00e4t der Erdoberfl\u00e4che immer wieder mit anderen Verbindungen angereichert wurde. Glutfl\u00fcssige Magmastr\u00f6me quollen an die Erdoberfl\u00e4che. Die Gezeitenkraft des damals noch sehr nahen Mondes knetete das Erdinnere durch. In der Atmosph\u00e4re kam es st\u00e4ndig zu Gewittern und Blitzentladungen. Es war hei\u00df. Die ultraviolette Strahlung der Sonne wurde noch nicht durch eine Ozonschicht absorbiert. Ungefiltert erreichte sie die noch sehr warme Erdoberfl\u00e4che. Die H\u00f6lle ist dagegen geradezu wohnlich. Summa summarum gab es aber zahlreiche Energiequellen f\u00fcr die Entwicklung organischer Verbindungen. Fl\u00fcssiges Wasser als L\u00f6sungsmittel, Ultraviolettstrahlung und Blitze trennten Verbindungen teilweise oder zerst\u00f6rten sie ganz. Die dramatischen atmosph\u00e4rischen, vulkanischen und kosmischen Bedingungen erm\u00f6glichten st\u00e4ndig neue chemische Versuche. Der Beginn des Lebens entsprach einem planetaren Ausprobieren verschiedenster Kombinationen innerhalb der organischen Chemie.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen hielt eine st\u00e4ndige Energiezufuhr von au\u00dfen \u201eden Kessel unter Feuer\u201c. Ein riesiges Labor, in dem es blitzte, zischte und dampfte. Allerdings muss es auch \u201eNischen\u201c in der Umwelt der fr\u00fchen Erdgeschichte gegeben haben, in denen sich besonders stabile Molek\u00fcle ungest\u00f6rt langsam, also schrittweise weiterentwickeln konnten, ohne einem st\u00e4ndigen Zerst\u00f6rungsdruck ausgeliefert zu sein. Wenn alle Molek\u00fcle sich immer wieder in Wasser aufgel\u00f6st h\u00e4tten oder durch zu viel UV-Strahlung zerst\u00f6rt worden w\u00e4ren, dann w\u00e4re es nie zu den ersten Zellen gekommen. Man darf nicht vergessen: Selbst die denkbar einfachsten Zellen sind schon recht komplizierte chemische Einheiten. Sie k\u00f6nnen sich immerhin selbst stabilisieren und vor den zerst\u00f6rerischen Einfl\u00fcssen der Umwelt durch eine sie umh\u00fcllende Molek\u00fclschicht, die Membran, zumindest teilweise sch\u00fctzen. Zus\u00e4tzlich beg\u00fcnstigten zerkl\u00fcftete Oberfl\u00e4chen von Gesteinen den Zusammenbau der Molek\u00fcle. Auch der immer wiederkehrende vulkanische Eintrag an besonders mineralreichen, warmen, w\u00e4ssrigen Salzl\u00f6sungen und deren Einbau in bereits vorhandene Molek\u00fcle hat erheblich zu deren Stabilit\u00e4t und damit \u00dcberlebensf\u00e4higkeit beigetragen.<\/p>\n<p>Entscheidend war aber die Entstehung von membranartigen Kettenmolek\u00fclen, die in dem von ihnen umschlossenen Bereich einer w\u00e4ssrigen L\u00f6sung die Konzentration von Salzen oder Mineralien erh\u00f6hen konnten, indem sie Wassermolek\u00fcle am Eindringen hinderten. Diese hydrophoben Molek\u00fcle erzeugten durch den Konzentrationsunterschied innerhalb der Membran neue physikalische Bedingungen, insbesondere Druck und Dichte, die wiederum den Aufbau und den Erhalt von Molek\u00fclstrukturen beg\u00fcnstigten. Die Molek\u00fcle innerhalb der Membran konnten viel intensiver miteinander in Wechselwirkung treten, da sie nicht st\u00e4ndig vom Wasser wieder aufgel\u00f6st wurden. Die Membranen lie\u00dfen nur bestimmte Atom- und Molek\u00fclarten in den von ihnen umh\u00fcllten Bezirk eindringen. Chemischen Abfallprodukten erlaubten sie, den gesch\u00fctzten Bereich zu verlassen. Voil\u00e0: der Anfang des Stoffwechsels!<\/p>\n<p>So konnten sich die inneren Molek\u00fcle genau die Stoffe verschaffen, die sie f\u00fcr ihre Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung ben\u00f6tigten. In membrangesch\u00fctzten Bezirken war m\u00f6glicherweise schon sehr fr\u00fch eine Arbeitsteilung unter den Molek\u00fclen am Werk, die zur Stabilisierung der Einheit beitrug und letztlich zum Aufbau einer einfachen Zelle f\u00fchrte, die sich sogar vermehren konnte. Wo dieses Erfolgsmodell erfunden wurde, dar\u00fcber streiten sich die Geister. Die etablierte Theorie h\u00e4lt sogenannte hydrothermale Schlote auf dem Meeresgrund f\u00fcr die Erfinder, die durch vulkanische Aktivit\u00e4t gespeist wurden. Dort sorgten schon damals hohe Temperaturunterschiede und Dr\u00fccke sowie ein ausreichender UV-Schutz f\u00fcr die notwendigen Bedingungen.<\/p>\n<p>Kurz noch einmal erg\u00e4nzend daneben gestellt: Alle Lebewesen auf der Erde bestehen zu 92 Prozent aus Sternenstaub und zu acht Prozent aus Wasserstoff, dessen Kerne in den ersten Sekunden nach dem Urknall entstanden. Alle Lebensformen verarbeiten auf die eine oder andere Art das Licht der Sonne. Und schlie\u00dflich hat der Mond dazu beigetragen, dass die Erde nicht um die eigene Achse rast oder sogar umkippt. Sonne, Mond und Sterne, alle waren und sind sie beteiligt \u2013 unglaublich, aber wahr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist f\u00fcr den Physiker die Frage nach dem Ursprung des Lebens beantwortet. Die verschiedenen physikalischen Disziplinen, Thermodynamik, Atom- und Molekularphysik und die Physik der Wechselwirkung von Strahlung und Materie erkl\u00e4ren die Grund- und Anfangsbedingungen f\u00fcr die Entstehung und Entwicklung gro\u00dfer organischer Ketten- und Ringmolek\u00fcle, die als Ausgangsprodukte zur Verf\u00fcgung stehen mussten, damit sich einfache Zellen bilden konnten. Diese Molek\u00fcle bildeten Bezirke, die mittels Membranen eine erste Form des Stoffwechsels durchf\u00fchrten. Schrecklich unromantisch, oder?<\/p>\n<p>Das Leben ist aus physikalischer Sicht ein selbstorganisierendes, selbstreproduzierendes, dissipatives Nichtgleichgewichtsph\u00e4nomen. Ohne \u00e4u\u00dferes Zutun strebt jeder physikalische Prozess ein Gleichgewicht an. Leben muss sich allerdings organisieren und gegen\u00fcber seiner Umwelt abgrenzen. Es gilt: \u201eHier bin ich und dort bin ich nicht.\u201c Deshalb diese unromantische Definition als \u201eNichtgleichgewichtsph\u00e4nomen\u201c. Das fortw\u00e4hrende Ank\u00e4mpfen gegen den allgemeinen Trend der Zerst\u00f6rung und des Zerfalls erfordert Energie. Dies gilt f\u00fcr jede denkbare Lebensform. Wer sich also bislang insgeheim dachte: \u201eMag ja sein, dass hier auf unserem Planeten Kohlenstoff, H<sub>2<\/sub>O und Sonnenlicht die ausschlaggebenden Protagonisten waren. Aber irgendwo im Universum k\u00f6nnte es ja auch ganz anders gewesen sein\u201c, der muss sich in jedem Falle um eine Energiequelle k\u00fcmmern und mit demselben Periodensystem der Elemente auskommen. Da d\u00fcnnen Sciencefiction-Phantasien schnell etwas aus.<\/p>\n<p>Ohne die Sonne, die Erdw\u00e4rme und die chemische Energie, die in den Molek\u00fclverbindungen steckt, g\u00e4be es kein Leben auf der Erde. Lebewesen sind kosmische Durchlauferhitzer, die wie Forellen im Bach in einem kosmischen Energiefluss stehen, der von der Sonnenw\u00e4rme angetrieben wird. Die Energie muss aber in der richtigen Form vorliegen. Wenn wir Menschen Hunger versp\u00fcren, bringt es nichts, in die Sauna zu gehen. Dort bekommen wir zwar jede Menge W\u00e4rmeenergie ab, aber satt macht uns das nicht. Auch Pflanzen ben\u00f6tigen f\u00fcr die Photosynthese ein schmales Band des elektromagnetischen Spektrums, und die Atmosph\u00e4re muss daf\u00fcr durchl\u00e4ssig sein. Mikrowellenstrahlung ist beispielsweise ungeeignet. Stellt man eine Topfpflanze in die Mikrowelle, beweist das keinen gr\u00fcnen Daumen.<\/p>\n<p>Alles greift eng verzahnt ineinander und die Sonne treibt mit ihrer Energie den Motor dieses evolution\u00e4ren Systems stetig an. Die Erde w\u00fcrde sich allerdings immer weiter aufheizen, wenn sie nicht w\u00e4hrend der Nacht den allergr\u00f6\u00dften Teil der aufgenommenen Sonnenenergie wieder ans Weltall zur\u00fcckgeben k\u00f6nnte. Da drau\u00dfen herrscht heute die sehr niedrige Temperatur von minus 27\u00b0C. Das frostige Resultat von 13,7 Milliarden Jahren, in denen sich das Universum stetig weiter ausgedehnt und dabei abgek\u00fchlt hat. Der Potentialunterschied, in diesem Fall der Temperaturunterschied, ist die Triebfeder des Lebens. Dadurch wird die Selbstorganisation komplexer Strukturen erst m\u00f6glich. Das ist wie bei einem gem\u00e4chlich dahin str\u00f6menden Fluss. Seine Bestandteile flie\u00dfen gleichm\u00e4\u00dfig verteilt dahin. An einem Potentialunterschied, beispielsweise einem Wasserfall, \u00e4ndert sich die Situation dramatisch. Das Wasser organisiert sich in einer v\u00f6llig neuen Form. Es sch\u00e4umt, strudelt, gischt und spritzt. M\u00f6glich macht dies der H\u00f6henunterschied.<\/p>\n<p>Einmal in Gang gesetzt, ben\u00f6tigt das Leben zur Selbstreproduktion einen Kopiermechanismus. Diese Vervielf\u00e4ltigung ist mit einem replikativen Schwund verbunden, kleinen Abweichungen im genetischen Pool, die zu Mutationen f\u00fchren, welche sich in der Umwelt mehr oder weniger gut behaupten. Von hier ab bestimmen die beiden treibenden Kr\u00e4fte der Evolution die unz\u00e4hligen Gesichter des Lebens: Mutation und Selektion.<\/p>\n<p>Wer ist nun der Meister dieses Spiels \u2013 der Herrscher auf unserem Planeten? Der Mensch? Weit gefehlt, es sind die Einzeller. Sie sind uns zahlen- und massenm\u00e4\u00dfig weit \u00fcberlegen. Darunter die Prokaryonten. Das sind die Einzeller, die noch keinen Zellkern haben. Und davon gibt es jetzt wirklich mehrere Billionen Tonnen. Die Prokaryonten existieren schon seit Milliarden von Jahren auf diesem Planeten. Anfangs hatten sie gewisserma\u00dfen sturmfreie Bude, Mikrobe allein zu Haus! F\u00fcr den \u00fcberwiegenden Teil der Erdgeschichte waren sie die absoluten Alleinherrscher. Ein Gramm Ackerboden bev\u00f6lkern 100.000 dieser Lebewesen. Genauso viele tummeln sich auch auf einem Quadratzentimeter Ihrer Haut. Insgesamt tragen wir mehr Prokaryonten mit uns herum, als k\u00f6rpereigene Zellen. Wir sind gewisserma\u00dfen Luxusdampfer f\u00fcr Prokaryonten \u2013 mehr als ein Kilo davon schleppt jeder von uns herum, die meisten davon im Verdauungstrakt. Wenn Sie also das n\u00e4chste Mal jemand fragt, wie viel Sie wiegen, dann ziehen Sie ruhig mal ein bis zwei Kilo ab.<\/p>\n<p>Die menschlichen Zellen sind um Gr\u00f6\u00dfenordnungen komplexer und schwerer als Zellen ohne Zellkern. Der Evolutionsschritt hin zu Eukaryonten \u2013 also Zellen mit Zellkern \u2013 war betr\u00e4chtlich. Mehrzellige Eukaryonten gab es erst zwei Milliarden Jahre nach der Entstehung der Prokaryonten. Gem\u00e4\u00df der Endosymbionten-Theorie hat dabei eine Sorte von Prokaryonten eine andere in sich aufgenommen und nicht verdaut. Die beiden konnten nun zusammen Ressourcen besser aufspalten als jeder f\u00fcr sich allein. Sp\u00e4ter haben sich diese Endosymbionten innerhalb ihres Wirtes zu sogenannten Organellen, also komplexen Zellbestandteilen entwickelt. So k\u00f6nnen schwerverdauliche Zeitgenossen doch etwas Gutes haben.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens verdanken wir den Prokaryonten auch den gr\u00f6\u00dften Teil des Sauerstoffs in der Uratmosph\u00e4re. Durch ihre Photosynthese liegt der Eintrag an freiem Sauerstoff heute noch bei \u00fcber 50 Prozent. Sie produzieren mehr als alle Pflanzen auf diesem Planeten. Man k\u00f6nnte sagen, die Prokaryonten k\u00fcmmern sich um die Luft, die Eukaryonten um Luft und Liebe. Prokaryonten vermehren sich n\u00e4mlich gleichgeschlechtlich, Eukaryonten haben daf\u00fcr den Sex erfunden. Dann h\u00e4tten wir das auch gekl\u00e4rt. Vor 450 Millionen Jahren ist es schlie\u00dflich dem Leben im Wasser zu langweilig geworden beziehungsweise zu gef\u00e4hrlich. Auf der Flucht vor dem ewigen Gefressenwerden hat es sich in einen neuen Lebensraum vorgewagt. Das war die erste \u201eOccupy-the-land-Bewegung\u201c. Der Rest ist Geschichte \u2013 vom ersten Schritt auf das Festland der Erde bis zum ersten Schritt auf dem Mond. Heute gibt es weltweit gesch\u00e4tzte 8,7 Millionen Arten von eukaryontischen Organismen. 6,5 Millionen davon an Land und 2,2 Millionen in den Ozeanen. Lediglich 14 Prozent davon gelten als bislang erforscht.<\/p>\n<p>Und wie geht\u00b4s jetzt weiter? Ist Leben ein ewiges Erfolgsmodell oder nur eine kurze Episode im Universum?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gute Nachricht vorweg: Wir Menschen werden das Leben in all seinen Facetten nicht ausl\u00f6schen, egal was wir auf diesem Planeten anstellen. Verschiedene Prokaryonten w\u00fcrden selbst einen Atomkrieg \u00fcberstehen und das Rad der Evolution von neuem drehen. Allerdings k\u00f6nnten wir eine gro\u00dfe Anzahl an Spezies mit in den Abgrund rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Unser Planet wird also belebt bleiben, solange unsere Sonne friedlich scheint. Zwischendurch kommt es allerdings immer wieder zu starken Verwerfungen. Der Lebensraum Erde unterliegt st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen, die teilweise ungeheure Massensterben zur Folge hatten. Der ber\u00fchmteste Fall betrifft das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren, das wahrscheinlich durch den Einschlag eines gro\u00dfen Asteroiden ausgel\u00f6st, zumindest mit gef\u00f6rdert wurde. Nach einer solchen Katastrophe hat die biologische Evolution immer sehr schnell die freigewordenen Nischen in der Umwelt mit den noch verbliebenen Lebewesen beziehungsweise deren Weiterentwicklungen besetzt. Nicht zuletzt durch den Niedergang der Saurier kam es zum Siegeszug der S\u00e4ugetiere und damit auch letztlich zur Gattung Homo, von der der heutige Mensch abstammt. Mit ver\u00e4nderten Lebensbedingungen kommen kleinere Organismen in der Regel besser zurecht. Es gelingt ihnen leichter, sich einzuschr\u00e4nken und sie reproduzieren sich schneller.<\/p>\n<p>Das sieht man auch an Massenaussterben, die noch weiter zur\u00fcckliegen. Beispielsweise brach auf Sumatra vor 74.000 Jahren der Supervulkan Toba aus. Die Bezeichnung \u201eSupervulkan\u201c l\u00e4sst schon erahnen, dass seine Auswirkungen verheerend waren. Seine Asche blockierte f\u00fcr sehr lange Zeit den Zugang zur wichtigsten Quelle des Lebens \u2013 dem Sonnenlicht. Das hat die Flora dezimiert. Damit war die Nahrungskette durchtrennt, und die Fauna folgte unweigerlich in den Untergang. Damals gab es unterschiedlichste Formen der Hominiden (in Afrika den Homo sapiens, in Europa die Neandertaler und in Asien den Homo erectus beziehungsweise den Homo floresiensis), w\u00e4hrend die heutige Menschheit eine verbl\u00fcffend enge genetische Verwandtschaft aufweist. Toba liefert nun das fehlende Puzzlest\u00fcck. Diese Naturkatastrophe hat einen sogenannten genetischen Flaschenhals verursacht. Nur wenige tausend Homo sapiens haben \u00fcberlebt. Sie sind im weiteren Verlauf von Ostafrika ausgehend nach Europa und Asien vorgedrungen und haben die restlichen, dort ans\u00e4ssigen Gattungen verdr\u00e4ngt. Deshalb sind wir Erdenb\u00fcrger so nahe verwandt. Zumindest legen das Berechnungen zur Mutationsrate und die Nachverfolgung der mitochondrialen DNA nahe. So gesehen sind wir alle Br\u00fcder und Schwestern \u2013 zudem mit Migrationshintergrund!<\/p>\n<p>Massensterben dieser Art gab es auf unserem Planeten eine ganze Reihe. Der verheerendste Fall wurde vor 252 Millionen Jahren vermutlich ebenfalls von Vulkanen ausgel\u00f6st. 96 Prozent der Meeresbewohner und 70 Prozent der Landlebewesen wurden ausgel\u00f6scht. Die Datierungsverfahren mittels Uran-Blei-Zerfallsketten und Argon-Isotopen werden laufend verbessert. Seit dem Fr\u00fchjahr 2014 wissen wir, dass diese Epoche lediglich 60.000 Jahre andauerte \u2013 ein geologischer Wimpernschlag. Mehrere Forschungsergebnisse laufen hier zusammen. Erstens ein pl\u00f6tzlicher Anstieg des CO<sub>2<\/sub>-Gehaltes in den Ozeanen bei gleichzeitiger<\/p>\n<p>Erw\u00e4rmung um 10\u00b0C. Berechnungen zufolge k\u00f6nnten 170 Billionen Tonnen CO<sub>2<\/sub> freigesetzt worden sein. Zweitens riesige Lavafelder mit zwei Millionen Quadratkilometern Ausdehnung, die zeitgleich entstanden sind: das sogenannte sibirische Trapp. Drittens Mikroben in den Sedimenten des s\u00fcdchinesischen Meeres \u2013 Bakterien aus der Gruppe der Methanosarcina, deren Stoffwechsel das fatale Treibhausgas Methan freisetzt. Den limitierenden Faktor f\u00fcr die Vermehrung dieser Treibhauskiller bildet das Ausgangsprodukt Nickel, das in den Sedimenten zwischen zweifach und siebenfach erh\u00f6ht war. Starker Vulkanismus k\u00f6nnte diese Mengen freigesetzt haben, wodurch das Mikrobenwachstum explodierte. Eine verh\u00e4ngnisvolle Kette an Ereignissen. Vulkanfelder \u00e4hnlichen Ausma\u00dfes wurden im Juni 2014 im australischen Kalkarindji auf 510 Millionen Jahre datiert. Das deckt sich mit einem Massenaussterben, bei dem etwa die H\u00e4lfte des Lebens vernichtet wurde. Vermutlich gelangten gro\u00dfe Mengen Schwefeldioxid und Methan direkt in die Stratosph\u00e4re. Auch heute gibt es noch derartige Supervulkane, beispielsweise schlummert unter dem Yellowstone Nationalpark einer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sieht es aus mit Bedrohungen aus dem All? Da h\u00e4tten wir beispielsweise Supernovae anzubieten. Wenn sie nah genug sind \u2013 innerhalb von 150 Lichtjahren \u2013, w\u00fcrde die Gammastrahlung, die mit ihnen einhergeht, unsere Atmosph\u00e4re auf alle F\u00e4lle nachhaltig besch\u00e4digen. Gibt es einen Kandidaten? Ja, IK-Pegasi, ein Doppelstern gerade noch am Rand. Zum Gl\u00fcck bewegt er sich mit 20 Kilometern pro Sekunde von uns weg, das hei\u00dft, bis es soweit kommt \u2013 bis zur Supernovaexplosion kann es ja noch ein Weilchen dauern \u2013 w\u00e4re unsere Erde wohl aus der Gefahrenzone raus.<\/p>\n<p>Vermutlich hat vor drei Millionen Jahren tats\u00e4chlich eine Supernova vor unserer Haust\u00fcre stattgefunden. Die Auswirkungen auf unseren Planeten weist man durch Manganablagerungen in der Tiefsee nach. Darin ist Eisen-60 eingeschlossen, ein radioaktives Eisenisotop, das bei Supernovae freigesetzt wird und ansonsten in unserem Sonnensystem nicht vorkommt. Eisen-60 ist ein ideales Chronometer, weil seine Halbwertszeit etwa 2,6 Millionen Jahre betr\u00e4gt. Auf dem pazifischen Meeresgrund, in einer Tiefe von 5.000 Metern, wurden Eisen-60-Atome nachgewiesen, die etwa drei Millionen Jahre alt sind und auf eine Supernova hindeuten, die lediglich 100 Lichtjahre von uns entfernt war.<\/p>\n<p>Die Steigerung der Supernova ist die Hypernova. Das ist eine Supernova, die unter ganz bestimmten Bedingungen abl\u00e4uft, noch mehr Energie und Gammastrahlen freisetzt und deshalb einen entsprechend gr\u00f6\u00dferen Sicherheitsabstand einfordert \u2013 circa 6.500 Lichtjahre. Der gef\u00e4hrlichste Kandidat ist demnach WR 104, ein Doppelsternsystem in etwa 8.000 Lichtjahren Entfernung. Die Sonnenwinde der beiden massereichen Sterne bilden eine Staubspirale, aus deren Form man die Rotationsachse und damit die vermutliche Richtung des finalen Gammastrahlen-Ausbruches ermitteln kann. Die einen gehen von 16 Grad Abweichung zur Erde aus, die anderen von 30 Grad. Das T\u00fcckische an einer Hypernova ist n\u00e4mlich, dass ihre Energie nicht isotrop freigesetzt wird, sondern mit einer klaren Vorzugsrichtung. Das ist, als w\u00fcrde sie mit einer Kanonenkugel schie\u00dfen, und wenn du genau im Lauf stehst, dann hast du ein Problem. In ein paar Millionen Jahren wird einer der Sterne in WR 104 zur Hypernova, dann wissen wir mehr.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck sind diese \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen Strahlungsquellen alle sehr weit weg. Wie ist es mit Sternen, die an uns vorbeilaufen und die Planetenbahnen in Unordnung, um nicht zu sagen in ein totales Chaos versetzen k\u00f6nnten? Es gibt ungef\u00e4hr ein Dutzend davon \u2013 wir nennen sie Passanten \u2013 pro eine Milliarde Jahre, die innerhalb einer Entfernung von drei Lichtjahren an der Sonne vorbeifliegen. Um uns wirklich nachhaltig zu st\u00f6ren und so zu gef\u00e4hrden, dass wir die Bahn ver\u00e4ndern und vielleicht sogar in die Sonne st\u00fcrzen, da m\u00fcssten die schon innerhalb von Lichtmonaten auftauchen. Selbst dann w\u00e4re sehr viel Masse notwendig, aber derartige Objekte begegnen uns aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Anders sieht es aus mit Asteroiden. Ab 50 Metern Durchmesser stellen sie eine wirkliche Bedrohung dar. Es treten zwar t\u00e4glich mehrere tennisballgro\u00dfe St\u00fccke mit einigen Kilogramm Masse in unsere Atmosph\u00e4re ein, die 50-Meter-Klasse l\u00e4sst sich hier allerdings nur alle tausend Jahre mal blicken. Von allen kosmischen Bedrohungen geht die gr\u00f6\u00dfte Gefahr tats\u00e4chlich von diesen vagabundierenden kosmischen Schneeb\u00e4llen aus. Immerhin kennen wir im Sonnensystem \u00fcber 600.000 Asteroiden und 90 Prozent davon kreisen auch noch gleich hier um die Ecke, zwischen Mars und Jupiter. Mit 2004BL86 ist Ende Januar 2015 gerade erst ein 330-Meter-Brocken an uns vorbei gesegelt. Zum Gl\u00fcck mit dem n\u00f6tigen Sicherheitsabstand von 1,2 Millionen Kilometern Entfernung (zum Vergleich: Der Mond ist im Mittel 385.000 km entfernt). Erst 2027 wird mit 1999AN10 ein noch massiverer Brummer erwartet \u2013 ungef\u00e4hr im Mondabstand. Irgendwann wird ein gef\u00e4hrlicher Brocken hier einschlagen, es ist keine Frage ob, sondern wann. Statistisch trifft uns alle 50 Millionen Jahre ein Brocken bedrohlicher Gr\u00f6\u00dfe. Klingt gut, aber wie gesagt: Der letzte Einschl\u00e4ger dieser Art ist schon 65 Millionen Jahre her.<\/p>\n<p>Die Kollegen von der Stanford University haben im April 2014 eine Modellsimulation vorgestellt, nach der vor 3,26 Milliarden Jahren ein Kaliber eingeschlagen haben soll, das alles bisher Vorstellbare in den Schatten stellt: 37 bis 58 Kilometer gro\u00df. Ein Brocken, der den Mount Everest wie ein Spielzeug aussehen l\u00e4sst. Rund um den gesch\u00e4tzt 500 Kilometer gro\u00dfen Einschlagskrater verdampfte das Gestein und regnete weltweit in Form glutfl\u00fcssiger Silikate vom Himmel. Die Oberfl\u00e4chen der Ozeane kochten. Analysen des Barberton-Gr\u00fcnsteing\u00fcrtels \u00f6stlich von Johannisburg (S\u00fcdafrika) legen nahe, dass der Einschlag in der Erdoberfl\u00e4che zahlreiche Krustenbr\u00fcche verursachte und in Folge mitverantwortlich f\u00fcr die Plattentektonik ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte uns sonst noch auf den Kopf fallen, au\u00dfer Asteroiden? Die traurige Antwort lautet: eine ganze Galaxie. Um pr\u00e4zise zu sein: die Andromeda-Galaxie. Sie befindet sich mit circa 410.000 Kilometern pro Stunde auf Kollisionskurs. Diesen Crash sollten wir allerdings weitgehend unbeschadet \u00fcberstehen. Die Kollision zweier Galaxien ist vergleichbar mit dem Zusammensto\u00df zweier M\u00fcckenschw\u00e4rme. Zun\u00e4chst fallen sie durcheinander, anschie\u00dfend schwirren sie um den gemeinsamen Schwerpunkt. Die Gravitation l\u00e4sst die Sternensysteme in \u00e4hnlicher Weise \u201etanzen\u201c und das wird unseren Nachthimmel dereinst drastisch ver\u00e4ndern. Kurzfristig w\u00fcrden Druckwellen in Gasnebeln ein regelrechtes Feuerwerk an Sternentstehung z\u00fcnden \u2013 allerdings auf langen Skalen w\u00e4re es nur ein Strohfeuer. Der gro\u00dfe Materiekreislauf im Universum, der \u00fcber viele Milliarden Jahre in unz\u00e4hligen Sternen die Elemente geschmiedet hat, aus denen wir bestehen, kommt langsam aber sicher zum Erliegen. Allein in den letzten zwei Milliarden Jahren hat das Universum bereits die H\u00e4lfte seiner Helligkeit eingeb\u00fc\u00dft. Sterne werden in ferner Zukunft Mangelware und mit ihnen die lebensfreundlichen Nischen in den Weiten des Alls. Der Letzte macht das Licht aus.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck werden wir Erdenb\u00fcrger diese trostlose Phase nicht miterleben. Unsere Sonne wird in sp\u00e4testens f\u00fcnf Milliarden Jahren zum Roten Riesen, das hei\u00dft sie wird ihre \u00e4u\u00dfere H\u00fclle \u00fcber unsere Umlaufbahn hinaus ausdehnen. Dann ist kein Leben mehr auf der Erde denkbar. Damit w\u00e4ren wir erdgeschichtlich etwa bei der H\u00e4lfte angelangt. Im September 2013 haben allerdings britische Kollegen Modellrechnungen vorgelegt, wonach uns nur mehr 1,75 Milliarden Jahre verbleiben. Die Sonne wird uns zwar noch nicht verschluckt haben, aber Ausbr\u00fcche auf ihrer n\u00e4hergekommenen Oberfl\u00e4che werden ein t\u00f6dliches Ausma\u00df erreicht haben. Da bleibt nur Kurt Tucholsky: \u201eLasst uns das Leben genie\u00dfen, solange wir es nicht verstehen!\u201c<\/p>\n<p>Eigentlich ein sch\u00f6nes Schlusswort, aber wir sollten noch kurz auf die Frage eingehen \u201eIst noch Platz f\u00fcr Gott in unserem modernen Weltbild?\u201c. Vielen Menschen erscheint die Theologie nur dort zust\u00e4ndig, wohin die Naturwissenschaft noch nicht vorgedrungen ist. Dadurch sind die Theologen seit jeher in einem uns\u00e4glichen R\u00fcckzugsgefecht verstrickt. Tats\u00e4chlich bewegen sie sich aber gar nicht auf demselben Spielfeld wie die Naturwissenschaftler, beziehungsweise wenn doch, dann spielen die einen auf dem Rasen Fu\u00dfball und die anderen pfl\u00fccken G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Daraus einen Verdr\u00e4ngungswettbewerb zu konstruieren, ist falsch. Das m\u00f6chte ich unbedingt noch einmal ganz klar herausstellen: Naturwissenschaftler haben nicht die Kompetenz, \u00fcber Glaubensfragen zu urteilen, auch wenn sich in j\u00fcngerer Zeit immer mehr dazu berufen f\u00fchlen. Naturwissenschaftler sind Innenarchitekten im Kosmos. Wir beobachten, vermessen und erforschen das Mobiliar. \u00dcber einen m\u00f6glichen Erbauer des Geb\u00e4udes oder gar dessen Intentionen wissen wir nichts. Die Physik ist sinnfrei und gottfrei. Nirgendwo in unseren Gleichungen taucht ein Gottes-Term auf. Deshalb ist die Physik aber weder sinnlos noch gottlos. Damit m\u00f6chte ich es bewenden lassen. Wer h\u00e4tte das Dilemma passender ausdr\u00fccken k\u00f6nnen als Robert Jastrow: \u201eEs scheint, als ob die Naturwissenschaft niemals in der Lage sein wird, den Vorhang vor dem Geheimnis der Sch\u00f6pfung zu l\u00fcften. F\u00fcr den Wissenschaftler, der im Glauben an die Macht der Vernunft gelebt hat, endet die Geschichte wie ein schlechter Traum. Er hat die Berge der Unwissenheit erklommen; er ist dabei, den h\u00f6chsten Gipfel zu bezwingen; und als er sich \u00fcber die letzte Felskante emporzieht, wird er von einer Schar Theologen begr\u00fc\u00dft, die schon seit Jahrhunderten dort sitzen.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Die Fragen des Titels besch\u00e4ftigen nicht nur seit jeher das menschliche Denken, sondern beschreiben auch vollst\u00e4ndig das Themenfeld der modernen Astrophysik. Der einzige Unterschied liegt darin, auf welchen Zeitskalen man sie betrachtet. Immer sind es die kleinen Abweichungen im nicht ganz perfekten Kosmos, die die Dinge ins Rollen bringen. 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