{"id":117808,"date":"2026-01-16T09:59:02","date_gmt":"2026-01-16T08:59:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117808"},"modified":"2026-01-16T09:59:02","modified_gmt":"2026-01-16T08:59:02","slug":"zukunft-der-gesellschaft","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zukunft-der-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Zukunft der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Einen Sozialwissenschaftler nach der Zukunft der Gesellschaft zu befragen, ist eine erwartbare Frage. Ebenso erwartbar ist, dass es auf die Frage unterschiedliche Antworten gibt. Und ebenso erwartbar ist die \u00dcberraschung, dass sich die Dinge meistens nicht exakt so entwickeln, wie sie erwartet worden sind. Was man auf jeden Fall konstatieren kann, ist dies: Alles, was geschehen ist, ist bis jetzt eindeutig vorhergesagt wurde. Vielleicht erstaunt Sie dieser Satz, aber er stimmt deshalb, weil so viel vorhergesagt wurde und wird, dass das, was dann eingetreten ist, auch irgendwann vorhergesagt wurde. Nur wei\u00df man vorher eben nicht, welche der Prognosen diejenige ist, die sich dann erf\u00fcllt haben wird.<\/p>\n<p>Aus der Risikoforschung haben wir eine ganze Menge dar\u00fcber gelernt, was es hei\u00dft, \u00fcber die Zukunft von etwas nachzudenken. Die Risikoforschung sagt uns zum Beispiel, dass wir im Nachhinein, etwa bei einem Flugzeugabsturz, relativ klare Kausalketten beschreiben k\u00f6nnen, warum ein Flugzeug vom Himmel gefallen ist. Ich konfiguriere Ihnen ein solches Beispiel: Eine Untersuchungskommission setzt ein havariertes Flugzeug wieder zusammen und stellt fest, dass der Ausgangspunkt des Unfalls eine kaputte Sicherung in der Kaffeemaschine der Bordk\u00fcche, nat\u00fcrlich der ersten Klasse, war (die anderen haben keine Kaffeemaschine, sondern nehmen das schon vorgeheizt mit). Man rekonstruiert, dass die Sicherung nicht funktioniert hat, die Kaffeemaschine ist in Brand geraten, es hat bestimmte Materialien gegeben, die sich entz\u00fcndet haben, und so weiter und so weiter, bis ein systemrelevantes Teil betroffen war und das Flugzeug abgest\u00fcrzt ist.<\/p>\n<p>Hier kann man eindeutige Kausalketten und wom\u00f6glich juristisch Verantwortliche identifizieren. Man kann aber nicht umgekehrt von der Sicherung der Kaffeemaschine her kontrollieren, dass solche Abst\u00fcrze nicht mehr passieren, weil diese Kausalkette nur eine von vielen m\u00f6glichen ist, die auch h\u00e4tten stattfinden k\u00f6nnen. Das ist ein relativ einfaches Beispiel, aber wenn Sie es mit noch komplexeren Systemen zu tun haben als mit einem Flugzeug, zum Beispiel mit einer Organisation oder mit einer Gesellschaft, dann wird es sogar schwierig sein, Kausalit\u00e4ten genau herzustellen. Das war meine erste vorsichtige Ann\u00e4herung an das Thema.<\/p>\n<p>Die zweite lautet wie folgt: Wir wissen, dass Gesellschaften immer Projektionen ihrer eigenen Zukunft entworfen haben \u2013 wenn nicht immer, dann zumindest, seit man so etwas, wie moderne, komplexe Gesellschaften kennt, in denen man sich daf\u00fcr interessiert hat, dass sich innerhalb der Gesellschaft etwas \u00e4ndert. Es gab auch Gesellschaften, in denen man sehr viel Energie darauf verwendet hat, dass sich nichts ver\u00e4ndert, aber seit einem halben Jahrtausend haben sich Gesellschaften immer mehr in die Richtung entwickelt, sich geplant und gewollt ver\u00e4ndern zu sollen. Wenn Sie sich nun fr\u00fchere Zukunftsvorstellungen ansehen, werden Sie einerseits feststellen, dass diese Zukunftsvorstellungen sich oftmals sehr stark von dem unterschieden, was dann tats\u00e4chlich eingetreten ist. Noch interessanter ist aber, dass selbst gew\u00fcnschte Ergebnisse im Nachhinein anders bewertet werden als zum Zeitpunkt der Planung.<\/p>\n<p>Man denke etwa in der Stadtplanung an die Utopie der autogerechten Stadt der 1960er Jahre, die man in den Gro\u00dfst\u00e4dten noch heute beobachten kann \u2013 in M\u00fcnchen etwa der Mittlere Ring. Heute geben wir viel Geld aus, um so etwas wie den Mittleren Ring wieder loszuwerden, zumindest tiefer zu legen \u2013 wie man fr\u00fcher Sportwagen tiefer gelegt hat, werden jetzt ganze Stra\u00dfen tiefer gelegt, damit man das Ding nicht mehr sieht, weil man feststellt, dass das Schwierigkeiten und Kosten produziert \u2013 vor allem \u00e4sthetischer und \u00f6kologischer Natur. Und es ist ja ein simples Beispiel, aber das simple Beispiel zeigt eigentlich sehr sch\u00f6n, dass die Projektion der autogerechten Stadt mit einer sehr selektiven Idee der Stadt gearbeitet hat, die in den 1950er und 1960er Jahren noch eine andere Bedeutung hatte, als sie es heute hat. Und wenn Sie sich Bilder von Stadtutopien, gerade aus den 1960er Jahren, ansehen, dann wird die Stadt um das Automobil herum gebaut. Heutige Stadtutopien sehen v\u00f6llig anders aus \u2013 wir planen jetzt das stadtgerechte Auto, nicht mehr die autogerechte Stadt, die sich inzwischen als falsch herausgestellt hat.<\/p>\n<p>Nun die entscheidende Frage: Hat man in den 60er Jahren falsch geplant? Ich w\u00fcrde sagen: Nein. Denn damals waren eben die Kriterien so und man hat mit ihnen geplant.<\/p>\n<p>Ich gebe Ihnen ein drittes Beispiel: Wohnarchitektur. Es gab einmal die Utopie nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem in Frankreich, unterschiedliche Funktionen des Wohnens so zusammen zu setzen, dass in Wohnmaschinen die wichtigsten Funktionen in einem Geb\u00e4ude vereint sind. Die Idee war eine demokratische Architektur, in der ein ganz bestimmtes Modell des Wohnens in H\u00e4usern, die von au\u00dfen kaum unterscheidbar sein sollen, kombiniert wurden mit Gesch\u00e4ftszeilen in der untersten Etage, und nicht nur Gesch\u00e4fte, sondern auch sonstige Funktionen. Diese Art von Architektur war utopisch, weil man davon ausgegangen ist, dass die Menschen ihre Privatsph\u00e4re einerseits sch\u00fctzen, andererseits schnell zu allem kommen, was sie im Leben brauchen, ohne sich miteinander koordinieren zu m\u00fcssen. Das ist eine moderne, liberale Idee einer individualisierten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Diese H\u00e4user waren zum Teil sehr teuer. Sie waren auch aufgeladen mit einer utopischen Energie. Heute sind diese H\u00e4user interessanter Weise die Architektur, die wir mit sozialen Brennpunkten verbinden, die dadurch zum sozialen Brennpunkt werden, dass man architektonisch vorbereitet hat, dass jegliche Art sozialer Kontrolle der Familien untereinander v\u00f6llig unm\u00f6glich wird. Sie k\u00f6nnen in einem solchen Haus wohnen, ohne dass Ihr Nachbar oder Ihre Nachbarin jemals wei\u00df, ob Sie da sind oder nicht, wom\u00f6glich noch nicht einmal wei\u00df, wer Sie sind, wie Sie aussehen, und ob Sie noch da wohnen. Das w\u00fcrden wir heute als Schreckgespenst beschreiben. Sie kennen die Geschichten aus der Zeitung, dass verstorbene Menschen in solchen Wohnungen nach Monaten entdeckt werden.<\/p>\n<p>Die Grundidee war die Utopie einer Gesellschaft, in der man diese soziale Kontrolle extra weg baut. Heute w\u00fcrde man die soziale Kontrolle wieder dazu bauen und sagen, wo entstehen eigentlich Begegnungsr\u00e4ume, in denen die Menschen jetzt nicht unbedingt zusammen leben m\u00fcssen, aber zumindest zur Kenntnis nehmen, dass sie wechselseitig da sind und sich, wenn sie sich schon nicht unterst\u00fctzen m\u00fcssen, so zumindest eine Art Warnindikator da ist, wenn etwas schief l\u00e4uft. Haben die Architekten damals falsch geplant? Man ist geneigt, zu sagen: Ja, aber das w\u00e4re sehr selbstgerecht. Das w\u00e4re deshalb sehr selbstgerecht, weil die Architekten damals nur mit dem Material gearbeitet haben, das ihnen in der jeweiligen Gegenwart zu Verf\u00fcgung stand.<\/p>\n<p>Hier ist der Punkt, an dem sich die Frage, \u00fcber die Zukunft der Gesellschaft nachzudenken, tats\u00e4chlich ganz anders stellt: Wenn ich nun etwas \u00fcber die Zukunft der Gesellschaft sage, ist stets mitzureflektieren, dass das meiste von dem, was \u00fcber die Zukunft gesagt wird, eine Funktion der Gegenwart ist. Ich werde in f\u00fcnf Punkten argumentieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sagte es schon: Die Zukunft ist eine Funktion der Gegenwart. Wir m\u00fcssen gegenw\u00e4rtige Zuk\u00fcnfte und zuk\u00fcnftige Gegenwarten unterschieden. Die gegenw\u00e4rtige Zukunft ist eine Vorstellung der Zukunft aus der Perspektive einer bestimmten Gegenwart, und zuk\u00fcnftige Gegenwarten sind Gegenwarten, die erst in der Zukunft stattfinden.<\/p>\n<p>Jeder, der etwas plant, wei\u00df, dass die Planung der Zukunft in der Gegenwart stattfindet und deshalb auch zun\u00e4chst Probleme der Gegenwart zu l\u00f6sen sind. Bei einem Bauprojekt etwa: Finanzierung, politische Durchsetzbarkeit, Loyalit\u00e4tspflichten, Darstellbarkeitspflichten. Wenn Sie in Ihrem Unternehmen oder Ihrer Familie f\u00fcr die Zukunft planen, dann m\u00fcssen Sie jetzt Koalitionen schmieden. Wenn Sie in Ihrer Familie dar\u00fcber nachdenken: Gehen wir ins Kino oder gehen wir zu einem Vortrag in der Katholischen Akademie, dann m\u00fcssen Sie nat\u00fcrlich \u00fcber die Zukunft nachdenken, und sagen: \u201eVon einem Kinofilm hast du nicht so viel, wie von einem Vortrag in der Katholischen Akademie\u201c, aber Sie m\u00fcssen die Ressourcen jetzt in Anspruch nehmen, und dann sind da irgendwelche Familienmitglieder, die Ihnen sagen: \u201eOkay, wenn wir jetzt machen, was du willst, dann machen wir n\u00e4chste Woche, was ich will\u201c, und dann wird die Planung \u00fcber die Ressourcen der jeweiligen Gegenwart gesteuert.<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich planen wir auch in Unternehmen. Sie m\u00fcssen in Unternehmen, wenn Sie einen Zukunftsplan machen, zun\u00e4chst einmal eine Idee dieses Zukunftsplans haben. Aber der ist vielleicht viel weniger wichtig als die Frage, wie ich die Leute, die jetzt gegenw\u00e4rtig da sind, dazu bringen kann, dass sie mir zustimmen und folgen. Das sind Ressourcen der Gegenwart, sie m\u00fcssen jetzt \u00fcberzeugend sein. \u00dcbrigens m\u00fcssen Sie jetzt \u00fcberzeugender sein als die Zukunft, die ja gar nicht begonnen hat, nicht begonnen haben kann.<\/p>\n<p>Wenn Gesellschaften Zukunftsvorstellungen haben, dann kann man an diesen Zukunftsvorstellungen viel \u00fcber die Gesellschaft lernen, aber viel weniger, als man denkt, \u00fcber die jeweiligen Zuk\u00fcnfte. Sehr holzschnittartig ist zu sagen, dass einfache Gesellschaften, fr\u00fcher sprach man von Stammesgesellschaften, die sehr stark auf Anwesenheit und vollst\u00e4ndig m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung beruhen, ganz andere Zukunftsvorstellungen als sp\u00e4tere Gesellschaften haben. Deren Zukunftsvorstellungen sind vor allem durch Zyklizit\u00e4t gepr\u00e4gt, durch die Wiederholung des immer Gleichen. Das hei\u00dft, in deren Sprachen kommen zum Teil gar keine komplizierten Zukunftsformen vor. Ein Futur II brauchen Sie in so einer Gesellschaft nicht, weil das Futur II schon davon ausgeht, dass die Situation, auf die sich die Rede bezieht, eine andere ist als die jetzt, die noch nicht wei\u00df, wie das, was das Futur I ausgesagt hat, in einer zuk\u00fcnftigen Gegenwart sein wird.<\/p>\n<p>Oder denken Sie an Hochkulturen, in denen man durchaus beobachten kann, dass sich manches \u00e4ndert, die Gestirne bewegen sich, Menschen werden geboren und sterben, es gibt Zuf\u00e4lligkeiten des Lebens, so dass man das Unver\u00e4nderliche, Wesentliche sprachlich, semantisch sch\u00fctzen muss, damit es nicht der Ver\u00e4nderlichkeit der Welt anheimf\u00e4llt. Bis in die kultische Architektur hinein kann man das sehen \u2013 wenn Sie etwa an die \u00e4gyptischen Pyramiden denken. Sie k\u00f6nnen das bis in die griechische Philosophie hinein beobachten, wo das Unbewegte und das Bewegte gegeneinander gestellt werden und das Unbewegte das Eigentliche ist, das sich nicht Ver\u00e4ndernde.<\/p>\n<p>Was passiert dann mit einer Welt, in der das Heilsgeschehen eine Heilsgeschichte wird? In der es so etwas wie ein Eschaton gibt? In der man sich vorstellen kann, dass eine Erl\u00f6sung in einer, wenn auch nicht innerweltlichen, dann doch wenigstens eschatologischen Zukunft stattfinden wird? Schon kommen andere Zeitvorstellungen in die Gesellschaft hinein. Denken Sie etwa an die urchristliche Erfahrung der Parusie-Verz\u00f6gerung, die interessanterweise eine besondere Herausforderung f\u00fcr Zeitbegriffe war. Die Urchristen haben sich tats\u00e4chlich gedacht, wenn man den Quellen glauben darf, dass das Heilsereignis noch zu ihren Lebzeiten stattfindet. Wie aber sind Ewigkeit und Geschichte aufeinander bezogen, wenn die Parusie sich verz\u00f6gert?<\/p>\n<p>Und wie verh\u00e4lt es sich mit der Moderne? \u00a0Das wird mein zweiter Punkt sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allein der Begriff der Moderne ist schon interessant. Schon im sp\u00e4ten Mittelalter wird der Begriff \u201emodern\u201c benutzt, um ein zeitliches Verh\u00e4ltnis zu beschreiben. Die Unterscheidung zwischen den <em>antiqui<\/em> und den <em>moderni<\/em> hat etwa dazu gedient, sich theologisch von den Kirchenv\u00e4tern oder den Juden des Alten Testaments abzusetzen. <em>Modernus <\/em>war bis dahin aber nur ein Ausdruck f\u00fcr das Heutige, das Gegenw\u00e4rtige, ohne dass damit eine weitere qualitative Dimension angesprochen w\u00e4re. Sp\u00e4ter kommt der Begriff des Modernen dann vor allem in Diskursen der Renaissance vor, in denen es um das zeitliche und qualitative Verh\u00e4ltnis zur Antike geht. Man hat im Frankreich des 17. Jahrhunderts etwa \u00fcber die Frage nachgedacht, ob es bessere Dichtung als die der Antike geben kann. Wenn ja, so die Quintessenz der Debatte, ist die Antike offenbar nicht die perfekte Form, dann braucht es andere Zeitbegriffe. Dann hei\u00dft modern nicht mehr nur gegenw\u00e4rtig, sondern besser.<\/p>\n<p>Den Begriff des Modernen benutzen wir ja auch in der Alltagssprache f\u00fcr etwas, was besser ist. Also, moderne Waffen treffen besser. Moderne Autos sind schneller. Eine moderne Theorie ist komplexer. Eine moderne Akademie macht noch interessantere Veranstaltungen. Diese Begriffsgeschichte ist insofern interessant, als man der Zeit selbst, das hei\u00dft der sich entfaltenden Gegenwart in eine Zukunft hinein eine Qualit\u00e4t verleiht. Das ist die Idee dessen, was man Fortschritt nennt. Michel de Montaigne hat noch formuliert: \u201eEine Wahrheit ist nicht deshalb vern\u00fcnftiger, weil sie alt ist.\u201c Bei Francis Bacon hei\u00dft es schon: \u201e Das g\u00fcnstige Vorurteil f\u00fcr die Alten ist aber ganz grundlos und steht fast mit dem Worte selbst in Widerspruch, denn es geb\u00fchrt dem sp\u00e4teren, m\u00fcndigen Alter der Welt, also unserem und nicht jenen j\u00fcngeren Zeiten, worin die sogenannten Alten lebten, der Name des Altertums. Jene Zeit ist in R\u00fccksicht auf die unsrige zwar \u00e4lter, aber in R\u00fccksicht der Welt selbst j\u00fcnger.\u201c Sie kennen vielleicht das Motiv bei Hegel \u00fcber die Kindheit- und Jugendetappen der Geschichte, also, man k\u00f6nnte sagen: Wann wird die Welt eigentlich erwachsen? Die Metapher hat es nat\u00fcrlich insofern in sich, als die Welt dann auch alt und schrumpelig werden kann.<\/p>\n<p>Dahinter steht die Idee einer linearen Entwicklung und damit einer radikalen Zukunftsorientierung. Einer linearen Entwicklung hei\u00dft, dass die Moderne sich dadurch auszeichnet, dass sie zukunftsorientiert ist und die Dinge in der Zukunft besser werden. \u201eSie ist eine historisch einsame Epoche\u201c, schreibt J\u00fcrgen Habermas, \u201eweil sie keine Vorbilder au\u00dfer ihrer eigenen Zukunftsentw\u00fcrfe hat\u201c.<\/p>\n<p>Mit den Begriffen Geschichte und Fortschritt, im Singular wohlgemerkt, entstehen Zentralkategorien des modernen Selbstverst\u00e4ndnisses. \u00dcber die unterschiedlichen Fortschritte im Plural, Wissenschaft und Technik, Moral und Kunst, Recht, Politik, \u00d6konomie, entsteht die universalistische Kategorie Geschichte, die stets neue Zeiten hervorbringt und der neuesten Zeit, der Mode, dem Aktuellen, eine besondere Bedeutung beimisst. Ich zitiere Reinhard Koselleck: \u201eUnd dabei muss die schnelle Durchsetzung des Begriffs der neuesten Zeit als Indikator eines beschleunigten, geschichtlichen Erfahrungswandels und seiner erh\u00f6hten bewusstseinsm\u00e4\u00dfigen Verarbeitung gedeutet werden.\u201c Die Erfahrung der Beschleunigung hat zwei Konsequenzen, n\u00e4mlich zum einen das Bewusstsein einer Schrumpfung des Gegenwartsbewusstseins, und zum anderen das Erleben der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Man kann sich jetzt vorstellen, dass es entwickeltere und weniger entwickelte Formen gibt.<\/p>\n<p>Das ist auch unser Verst\u00e4ndnis, das wir von der Welt haben, also etwa ein Kontinent wie der europ\u00e4ische, der die Welt kolonisiert hat, ist auf weniger entwickelte Regionen gesto\u00dfen. Oder wir reden heute noch vom Sp\u00e4tkapitalismus. Damit meint man vor allem, dass er bald vorbei ist, aber es bedeutet auch, dass er sich weiterentwickelt hat in einer geradezu logischen Art und Weise. Und die meisten Theorien, die wir kennen, sind Theorien, die so tun, als entfalte sich ein Programm des Komplexer-Werdens, des Differenzierter-Werdens, wom\u00f6glich sogar des Leistungsf\u00e4higer-Werdens. Das Zeitbewusstsein der klassischen Moderne besteht also darin, dass die Zeit selbst ein qualitatives Ma\u00df wird. Das hat erhebliche Konsequenzen f\u00fcr Zukunftsvorstellungen.<\/p>\n<p>Die Moderne konnte sich bis vor kurzem eigentlich nicht vorstellen, dass die Dinge schlechter werden. Viele Verunsicherungen, die zur Zeit beobachtbar sind und vor allem im Alltag beobachtbar sind, haben damit zu tun, dass wir offensichtlich bis vor kurzem nicht daran gew\u00f6hnt waren, auch nur denken zu k\u00f6nnen, dass es der n\u00e4chsten Generation nicht besser geht als uns selbst. Das hei\u00dft \u00fcbrigens nicht, dass es den fr\u00fcheren Generationen der Moderne immer besser gegangen ist als den vorherigen, wenn Sie an die Katastrophen des 20. Jahrhunderts denken, aber als prinzipielle grundlegende Idee kann man schon beobachten, dass das Zeitbewusstsein der Moderne darin besteht, dass die Zukunft die Dinge auf jeden Fall besser macht. Dazu gibt es eine sozialistische Variante, eine konservative Variante, eine b\u00fcrgerliche Variante, \u00fcbrigens auch eine rechte Variante. Die Rechten sind keineswegs nur vergangenheitsorientiert, sondern Zukunftsrevolution\u00e4re und wissen genau, dass die tausendj\u00e4hrigen Einheitsreiche, die man sich imaginiert hat, moderne Erfindungen sind, in denen so etwas wie eine homogen-solidarische Gemeinschaft erst in Zukunft hergestellt werden kann. Das tausendj\u00e4hrige Reich der Nazis war auf die Zukunft hin projiziert.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen hat sich das klassische Zeitbewusstsein der Moderne stark ver\u00e4ndert, sp\u00e4testens dann, als auch im s\u00e4kular-gesellschaftlichen Bereich eine Art Parusie-Verz\u00f6gerung zu beobachten ist, also die Erfahrung, dass der fortschrittsorientierte Automatismus, dass es der n\u00e4chsten Generation in jeglicher Hinsicht besser geht als vorher, ausbleibt oder wenigstens in Zweifel gezogen wird.<\/p>\n<p>Wir stellen letztlich um von Fortschritt auf Risiko. Es ist sehr interessant zu sehen, dass in den unterschiedlichen empirischen Untersuchungen \u00fcber Zukunftsvorstellungen von den 1960er bis zu den 1990er Jahren in allen westlichen Gesellschaften sehr positive Zukunftserwartungen verschwunden sind. Um das positive Bild der 60er Jahre nochmal auf den Begriff zu bringen: Eine der f\u00fcr mich eklatantesten Fehlurteile der damaligen Zeit ist die Aussage Ende der 60er Jahre, die weltweit geteilt wurde, dass man mit der Erfindung der Antibiotika Infektionskrankheiten endg\u00fcltig besiegt hat. Man hat wirklich gedacht, dass es Ende der 1970er Jahre auf der ganzen Welt keine Infektionskrankheiten mehr geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass das Gegenteil eingetreten ist. Man h\u00e4tte es mit den Daten, die man damals hatte, auch schon genauer wissen k\u00f6nnen, man konnte es aber gar nicht sehen, weil es relativ klar war, dass diese Entwicklung in dieser Weise wird stattfinden k\u00f6nnen. Wir wissen, dass das falsch war, und wir haben inzwischen eine Idee, dass solche positiven S\u00e4tze heute nicht mehr m\u00f6glich w\u00e4ren. Und selbst wenn wir feststellen, dass der allgemeine Gesundheitsstand in den entwickelten L\u00e4ndern sich erheblich verbessert hat, die Lebenserwartung gestiegen ist und die Behandlung von schweren Krankheiten erfolgreicher geworden ist, ist unser Bild des Gesundheitszustandes eher negativer geworden. Das Vertrauen in Zuk\u00fcnfte ist offenbar verschwunden, obwohl die objektiven Indikatoren uns bisweilen, zumindest \u00fcber unsere Weltregion, etwas anderes erz\u00e4hlen \u2013 woraus man wiederum sehr sch\u00f6n sehen kann, dass es bei Zukunftserwartungen nicht um die Zukunft geht, sondern darum, wie wir uns die Gegenwart vorstellen. Das Risikobewusstsein wird immer stabiler, und Zukunftserwartungen letztlich immer fragiler.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, angemessen \u00fcber die Zukunft nachzudenken? Am besten w\u00e4re es doch, so etwas wie Kausalit\u00e4t in Anspruch nehmen zu k\u00f6nnen, also nach dem Schema: Wenn wir dies tun, wird in der Zukunft jene Wirkung erzielt. Nehmen wir als Beispiel den Klimawandel und nehmen wir versuchsweise an, dass wir genau w\u00fcssten, was zu tun ist, um die politisch in Resolutionen vereinbarten Klimaziele zu erreichen. Warum gelingt es nicht, das auch umzusetzen? Das liegt daran, dass eine Gesellschaft nicht aus einem Guss ist, und unterschiedliche Teile der Gesellschaft nicht einfach miteinander synchronisiert werden k\u00f6nnen. Ich argumentiere holzschnittartig: Am besten w\u00e4re es doch, wenn die Industrie, nehmen wir nur die Automobil-Industrie, in der Lage w\u00e4re, ihre ganze Energie einzusetzen (Energie ist eine sch\u00f6ne Metapher daf\u00fcr), ihre ganze Energie einzusetzen, um endlich das Speicherproblem f\u00fcr das Elektroautomobil zu l\u00f6sen. Wer das l\u00f6st, wird ein \u00f6konomisches Problem l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wenn man mit Leuten aus der Autoindustrie redet, was ich zum Teil getan habe, dann h\u00f6rt man von denen den Satz: \u201eOkay, das stimmt, aber wir m\u00fcssten daf\u00fcr aus dem Gesch\u00e4ftsbereich so viel Geld abziehen, dass die jetzigen \u00f6konomischen Herausforderungen, die vor allem etwas mit unseren B\u00f6rsenpr\u00e4senzen zu tun haben und den Erwartungen unserer Eigent\u00fcmer, n\u00e4mlich der Aktion\u00e4re, damit nicht kompatibel sind. Weil wir in drei Monaten wieder ein Ergebnis darstellen m\u00fcssen und Dividenden auszahlen m\u00fcssen, ohne die uns das Kapital abgezogen wird.\u201c Was ich hier sehr einfach demonstrieren will, ist, dass wir auf einmal \u00fcber Kapitalfl\u00fcsse reden statt \u00fcber die technische Frage, wie man diese Speichertechnologien entwickeln kann. Und schon verschiebt sich das Problem von hier nach dort.<\/p>\n<p>Oder denken Sie an den privaten K\u00e4ufer eines Automobils, der sich sagt: \u201eIch bin \u00f6kologisch bewusst, ich m\u00f6chte ein Elektroauto. Aber das der ersten Generation kaufe ich nicht. Das ist zu teuer. Ich schaue erst mal, wie es mit der zweiten ist\u201c. Nur, es wird keine erste geben, wenn es nicht Leute gibt, die sie kaufen. Das w\u00e4ren private \u00f6konomische Entscheidungen. Weiter geht es um die Frage der Infrastruktur. Wer soll diese eigentlich herstellen? Der Staat? Private Akteure, also private \u00f6konomische Akteure? Wer ist daf\u00fcr zust\u00e4ndig? Wieder eine Verschiebung. Dann kommen Wettbewerbsfragen dazu. Zum Beispiel: welchen Kabelstandard? Ohne hier \u00fcber technische Details zu sprechen, sollte deutlich werden, dass das gro\u00dfe Problem des Klimawandels sich immer weiter verschiebt und am Ende mit DIN-Normen f\u00fcr Kabelanschl\u00fcsse zu tun hat.<\/p>\n<p>Das globale Klimaproblem wird also heruntergerechnet auf das Synchronisationsproblem eines Steckers, der \u00fcberall in Europa gleich funktionieren muss. Und wenn man sich auf etwas einigt, ist die Frage, dass der eine \u00f6konomisch daran gewinnt und der andere nicht. Schlie\u00dflich die Frage: Wer traut sich, hier politisch in Vorlage zu gehen? Politisch ist es sehr leicht, Protokolle und Resolutionen zu verfassen, zu denen Leute \u00fcbrigens mit vierstrahligen Flugzeugen hinfliegen m\u00fcssen und dabei viel Kohlendioxid produzieren. Aber das politisch umzusetzen, wom\u00f6glich in Wirtschaftskreisl\u00e4ufe einzugreifen, ist politisch viel risikobehafteter \u2013 selbst mit dem Hinweis, dass die Energiebranche stets eine politisch regulierte Branche war, in der diejenigen profitiert haben, die auf die politisch gewollten Technologien gesetzt haben. Dass wir noch so lange auf die Kohle setzen, ist mehr politische als \u00f6konomische Entscheidung.<\/p>\n<p>An dieser sehr einfachen Beschreibung l\u00e4sst sich schon ablesen, dass jedes gro\u00dfe Problem, das die moderne Gesellschaft hat, in kleingeteilte Probleme unterschiedlicher Logiken, \u00f6konomischer, privater, politischer, wissenschaftlicher, ethischer, rechtlicher und sonstiger Natur kleingedrechselt werden muss. Es gibt keinen Ort, von dem aus Sie diese Gesellschaft steuern k\u00f6nnen und von dem aus diese dann wie aus einem Guss reagiert. Die Komplexit\u00e4t dieser Gesellschaft besteht eben darin, dass diese niemals einheitlich reagiert, sondern im Sinne eines Systems verteilter Intelligenzen \u00f6konomische, politische, rechtliche, wissenschaftliche, mediale und andere Logiken je unterschiedliche Probleme l\u00f6sen m\u00fcssen und schwer koordinierbar sind. Aus politischer Perspektive ist der Klimawandel eben etwas anders als aus \u00f6konomischer oder wissenschaftlicher. Das bedeutet, dass Zukunftsplanung eben keine Planung im Sinne von Kausalmodellen ist, sondern damit rechnen muss, dass sich Ziele in Wechselwirkungsprozessen ver\u00e4ndern und somit mit einer unbekannt bleibenden Zukunft zu tun haben. Das verweist auf das grundlegende Problem der Entscheidung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn es etwas gibt, was das Selbstbewusstsein der westlichen Kultur auf den Begriff bringt, dann ist es wohl der Glaube daran, dass Entscheidungen mit Kalk\u00fcl versehen werden k\u00f6nnen. Max Weber hat diese Mentalit\u00e4t in seinem ber\u00fchmten Vortrag \u201eWissenschaft als Beruf\u201c mit folgenden Worten auf den Begriff gebracht, ich zitiere: \u201eDas Wissen davon oder den Glauben daran, dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren k\u00f6nnte, dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren M\u00e4chte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge durch Berechnen beherrschen k\u00f6nne\u201c. Max Weber behauptet nicht, dass man das kann, sondern er behauptet, dass das Zeitbewusstsein der Moderne davon ausgeht, dass man, und das ist eine grandiose Formulierung Max Webers, \u201ewenn man nur wollte\u201c, die Dinge tats\u00e4chlich durch Berechnen beherrschbar w\u00e4ren. Das ist f\u00fcr linear gesteuerte Systeme geschrieben. Dort, wo wir es mit Komplexit\u00e4t, mit Wechselwirkung, mit Uneindeutigkeit, mit der Ver\u00e4nderung der Parameter w\u00e4hrend des Prozesses zu tun haben, gilt es nicht mehr. Also, selbst, wenn man es wollte, lassen sich die Dinge ganz offenbar nicht in dieser Weise darstellen. Max Weber selbst hat \u00fcbrigens keineswegs geglaubt, dass eine solche Kontrolle tats\u00e4chlich m\u00f6glich sei, er hat nur das Selbstverst\u00e4ndnis einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation auf den Begriff gebracht, die gewisserma\u00dfen an ihrer Gesellschaft scheitern muss.<\/p>\n<p>Was ist eine Entscheidung? Zun\u00e4chst wird man sagen: Eine Entscheidung ist ein gegenw\u00e4rtiger Versuch, etwas in der Zukunft in einer bestimmten Weise zu binden. Und man wird wohl zun\u00e4chst davon ausgehen, dass man daf\u00fcr m\u00f6glichst gute Informationen und umfassendes Wissen braucht. Aber wenn man genau hinsieht, sind die Dinge etwas komplizierter. Wir k\u00f6nnen zum Beispiel annehmen, dass vollst\u00e4ndige Informationen und eindeutiges Wissen wom\u00f6glich eine Entscheidung unn\u00f6tig machen w\u00fcrden. Ein ganz einfaches Beispiel: Sie fahren auf eine Kreuzung zu, und Sie wissen genau, dass Sie rechts abbiegen m\u00fcssen. Dann m\u00fcssen Sie sich nicht entscheiden. Erst wenn Sie auf eine Kreuzung zufahren und es nicht genau wissen, m\u00fcssen Sie entscheiden! Oder \u2013 das ist mir letztens passiert &#8211;\u00a0 Sie haben zwei Navigationsger\u00e4te gleichzeitig laufen. Das eine pl\u00e4diert f\u00fcrs Rechtsabbiegen, das andere f\u00fcrs Linksabbiegen. Die Differenz kommt dadurch zustande, dass die beiden Ger\u00e4te mit unterschiedlichen Daten \u00fcber Verkehrsfl\u00fcsse und mit unterschiedlichen Kriterien und Algorithmen arbeiten, so dass es zu unterschiedlichen L\u00f6sungen f\u00fcr das gleiche Problem kommt. Ich muss dann also Entscheidungen treffen \u2013 und lerne zugleich mit, dass auch die technisch unterst\u00fctzten Entscheidungsger\u00e4te mit selektiven Informationen umgehen.<\/p>\n<p>Entscheidungen werden also nicht trotz, sondern wegen Nichtwissens getroffen. Im \u00f6konomischen Bereich ist das wohl am plausibelsten \u2013 und das gilt f\u00fcr private Kaufentscheidungen ebenso wie f\u00fcr unternehmerische Entscheidungen \u00fcber Investitionsstrategien oder Produkteinf\u00fchrungen. Man kann schlicht keine vollst\u00e4ndige Information haben \u2013 \u00fcber die Zukunft schon gar nicht. Stellen Sie sich einen Markt vor, in dem es vollst\u00e4ndige Informationen g\u00e4be \u2013 \u00d6konomen stellen sich manchmal solche idealen M\u00e4rkte vor. Solche M\u00e4rkte w\u00fcrden sofort zusammenbrechen, weil die richtige Information sofort zur falschen wird, denn wenn alle das genau selbe machen, weil es ja das Richtige ist, wird nicht mehr der Effekt erzielt wird, der die Entscheidung zu einer richtigen gemacht hat.<\/p>\n<p>Oder stellen Sie sich vor, wie Sie Karrieren machen. Karrieren k\u00f6nnen Sie nur machen, weil Sie nicht wissen, wie sie ausgehen \u2013 gerade deshalb muss man sich f\u00fcr Karrierestrategien entscheiden. F\u00fcr Eheentscheidungen gilt das auch. Dass wir unsere Ehepartner selbst w\u00e4hlen, also relativ freie Entscheidungen\u00a0 treffen, ist eine menschheitsgeschichtlich vergleichsweise sp\u00e4te Erfindung. Als Entscheidungshilfe hat die westliche Gesellschaft die literarische Form romantischer Liebe erfunden, um so das Informationsdefizit auszugleichen. Weil wir ja nicht wissen, wie es ausgeht, \u00fcbertreiben wir die Attraktivit\u00e4t des anderen in einer bestimmten Gegenwart so stark, dass es uns leichter wird, unter Nichtwissensbedingungen eine Entscheidung zu treffen. Nehmen Sie das nicht als witziges Bonmot, sondern genau daf\u00fcr ist diese Idee der romantischen Liebe literarisch erfunden worden.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel w\u00e4re die Inszenierung von Entscheidungen in Unternehmen. Wenn Sie eine wichtige Entscheidung zu treffen haben, dann geht nicht einfach jemand hin und sagt: Leute, wir machen das jetzt so und so, sondern dann wird das inszeniert als etwas, das eine gro\u00dfe Bedeutung hat, und je unsicherer die Entscheidung, desto st\u00e4rker muss diese Entscheidung inszeniert werden.<\/p>\n<p>Als letztes Beispiel m\u00f6chte ich die Demokratie anf\u00fchren. Die Entscheidung \u00fcber Wahlen nach dem Mehrheitsprinzip dient nicht nur dazu, den Willen des Volkes zu dokumentieren, sondern mit dem prinzipiellen Nicht-Wissen \u00fcber die Zukunft der Gesellschaft umzugehen. Mehrheitsentscheide sind gewisserma\u00dfen eine Vergesellschaftung des Risikos des Nicht-Wissens. Sie entlassen uns aus dem noch gr\u00f6\u00dferen Risiko, Entscheidungen aus rein sachlichen Kriterien zu deduzieren. Kontrollierte Macht auf bestimmte Zeit erm\u00f6glicht es dann, die Entscheidung auf die eigene M\u00f6glichkeit zur\u00fcckzuf\u00fchren \u2013 und im Notfall bei Nichterf\u00fcllung abgew\u00e4hlt zu werden. Der Vorteil ist \u00fcbrigens, dass man dann auf zu starke Konsense verzichten kann, was Sachentscheidungen wom\u00f6glich sogar gut tun kann \u2013 eine komplexe Gemengelage also.<\/p>\n<p>All diese Dinge sind ein Hinweis darauf, dass Entscheidungen etwas mit Nichtwissen zu tun haben, und die Frage, wie wir \u00fcber die Zukunft der Gesellschaften nachdenken und sie gestalten, h\u00e4ngt genau mit der Frage eines merkw\u00fcrdigen Nichtwissensmanagements zusammen.<\/p>\n<p>Ein Tool des Nichtwissensmanagements sind Szenarien. Wer mit Szenarien arbeitet, hat sich von der Idee strikter Kausalit\u00e4t bereits verabschiedet und erkennt an, dass er nicht einmal kontrollieren kann, was die relevanten Parameter sind, um etwas \u00fcber die Zukunft sagen zu k\u00f6nnen. Wom\u00f6glich m\u00fcssen wir dar\u00fcber nachdenken, dass so etwas wie Steuerung und Zukunftsplanung immer weniger so etwas wie direktive Steuerung sein kann, sondern eher eine Moderation von Prozessen. Wer heute eine Innovation initiieren will, m\u00fcsste ein Moderator unterschiedlicher Spieler sein, die sich auf Augenh\u00f6he begegnen und wom\u00f6glich unterschiedliche L\u00f6sungen durchspielen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Letzter Punkt: All das, wovon ich gesprochen habe, l\u00e4sst sich in dem Begriff Komplexit\u00e4t zusammenfassen. Komplexit\u00e4t meint die gleichzeitige Bearbeitung unterschiedlicher Aufgaben, die nicht mehr kausal, sondern in Form von Wechselwirkung aufeinander bezogen sind, also in sich wechselseitig erm\u00f6glichend oder verunm\u00f6glichend, verst\u00e4rkend oder vermindernd. Das ist eine Metapher f\u00fcr eine moderne Gesellschaft, die weder ein Zentrum, noch so etwas wie einen Hebel kennt, von dem her sich alles organisieren l\u00e4sst. Selbst mein Vortrag tut so, als w\u00fcrde er das Ganze beschreiben, aber kann das auch nur aus einer der Perspektiven einer verteilten Intelligenz, n\u00e4mlich eines Soziologen, der mit Hilfe dieser Beschreibung keine weiteren Entscheidungen dazu treffen muss, was die Beschreibung \u00fcbrigens stark ver\u00e4ndert. W\u00fcrde ich hier als Politiker, als Unternehmensvertreter oder als Richter reden, m\u00fcsste ich ganz anders argumentieren. Das ist nur ein weiterer Hinweis darauf, dass es keine zentrale Beschreibungs-, geschweige denn Steuerungsinstanz moderner Gesellschaften gibt. Die Zukunft der Gesellschaft wird sich erst als Vergangenheit heute zuk\u00fcnftiger gegenwarten beurteilen lassen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Sozialwissenschaftler nach der Zukunft der Gesellschaft zu befragen, ist eine erwartbare Frage. Ebenso erwartbar ist, dass es auf die Frage unterschiedliche Antworten gibt. 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