{"id":117810,"date":"2026-01-16T10:04:26","date_gmt":"2026-01-16T09:04:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117810"},"modified":"2026-01-16T10:04:29","modified_gmt":"2026-01-16T09:04:29","slug":"zukuenfte-eine-kurze-geschichte-der-zukunftsforschung-seit-1945","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zukuenfte-eine-kurze-geschichte-der-zukunftsforschung-seit-1945\/","title":{"rendered":"Zuk\u00fcnfte"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDie fatalistische Auffassung, da\u00df die Zukunft unvorhersehbar und unvermeidlich sei, wird nach und nach aufgegeben. Man beginnt einzusehen, da\u00df es eine F\u00fclle m\u00f6glicher Zuk\u00fcnfte gibt und diese M\u00f6glichkeiten durch entsprechende Interventionen verschieden gestaltet werden k\u00f6nnen. Das erhebt die Erkundung des Kommenden und das Suchen nach seiner Beeinflussung zu Bem\u00fchungen von gro\u00dfer sozialer Verantwortlichkeit. &#8230; (W)ir (m\u00fcssen) aufh\u00f6ren, Zuschauer der Zeitgeschichte zu bleiben und an ihr mit der Absicht wirken, die Zukunft zu gestalten.\u201c<\/p>\n<p>Dieses Zitat ist dem Gr\u00fcndungspapier des \u201eZentrums Berlin f\u00fcr Zukunftsforschung\u201c entnommen, das sich 1968 formierte. Demnach schien die Zukunft aus einer Vielzahl an \u201eZuk\u00fcnften\u201c zu bestehen, welche nicht nur prognostiziert, sondern gestaltet werden k\u00f6nnten. Dies waren die Grundgedanken der \u201eZukunftsforschung\u201c, die in den 1950er und 1960er Jahren als eine neue Wissenschaft entstand: Sie betonte die M\u00f6glichkeiten der aktiven Gestaltung der Zukunft, die sich im Begriff der Zuk\u00fcnfte widerspiegelten. In der Tat war die fr\u00fche Zukunftsforschung von einem teilweise frappierenden Vertrauen in die Prognostizierbarkeit von Zukunft, ja teilweise einer regelrechten Steuerungseuphorie geleitet, die sich aus einem \u00fcberzogenen Technikoptimismus speiste. Da auch die Politik der 1960er Jahre im Banne von Ideen der vorausschauenden politischen Planung stand, fand die Zukunftsforschung rasch politische Aufmerksamkeit. Doch br\u00f6ckelten der Technikoptimismus und das Vertrauen in die Voraussagbarkeit von Zukunft schon um 1970 \u2013 also vor der ersten \u00d6lkrise 1973: Der Fokus der Zukunftsforschung verschob sich auf die \u00d6kologie: Sie nahm nun verst\u00e4rkt die Zukunft des Menschen in seiner Umwelt und im globalen \u00d6kosystem in den Blick. Dies verband sich mit einer Welle von Krisenszenarien. In der Folge wuchs die Einsicht, dass ein objektives Wissen \u00fcber \u201eZuk\u00fcnfte\u201c nicht erlangt werden kann, dass die Zukunft offen ist \u2013 und dies sind \u00fcber die Zukunftsforschung hinaus die Grundlagen des heutigen Verst\u00e4ndnisses von Zukunft.<\/p>\n<p>Mein Vortrag konzentriert sich auf die bundesdeutsche Zukunftsforschung, ordnet diese aber in internationale Zusammenh\u00e4nge und insbesondere die transatlantischen Bez\u00fcge ein \u2013 auch weil die entstehende Zukunftsforschung der 1950er Jahre von Beginn an eine internationale Wissenschaft war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Eine Geschichte der Zuk\u00fcnfte<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zukunft hat eine lange Geschichte. Der Historiker Reinhart Koselleck argumentierte, dass in der \u201eSattelzeit\u201c um 1800 in Europa ein modernes Verst\u00e4ndnis von Zeit und Zukunft Einzug gehalten habe. Mit der Aufkl\u00e4rung verloren eschatologische Bez\u00fcge, also die christliche Erwartung der Wiederkehr Christi auf Erden, und religi\u00f6se Prophezeiungen an Deutungskraft. Zugleich erschlossen sich neue Erwartungshorizonte durch die Vorstellung einer offenen, vom Menschen planbaren Zukunft, was als \u201eFortschritt\u201c auf den Begriff gebracht wurde. Damit schwand ein prophetisches Zeitverst\u00e4ndnis, das die Zukunft auf die Gegenwart zukommen sah, zugunsten eines prognostischen, welches von der Vergangenheit und Gegenwart aus die Zukunft geradezu wie auf einem Zeitstrahl entwarf und davon ausging, dass das Erwartbare bis zu einem gewissen Grad aus der Vergangenheit und Gegenwart ableitbar sei.<\/p>\n<p>Ob sich diese Wandlungsprozesse erst mit der Zeit um 1800 verorten lassen, ist umstritten. Doch zentral ist die \u00dcberlegung, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht voneinander getrennte Dimensionen sind, sondern sich \u00fcber Erfahrungs- und Erwartungsprozesse miteinander verkn\u00fcpfen, ja dass jede Besch\u00e4ftigung mit Zukunft in der Gegenwart angelegt ist und sich von ihr aus entwickelt. Damit existierten (und existieren) immer verschiedene M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume und Entw\u00fcrfe von Zukunft \u2013 eben Zuk\u00fcnfte \u2013, die aus den verarbeiteten Erfahrungen des einzelnen und der Gegenwart der Prognose hervorgehen. Die Geschichte der Zuk\u00fcnfte zu erforschen erscheint wichtig, weil diese sehr viel \u00fcber die damaligen Erfahrungen und Ordnungsvorstellungen aussagen. Zudem pr\u00e4gten Zukunftsentw\u00fcrfe folgende Entwicklungen \u2013 etwa bei einer Warnungsprognose, die Gegenkr\u00e4fte auf den Plan ruft, die verhindern, dass diese prognostizierte Zukunft eintritt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Formierung im Zeichen des Kalten Krieges \u2013 und eines Technikoptimismus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Wurzel der modernen Zukunftsforschung lag der Kalte Krieg. Wissenschaft und Politik waren damals eng verzahnt, eine Cold War Science entstand. Die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West herrschte ja auch und gerade auf technologischem Gebiet. Beide Seiten investierten deshalb hohe Summen in die milit\u00e4risch-strategische und technologische Forschung. Insbesondere die USA schuf eigene Strukturen der Gro\u00dfforschung; dabei konnte man an das \u201eManhattan Project\u201c ankn\u00fcpfen, das Projekt zur Erbauung der Atombombe im Zweiten Weltkrieg. Mit Think Tanks entstanden nach 1945 formal unabh\u00e4ngige Forschungsinstitute, in denen hunderte Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen an Projekten politischer Bedeutung arbeiteten. Am bekanntesten ist die kalifornische RAND Corporation, die von der US Air Force begr\u00fcndet wurde und umfangreiche Mittel durch Regierungsauftr\u00e4ge, vor allem aus dem Verteidigungsministerium, zur Verf\u00fcgung hatte. In den Think Tanks wurden auf interdisziplin\u00e4rer Basis neue Methoden wissenschaftlicher Vorausschau entwickelt. Die theoretische Basis bildeten die Spieltheorie, welche Entscheidungen in Konfliktsituationen untersuchte, und in besonderer Weise die Kybernetik, eine neue, \u00fcbergreifende Wissenschaft von der Nachrichten\u00fcbermittlung, Kontrolle und Steuerung in Systemen. In einem mechanistischen Verst\u00e4ndnis ging sie davon aus, dass R\u00fcckkopplungsprozesse der Regelung und \u00dcbertragung von Nachrichten sowohl Menschen als auch Maschinen kennzeichneten. Damit lie\u00dfen sich, so die Vorstellung, Prozesse als Systeme in ihren inneren und \u00e4u\u00dferen R\u00fcckkopplungsprozessen analysieren und damit Folgen bestimmter Entscheidungen in Simulationsmodellen durchspielen: Das Nachbilden eines Systems in einem Modell sollte die Prognose von Entwicklungen und die Steuerung der Zukunft erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Kybernetik und die davon abgeleitete Systemanalyse erlebten in den 1950er und 1960er Jahren in den USA und Westeuropa, aber auch in den sozialistischen Staaten einen Siegeszug: Mit ihr schien sich die Zukunft prognostizieren und steuern zu lassen. Die Problematik des mechanistischen Verst\u00e4ndnisses \u2013 eine gewisse Gleichsetzung von Mensch und Maschine \u2013 wurde hingegen nur wenig reflektiert. Eine besondere Rolle spielte in den ersten Modellierungen der Computer: Die Think Tanks verf\u00fcgten dank reicher Ausstattung \u00fcber die ersten Gro\u00dfcomputer, damals raumhohe Rechner, und glaubten sich so in der Lage, mittels moderner Technik eine Vielzahl an Daten zu sammeln und f\u00fcr die Simulationsmodelle aufbereiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben den Simulationsmodellen entwickelte sich eine zweite Methode bei RAND, die auch heute noch zentrale Bedeutung in der Zukunftsforschung hat, n\u00e4mlich \u201eDelphi\u201c als systematische Befragung von Experten. Diese sollten mittels eines Fragebogens in mehreren Runden m\u00f6gliche und wahrscheinliche Entwicklungen in spezifischen Feldern sch\u00e4tzen, die Wahrscheinlichkeiten in bestimmten Zeitintervallen angeben und Gr\u00fcnde f\u00fcr abweichende Meinungen anf\u00fchren (denn die Ergebnisse der Fragerunden wurden ihnen zur Verf\u00fcgung gestellt). In der ber\u00fchmten Delphi-Studie \u201eLong-Range Forecasting Study\u201c von RAND (1964) ging es vor allem um wissenschaftlich-technische Zuk\u00fcnfte, um Automation, Raumfahrt sowie Waffensysteme der Zukunft. Die Experten rechneten etwa im Mittel damit, dass im Jahr 1980 zentrale \u201eInformationsbanken\u201c zug\u00e4nglich seien (als Antizipation des Internets). F\u00fcr das Jahr 2000 erwartete man, dass Menschen zum Mars fliegen w\u00fcrden, f\u00fcr 2020 Symbiosen zwischen Mensch und Maschine, und sogar die \u201eunmittelbare Einf\u00fchrung von Informationen in das Gehirn\u201c erschien der Mehrheit langfristig als erreichbar. Erkennbar wird hier nicht nur die Methode \u201eDelphi\u201c, sondern auch, dass die fr\u00fche Zukunftsforschung stark im Zeichen einer Wissenschafts- und Technikeuphorie stand.<\/p>\n<p>Das Methodenwissen der Zukunftsforschung entstammte also den USA, aber die Zukunftsforschung als neue \u00fcbergreifende Wissenschaft entstand erst im Rahmen eines transatlantischen Wissensaustauschs, und auch hier spielte der Kalte Krieg eine zentrale Rolle. Als Mittler diente die Ford Foundation, eine der gro\u00dfen amerikanischen Stiftungen, die immer auch sehr politische Ziele hatte: Ihr ging es darum, das westliche Demokratiemodell im Kalten Krieg zu sichern. Die Ford Foundation finanzierte deshalb ab 1961 ein transatlantisches Projekt zur Zukunftsforschung, Futuribles genannt (aus \u201efutur\u201c und \u201epossible\u201c). Das Projekt hatte seine Operationsbasis in Paris und Genf, was kein Zufall war: In Frankreich bestand eine lange Affinit\u00e4t zur Zukunftsplanung, die sich in der Planification, der wirtschaftlichen Rahmenplanung nach 1945 widerspiegelte. Zudem trieb auch franz\u00f6sische und westeurop\u00e4ische Eliten das Interesse an der Zukunft der westlichen Demokratie, gerade im Zeichen der Krise der franz\u00f6sischen IV. Republik und der Bildung der pr\u00e4sidentiellen V. Republik. Futuribles veranstaltete in den fr\u00fchen 1960er Jahren internationale Konferenzen, die sich aber rasch nicht mehr nur um die Zuk\u00fcnfte der Demokratie drehten, sondern um die theoretische und methodische Basis einer Wissenschaft von der Zukunft. In der Folge etablierten sich in vielen westlichen Industriestaaten, neben den USA und Frankreich auch in der Bundesrepublik, Institute der Zukunftsforschung, etwa das eingangs genannte Zentrum Berlin f\u00fcr Zukunftsforschung (ZBZ).<\/p>\n<p>Dies war die eine Wurzel eines Wissensaustauschs, die andere war ein gegenteiliger Prozess, n\u00e4mlich eine Kommunikation unter Wissenschaftlern und Intellektuellen, die \u00fcber die Grenzen des Kalten Krieges hinweg wirken wollten. In der Tat war Zukunftsforschung ja auch kein Ph\u00e4nomen des Westens. Ausgehend vom marxistisch-leninistischen Fortschrittsparadigma und gepr\u00e4gt vom technologischen Wettlauf zwischen West und Ost hatte sich in den 1960er Jahren auch in den sozialistischen Staaten die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Zukunft intensiviert. In Zeiten des drohenden Atomkrieges zwischen West und Ost wollten sich Wissenschaftler insbesondere \u00fcber den Frieden (als gewollter Zukunft) austauschen. Dies zeigte etwa die Initiative \u201eMankind 2000\u201c, die 1964 aus der westlichen Friedensbewegung hervorging und eine Kommunikation mit Wissenschaftlern aus den sozialistischen Staaten \u00fcber Frieden anstie\u00df.<\/p>\n<p>Der Kalte Krieg bildete damit eine zentrale Rahmenbedingung f\u00fcr die Formierung der Zukunftsforschung. Hinzu kam ein neuer Technikoptimismus und \u2013 damit verkn\u00fcpft \u2013 ein politischer Planungsboom. Der Wiederaufbau und die Zeit nach dem Kriege schienen Ende der 1950er Jahre in Wissenschaft und Politik endg\u00fcltig abgeschlossen, nun konnte vorausgedacht, modernisiert, in die Zukunft geplant werden. Zugleich zeichneten sich Spr\u00fcnge der technologischen Entwicklung ab und wurden medial vermittelt: die Atomtechnik, die in ihrer zivilen Nutzung in den 1950er und 1960er in Europa ja unumstritten war, die Luft- und Raumfahrt als gro\u00dfes Prestigeprojekt im Kalten Krieg und die bereits genannte Computertechnik. Hieraus speiste sich ein Technikoptimismus der sp\u00e4ten 1950er und 1960er Jahre, der sich in Kultur und Film niederschlug, etwa in der fiktionalen Verarbeitung von Technik in der Science Fiction wie in den Fernseh-Serien \u201eStar Trek\/Raumschiff Enterprise\u201c und \u201eRaumpatrouille\u201c. Sichtbar wurde dies zudem in intellektuellen Diskussionen \u00fcber das \u201eAtomzeitalter\u201c und den \u201etechnischen Staat\u201c, der \u2013 so die Argumentation \u2013 vermehrt auf technische Rationalit\u00e4t und Planung setzen sollte.<\/p>\n<p>Politische Planung war ja besonders in der fr\u00fchen Bundesrepublik negativ betrachtet worden. Dies wurzelte in der DDR-Planwirtschaft, von der man sich in Westdeutschland auf jeden Fall absetzen wollte. Doch in den 1960er Jahren wurde Planung im Westen und auch in der Bundesrepublik zu einem politischen Leitbild. Den Hintergrund bildeten der wirtschaftliche Boom, der ganz neue Handlungs- und Planungsspielr\u00e4ume zu bieten schien. Zudem wirkte eben ein positiv besetztes Wissenschafts- und Technikverst\u00e4ndnis, das auch auf das Vorbild der bewunderten amerikanischen Think Tanks Bezug nahm. Planung galt jetzt als modern, als vorausschauendes Regieren, das sich moderner wissenschaftlich-technischer Mittel wie des Computers bediente und damit rational ausgerichtet war, also sach- und vernunftorientiert, um die vermeintlich sachlich richtigen Entscheidungen zu treffen, etwa mit der Steuerung der wirtschaftlichen Konjunktur im Keynesianismus. Vor allem die SPD war zunehmend an der Zukunftsforschung interessiert, damit die politischen Akteure \u2013 so taten etwa die 1969 ver\u00f6ffentlichten sozialdemokratischen \u201ePerspektiven f\u00fcr die 1970er Jahre\u201c kund \u2013 erw\u00fcnschte und unerw\u00fcnschte Entwicklungen antizipieren und die Zukunft gestalten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Charakteristika und Str\u00f6mungen der fr\u00fchen Zukunftsforschung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Blickt man auf die Netzwerke und Personen, die Zukunftsforschungs-Institute begr\u00fcndeten, die Zukunftsforschung als neue Disziplin konzeptionierten und praktizierten, so l\u00e4sst sich zeigen, dass sich diese Akteure \u00fcber die L\u00e4ndergrenzen hinweg in mehreren Punkten einig waren. Sie einte erstens die Wahrnehmung einer Beschleunigung, also eines immer rascheren Wandels der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, der mit wachsender Komplexit\u00e4t einherging. Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen betonten den exponentiellen Anstieg des Wissens und die \u201eDurchbr\u00fcche\u201c in unterschiedlichen Gebieten der Forschung, vor allem in der Luft- und Raumfahrt und der Computertechnik. Daher schien es zweitens dringend n\u00f6tig zu sein, in einer holistischen Perspektive vorauszuschauen und zu planen. In diesem Sinne ging die Zukunftsforschung von einem ganzheitlichen Verst\u00e4ndnis aus, das die Zukunft \u201eals Ganzes\u201c, als Einheit erforschen wollte (und eben nicht die Zukunft der Konjunktur wie die Wirtschaftsprognostik). Drittens war die technisch-wissenschaftliche Beschleunigung erst \u2013 in der Sichtweise der Zukunftsforscher \u2013 die Voraussetzung f\u00fcr eine mittel- und langfristige Vorausschau: Nun gab es neue Methoden und Instrumente, welche die Zukunft prognostizierbar und steuerbar machten \u2013 vor allem die Kybernetik und den Computer. Viertens war immer wieder vom Begriff der vielen m\u00f6glichen \u201eZuk\u00fcnfte\u201c die Rede. Ausgangspunkt dessen war in den 1950er Jahren die \u2013 vorsichtige \u2013 \u00dcberlegung, dass belastbares, objektives Wissen \u00fcber die Zukunft kaum zu erlangen sei, weil sich eben viele Zuk\u00fcnfte aus der Gegenwart heraus entwickelten. Doch in den 1960er Jahren interpretierten viele Zukunftsforscher den Begriff der \u201eZuk\u00fcnfte\u201c im Sinne eines dominierenden Steuerungs- und Machbarkeitsdenkens: Demnach gab es eine F\u00fclle an M\u00f6glichkeiten, die man aber nicht nur prognostizieren, sondern auch aktiv gestalten, ja zwischen denen man geradezu w\u00e4hlen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Damit lassen sich Gemeinsamkeiten anf\u00fchren, die das \u201eFach\u201c der Zukunftsforschung ausmachten. Dennoch existierten von Beginn an \u2013 und gerade in den ersten Jahren \u2013 verschiedene Str\u00f6mungen innerhalb der Zukunftsforschung, die teilweise konkurrierten und Konflikte austrugen. Diese Str\u00f6mungen \u2013 auch Denkstile genannt \u2013 hingen mit Ordnungsvorstellungen und Erfahrungen der Wissenschaftler, mit erkenntnistheoretischen Ans\u00e4tzen und nationalen Wissenschaftstraditionen zusammen und f\u00fchrten zu bestimmten Konzeptionen dessen, was Zukunftsforschung sein sollte.<\/p>\n<p>Ein erster Zugang, der normativ gepr\u00e4gt war, hatte eine philosophische Erkenntnisgrundlage und war besonders in der franz\u00f6sischen Zukunftsforschung verbreitet. In Frankreich war ja schon in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung, durch August Comte und andere, \u00fcber die M\u00f6glichkeiten wissenschaftlicher Vorausschau und Planung reflektiert worden. In gewisser Weise f\u00fchrte diese Tradition auch der Politikwissenschaftler Bertrand de Jouvenel fort, der \u00fcber die Zuk\u00fcnfte der westlichen Demokratie reflektierte und den Begriff der \u201efuturibles\u201c aus \u201efutur\u201c und \u201epossible\u201c erfand. Parallelen zeigten sich hier etwa zum bundesdeutschen Atomphysiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker, der ebenfalls aus einem liberal-aufkl\u00e4rerischen, aber st\u00e4rker protestantisch gepr\u00e4gten Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Zukunft nachdachte. Beiden ging es darum, die Welt, die mit ihrer technischen und sozialen Beschleunigung aus den Fugen geraten schien, wieder zu ordnen, und beide begriffen Zukunftsforschung auch als \u201eKunst\u201c in einem elit\u00e4ren Sinne, was die individuellen F\u00e4higkeiten desjenigen betonen wollte, der \u00fcber die m\u00f6glichen Zuk\u00fcnfte in einem normativen Sinne nachdachte.<\/p>\n<p>Dominierend war in den 1960er Jahren ein zweiter Denkstil, den ich als empirisch-positivistisch bezeichne. Ihn verk\u00f6rperten Natur- und Sozialwissenschaftler, die Prognosen erstellen wollten, also konkrete, korrekte Voraussagen, und davon ausgingen, dass es m\u00f6glich sei, objektives Wissen \u00fcber die Zukunft mit modernen Techniken zu produzieren. Methoden waren die Extrapolation, also das lineare Weiterdenken von Entwicklungen, die bereits genannte Delphi-Methode und von der Kybernetik inspirierte, computerunterst\u00fctzte Simulationsmodelle. In den US-Think Tanks dominierte dieser Zugang, verk\u00f6rpert etwa vom bekannten US-Futurologen Herman Kahn, der nicht nur einer der V\u00e4ter der Modellsimulation war, sondern auch im Buch \u201eThe Year 2000\u201c \u00e4hnlich technikbegeisterte Prognosen wie die Delphi-Befragung \u2013 \u00fcber den Siegeszug des Computers und kommende Reisen auf den Mars \u2013 erstellte.<\/p>\n<p>Auch viele Zukunftsforscher in der Bundesrepublik orientierten sich an einem empirisch-positivistischen Zugang und zeigten sich \u2013 wohl weil sie wegen der NS-Gro\u00dfforschung auf keine eigenen Planungstraditionen zur\u00fcckgreifen konnten \u2013 besonders stark von der US-Forschung und ihren Computermodellen beeindruckt. Dies galt etwa f\u00fcr den Professor f\u00fcr Fernmelde- und Drahtnachrichtentechnik an der TH Karlsruhe Karl Steinbuch, der in den 1960er Jahren die Kybernetik in der Bundesrepublik popularisierte und mit Publikationen wie \u201eDie informierte Gesellschaft\u201c zum beredtsten Verfechter der Technik und einer technikorientierten Zukunftsforschung wurde. Nicht nur warb er daf\u00fcr, dass sich die bundesdeutsche Politik und Gesellschaft angesichts der rasanten wissenschaftlich-technischen Entwicklung sehr viel st\u00e4rker mit der Technik der Zukunft besch\u00e4ftigen m\u00fcsse. Auch begriff er Technik als entscheidende modernisierende Kraft, sodass in Zukunft technische Ger\u00e4te Funktionen \u00fcbernehmen k\u00f6nnten, die bis vor kurzem dem Menschen vorbehalten schienen. So w\u00fcrden es \u201eLehrautomaten\u201c den Sch\u00fclern erm\u00f6glichen, mittels Fernsprechger\u00e4ten und zentralen Informationsbanken Lernstoff abrufen, und damit lie\u00dfen sich, so Steinbuch, in Zukunft viele Lehrer ersetzen. Erkennbar wird ein mechanistisches, ja technizistisch unterlegtes Welt- und Menschenbild, das sich aus der Kybernetik speiste und Mensch und Maschine kurzerhand parallelisierte.<\/p>\n<p>Dies gilt teilweise auch f\u00fcr das ZBZ mit seinem ersten Vorsitzenden Heinz Hermann Koelle, einem Raumfahrtingenieur. Das Zentrum verschrieb sich zun\u00e4chst computerunterst\u00fctzten systemanalytischen Simulationsmodellen, die in formalisierten Darstellungen und quantitativen Berechnungen Informationsstr\u00f6me und Entscheidungsabl\u00e4ufe erforschen und steuern sollten. In besonderer Weise wollte man politikberatend t\u00e4tig werden und offerierte politischen Akteuren, dass man sowohl Forschungs- als auch Bildungsplanungs-, Energie-, Verkehrs- oder Stadtforschungsmodelle erstellen k\u00f6nne. Erkennbar wird, dass f\u00fcr das ZBZ nicht mehr der Gegenstand \u2013 das \u201eWas\u201c \u2013 entscheidend war, sondern das \u201eWie\u201c: Jede Thematik erschien mit der Methode der systemanalytischen Modellierung bearbeitbar. In der Folge erstellte das ZBZ mehrere Expertisen unter anderem f\u00fcr die Planungsabteilung des Bundeskanzleramts der sozialliberalen Koalition 1969\/70. Recht bald aber zeigte sich, dass politische Planung sehr viel komplexer war: Nicht nur weckten die Zukunftsforscher hohe Erwartungen in der Politik, weil man sich f\u00fcr alle Politikfelder zust\u00e4ndig erkl\u00e4rte, aber dann mit Spezialisten konkurrierte. Auch \u00fcbersch\u00e4tzte man die Probleml\u00f6sungsf\u00e4higkeit von Modellen und \u00fcberhaupt den Systemcharakter sozialer Strukturen: Politische Entscheidungen h\u00e4ngen von vielen \u2013 nicht immer kommunizierten und rationalisierten \u2013 Faktoren ab und lassen sich nicht nur quantifizieren. Modellsimulationen versuchen die komplexe Realit\u00e4t zu imitieren und k\u00f6nnen soziale Komplexit\u00e4t nicht abbilden. Insofern war das ZBZ mit seinen \u00fcbersteigerten Steuerungsvorstellungen zun\u00e4chst wenig erfolgreich.<\/p>\n<p>Dieser technikorientierten, in gewisser Weise technokratisch unterlegten Str\u00f6mung stellte sich ein dritter Denkstil entgegen, den ich kritisch-emanzipatorisch nenne. Ihn verk\u00f6rperten Geistes- und Sozialwissenschaftler wie der Historiker Robert Jungk, der Politikwissenschaftler Ossip Flechtheim oder der Friedensforscher Johan Galtung. Gepr\u00e4gt von Ideen der Neuen Linken und der \u201e1968er\u201c wollte man in einem systemkritischen, teilweise marxistisch getr\u00e4nkten Sinne Machtstrukturen in demokratischen und kapitalistischen Gesellschaften hinterfragen, eben weil das Wissen um die Zukunft auch Herrschaftswissen sei. Stattdessen sollten die Zuk\u00fcnfte st\u00e4rker partizipatorisch, also \u201evon unten\u201c entworfen und gestaltet werden. Die kritisch-emanzipatorisch orientierten Zukunftsforscher blickten dabei oftmals auf eine Emigrations- oder Verfolgungserfahrung der NS-Zeit zur\u00fcck, aus der heraus sie f\u00fcr eine \u201ebessere\u201c Zukunft eintreten wollten. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass diese Str\u00f6mung in der Bundesrepublik eine besondere Basis hatte. Zudem engagierten sich skandinavische Forscher, auch weil diese Str\u00f6mung kritische Zukunfts- und Friedensforschung verbinden wollte. In der Tat war ein Movens der Protagonisten, sich gegen die atomare R\u00fcstung im Kalten Krieg auszusprechen. Ebenso wandte man sich zunehmend gegen eine positivistisch angelegte Zukunftsforschung, die nur \u2013 so Robert Jungk \u2013 Entwicklungen in die Zukunft verl\u00e4ngere. Dennoch verband sich dieser Zugang in den 1960er Jahren mit einem dominierenden Machbarkeits- und Planungsgeist. Jungk schrieb in seiner Reihe \u201eModelle f\u00fcr eine neue Welt\u201c, Planung sei f\u00fcr die moderne Gesellschaft und die \u201eFormung\u201c von neuen Menschentypen zentral: \u201eDer im Typ des Planers sich ank\u00fcndigende \u201ahomo novus\u2018 wird so zum Prototyp einer neuen Menschheit.\u201c Erkennbar wird hier ein utopisches Verst\u00e4ndnis von Planung, das sowohl auf Planung von unten zielte, als auch auf die Formung eines \u201eneuen Menschen\u201c.<\/p>\n<p>Mithin war die \u201ewestliche\u201c Zukunftsforschung der 1950er und 1960er Jahre von Machbarkeitsdenken, ja zum Teil von einer Steuerungseuphorie gepr\u00e4gt. Dies ist nicht gleichzusetzen mit grenzenlosem Optimismus, denn gerade im Bild von der technischen Beschleunigung spiegelte sich die Sorge vor einer Entgrenzung des \u201eFortschritts\u201c. Doch dominierten das Vertrauen in die Erforschbarkeit und Steuerbarkeit der Zuk\u00fcnfte und ein Fortschrittsverst\u00e4ndnis, das zwischen dem Bild vom \u201eneuen Menschen\u201c und der \u00dcberzeugung vom technischen Fortschritt als steuerbarer Vorw\u00e4rtsentwicklung von Wissenschaft und Technik changierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Wandel um 1970 und die Neuanf\u00e4nge bis zur Gegenwart<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die deutsche und internationale Zukunftsforschung erfuhr 1970 bis 1972 \u2013 also schon vor der ersten \u00d6lkrise \u2013 einen Wandel. Der wissenschaftlich-technische \u201eFortschritt\u201c erschien pl\u00f6tzlich nicht mehr beherrschbar, und die Zukunftsforschung wurde von einer \u00f6kologischen Wachstumskritik durchdrungen, welche sie selbst verst\u00e4rkte. Aus diesem Wandel erwuchsen Lernprozesse und Neuanf\u00e4nge. Diese Wandlungsprozesse lassen sich in f\u00fcnf Punkten benennen.<\/p>\n<p>Erstens unterlag die Zukunftsforschung einer \u00d6kologisierung. In der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre keimte zun\u00e4chst in den USA das moderne Umweltbewusstsein heran. Urs\u00e4chlich waren Umweltprobleme wie die wachsende Luftverschmutzung, aber auch neue Wahrnehmungen der Umwelt, etwa in der amerikanischen \u201eCounter Culture\u201c, der Hippiebewegung mit ihren alternativen Lebenskonzepten und Werten. Zudem erlebte die \u00d6kologie eine Konjunktur, die Wissenschaft von den Interaktionen zwischen lebenden Organismen und ihrer Umwelt im Rahmen des \u00d6kosystems. Mit den Apollo-Missionen und der Mondlandung 1969 erhielt die Vorstellung vom Planeten Erde ganz neue Bedeutung, denn nun entstanden Bilder von der Erde von oben und st\u00e4rkten eine globale Weltsicht und das Bild von einem verletzlichen Planeten. Dies verband sich mit einer entstehenden \u00f6kologischen Sozialwissenschaft, die den Indikator des Wirtschaftswachstums in Frage stellte, der ja im Westen so sehr als Ma\u00dfstab f\u00fcr Erfolg gegolten hatte: Wissenschaftler fragten, ob nicht auch soziale und Umweltaspekte \u2013 mithin Lebensqualit\u00e4t \u2013 in den Wachstumsbegriff eingehen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Die \u00f6kologische Wachstumskritik floss um 1970\/71 in die Zukunftsforschung ein. Die Verbindung schuf die \u00d6kologie, die in Kreisl\u00e4ufen \u2013 also kybernetisch \u2013 dachte und damit anschlussf\u00e4hig an die Zukunftsforschung war. Dies zeigte sich in erster Linie an der Studie \u201eThe Limits to Growth\u201c (\u201eDie Grenzen des Wachstums\u201c) und der Debatte um das Buch. Die Studie wurde vom Club of Rome in Auftrag gegeben, einer westlichen Organisation aus Wissenschaftlern, Intellektuellen und Unternehmern, welche die Zukunftsfragen der Menschheit mit systemanalytischen Methoden erforschen und dann globale Planungen anregen wollte. Im Sinne der Kybernetik suchte man also das \u201eganze\u201c, globale System zu erfassen und zu steuern, was im Kern an Grenzen f\u00fchren musste. Der Club of Rome beauftragte das amerikanische Massachusetts Institute of Technology (MIT), ein erstes computerbasiertes Modell zu erstellen. Dieses kam zum Ergebnis, dass die Weltbev\u00f6lkerung und die industrielle Produktion bis etwa zum Jahr 2100 exponentiell wachsen, die Rohstoffe (vor allem \u00d6l) versiegen und die Umweltverschmutzung drastisch ansteigen w\u00fcrden. Deshalb sei ein globaler Kollaps innerhalb der n\u00e4chsten 100 Jahre unausweichlich, wenn keine radikale Kurs\u00e4nderung erfolge. Einen Ausweg sah man nur in einem demographischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand, erreicht durch scharfe Bev\u00f6lkerungskontrollen und Verzicht auf wirtschaftliches Wachstum. Menschen k\u00f6nnten, so die Autoren des Berichts, eben nicht mehr frei \u00fcber die Zahl ihrer Kinder und den Verbrauch von Rohstoffen entscheiden.<\/p>\n<p>Die Studie, 1972 publiziert, wurde zum Bestseller. Zwei Aspekte machten die starke Resonanz des Buches aus: Es stand zum ersten mit dem Computermodell im Geist des Zukunfts- und Planungsdenkens, das die 1960er so stark beherrscht hatte. Zum Zweiten griff es jene Ans\u00e4tze einer \u00f6kologischen Wachstumskritik auf, die wie gesehen zu zirkulieren begannen und die mit der im Sommer 1972 stattfindenden Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm neue Nahrung erhielten. \u201eThe Limits to Growth\u201c verst\u00e4rkte diese Wachstumskritik mittels des Computermodells. Dies galt vor allem Ende 1973, als die \u00d6lkrise die These von der Endlichkeit der Ressourcen zu best\u00e4tigen schien.<\/p>\n<p>Die Zukunftsforschung \u2013 und besonders die bundesdeutsche \u2013 diskutierte die Studie intensiv: Die Vertreter eines empirisch-positivistischen Denkstils wie Steinbuch waren von der computerbasierten Modellsimulation beeindruckt, w\u00e4hrend kritische Zukunftsforscher wie Robert Jungk die \u00f6kologisch-warnenden Thesen aufgriffen. Gleichwohl wurde die Studie auch hart kritisiert, insbesondere von \u00d6konomen, aber auch von empirisch arbeitenden Zukunftsforschern aus den USA wie Herman Kahn. Sie monierten, die Datenbasis sei viel zu gering, und die Studie ber\u00fccksichtige keinen technischen Fortschritt, der ja dann auch die Probleme der Umweltverschmutzung l\u00f6sen k\u00f6nne. In der internationalen Zukunftsforschung jedenfalls wurde nun die Zukunft des globalen \u00d6kosystems schlagartig zum Thema. Gerade bundesdeutsche Zukunftsforscher, die \u2013 wohl mit Blick auf die NS-Erfahrung und die Br\u00fcche in der eigenen Biographie \u2013 weniger stark auf evolution\u00e4re Entwicklungen vertrauten, zeigten sich kurzzeitig stark im Banne von Krisenszenarien bis hin zur Rede vom drohenden \u201eUntergang\u201c aufgrund wachsender Umweltbelastungen, des Versiegens der Rohstoffe und des Weltbev\u00f6lkerungswachstums. Aber gerade aus dem Diskurs, aus dem Sprechen \u00fcber das Wachstum entstand eine Konsensformel eines \u201eanderen\u201c, eines \u201equalitativen\u201c Wachstums, das nicht nur einen wirtschaftlichen, materiellen Wachstumsbegriff messen, sondern st\u00e4rker Fortschritt auch an \u00f6kologische und soziale Kriterien binden sollte. Diese Diskussion verlor im Laufe der 1970er Jahre an Zugkraft: Im Zeichen der wirtschaftlichen Krisen der 1970er Jahre erhielt materielles Wachstum neue Bedeutung, auch mit Blick auf die Besch\u00e4ftigungssituation. Doch hatte sich die Zukunftsforschung ver\u00e4ndert, und dies mit weitreichenden Wirkungen: Das \u201equalitative Wachstum\u201c drang in die politische Sprache und hinterlie\u00df hier Spuren, nicht nur in einem neuen \u00f6kologisch-kritischen Fl\u00fcgel der SPD um Erhard Eppler, sondern auch bei den in den 1970er Jahren entstehenden Gr\u00fcnen. Zudem gerann aus dem \u201equalitativen Wachstum\u201c die Formel der \u201enachhaltigen Entwicklung\u201c. Diese wurde in den 1990er Jahren zu einem allgegenw\u00e4rtigen, vieldeutigen Leitbild einer Balance von \u00d6kologie, \u00d6konomie und Sozialem, das noch immer zentrale Bedeutung f\u00fcr die Zukunftsforschung hat.<\/p>\n<p>Zweitens globalisierte sich die Zukunftsforschung. War in den ersten Jahren mit dem Friedensthema der Ost-West-Gegensatz ein Feld der Zukunftsforschung gewesen, r\u00fcckte nun das Globale in den Fokus. Den Hintergrund bildete die Nord-S\u00fcd-Politik der 1970er Jahre, die mit den \u00d6lkrisen und der Entspannung zwischen Ost und West in den Blickpunkt der internationalen Politik geriet und die Forderung der Entwicklungsl\u00e4nder nach einer neuen, gerechteren Weltwirtschaftsordnung belebte. Dies verband sich 1972\/73 mit der Wachstumsdebatte: Wissenschaftler der Schwellenl\u00e4nder kritisierten, man ben\u00f6tige dort wirtschaftliches Wachstum, um zu den Industriel\u00e4ndern aufschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen; das Modell m\u00fcsse regional aufgeteilt werden. Die Zukunftsforschung widmete sich in der Folge intensiv der Nord-S\u00fcd-Politik, vor allem die 1973 gegr\u00fcndete World Future Studies Federation (WSFS). Diese betonte die gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit (Interdependenz) von Nord und S\u00fcd und die Verkopplung von globalen Umwelt- und Entwicklungsfragen. Damit wurde sie zum F\u00fcrsprecher eines \u201eWeltlastenausgleichs\u201c, einer idealistischen Forderung nach einem Wachstumsverzicht des Nordens zugunsten einer Zukunft des S\u00fcdens, und sie forcierte neue Ans\u00e4tze in der Entwicklungspolitik wie die Grundbed\u00fcrfnisstrategie, die sich auf die Bed\u00fcrfnisse der Menschen vor Ort konzentrieren wollte \u2013 und nicht auf das Ziel hoher Wirtschaftswachstumsraten im S\u00fcden. Doch verlor der Nord-S\u00fcd-Gegensatz mit dem Aufstieg der Angebots\u00f6konomie und der Liberalisierung des Welthandels in der \u00c4ra Thatcher\/Reagan internationale Aufmerksamkeit. Die Zukunftsforschung setzte nun st\u00e4rker auf eine Verbindung globaler mit lokalen Zukunftsperspektiven, was auch mit einer methodischen Pragmatisierung zu tun hatte.<\/p>\n<p>Diese methodische Pluralisierung und Pragmatisierung ist der dritte Wandlungsprozess: Die Zukunftsforschung hinterfragte in den 1970er und 1980er Jahren verst\u00e4rkt das bisher recht unkritische Verst\u00e4ndnis von Technik und die Schwerpunktsetzung in der quantitativen Modellbildung. Hingegen r\u00fcckten nun die Zukunft des Menschen und seine Bed\u00fcrfnisse in den Blickpunkt. Hier wirkte nicht nur ein breiterer Wandel in den Sozialwissenschaften, im Zuge dessen sich das Denken in Systemen und Strukturen ersch\u00f6pfte. Ebenso interagierte die Zukunftsforschung mit den neuen sozialen Bewegungen \u2013 der Welt der Umwelt-, Anti-AKW- und Dritte Welt-Bewegungen \u2013 und ihrer Forderung nach mehr Partizipation. Dies konnte in der Zukunftsforschung teilweise auch eine Politisierung bedeuten, war aber dennoch eine Pragmatisierung, weil das Vertrauen in die Steuerungsmodelle schwand. Nun entstanden partizipative Verfahren: Die von Robert Jungk entworfenen \u201eZukunftswerkst\u00e4tten\u201c wollten B\u00fcrgern gerade auf lokaler Basis die M\u00f6glichkeit geben, Zuk\u00fcnfte frei und kreativ zu entwickeln und dann \u00fcber ihre Umsetzung nachzudenken.<\/p>\n<p>Die Zukunftswerkst\u00e4tten sind auch heute noch ein zentrales Verfahren der B\u00fcrgerbeteiligung und Zukunftsplanung gerade in der Stadtplanung. Damit weitete sich der Methodenkanon: In den Nachfolgeinstituten des ZBZ, dem Institut f\u00fcr Zukunftsforschung und dem Institut f\u00fcr Zukunftsstudien und Technologiebewertung (das auch heute noch in Berlin existiert), blieben computergest\u00fctzte Simulationsmodelle wichtig, aber wurden nun mit anderen Ans\u00e4tzen kombiniert, vor allem mit qualitativen Szenarien, die Wirkungszusammenh\u00e4nge ber\u00fccksichtigen und alternative Pfade der Entwicklung skizzieren, und mit dialogischen Verfahren wie Zukunftswerkst\u00e4tten. Daraus entwickelte sich der Ansatz des \u201eForesight\u201c, der sich als Prozess der Reflexion und der vision\u00e4ren Vorausschau versteht, bewusst auf den Dialog mit den Akteuren und Betroffenen setzt und anerkennt, dass es objektives Wissen \u00fcber die Zuk\u00fcnfte nicht gebe.<\/p>\n<p>Diese Pragmatisierung konkurrierte ein St\u00fcck weit mit einem vierten Wandlungsprozess, einer \u00d6konomisierung. Schon in den fr\u00fchen 1970er Jahren war die politische Planungsbegeisterung geschwunden: Nicht nur fehlten der Exekutive in den Wirtschaftskrisen die Mittel f\u00fcr gro\u00dfangelegte Planungsprozesse; auch wirkten hier die nicht unproblematischen Erfahrungen mit der Zukunftsforschung und anderen Planungsexperten nach. Zudem drangen in der Bundesrepublik wie gesehen die neuen sozialen Bewegungen auf mehr Mitgestaltung. Vor allem aber erlebte in der Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsexpertise die Angebots\u00f6konomie einen Aufstieg: Sie l\u00f6ste den Keynesianismus ab, der mit den \u00d6lkrisen an Schlagkraft und Legitimation verlor, weil er den konjunkturellen Einbruch \u2013 der eben auch struktureller Natur war \u2013 nicht stoppen konnte. Die Angebots\u00f6konomie setzte hingegen auf die Verbesserung der Angebotsbedingungen von Unternehmen und auf den freien Markt. Damit wuchs ein \u201eneoliberal\u201c angelegtes Welt- und Menschenbild in Teilen von Wirtschaft und Politik, das verst\u00e4rkt auf Marktorientierung, Wettbewerb und Flexibilisierung setzte. Das bedeutete keinen Verzicht auf Zukunftsvorausschau, die ja im Wettbewerb notwendig war. Aber Planung wurde nun von der \u201estrategischen Vorausschau\u201c abgel\u00f6st, und das betraf auch international agierende Unternehmen wie die M\u00fcnchener R\u00fcck oder Daimler, die in den 1980er Jahren verst\u00e4rkt Gruppen und Abteilungen der strategischen Planung bildeten. Diese stellten mittel- und langfristige \u00dcberlegungen zur Technologie- und Marktentwicklung an. Damit integriert die heutige Zukunftsforschung ganz unterschiedliche Zug\u00e4nge. So fahndet die Foresight-Gruppe des Fraunhofer-Instituts f\u00fcr System- und Innovationsforschung einerseits \u2013 etwa mit der Nachhaltigkeitsforschung \u2013 nach einer langfristigen, globalen Ethik, w\u00e4hrend sie andererseits ein \u00d6konomisierungsdenken verst\u00e4rkt. Eine Studie zum Wandel des Arbeitsmarkts aus dem Jahr 2013 benennt als Gro\u00dftrends Digitalisierung, Flexibilisierung der Arbeitswelt und Globalisierung und gibt als \u201erobuste\u201c Zukunfts-Strategie aus, Arbeitnehmer m\u00fcssten ihre Flexibilit\u00e4t st\u00e4rken, ihr Selbstmarketing verbessern und sich den Anforderungen der Zukunft anpassen. Solche \u00dcberlegungen zielen st\u00e4rker auf \u00f6konomisch definierte Normen und weniger auf eine Entwicklung alternativer Zuk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich deutet sich f\u00fcnftens eine partielle R\u00fcckkehr des technizistischen Steuerungsdenkens an: Aus dem verst\u00e4rkten Nachdenken \u00fcber die Chancen und Gefahren von Technik war die Technikfolgenabsch\u00e4tzung hervorgegangen, welche die Folgen neuer Technologien in kultureller, gesellschaftlicher und \u00f6kologischer Hinsicht erkundet. Hingegen erwuchs im Kontext der Digitalisierung und der Entstehung neuer Kommunikationsmedien (wie dem Internet) in den 1990er und 2000er Jahren ein neuer Technikoptimismus. Von den Chancen der \u201eDigitalisierung\u201c und der \u201eIndustrie 4.0\u201c war in den letzten Jahren viel die Rede, zudem von \u201eBig Data\u201c, die freilich st\u00e4rker au\u00dferhalb der professionellen Netzwerke der Zukunftsforschung propagiert wurde: Mit riesigen Datenbest\u00e4nden k\u00f6nne die Zukunft berechnet und besser denn je prognostiziert werden.<\/p>\n<p>Aus meiner Perspektive w\u00fcrde ich argumentieren, dass heute Computer genauer und leistungsf\u00e4higer sind als in den 1960er und 1970er Jahren. Doch k\u00f6nnen sie soziale Komplexit\u00e4t nicht einfangen. Die Erforschung der Zukunft (und der Zuk\u00fcnfte) basiert eben immer auf der Anerkennung von Komplexit\u00e4t und der Ermittlung von Ursachengeflechten, nicht auf der reinen Sammlung und Hochrechnung von Daten. Dies spiegelt zentrale Lernprozesse der Zukunftsforschung seit 1945. 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