{"id":117817,"date":"2026-01-16T10:08:00","date_gmt":"2026-01-16T09:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117817"},"modified":"2026-01-16T10:08:00","modified_gmt":"2026-01-16T09:08:00","slug":"kommt-gott-auf-uns-zu","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/kommt-gott-auf-uns-zu\/","title":{"rendered":"Kommt Gott auf uns zu?"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den wichtigen Verm\u00e4chtnissen der eschatologischen Entw\u00fcrfe seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die Hoffnungsperspektive in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Das sch\u00fctzt eschatologische Aussagen vor einer Attit\u00fcde des Zuviel-Wissens, bewahrt die Theologie aber auch vor dem Verdacht (den neuscholastische Ans\u00e4tze bisweilen vermittelten), man betreibe mit der Eschatologie eine Art \u201ePhysik des Jenseits\u201c. Hoffnungsperspektiven sind durchaus rational; in Anlehnung an die Glaubenstheorie von Paul Moser, der seinerseits auf William James und Blaise Pascal zur\u00fcckgreift, kann ein Wagnis \u2013 im Sinne einer Wette \u2013 rational sein, wenn der \u201eWetteinsatz\u201c einen \u00fcberproportional hohen Wert hat, selbst dann wenn die Indizienlage f\u00fcr das, worauf wir wetten \u2013 gelinde gesagt \u2013 un\u00fcbersichtlich oder ambivalent ist.<\/p>\n<p>Undurchsichtigkeit und Ambivalenz sind ein Kennzeichen des Glaubenskontextes: Es k\u00f6nnte in der Tat der Fall sein, dass wir in einem kalten, rein materiellen Universum als Zufallsprodukte unser Dasein fristen, dass unsere Leben genauso vergeblich sind wie unsere Hoffnungen. Es k\u00f6nnte aber auch sein, dass in uns ein Keim der Ewigkeit angelegt ist, der uns \u00fcber die Schranken, die der Tod darstellt, hinaustragen kann. Auf der Ebene der sachlich-n\u00fcchternen Evaluierung von Indizien werden wir keine eindeutige Antwort auf die Frage, welche der skizzierten Sichtweise die richtige ist, erhalten k\u00f6nnen; allein das Wagnis, die Hoffnung erzeugen \u2013 so w\u00fcrde Moser sagen \u2013 eine neue, weil existenzielle Eindeutigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir \u00fcber die diskursiven Rahmenbedingungen der christlichen Eschatologie nachdenken, m\u00fcssen wir einerseits \u00fcber theologische Schieflagen sprechen, andererseits auch begrifflich-systematische Grundentscheidungen treffen, die die Architektur eschatologischer \u00dcberlegungen pr\u00e4gen werden. Zu den inzwischen zu Recht beklagten Schieflagen geh\u00f6rt die Versuchung, sich in der eschatologischen Theoriebildung auf individualeschatologische Fragen zu konzentrieren und damit einer anthropozentrischen Verengung der Eschatologie Vorschub zu leisten. Greifbar wird dies dort, wo \u2013 etwas ironisierend formuliert \u2013 westlich-b\u00fcrgerliche Lebens- und Vollkommenheitsideale in den eschatologischen Vollendungsgedanken eingetragen sind. Es ist Resultat solcher, kulturell bedingter Vollkommenheitsvorstellungen, wenn wir uns das Eschaton als einen Nachtrag zu unserer Biographie, als zweite, in ihren Rahmenbedingungen optimierte Lebenschance denken, dergegen\u00fcber das hiesige Leben zu einer Art Prop\u00e4deutikum herabsinkt, in dem all das, was unvollendet bleibt, im Jenseits nachgeholt und nachgearbeitet werden kann, ja vielleicht sogar muss. In solch einer Vorstellungswelt wirkt der fr\u00fche Tod wie die ultimative Bedrohung, wird zur Infragestellung des auf Vervollkommnung angelegten Lebensentwurfes und zwingt Gott eine gewisserma\u00dfen biographische Kompensationsleistung auf. Aber ist das der Sinn des Himmels, dort all das nachholen zu k\u00f6nnen und zu d\u00fcrfen, was uns im Diesseits nicht gelungen ist? \u00dcbersieht diese Vorstellungswelt nicht auch, dass der Tod einen Bruch darstellt \u2013 eben auch einen Bruch zwischen Zeit und Ewigkeit?<\/p>\n<p>Eine zweite, gewisserma\u00dfen dialektisch mit der ersten verbundene Gefahr besteht darin, christliche Eschatologie vornehmlich als Chiffre f\u00fcr eine soziale und \u00f6kologische Utopie zu verstehen und ihr dabei einerseits die realistischen Anspr\u00fcche und andererseits die welt-transzendierende Botschaft zu nehmen. Sind eschatologische Hoffnungen Ersatzstoffe, Platzhalter oder Metaphern f\u00fcr innerweltliche Utopien? Theologisch wird man sagen m\u00fcssen, dass eschatologische Hoffnungen Kerngehalte innerweltlicher Utopien in sich aufnehmen d\u00fcrfen, gleichzeitig aber transzendieren m\u00fcssen. Der Blick auf die komplexe biblische Bezugnahme auf die Dimension des Eschatologischen kann hier den Blick justieren \u2013 insbesondere das dem ersten Hinsehen nach in Fragen der Jenseitshoffnung eher schweigsame Alte Testament: Das Eschatologische ist \u2013 so k\u00f6nnte man sagen \u2013 eine Eigenschaft Gottes, ein M\u00f6glichkeitsraum, den in erster und letzte Instanz Gott besitzt. Daraus leitet sich ein sowohl kritisches als auch behutsam aneignendes Verh\u00e4ltnis zu innerweltlichen Utopien ab. Der Bezug zum Alten Testament \u2013 insbesondere zu apokalyptisch eingef\u00e4rbten Texten des AT \u2013 kann zudem dazu beitragen, \u00fcber eine anthropozentrische Verengung der Eschatologie hinauszugelangen. Denn in diesen Texten wird eine kosmische Dimension des ultimativen g\u00f6ttlichen Handelns in den Blick ger\u00fcckt. Die Frage nach dem Schicksal des Kosmos muss eine eigenst\u00e4ndige, zwar auf die individuelle eschatologische Hoffnung bezogene, aber darauf nicht reduzierbare Frage bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war eine ins Politische wirkende, als politisch-utopische Programmatik dechiffrierte Eschatologie \u00fcber Jahrzehnte hinweg sehr gut an der US-Innenpolitik und an den verschiedenen Einfl\u00fcssen christlicher Gruppierungen auf die US-Politik zu beobachten, weil sich hier Geschichtstheologie mit Realpolitik zu vermischen beginnt: Am bekanntesten sind vielleicht die mit Ressentiments geladenen Apokalyptiken evangelikaler Pr\u00e4gung, die einer globalisierten Weltgemeinschaft und einer interreligi\u00f6sen Verst\u00e4ndigung skeptisch gegen\u00fcberstehen und die politische Agenda von einer konkret-realistischen Naherwartung her einf\u00e4rben. Nicht weniger wichtig ist eine gewisserma\u00dfen \u201elinke\u201c und liberale Utopie, die eine rezeptionsgeschichtlich mit der Theologie der Hoffnung verbundene, sozial-gerechte und \u00f6kologische Verwandlung der Gesellschaft als eschatologischen Auftrag versteht. Dazwischen f\u00fcgen sich noch andere Stimmen ein, die etwa in Anlehnung an Augustinus eine Trennung \u201ezweier Reiche\u201c favorisieren und diese Trennung f\u00fcr ein republikanisches Votum f\u00fcr einen superschlanken Staat benutzen wollen, dessen innere Legitimit\u00e4t gerade durch die eschatologische Dimension des gl\u00e4ubigen Lebensverst\u00e4ndnisses immer stark begrenzt zu denken sei. Schlussendlich findet sich auch eine \u2013 f\u00fcr europ\u00e4ische Gem\u00fcter \u2013 ausgesprochen eigenwillige Konzeption (namentlich bei Stephen Webb), welche die Geschichte theologisch als eine immer weiter auf Freiheit zusteuernde Entwicklung begreift und vor diesem Horizont die USA gewisserma\u00dfen als Inkarnation der in radikaler Freiheit kulminierenden Emanzipationsgeschichte als integrales Element in den eschatologisch ausgerichteten Heilsplan Gottes einschreibt.<\/p>\n<p>In allen diesen verschiedenen Versionen zeigt sich, dass Eschatologie als Legitimationsbasis f\u00fcr ganz verschiedene, letztlich auf den Menschen hin zugespitzte politische Vorstellungen und Utopien dienen kann, die vom Ressentiment und Weltwiderstand einerseits bis hin zur Apotheose des Faktischen oder zur Rechtfertigung eines nationalen Exzeptionismus andererseits reicht. Einen gewissen Schutz vor solcher Benutzung bietet \u2013 so die oben schon umspielte These \u2013 nur jenes Konzept von Eschatologie, das das Eschaton streng theologisch (also gewisserma\u00dfen als Eigenschaft Gottes) denkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welche begrifflich-systematische Leitperspektive sollen wir w\u00e4hlen, wenn wir \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Zeit und Ewigkeit, Welt und Vollendung, Mensch und Kosmos in einem eschatologischen Rahmen nachdenken? Schon der Blick auf die biblischen Schriften konfrontiert uns mit einem B\u00fcndel von Motiven und Metaphern, in denen sich eschatologische Hoffnungen ausdr\u00fccken beziehungsweise spiegeln: Wir finden die Rede von einer R\u00fcckkehr ins Gelobte Land, wir entdecken den Gedanken einer Restitution von Gr\u00f6\u00dfe und Macht \u2013 die Wiedereinsetzung und Wiederherstellung eines aus der R\u00fcckschau verkl\u00e4rten K\u00f6nigtums und dergleichen mehr. Au\u00dferkanonische, aber mit den biblischen Schriften in Verbindung stehende Literatur berichtet von Entr\u00fcckung und Verkl\u00e4rung gro\u00dfer biblischer Gestalten und deutet dabei ein Verst\u00e4ndnis vom Eschaton als Jenseits an, in das man nur gelangen kann, wenn man die Welt buchst\u00e4blich verl\u00e4sst. Die apokalyptische Literatur wiederum bietet uns das Bild einer radikalen Transformation, die ihrerseits eine Vernichtung von Welt voraussetzt. Diese verschiedenen Bilder lassen sich nicht einfachhin synthetisieren. In ihnen verdichten sich ganz unterschiedliche Aspekte der j\u00fcdisch-christlichen Heilshoffnungs-Tradition.<\/p>\n<p>Es scheint angesichts der Schwierigkeiten, diese Aspekte zu einem koh\u00e4renten eschatologischen Narrativ zu verkn\u00fcpfen, geboten, einen theologischen Leitbegriff aufzusuchen, der uns als Gesamtorientierung dienen kann. Dabei ist es durchaus legitim, Leitbegriffe aus anderen Bereichen der christlichen Dogmatik heranzuziehen, wenn und insofern sie uns bei der Justierung eschatologischer Vorstellungen helfen k\u00f6nnen. Ein erstes Begriffsangebot k\u00f6nnte in der Eucharistietheologie gefunden werden \u2013 im Sinne einer Universalisierung eines eucharistietheologischen Gedankens, der sich gerade unter eschatologischen Vorzeichen auf eine Deutung des Gott-Welt-Verh\u00e4ltnisses hin \u00fcbertragen lie\u00dfe: Die Welt ist Leib Gottes, sodass Gott als Form des Leibes als das die Welt durchformende und verwandelnde Prinzip gelten darf. Damit r\u00fcckt eine protologische Perspektive in das eschatologische Blickfeld; denn die prinzipielle Verwandlung von Welt in den Leib Gottes, die zunehmende Durchformung von Welt durch Gott ist der eigentliche Sinn von Sch\u00f6pfung und findet ihren hermeneutischen Ausgangs- und ereignishaften Kulminationspunkt in der Inkarnation. Die Vorstellung von der Welt als Leib Gottes hat durch prozesstheologische und feministisch-theologische \u00dcberlegungen eine gewisse Konjunktur erfahren. Sie eignet sich auch, um einerseits eine individualistische Verengung der eschatologischen Hoffnung zu vermeiden und um andererseits die individuelle mit der kosmischen Perspektive zu vermitteln: Wenn die ganze Welt, der Kosmos Leib Gottes ist, dann sind wir selbst Organe innerhalb dieses Leibes, deren eschatologisches Schicksal niemals unabh\u00e4ngig vom Geschick des Ganzen beurteilt werden kann. Als Organe sind wir auf die anderen Organe bezogen, von ihnen abh\u00e4ngig. Die eschatologische Transformation betrifft das Ganze und unsere Rolle im Ganzen; sie muss etwas anderes sein als eine blo\u00dfe \u201eOrganverpflanzung\u201c.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu diesem Konzept lie\u00dfe sich \u2013 theologisch wie philosophisch \u2013 noch eine zweite Leitperspektive heranziehen, die eine starke Metaphysik des Geistes mit einer Theologie des Gottesgeistes zu verbinden versucht: In solch einer starken Metaphysik des Geistes ist es n\u00e4mlich denkbar, dass der Geist als eine Gr\u00f6\u00dfe sui generis tats\u00e4chlich pr\u00e4gend und formend auf die Materie einwirkt (und dass das Materielle daher grunds\u00e4tzlich auf den Geist bezogen sein kann), sodass das Geist-Materie-Verh\u00e4ltnis, das wir an uns selbst ablesen k\u00f6nnen, zum Analogon f\u00fcr das Gott-Welt-Verh\u00e4ltnis werden kann. Ein starker, das hei\u00dft nicht reduzierbarer Begriff des Geistes kann auch dazu verhelfen, den eschatologischen Begriff einer Transformation besser zu fassen: Es ist die Dimension des Geistes, die den Spielraum transformativer M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, wie wir sie als Angeld in unserer Imaginationskraft erfahren k\u00f6nnen. \u00dcber den Geistbegriff k\u00f6nnen wir auch \u2013 und das nicht nur im Sinne eines philosophisch-theologischen Erbst\u00fccks \u2013 die M\u00f6glichkeit denken, wie wir als verg\u00e4ngliche Wesen und wie der Kosmos in seiner Kontingenz in die Ewigkeit Gottes eingeborgen werden kann \u2013 n\u00e4mlich dadurch, dass wir im Innengrund unseres Selbst in Gottes absoluter Subjektivit\u00e4t immer schon gegr\u00fcndet und deshalb geborgen sind, weil Gottes Selbst unsere Identit\u00e4t letztlich tr\u00e4gt. Unsere bleibende Beziehung zum Geist Gottes ist deshalb wichtig, weil alles, was im Geist Gottes eine formend-figurierende \u201eWirkung\u201c entfaltet, als lebendig erachtet werden darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frage nach einem konsistenten eschatologischen Narrativ spielt hin\u00fcber zur Frage nach einem konsistent zu denkenden Verh\u00e4ltnis von Gott und Zeit beziehungsweise Eschaton und Zeit: Ein Blick in die Theologiegeschichte vor allem des 20. Jahrhunderts zeigt zwei Gegensatzpaare, die wie Konstruktionsprinzipien die Grundausrichtung eines jeweiligen eschatologischen Entwurfes bestimmen: Da ist einmal der Gegensatz zwischen \u201eteleologisch\u201c und \u201eaxiologisch\u201c, in den sich fassen l\u00e4sst, wie das Eschaton im Verh\u00e4ltnis zu Welt gedacht wird: Handelt es sich um ein angezieltes Entwicklungsstadium der Welt oder um eine ontologische \u201eSchicht\u201c einer h\u00f6heren Wertigkeit eigener Art, in die sich gewisserma\u00dfen jeder Augenblick der Geschichte eintauchen lie\u00dfe. Der zweite Gegensatz ist der zwischen \u201efuturischer\u201c und \u201epr\u00e4sentischer\u201c Eschatologie \u2013 ein schon im NT manifester Unterschied \u2013, bei dem es um die Frage geht, ob das Eschaton rein ausst\u00e4ndig (also zuk\u00fcnftig) oder bereits pr\u00e4sentisch, schon im Hier und Jetzt (zumindest anfangshaft) verwirklicht gedacht werden kann. Kombiniert man diese Gegensatzpaare, so erh\u00e4lt man vier denkbare Felder, in denen sich eschatologische Ans\u00e4tze bewegen k\u00f6nnen: (1) teleologisch-futurisch, (2) axiologisch-futurisch, (3) teleologisch-pr\u00e4sentisch, (4) axiologisch pr\u00e4sentisch.<\/p>\n<p>Hinter diesen vier Denkm\u00f6glichkeiten verbergen sich vier leitende eschatologische Frageperspektiven: Ist die eschatologische Realit\u00e4t eine ausstehende geschichtliche Gr\u00f6\u00dfe, auf die unsere Zeit durch viele Irrungen hindurch zul\u00e4uft? (Feld 1) Oder k\u00f6nnen wir die eschatologische Realit\u00e4t als Zielpunkt der Zeit deuten, in der die Bedingung der M\u00f6glichkeit einer \u00fcberzeitlichen und \u00fcbergeschichtlichen Verwandlung angezeigt wird, die definitiv das Ende der Zeit impliziert? (Feld 2) Oder ist die eschatologische Realit\u00e4t jetzt schon Wirklichkeit? Und besteht die Kraft dieser Wirklichkeit vornehmlich darin, dass sie unsere Welt in eine neue Beziehung zu Gott setzt? (Feld 3) Oder ist die eschatologische Wirklichkeit eher als Zielbestimmung unserer Welt in dieser Welt wirksam, wobei die Vollendungsgestalt unserer Welt mit dem gemeint ist, was wir unter eschatologischer Realit\u00e4t verstehen? (Feld 4)<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen diese Ans\u00e4tze in Reinform besonders bei lutherischen, in der reformatorischen Tradition stehenden Theologen des 20. Jahrhunderts erkennen: So steht J\u00fcrgen Moltmanns Eschatologie der Hoffnung f\u00fcr einen teleologisch-futurischen Ansatz. Wolfhart Pannenbergs idealistisch impr\u00e4gnierte Geschichtstheologie wiederum steht f\u00fcr einen axiologisch-futurischen Ansatz. Paul Tillichs theologische Seinskonzeption verweist auf eine teleologisch-pr\u00e4sentische Konzeption, w\u00e4hrend Karl Barth und Rudolf Bultmann \u2013 trotz der unterschiedlichen Wege, die beide eingeschlagen haben \u2013 einen pr\u00e4sentisch-axiologischen Ansatz verk\u00f6rpern. Schaut man dagegen auf die gro\u00dfen katholischen Ans\u00e4tze zur Eschatologie, so wird man dort eher Mischformen orten k\u00f6nnen \u2013 bedingt sicherlich auch dadurch, dass die Relevanz des Blicks auf die Tradition keine radikalen Br\u00fcche und damit auch keine (in ihrer Einseitigkeit immer verengungsgef\u00e4hrdeten) Reinformen der oben schematisch skizzierten Alternativen zugelassen hat.<\/p>\n<p>In den alternativen Ans\u00e4tzen sind zwei Bewegungsrichtungen zu erkennen, die unsere eschatologischen Vorstellungen pr\u00e4gen und die \u2013 in ihrer Verkn\u00fcpfung \u2013 auch eine gewisse Inkonsistenz ergeben: 1. Gott kommt auf uns zu; was wir von Gott erhoffen und erwarten, senkt sich auf unsere irdische Wirklichkeit ein, ver\u00e4ndert sie und wird ein Gestaltelement unserer Wirklichkeit, die diese ver\u00e4ndert und verherrlicht. 2. Wir gehen auf Gott zu; dabei verlassen wir diese Welt und nehmen sozusagen nur das mit, was f\u00fcr den \u201eBesitz\u201c in der jenseitigen Welt transformierbar ist. Die genannten beiden Bewegungsrichtungen wurden in den traditionellen (katholischen) eschatologischen Stellungnahmen auf eine \u2013 so muss man es wohl sagen \u2013 nur m\u00fchsam konsistente Weise zusammengef\u00fcgt. Dabei ergab sich das folgende (uns hinl\u00e4nglich bekannte) \u201eVorstellungsschema\u201c: A) Die jetzt Versterbenden gehen auf Gott zu und werden \u2013 wenn sie unta-delig sind \u2013 einer gewissen Anschauung Gottes teilhaftig. B) Gott kommt in Christus als dem eschatologischen Richter am letzten Tag unserer Geschichte auf uns zu, um sein Reich zu errichten. C) Die Toten werden auferweckt (das hei\u00dft die schon Seligen werden neu verk\u00f6rpert) und die noch Lebenden werden zusammen mit dem Auferweckten gerichtet. D) Die Welt insgesamt wird verwandelt und verkl\u00e4rt: Die als gerecht befundenen Auferweckten und die noch Lebenden gehen in Gottes endg\u00fcltige Herrlichkeit ein (und gehen somit auf Gott zu).<\/p>\n<p>Der produktive Dialog mit protestantischen Eschatologien, die Debatten um die Auferstehung-im-Tod-Theorie haben an der Triftigkeit des skizzierten Schemas ger\u00fcttelt, so dass wir fragen m\u00fcssen, wie wir theologisch mit den beiden genannten Bewegungsrichtungen umgehen sollen. Die hier formulierte Empfehlung sieht vor, die genannten Bewegungsrichtungen gewisserma\u00dfen globaler und universalistischer zu verstehen, wenn wir bedenken, dass Gottes Sch\u00f6pfungshandeln und die Inkarnation des Logos bereits eine eschatologische Dimension besitzen (Pannenberg), dass mit dem Kreuz und der Auferstehung Jesu ebenso wie mit der Zeit der Kirche die eschatologische Heilszeit bereits angebrochen ist (Augustinus, Ratzinger), dass das Kreuz Christi bereits das \u201eapokalyptische Ereignis\u201c par excellence darstellt, in welchem sich auch das Gericht \u00fcber die Welt vollzieht (J\u00fcngel), dass in der Liturgie der Kirche der eschatologische \u201eRaum\u201c symbolisch pr\u00e4figuriert und vorweggenommen wird.<\/p>\n<p>Die beiden Bewegungsrichtungen lassen sich nunmehr f\u00fcr die Grammatik der christlichen Heilserz\u00e4hlung anders positionieren: 1. Gott kommt in Sch\u00f6pfung, Erw\u00e4hlung und Inkarnation auf uns zu, weil sich darin seine Verhei\u00dfung ausdr\u00fcckt. Im Christusereignis kulminiert diese Bewegung und wird uns auch zum Gericht, das uns (in gewisser Weise auch schon) \u201ebegnadigt\u201c. 2. Wir gehen auf Gott zu, indem wir mit der gesamten Sch\u00f6pfung einer Vollendung in der Ewigkeit zustreben. Vor diesem Hintergrund m\u00fcssen alle eschatologischen Stellungnahmen, die eine Bewegung von Gott her insinuieren, in den Rahmen von Sch\u00f6pfung, Erw\u00e4hlung und Inkarnation gestellt oder aber in ihrer Bewegungsrichtung \u201eumgepolt\u201c werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gibt es eine M\u00f6glichkeit, sich zwischen den oben skizzierten Ansatz-Feldern zu bewegen \u2013 oder wenigstens die Anliegen, die sich in und hinter diesen Ans\u00e4tzen verbergen, entsprechend zu ber\u00fccksichtigen? Ein konsequent-\u00e4ternalistischer Einsatzpunkt d\u00fcrfte hier das gr\u00f6\u00dfte Potenzial besitzen, wobei ein solcher Ansatz \u2013 und das sei hier bereits einger\u00e4umt \u2013 in der gegenw\u00e4rtigen systematisch-theologischen Gro\u00dfwetterlage eine Minderheitenposition darstellen d\u00fcrfte. F\u00fcr solch einen Einsatzpunkt ist es kennzeichnend, dass wir Ewigkeit nicht einfach als eine Fortsetzung von Zeit unter verbesserten Bedingungen oder als einen \u2013 wie auch immer gearteten \u2013 Rahmen von Zeitlichkeit denken d\u00fcrfen, sondern dass Ewigkeit eine genuin eigene Dimension darstellt, in der es \u2013 aus der Perspektive Gottes \u2013 ein vollkommenes und reines Zugleich gibt. Diese ewige Kopr\u00e4senz hebt die Zeitlichkeit der Ereignisse nicht auf, sondern stellt dieser Zeitlichkeit eine eigene, genuin andersartige Zugleich-Perspektive gegen\u00fcber, in der diese Ereignisse noch einmal \u201eda\u201c sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Konstruktionsfragen der Eschatologie ergeben sich daraus drei M\u00f6glichkeiten: 1. Wenn die Ewigkeit strikt gedacht wird, steht sie jedem Punkt der Zeit kopr\u00e4sent gegen\u00fcber; daraus ergeben sich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine pr\u00e4sentisch gelagerte Eschatologie: Die Ewigkeit ist jedem Moment der Zeit \u201egleich nahe\u201c. 2. Die Vollendungsgestalt der Welt kann so gedacht werden, dass das, was in der Welt zeitlich auseinander liegt, ewig-kopr\u00e4sent wird. Aus der Perspektive der Situiertheit in der Zeit ist dies ein Zustand, der noch aussteht, der erst angezielt wird. 3. Gleichwohl kann die Vollendungsgestalt der Welt kein Punkt der Geschichte mehr sein, auf den noch irgendein weiterer Zeitpunkt folgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein konsequent-\u00e4ternalistischer Ansatz bietet dar\u00fcber hinaus auch einen gewissen Schutz vor der Versuchung, das Eschaton als zweite, verbesserte Biographie zu verstehen, deren Eigenart in einer kompensatorischen und damit das diesseitige Leben wom\u00f6glich entwertenden Rolle besteht. Verstehen wir die Ewigkeit dagegen als die Vollendungsgestalt der Zeit, in der wir an der Ewigkeit Gottes Anteil erhalten, ver\u00e4ndert sich die Sicht auf das Verh\u00e4ltnis dieses Lebens zum jenseitigen Leben gravierend. Eine etwas vereinfachende Graphik soll das verdeutlichen: Stellen wir uns unser Leben \u2013 in vierdimensionalistischer Manier \u2013 als eine Abfolge von Stages (Zust\u00e4nden) vor, dann w\u00fcrde eine temporalistische Sichtweise auf das Eschaton das \u201ejenseitige\u201c Leben ebenfalls als eine Sequenz von Zust\u00e4nden zu denken haben \u2013 eine Abfolge, f\u00fcr die nicht nur das Fortdauern von Zeit, sondern wom\u00f6glich auch das Fortbestehen dem Diesseits vergleichbarer nat\u00fcrlicher Rahmenbedingungen einkalkuliert werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Verstehen wir dagegen das Eschaton als \u00dcberstieg in die Dimension der Ewigkeit Gottes, bietet sich uns ein anderes Bild: Die Zust\u00e4nde, die mein Leben ausmachen und ausmachten, werden ewigkeits-kopr\u00e4sent, sind f\u00fcr mich in der Dimension der Ewigkeit gleicherma\u00dfen \u201esichtbar\u201c und \u201egegenw\u00e4rtig\u201c. Sie dauern in einem Zustand fort, der nicht mehr durch einen neuen, anderen Zustand abgel\u00f6st wird, sodass zwar vielleicht noch sinnvoll von Dauer, aber nicht mehr sinnvoll von einer Sequenz von sich ersetzenden Zust\u00e4nden gesprochen werden kann. Weil die dem Menschen zug\u00e4ngliche Gestalt von Ewigkeit als Material die Zust\u00e4nde eines gelebten Lebens voraussetzen, wird auch deutlich, dass endliche Wesen nicht von vornherein in die Ewigkeit hineingestellt sein k\u00f6nnen (das ist nur Gott vorbehalten); allerdings kann ihre Zeitlichkeit in Ewigkeit transformiert werden, indem die einzelnen Abschnitte eines zeitlichen Lebens kopr\u00e4sent und damit ewig-gleichzeitig anschaubar werden.<\/p>\n<p>Das Material des jenseitigen Lebens w\u00e4re in dieser Sicht die Weise des hier und jetzt gelebten Lebens, sodass buchst\u00e4blich jeder Augenblick dieses Lebens z\u00e4hlt, weil er nicht einfach verschwindet, sondern in der Ewigkeits-Kopr\u00e4senz vom Licht der Pr\u00e4senz Gottes und in Verbindung mit einer Sicht auf das Leben anderer \u201eausgeleuchtet\u201c wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein ausgesprochen intrikates Problem stellt die Frage der kosmischen Dimension der Eschatologie dar \u2013 das wurde eingangs schon angedeutet. Wenn wir die Erkenntnisse der gegenw\u00e4rtigen physikalischen Kosmologie extrapolieren, d\u00fcrfte das \u201eEnde\u201c des Universums darin bestehen, dass buchst\u00e4blich die Lichter ausgehen. Ein \u201eEnde der Zeit\u201c kann es insofern geben, als wir Zeit \u00fcber die Zunahme an Entropie (Green) definieren k\u00f6nnen und uns die unerfreulichen Schlussszenarien f\u00fcr das Schicksal unseres Universums einen Zustand antizipieren lassen, in dem das Ma\u00df an Entropie nicht mehr gesteigert werden kann \u2013 was einem Ende von Zeit gleichkommt. Aber wenn dieser finale Zustand als Stadium einer maximalen Aufl\u00f6sung von Ordnung und Homogenit\u00e4t eingestuft werden muss, so hat dies offensichtlich wenig mit der oben spekulativ beschriebenen, den Kosmos transformierenden Vollendungsgestalt des Universums in einer Leib-Gottes-Eschatologie zu tun, wiewohl Entropie metaphysisch nicht einfach Unordnung besagt, sondern (wiederum metaphysisch und nicht physikalisch) als ein Prinzip gewertet werden muss, das bewirkt, dass aus (lebloser) Homogenit\u00e4t (lebendige) Komplexit\u00e4t werden kann. Falsifizieren die kosmologischen Extrapolationen eine den ganzen Kosmos umgreifende christliche Heilshoffnung?<\/p>\n<p>Der amerikanische Theologe Robert Russell hat sechs verschieden Strategien identifiziert, die f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisbestimmung von Naturwissenschaft und Theologie benutzt werden und die mittelbar auch f\u00fcr die Frage relevant sind, ob durch kosmologische Extrapolationen unsere auf den ganzen Kosmos zielende Heilshoffnung untergraben wird:<\/p>\n<ol>\n<li>Eine erste Strategie votiert f\u00fcr eine strikte Trennung der Gesch\u00e4ftsbereiche. Der Naturwissenschaft wird die Erforschung des Verhaltens von materiellen Dingen (unter Absehung von Gottes Existenz) zugewiesen, der Theologie die Explikation des Welt-Gott- und insbesondere Mensch-Gott-Verh\u00e4ltnisses. Konkrete wissenschaftliche Vorstellungen vom Ende der Erde oder vom Ende des Kosmos h\u00e4tten f\u00fcr die theologische Begriffsbildung und die Plausibilit\u00e4t eschatologischer Vorstellungen aus dieser Sicht keine Relevanz. Man wird aber an die Adresse dieser Strategie die Frage richten m\u00fcssen, ob es f\u00fcr die Selbstbeschreibung des Menschen zutr\u00e4glich ist, wenn wissenschaftliche und religi\u00f6se Weltdeutung komplett verschiedene Wege gehen.<\/li>\n<li>Eine zweite Strategie wiederum w\u00fcrde auf die unterschiedlichen Arten von Gewissheitsanspr\u00fcchen rekurrieren. Diese Position w\u00fcrde hervorheben, dass wissenschaftliche Modelle und insbesondere wissenschaftliche Extrapolationen nur provisorisch und letztendlich immer nur hypothetisch sind. Es sei damit zu rechnen, dass sie (eines Tages) falsifiziert werden. Glaubensgewissheiten dagegen bed\u00fcrften eines anderen Grades von Sicherheit, der mit dem hypothetischen Charakter wissenschaftlicher Aussagen inkommensurabel sei. Die Theologie solle sich daher von den nur provisorischen Annahmen der Naturwissenschaften nicht einsch\u00fcchtern lassen. Aber auch an diese Strategie m\u00fcssen sich kritische Fragen richten lassen: K\u00f6nnte diese Position am Ende nicht sehr schnell in die erste Strategie m\u00fcnden, die auf der Trennung der Gesch\u00e4ftsbereiche beharrt? Und muss sie die spezifische Eigengewissheit des Glaubens nicht mit einem Offenbarungsmonismus begr\u00fcnden?<\/li>\n<li>Eine dritte Strategie k\u00f6nnte in einer anthropozentrischen Zuspitzung der Theologie und insbesondere der Eschatologie bestehen: Diese Position w\u00fcrde hervorheben, dass eine eschatologische Hoffnung nur und ausschlie\u00dflich f\u00fcr Menschen gilt. Und sie k\u00f6nnte sich durch die Relevanz der Inkarnation (Menschwerdung) best\u00e4rkt finden. Die theologische Explikation dieser Hoffnung h\u00e4tte demnach in erster Linie das Gott-Mensch-Verh\u00e4ltnis zu bedenken und m\u00fcsste sich nicht weiter um das Schicksal der Materie und des Kosmos k\u00fcmmern. Aber so reizvoll dieser Ausweg auch scheinen mag, er kommt doch zu einem erheblichen Preis: M\u00fcsste diese Position nicht alle kosmologisch-eschatologischen Bilder einer radikalen Revision und Neuinterpretation unterziehen? Untersch\u00e4tzt diese Position nicht auch, wie sehr der Mensch im Kosmos mit allem Leben und aller Materie \u201everflochten\u201c ist?<\/li>\n<li>Eine vierte Strategie dagegen signalisiert die Bereitschaft, theologische Theorie oder theologische Theorieelemente im Lichte naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einer Revision zu unterziehen. Russell nennt als markantes Beispiel f\u00fcr dieses Verfahren die Prozesstheologie und die Prozesseschatologie, die ein evolutiv-kosmisches Rahmenkonzept anerkennen kann und Gott in einer Folgenatur eine Entwicklungsf\u00e4higkeit zuschreibt. In diese Folgenatur k\u00f6nnen sich endliche Wesen aufgrund der Tatsache, dass im prozessmetaphysischen Denken alles Materielle eine erfahrungsanaloge Innenseite besitzt, bleibend einschreiben. Bob Russell selbst wirft die Frage auf, ob dieses Konzeption ihren Bestand nicht durch eine subtile Form des Dualismus erkauft, f\u00fcr den das eigentliche Schicksal der Materie auf der Basis des schon genannten Einschreibungsgedankens irrelevant werde.<\/li>\n<li>Eine f\u00fcnfte Strategie lie\u00dfe sich als dialektisch-theologisches Unterfangen kennzeichnen, das naturwissenschaftlichen Einsichten eine G\u00fcltigkeit nur unter der Pr\u00e4misse einr\u00e4umt, dass diese Erkenntnisse immer unter Absehung vom Heilshandeln Gottes aus der Warte eines naturwissenschaftlich-methodischen Atheismus formuliert sind. Stellt man dagegen das Heilshandeln Gottes in Rechnung \u2013 und Russell sieht in Anlehnung an Pannenberg das Ostergeschehen als Vorzeichen einer prinzipiellen Perspektivenver\u00e4nderung \u2013, dann k\u00f6nnen die unter der Geltung eines methodologischen Atheismus formulierten Extrapolationen nicht die ganze Wahrheit bieten. Diese Extrapolationen h\u00e4tten bestenfalls den Status einer Als-ob-Sichtweise, die nur dann ein Recht beanspruchen d\u00fcrfte, wenn wir f\u00fcr immer vom Heilshandeln Gottes absehen m\u00fcssten. Allerdings ist auch diese, von Russell favorisierte Sichtweise nicht problem- und kostenfrei. Kippt diese Strategie \u2013 so m\u00fcsste man fragen \u2013 nicht an irgendeinem Punkt in einen Supranaturalismus, der ein wunderbares Eingreifen Gottes ansetzen muss, wo wir mit unserem menschlichen Latein am Ende sind? Oder ist sie nicht viel mehr als eine subtilere Version der schon bekannten zweiten Strategie?<\/li>\n<li>Die sechste und letzte Strategie ist die einer analogischen Denkform, die sich darum bem\u00fcht, mit Hilfe von Br\u00fcckenbegriffen und Analogien die Einsichten der Naturwissenschaften mit dem Anliegen theologischer Theoriebildung zu vermitteln. Analogien dieser Art wurden oben schon kurz vorgestellt \u2013 etwa das Bild von Kosmos als Leib Gottes. Gleichwohl m\u00fcssen derartige Analogien plausibel sein, sie m\u00fcssen so beschaffen sein, dass sie das theologische Anliegen auch im Angesicht der wissenschaftlichen Extrapolationen noch plausibel anschaulich machen k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Drei Analogien scheinen mir am leistungsf\u00e4higsten zu sein, wenn wir die eschatologische Heilshoffnung mit einer Perspektive auf den ganzen Kosmos vermitteln wollen: (a) Die Analogie der Information: Information kann sich von materiellen Tr\u00e4gern emanzipieren. Der Kosmos ist ein System sich \u00fcberlagernder und steigernder Informationen, die neu und anders materialisiert werden k\u00f6nnen. Das leitet uns (metaphysisch) an, nach dem Unzerst\u00f6rbaren im Verg\u00e4nglichen zu suchen.<\/p>\n<p>(b) Die Analogie des Leibes: Das f\u00fcr eine Transformation relevante Kontinuit\u00e4tselement finden wir nicht in der Materie, sondern in den Gesetzen und Strukturen, die erlauben, dass sich eine emergierende Gr\u00f6\u00dfe anderswie neu realisiert. Der Kosmos k\u00f6nnte als Materie formender Leib betrachtet werden, dessen Formprinzip eine Eigenrealit\u00e4t darstellt. So wie sich der menschliche Leib ver\u00e4ndert und trotzdem durch ein Kontinuit\u00e4tsprinzip stabilisiert ist, so k\u00f6nnen wir auch den Kosmos durch ein ihn formierendes Prinzip stabilisiert denken. Allerdings ist das von Kosmologen beschreibende Ende des Universums in einem Zustand maximaler Entropie ein Stadium, das an der Wirkung eines stabilisierenden Formprinzips zweifeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>An einem Bezug zu einem derartigen Prinzip lie\u00dfe sich nur festhalten, wenn wir eine dritte Analogie ebenfalls heranziehen: (c) die Analogie der Verwandlung: Die Transformation des Lebens von Zeit in Ewigkeit kann \u2013 wie schon bei einem einzelnen Wesens zu beobachten ist \u2013 nicht am Tod vorbeigehen, sodass wir den K\u00e4ltetod des Universums als eine Art kosmischen Karfreitag zu verstehen h\u00e4tten. Was das Universum ausmachte wird durch diesen Karfreitag nicht ausgel\u00f6scht. Andererseits geht die Zeit nicht einfach mehr weiter. Spekulativ lie\u00dfe sich hier an eine Verwandlung \u2013 so wie Josef Wohlmuth seine Eschatologie mit \u201eMysterium der Verwandlung\u201c \u00fcberschrieben hat \u2013 denken, welche die Schwelle von Zeit in Ewigkeit \u00fcberschreitet \u2013 eine Schwelle, die durch einen Tod, durch das Zerbrechen von Ordnung und Struktur markiert ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Es geh\u00f6rt zu den wichtigen Verm\u00e4chtnissen der eschatologischen Entw\u00fcrfe seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die Hoffnungsperspektive in den Mittelpunkt gestellt zu haben. 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