{"id":117830,"date":"2026-01-16T10:22:43","date_gmt":"2026-01-16T09:22:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117830"},"modified":"2026-01-16T10:22:43","modified_gmt":"2026-01-16T09:22:43","slug":"ethische-grundsaetze-der-biooekonomie","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/ethische-grundsaetze-der-biooekonomie\/","title":{"rendered":"Ethische Grunds\u00e4tze der Bio\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Bio\u00f6konomie im Spannungsfeld kontroverser Erwartungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie ist ein Innovationskonzept, das auf die Herausforderungen des Erdsystemwandels durch proaktiven Klima- und Biodiversit\u00e4tsschutz antwortet. Sie ist eine zentrale Strategie zur Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen. Dabei setzt das Konzept die moralischen Imperative globaler, intergenerationeller und \u00f6kologischer Gerechtigkeit voraus, fokussiert aber argumentationslogisch nicht den ethischen Anspruch, sondern die wirtschaftlichen Potentiale einer Transformation zugunsten nachhaltiger Entwicklung. Dies h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass der Begriff, zumindest in der neueren Verwendung seit den 1990er Jahren, seinen urspr\u00fcnglichen \u201eSitz im Leben\u201c nicht im \u00d6kodiskurs hat, sondern im Kontext biotechnologischer Forschung und Wirtschaft. Die Entdeckung innovativer Technologien zur Erschlie\u00dfung und Nutzung nachwachsender Rohstoffe als stoffliche und energetische Ressourcenbasis ist der Motor der Bio\u00f6konomie.<\/p>\n<p>Dabei wurden und werden auf nationaler wie auf internationaler Ebene enorme finanzielle Mittel der Forschungs- und Wirtschaftsf\u00f6rderung investiert. So hat sich die Bio\u00f6konomie weit \u00fcber die Nische biotechnologischer Produkte hinaus zu einem Leitkonzept dessen entwickelt, was der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltver\u00e4nderungen (WBGU) die \u201eGro\u00dfe Transformation\u201c bezeichnet, also die Abkehr von dem fossilen \u201eStoffwechsel\u201c der Industriekultur, der der Treiber des Umwelt- und Klimawandels ist, hin zu einer Wirtschaft, die zunehmend auf nachwachsenden Rohstoffen basiert.<\/p>\n<p>Dieser umfassende Anspruch, der sich aus dem Erfolg beziehungsweise den Erfolgsversprechen der Bio\u00f6konomie ergibt, einerseits und der begrenzte biotechnologische Kontext des Konzeptes von seiner Begriffsgeschichte her andererseits stehen in einer tiefgreifenden Spannung zueinander. Viele Vertreter des Umweltdiskurses, sei es auf Verbands- oder auf Wissenschaftsebene, sehen in der Bio\u00f6konomie so etwas wie eine feindliche \u00dcbernahme und \u201eUmbiegung\u201c ihrer eigenen Anliegen durch ein technik- und fortschrittsgeleitetes Paradigma. Hier sto\u00dfen unterschiedliche Weltbilder aufeinander. Der Konflikt ist vorprogrammiert.<\/p>\n<p>So hat beispielsweise Dennis Meadows bei einem Vortrag 2012 in M\u00fcnchen von der Verkehrung des Konzeptes der Nachhaltigkeit in sein Gegenteil gesprochen: Auf EU-Ebene war die Biotechnologie der Hebel f\u00fcr die Unterlegung des Sustainability-Konzeptes durch das des \u201egreen growth\u201c. Nach der Analyse von Meadows l\u00e4uft dies darauf hinaus, die begrenzten \u00f6kologischen Ressourcen noch effizienter zu verbrauchen und sich \u00fcber die tieferliegenden Herausforderungen eines Kulturwandels hin zur Abkehr von Wachstumsmodellen und einer grundlegend anderen Wirtschaft hinwegzut\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Ich kann und will diese auch ideologisch aufgeladene Debatte um Wachstum und eine \u201ePostwachstumsgesellschaft\u201c hier nicht vertiefen. Mir geht es lediglich darum, Ihnen kurz den Hintergrund zu skizzieren, vor dem die \u00f6ffentliche ethisch-politische Debatte um Bio\u00f6konomie stattfindet. Der 2015 gegr\u00fcndete Sachverst\u00e4ndigenrat Bio\u00f6konomie Bayern (SVB) hat sich in diesem Spannungsfeld zun\u00e4chst den Grundsatzfragen gewidmet und auch intern kontrovers dar\u00fcber diskutiert. Manche waren schon ungeduldig angesichts unseres langen Z\u00f6gerns, mit Konzepten und Handlungsvorschl\u00e4gen an die \u00d6ffentlichkeit zu treten. Im Mai 2017 hat er dies mit einem Grundsatzpapier sowie einer Reihe von Analysen und Politikvorschl\u00e4gen zu einzelnen Handlungsfeldern der Bio\u00f6konomie in geb\u00fcndelter Form getan (siehe www.biooekonomierat-bayern.de\/).<\/p>\n<p>Dem Rat war und ist diese Kombination der Grundsatzdebatte mit einzelnen Schwerpunktthemen wichtig. Die ethisch-konzeptionelle Debatte muss gef\u00fchrt werden, sollte sich aber nicht im Abstrakten verlieren. Mancher weltbildschwangere Konflikt relativiert sich, wenn man auf die heute schon m\u00f6glichen und praktizierten Potenziale von \u201eLeuchtturmprojekten\u201c der Bio\u00f6konomie blickt, beispielsweise Bioplastik und Zelluloseethanol, Bioethanoltechnologien oder die Nutzung biologisch abbaubarer Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. Der SVB setzt diese Serie handlungsbezogener Thesenpapiere und Diskussionsimpulse seit Mai 2017 in dichter Folge fort. Zu einigen Themenfeldern hat die Katholische Akademie in Bayern im Rahmen der Reihe \u201eWissenschaft f\u00fcr Jedermann\u201c, die seit viele Jahren in Kooperation mit dem Deutschen Museum durchgef\u00fchrt wird, bereits Diskussionsveranstaltungen durchgef\u00fchrt (etwa zu Bioplastik).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201eGrunds\u00e4tze der Bio\u00f6konomie\u201c \u2013 das Konzept des Sachverst\u00e4ndigenrates<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Sachverst\u00e4ndigenrat Bio\u00f6konomie Bayern hat in seinem Grundsatzpapier vom Mai 2017 f\u00fcnf Fokusbereiche der Bio\u00f6konomie identifiziert: Wissen, Bereitstellung biogener Rohstoffe, Nutzung biogener Rohstoffe, \u00d6kosysteme und Klimaschutz sowie Gesellschaft. Er betrachtet Bio\u00f6konomie als ein wissensbasiertes Konzept, also eine Strategie, die von innovativer Forschung ausgeht und diese verst\u00e4rkt wirtschaftlich f\u00fcr biogene Rohstoffgewinnung und -nutzung wirtschaftlich umsetzt. Zentrale Zielbestimmung und ethische Leitplanken sind dabei der Schutz des Klimas sowie die Vermeidung von Destablisierungsdynamiken des globalen \u00d6kosystems und regionaler Umwelt- und Sozialfaktoren.<\/p>\n<p>Vorangestellt hat der Rat den f\u00fcnf Fokusbereichen zwei kurzen Abschnitten zu \u201eVision\u201c und \u201eMission\u201c. Die Vision hat Definitionscharakter: \u201eDie Bio\u00f6konomie ist in Bayern Leitmotiv f\u00fcr die Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger biobasierter Wirtschafts- und Lebensweisen. Durch die Bereitstellung und Nutzung biogener Ressourcen sowie die Entwicklung und Vernetzung des Wissens dar\u00fcber leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur zukunftsf\u00e4higen wirtschaftlichen Entwicklung Bayerns. Ihr Ziel ist der Schutz von \u00d6kosystemen sowie eine klimaneutrale Gesellschaft durch eine m\u00f6glichst weitgehende Reduzierung des Verbrauchs fossiler Ressourcen. Sie stellt wirtschaftliche und technische Innovation in den Dienst einer verantwortungsvollen Nutzung der nat\u00fcrlichen Ressourcen.\u201c<\/p>\n<p>Unter biogene Rohstoffe beziehungsweise Ressourcen versteht der Rat \u201eMaterialien organischer Herkunft, zum Beispiel Tiere, Pflanzen Mikroorganismen, nicht aber Material fossilen Ursprungs\u201c. Das zentrale Merkmal ist die F\u00e4higkeit zum Nachwachsen, wof\u00fcr eine hier f\u00fchrende Studie des Bundesumweltamtes definitorisch einen Zeitraum zwischen 100 und 1.000 Jahren voraussetzt. Dieses Beispiel verdeutlicht: Der zentrale ethisch-konzeptionelle Gehalt der Bio\u00f6konomie steckt oft in der Definition von Begriffen. Begriffe sind Griffe, mit denen T\u00fcren ge\u00f6ffnet oder verschlossen werden k\u00f6nnen. Gerade weil Bio\u00f6konomie ein sehr weites und schillerndes Konzept ist, bedarf sie pr\u00e4zisierender Definitionen ihrer Leitbegriffe, um nicht zu einem letztlich beliebigen und ethisch \u201eleeren\u201c Begriff zu degenerieren.<\/p>\n<p>Dabei findet gegenw\u00e4rtig ein heftiger internationaler Streit um die Definition und damit \u201eBesetzung\u201c des Begriffes statt. Der 2009 gegr\u00fcndete bundesdeutsche Bio\u00f6konomierat definiert Bio\u00f6konomie als \u201edie wissensbasierte Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsf\u00e4higen Wirtschaftssystems bereitzustellen\u201c. Der normative, allerdings interpretationsoffene Leitbegriff ist hier \u201ezukunftsf\u00e4hig\u201c. Der Bayerische Rat pr\u00e4zisiert dies durch die Zielangabe \u201eklimaneutrale Gesellschaft\u201c.<\/p>\n<p>Der pr\u00e4gnanteste Unterschied der verschiedenen Bio\u00f6konomier\u00e4te ergibt sich aber wohl nicht auf der definitorischen Ebene, sondern daraus, dass der Bayerische Sachverst\u00e4ndigenrat am Staatsministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Landwirtschaft und Forsten angesiedelt ist. Hier liegen besondere Potentiale in Bayern. Gleichzeitig ist es nicht leicht von diesem Ressort aus dem Querschnittscharakter des Konzeptes gerecht zu werden, weshalb der Rat auf eine interministerielle Bearbeitung des Themas gedr\u00e4ngt hat, wozu es bereits Gespr\u00e4che und eine erste Sitzung gab. F\u00fcr den SVB ist sowohl die interministerielle als auch die l\u00e4nder\u00fcbergreifende, nationale wie europ\u00e4ische Verzahnung der Bio\u00f6konomiestrategien eine Erfolgsbedingung f\u00fcr die Konzeptentwicklung und Umsetzung, die sich aus der eben zitierten Definition als notwendige Konsequenz ergibt. Dar\u00fcber hinaus setzt der SVB in besonderer Weise auf zivilgesellschaftlichen Dialog, da das Konzept in diesem Feld teilweise h\u00f6chst kritisch gesehen wird \u2013 insbesondere von Verb\u00e4nden und Experten aus dem Umwelt- und Ern\u00e4hrungsbereich. Positiv ausgedr\u00fcckt: Die Einbindung der \u00fcber rein technologischen Konzepte hinausweisenden zivilgesellschaftlichen Impulse ist eine entscheidende Weichenstellung f\u00fcr ein akzeptanzf\u00e4higes und ganzheitliches Konzept von Bio\u00f6konomie.<\/p>\n<p>Ein Element, mit dem sich der Bayerische SVB markant von bisherigen Definitionen unterscheidet, ist, dass er den Begriff der \u201eSuffizienz\u201c, also der Gen\u00fcgsamkeit oder des Ma\u00dfhaltens in sein Grundverst\u00e4ndnis von Bio\u00f6konomie aufgenommen hat, was jedoch im gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang verstanden werden sollte: \u201eDie Bio\u00f6konomie in Bayern bezeichnet ein Wirtschaftssystem auf der Basis nachwachsender Ressourcen, das dauerhaft mit den Zielen von Klimaschutz, Biodiversit\u00e4t, Wohlstandssicherung und globaler Gerechtigkeit vereinbar ist. Sie pr\u00e4gt die Transformation bestehender Produktions- und Konsummuster zu Gunsten einer nachhaltigen, post-fossilen Gesellschaft. Sie nutzt technische und volkswirtschaftliche Innovationen f\u00fcr eine Entkoppelung von Wachstum und Umweltverbrauch. Auch der Schutz der Umwelt und einer artenreichen Kulturlandschaft, regionaler Wirtschaftskreisl\u00e4ufe sowie die F\u00f6rderung von Suffizienz sind unverzichtbare Bestandteile der Bio\u00f6konomie in Bayern. Ihre Entwicklung wird durch konsistente politische Rahmenbedingungen auf regionaler und \u00fcberregionaler Ebene gef\u00f6rdert.\u201c<\/p>\n<p>Der Kontext des Abschnittes verdeutlicht, dass der Rat das Suffizienzkonzept nicht als Absage an die enormen Potentiale von Wachstum und dessen Entkoppelung vom Umweltverbrauch in vielen Bereichen versteht, sondern vielmehr damit nicht mehr und nicht weniger zum Ausdruck bringt, dass er dies nicht als einzigen und nicht als hinreichenden Weg der Bio\u00f6konomie betrachtet. Bio\u00f6konomie ist f\u00fcr mich \u2013 wenn Sie mir einen theologischen Begriff erlauben \u2013 nicht durch die \u201ebillige Gnade\u201c eines Win-win-Versprechens von \u00f6konomischen, \u00f6kologischen und wirtschaftlichen Zielen ohne Einschr\u00e4nkung zu haben, sondern birgt Zielkonflikte und erfordert auch unbequeme Einschnitte jedes einzelnen. Es braucht einen Wertewandel, der an die Substanz unseres modernen Selbstverst\u00e4ndnisses r\u00fchrt, indem wir lernen, den einen oder anderen Verzicht als Gewinn an Lebensqualit\u00e4t zu begreifen und \u2013 wie es der Philosoph Martin Heidegger bereits vor Jahrzehnten formuliert hat \u2013 \u201edie unersch\u00f6pfliche Kraft des Einfachen\u201c neu zu entdecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Handlungsfelder und Fokusbereiche der Bio\u00f6konomie<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ethische Debatte um die Leitwerte, Ziele und Konzepte von Bio\u00f6konomie wird auf absehbarer Zeit kontrovers bleiben. Das ist angesichts der enormen Anspr\u00fcche und Ambivalenzen des Konzeptes auch gut oder zumindest notwendig so. Dennoch ist es entscheidend, damit die enorme Dynamik, die das Konzept bereits heute auch mit vielf\u00e4ltigen Innovationen entfaltet, aus dem Blick zu verlieren. Der SVB konkretisiert sein grundlegendes Verst\u00e4ndnis von Bio\u00f6konomie deshalb in f\u00fcnf Fokusbereichen praktischer Umsetzung. Ich will ich mich hier mit einigen Stichworten begn\u00fcgen, um Ihnen die jeweilige Konzeptidee der Umsetzung anzudeuten:<\/p>\n<p><strong>Wissen<\/strong>: Ein Schl\u00fcsselsatz ist hier: \u201eDie Bio\u00f6konomie setzt auf systemisch vernetztes Denken und betrachtet Kreativit\u00e4t, Bildung und Innovation als zentrale Ressourcen der Zukunftsf\u00e4higkeit.\u201c Das bedeutet f\u00fcr uns \u201eKooperation entlang der Wertsch\u00f6pfungsketten und in Wertsch\u00f6pfungsnetzen sowie die ressort\u00fcbergreifende Nutzung technischer, \u00f6kologischer und soziokultureller Kompetenz\u201c. Auch \u201eTechnologietransfer zugunsten von Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern\u201c sowie eine \u201eIntegration von Nachhaltigkeitsaspekten in Lehrpl\u00e4ne und Forschungsprogramme\u201c geh\u00f6rt f\u00fcr uns dazu. Bio\u00f6konomie ist f\u00fcr uns also auch ein Entwicklungs- und ein Bildungsprogramm, wobei diese auch unter dem Dachbegriff \u201eNachhaltigkeit\u201c firmieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Bereitstellung biogener Rohstoffe<\/strong>: Strategisch ist unser Konzept hier durch die Nutzung von \u201eSynergien einer multifunktionalen Forst- und Landwirtschaft\u201c gepr\u00e4gt, die \u201edurch die verst\u00e4rkte Verwertung von Nebenprodukten und Reststoffen\u201c bewerkstelligt werden k\u00f6nnen. Auch \u201eRegionalit\u00e4t\u201c und den \u201eSchutz der Kulturlandschaft\u201c haben wir der bayerischen Bio\u00f6konomie ins Stammbuch geschrieben.<\/p>\n<p><strong>Nutzung biogener Rohstoffe<\/strong>: Hier gehen wir von einem Vorrang der Ern\u00e4hrungssicherung aus (was in einem ausf\u00fchrlichen, gerade in der Endabstimmung befindlichen Themenpapier konkretisiert wird). Zwischen stofflicher und energetischer Nutzung haben wir dagegen keine eindeutige Vorrangregel formuliert, da dies aus unserer Sicht nicht generell, sondern kontextspezifisch abzuw\u00e4gen ist. Ma\u00dfgeblich ist f\u00fcr uns hier wiederum ein systemischer Ansatz, beispielsweise durch \u201edie F\u00f6rderung dezentraler Wertsch\u00f6pfungsstrukturen in unmittelbarer N\u00e4he der Rohstoffquelle\u201c, die \u201eneue Einkommensquellen in l\u00e4ndlichen Regionen\u201c schaffen und die Attraktivit\u00e4t dieser Gebiete steigern.<\/p>\n<p><strong>\u00d6kosysteme und Klimaschutz<\/strong>: Unser Anspruch ist es hier, durch die Bio\u00f6konomie \u201eProdukte, Prozesse und Dienstleistungen bereitzustellen, die den fossil basierten in ihren funktionalen Eigenschaften und in Bezug auf den Schutz von Ressourcen und \u00d6kosystemen \u00fcberlegen sind\u201c. Potentiale sehen wir hier beispielsweise durch die \u201eOptimierung der CO<sub>2<\/sub>-Bindung in W\u00e4ldern und Holzprodukten\u201c sowie durch gezielte F\u00f6rderung der \u201e\u00f6kologischen Leistungen der Landwirtschaft, beispielsweise zugunsten der Boden- und Wasserqualit\u00e4t sowie einer nachhaltigen Ern\u00e4hrung\u201c.<\/p>\n<p><strong>Society<\/strong>: \u201eTransparente und partizipative Prozesse\u201c, \u201ebreites Wissens- und Informationsangebot\u201c, \u201ekontinuierlicher Interessensaustausch aller Anspruchsgruppen\u201c, \u201eWertvorstellungen zugunsten biobasierter Konsum- und Verhaltensmuster\u201c sowie \u201everantwortliche Gestaltung der l\u00e4ndlichen und urbanen R\u00e4ume\u201c sind hier die richtungsbestimmenden Stichworte. Die Verbraucher werden als \u201esouver\u00e4ne Akteure der Wertsch\u00f6pfungskette an der Entwicklung der Bio\u00f6konomie\u201c beteiligt und werden \u201edabei durch politische Rahmenbedingungen unterst\u00fctzt\u201c.<\/p>\n<p>Sein besonderes Profil gewinnt das bio\u00f6konomische Konzept des Rates nicht zuletzt aus dem Fokusbereich \u201eGesellschaft\u201c, indem er davon ausgeht, dass die Ziele der Bio\u00f6konomie nicht allein durch Technik und Wirtschaft erreichbar sind, sondern eine gesamtgesellschaftliche Bewusstseinsbildung und eine damit verbundene Transformation von Lebens- und Konsumstilen und letztlich auch kulturell pluraler Vorstellungen und Handlungsmuster von Wohlstand, Mobilit\u00e4t, und Verantwortung umfassen. \u201eGesellschaft\u201c steht hier nicht nur die Aufgabe der Kommunikation und Werbung f\u00fcr Akzeptanz des Konzeptes, sondern stellvertretend f\u00fcr umfassende ethische Debatten. Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, m\u00f6chte ich abschlie\u00dfend sieben Bedingungen ethisch verantworteter Bio\u00f6konomie benennen (ausf\u00fchrlich dazu siehe forum-wirtschaftsethik.de\/bedingungen-ethisch-verantwortbarer-biooekonomie\/).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Sieben Bedingungen ethisch verantwortbarer Bio\u00f6konomie<\/strong><\/h3>\n<p><strong>1<\/strong>. Das Konzept der Bio\u00f6konomie ist nur dann verantwortbar, wenn es die verschiedenen Wertdimensionen der Natur durch je angemessene Normen und Strategien sch\u00fctzt. Das legitime Ziel einer effizienteren Nutzung darf nicht mit einer schrankenlosen Unterwerfung der Mitgesch\u00f6pfe und \u00d6kosysteme unter menschliche Zwecke verwechselt werden.<\/p>\n<p><strong>2<\/strong>. Bio\u00f6konomie ist strikt am Leitbild der Nachhaltigkeit auszurichten. Dessen halbierte Rezeption im Rahmen des bio\u00f6konomischen \u201eGreen-Growth-Konzeptes\u201c wird diesem ethischen Anspruch nicht gerecht.<\/p>\n<p><strong>3<\/strong>. Bio\u00f6konomie sollte das Konzept der \u201eglobal boundaries\u201c f\u00fcr die Ermittlung von Priorit\u00e4ten des Umwelt- und Naturschutzes zugrunde legen. Nach diesem sind der Verlust der Biodiversit\u00e4t (wir erleben derzeit das sechste gro\u00dfe Artensterben der Evolutionsgeschichte) sowie der Stickstoffeintrag in B\u00f6den und Gew\u00e4sser durch die globale Landwirtschaft (112 Millionen Tonnen j\u00e4hrlich) die kritischsten \u201etipping points\u201c im Erdsystem.<\/p>\n<p><strong>4<\/strong>. Als wissensbasiertes, auf innovative Forschung und Entwicklung ausgerichtetes Konzept bedarf die Bio\u00f6konomie eines Konzeptes \u201everantwortlicher Innovationen\u201c, um die dynamische Seite von Nachhaltigkeit zu entfalten und risikosensibel zur L\u00f6sung von Knappheitsproblemen beizutragen.<\/p>\n<p><strong>5<\/strong>. Das bio\u00f6konomische Innovationskonzept muss dabei jedoch von seiner einseitigen Fixierung auf technische L\u00f6sungen befreit und um soziokulturelle Aspekte erweitert werden. Nur eine auf \u00f6kologischem Wissen basierende und ordnungspolitisch begleitete Innovationspolitik kann konzeptionell-strategischer Kern der Bio\u00f6konomie sein.<\/p>\n<p><strong>6<\/strong>. Der grundlegende ethische Anspruch der Bio\u00f6konomie als einer Strategie der Nachhaltigkeit kann nur dann eingel\u00f6st werden, wenn sie darauf ausgerichtet wird, den l\u00e4ndlichen Raum zu st\u00e4rken. Sie ist mehr als ein technikzentriertes Leitbild.<\/p>\n<p><strong>7<\/strong>. Der ern\u00fcchternden Bilanz der gro\u00dfen Versprechen, das Energieproblem durch Bioenergie zu l\u00f6sen, muss konzeptionell Rechnung getragen werden: Statt einseitiger Ausrichtung auf (lineare) Maximierungskonzepte m\u00fcssen Skalenprobleme und systemische Wechselwirkungen st\u00e4rker beachtet werden.<\/p>\n<p>Eine achte Bedingung betr\u00e4fe die Fragen der Ern\u00e4hrungssicherung und der Gentechnik. Ich habe mich dazu an anderen Stellen positioniert, will hier jedoch darauf verzichten, da dies eine ganz eigene, hoch emotionalisierte Debatte ist, die einer differenzierteren Er\u00f6rterung bedarf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Bio\u00f6konomie als innovative Seite der Nachhaltigkeit<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie verzeichnet weltweit hohe, in einigen Bereichen sogar zweistellige Wachstumsraten. In ihrer Funktion als Innovationsmotor kann man die in sie gesetzten Hoffnungen mit digitalen Unternehmen vergleichen, die in den vergangenen Jahrzehnten zum Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung wurden. Durch die intensive F\u00f6rderung (allein das BMBF hat von 2010 bis 2016 2,4 Milliarden Euro an F\u00f6rdermitteln zur Verf\u00fcgung gestellt), ist das Konzept aus der Nische eines spezifischen Forschungsfeldes zu einem Leitkonzept f\u00fcr einen gro\u00dfen Bereich wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung weltweit geworden. Dadurch \u00e4ndert sich der Kontext. Es erh\u00e4lt eine Schl\u00fcsselbedeutung f\u00fcr die Entwicklung der Wirtschaft in vielen Sektoren wie etwa Energie, Rohstoffbeschaffung und -nutzung oder Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung. Daher ist eine ethisch-politische und sozialwissenschaftliche Reflexion des Konzeptes und seiner Praxis unter weltweit sehr unterschiedlichen kulturellen und sozialen Bedingungen ein sich aus dieser Dynamik heraus ergebendes Desiderat.<\/p>\n<p>Zu diesen kulturellen und ethischen Aspekten bietet nicht zuletzt die Enzyklika <em>Laudato si\u2018<\/em>, in der landwirtschaftliche Themen einen zentralen Stellenwert einnehmen, vielf\u00e4ltige Horizonterweiterungen. Auch die Schrift \u201eDer bedrohte Boden\u201c, den die Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz im September 2016 ver\u00f6ffentlicht hat und der im Mai 2017 an der Katholischen Akademie intensiv diskutiert wurde, ist hilfreich, um das Konzept der Bio\u00f6konomie ethisch weiterzudenken. Denn fruchtbarer Boden ist und bleibt die wichtigste Grundlage einer Bio\u00f6konomie, die die Ern\u00e4hrung des Menschen auch in Zeiten des Klimawandels sichert.<\/p>\n<p>Zur bio\u00f6konomischen Grundidee, n\u00e4mlich der konsequenten Einbindung der Wirtschaft in die sie tragenden Kreisl\u00e4ufe der \u00f6kologischen Systeme, die die Ressourcen bereitstellen und die Reststoffe aufnehmen, gibt es keine vern\u00fcnftige Alternative. Bio\u00f6konomie operationalisiert die innovative Seite der Nachhaltigkeit und kann helfen, dieses vor allem im politischen Diskurs verankerte Konzept, das nicht selten in einer idealistischen Beschw\u00f6rung von Zielen stecken bleibt, zu operationalisieren. Ziel der nachhaltigen Bio\u00f6konomie ist eine Kreislaufwirtschaft durch die strategische Erschlie\u00dfung und Nutzung nachwachsender Rohstoffe sowie durch die konsequente Vermeidung von Abfall. Bio\u00f6konomie beruht auf einer Kombination von technischer, sozialer, \u00f6konomischer und politischer Intelligenz. Daran wird Fortschritt in Zukunft zu messen sein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bio\u00f6konomie im Spannungsfeld kontroverser Erwartungen &nbsp; Bio\u00f6konomie ist ein Innovationskonzept, das auf die Herausforderungen des Erdsystemwandels durch proaktiven Klima- und Biodiversit\u00e4tsschutz antwortet. Sie ist eine zentrale Strategie zur Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen. 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