{"id":117854,"date":"2026-01-16T11:48:32","date_gmt":"2026-01-16T10:48:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117854"},"modified":"2026-01-16T11:48:32","modified_gmt":"2026-01-16T10:48:32","slug":"das-metaphysische-defizit-europa-sucht-seine-idee","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/das-metaphysische-defizit-europa-sucht-seine-idee\/","title":{"rendered":"Das metaphysische Defizit: Europa sucht seine Idee"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Metaphysik gelten letzte Fragen menschlicher Erkenntnis und Existenz. Letzte Fragen sind immer auch erste Fragen, also Fragen des Ursprungs, des Herkommens, der Natur. Es sind die Fragen nach den Pr\u00e4missen, nach unverr\u00fcckbaren Axiomen, es geht um Vorannahmen und Verst\u00e4ndigungshorizonte. Die Physik ist kein Gegenbegriff, sondern jene Referenz, die sich mit der real zug\u00e4nglichen Welt der Gegenst\u00e4nde, der Natur befasst, die sich an Fakten h\u00e4lt, an das, was wir anfassen und ausprobieren k\u00f6nnen. Die Beziehung k\u00f6nnte eine s\u00e4kularisierte Spiegelung von Jenseits und Diesseits sein.<\/p>\n<p>Jede menschliche Sozialform, jede Kultur hat einen Standort f\u00fcr metaphysische Fragen, auch wenn der Begriff als solcher nicht auftaucht. Nicht nur f\u00fcr Schopenhauer ist der Mensch ein \u201eanimal metaphysicum\u201c. Die politische Aufkl\u00e4rung des 18. Jahrhunderts und auch das aus dem Rationalismus hervorgehende naturwissenschaftliche Weltverst\u00e4ndnis bek\u00e4mpfen aktiv oder verdr\u00e4ngen einfach funktionell durch ihren Erfolg die Metaphysik, reservieren die Wissenschaft als Raum, der frei ist von metaphysischer Spekulation. Die Aufkl\u00e4rung und der Szientismus der naturwissenschaftlich-technischen Welt des 19. Jahrhunderts verlassen sich stattdessen auf die Logik der Forschung, auf das Experiment, die zweiwertige Logik und die Falsifizierbarkeit von Aussagen als Pr\u00fcfsteine f\u00fcr Wahrheitsurteile, auch f\u00fcr unbestreitbare Aussagen \u00fcber Mensch und Natur. Vernunft wird mit empirisch zug\u00e4nglichem Wissen gleichgesetzt. Spekulative Philosophie, religi\u00f6ser Glaube, das sensorisch offene, das kontemplative Hineinhorchen in die Natur werden an die Peripherie verbannt.<\/p>\n<p>Keine Zivilisation hat die wissenschaftliche und technische Beherrschung der Natur so sehr in den Mittelpunkt ger\u00fcckt und zum System erhoben wie die europ\u00e4ische seit dem Ausgang des Mittelalters. Die Neuzeit war eine von Europa ausgehende Epoche, die den gesamten Globus zu einem Raum f\u00fcr Eroberungen machte, die den letzten Winkel entdecken, ausmessen, ausleuchten, nutzen und gestalten wollte. Der Kolonialismus schien den Europ\u00e4ern zwischen dem 16. und dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert als selbstverst\u00e4ndliche Form der Nutzbarmachung, aber auch die Zivilisierung einer Welt, die diesen Weg des Fortschritts und der Weltaneignung noch nicht beschreiten konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Europa 1945 in Tr\u00fcmmern lag, ging das nicht spurlos am ideellen Selbstbewusstsein vorbei. Der alte Kontinent hatte nach zwei verheerenden Kriegen seine Zentralit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft. Er war selbst zum Zivilisierungsfall geworden, hatte in tiefste Abgr\u00fcnde der Barbarei geschaut. Jetzt blickten viele zur\u00fcck an den Anfang, manche entdeckten mit Rechtsphilosophen wie Hans Welzel oder Gustav Radbruch das vom Rechtspositivismus und politischen Dezisionismus l\u00e4ngst abgeschriebene Naturrecht wieder.<\/p>\n<p>Die deutsche Verfassung von 1949, unser Grundgesetz, verfasste nicht wie die Weimarer Verfassung allein die demokratische, die soziale Republik, sondern sie stellte den einzelnen Menschen mit seinen angeborenen Rechten in den Mittelpunkt: stolz und frei, aber auch in seiner Verletzlichkeit und Hilfsbed\u00fcrftigkeit. Die ebenfalls demokratische Weimarer Reichsverfassung von 1919 griff auf die Aufkl\u00e4rung zur\u00fcck, das Bonner Grundgesetz wollte hier nichts dementieren, aber als posttotalit\u00e4res Dokument doch noch viel tiefer sch\u00f6pfen. Es sch\u00f6pft aus den Quellen des neuzeitlichen Menschenbildes, aus dem das normative Weltbild w\u00e4chst. Das Grundgesetz greift mit seiner Pr\u00e4misse der W\u00fcrde des Menschen zur\u00fcck zum christlich eingebetteten Renaissancehumanismus. Und es verweist auf die metaphysischen Urgr\u00fcnde als Horizont \u2013 im Gottesbezug der Pr\u00e4ambel ebenso wie mit der Dignitas Humana des ersten Artikels. Das Grundgesetz ist keine allein technische Verfassung, sondern eine post- und antitotalit\u00e4re Werteordnung. Es wendet sich gegen Kollektivismus und Staatsgl\u00e4ubigkeit, gegen totalit\u00e4re Meisterdenker und gegen Untertanengeist.<\/p>\n<p>Wenn stattdessen der einzelne Mensch in den Mittelpunkt der Rechtsordnung r\u00fcckt, hei\u00dft das aber auch wiederum nicht, dass der Mensch und sein Verstandesverm\u00f6gen, seine Interessen und Bed\u00fcrfnisse das Letzte und das einzig Ma\u00dfst\u00e4bliche w\u00e4ren. Die Kompassnadel der Vernunft braucht den magnetischen Pol au\u00dferhalb des eigenen Blickfeldes. Niemand hat in der Theologie der vergangenen Jahrzehnte anspruchsvoller und pr\u00e4gnanter den dialektischen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft deutlich gemacht als Josef Ratzinger, Papst Benedikt XVI. F\u00fcr ihn wendet sich das Christentum nicht gegen den Gott der Philosophen, der f\u00fcr das reine Sein und das reine Denken stand, dessen Ewigkeit und Unver\u00e4nderlichkeit wie die Mathematik jede Beziehung zum Ver\u00e4nderlichen und Werdenden ausschlie\u00dft. Der christliche Glaube in dieser Interpretation will nicht die R\u00fcckkehr zum Mythos, nicht hinter die klassische Philosophie zur\u00fcck, sondern etwas vervollkommnen, was ohne Glaube trotz aller menschlichen Anstrengung unvollkommen bliebe. Der Glaube erg\u00e4nzt die Vernunft, und zwar mit Lebendigkeit, durch die Dornbusch-Erfahrung mit Leidenschaft gef\u00fcllt, mit der Flamme sch\u00f6pferischer Liebe und des Dialogs mit den Menschen, der das Beten erlaubt und den Ratzinger auf die dialogische Struktur Gottes selbst zur\u00fcckf\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn die Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes die verfassungsgebende Gewalt des Deutschen Volkes in die \u201eVerantwortung vor Gott und den Menschen\u201c stellt, meint sie unzweideutig den methodischen Humanismus als Achtung der Person und die Selbstachtung der Gattung. Zugleich konzediert die Pr\u00e4ambel aber auch das Transzendente, den metaphysischen Urgrund, ohne deswegen theokratisch zu werden. Der Gottesbezug ist gewiss eine Formel der Demut, mehr aber noch ein reflektierender Akt der Selbsterkenntnis. Er macht die Grenzen menschlicher Vernunft deutlich, auch die Grenzen menschlicher Gestaltungsmacht und erinnert an die Angewiesenheit auf den unerforschlichen Horizont, der immer jenes ausgreifende Europa geschichtlich kennzeichnende Momentum austariert. Ausgleichendes Gewicht bedeutet insofern die Mahnung, die Grenzen menschlicher Erkenntnisf\u00e4higkeit in die Praxis einer Selbstbegrenzung und Selbstgen\u00fcgsamkeit einflie\u00dfen zu lassen, f\u00fcr die der Begriff der Metaphysik oder eben auch der Begriff Gottes einen Erinnerungspunkt setzt.<\/p>\n<p>Die Freiheit des einzelnen zur Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit markiert die gro\u00dfartige selbstexpansive Idee, wie sie Giovanni Pico della Mirandola in seiner Schrift des sp\u00e4ten 15. Jahrhunderts zur W\u00fcrde des Menschen formuliert hat: \u201eDu kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum H\u00f6heren, zum G\u00f6ttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschlie\u00dft.\u201c Auch eine solche optimistische Idee der Freiheit, die unhintergehbar im menschlichen Willen ihren letzten Grund findet, braucht als konstruktiven Widerpart das Andere, den jenseits der eigenen Verf\u00fcgbarkeit liegenden letzten Grund, gerade damit sie als individuelle Freiheit wirksam bleiben kann. Entsprechendes gilt f\u00fcr die Demokratie als gemeinsame Selbstentfaltung. Auch sie ist auf das Andere, das Unzug\u00e4ngliche angewiesen, muss ihre Grenzen erkennen, um sittlich geleitet in die Welt ausgreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Besondere am europ\u00e4ischen Weg und am westlichen Gesellschaftsmodell kann nur verstehen, wer den evolution\u00e4ren \u201eTrick\u201c, die scheinbare Paradoxie hinreichend w\u00fcrdigt, mit dessen Hilfe Freiheit im modernen Sinne \u00fcberhaupt m\u00f6glich wird. Zur Freiheit gelangt alles nur durch mehr selbst auferlegte Bindung. Die Biologie wei\u00df: Ohne F\u00e4higkeit zur Restriktion keine Evolution und keine Extension. Die F\u00e4higkeit zur Selbstbegrenzung, zur Achtung des Anderen, zum Erkennen der Pflicht, das Gewissen, die begrenzten und begrenzenden Institutionen: All das ist Bedingung einer Freiheit, die durch Abstreifen der \u00e4u\u00dferen Fesseln in einem Akt der Selbstkonstituierung entsteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer auf die europ\u00e4ische Integrationsgeschichte schaut, wird sehen, dass die Wege zur Einheit seit Beginn der F\u00fcnfzigerjahre nicht nur Tribute an politische Pragmatik und an die konkrete Machbarkeit bei der Verwirklichung von Ideen zu leisten hatte, sondern auch im geistigen Duktus der Aufkl\u00e4rung erster Ordnung ein metaphysisches Defizit erzeugte, unter dem Europa bis heute leidet. Obwohl nach 1945 eine politische Evidenz zur Einheit Westeuropas im sich anbahnenden Kalten Krieg und nach den Ergebnissen des europ\u00e4ischen Nationalismus bestand, kam die f\u00fcr die politische Zustimmung notwendige kritische Masse f\u00fcr das Projekt der europ\u00e4ischen staatlichen Einigung nicht zustande. Nach dem Scheitern der Europ\u00e4ischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die konzeptionell mit einer europ\u00e4ischen politischen Gemeinschaft (EPG) und damit der Vorstufe eines Bundesstaates verbunden werden sollte, hatten die sechs Gr\u00fcnderstaaten die Einheit auf eine Wirtschaftseinheit zur\u00fcckgef\u00fchrt. Der gemeinsame Wirtschaftsraum sollte zum gegenseitigen Nutzen Z\u00f6lle und Handelshemmnisse abbauen, mit wirtschaftlichen Grundfreiheiten grenz\u00fcberschreitende Mobilit\u00e4t f\u00f6rdern und auf diesem wirtschaftlich-funktionellen Wege einen politischen und kulturellen Mehrwert erzeugen, der dann in der Zukunft schrittweise zu einer politischen Union f\u00fchren sollte.<\/p>\n<p>Wir nennen das im Europarecht das \u201ePrinzip der funktionellen Einigung\u201c und die entstandene neue politische Herrschaftsform eine \u201esupranationale Organisation\u201c. Die funktionelle Einigungsidee \u00fcberf\u00fchrte den alten Interessenstreit zwischen Staaten in zivile und institutionell wohlgeordnete Formen. Die Staaten blieben souver\u00e4n, ihre nationalen \u00f6ffentlichen Kommunikationsr\u00e4ume konnten so franz\u00f6sisch, deutsch oder italienisch bleiben, wie sie es seit Langem waren. Zugleich wurde aber die mitgliedstaatliche Politik europ\u00e4isch p\u00e4dagogisiert und gleichsam erzogen. Sie mussten sich gemeinsamen Regeln unterwerfen, sich an die k\u00fchle Logik des gemeinsamen Marktes anpassen und das Regieren nicht allein national, sondern auch europ\u00e4isch gemeinschaftlich verstehen. Die gro\u00dfartige Kraft der funktionellen Einigungsidee mit ihrer innovativen supranationalen Logik lag darin, den politischen Wirtschaftsegoismus der Nationalstaaten, wie er seit dem der Merkantilismus gepflegt worden war und wie er sich als ewige Antriebsquelle f\u00fcr Konflikte und Kriege erwiesen hatte, an der Wurzel zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die Dynamik der immer engeren Union wurde sozialtechnisch auf den Weg gebracht und dann das erfolgreiche Modell in den achtziger Jahren mit gemeinsamer Justiz-, Innen- und Asylpolitik sowie durch die W\u00e4hrungsunion auf das Gleis klassischer Staatskompetenzen gesetzt und damit die politische Union, des Maastrichter Unionsvertrages ins Leben gerufen. Genau an der Stelle wurde aber allm\u00e4hlich sichtbar, dass auch eine gut funktionierende, sozialtechnisch ambitionierte Einigungsidee auf sozio-kulturelle Voraussetzungen angewiesen bleibt, die in den Mitgliedstaaten aufgrund von historischer Erfahrung, sprachlicher Pr\u00e4gung, alltagskultureller und religi\u00f6ser Besonderheiten bestehen, und die nicht einfach zum Gegenstand einer harmonisierenden Richtlinie aus Br\u00fcssel gemacht werden konnten. Solch sperrige Kr\u00e4fte wurden aus der Sicht der Funktionseliten mitunter als l\u00e4stige und durch gemeinsame Willensanstrengung \u00fcberwindbare Hindernisse angesehen.<\/p>\n<p>Doch die W\u00e4hrungsunion und die gemeinsame Asylpolitik im Schengen- und Dublin-System erwiesen sich neben allen Erfolgen gerade unter Druck und Herausforderungen auch als \u00dcberdehnung der M\u00f6glichkeiten funktioneller, rechts normativ verbindlich gemachter Einigungsprojekte. Die europ\u00e4isierte Verrechtlichung staatlich genuin gedachter Kompetenzen machte das Legitimationsdilemma der Supranationalit\u00e4t offenbar, weil sie tief in den politischen Prim\u00e4rraum der Staaten \u00fcber Fiskaldisziplin im Rahmen der W\u00e4hrungsunion oder Aufnahmeverpflichtungen im Rahmen einer gemeinsamen Asylpolitik eingriffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Ergebnis dieser \u00dcberspannung sozialtechnischer Potenziale ist die Entstehung oder Verst\u00e4rkung populistischer Bestrebungen, die praktisch in allen westlichen Demokratien mit fortschreitender Globalisierung und wirtschaftlicher Dynamisierung auftreten. Der rechte wie der linke Populismus versprechen nicht nur einfache L\u00f6sungen in einer komplex gewordenen Welt, sondern sie versuchen auch das Herz zu w\u00e4rmen jenseits zweckrationaler Imperative. Der rechte Populismus h\u00e4lt am Ziel einer kulturell und ideell homogenen Nation als metaphysischen Bezugspunkt auch an der individuellen Freiheit fest, er wirkt deshalb schon auf den ersten Blick r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt. Es gibt aber auch einen linken Populismus, der politisch \u00fcberzogen gegen die Logik offener M\u00e4rkte und die Funktionsmechanismen des Wettbewerbs regieren will und nicht wie das Konzept der sozialen Marktwirtschaft mit einer intelligenten Steuerung der Marktkr\u00e4fte operiert, um sie am Ma\u00dfstab der Entfaltungsfreiheit, der Chancengerechtigkeit und des Wohlergehens der B\u00fcrger zu nutzen.<\/p>\n<p>Beide Seiten beteuern, die wahre Demokratie zu verteidigen: als homogene (Volks-)Gemeinschaft oder als klassenbewusste Solidargemeinschaft, und zwar gegen den offenen, integrationsbereiten Staat oder gegen die global vernetzte Wirtschaft mit Markt und Wettbewerb. Die W\u00e4rmestuben des Populismus, ihre manchmal aufreizende Sprache, die sich an Leidenschaften, Evidenzerlebnissen der Ungerechtigkeit, an wirklichen oder vorgeblichen Skandalen entz\u00fcndet, sind mit ihrem partiellen, aber doch beunruhigendem Erfolg zugleich ein Symptom f\u00fcr das metaphysische Defizit in westlichen Gesellschaften. Wir sollten nicht vergessen, was in die totalit\u00e4ren Verf\u00fchrungen des 20. Jahrhunderts in ihrem \u00fcbersteigerten Nationalismus, im Faschismus und Kommunismus angerichtet, wie sie das Menschliche gequ\u00e4lt, gefoltert und gemordet haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie also kann eine aufgekl\u00e4rte Gesellschaft, solche Risiken erkennend, lernen und reagieren? Wie kann Europa sein metaphysisches Defizit ausgleichen? Wer diese Diskussion mit Aussicht auf Erfolg f\u00fchren will, muss sich der \u00fcblichen politischen Rechts-Links-Mechanik entziehen. Jemand, der f\u00fcr die St\u00e4rkung der sozialen Marktwirtschaft streitet, ist nicht per se links und wer an die antiken und christlichen Wurzeln Europas erinnert, ist nicht per se rechts. L\u00f6st man sich von politisch oktroyierten Denkblockaden, wird man erkennen, dass die \u00f6ffentliche Wahrnehmung der westlichen Gesellschaften sich allzu lange sozialtechnisch verengt hat und den Raum des Metaphysischen aus der \u00d6ffentlichkeit ins Private verbannt hat. Kirchen sind heute zwar anerkannte Verb\u00e4nde, die in Rundfunkr\u00e4ten, auf politischen Podien und den Ethikkommissionen durchaus nicht nur geduldete, sondern auch erw\u00fcnschte Akteure sind. Aber das gilt im Wesentlichen nur, solange sie nicht allzu sperrig in ihrem Glaubensbekenntnis oder in ihren ethischen Positionen sind, sondern sich politisch anschlussf\u00e4hig artikulieren, am besten nahe an den herrschenden aktuellen Werteinstellungen und Auffassungen. Nicht so sehr der Eigensinn und das Andere der Religion sind gefragt, sondern eher funktional passgenaue Aussagen und Best\u00e4tigungen. Im \u00f6ffentlichen Meinungsraum mit seinen einfachen Rezeptionsstrukturen von Gut und B\u00f6se, Richtig und Falsch, mit der Vorliebe f\u00fcr einfache popul\u00e4re Symbolik wird eine Theologie wie die des emeritierten Papstes schlicht nicht verstanden. Die Kirchen sollten deshalb klug und auf der Hut sein, sich nicht im \u00dcberma\u00df in die genuinen Operationen des politischen Systems zu begeben, denn sie m\u00fcssten ihr Wesen ver\u00e4ndern, um hier dauerhaft erfolgreich und anschlussf\u00e4hig zu sein. Christliche Gehalte, die politisch adaptiert werden, mag man als Erfolge oder gar als Zeichen der Glaubensgewissheit deuten, aber sie ver\u00e4ndern in der Mechanik der Macht ihren Charakter. Der Glaube, auch und gerade wenn er politischer Macht leuchten und die Welt mit gutem Grund kritisch begleiten will, muss doch im Kern darauf bestehen, nicht politisch zu sein.<\/p>\n<p>Hier liegt ohnehin ein tieferes Problem von struktureller Affinit\u00e4t und systematischer Differenz. Ohne die jahrtausendealte Dialektik von Vernunft und Glaube ist das europ\u00e4ische Gesellschaftsmodell nicht nachhaltig und kann sich nicht wirklich \u00fcberzeugend erkl\u00e4ren. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts betont, dass der Einzelne im Mittelpunkt der Rechtsordnung steht, der einzelne Mensch Tr\u00e4ger der W\u00fcrde ist, niemals zum Ding werden darf, herabgew\u00fcrdigt zur blo\u00dfen Verf\u00fcgungsmasse, zu Material und zum blo\u00dfen Objekt. Aber wo kommt eine solche Vorstellung her, wo findet sie ihre metaphysischen Wurzeln?<\/p>\n<p>F\u00fcr Josef Ratzinger kommt diese Vorstellung aus dem Christusglauben, wie er schreibt: \u201eDas aber best\u00e4tigt noch einmal den unendlichen Vorrang des Einzelnen vor dem Allgemeinen. Dieses fr\u00fcher entwickelte Prinzip zeigt sich hier wiederum in seinem ganzen Gewicht. Die Welt bewegt sich auf die Einheit in der Person zu. Das Ganze erh\u00e4lt seinen Sinn vom Einzelnen und nicht umgekehrt. Dies einzusehen rechtfertigt auch noch einmal den scheinbaren Positivismus der Christologie, jene f\u00fcr die Menschen aller Zeiten so skandal\u00f6se \u00dcberzeugung, die einen Einzelnen zur Mitte der Geschichte und des Ganzen macht. (&#8230;) Wenn es wahr ist, da\u00df am Ende der Triumph des Geistes steht, das hei\u00dft der Triumph der Wahrheit, Freiheit, Liebe, dann ist es nicht irgendeine Kraft, die am Schluss den Sieg davon tr\u00e4gt, dann ist es ein Antlitz, das am Ende steht. Dann ist das Omega der Welt ein Du, eine Person, ein Einzelner. Dann ist die allumfassende Komplexion, die unendlich alles umfassende Vereinigung, zugleich die endg\u00fcltige Verneinung alles Kollektivismus, die Verneinung jedes Fanatismus der blo\u00dfen Idee, auch einer sogenannten Idee des Christentums. Immer hat der Mensch, die Person, den Vorrang vor der blo\u00dfen Idee.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte dieser aus dem Christusglauben theologisch begr\u00fcndete methodische Humanismus bedeuten, was hei\u00dft das f\u00fcr die Zukunft der Europ\u00e4ischen Union? Es hei\u00dft vielleicht, dass die \u00dcbersch\u00e4tzung politischer Gestaltungsmacht mit finanziellen und rechtlichen Mitteln bis in private, vielleicht sogar intimste Lebensverh\u00e4ltnisse hinein regulieren zu k\u00f6nnen, eine ernste Gefahr f\u00fcr die ideelle, die angemessene metaphysische Grundlage Europas ist. Denn der methodische Humanismus verlangt scheinbar gegens\u00e4tzliche Anstrengungen: Der Mensch soll \u00fcber sich hinauswachsen, lernen, suchen, sich bilden, und mutig sich binden, dabei den jeweils Anderen und den N\u00e4chsten als das Spiegelbild seiner selbst und zugleich als Spiegel des G\u00f6ttlichen achten. Die politische Gemeinschaft schafft daf\u00fcr einen Entfaltungsrahmen, eine Infrastruktur der Freiheit, reicht die Hand den Hilfsbed\u00fcrftigen.<\/p>\n<p>Wenn eine Gesellschaft vielf\u00e4ltiger, aber auch spannungsgeladener oder sogar gewaltbereiter wird, wenn sie sittlich ihre Orientierung verliert, entstehen neue Anforderungen an die Rechts- und Friedensordnung. Aber die politische Gemeinschaft kann und darf keinen neuen Menschen unter Einsatz der zu Verf\u00fcgung stehenden Mittel herbei regulieren; sie ist auf den langen Weg von Bildung, Erziehung, Motivation und Abbildung der Leistungsgerechtigkeit wie der helfenden Aktivierung in Sozialstrukturen verwiesen. Politik muss den Eigensinn und die Freiheit achten, sonst bleiben die Beteuerungen der Vielfalt blo\u00dfe Lippenbekenntnisse. Die von der Kirche immer wieder angemahnte Subsidiarit\u00e4t hat starke politische Leuchtkraft, denn vielen leuchten immer nur die zentralen und eben die politischen wie rechtlichen L\u00f6sungen ein.<\/p>\n<p>Bei aller charakteristischen funktionellen Einigung und globalen Mobilisierung haben wir indes zu wenig Aufmerksamkeit auf Grunderfahrungen menschlicher Existenz gerichtet, die in der N\u00e4he der Familie, der Liebe und in Gemeinschaften entstehen. Im alltagsweltlichen Raum, angefangen von der Liebesbeziehung junger Menschen bis zur aufopfernden Pflege des gebrechlichen Ehepaares lebt die unmittelbare N\u00e4he und Erfahrung des Anderen wie des eigenen Selbst, also urspr\u00fcngliche Sozialit\u00e4t. Die f\u00fcr alle Menschen gleichbemessene N\u00e4he zu Gott stiftet ebenfalls origin\u00e4re Gemeinschaft und nicht so sehr die k\u00fchlere gesellschaftliche Assoziation. In urspr\u00fcnglicher Gemeinschaftsbildung entsteht etwas, das nicht immer weiter verrechtlicht, politisiert, \u00f6konomisiert oder auf \u00f6ffentliche Einrichtungen externalisiert werden kann.<\/p>\n<p>Die technischen, wirtschaftlichen und politischen Imperative der westlichen Gesellschaftsformation werden ihre \u00dcberzeugungskraft und ihre Wirkung auf Dauer nur dann erhalten k\u00f6nnen, wenn jene andere Welt lebendiger Erfahrung, des weiteren Sinnhorizonts, des Unerforschlichen und des Schicksalhaften nicht v\u00f6llig verbannt wird. Wenn das Metaphysische nicht als Esoterik, als Mythos oder gar als eine aus den Fugen geratene Leidenschaft ideologischer Destruktion zur\u00fcckkehren soll, dann kommt es auf die Wiedergewinnung jener spannungsreichen, aber letztlich konstruktiven Beziehung von Glaube und Vernunft an, die Benedikt sein Leben lang angemahnt hat. Nicht ein bevormundendes Europa, das paternalistisch mit sozialtechnischen Allmachtsphantasien und ohne institutionelles Feingef\u00fchl agiert, ist unsere Zukunft, sondern ein Europa der vern\u00fcnftigen Balance. Ein Europa des rechten Ma\u00dfes, des pragmatischen Augenma\u00dfes und eines, das seine kulturellen und religi\u00f6sen Wurzeln kennt, sein Herkommen, die M\u00f6glichkeiten und Grenzen seiner materiellen Potenziale. Die Zukunft liegt in einem Europa, das seine normative Signatur zwischen pers\u00f6nlicher Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz und des demokratischen Zusammenhalts, getragen von der Dignitas Humana als grundlegende geistige Kraft kennt und zugleich Respekt zeigt vor jenen spirituellen Quellen der Zivilisation, die sich ihren verschlungenen Weg gebahnt hat durch mehr als zwei Jahrtausende der spannungsreichen Ambivalenz von Glaube und Vernunft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Als Metaphysik gelten letzte Fragen menschlicher Erkenntnis und Existenz. Letzte Fragen sind immer auch erste Fragen, also Fragen des Ursprungs, des Herkommens, der Natur. Es sind die Fragen nach den Pr\u00e4missen, nach unverr\u00fcckbaren Axiomen, es geht um Vorannahmen und Verst\u00e4ndigungshorizonte. 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