{"id":117857,"date":"2026-01-16T11:51:31","date_gmt":"2026-01-16T10:51:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117857"},"modified":"2026-01-16T11:51:34","modified_gmt":"2026-01-16T10:51:34","slug":"europa-braucht-eine-versoehnte-christenheit-eine-biblische-perspektive","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/europa-braucht-eine-versoehnte-christenheit-eine-biblische-perspektive\/","title":{"rendered":"Europa braucht eine vers\u00f6hnte Christenheit"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seiner Regensburger Vorlesung, die 2006 hellsichtig vor der m\u00f6rderischen Verquickung von Religion und Gewalt warnt, hat Papst Benedikt XVI. an eine kleine Szene erinnert, die, wie sich im R\u00fcckblick erkennen l\u00e4sst, einen gro\u00dfen Schritt auf dem Weg zur Christianisierung Europas, aber auch zur Entstehung einer weltweiten Christenheit bedeutete. Lukas erz\u00e4hlt in der neutestamentlichen Apostelgeschichte von einer n\u00e4chtlichen Vision, die Paulus auf einer Missionsreise in Troas hatte, auf dem Gebiet des homerischen Troja; dieses Gesicht habe er als Einladung zur Missionierung jenes Erdteils n\u00f6rdlich des Mittelmeeres gedeutet, der seit dem griechischen Historiker Herodot im 6. Jahrhundert vor Christus \u201eEuropa\u201c genannt wird. Ich zitiere aus der Regensburger Vorlesung: \u201eDie Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der n\u00e4chtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen h\u00f6rte: Komm her\u00fcber und hilf uns (Apg 16,6-10) \u2013 diese Vision darf als Verdichtung des von innen her n\u00f6tigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden.\u201c<\/p>\n<p>Die Wortwahl Benedikts ist gewohnt pr\u00e4zise. Auf der Seite der Bibel steht das Glauben, auf der Seite der Griechen das Fragen. Auf der Seite der Bibel steht deshalb das Glauben, weil man nur glauben kann, dass Gott, wie Paulus es etwas sp\u00e4ter auf dem Areopag vor Philosophen sagen wird, \u201eden Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte\u201c (Apg 17,31). Auf der Seite der Griechen aber steht deshalb das Fragen, weil die Philosophie die Suche nach Wahrheit umtreibt und weil sie Kritik \u00fcbt, nicht nur an jeder wissenschaftlichen Aussage und an jeder gesellschaftlichen \u00dcbereinkunft, sondern auch an jeder Religion.<\/p>\n<p>Folgt man Benedikt in der Regensburger Vorlesung, ist es \u201evon innen her n\u00f6tig\u201c, dass biblisches Glauben und griechisches Fragen aufeinander zu gehen. Sie werden nicht ineinander \u00fcberf\u00fchrt; Glauben bleibt Glauben, Fragen bleibt Fragen. Aber die These der Vorlesung lautet: Es ist f\u00fcr den Glauben notwendig, sich dem Fragen zu stellen, der Suche und der Kritik, weil er sonst nicht Glauben w\u00e4re, sondern so t\u00e4te, als ob er alles schon durchschaute \u2013 so wie es auch f\u00fcr das philosophische Fragen notwendig ist, den Glauben nicht aus-, sondern einzublenden, weil es sonst auf dem wichtigen Gebiet der Religion das Fragen vers\u00e4umen oder gar verbieten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Glauben ist das Fragen n\u00f6tig, weil er selbst von der Suche nach Wahrheit angetrieben wird, von der Kritik aller menschlichen Gottesbilder, vom Ruf nach Gott, der sich verbirgt, wenn er sich offenbart, und die dunkelste Stunde von Golgotha in das hellste Licht des Ostermorgens taucht. F\u00fcr das philosophische Fragen ist das Glauben n\u00f6tig, weil es immer voraussetzen muss, dass dieses Fragen Sinn macht. Der Glaube, der sich den philosophischen Fragen stellt, wei\u00df vor allem eines: dass er nur Glaube ist; und die Philosophie, die sich dem Glauben stellt, erkennt vor allem eines: dass sie nur Fragen ist. Der Glaube, den das Fragen n\u00f6tig hat, ist nicht mit jenem identisch, der das Fragen braucht. Aber er ist ihm auch nicht fremd. Der Glaube an den Sinn, den der Berliner Philosoph Volker Gerhardt als Basis jeder Wissenschaft postuliert, ist das moderne Korrelat jener theologia naturalis, die nie das Wie des Handelns Gottes, aber doch das Dass seines Seins wahrscheinlich zu machen unternommen hat. Der Glaube jedoch, der durch das H\u00f6ren auf das, was er als Gottes Wort vernimmt, zur Konkretion im Gottesdienst, in der Lehre und in der Diakonie f\u00fchrt, zerst\u00f6rt die nat\u00fcrliche Gotteserkenntnis nicht, sondern f\u00fchrt sie zum Bewusstsein ihrer selbst. Der christologisch konkretisierte Glaube gibt zu denken. Er entzaubert jeden Wissenschaftsglauben, indem er die Endlichkeit aller irdischen Existenz und damit die Vorl\u00e4ufigkeit jeder Erkenntnis wahrnimmt, ohne an der M\u00f6glichkeit eines Vorgriffs auf wahre Erkenntnis zu verzweifeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Europa ist der Boden jener Begegnung von Theologie und Philosophie, von Glauben und Fragen geworden, die heute den Widerstand zivilisierter Gesellschaften gegen den Fundamentalismus begr\u00fcndet, die Option f\u00fcr die Einheit von Gottes- und N\u00e4chstenliebe, das Postulat einer Aufkl\u00e4rung, die sich \u00fcber sich selbst aufkl\u00e4rt und deshalb nicht nur Religionsfreiheit garantiert, sondern auch das gesellschaftliche Interesse organisiert, die Menschheitserfahrungen, die von den Religionen gespeichert werden, in das \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch einzubringen, das \u00fcber Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t, Freiheit und Verantwortung gef\u00fchrt wird. Dieses Thema haben Joseph Ratzinger und J\u00fcrgen Habermas 2004 in dieser Akademie eingehend er\u00f6rtert, nicht ohne eine ziemlich weitgehende \u00dcbereinstimmung zu erzielen.<\/p>\n<p>Schon das Judentum der Antike hat seinen Glauben an den einen Gott nicht nur im Land der Verhei\u00dfung, sondern notgedrungen auch in der Diaspora gelebt; mitten unter den V\u00f6lkern hat es den Versuch gestartet, mit Hilfe der Philosophie die Theologie zu durchdringen und mit Hilfe der Theologie die Philosophie. Die ersten Christen, die sich auf die Mission \u00fcber Jud\u00e4a, Galil\u00e4a und Samaria hinaus zu den V\u00f6lkern gemacht haben, waren weit davon entfernt, diese philosophische Theologie eines Judentums, das Griechisch konnte, zu verachten. Aber sie mussten radikal neu denken, weil es ihr Auftrag war, den Menschen Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, als den menschgewordenen Sohn Gottes zu verk\u00fcnden, der, von den Toten auferstanden, der \u201eUrheber des Lebens\u201c (Apg 3,15) geworden ist, so Petrus laut Lukas im Tempel von Jerusalem.<\/p>\n<p>Diese Mission hat Europa gepr\u00e4gt. Wie sie den Kontinent ver\u00e4ndert hat, zeigt die Fortsetzung der n\u00e4chtlichen Vision beispielhaft. Paulus kommt mit den Seinen zuerst nach Philippi (Apg 16,12-40). Was dort geschieht, ist programmatisch. Der erste Mensch, der getauft wird, ist eine Frau, die gottesf\u00fcrchtige Lydia, die ihr Haus als Missionsstation \u00f6ffnet. Die erste Tat, die von Paulus \u00fcberliefert wird, ist die Befreiung einer Sklavin von b\u00f6sen Geistern, die sie zur Wahrsagerei gezwungen haben. Die erste \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung, die Paulus abgibt, ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Recht auf freie Religionsaus\u00fcbung und Meinungs\u00e4u\u00dferung, das ihm bestritten worden war. Die Quintessenz ist von atemberaubender Aktualit\u00e4t. Das Christentum hat Europa die Gleichberechtigung der Frauen gebracht; es hat Europa vom Aberglauben befreit; es hat Europa die Idee eines Rechts gegeben, das der Freiheit dient. F\u00fcr all das ist der Glaube verantwortlich, der sich den kritischen Fragen stellt, aber auch darauf setzt, dass kritische Fragen nicht unterdr\u00fcckt, sondern gestellt werden, sodass der Glaube gefeiert, gelehrt und in der Liebe gelebt werden kann, nicht nur privat, sondern auch \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Freilich hat Europa auch die Mission ver\u00e4ndert. Durch die Begegnung mit den Griechen, durch die Auseinandersetzung mit der Philosophie, durch die Annahme der Religionskritik ist das Evangelium polyglott geworden. In Europa haben die Missionare gelernt, dass es nicht nur die Europa zugewandte Seite Gottes spiegelt, wie der Kulturprotestant Ernst Troeltsch eingangs des 20. Jahrhunderts meinte, sondern dass es den einen Glauben f\u00fcr alle in der einen Kirche f\u00fcr alle zu Wort kommen l\u00e4sst. Dazu musste es mit der griechischen Philosophie die Wahrheitsfrage stellen und mit dem r\u00f6mischen Recht im politischen System die Gerechtigkeit suchen, soweit es die schwachen Kr\u00e4fte erlaubten.<\/p>\n<p>Gleichwohl wirft schon der hoffnungsvolle Aufbruch lange Schatten. Ja, es ist ein Gewinn an Menschlichkeit, die eigene Person, aber auch jeden anderen Menschen als Gottes Ebenbild zu sehen. Es ist begl\u00fcckend, glauben zu d\u00fcrfen, von Gott geliebt zu sein und diese Liebe weitergeben zu k\u00f6nnen. Es ist sch\u00f6n, zu einer Kirche der vielen Nationen, der vielen Sprachen, der vielen Gesichter und Geschichten zu geh\u00f6ren, einer Kirche mit dem einen Glauben, der einen Taufe und der einen Eucharistie. Aber wer die Paulusbriefe liest, erkennt, dass es von Anfang an harten Streit um den richtigen Weg der Verk\u00fcndigung und des Gemeindeaufbaus gegeben hat, mit der Exkommunikation als Ultima Ratio (Gal 1,6-9). Die Apostelgeschichte intoniert nicht den Triumphmarsch der Weltmission, sondern zeigt die menschlich-allzumenschlichen Schw\u00e4chen derer, denen Jesus seine Botschaft anvertraut hat, vom Leugner Petrus, der doch ein Bekenner, bis zum Verfolger Paulus, der doch ein Verk\u00fcnder geworden ist. Das Ende der Apostelgeschichte ist offen: Die gro\u00dfe Mehrheit der Juden Roms wird nicht \u00fcberzeugt, und wie der Prozess gegen Paulus vor dem Kaiser ausgeht, wird nicht erz\u00e4hlt; der Konflikt schwelt weiter.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die weitere Geschichte zeigt eine hohe Ambivalenz. Einerseits belegt jedes Krankenhaus, jeder Kindergarten, jede Sozialstation die au\u00dferordentlichen Humanisierungseffekte des Christentums. Von den Seligpreisungen \u00fcber die Segnung der Kinder bis zum Samaritergleichnis und weit dar\u00fcber hinaus reichen die Impulse Jesu, coram Deo die W\u00fcrde und das Recht, wie man philosophisch und juristisch sagen kann, eines jeden Menschenkindes zu achten, jung oder alt, reich oder arm, gesund oder krank, geboren oder ungeboren. Die Geschichte des Sozial- und Rechtsstaates geh\u00f6rt in die Wirkungsgeschichte des Christentums. \u201eBildung\u201c ist ein genuin christliches Wort. \u201eFreiheit\u201c hat durch das Christentum die Hoffnung gewonnen, am Tod nicht zu enden. \u201eGott ist Liebe\u201c (1 Joh 4,8.16), kann nur sagen, wer den einen Gott als Vater, als Sohn, als Heiligen Geist glaubt; deshalb kann mit festem Glauben geschrieben werden: \u201eWer sagt: \u201aIch liebe Gott\u2018, und seinen Bruder hasst, ist ein L\u00fcgner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann Gott nicht lieben, den er nicht gesehen hat. Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, liebt auch seinen Bruder\u201c (1 Joh 4,20-21). Das ist die Summe biblischer Theologie, der Glutkern christlichen Glaubens, der Auftrieb menschlicher Ethik.<\/p>\n<p>Andererseits ist das Antlitz Europas durch Religionskriege tief verwundet, die unter Christenmenschen mit Berufung auf Gott ausgetragen worden sind; es ist durch Ehen von Thron und Altar entstellt, die angeblich den Glauben f\u00f6rdern, tats\u00e4chlich aber die Macht sichern sollten, meist unter aktiver Beteiligung von Kirchen. In diesem Jahr richtet sich der Blick auf die Reformation wie die katholische Reform und nicht nur auf ihre hellen, sondern auch auf ihre dunklen Seiten \u2013 mit den gewaltsamen Ausbr\u00fcchen angeblich heiligen, tats\u00e4chlich blasphemischen Hasses, der bis hin zum Nordirlandkonflikt immer wieder auflodert, und mit ihrem konfessionellen Konformit\u00e4tsdruck, der bis in unsere Tage Unfrieden in Familien stiftet. \u00dcber der Spaltung der lateinischen darf aber das Auseinanderdriften der orthodoxen und der r\u00f6mischen Christenheit nicht vergessen werden, das ein halbes Jahrtausend fr\u00fcher manifest geworden ist und gleichfalls eine Spur der Gewalt zieht; noch die Balkankriege ausgangs des 20. Jahrhunderts und die Ukraine-Krise heute sind von den Folgen nicht frei.<\/p>\n<p>Zwar werden Soziologen, Politologen und \u00d6konomen nicht m\u00fcde, soziale, politische beziehungsweise \u00f6konomische Ursachen als weit wichtiger denn religi\u00f6se f\u00fcr die Entstehung aggressiver Konflikte und f\u00fcr die Exklusion Anderer einzusch\u00e4tzen. Aber so wenig theologische Faktoren isoliert werden k\u00f6nnen \u2013 die christlichen Kirchen sollten sich nicht mit solchen Theorien beruhigen. Denn sie trauen dem Glauben auch keine Probleml\u00f6sung zu. Wenn die Kirchen selbstkritisch bleiben, m\u00fcssen sie bekennen, dass gerade der Glaube, der durch den Heiligen Geist die Kraft hat, jede Grenze zu \u00fcberschreiten und jeden Hass in Liebe zu verwandeln, in der Hand der Menschen zu einer Waffe werden kann, die anderen ins Gesicht schl\u00e4gt, weil sie nicht die wahre Religion, nicht die echte Moral oder auch nur nicht das richtige Gesangbuch haben.<\/p>\n<p>Mit der Einsicht in diese Versuchung, die gerade die Kehrseite der Verhei\u00dfung wahrer Gottesliebe ist, und mit dem Bekenntnis des eigenen Versagens beginnt jene Vers\u00f6hnung, die der Christenheit aufgetragen, zu der sie aber auch selbst aufgerufen ist, weil sie sich ihr ganz und gar verdankt. \u201eGott war in Christus\u201c, schreibt Paulus den Korinthern, \u201eda er die Welt mit sich vers\u00f6hnt hat, der er ihnen ihre \u00dcbertretungen nicht angerechnet und unter uns das Wort der Vers\u00f6hnung aufgerichtet hat\u201c (2 Kor 5,19). Aus diesem Glaubensbekenntnis zieht der Apostel die Schlussfolgerung: \u201eSo sind wir nun Gesandte an Christi statt; wie Gott durch uns mahnt; f\u00fcr Christus bitten wir: Lasst euch mit Gott vers\u00f6hnen\u201c (2 Kor 5,20).<\/p>\n<p>Polytheistische Religionen, wie Europa sie vor dem Christentum kannte, sehen keine M\u00f6glichkeit der Vers\u00f6hnung, sondern die ewige Wiederkehr des Gleichen. Opfer dienen dazu, eine z\u00fcrnende Gottheit zu bes\u00e4nftigen oder eine h\u00f6here Macht gar nicht erst auf b\u00f6se Gedanken kommen zu lassen. Denn die Vielzahl der G\u00f6tter erh\u00f6ht gerade nicht, wie die Moderne es gerne an den Himmel projiziert, die religi\u00f6sen Wahlm\u00f6glichkeiten, sondern im Gegenteil die Zahl religi\u00f6ser Pflichten, immer in der Angst, die Aufmerksamkeit, die der einen Gottheit gezollt wird, k\u00f6nne den Neid der anderen erregen. Eine Vers\u00f6hnung, die mit der Vergangenheit abschlie\u00dft und einen neuen Anfang er\u00f6ffnet, gibt es aber im Horizont des Monotheismus, weil diese Vers\u00f6hnung die Dimensionen einer neuen Sch\u00f6pfung hat (2 Kor 5,17). Die christologische Konkretion und die pneumatologische Transzendenz des Monotheismus erhellen, dass die Vers\u00f6hnung nicht nur h\u00f6chster g\u00f6ttlicher Heilswille, sondern zugleich tiefste menschliche Anteilnahme ist. Aus diesem Grund braucht Europa, braucht die Welt, die an der M\u00f6glichkeit einer tiefen Vers\u00f6hnung nicht verzweifeln will, die unverk\u00fcrzte Verk\u00fcndigung des Evangeliums von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Dass es in der orthodoxen, der evangelischen, der katholischen Theologie unterschiedliche Ans\u00e4tze und Denkformen gibt, ist kein Schade, sondern ein gro\u00dfer Reichtum, der im Zuge der europ\u00e4ischen Einigung besser miteinander geteilt werden kann als im Zeichen des Nationalismus.<\/p>\n<p>Zur Vers\u00f6hnung, die dem Christentum in Fleisch und Blut \u00fcbergeht, wenn es seinen Namen nicht zu Unrecht tr\u00e4gt, geh\u00f6rt die Annahme der Gegenwart: mit der F\u00e4higkeit zur Unterscheidung der Geister, also zur prophetischen Zeitkritik, aber auch mit der F\u00e4higkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Kommunikation des Evangeliums zu nutzen, die sich heute bieten, und vor allem die Menschen zu lieben, wie sie sind, damit sie nicht bleiben, die sie sind, sondern neue Menschen werden k\u00f6nnen \u2013 und die Boten des Evangeliums mit ihnen. Europa ist heute der Kontinent, in dem niemand zum Glauben gezwungen wird und mehr Menschen als anderswo s\u00e4kulare Welten entwerfen, in denen sie leben wollen. F\u00fcr die Kirchen ist diese Freiheit keine Bedrohung, sondern eine Chance, auf den Glauben zu setzen, ohne das Fragen zu vergessen, und auf das Fragen, ohne das Glauben zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freilich wird diese Chance verspielt, wenn die Kirchen selbst nicht miteinander vers\u00f6hnt sind: wenn die Katholiken nicht anerkennen wollen, dass es guten Glaubens auch Evangelische wie Orthodoxe gibt und vice versa. Diese Anerkennung aber z\u00e4hlt nur, wenn sie nicht letztlich aus Gleichg\u00fcltigkeit, sondern aus Glaubenserkenntnis erfolgt. Das ist die Stunde der \u00d6kumene. Sie ist in Europa entstanden; sie ist auch im Kontinent mit den vielen Katholiken, Protestanten und Orthodoxen, mit den vielen religi\u00f6sen Analphabeten, mit den antichristlichen Diktaturen des 20. Jahrhunderts von besonderer Wichtigkeit.<\/p>\n<p>Faule Kompromisse stiften neuen Unfrieden. Eine \u00d6kumene, die nur den status quo absegnet, braucht niemanden zu interessieren. Aber eine \u00d6kumene, die, wie es in der Bibel grundgelegt wird, die Kirche zur Umkehr ruft und eine Einheit sichtbar werden lassen will, die auf der gemeinsamen Anteilhabe an Jesus Christus selbst beruht, hat eine au\u00dferordentliche Bedeutung, nicht nur f\u00fcr die Kirche, sondern f\u00fcr ganz Europa und dar\u00fcber hinaus. In seinem Werk \u201eSchauen auf den Durchbohrten\u201c schrieb Joseph Ratzinger 1984: \u201eDie Einheit der Kirche, die auf die Liebe des einen Herrn gegr\u00fcndet ist, zerst\u00f6rt nicht das Eigene der einzelnen Gemeinden, sondern baut und h\u00e4lt sie als wirkliche Kommunion mit dem Herrn und untereinander\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt eine \u201eGemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa\u201c; es gibt auf katholischer Seite den \u201eRat der Europ\u00e4ischen Bischofskonferenzen\u201c und die \u201eKommission der Bischofskonferenzen der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft\u201c; es gibt in Br\u00fcssel ein B\u00fcro der orthodoxen Kirchen; es gibt, ohne die katholische Kirche, die \u201eKonferenz Europ\u00e4ischer Kirchen\u201c; es gab, mit katholischer Beteiligung, die \u00f6kumenischen Versammlungen in Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007). Das ist nicht wenig. Gleichwohl fehlt es an einer klaren Stimme der vereinten Christenheit auf dem europ\u00e4ischen Kontinent \u2013 weil es an einer \u00fcberzeugenden Botschaft oder weil es an effektiver Organisation fehlt? Nach Jahrhunderten der Entfremdung und der Anfeindungen hat l\u00e4ngst die Stunde der Vers\u00f6hnung geschlagen. Es ist eine gro\u00dfe Aufgabe, die vorhandenen Strukturen zu reformieren und die erreichte Vers\u00f6hnung in einer Einheit sichtbar werden zu lassen, die Gl\u00e4ubige wie Ungl\u00e4ubige erkennen k\u00f6nnen. Dass Vers\u00f6hnung m\u00f6glich ist, wenn sie auf Gott gr\u00fcndet, weil er durch jedes Ende hindurch Zukunft schenkt, ist die entscheidende Botschaft \u2013 und dass die Kirchen mit gutem Beispiel vorangehen, ihre genuine Berufung.<\/p>\n<p>Ohne christliche Politiker wie Robert Schumann, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer h\u00e4tte es die europ\u00e4ische Friedensunion nicht gegeben. Ohne das Christentum verliert Europa seine Seele. Mit dem Christentum kann es sich so entwickeln, dass es nicht nur eine Wirtschafts-, sondern eine Wertegemeinschaft ist, die sich der irdischen Gerechtigkeit verpflichtet wei\u00df, ohne sie mit der himmlischen zu verwechseln. Europa braucht die spirituellen und ethischen Ressourcen der Christenheit dringender denn je.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; In seiner Regensburger Vorlesung, die 2006 hellsichtig vor der m\u00f6rderischen Verquickung von Religion und Gewalt warnt, hat Papst Benedikt XVI. an eine kleine Szene erinnert, die, wie sich im R\u00fcckblick erkennen l\u00e4sst, einen gro\u00dfen Schritt auf dem Weg zur Christianisierung Europas, aber auch zur Entstehung einer weltweiten Christenheit bedeutete. 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