{"id":117865,"date":"2026-01-16T12:05:41","date_gmt":"2026-01-16T11:05:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117865"},"modified":"2026-01-16T12:06:22","modified_gmt":"2026-01-16T11:06:22","slug":"was-fuer-die-christen-spricht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/was-fuer-die-christen-spricht\/","title":{"rendered":"Was f\u00fcr die Christen spricht"},"content":{"rendered":"<p>Nicht zu allen Zeiten sprach viel f\u00fcr die Christen. Zu Zeiten der \u00e4u\u00dferst gewaltsam gef\u00fchrten Kreuzz\u00fcge, zu Zeiten der frisch installierten spanischen Weltherrschaft, in deren Folge die Scheiterhaufen mit den brennenden K\u00f6rpern von Juden, Muslimen und Ketzern gen Himmel loderten und Tausende von Indios um der Goldgier willen geschlachtet wurden, breitete sich der Leichengestank \u00fcber unsere Religion, aber nun nicht mehr ausgehend von den tapferen M\u00e4nnern und Frauen, die einst das Martyrium erlitten hatten, gek\u00f6pft, gepf\u00e4hlt, gekreuzigt, von L\u00f6wen zerrissen worden waren, um die Herrlichkeit der christlichen Botschaft zu bezeugen, sondern von Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens, anderer Sitten und Gebr\u00e4uche. Mit den Abgr\u00fcnden der weltlichen Herrschaft in allzu engen Bund geraten zeigten sich die federf\u00fchrenden Scharfmacher und die Heere christlicher Pr\u00e4gung um keinen Deut besser als ihre Folterer von ehedem.<\/p>\n<p>Sprechen wir hier nicht ausf\u00fchrlich vom Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, der viele europ\u00e4ische L\u00e4nder ausbluten lie\u00df und Millionen von Todesopfern forderte. Nat\u00fcrlich ist es ein Ammenm\u00e4rchen, zu glauben, dieser ewig lange Krieg sei um der katholischen oder protestantischen Glaubensbekenntnisse willen gef\u00fchrt worden. Ganz andere Machtinteressen waren dabei im Spiel, die Konfessionen sorgten nur f\u00fcr die wechselhaften H\u00fcllen und Kost\u00fcme, unter denen das gro\u00dfe Schlachttheater aufgef\u00fchrt wurde. Kurze Lehre aus einer langen, langen Geschichte des Mordens und Zerst\u00f6rens: zweifellos hat es den Christen gut getan, im Prozess der S\u00e4kularisierung aus den S\u00e4len der Macht allm\u00e4hlich verdr\u00e4ngt worden zu sein. Damit ist die Bahn wieder frei f\u00fcr das christliche Kerngesch\u00e4ft. Und dieses Kerngesch\u00e4ft ist einzigartig, in einen Mantel geh\u00fcllt von bet\u00f6render W\u00fcrde und Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bevor ich auf den herzerw\u00e4rmenden Glanz der christlichen Botschaft zu sprechen komme, muss zuvor noch einmal im gro\u00dfen Bottich der religi\u00f6sen Exzesse ger\u00fchrt werden. Derzeit geht weltweit kaum Gefahr von den Christen aus \u2013 selbst die polnische Regierung, die den Missbrauch der christlichen Religion in grotesker Form auf ihren Fahnen f\u00fchrt, ist ein harmloses und zahnloses Tigerchen im Vergleich zu so manchem Machthaber, der in einem dereinst christlich durchherrschten europ\u00e4ischen L\u00e4nder sein Unwesen trieb. Am Beispiel Polens kann man allerdings in kleindimensionierter Form erkennen: die Verschwisterung mit der Macht bekommt den Christen nicht.<\/p>\n<p>Sie bekommt keiner Religion. Derzeit gehorchen ja nicht mehr die Christen den verf\u00fchrerischen Machteinfl\u00fcsterern, der Potenzwahn ist inzwischen das schreckliche Privileg des Islam, der inzwischen viele L\u00e4nder verheert und sich Abertausende von Opfern auf das Gewissen geladen hat. Es ist dabei eine durchaus vergleichbare Form der Korruption im Spiel, der die gewaltt\u00e4tigen Christen im Mittelalter und zum Beginn der Neuzeit erlegen sind. Im \u00dcbrigen gedeiht der Judenhass des modernen Islam auf denselben d\u00fcrren Palmwedeln, die einst die christlichen Einpeitscher dieses Hasses geschwungen haben. Nur versp\u00e4tet. Denn zur Ehre des Islam geh\u00f6rt, dass zu Zeiten der Blutbl\u00fcte des Christentums die Muslime ungleich gerechter und wohlwollender mit den j\u00fcdischen Gemeinden in ihrer Mitte umgegangen sind.<\/p>\n<p>Die Politisierung der Religionen stiftet Unheil. Das betrifft inzwischen sogar die Juden, die sich \u00fcber Jahrhunderte hinweg enthalten haben, ihre Religion ins Korsett einer von Machtinteressen gespeisten Politik zu pressen. Dass sie sich dieser klugen Enthaltsamkeit w\u00fcrden beflei\u00dfigt haben, wenn sie die weltliche Herrschaft \u00fcber weite Gebiete und Jahrhunderte des damaligen r\u00f6mischen Reichs hinweg innegehabt h\u00e4tten, darf allerdings bezweifelt werden. Die entsetzlichen Leiden der Verfolgung und Ermordung, die die Juden im Lauf der Jahrhunderte unbarmherziger und radikaler trafen als die Angeh\u00f6rigen der christlichen und islamischen Religionsgemeinschaften, sind einzigartig. Wenn sich israelische Politiker heute unklug und auch grausam gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern verhalten, ist das zwar leider wahr, aber wir in Deutschland Geborenen sind die Allerletzten, die den emp\u00f6rten Zeigefinger und den erhobenen Arm gegen die Juden ausstrecken d\u00fcrften. Er stinkt verdammt nach Hitlergru\u00df.<\/p>\n<p>Wie gesagt, die Christen sind inzwischen eher zahm geworden, jedenfalls nicht mehr eroberungss\u00fcchtig wie in vergangenen Jahrhunderten, in denen Mission immer auch Schwertmission bedeutet hatte. Obwohl es einem auch heute bei so manchen Erscheinungen, die unter dem Segel des Christlichen dahinfahren, recht mulmig zumute werden kann. Vor einigen Jahren besuchte ich in Cincinnati eine christlich erweckte Gro\u00dfveranstaltung, die in einer riesigen Halle stattfand. \u00dcber solche Versammlungen hatte ich einiges gelesen und war neugierig geworden, wie es da tats\u00e4chlich zugehen mochte. Sie k\u00f6nnen einen das Grausen lehren. Eine Show wurde geboten, die zu nichts anderem diente als einem mit allen Massenw\u00e4ssern gewaschenen Prediger die B\u00fchne f\u00fcr seine Herrschsucht zu bieten und ihn im Geld schwimmen zu lassen. Suggestion, die im Grunde erzprofanen Zwecken dient, ist zum F\u00fcrchten. Ob sich beim Auftritt in N\u00fcrnberg alle Arme zum Hitlergru\u00df recken und niemand es wagt, still f\u00fcr sich allein sitzen zu bleiben, oder ob sich in einer Massenarena in Cincinnati das gesamte Publikum auf Befehl zu einer frohlockenden Beifallsbekundung hinrei\u00dfen l\u00e4sst, wobei jeder, der da nicht mitmacht, hochaggressive Blicke erntet \u2013 der Unterschied kann nicht allzu gro\u00df sein. In Cincinnati war die hinter dem Enthusiasmus liegende Aggression deutlich zu sp\u00fcren. Angesichts der Zurschaustellung der sieben s\u00fcndigen Erweckten, die vor der ergriffenen und dann tobenden Menge sich mit stotternden Zungen zu ihrer jeweiligen Schuld bekannten, um vom selbst ernannten Prediger in schmetternder Rede erst niedergemacht und dann wieder erhoben zu werden, drehte sich mir schier der Magen um. W\u00e4re der Scharlatan dazu \u00fcbergegangen, der Menge zu befehlen, die armen S\u00fcnder mit eigenen H\u00e4nden zu zerfleischen, h\u00e4tten die aus jeglichem Korsett des Anstandes und der Vernunft gefallenen Leute es vermutlich getan. In drastischer, wenn auch unblutiger Weise wurde im Saal das im Grunde archaische Drama des S\u00fcndenbocks aufgef\u00fchrt. Sie ist durchaus nicht g\u00e4nzlich erloschen, die blutr\u00fcnstige Fackel des archaischen Opfertheaters. Ein Prediger, aus dessen Mund die Funken des Hasses und der Vergeltung spr\u00fchen, kann sie jederzeit wieder zum Lodern bringen.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferst klug hat der franz\u00f6sische Religionsphilosoph Ren\u00e9 Girard den Prozess der Massenaufstachelung, der Aussonderung eines Opfers und dessen T\u00f6tung analysiert. Aufgeregte Schreie ert\u00f6nen, Blut muss spritzen und viele M\u00f6rderh\u00e4nde besudeln. Die griechischen Mythen erz\u00e4hlen diese Geschichten in vielfacher Form, allerdings falsch. Sie leugnen konsequent, worum es in Wahrheit dabei geht. Ein im Grunde unschuldiges Opfer wird ausgemacht, zumeist ein Mensch, der sich am Rande der Gesellschaft befindet und keine F\u00fcrsprecher besitzt, um ihn des kompletten Verderbens zu bezichtigen, das eine Gesellschaft befallen hat, seien es Missernten, seien es kriegerische Niederlagen oder innere Zwiste sozialer Art. Das Opfer wird gehetzt und schlie\u00dflich in einer Blutorgie zerrissen. Nach der grausamen Tat tritt vor\u00fcbergehend Beruhigung ein. Die Menschen k\u00f6nnen in ihren Alltag zur\u00fcckkehren und sich wieder ihren normalen Gesch\u00e4ften widmen. Der Clou des blutigen Theaters ist, dass das Opfer als S\u00fcndenbock dient. Ein Unschuldiger wird stellvertretend zum Schuldigen f\u00fcr alles Unheil gemacht, das der Gemeinschaft widerfahren ist, und seine M\u00f6rder d\u00fcrfen sich in aller Unschuld anschlie\u00dfend die H\u00e4nde waschen. Der wesentliche Trick dabei ist jedoch, dass die Schuld des Opfers scheinbar feststeht. An ihr darf nicht ger\u00fcttelt werden. Sie wird zementiert, damit die M\u00f6rder unbelastet ihrer Wege gehen k\u00f6nnen. Genau diesen Sachverhalt, das Uml\u00fcgen von Schuldlosigkeit in Schuld, verbergen die mythischen Erz\u00e4hlungen \u00e4u\u00dferst geschickt. Das Opfer hat schwere S\u00fcnden begangen und wurde zu Recht bestraft. Die M\u00f6rder d\u00fcrfen sich eines reinen Gewissens erfreuen.<\/p>\n<p>Das Opfer, das Jesus erbracht hat, kehrt die Verh\u00e4ltnisse radikal um. Jesus ist der antike S\u00fcndenbock, aber er ist unschuldig. Das wird in aller Deutlichkeit betont: an diesem Mann ist keine Schuld zu finden. Keiner kann sein Gewissen mehr damit beruhigen, dass die Kreuzigung zu Recht geschah, weil ein Verbrecher an der Gemeinschaft auf grausame Weise hingerichtet wurde. Die Gesellschaft wird sich dar\u00fcber nicht mehr beruhigen, die M\u00f6rder werden nicht mehr in Heiterkeit und Ruhe ihrer Lebensbahn folgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Genau diese zum Himmel schreiende Unschuld ist der Kern der christlichen Botschaft. Sie ist schwer zu ertragen, und es ist noch schwerer, nach ihrem Ma\u00df zu leben. Dass die Christen dem S\u00fcndenbocktheater aufs Neue verfielen, indem sie Juden, Muslime, Ketzer und Hexen auf ihren Scheiterhaufen verbrannten, zeigt, wie fragil die zivilisierende Botschaft ist, die sich durch den freiwilligen Tod eines hochber\u00fchmten Unschuldigen in alle Welt verbreitet hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, es ist schwer, die jesuanische Botschaft aufzunehmen und sicher im eigenen Herzen zu verwahren. Sie bedeutet nicht nur die Abkehr von jeglicher Mordlust und der falschen Bezichtigung von Menschen, die ein wenig anders sind als wir selbst, anders vor allem als wir den Fremden im Spiegel der eigenen W\u00fcnsche sehen wollen. Es geht dabei ums Ganze. Es geht darum, wie wir leben sollen. Ganz zu schweigen von der Hochachtung, die Jesus den armen Leuten entgegenbrachte, die in der Welt der Erfolgreichen nichts zu bestellen haben. Das ist die revolution\u00e4re Kernbotschaft des jesuanischen Wirkens w\u00e4hrend seines Lebens auf der Erde. Diesbez\u00fcglich kann ich mich nicht enthalten, mich zu einer erbaulichen Jubelrede hinrei\u00dfen zu lassen. Wer, wo, wann h\u00e4tte sich jemand im antiken Mythentheater, will hei\u00dfen aus den sich daraus in gl\u00e4nzender literarischer Manier fortspinnenden Erz\u00e4hlungen je um die armen Leute, um die Sklaven und M\u00e4gde geschert, die zu schwerer Arbeit verdammt waren? Eine tapfere Amme mag hie und da vorkommen. Kein griechischer Held hat je auch nur einen Tag in geknechteter M\u00fchsal der Arbeit verbracht. Ein griechischer Held vollbringt erstaunliche Taten, selbst wenn es sich blo\u00df um das Ausmisten von St\u00e4llen handelt. Erstaunlich, weil er stark ist, dem Adel angeh\u00f6rt oder ein Halbgott ist. Sein Dasein l\u00e4sst ihn weit \u00fcber dem Stand derer seinen Wirkkreis durchschreiten, die an die niedere, glanzlose M\u00fchsal der Arbeit gebunden sind, arme Leute eben, die weder Einfluss noch Verm\u00f6gen besitzen, dazu verdammt, namenlos zu sterben. Keineswegs in einem Kampf, der ihren Namen in die Ber\u00fchmtheit katapultieren und ihnen ein jenseitiges Leben im Hades, gar wandelnd auf den asphodelischen Wiesen, garantieren k\u00f6nnte. Sie verrecken. Werden verscharrt. Sp\u00e4testens nach einer Generation, meist sofort nach ihrem Tod, sind sie vergessen. Denn sie haben ja im Grunde nie existiert, jedenfalls nicht als Menschen, die das Anrecht auf ein Fitzelchen W\u00fcrde h\u00e4tten erlangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gegen diese zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit begehrt die jesuanische Botschaft auf. Die J\u00fcnger, die Jesus auf seinen Reisen begleiten, sind bekanntlich einfache Leute, deren Namen im antiken Welttheater f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht erinnert werden. Jesus r\u00e4umt mit seinem Erl\u00f6sungsversprechen Menschen, die kein Ansehen und kein Verm\u00f6gen besitzen, geradezu k\u00f6nigliche Rechte ein. Das ist revolution\u00e4r im besten Sinne. Nat\u00fcrlich hat die j\u00fcdische Bibel dazu wesentliche Elemente beigetragen. Erinnern wir uns nur an die gro\u00dfe Glanzfigur des K\u00f6nig David, eines m\u00e4chtigen Mannes, der als J\u00fcngling erstaunliche Taten vollbringt. W\u00e4re David als griechischer Mythenheld auf dem Tableau einer Erz\u00e4hlung erschienen, w\u00e4re er in jungen Jahren als ber\u00fcckend sch\u00f6ner Held einen s\u00fcperben Heldentod gestorben. Nicht so in der j\u00fcdischen Bibel. Der Mann wird alt, gebrechlich und s\u00fcndenschwer. Keinerlei Strahlkraft geht von ihm aus. Alle Sch\u00f6nheit ist dahin, die Bewunderung, die man f\u00fcr den glanzvollen J\u00fcngling hegen kann, ist aufgezehrt.<\/p>\n<p>Der Romanist Erich Auerbach, ein Jude, der w\u00e4hrend der Nazizeit emigrierte und als Professor an einer neu gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t in Istanbul wirken konnte, hat in seinem Hauptwerk \u201eMimesis\u201c den Kontrast zwischen dem Typus des mythischen Helden der Antike und den Figuren der j\u00fcdischen Bibel eingehend analysiert und kommt dabei auf mehrere Besonderheiten zu sprechen, welche die Unterschiede zwischen den mythischen Erz\u00e4hlungen und dem biblischen Text ausmachen. Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Kargheit der Sprache einerseits und der Opulenz in der Ausschm\u00fcckung des Geschehens andererseits. Die beiden gro\u00dfen Epen Homers faszinieren durch ihre dichterische Opulenz, in der eine au\u00dferordentliche sprachliche Schmiegsamkeit die F\u00fclle der Erscheinungen spielerisch erfasst. In den wandelbaren Kost\u00fcmen des menschlichen Begehrens, den Liebesh\u00e4ndeln als Spiegelfechtereien der Natur, dem L\u00e4rm der Schlachten wird der unabl\u00e4ssig aufbrechende Widerstreit zwischen G\u00f6ttern, Halbg\u00f6ttern und Menschen als poetisches Feuerwerk entz\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die Bibel ist karg. Auf den ersten Blick verliert sie den Wettstreit zwischen dichterischer Opulenz und \u2013 salopp gesagt: kargem Gestoppel in Bruchs\u00e4tzen, zwischen denen schwarze L\u00f6cher g\u00e4hnen, die nicht durch sprachliche Hochschw\u00fcnge \u00fcberbr\u00fcckt werden. Zu weiten Teilen ist das so, Ausnahmen inbegriffen. Die hochgebockte Glanzrede Gottes im Buch Hiob ist so eine Ausnahme, einige Psalmen besitzen ebenfalls eine hochm\u00f6gende dichterische Pr\u00e4senz. Aber weitgehend dominieren die schwarzen L\u00f6cher zwischen knappen S\u00e4tzen. Als dichterische Glanzleistung kann es die Bibel mit den Epen Homers jedenfalls nicht aufnehmen. Doch gerade, dass sie so ganz und gar anders ist, macht ihre Besonderheit aus.<\/p>\n<p>Die Dringlichkeit der biblischen Verk\u00fcndigung ist ungeheuerlich. \u00c4ndere dein Leben! So lautet der Befehl, der dem Leser oder Beter vor Augen steht, wenn er passagenweise ihren Text aufnimmt, ihn h\u00fctet und dabei sein Innerstes befragt, um etwas davon bittend in den eigenen kleinen Kosmos zu \u00fcberf\u00fchren. Und es ist ziemlich klar, was diese Verk\u00fcndigung bedeuten soll: Du sollst ein gottesf\u00fcrchtiges Leben f\u00fchren, andere Menschen nicht bestehlen oder t\u00f6ten, auch dein N\u00e4chster steht in Gottes Hut, ihm darf nicht geschadet werden. Wichtig ist die Armut. Der arme Mensch wird im j\u00fcdischen wie christlichen Teil der Bibel in W\u00fcrde erhoben, und damit wird gedanklich das sch\u00e4rfste Schwert geschwungen, mit dem die Bibel in den funkelnden poetischen Glanzk\u00f6rper der mythischen Erz\u00e4hlungen mitsamt ihrem Gewimmel an Helden f\u00e4hrt. Sie verlangt ja einiges von ihren Adepten, diese Botschaft. Zwar ist es so gut wie unm\u00f6glich, der eigenen S\u00fcndenverhaftung zu entkommen, aber Versuche dazu m\u00fcssen unternommen werden, die Gefahr des R\u00fcckfalls in die bequeme Lasterhaftigkeit muss erkannt und so gut wie eben m\u00f6glich bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heutzutage ist diese Botschaft von enormem Wert. Da die modernen Gesellschaften, in denen wir leben, die Durchsetzungsf\u00e4higkeit des Individuums preisen, ist das biblische Gebot, sich keineswegs \u00fcber seinen N\u00e4chsten zu erheben sondern im Gegenteil f\u00fcr dessen Wohlbefinden Sorge zu tragen, von allergr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Das hat rein gar nichts mit weichlicher Nachgiebigkeit zu tun, sondern \u2013 modern formuliert \u2013 mit Fairness und Respekt vor den Menschen, die unsere Wege kreuzen. Der j\u00fcdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas hat die Beziehung des Menschen zu Gott in ein Dreiecksverh\u00e4ltnis gespannt, welches einen au\u00dferordentlich erhellenden Wert besitzt. Nicht Gott und ich, oder ich und Gott, stehen in einem wechselhaften Spannungsverh\u00e4ltnis, sondern: Indem ich in die Augen meines N\u00e4chsten blicke und damit etwas Substantielles durch diesen Augenkontakt erfahren kann, wird eine andere Art des Verstehens, vor allem aber die so wesentliche T\u00f6tungshemmung ausgel\u00f6st. In den Augen des anderen kann ich lesen, dass dieser Andere, mir Fremde, ein gottgewolltes Gesch\u00f6pf ist, das ebenfalls ein Anrecht darauf besitzt, zu existieren. Nur durch diese F\u00e4higkeit der Kenntnis, die ins Praktische umgem\u00fcnzt in der N\u00e4chstenliebe m\u00fcndet und darin ihre Vollendung finden kann, dienen wir dem Dritten und H\u00f6hergestellten in der Triade, dienen wir Gott.<\/p>\n<p>Das Gebot der N\u00e4chstenliebe ist essentiell. Den Blick daf\u00fcr zu bewahren, was Tausenden von ungl\u00fccklichen Menschen widerf\u00e4hrt, die sich in den Hunger- und verheerten Kriegsgebieten in Lebensgefahr begeben, um irgendeine Form des Auskommens zu finden, ist nicht nur eine kleine altruistische \u00dcbung, die in einem wohlfeilen Lippenbekenntnis enden darf, sie erfordert Tatkraft, Mut und nat\u00fcrlich auch Barmherzigkeit, aber eben nicht nur diese, sondern zugleich n\u00fcchterne \u00dcberlegung. Das ist ziemlich viel verlangt auf einmal.<\/p>\n<p>Derzeit sind wir in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern herausgefordert wie niemals zuvor in den letzten sechzig, siebzig Jahren. Menschen in bisher ungekannter Zahl nehmen halsbrecherische Wege in Kauf, um in unseren L\u00e4ndern ihr Gl\u00fcck zu versuchen. Zweifellos ein Riesenproblem, das nicht einfach nur mit Mildherzigkeit und guten Worten zu l\u00f6sen ist. Der einzelne Christ kann und darf nach dieser Devise handeln und sollte es nach M\u00f6glichkeit auch tun, die Politiker, die f\u00fcr die Gesamtverantwortung eines Landes einstehen m\u00fcssen, k\u00f6nnen dies wohl kaum. Und es zeichnet sich l\u00e4ngst ab, dass einzelne L\u00e4nder und fast alle Politiker in Europa immer weniger gewillt sind, entsprechend dem Gebot der N\u00e4chstenliebe zu handeln.<\/p>\n<p>Das hat zwar schreckliche, aber dennoch ernsthafte Gr\u00fcnde, die man nicht vernachl\u00e4ssigen darf. Bei weiterem Zuzug von Fl\u00fcchtlingen, besonders, wenn dies in ungeordneter Weise geschieht, erstarken landauf landab die rechtsradikalen Parteien. Im einst so toleranten Holland h\u00e4tte man vor wenigen Jahren noch kaum geglaubt, dass eine rechtsradikale Partei, die auf Fremdenhass und sonst nichts beruht, derartige Erfolge bei den W\u00e4hlern erzielen k\u00f6nnte. Im erzkatholischen Polen, wo man es eigentlich besser wissen m\u00fcsste, ist die Abneigung, \u00fcberhaupt einen einzigen Fl\u00fcchtling aufzunehmen, skandal\u00f6s gro\u00df. Der Brexit, der Europa j\u00fcngst in geharnischte Tumulte versetzt hat, gedieh auf nichts anderem als der Angst und dem \u00dcberdruss, sich weiter mit fremden Einwanderern befassen zu m\u00fcssen, von denen man f\u00fcrchtet, sie w\u00fcrden das Land destabilisieren. Auf entsetzliche Weise gelingt es den muslimisch gepr\u00e4gten Terroristen, diese \u00c4ngste enorm zu sch\u00fcren, wiewohl nur ein winziger Teil der neu angekommenen Fl\u00fcchtlinge sich diesen M\u00f6rderbanden angeschlossen hat. Die angsterregenden Effekte, welche die Migrationsbewegungen und in deren Gefolge entschlossene Mordgr\u00fcppchen provozieren, lassen sich an der Grande Nation, an Frankreich, nur allzu deutlich studieren.<\/p>\n<p>Nein, das sind keine angenehmen Zeiten, denen wir entgegengehen. Zwar w\u00fcrde ich eine Wette darauf wagen, dass der Islam in einigen Jahren durch die aggressiven Akte eines radikalen Teils seiner Gl\u00e4ubigen, \u00fcber dem der missbrauchte Name Allahs als knatternde Fahne weht, abgewirtschaftet haben wird. Die Zerst\u00f6rungsorgie der Islamisten trifft ja zuallermeist die Angeh\u00f6rigen der eigenen Religion. Die S\u00e4kularisierung des Islam k\u00f6nnte sich dadurch schneller vollziehen, als wir es heute ahnen. Vermutlich werde ich selbst diesen Prozess allerdings nicht mehr erleben. Jawohl, es wird auch dem Islam guttun, wenn er sich in die eigenen Schranken begibt und keine Ausfl\u00fcge mehr in die Dom\u00e4ne des Politischen unternimmt. Manches Mal erinnern mich die Gr\u00e4uel, die heute im Namen Allahs begangen werden, fatal an die Gr\u00e4uel fr\u00fcherer Jahrhunderte, die Christen im Namen ihres Gottes vollf\u00fchrt haben. Nur zeitversetzt, und nat\u00fcrlich mit anderen Waffen, die im grausamen Spiel des Hasses und der Zerst\u00f6rung zum Einsatz gelangen.<\/p>\n<p>Das ist beileibe keine Verunglimpfung des Islam an sich. In jungen Jahren durfte ich bei einer gro\u00dfen Ausstellung \u00fcber islamische Kunst im V\u00f6lkerkundemuseum Berlin-Dahlem assistieren und hatte das Privileg, mir die sagenhaften Schriftdokumente und Miniaturen aus dem persischen, irakischen und indischen Raum anzusehen, die das New Yorker Metropolitan Museum den Dahlemern ausgeliehen hatte. Mit wei\u00dfbehandschuhten Fingerchen war es mir verg\u00f6nnt, in den Sch\u00e4tzen zu bl\u00e4ttern. Absolut hinrei\u00dfende Dokumente einer hochgradig sublimen Kultur sind das, die mich in helles Entz\u00fccken versetzt haben. Die sorgf\u00e4ltige Andachtsbewegung, die in den wunderbaren Verschriftungen des Koran zum Ausdruck kommt, hat etwas Herzbewegendes. Ich sah die Schreibenden vergangener Jahrhunderte mit gespitzten Z\u00fcnglein in and\u00e4chtiger Haltung Schriftzeichen neben Schriftzeichen setzen, eine fromme \u00dcbung auch dies, eine hohe Konzentration erfordernd. Da durfte nicht gepatzt und nicht geschmiert werden. Etliche der Miniaturen lie\u00dfen sich durchaus zu ihrem Vorteil an den bedeutenden Kunstsch\u00e4tzen des westlichen Europa messen. Die Schrift selbst ist in puncto Sch\u00f6nheit den lateinischen Buchstabendokumenten aus vergleichbarer Zeit bei Weitem \u00fcberlegen. Kurzum, dieser Einblick in eine l\u00e4ngst vergangene Kultur des Islam hat mir Bewunderung eingefl\u00f6\u00dft, die tief sitzt und mich keineswegs zu einer Ver\u00e4chterin dieser Religion macht.<\/p>\n<p>Doch die Erfahrung mit den hinrei\u00dfenden Texten des Homer und anderer Griechen lehrt: Der \u00e4sthetische Genuss allein sagt nichts \u00fcber den Wahrheitsgehalt und die ethische Bedeutung eines in kunstvoller Form dargereichten Stoffes aus. Obwohl es hinrei\u00dfende Bilder von Aphrodite gibt und beeindruckende Skulpturen des donnernden Zeus, verleiten mich diese nicht dazu, an sie zu glauben und mein Leben auch nur im Entferntesten nach ihnen auszurichten. Es bleibt dabei: die vielgestaltigen mythischen Formen sind von bestrickender Sch\u00f6nheit und spannungsgeladener Dramatik, der Islam hat gleichfalls bezaubernde Sch\u00e4tze aufzuweisen, die Katholiken k\u00f6nnen mit einer langen Reihe erstklassiger Theologen aufwarten, die mein Denken enorm bereichert haben, aber ich bleibe protestantisch, bleibe dem treu, was meine fromme pietistische Gro\u00dfmutter mir in liebreicher Form beigebracht hat. Ihr, einer zutiefst freundlichen und gutherzigen Frau, verdanke ich meine religi\u00f6se Pr\u00e4gung. Und dabei bleibt\u2019s.<\/p>\n<p>Ganz so zuversichtlich, wie der letzte Satz klingen mag, kann ich allerdings nicht enden. Ein riesiges schwarzes Loch in die Gotteszuversicht hat die Vergangenheit geschlagen. Die zum Himmel schreienden Zerst\u00f6rungen, die der Zweite Weltkrieg \u00fcber die europ\u00e4ischen L\u00e4nder gebracht hat, vor allem die Ermordung von Millionen j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger in den deutschen Konzentrationslagern, hat jede Form eines naiven Glaubens an Gott hinweggefegt. Von auch nur ann\u00e4hernd vergleichbaren Gr\u00e4ueln wei\u00df die Bibel nichts. Mich hat das gro\u00dfe Gedicht von Jizchak Katzenelson, eines gl\u00e4ubigen Juden, dessen komplette Familie get\u00f6tet wurde und am Ende auch er selbst, zutiefst verst\u00f6rt. Katzenelson hat mit seinem \u201eDos lid funm ojsgehargetn jidischen folk\u201c die extremste Anklage verfasst, die es gegen Gott gibt. Das Buch Hiob ist im Vergleich dazu eine harmlose und vers\u00f6hnliche Schrift. Vor etlichen Jahren habe ich das Gedicht zuf\u00e4llig im Radio auf Jiddisch rezitiert geh\u00f6rt. Kein Vortrag, kein Text hat mich je derma\u00dfen aufgew\u00fchlt wie dieses Lied. Man kann danach nicht zur Tagesordnung \u00fcbergehen. Das Gedicht hat sich in mein Ged\u00e4chtnis gefressen. Ich werde es nicht mehr los. Nach dieser Erfahrung f\u00e4llt es mir schwer, mich auf die kindliche Fr\u00f6mmigkeit zu besinnen und ihr zu vertrauen, so einfach und sch\u00f6n, wie sie einst in meinem Herzen Wohnstatt nahm.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht zu allen Zeiten sprach viel f\u00fcr die Christen. 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