{"id":117869,"date":"2026-01-16T12:09:59","date_gmt":"2026-01-16T11:09:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117869"},"modified":"2026-01-16T12:09:59","modified_gmt":"2026-01-16T11:09:59","slug":"europa-christlich","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/europa-christlich\/","title":{"rendered":"Europa \u2013 christlich?!"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Frankreich-Wahl stand heuer das politische Schicksal Europas auf dem Spiel. 40 Prozent der Franzosen haben im ersten Wahlgang Europa-Gegner gew\u00e4hlt. Falls die Pr\u00e4sidentschaftskandidatin namens Le Pen ihr angek\u00fcndigtes Ziel, die Europ\u00e4ische Union zu verlassen, h\u00e4tte verwirklichen k\u00f6nnen, w\u00e4re Europa in eine lebensbedrohliche Krise mit ung\u00fcnstigen Genesungsperspektiven geraten. Die deutsch-franz\u00f6sische Achse als Motor der Europ\u00e4ischen Einigung w\u00e4re zerst\u00f6rt gewesen, die Idee eines politisch geeinten Europas h\u00e4tte unermesslichen Schaden erlitten. Es stimmt mich zuversichtlich, dass die W\u00e4hler in Frankreich diese L\u00f6sung nicht wollten, aber die Wahlentscheidung in Frankreich war ein Wetterleuchten f\u00fcr andere Staaten Europas.<\/p>\n<p>In Deutschland gibt es eine Partei, die f\u00fcr einen Austritt unseres Vaterlandes aus der Friedensgemeinschaft der Europ\u00e4ischen Union bei der Wahl im September dieses Jahres wirbt. In wiederum anderen Mitgliedsstaaten der EU k\u00f6nnen wir einen zersetzenden Prozess beobachten, wenn Europ\u00e4isches Recht vor aller Augen au\u00dfer Kraft gesetzt wird, einfach nicht angewandt wird \u2013 auch in Deutschland.<\/p>\n<p>In Berlin wird einer Lehrerin durch die Landesregierung untersagt, ein Kettchen mit Kreuz zu tragen, ber\u00fchmte Fu\u00dfballclubs in Spanien verzichten auf ihr Kreuz im Wappen, um bessere Gesch\u00e4fte in Arabien zu machen. Gipfelkreuze wurden in bayerischen Werbeprospekten f\u00fcr den arabischen Markt wegretuschiert. Die gro\u00dfen christlichen Kirchen, insbesondere auch meine katholische Kirche hat schon bessere Zeiten gesehen, was Attraktivit\u00e4t und Zahl der Gl\u00e4ubigen betrifft. \u00c4hnlich wie in den Jahren zuvor haben im Jahr 2015 deutlich \u00fcber 200.000 Katholiken ihre Kirche in Deutschland verlassen. In der protestantischen Kirche eine nahezu identische Zahl. Auch wenn man Zuw\u00e4chse bei christlichen freikirchlichen Gemeinschaften mit einbezieht: Setzt sich dieser Trend von deutlich \u00fcber 400.000 Einzelentscheidungen, den gro\u00dfen christlichen Kirchen den R\u00fccken zu kehren, ungebremst fort, welche pr\u00e4gende Substanzkraft h\u00e4tte dann ein in 10 Jahren um die Einwohnerzahl Th\u00fcringens und Sachsen-Anhalts geschrumpfte Zahl von Christinnen und Christen in unserem Land? Welche Kraft w\u00fcrde eine dynamisch wachsende Zahl von Muslimen entfalten?<\/p>\n<p>Papst Benedikt besch\u00e4ftigt diese Entwicklung intensiv, wie dem Buch von Peter Seewald mit dem Titel \u201eLetzte Gespr\u00e4che\u201c zu entnehmen ist, das vor wenigen Monaten erschienen ist. N\u00fcchtern stellt er in diesem gro\u00dfartigen Gespr\u00e4chsband fest: \u201eDer Glaube in Europa schw\u00e4cht sich allerdings so ab, dass es schon von daher nur noch begrenzt die eigentliche impulsgebende Kraft der Weltkirche und des Glaubens in der Kirche sein kann.\u201c Papst Benedikt beklagt die Macht der B\u00fcrokratien, die Theoretisierung des Glaubens, die Politisierung und den Mangel an einer lebendigen Dynamik. Aber Papst Benedikt bel\u00e4sst es nicht bei der Betrachtung der Wirklichkeit, sondern zeigt Wege auf wie Europa seine Seele bewahren kann. Politisch und spirituell.<\/p>\n<p>Denn eines ist klar: Auch wenn Europa und zumal Deutschland in einem schmerzlichen jahrhundertelangen Prozess zur Trennung von Politik und Religion gefunden haben, zu einem Prozess der Balance, der Kooperation, des gegenseitigen Durchdringens von Staat und Kirche ohne Identit\u00e4ten zu vermischen, vom Investiturstreit und der Zwei-Schwerter-Lehre des Mittelalters, von der Frage, wer das Letztentscheidungsrecht politisch hat, hin zu einer in Konkordaten geregelten Zusammenarbeit, so steht dennoch fest: Eine v\u00f6llige Zusammenhangslosigkeit zwischen sinkenden Zahlen christlicher Gl\u00e4ubiger und politischer Identit\u00e4t Europas auf christlich-j\u00fcdischer Grundlage l\u00e4sst sich schwer leugnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kardinal Ratzinger und Papst Benedikt war Europa immer ein Herzensanliegen. Der Name Benedikt ist ein europ\u00e4ischer Programmsatz. Der heilige Benedikt von Nursia war einer der Baumeister eines Europas in geistlicher und kultureller Einheit. Mit den Klostergr\u00fcndungen der Benediktiner entstand die Wirklichkeit, die wir heute Europa nennen. F\u00fcr uns in Bayern \u2013 das darf ich als geborener M\u00fcnchner sagen \u2013 w\u00e4re das Entstehen einer bayerischen Staatlichkeit in der Geschichte fraglich ohne die Kl\u00f6ster. Benediktiner-Kl\u00f6ster haben Bayern Identit\u00e4t in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends nach Christus erm\u00f6glicht. Max Spindler schreibt in seinem grundlegenden Handbuch der bayerischen Geschichte: \u201eDer Neuansatz des Christentums in Bayern erhielt durch die vorwiegend von M\u00f6nchen getragene Mission einen starken kl\u00f6sterlichen Einschlag.\u201c Zugespitzt formuliert: Ohne Kl\u00f6ster g\u00e4be es kein Bayern.<\/p>\n<p>Als damaliger Pr\u00e4fekt an der Spitze der Glaubenskongregation hielt Kardinal Ratzinger im November 2000 in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin eine prophetische Rede zum Thema \u201eEuropas Kultur und ihre Krisen\u201c. Dabei beschrieb er die Grundlagen Europas durch das M\u00f6nchstum, \u201edas in den gro\u00dfen Ersch\u00fctterungen der Geschichte der wesentliche Tr\u00e4ger nicht nur der kulturellen Kontinuit\u00e4t, sondern vor allem der grundlegenden religi\u00f6sen und sittlichen Werte geblieben ist und als vorpolitische und \u00fcberpolitische Kraft auch zum Tr\u00e4ger der immer wieder n\u00f6tigen Wiedergeburten wurde.\u201c<\/p>\n<p>Damals im Jahr 2000 erregte die Konzeption einer europ\u00e4ischen Verfassung, die Europ\u00e4ische Grundrecht-Charta die interessierte \u00d6ffentlichkeit. Heute wissen wir, dass diese Grundrecht-Charta eine sehr \u00fcberschaubare Wirkung in Europa entfaltet hat. Wobei aber ihr Grundansatz richtig war. Europa kann nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft bleiben, eine gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfige Organisation von Nationen, die Handel treiben, ihren Vorteil suchen und gemeinsame Werte ganz weit hinten anstellen.<\/p>\n<p>Und exakt diese Werte mahnte der damalige Kardinal Ratzinger an und im Hinblick auf die damals schon erkennbaren krisenhaften Zuspitzungen von Europas Zukunft und gleichzeitig der Attraktivit\u00e4t unseres Kontinents. Erwartungen aus vielen anderen Kulturen, Europa m\u00f6ge nicht nur wirtschaftlich-technologisch, sondern vor allem mit seinen Werten die Welt retten, formulierte Kardinal Ratzinger seherisch: \u201eEuropa scheint in dieser Stunde seines \u00e4u\u00dfersten Erfolges von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gel\u00e4hmt, sozusagen auf Transplantate angewiesen, die dann aber doch seine Identit\u00e4t aufheben m\u00fcssen. Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kr\u00e4fte entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. Es gibt eine seltsame Unlust an der Zukunft. Kinder, die Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart angesehen.\u201c Die linksorientierte, in Berlin erscheinende TAZ berichtet kritisch von dieser Veranstaltung: Der Kardinal habe auch ein klares Wort zur Homo-Ehen-Problematik im Entwurf dieser Europ\u00e4ischen Verfassung vermisst, so wie er auch auf die Schwangerenkonfliktberatung eingegangen sei.<\/p>\n<p>Bei seiner historischen Rede vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestags am 22.09.2011, die sich letztlich an alle Parlamentarier weltweit gerichtet hat, benennt Papst Benedikt die Grundlagen einer erfolgreichen und f\u00fcr die Menschen gl\u00fccklichen Politik in Europa: \u201eAn dieser Stelle m\u00fcsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der \u00dcberzeugung eines Sch\u00f6pfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenw\u00fcrde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen f\u00fcr ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Ged\u00e4chtnis. Es zu ignorieren oder als blo\u00dfe Vergangenheit zu betrachten, w\u00e4re eine Amputation unserer Kultur insgesamt und w\u00fcrde sie ihrer Ganzheit berauben.\u201c Dieser Rat von Papst Benedikt ist mehr als nur ein Gel\u00e4nder f\u00fcr europ\u00e4ische Politik, an dem man sich dann und wann anhalten kann. Vielmehr sind die von Benedikt benannten Grundlagen eine feste, belastbare Treppe in eine sichere Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was aber kann Europa aus diesen wegweisenden Worten heute, hier und jetzt, im Jahr 2017 entnehmen? Welche Richtung soll Europa einschlagen? Wie soll sich die Europ\u00e4ische Kommission positionieren? Wie der Rat? Wie sollen die Nationalstaaten zusammen wirken? Wie k\u00f6nnen sie die Menschen f\u00fcr die Europ\u00e4ische Ideen in ihren Herzen erreichen? Ich rate uns zu folgendem Vorgehen:<\/p>\n<ol>\n<li>Europa muss sich dazu bekennen, vor allem eine Wertegemeinschaft zu sein, nicht nur eine reine Allianz geographischen und geopolitischen Kalk\u00fcls \u2013 eine Wertegemeinschaft jenseits aller wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Der Anstieg des Bruttoinlandsproduktes in der EU darf nicht einhergehen mit der asymmetrischen Geringsch\u00e4tzung der W\u00fcrde des Menschen. Der W\u00fcrde des Menschen in allen seinen Phasen von der Geburt bis zum Tod. Der W\u00fcrde des Menschen unabh\u00e4ngig von seiner Herkunft, seinem Einkommen und seinen Begabungen. Die entscheidenden Fundamente Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit sind nicht verhandelbar. Deshalb kann die Erdo\u011fan-T\u00fcrkei nicht Mitglied der EU werden, insbesondere nach dem Referendum und der geplanten Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe. Die EU und Deutschland insbesondere stehen f\u00fcr eine humane Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen in unseren Aufnahmeeinrichtungen, die den Geflohenen Schutz vor Verfolgung und Tod geben. Dazu geh\u00f6rt auch, dass wir ein Mobbing von zu uns geflohenen Christen in Unterk\u00fcnften konsequent ahnden: Wer Fl\u00fcchtlinge bei uns drangsaliert, verwirkt sein Gastrecht.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"2\">\n<li>Europa braucht eine neue Sinnhaftigkeit. An der Spitze der Sinnhaftigkeit steht die Friedenssicherung. Die Europ\u00e4ische Union war zu allererst eine Gemeinschaft zur Sicherung des Friedens, nachdem unser Kontinent in zwei schrecklichen B\u00fcrgerkriegen, die man sp\u00e4ter \u201eWeltkriege\u201c genannt hat, zerst\u00f6rt worden war. Die Europ\u00e4ische Union kann selbstbewusst auf ihren historischen, einmaligen Erfolg blicken. Seit der Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Union haben ihre Mitgliedsstaaten zwar oft unterschiedliche Meinungen ausgetragen, aber niemals gab es zwischen den Mitgliedern kriegerische Auseinandersetzungen. Demokratie muss neu und f\u00fcr alle Europ\u00e4er verstehbar gemacht werden. Mehr Kompetenz\u00fcbertragung nach Europa kann nur synchron mit der Entwicklung demokratischer Basisvoraussetzungen gelingen. Es kann nicht richtig sein, dass die Wahlstimme eines Maltesers f\u00fcr das Europ\u00e4ische Parlament zehnmal mehr Gewicht hat als die eines Franzosen. Jede Stimme f\u00fcr die Wahl des Europ\u00e4ischen Parlaments muss gleiches Gewicht haben, ob Mann oder Frau, ob Franzose oder Malteser. One man \u2013 one vote.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li>Die Menschen in Europa, in den Mitgliedsstaaten der Europ\u00e4ischen Union, m\u00fcssen wissen: Europ\u00e4isches Recht gilt f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen, jedenfalls so lange dieses nicht durch den Europ\u00e4ischen Gesetzgeber aufgehoben worden ist. Gerechtigkeit beginnt und endet mit der gleichen konsequenten Anwendung und Durchsetzung europ\u00e4ischer Regeln und Gesetze europaweit. Dublin II gilt in Griechenland, und ich sage dies selbstkritisch: genauso auch in Deutschland. Die Maastricht-Kriterien gelten f\u00fcr Deutschland und Frankreich genauso wie f\u00fcr Spanien und Griechenland.<\/li>\n<li>Die Europ\u00e4ische Union muss bei der zentralen Frage der Sicherung europ\u00e4ischer Au\u00dfengrenzen Handlungsf\u00e4higkeit beweisen. Daran wird sich das Schicksal Europas entscheiden. Vieles spricht daf\u00fcr, dass wir vor einer gro\u00dfen V\u00f6lkerwanderung stehen und dass uns in den letzten Jahren nur eine Vorhut erreicht hat. Allein Nigeria wird in den n\u00e4chsten 25 bis 30 Jahren als volksreichster Staat Afrikas so viele Einwohner haben wie Gesamteuropa zusammengerechnet mit 500 Millionen Menschen. \u00c4gypten wird sich von 100 Millionen auf 200 Millionen Einwohner verdoppeln, Sudan von 35 auf 70 Millionen, \u00c4thiopien von 100 auf 200 Millionen. Wenn die jungen Menschen in Afrika keine Perspektive sehen, wenn es den Menschen in Afrika nicht gut geht, dann wird es den Menschen in Europa auch nicht gut gehen k\u00f6nnen. Und kein Staat in Europa \u2013 auch nicht die m\u00e4chtige Bundesrepublik Deutschland \u2013 kann die Herausforderung in Afrika alleine l\u00f6sen. Es bedarf einer gro\u00dfen, europ\u00e4ischen Kraftanstrengung, oder Europa wird es nicht mehr in der bisherigen Form geben.<\/li>\n<li>Ich freue mich, dass mittlerweile die EU-Kommission durch ihren Pr\u00e4sidenten Jean-Claude Juncker selbst f\u00fcnf Szenarien f\u00fcr die Weiterentwicklung der Europ\u00e4ischen Union eingebracht hat. Ein Szenario dabei ist: \u201eweiter so wie bisher\u201c. Man w\u00e4re verliebt in das, was das kleine Karo beschreibt als eine EU, die sich auf zweij\u00e4hrige Kaffeemaschinengew\u00e4hrleistungsstrategien beschr\u00e4nkt. Ich denke, niemand kann das wollen und wird das wollen. Aber die Szenarien \u201eWeniger, daf\u00fcr effizienter\u201c oder das Szenario \u201eWer mehr will als Mitgliedsstaat, der tut auch mehr\u201c scheinen es mir wert zu sein, ernsthaft und entschlossen diskutiert zu werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Bei der weiteren Entwicklung Europas wird es R\u00fcckschl\u00e4ge geben, Auseinandersetzungen. Aber um Gerechtigkeit und Frieden voranzubringen, bedarf es keines abstrakten Computerrechts, sondern einer Wertepolitik, welche die Verbindungen zu Kultur und Religion nicht kappt oder abschneidet \u2013 es bedarf in Europa Politiker, die den Mut haben, sich selbst zu pr\u00fcfen und selbst zu vergewissern, ob das geschaffene Ergebnis auch einem christlich verstandenen Menschenbild standh\u00e4lt.<\/p>\n<p>\u201eMan kann die Welt nicht mit dem Evangelium regieren\u201c, verk\u00fcndete schon Martin Luther, der gro\u00dfe Reformator, der auch in der Katholischen Akademie anl\u00e4sslich des 500-j\u00e4hrigen Gedenkens erw\u00e4hnt werden darf. Aber klar ist auch: Die religi\u00f6s weltanschauliche Neutralit\u00e4t Europas und auch unseres Staates Deutschland bedeutet keine Wertneutralit\u00e4t aller staatlichen Ordnung. Immer dann, wenn sich politisch Verantwortliche bem\u00fcht haben, auf christlicher Wertegrundlage Fundamente zu schaffen, waren sie erfolgreich.<\/p>\n<p>Etwa bei den Gr\u00fcnderv\u00e4tern und -m\u00fcttern der Bundesrepublik Deutschland herrschte die \u00dcberzeugung vor, dass der Abfall von Gott den Weg frei gemacht hat f\u00fcr ein schrankenloses Machtsystem von tiefster menschlicher Erniedrigung: der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In der Landesverfassung von Schleswig-Holstein war es vor wenigen Monaten nicht m\u00f6glich, einen Gottesbezug zu verankern. Die V\u00e4ter und M\u00fctter des Grundgesetzes haben den Mut gehabt, in eindeutiger Klarheit die entscheidende \u00dcberschrift des Grundgesetzes zu formulieren: In Verantwortung vor Gott und den Menschen. Und deshalb ist der wahrhaft k\u00f6nigliche Artikel 1 unserer Verfassung \u2013 \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar\u201c \u2013 buchst\u00e4blich vom Himmel gefallen, er w\u00e4re ohne die christlichen Wurzeln der damals politisch Handelnden nicht m\u00f6glich gewesen. Und unser Grundgesetz ist seither ein Segen gewesen.<\/p>\n<p>Und ein zweites Beispiel: Mit dem Zerfall der kommunistischen Systeme in Osteuropa ist die Zerbrechlichkeit eines k\u00fcnstlich selbst geschaffenen Wertesystems erneut offenkundig geworden. \u201eDer Versuch den Himmel auf Erden zu verwirklichen, f\u00fchrt stets in die H\u00f6lle\u201c, so Sir Karl Popper. Deshalb meine ich, wer christliches Leben in Europa aus der politischen \u00d6ffentlichkeit verbannen will und die Sakristei zur\u00fcckdr\u00e4ngen will, legt die Axt an seine eigenen Wurzeln. F\u00fcr Deutschland brachte es Hermann Ehlers, der erste Pr\u00e4sident des Deutschen Bundestages, 1953 auf den Punkt: \u201eDer Staat lebt nicht von den Weisungen der Kirche, sondern von den Fr\u00fcchten ihrer geistigen Existenz.\u201c<\/p>\n<p>Wir brauchen die christlichen Werte, die Solidarit\u00e4t, die Hilfsbereitschaft und N\u00e4chstenliebe mehr denn je, und die Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit, M\u00e4\u00dfigung, Tapferkeit und Weisheit sind nicht Reste ersch\u00f6pfter Kulturpessimisten, sondern haben Strahlkraft f\u00fcr die Menschen weit \u00fcber Europa hinaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber ist das Glas f\u00fcr Europa halbvoll oder halbleer? Hat Europa noch die Kraft, als Abendland christlich-j\u00fcdische Wurzeln zu gie\u00dfen, dass darauf gro\u00dfe B\u00e4ume mit m\u00e4chtigen Kronen wachsen k\u00f6nnen? Darf man in der Politik Gottvertrauen haben? Oder ist Pessimismus Pflicht? Kann man sich vorstellen, auch als aktiver Politiker, dass Gottes Wirken in gro\u00dfen politischen Entwicklungen aufsp\u00fcrbar w\u00e4re? Wer erinnert sich noch an die Jahre vor 1989?<\/p>\n<p>Europa war geteilt. Von Europ\u00e4ischer Einheit keine Spur. Eine schreckliche, menschenverachtende Grenze, Eiserne Vorhang, verlief quer durch unseren Kontinent. Am un\u00fcberwindlichsten waren die Grenzbefestigungen in Deutschland: Todesstreifen, Stacheldraht, Minenfelder, Selbstschussanlagen und Wacht\u00fcrme verhinderten, dass die Menschen zueinander kamen, am menschenfeindlichsten dokumentiert in Berlin. Die Stadt geteilt in Ost und West durch eine Mauer. Wer versuchte vom Osten in den Westen zu gelangen, musste oft mit seinem Leben bezahlen.<\/p>\n<p>Hoch aufger\u00fcstete Milit\u00e4rbl\u00f6cke standen einander gegen\u00fcber. Die Nato und der Warschauer Pakt, mehrere Millionen Soldaten allein in Mitteleuropa, zehntausende von Panzern, mehr als 10.000 Gesch\u00fctze. Chemische und Biologische Waffen waren in den Arsenalen einsatzbereit, um im Kriegsfall eine unbegrenzte Zahl von Menschen zu vergiften und zu t\u00f6ten. Das atomare Vernichtungspotential war so gro\u00df, dass es mehrfach ausgereicht h\u00e4tte, die Menschen in der Mitte Europas zu t\u00f6ten und unseren Kontinent auf Dauer unbewohnbar zu machen. Man war froh \u00fcber kleine, ja winzige Zeichen der Entspannung und es galt die politische \u00dcberzeugung, an der Teilung wird sich in den von Menschen \u00fcberblickbaren Zeitr\u00e4umen nichts \u00e4ndern. Es galt der allgemeine Konsens, jeder Versuch einer Ver\u00e4nderung sei bereits gef\u00e4hrlich mit un\u00fcberschaubaren Risiken.<\/p>\n<p>Und dann kam die Nacht zum 9. November 1989. Die Mauer \u00f6ffnete sich, die Menschen umarmten sich, tanzten auf der Stra\u00dfe. Menschen aus Ost- und West-Berlin konnten sich nach vielen Jahrzehnten wieder um den Hals fallen. Der Eiserne Vorhang in Deutschland und Europa verschwand, die sowjetische Armee zog sich aus den neuen Bundesl\u00e4ndern zur\u00fcck. Aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rum\u00e4nien, Bulgarien. All diese Staaten wurden frei. Europa konnte sich vereinen, vereinigen. Die neugegr\u00fcndeten oder schon altehrw\u00fcrdigen, bestehenden Staaten Osteuropas traten der Europ\u00e4ischen Union bei. Und das alles ohne einen einzigen abgegebenen Schuss, ohne dass berichtet wurde, von einem Soldaten, der ums Leben kam, ohne dass es eine historische Aufzeichnung gibt, ein einziger w\u00e4re dabei verletzt worden.<\/p>\n<p>Nun kann man der Meinung sein, dass w\u00e4re ein historischer Prozess gewesen, den man zun\u00e4chst nicht h\u00e4tte \u00fcberschauen k\u00f6nnen, aber der dann folgerichtig abgelaufen sei. Man kann auch einen Zufall ins Gespr\u00e4ch bringen. Aber niemand hindert uns daran, das Wort \u201eWunder\u201c in den Mund zu nehmen und daran zu denken, dass dem Eingreifen und Wirken Gottes keine Grenzen gesetzt sind, auch in unserer Zeit, auch in den 90ziger Jahren des letzten Jahrhunderts, auch in diesem, im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Wir in Europa sind mit dem Fall des Eiserenen Vorhangs auf der Sonnenseite der Geschichte angelangt. Jetzt gilt es, das Gl\u00fcck des historischen Momentums zu nutzen. Der heilige Papst Johannes Paul II. gab einer Gruppe von Bundestagsabgeordneten, der ich angeh\u00f6ren durfte, 1995 bei einem Besuch in Rom eine Botschaft mit: \u201eDer Zusammenbruch totalit\u00e4rer Systeme in Europa erfordert eine gr\u00fcndliche Erneuerung der politischen Handlungsweise. Ihnen kommt es bei Ihrer Stellung zu, mitzuhelfen, dass Europa seine Wurzeln wiederfindet und nach dem Ma\u00dfstab seiner Ideale und seines Edelmuts seine Zukunft aufbaut.\u201c<\/p>\n<p>Papst Benedikt hat den Weg dorthin pr\u00e4zise beschrieben. Daf\u00fcr reicht beim Anlass seines 90. Geburtstages ein Dankesch\u00f6n nicht aus. Wir in Bayern sagen: Vergelt\u2018s Gott.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Bei der Frankreich-Wahl stand heuer das politische Schicksal Europas auf dem Spiel. 40 Prozent der Franzosen haben im ersten Wahlgang Europa-Gegner gew\u00e4hlt. Falls die Pr\u00e4sidentschaftskandidatin namens Le Pen ihr angek\u00fcndigtes Ziel, die Europ\u00e4ische Union zu verlassen, h\u00e4tte verwirklichen k\u00f6nnen, w\u00e4re Europa in eine lebensbedrohliche Krise mit ung\u00fcnstigen Genesungsperspektiven geraten. 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