{"id":117876,"date":"2026-01-16T15:24:11","date_gmt":"2026-01-16T14:24:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117876"},"modified":"2026-01-16T15:24:46","modified_gmt":"2026-01-16T14:24:46","slug":"geflohen-vor-dem-is-mit-jahrhundertealten-manuskripten-im-gepaeck","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/geflohen-vor-dem-is-mit-jahrhundertealten-manuskripten-im-gepaeck\/","title":{"rendered":"Geflohen vor dem IS \u2013 mit jahrhundertealten Manuskripten im Gep\u00e4ck"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin in eine christliche Familie hineingeboren. Deshalb wurde ich auch christlich erzogen, in einer vorwiegend muslimischen Umgebung. Der gr\u00f6\u00dfte Teil meiner Freunde waren Muslime, keine Christen. Man hat mir die Frage gestellt, warum ich \u00f6fter mit Muslimen als mit Christen zusammen sei. Da habe ich, als ich erst 15 oder 20 Jahre alt war, gesagt, dass man gegen\u00fcber allen Religionen offen sein m\u00fcsse und sich nicht nur in einer einzigen Religion einschlie\u00dfen d\u00fcrfe. Man ist immer reicher, wenn man auch die anderen kennt, als wenn man auf eine einzige Religion beschr\u00e4nkt bleibt.<\/p>\n<p>Deswegen habe ich auch, nachdem ich Priester geworden war, begonnen, mit allen anderen Religionen zu arbeiten, besonders mit den Jesiden. Immer und vor allem habe ich daran gearbeitet, die Bollwerke, die Mauern zu zerst\u00f6ren, damit sich die einen gegen\u00fcber den anderen \u00f6ffnen konnten, statt Mauern aufzubauen. Denn der Mensch ist wertvoller als die Religion, und die Religion ist dazu da, dass die Menschen sich gegenseitig zur Entfaltung bringen, nicht dazu, sich gegenseitig umzubringen. Mir pers\u00f6nlich ist heute ein Mensch lieber, der sagt, ich glaube nicht an Gott, als einer, der sagt, ich glaube an Gott, und seinen Bruder t\u00f6tet, ihm den Kopf abschneidet.<\/p>\n<p>Ich glaube heute, dass Europa ein Beispiel f\u00fcr diese \u00d6ffnung geben sollte, gleichzeitig aber auch f\u00fcr die notwendige Vorsicht. Im 18. Jahrhundert waren mehr als 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Mossul und im Irak Christen; heute sind es nur noch 0,5 Prozent. Garbala, Medschef, Tikrit: Die Hauptbezirke dieser gro\u00dfen mittelalterlichen St\u00e4dte waren am Beginn des 20. Jahrhunderts christlich. Wo sind sie heute, die orientalischen Christen? Es leben keine mehr dort; sie sind der Gewalt, Missgunst und Folter gegen Christen zum Opfer gefallen. Deshalb muss man vorsichtig sein im Hinblick auf die Terroristen oder Fundamentalisten, die anderen ihre Religion aufzwingen wollen.<\/p>\n<p>Ich will nicht, dass es in Europa so wird wie im Irak. Denn wenn es kein starkes Recht gibt und keine Gleichheit, und wenn es keine Freundschaft und Offenheit gibt, gibt es auch keinen gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus und den Fundamentalismus, damit wir in Frieden leben k\u00f6nnen. Deswegen bin ich heute als Dominikaner-Priester hier, um Br\u00fccken zu bauen zwischen den Religionen und gemeinsam alles zu bek\u00e4mpfen, was fundamentalistisch ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute sind wir in M\u00fcnchen mit dieser Ausstellung aufgenommen worden, und ich bin begeistert, denn f\u00fcr mich ist diese Ausstellung eine Br\u00fccke zwischen dem Orient und dem Okzident. Alle diese Fotografien, die Sie sehen: Mehr als 200 europ\u00e4ische Dominikaner sind in den vergangenen 250 Jahren in den Irak gekommen, um Schulen, Waisenh\u00e4user und Krankenh\u00e4user zu bauen, und zugleich auch Priesterseminare und die Druckerei, die hunderte von B\u00fcchern f\u00fcr Muslime, Christen und Juden produziert hat. Bis heute, und ich bin immerhin Archivar, habe ich nicht geh\u00f6rt, dass jemals in den 250 Jahren ein Dominikaner versucht h\u00e4tte, einen Muslim zum christlichen Glauben zu bekehren; nie ist das geschehen. Im Gegenteil: Wir hatten gute Beziehungen zu den Jesiden, den Christen, den Juden, den Mand\u00e4ern und allen anderen Minderheiten, um mit Ihnen ein kulturelles Leben aufzubauen.<\/p>\n<p>Wenn es heute Terroristen gibt, so sind dies Unwissende und Menschen von beschr\u00e4nktem Horizont. Deshalb muss man, um sie zu bek\u00e4mpfen, Erziehung einsetzen, etwas aufbauen, was Gemeinsamkeit schafft, und das kulturelle Leben ist die moderne Sprache, die die Menschheit vereint.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte ein wenig Zeugnis ablegen von dieser Katastrophe und dem Genozid, der von der ISIS-Terrormiliz, der Da\u2018esh, begangen wurde. Gl\u00fccklicherweise war ich damals vor Ort, um Zeuge zu sein, und um Menschen und unser Erbe retten zu k\u00f6nnen. Alle Kirchen, die orthodoxen, protestantischen, evangelikalen, die orientalischen und chald\u00e4ischen Kirchen, und alle anderen, auch die armenischen, haben zusammengearbeitet, um ihre Kinder und ihr Erbe zu retten, weil man den gleichen Feind hatte und sich zusammenschlie\u00dfen musste, um diesen bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich selbst stand auf der Liste derjenigen, die ermordet werden sollten, nachdem schon f\u00fcnf Priester und ein Bischof seit 2006 get\u00f6tet worden waren. Ich habe mehr als 15 Morddrohungen erhalten, eine davon in einem Drohbrief mit drei Koranversen, und in dem Brief befanden sich au\u00dferdem eine Kugel und ein zerbrochenes Kreuz. Diese Leute halten uns ja f\u00fcr Gottlose, f\u00fcr Ungl\u00e4ubige, die man t\u00f6ten muss.<\/p>\n<p>Dann habe ich von meinen Ordensoberen in Frankreich die Anweisung erhalten, Mossul sofort zu verlassen, um nicht get\u00f6tet zu werden. Und als ich die Stadt dann heimlich verlassen habe, haben ich und meine Freunde in unseren Autos nacheinander alle Manuskripte, Archivmaterialien und wertvollen Kulturg\u00fcter mitgenommen und aus den gef\u00e4hrlichen Zonen herausgebracht.<\/p>\n<p>Im Orient werden wir mit \u201emon p\u00e8re\u201c, also \u201emein Vater\u201c angesprochen. Obwohl ich nicht verheiratet bin, habe ich tausende von Kindern, und was noch viel, viel mehr ist: Meine Kinder sind die B\u00fccher und Manuskripte. Deswegen konnte ich mich nicht von ihnen trennen; wir sind zusammengeblieben, und ich habe sie mit mir aus Mossul herausgebracht. \u201eWenn man den Baum retten will, muss man seine Wurzeln retten\u201c, sagt ein Sprichwort. Das, was die Da\u2019esh macht, bedeutet, den Baum mit seinen Wurzeln zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als zweites Beispiel zur Rettung der Manuskripte m\u00f6chte ich noch davon erz\u00e4hlen, was ich in Karakosch erlebte, in der Nacht vom 6. zum 7. August 2014. Um Viertel vor 6 Uhr morgens fuhr ich hinaus und hatte den Rest der Manuskripte bei mir. Als ich zum Checkpoint kam, war er geschlossen, und ich sah auf der rechten Seite M\u00e4nner der Da\u2019esh mit ihren Autos und den schwarzen Fahnen, auf denen \u201eAllahu akbar\u201c steht. Da hatte ich zum ersten Mal wirklich Angst um mein Leben, weil ich mir gesagt habe, dass wir alle zusammen sterben werden, denn die Grenzen waren geschlossen und die Da\u2019esh war da, mit Tausenden von M\u00e4nnern und Autos, und wir waren eingezw\u00e4ngt zwischen der Da\u2019esh und den geschlossenen Grenzen. Mein Gedanke war, vor dem Sterben m\u00fcssen wir beten. Also habe ich ein kurzes Gebet gesprochen, denn wir hatten ja kaum Zeit, und ich habe allen die Absolution erteilt. Den Muslimen auch; das macht nichts, Gott wei\u00df es.<\/p>\n<p>Gleich danach haben die Kurden die Grenzen zun\u00e4chst f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger ge\u00f6ffnet. Jetzt hatte ich die Sorge, alles tragen zu m\u00fcssen. Leider habe ich nur zwei H\u00e4nde, um die Manuskripte und die Fotos zu retten. Viele Leute aus der kilometerlangen Menschenschlange boten sich an, mit mir die Manuskripte zu transportieren. Einem zehnj\u00e4hrigen M\u00e4dchen habe ich f\u00fcnf Manuskripte gegeben, einige davon aus dem 12. und 13. Jahrhundert, damit sie sie \u00fcber die Grenze mitnimmt. Als wir dann weiterfahren durften, lie\u00dfen wir alte Leute und Kinder einsteigen und setzten sie auf die Manuskripte. Ich habe Ihnen gesagt: Es macht nichts, wenn sie etwas zusammengedr\u00fcckt werden. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass mein Auto die Arche Noah geworden war. Man lebt zusammen oder man stirbt zusammen, mit der Kultur und den Menschen.<\/p>\n<p>Das war also die Gemeinschaft, die ihr Kulturerbe hinausgebracht hat. Heute leben wir in Erbil in Kurdistan. Wir sind nicht mehr als 130.000 christliche Fl\u00fcchtlinge, die aus Mossul und der Ninive-Ebene fliehen konnten. Unter Saddam Hussein gab es mehr als eine Million Christen, heute sind es kaum noch 300.000. Die anderen haben das Land verlassen. Die Kirche kann den Menschen nicht verbieten wegzugehen und kann sie ebenso wenig daran hindern zu bleiben. Die Zukunft ist ungewiss. Wir k\u00f6nnen ihnen keine Versicherungen geben und keinen Frieden versprechen.<\/p>\n<p>Jetzt, nach der Befreiung, nach zweieinhalb Jahren der Sklaverei ist dieses Kulturerbe wirklich v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Diese gefl\u00fcchteten Menschen haben nach zweieinhalb Jahren geh\u00f6rt, dass die St\u00e4dte ihrer V\u00e4ter befreit worden sind, aber leider ist alles zerst\u00f6rt worden, verbrannt und gepl\u00fcndert. Viele Leute wollten nach Hause zur\u00fcckkehren, aber sie sagen: Mon p\u00e8re, wo sollen wir uns niederlassen? Wir haben kein Geld mehr, haben kaum zu essen. Wie sollen wir uns auf der Asche der Ruinen einrichten? Und so, wie das alles nur noch Asche ist, haben wir dort keine Zukunft mehr. Ein Vater hat zu mir gesagt: Mon p\u00e8re, seit 2000 Jahren vergie\u00dfen die Christen ihr Blut in Mesopotamien. Ich habe nicht das Recht, auch noch das Blut meiner Kinder zu vergie\u00dfen, ich will sie hier herausholen. Darauf habe ich ihm gesagt: Entscheiden Sie sich daf\u00fcr, dass Sie gl\u00fccklich sind, ob drau\u00dfen oder drinnen ist gleichg\u00fcltig. Wichtig ist, dass der Mensch frei ist und ehrenhaft leben kann. Sie wissen, ich selber, mit dem Patriarchen, den Bisch\u00f6fen und vielen der M\u00f6nche und Nonnen, wir leben in Erbil, in Bagdad oder in Basra. Wir wollen mit unseren Gemeinschaften vor Ort bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach m\u00fcssen wir diejenigen segnen, die weggehen. F\u00fcr diejenigen, die bleiben, sind wir da, um ihnen zu helfen. Aber wir k\u00f6nnen nicht f\u00fcr sie entscheiden. Wenn wir wollen \u2013 und ich spreche damit auch Sie an, Europa und die ganze Welt \u2013, dass weiterhin Christen in Mesopotamien leben, auf dem Ur-Boden des Christentums, an der Wiege der Kultur, m\u00fcssen wir vor allem auf politischer Ebene handeln. Nach der Befreiung von Ninive und Mossul aus der Gewalt der Da\u2019esh muss man auf internationaler Ebene daran arbeiten, dass Frieden geschlossen wird, dass eine neue Seite aufgeschlagen wird, um aufzubauen und nicht mehr zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Was die finanziellen Ausgaben angeht: Mit f\u00fcnf Prozent dessen, was in der Welt f\u00fcr die nukleare Aufr\u00fcstung ausgegeben worden ist, f\u00fcr die Mittel und Werkzeuge der Zerst\u00f6rung, k\u00f6nnte man eine bessere Welt aufbauen als sie es heute ist. Was mich angeht, so glaube ich an die Zukunft der Christen im Irak, und ich glaube auch, dass der Friede viel st\u00e4rker ist als der Dolch. F\u00fcr die Zukunft m\u00fcssen Schulen gebaut werden. Man muss Zentren einrichten, um Frieden zwischen den V\u00f6lkern und den Religionen zu schaffen und eine Kultur der \u00d6ffnung zu begr\u00fcnden, und nicht etwa ein beschr\u00e4nktes und geschw\u00e4chtes Volk.<\/p>\n<p>Deswegen sind die Kultur und all diese Fotografien ein Zeugnis daf\u00fcr, dass Frieden m\u00f6glich ist. Bildung und Kultur sind die beste Sprache, um Gewalt und Terrorismus zu bek\u00e4mpfen. Ich m\u00f6chte mich ganz besonders bei Deutschland bedanken, das schon viel \u00fcber die Nicht-Regierungsorganisationen und die Kirchen getan hat, \u00fcber Organisationen, die den Fl\u00fcchtlingen geholfen haben, den Christen, Jesiden und Muslimen im Irak gemeinsam. Besonders bedanke ich mich bei der Katholischen Akademie in Bayern daf\u00fcr, dass sie diese Ausstellung angenommen hat, und f\u00fcr all das, was sie schon unternommen hat, um andere durch die Bilder und durch ihre Erkl\u00e4rungen zu informieren. Wir bedanken uns wirklich sehr bei Ihnen, und wir werden immer im Gebet vereint bleiben, um den Frieden aufzubauen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Ich bin in eine christliche Familie hineingeboren. Deshalb wurde ich auch christlich erzogen, in einer vorwiegend muslimischen Umgebung. Der gr\u00f6\u00dfte Teil meiner Freunde waren Muslime, keine Christen. Man hat mir die Frage gestellt, warum ich \u00f6fter mit Muslimen als mit Christen zusammen sei. 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