{"id":117882,"date":"2026-01-16T15:35:21","date_gmt":"2026-01-16T14:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117882"},"modified":"2026-01-16T15:35:24","modified_gmt":"2026-01-16T14:35:24","slug":"die-letzten-christen-vortrag-beim-bayerischen-priestertag-2017","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-letzten-christen-vortrag-beim-bayerischen-priestertag-2017\/","title":{"rendered":"Die letzten Christen"},"content":{"rendered":"<p>Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der \u201eKleinen Br\u00fcder vom Evangelium\u201c lebe ich gemeinsam mit drei Mitbr\u00fcdern in einem Plattenbauviertel am Stadtrand von Leipzig. Da Wohnungen leer stehen, konnten sich dort in den letzten zwei Jahren viele Fl\u00fcchtlingsfamilien ansiedeln. Unter ihnen lernte ich auch Familien aus Mossul oder Aleppo kennen. Sie erz\u00e4hlten mir ihre Geschichten, die mich so beeindruckten, dass ich sie schriftlich festhielt. Daraus ist ein Buch entstanden, aus dem ich einige Passagen vorstellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wird zum Beispiel die Geschichte von Yousif erz\u00e4hlt, der aus Mossul stammt. Ich hatte die Gelegenheit, Yousif zur Totenfeier seines Vaters in den Norden des Irak zu begleiten. Yousif geh\u00f6rt der syrisch-orthodoxen Kirche an. Durch den Familienbetrieb einer Schlosserei hatte es sein Vater Abu Yousif zu einem gewissen Wohlstand gebracht: Sie besa\u00dfen ein gro\u00dfes Haus mit Garten. Doch ab 2003 \u00e4nderte sich die Welt in Mossul.<\/p>\n<p>Im Irak herrschte Saddam Hussein, ein s\u00e4kularer Diktator. Es gab zwar kaum Diskriminierung aufgrund der Religion. Doch die Gewaltherrschaft war nicht minder menschenverachtend, durch ein Polizei- und Spitzelsystem, durch Folter und die Ermordung vieler Menschen. Vor allem ethnische Minderheiten wie etwa die Kurden wurden Opfer grausamer Unterdr\u00fcckung. In einem solchen System konnten radikale politische Ideologien wie etwa der Islamismus heranwachsen und gedeihen.<\/p>\n<p>Der Westen arbeitete mit den Diktatoren im Nahen Osten zusammen, wenn er durch \u00d6llieferungen und Waffenexporte gut profitieren konnte. Im Jahr 2003 griffen die USA und Gro\u00dfbritannien den Irak an mit der Begr\u00fcndung, dass dieser Staat zu einer wachsenden Bedrohung werde, etwa durch die Produktion von Massenvernichtungsmitteln. Sp\u00e4tere Untersuchungsberichte zeigten, dass diese Kriegsgr\u00fcnde nur vorgeschoben waren. Vordergr\u00fcndig ging es in diesem Krieg um die Entmachtung des Diktators Saddam Hussein und den \u201eImport\u201c von Demokratie, untergr\u00fcndig aber wohl auch um den \u201eExport\u201c von billigem Erd\u00f6l.<\/p>\n<p>Als Antwort auf die amerikanische Invasion in den Irak riefen muslimische Geistliche zum \u201eHeiligen Krieg\u201c auf und viele fundamentalistische \u201eGlaubensk\u00e4mpfer\u201c aus der gesamten islamischen Welt sammelten sich zum Krieg gegen die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c. Die Christen im Irak wurden f\u00fcr die Islamisten zum Freiwild.<\/p>\n<p>Warum aber wurden ausgerechnet die einheimischen Christen ein bevorzugtes Ziel ihrer Anschl\u00e4ge? Da der Prophet Mohammed sowohl religi\u00f6ser als auch politischer F\u00fchrer war, sind im Islam Religion und Politik von Anfang an eng verwoben. Infolgedessen kann auch der Krieg eine religi\u00f6se Dimension bekommen. In der Wahrnehmung vieler Muslime sind die westlichen L\u00e4nder \u201echristliche\u201c Staaten. Und wenn man von diesen angegriffen wird, so werden die Christen im Nahen Osten als Kollaborateure und Verb\u00fcndete der Amerikaner oder Briten verd\u00e4chtigt. Die prek\u00e4re Lage der Christen wurde durch eine t\u00f6richte Rede des amerikanischen Pr\u00e4sidenten noch verschlimmert: George W. Bush bezeichnete seinen \u00f6lverschmutzten Krieg als \u201eKreuzzug\u201c und weckte damit tief sitzende Ressentiments der Muslime gegen den Westen. Die Christen im Irak, die sich in ihrer zweitausendj\u00e4hrigen Geschichte an keinem Kreuzzug beteiligt hatten, wurden in Sippenhaft genommen und mit Terror \u00fcberzogen. Sie wurden zu S\u00fcndenb\u00f6cken, an denen man die Aggression der \u201echristlichen Besatzer\u201c (sprich: Soldaten der USA) r\u00e4chen konnte.<\/p>\n<p>Beispielsweise presste man den Christen Schutzgelder ab und berief sich dabei auf die alte islamische Praxis, dass Nichtmuslime zu einer Sondersteuer, im Koran \u201eDschizya\u201c genannt, verpflichtet sind. Gem\u00e4\u00df dem islamischen Recht m\u00fcssen Christen die \u201eDschizya\u201c f\u00fcr das Zugest\u00e4ndnis bezahlen, in einem \u2013 sehr eingeschr\u00e4nkten \u2013 Ma\u00df ihre Religion praktizieren zu d\u00fcrfen. Wer nicht zahlte, dem drohte Zerst\u00f6rung des Eigentums und Mord.<\/p>\n<p>Auch christliche Kirchen wurden Zielscheiben des Terrors im Namen des Islam. Aber noch dachten viele Christen nicht daran, Mossul zu verlassen, denn sie hegten die leise Hoffnung, dass der Spuk eines Tages ein Ende nehmen w\u00fcrde. So auch Yousif und seine Frau Tara. Stattdessen kam es noch schlimmer. Eines Tages erhielt wurde Yousif angedroht, dass man ihn umbringen werde. So musste er Hals \u00fcber Kopf mit seiner Frau und den beiden Kindern aus Mossul fl\u00fcchten. Ziel war Arbil, die Hauptstadt des autonomen Kurdengebiets im Norden des Irak. Dort war er zwar sicher, aber er fand keine Arbeit. Schweren Herzens rang er sich dazu durch, nach Europa zu fl\u00fcchten. Er lie\u00df seine Frau und die kleinen Kinder in Arbil zur\u00fcck und schlug sich auf abenteuerlichen, oft sehr gef\u00e4hrlichen Wegen nach Deutschland durch. Dort beantragte er Asyl. Als ihm dieses nach vielen Monaten gew\u00e4hrt wurde, konnte er im Jahr 2014 seine Familie nachkommen lassen. Genau zur selben Zeit besetzten die Milizen des IS seine Heimatstadt Mossul. Nun mussten auch seine Eltern und sein Bruder, die gesamte Verwandtschaft, ja, alle Christen diese Stadt verlassen und Richtung Ankawa fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mossul liegt am Tigris \u2013 gegen\u00fcber einer ber\u00fchmten Ruinenstadt: dem biblischen Ninive. Mit etwa zwei Millionen Einwohnern ist Mossul die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Irak und galt aufgrund der vielen Christen, Kirchen und Kl\u00f6ster als ein Zentrum des \u00f6stlichen Christentums. Von den 1,4 Millionen Christen, die um 1990 noch im Irak lebten, wohnten rund 200.000 allein in Mossul. Damals gab es noch \u00fcber 500 Kirchen im Irak, in denen regelm\u00e4\u00dfig Gottesdienst gefeiert wurde.<\/p>\n<p>Doch der Krieg und die wirtschaftlich desolate Situation veranlassten schon seit Jahren viele Christen zur Auswanderung. Immer mehr der oft gut gebildeten christlichen Ureinwohner emigrierten aus dem Land, in dem doch ihre Familien und auch ihr Glaube seit nahezu zweitausend Jahren verwurzelt waren. Dazu kam der wachsende Druck, den radikale islamische Gruppen (\u201eSalafisten\u201c) auf die Christen aus\u00fcbten. Al-Kaida (\u201eBasis\u201c, \u201eFundament\u201c) war seit 1993 als loses Netzwerk islamistischer Organisationen entstanden, um eine feste \u201eBasis\u201c zur Verbreitung des Islam zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Nach dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak feierte Al-Kaida in Mossul Hochkonjunktur: Noch im selben Jahr wurde ein Kloster in Mossul Ziel eines Raketenangriffs. Im Jahr darauf wurde die Kathedrale St. Paul durch ein Bombenattentat schwer zerst\u00f6rt. Solche Anschl\u00e4ge auf Kirchen und Kirchg\u00e4nger h\u00e4uften sich: Ein f\u00fcnfj\u00e4hriger Junge und dessen etwas \u00e4ltere Schwester wurden auf dem Weg zum Gottesdienst erschossen; christliche M\u00e4dchen wurden vergewaltigt, weil sie keinen Schleier trugen.<\/p>\n<p>Yousif erinnert sich mit Schrecken daran, dass islamistische Milizen in Mossul damit begannen, Passanten auf der Stra\u00dfe zu kontrollieren und sich die P\u00e4sse zeigen zu lassen. Aus dem irakischen Pass geht auch die Religionszugeh\u00f6rigkeit hervor. Hatte jemand den Vermerk \u201eChrist\u201c im Ausweis stehen, musste er Angst haben, daf\u00fcr ermordet zu werden.<\/p>\n<p>Zur Finanzierung des Terrors wurden vor allem die Christen von Mossul, von denen viele einer gebildeten und gut situierten Schicht angeh\u00f6rten, zur Kasse gebeten: Man presste ihnen Schutzgelder ab oder verlangte L\u00f6segelder f\u00fcr entf\u00fchrte Familienmitglieder.<\/p>\n<p>Yousif erinnert sich: \u201eDie Predigten beim Freitagsgebet in den Moscheen: Wir mussten sie ja \u00fcber die Lautsprecher auf den Minaretten immer mitanh\u00f6ren. Wenn dann hasserf\u00fcllt gegen die Christen gehetzt wurde und Imame mit Berufung auf den Koran ihre Gl\u00e4ubigen aufforderten, die Ungl\u00e4ubigen zu t\u00f6ten, bekamen wir es mit der Angst zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Und dann vor zweieinhalb Jahren: Die Terroristen des \u201eIslamischen Staats\u201c vertreiben die letzten Christen aus Mossul oder aus Karakosh. Die letzten Christen \u2013 sie m\u00fcssen entweder zum Islam konvertieren oder sie m\u00fcssen gehen. Und viele von ihnen werden ermordet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war sch\u00fctternd, was ich von Yousif und dessen Verwandten im Irak erfuhr. Ich frage mich, warum ich mich als Priester und Theologe so wenig f\u00fcr das Schicksal der Christen im Orient interessiert habe. Durch die Fl\u00fcchtlinge, die jetzt in meiner Nachbarschaft in Leipzig wohnen, erfuhr ich von der Geschichte dieser Christen. Eine gro\u00dfe und bewegende Geschichte, die jetzt zu Ende geht.<\/p>\n<p>Von Anfang an verbreitete sich das Christentum dreikontinental. Symbolisch stehen daf\u00fcr drei Apostel: Paulus verk\u00fcndete das Evangelium f\u00fcr den Westen mit seiner griechisch-r\u00f6mischen Kultur; Markus missionierte in Alexandria und symbolisiert damit die Kirche von (Nord-)Afrika; Thomas schlie\u00dflich wird als der gro\u00dfe Missionar verehrt, der nach Asien und vielleicht bis nach Indien gezogen ist.<\/p>\n<p>Von je her dienten die Handelsrouten auch als Nachrichtenwege. In k\u00fcrzester Zeit gelangte das Christentum auf den gro\u00dfen Verkehrsstra\u00dfen von Damaskus \u00fcber Palmyra nach Osten, nach Mari, Arbela und Basra. Die legend\u00e4re Seidenstra\u00dfe f\u00fchrte von Antiochien \u00fcber Buchara, Merw und Sarmakand immer weiter in den Orient. Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr ihre Mission fanden die ersten Christen, die oft j\u00fcdische Wurzeln hatten, in den weit verstreuten j\u00fcdischen Gemeinden von Mesopotamien. Auch von Paulus wissen wir, dass er auf seinen Missionsreisen in der Wagenspur des Judentums unterwegs war und immer zuerst in den Synagogen predigte: in Ikonion, Athen, Thessalonich. Im Unterschied zu den Briefen des Paulus sind von den Aposteln, die gen Osten zogen, keine Schreiben an ihre Gemeinden erhalten. Daher wissen die Wenigsten, dass das Urchristentum nicht nur in Ephesus, Korinth oder Rom Fu\u00df fasste, sondern auch in Nisibis, Seleukia-Ktesiphon und Gondeschapur.<\/p>\n<p>Die Umgangssprache in Pal\u00e4stina, in der r\u00f6mischen Provinz Syrien und in Mesopotamien war Aram\u00e4isch und wurde zur Sprache des syrischen Christentums, das eine lange und gro\u00dfe Bl\u00fctezeit erlebte. M\u00f6nche aus dem alten Syrien gr\u00fcndeten sogar in Italien Kl\u00f6ster und Einsiedeleien; aus dieser Tradition konnte Benedikt von Nursia sch\u00f6pfen und das abendl\u00e4ndische M\u00f6nchtum pr\u00e4gen, das die Kultur Westeuropas \u00fcber Jahrhunderte ma\u00dfgeblich beeinflusst hat. Im 7. und 8. Jahrhundert wurde sogar mehrmals Syrer zum Papst von Rom gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>In den W\u00fcsten und abgelegenen Gebirgen Vorderasiens entstand und bl\u00fchte das christliche M\u00f6nchtum. \u00dcber Jahrhunderte \u00fcbte diese Lebensform eine unglaubliche Anziehungskraft aus und Tausende von Frauen und M\u00e4nnern zogen sich in die Einsamkeit zur\u00fcck. Sie pflegten die Stille und das kontemplative Gebet, wie etwa das \u201eJesus-Gebet\u201c, das den Namen Jesus wie ein Mantra wiederholt.<\/p>\n<p>Die Kirchen in den St\u00e4dten und Kl\u00f6stern wurden pr\u00e4chtig ausgestattet und sollten \u2013 erf\u00fcllt von den ber\u00fcckenden Ges\u00e4ngen der syrischen Liturgie \u2013 einen Vorgeschmack auf den Himmel vermitteln.<\/p>\n<p>Die \u201eKirche des Ostens\u201c machte ihrem Namen alle Ehre und gelangte \u00fcber Kaufleute und M\u00f6nche bis nach China und Sibirien, nach Indien und auf die Philippinen. Es gab Bischofssitze und Kl\u00f6ster in Kabul und Peking. In ihrer ganzen Geschichte war diese Kirche nie Staatskirche; sie f\u00fchrte keine Kriege und missionierte nie mit Zwang, sondern mit innerem Feuer. Ihre Missionare kamen mit den verschiedensten Kulturen in Ber\u00fchrung und traten in einen fruchtbaren Dialog. Ein eindrucksvolles Symbol f\u00fcr die Kontakte mit dem Buddhismus ist die Kombination von Kreuz und Lotosbl\u00fcte. \u00dcber Jahrhunderte zeichnete es diese Kirche aus, dass sie mit anderen Religionen Kontakt suchte und an deren Werte ankn\u00fcpfend das Evangelium verk\u00fcndete. Als leuchtende geistige Zentren der \u00f6stlichen Christenheit ragten Edessa, Nisibis (heute: Nusaybin) und Gondeschapur hervor, wo die griechisch-r\u00f6mische und die persische Bildung bewahrt und weitergegeben wurde.<\/p>\n<p>Zu Recht wird die gro\u00dfe Bedeutung der islamischen Philosophie ger\u00fchmt, durch die das antike Wissen und Denken nach Westeuropa gelangte. Zu Unrecht aber wird die gro\u00dfe Bedeutung der aram\u00e4ischen Christen f\u00fcr diesen Prozess unterschlagen. Denn in den syrischen Klosterschulen studierte man Aristoteles und christliche Gelehrte vermittelten die griechische Philosophie und die antike Wissenschaft an ihre islamischen Kollegen. Eintausend Jahre lang brachte das syrische Christentum Gelehrte hervor, die den Grundstein f\u00fcr die islamische Wissenschaft legten. Das \u201eHaus der Weisheit\u201c von Bagdad setzte die Tradition der christlichen Hochschule von Gondeschapur fort, indem es von dort zahlreiche christliche Gelehrte \u00fcbernahm. Neben Philosophie galt das Interesse der syrischen Gelehrten auch der Astronomie, Mathematik, Medizin, Musik und Optik. Gondeschapur beherbergte das \u00e4lteste bekannte Lehrkrankenhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit dem 7. Jahrhundert lebten die Syrischen Kirchen unter arabisch-muslimischer Oberhoheit. Die arabischen Herrscher behandelten die Christen anfangs noch mit ziemlich gro\u00dfer Toleranz. Dies geschah auch aus politischem Kalk\u00fcl heraus: Man wollte keine Aufst\u00e4nde provozieren. Denn die Christen stellten etwa in Syrien noch \u00fcber Jahrhunderte die Bev\u00f6lkerungsmehrheit \u2013 unter einer muslimischen Oberherrschaft. Im \u201eGoldenen Zeitalter\u201c des Islam, unter der Herrschaft der Abbasiden im 8. bis 13. Jahrhundert, konnten christliche, j\u00fcdische und muslimische Gelehrte in Bagdad gemeinsam eine gro\u00dfe Bl\u00fctezeit von Philosophie und Wissenschaft einl\u00e4uten. In der philosophischen Debatte herrschte Gleichberechtigung \u2013 allerdings nicht im Alltag.<\/p>\n<p>Denn dort mussten die Christen erfahren: Je mehr sich die muslimische Herrschaft etablierte, umso h\u00e4rter \u00fcbte man sozialen Druck auf die Christen aus. Als \u201eSchutzbefohlene\u201c waren sie wie die Juden als Anh\u00e4nger einer \u201eBuchreligion\u201c zwar geduldet, doch die Bezeichnung \u201eSchutzbefohlene\u201c bringt die Problematik ihres sozialen Status schon zum Ausdruck: Sie mussten f\u00fcr die Religionsaus\u00fcbung ein \u201eSchutzgeld\u201c zahlen. \u00dcber lange Zeitr\u00e4ume hinweg diente die \u201eDschizya\u201c den islamischen Herrschern als wichtigste Einnahmequelle. Langfristig erwies sich die Kopfsteuer als ein wirksames Zwangsmittel zur Islamisierung einer Bev\u00f6lkerung. Als \u201eSchutzbefohlene\u201c waren die Christen ihren \u201eSchutz-Herren\u201c gesellschaftlich nat\u00fcrlich nicht ebenb\u00fcrtig. Dies zeigte sich etwa darin, dass das Zeugnis eines Christen vor Gericht weniger galt als das eines Muslims. Christen hatten auf Landbesitz oder auf \u00f6ffentliche Aus\u00fcbung ihrer Religion (wie das L\u00e4uten von Glocken) zu verzichten; seit fr\u00fcher islamischer Zeit durften sie keine neuen Kl\u00f6ster oder Kirchen mehr bauen.<\/p>\n<p>War man in der Fr\u00fchzeit des Islam dem Christentum noch mit Respekt begegnet, begann ab dem 9. Jahrhundert eine wachsende Polemik gegen die Christen. Zu den verbalen Attacken gesellten sich brachiale: Fanatische Muslime massakrierten wehrlose Christen. Dabei ist zu beachten, dass es je nach Herrscher oder geographischer Region auch wieder Zeiten gr\u00f6\u00dferer Duldsamkeit gab. Seit dem 13. Jahrhundert wurden die Gesetze f\u00fcr die Minderheiten immer sch\u00e4rfer ausgelegt.<\/p>\n<p>Trotz all dieser bedrohlichen Entwicklungen stand die \u201eKirche des Ostens\u201c auch im 13. Jahrhundert noch in gro\u00dfer Bl\u00fcte, vor allem durch ihre Mission bis tief nach Asien hinein. Diese lebendige Kirche erlitt um das Jahr 1400 ein j\u00e4hes und gewaltsames Ende \u2013 und zwar durch die Mongolen. Der blutr\u00fcnstige Timur zerst\u00f6rte viele Kulturen, auch die Kirche des Ostens fiel diesem Gewaltherrscher zum Opfer. Zahlreiche Bischofssitze wurden ausgel\u00f6scht und Kirchen in Asche gelegt. Uralte Kl\u00f6ster mit kostbarsten Handschriften gingen in Flammen auf. Von da an konnte das syrische Christentum nur noch ein kl\u00e4gliches Restdasein in unzug\u00e4nglichen Gebirgsregionen und einigen Enklaven wie etwa dem n\u00f6rdlichen Mesopotamien f\u00fchren.<\/p>\n<p>Der rote Faden durch die Geschichte der Syrischen Kirchen: eine Blutspur! Von Anfang an war diese Kirche eine M\u00e4rtyrerkirche und ist es bis heute geblieben. Die Gl\u00e4ubigen der \u201eKirche des Ostens\u201c lebten immer unter Fremdherrschaft und ihre Lage schwankte zwischen anerkannt, geduldet oder verfolgt hin und her \u2013 mit der Tendenz zu wachsender Unterdr\u00fcckung. Die syrischen Kirchen schrumpften immer mehr zusammen.<\/p>\n<p>Im Schatten des Ersten Weltkrieges fand dann ein regelrechter Genozid statt: Nicht nur 1,5 Millionen Armenier wurden Opfer eines Wahns, in dem t\u00fcrkischer Nationalismus mit islamischer Religion vermischt wurden, sondern auch zwischen 300.000 und 500.000 aram\u00e4ische Christen. Man hatte eigentlich nur eine Chance, n\u00e4mlich zum Islam zu konvertieren. Und falls nicht, wurden M\u00e4nner ermordet, Frauen vergewaltigt, Kinder lebendig verbrannt.<\/p>\n<p>Und genau 100 Jahre nach dem abscheulichen Genozid von 1915 wird den syrischen Kirchen in ihren Ursprungsl\u00e4ndern der Todessto\u00df gegeben. Und wieder das gleiche Schema: Der IS, aber auch syrische Rebellengruppen, die vom Westen unterst\u00fctzt werden, zwingen Christen zur Konversion zum Islam \u2013 sonst droht Vertreibung, Vergewaltigung, Mord. Die allermeisten Christen haben es vorgezogen, ihre Heimat zu verlieren, ihre H\u00e4user, ihren Beruf. Sie haben alles verloren \u2013 nur nicht ihren Glauben. Viele vegetieren in den Fl\u00fcchtlingslagern in Kurdistan, wo es f\u00fcr sie keine Zukunft gibt. Einige haben das Risiko auf sich genommen, \u00fcber Schlepper nach Europa zu kommen. Und nun sind sie unsere Nachbarn, etwa in Leipzig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Navid Kermani hat in seiner viel beachteten Rede anl\u00e4sslich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 2015 auf die Christen des Ostens aufmerksam gemacht, die von ihren westlichen Glaubensgeschwistern vergessen wurden. Er zitiert den Priester Jacques Mourad: \u201eWir bedeuten ihnen nichts.\u201c Diese Ermahnung eines Muslims, dass sich die Christen endlich ihren bedrohten und bedr\u00e4ngten Glaubensgeschwistern zuwenden sollten, muss aufr\u00fctteln. Daher komme ich zu der Schlussfolgerung, dass die orientalischen Christen unsere ganze Solidarit\u00e4t verdient haben. Sie wurden weit verstreut und so k\u00f6nnten wir es uns zur Aufgabe machen, sie zu suchen, sie anzusprechen und einzuladen, etwa in die Pfarrgemeinden und Gottesdienste. Sie k\u00f6nnen von ihrer Geschichte erz\u00e4hlen oder auch Gottesdienste mitgestalten.<\/p>\n<p>Diese Unterst\u00fctzung bedeutet nicht, dass wir Christen deshalb bevorzugen, weil wir ja auch Christen sind. Das w\u00fcrde dem Geist Jesu widersprechen. Jesus hat sich f\u00fcr Notleidende eingesetzt, unabh\u00e4ngig von der Religionszugeh\u00f6rigkeit. Wenn wir uns besonders f\u00fcr die Christen im Orient einsetzen, dann deshalb, weil sie dort eine so bedrohte Minderheit darstellen. Die internationale Politik hat sich sehr f\u00fcr die bedrohte Minderheit der Jesiden eingesetzt. Aber die genauso bedrohte Minderheit der Christen wurde oft ihrem Schicksal \u00fcberlassen. Schiiten oder Sunniten finden im Nahen Osten L\u00e4nder oder Regionen, in denen sie relativ gesch\u00fctzt sind, weil dort ihre Glaubensgenossen wohnen. Aber f\u00fcr Christen gibt es solche Regionen im Nahen Osten \u2013 von wenigen Ausnahmen abgesehen \u2013 nicht mehr. Und daher m\u00fcssen sie bevorzugt aufgenommen werden, weil sie in ihrer Heimat nirgends mehr sicher sind.<\/p>\n<p>Die in direkter Linie von der Urkirche abstammenden Kirchen aus dem Orient werden in alle Welt zerstreut. In ihrem leidvollen Zerrissen-Werden k\u00f6nnen die orientalischen Kirchen eine Fruchtbarkeit entfalten: Sie bringen ein kostbares Verm\u00e4chtnis mit \u2013 und wenn die westlichen Kirchen dies wertsch\u00e4tzen und aufnehmen, dann leben die Traditionen des Ostens fort!<\/p>\n<p>Um ein Beispiel zu nennen: Die Kirchen des Orients waren missionarisch und dialogisch zugleich. Sie haben die Kulturen Asiens wertgesch\u00e4tzt und standen in lebendigem geistigem Austausch mit Buddhismus oder Hinduismus. Sie haben auch den Islam mitgepr\u00e4gt, indem sie dem muslimischen Kulturkreis wichtige philosophische und naturwissenschaftliche Kenntnisse vermittelten. Gl\u00fccklicherweise spielen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Inkulturation und der Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen eine zentrale Rolle.<\/p>\n<p>Dieser Dialog ist heute notweniger denn je, vor allem mit Muslimen. Denn weder darf man das Gewaltpotential, das im Namen des Islam aktiviert wird, verharmlosen \u2013 noch darf man dem Islam generell eine Gewaltsamkeit unterstellen. Der Islam ist eine sehr komplexe Religion \u2013 \u00e4hnlich wie das Christentum. Da gibt es die verschiedensten Str\u00f6mungen, radikal-fundamentalistische wie auch gem\u00e4\u00dfigte und sehr offene.<\/p>\n<p>Es wurde von der westlichen Politik mitverschuldet, dass die radikalen Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt und hochger\u00fcstet wurden, etwa die Taliban. Und es sind L\u00e4nder wie Saudi-Arabien und Khatar, die mit Europa und den USA so eng verb\u00fcndet sind, die ihre radikale fundamentalistische Version des Islam in alle Welt exportiert haben. Auch Deutschland liefert Waffen nach Saudi-Arabien, bis auf den heutigen Tag. Diese vom Westen mitfinanzierte Radikalisierung des Islam hat zu den verheerenden Verh\u00e4ltnissen im Irak, in Syrien, aber auch im Jemen beigetragen. Umso wichtiger ist es, dass die muslimischen Bewegungen zu unterst\u00fctzen, die f\u00fcr Offenheit und Toleranz eintreten.<\/p>\n<p>Ungez\u00e4hlte Menschen fliehen nach Europa, um dem Terror des Islamismus zu entkommen. Der Gro\u00dfteil der Fl\u00fcchtlinge sind Muslime. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Heimat, aber auch nach anderen politischen Systemen und gesellschaftlichen Werten: Menschenrechte und Demokratie, Religionsfreiheit und Toleranz. Es stellt die gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr unsere westliche Gesellschaft dar, die Fl\u00fcchtlinge von innen her f\u00fcr diese Werte zu gewinnen. Wenn wir die Vertriebenen offen und entgegenkommend aufnehmen, k\u00f6nnen sie unsere Werte kennen- und sch\u00e4tzen lernen.<\/p>\n<p>Auf einen zentralen Punkt m\u00f6chte ich noch aufmerksam machen: \u00dcber viele Jahrhunderte haben die Christen im Orient das Evangelium von der Gewaltfreiheit sehr ernst genommen. Immer wieder betonen sie, dass eine Religion nicht mit Gewalt ausgebreitet werden darf. Das Christentum des Westens war in dieser Frage sehr ambivalent, auch in der Vermischung von Politik und Religion. Die Kirchen des Ostens waren in dieser Frage immer sehr klar am Evangelium orientiert. In einer Zeit, in der wieder Gewalt im Namen einer Religion ausge\u00fcbt wird, bis hin zu einem menschenverachtenden Terrorismus \u2013 kann dieses Zeugnis nicht laut genug verk\u00fcndet werden: Religion darf nicht mit Gewalt ausgebreitet werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der \u201eKleinen Br\u00fcder vom Evangelium\u201c lebe ich gemeinsam mit drei Mitbr\u00fcdern in einem Plattenbauviertel am Stadtrand von Leipzig. Da Wohnungen leer stehen, konnten sich dort in den letzten zwei Jahren viele Fl\u00fcchtlingsfamilien ansiedeln. Unter ihnen lernte ich auch Familien aus Mossul oder Aleppo kennen. 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