{"id":117888,"date":"2026-01-16T16:04:39","date_gmt":"2026-01-16T15:04:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117888"},"modified":"2026-01-16T16:04:42","modified_gmt":"2026-01-16T15:04:42","slug":"was-heisst-gott-handelt-heute-das-christliche-paradigma-der-menschwerdung-gottes-und-die-befreiungstheologische-option-fuer-die-armen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/was-heisst-gott-handelt-heute-das-christliche-paradigma-der-menschwerdung-gottes-und-die-befreiungstheologische-option-fuer-die-armen\/","title":{"rendered":"Was hei\u00dft \u201eGott handelt\u201c heute?"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Einleitung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der \u00dcberzeugung, dass Gott in der Welt handelt, steht und f\u00e4llt der christliche Glaube. Mehr noch: Sein zentrales Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes unterscheidet das Christentum von allen anderen Religionen und erregt bei vielen Menschen Ansto\u00df. Das gilt auch f\u00fcr das Gespr\u00e4ch mit seinen n\u00e4chsten und engsten, da monotheistischen Geschwistern, dem Judentum und dem Islam: F\u00fcr beide ist die Vorstellung eines Gottes, der Mensch wird, undenkbar und beide entwickeln deshalb charakteristisch andere Konzepte des g\u00f6ttlichen Wirkens. Insofern f\u00fchrt die Frage, die das Bekenntnis zu einem in der Welt handelnden Gott f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Menschen stellt, in das Zentrum christlicher Glaubensverantwortung.<\/p>\n<p>Und dies seit alters her. Gott handelt, das bedeutet f\u00fcr christliche Theologie traditionell: Er handelt als Sch\u00f6pfer und Erl\u00f6ser in einer trinitarisch ausdifferenzierten Personalunion, die den Vater durch den Geist der Liebe in seinem Sohn als Gestalter der Welt erkennt. Nach dem nicht-paulinischen Christushymnus aus Kol 1,12-20 ist der g\u00f6ttliche Logos als \u201eErstgeborener der ganzen Sch\u00f6pfung\u201c auch der \u201eErstgeborene der Toten\u201c, derjenige, in dem die ganze \u201eF\u00fclle\u201c Gottes wohnt. Paulus selbst hat besonders den Erl\u00f6sungsaspekt dieses g\u00f6ttlichen Sohneshandelns ausgeschrieben. Den Ma\u00dfstab seiner Theologie bildet das Kreuz Jesu, vor dessen Armut Gott nicht zur\u00fcckschreckt, in die er seine Hoheit vielmehr \u201eentleert\u201c bis zur \u00e4u\u00dfersten Erniedrigung des Todes (vgl. Phil 2,6-11). Der g\u00f6ttliche Sohn stirbt \u201ef\u00fcr unsere S\u00fcnden\u201c und wird auferweckt, damit wir Menschen, die S\u00fcnder, neu leben k\u00f6nnen trotz unserer manifesten Schuld. Eine solche Botschaft soll Hoffnung wecken. In 1 Kor 15,3-5 fasst Paulus den Kern der authentischen \u00dcberlieferung zusammen, deren theologischer Vorgabe auch seine Verk\u00fcndigung folgt. Sie stellt damals wie heute eine erhebliche Zumutung an das Selbstverst\u00e4ndnis des Menschen dar. Bekanntlich zeichnet unsere Gegenwart in Glaubensangelegenheiten ein bemerkenswertes Erfahrungsdefizit aus. Dass Gott handelt, wird von den Menschen heute h\u00e4ufig nicht mehr wahrgenommen. Und zwar nicht allein deshalb, weil unbestreitbar Vieles in der Welt im Argen liegt. Die Tatsache, dass Glaubens\u00fcberzeugungen aktuell weniger zur Erl\u00f6sung als zur Verursachung von Leid beizutragen scheinen, zieht die religi\u00f6se Heilshoffnung gewisserma\u00dfen grunds\u00e4tzlich in Zweifel. Genau genommen muss die leitende Fragestellung f\u00fcr die Er\u00f6rterung unseres Themas also lauten: Was kann es in einer Welt, in der allenthalben Fundamentalismen triumphieren \u2013 und zwar nicht nur die islamistischen, sondern auch die evangelikalen und die christkatholischen \u2013, bedeuten, dass Gott handelt?<\/p>\n<p>Drei Argumentationsg\u00e4nge und ein ekklesiologisches Schlusspl\u00e4doyer sollen eine m\u00f6gliche Richtung erkunden, in der die Antwort auf diese Frage liegen k\u00f6nnte. Dass Gott handelt, hie\u00dfe demnach durchaus traditionell: Er handelt in Jesus Christus. Das aber bedeutet: Er handelt als Mensch \u2013 eine \u00e4u\u00dfert komplexe theologische Aussage, die das II. Vatikanische Konzil mit dem spezifischen Offenbarungskonzept der Selbstmitteilung Gottes zu erfassen sucht. Das Konzil legt mit diesem Begriff ein dialogisches Verst\u00e4ndnis von Offenbarung vor, das die Menschwerdung Gottes nicht auf die historisch einmalige Vergangenheit des Menschen Jesus aus Nazareth einschr\u00e4nkt. Vielmehr dehnt es dessen inkarnatorisches Geheimnis zeit- und raum\u00fcbergreifend aus und erschlie\u00dft dem Glauben der Kirche damit einen ungleich aktuellen Bezug: die Armen, durch die Gott heute sozusagen vorzugsweise handelt. Die nachfolgenden Ausf\u00fchrungen erl\u00e4utern deshalb die g\u00f6ttliche Selbstmitteilung, seine Menschwerdung \u00fcber die Antwort auf die ganz bestimmte Frage, warum Theologie heute vom Armen in seiner zeitgen\u00f6ssischen Realit\u00e4t sprechen muss, wenn sie den Glauben an Gottes Handeln in Jesus Christus verst\u00e4ndlich machen will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Gott handelt in Jesus Christus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Ringen um den Glauben, dass im Leben und Sterben des Jesus aus Nazareth kein anderer als Gott selber am Werk ist, dass dieser Jesus also der Christus ist, pr\u00e4gt die Kirche in den ersten acht Jahrhunderten ihrer Geschichte durchg\u00e4ngig und f\u00fchrt schlie\u00dflich zu der trinitarischen Gottesvorstellung des Christentums. Theologiegeschichtlich ragen zwei lehramtliche Entscheidungen aus diesem Prozess der Entfaltung des Glaubensverst\u00e4ndnisses der Kirche heraus: Das Konzil von Niz\u00e4a (325) legt gegen die arianische Irrlehre fest, dass der Sohn in derselben wesentlichen Weise Gott sein muss wie der Vater. Denn nur, wenn in Jesus Christus tats\u00e4chlich ein g\u00f6ttlicher Akteur auf der Weltb\u00fchne erscheint, l\u00e4sst sich das Vertrauen der Gl\u00e4ubigen rechtfertigen, dass der Sohn auch das, was allein Gott m\u00f6glich ist, erwirken kann: die Erl\u00f6sung des Menschen und der Sch\u00f6pfung insgesamt. Der niz\u00e4nische Lehrentscheid begr\u00fcndet also die Erl\u00f6sungshoffnung des Glaubens. Zugleich erh\u00e4lt mit ihm das Problem des Welthandelns Gottes seine Virulenz. Wie l\u00e4sst sich denken, dass Gott Mensch wird und doch Gott bleibt? Auf diese Frage versucht das Konzil von Chalzedon (451) eine Antwort zu finden. Es entfaltet dazu eine Theologie, welche die \u201evollkommene Gottheit\u201c und \u201edie vollkommene Menschheit\u201c als die zwei Naturen der einen Person Jesu Christi festh\u00e4lt. Der entscheidende Definitionssatz lautet: \u201eein und derselbe Christus Sohn Herr Eingeborener [ist] in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungeteilt, ungetrennt erkennbar, niemals wird der Unterschied der Naturen aufgehoben der Einigung wegen, vielmehr wird die Eigent\u00fcmlichkeit jeder der beiden Naturen bewahrt, auch im Zusammenkommen zu einer Person und einer Hypostase.\u201c<\/p>\n<p>Der Akzent dieser Definition liegt auf der \u00dcbereinkunft der g\u00f6ttlichen mit der menschlichen Natur, welche die Person Jesu Christi \u201eunvermischt\u201c und \u201eungetrennt\u201c zu einer komplexen Wirklichkeit vereint. Explizit sch\u00e4rft der Text des Chalzedonense ein, dass die Person-Einheit in der \u201eHypostase\u201c des Logos den wirklichen Eigenstand der beiden Naturen nicht aufhebt. Die vom trinitarischen Sohneslogos angenommene Menschlichkeit beeintr\u00e4chtigt also keineswegs die Vollkommenheit seiner Gottheit. Ebenso wenig verg\u00f6ttlicht sie eine defizit\u00e4re Menschheit des Sohnes. Beide Naturen werden vielmehr dergestalt aufeinander bezogen, dass die geglaubte G\u00f6ttlichkeit Jesu Christi nirgendwo anders erkannt werden kann als in der praktischen Verwirklichung seiner Menschlichkeit. Der Akzent der Konzilsdefinition liegt also darauf, dass die Gottheit Jesu Christi ihrem Gehalt nach in seiner Menschlichkeit besteht. Christologie l\u00e4sst sich deshalb nicht auf metaphysische Spekulationen \u00fcber das personale Geheimnis des innerg\u00f6ttlichen Sohneslogos beschr\u00e4nken. Vielmehr muss sie ihren Fokus auf den realen Menschen Jesus von Nazareth richten, in welchem sich nichts Anderes als das Wesen Gottes realisiert. Seine Enth\u00fcllung ereignet sich in der Lebensgeschichte dieses einen. Wie die Zwei-Naturen-Lehre des Konzils festh\u00e4lt, entsprechen sich dabei Seins- und Erkenntnisordnung. Anders gesagt: Weil Gott (Vater) ontisch in Jesus Christus Mensch geworden ist, wird ontologisch die Menschlichkeit des Menschen Jesus zum wesentlichen Inhalt g\u00f6ttlicher Offenbarung.<\/p>\n<p>Ohne den Person-bildenden Einheitspunkt der <em>unio hypostatica<\/em> abzustreiten, bietet die Zwei-Naturen-Lehre des Konzils von Chalzedon damit einen Ansatzpunkt, das Plausibilit\u00e4tsproblem, das die neuzeitlich aufgekl\u00e4rte Vernunft hinsichtlich der Erkennbarkeit des g\u00f6ttlichen Handelns umtreibt, positiv aufzugreifen und Gottes Heilswirklichkeit \u00fcber die Konzeption einer Christologie von unten mit glaubw\u00fcrdigem, was gleichwohl nicht bedeutet: unstrittigem Wahrheitsanspruch auszusagen. W\u00e4hrend die spekulative Bezugnahme des Konzils auf die \u201eHypostase\u201c oder \u201ePerson\u201c die vorausgesetzte Identit\u00e4t Jesu Christi als innertrinitarischem Sohneslogos markiert, legt die Gleichordnung der Zweiheit seiner \u201eNaturen\u201c dessen Wahrnehmbarkeit auf die Erkenntnis der wahren Gottheit durch die wahre Menschheit fest. Dass Gott in Jesus Christus handelt, bedeutet also, dass Jesus wirklich als Mensch, genauer, dass er menschlich handelt. In dieser Menschlichkeit macht Gott sich selbst zug\u00e4nglich, in ihr teilt er den Gesch\u00f6pfen sein ureigenes Wesen mit. Deshalb gilt: Wer Jesus begegnet, begegnet Gott. Aber dass der Mensch in ihm realiter Gott antrifft, ist keine \u00dcberzeugung, die der Glaube ohne weltliche Erfahrung gewinnen k\u00f6nnte. Das g\u00f6ttliche Geheimnis wird vielmehr allein durch die gelebte Menschlichkeit Jesu erkennbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Gott handelt als Mensch<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Einsicht \u00e4ndert das christliche Offenbarungsverst\u00e4ndnis von Grund auf. In der Menschwerdung teilt Gott keine Information \u00fcber sich mit. Vielmehr gibt er sich als der zu erkennen, der er ist. \u00dcber Jesus, unseren Menschen-Bruder, kommuniziert Gott selber mit uns. Das Geschehen von Offenbarung l\u00e4sst sich folglich nicht in die blo\u00df theoretische Form einer Instruktion pressen, die man als heilige Lehre aus den normativen Quellen der Heiligen Schriften herausdestillieren k\u00f6nnte. Nach christlichem, christologischem Verst\u00e4ndnis ist Offenbarung viel mehr als das: In ihr findet das existenzielle Ereignis einer Begegnung von Gott und Mensch statt. Offenbarung bedeutet die \u201eSelbstmitteilung\u201c Gottes an uns.<\/p>\n<p>Nach Karl Rahner, der diesen Begriff gepr\u00e4gt hat, ist Jesus deshalb jener exemplarische Mensch, \u201eder die einmalige absolute Selbsthingabe an Gott lebt.\u201c Er tut, was uns S\u00fcndern zu tun unm\u00f6glich ist: den Willen Gottes. Der wiederum verlangt vor allem Anderen die Verwirklichung einer Humanit\u00e4t, die Menschen einander immer schulden, da einzig sie alle leben l\u00e4sst und jedem Leben gew\u00e4hrt. In der stupenden Menschlichkeit, die den Lebensvollzug Jesu pr\u00e4gt, kommt jedoch nicht nur die Wahrheit \u00fcber den Menschen an den Tag. Die Menschlichkeit Jesu offenbart zugleich die Wahrheit \u00fcber Gottes Gottheit, deren wahrnehmbaren Gehalt sie zum Ausdruck bringt. Wenn der gelingende Existenzvollzug des Menschen aus diesem Grund eine im selben Ma\u00df menschen- wie gottesw\u00fcrdige Gestalt tr\u00e4gt, ist die Verwirklichung von Menschlichkeit keine Angelegenheit, die der Mensch mit sich allein abmachen k\u00f6nnte. Im Gegenteil: Es handelt es sich bei ihr zuerst und zuletzt um Gottes Sache. Nach Rahner gewinnt der Mensch seinen existenziellen Eigenstand nur in der \u00dcberantwortung an Gott, was zu der paradox klingenden Annahme f\u00fchrt, dass sich in dem einzigartigen Verh\u00e4ltnis des Sch\u00f6pfers zu seinem Gesch\u00f6pf Eigenstand und Abh\u00e4ngigkeit nicht wechselseitig beschr\u00e4nken m\u00fcssen, sondern im Gegenteil miteinander wachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine derart sch\u00f6pfungstheologische Verschr\u00e4nkung zieht anthropologisch weitreichende Folgen nach sich. Vor allem erringt nach dieser Auffassung der Menschen die Vollendung seines Daseins nicht aus eigener Kraft. Er erh\u00e4lt sie geschenkt durch das offenbarende Handeln Gottes, soll hei\u00dfen: zuerst in der Menschwerdung des Sohnes und dann \u00fcber die geschichtlich im Heiligen Geist je neu zu gestaltende Nachfolge Jesu Christi. In seinem Grundkurs des Glaubens formuliert Rahner dieses christologische Verst\u00e4ndnis des Menschen ausdr\u00fccklich: \u201eDie Menschwerdung Gottes\u201c, hei\u00dft es hier, ist \u201e der einmalig h\u00f6chste Fall des Wesensvollzugs der menschlichen Wirklichkeit, der darin besteht, dass der Mensch ist, indem er sich weggibt in das absolute Geheimnis hinein, das wir Gott nennen.\u201c Und an die Adresse der neuzeitlich-aufgekl\u00e4rten Religionskritik, die aus Sorge um den Selbststand des Menschen von der G\u00f6ttlichkeit des Sohnes Abstand nehmen zu m\u00fcssen glaubt, stellt Rahner die R\u00fcckfrage, ob sie dem Verst\u00e4ndnis des Menschen mit der Absage an seine Herkunft von Gott nicht die entscheidende Beziehung raubt, aus der sein Wesen die ihm eigene einzigartig menschliche und menschenw\u00fcrdige Bestimmung gewinnt.<\/p>\n<p>Das II. Vatikanische Konzil hat jedenfalls den Zusammenhang zwischen Gottes Selbstmitteilung und einem menschenw\u00fcrdigen Lebensvollzug in der Konstitution \u201eGaudium et Spes\u201c 22 mit der Verbindlichkeit seines h\u00f6chsten Lehramts als die entscheidende, christologische Mitte des Glaubens ausgezeichnet. Die ma\u00dfgebliche Passage lautet: \u201eTats\u00e4chlich wird nur im Mysterium des fleischgewordenen Wortes das Mysterium des Menschen wahrhaft klar. Denn Adam, der erste Mensch, war das Urbild des k\u00fcnftigen, n\u00e4mlich Christi, des Herrn. Christus, der schlechthin neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Mysteriums des Vaters und seiner Liebe dem Menschen selbst den Menschen voll kund und erschlie\u00dft ihm seine h\u00f6chste Berufung.\u201c Damit w\u00fcrdigt der Text der Pastoralkonstitution die Inkarnation Gottes als Aufkl\u00e4rung des Menschen \u00fcber sich selbst, als Bestimmungsgrund seiner h\u00f6chsten Berufung. Die prinzipielle Bedeutung der Menschwerdung Jesu umschreibt er dann in scholastischer Terminologie, wie folgt: \u201eDa in Ihm die menschliche Natur angenommen, nicht zerst\u00f6rt ist, ist sie eben dadurch auch in uns zu erhabener W\u00fcrde erhoben worden. Denn Er, der Sohn Gottes, hat Sich durch seine Fleischwerdung gewisserma\u00dfen mit jedem Menschen geeint.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGaudium et Spes\u201c folgt der Definition Chalzedons also in der markanten Verkn\u00fcpfung, welche die Erkenntnis der Gottheit des Vaters an die Offenbarung der Menschlichkeit seines eingeborenen Sohnes bindet. Dass Offenbarung im Sinns Rahners \u201eSelbstmitteilung Gottes\u201c und nicht blo\u00df ein neutrales Informationsgeschehen meint, enth\u00fcllt den spezifisch theologischen Charakter dieser wahren Menschheit des Logos, das hei\u00dft dass sie nach christlichem Verst\u00e4ndnis die entscheidende Wesensbestimmung Gottes darstellt. Humanit\u00e4t konturiert folglich auch das g\u00f6ttliche Handeln in der Welt. Es muss dezidiert als ein menschliches und menschenw\u00fcrdiges Handeln angesprochen werden. Deshalb sieht \u201eGaudium et Spes\u201c das Geheimnis des Glaubens vor allem in der Menschwerdung des g\u00f6ttlichen Sohnes zusammengefasst, dessen Heilswirksamkeit der Text der Konstitution folgenderma\u00dfen akzentuiert: \u201eMit menschlichen H\u00e4nden hat er sein Werk getan, mit menschlichem Geist gedacht, mit menschlichem Willen gehandelt, mit menschlichem Herzen geliebt.\u201c Der Skopus dieser Aussage ist unmissverst\u00e4ndlich: Menschliches Handeln bildet das Format, in dem Gott wirklich handelt. Aus dieser theologischen Einsicht folgt, dass nicht nur f\u00fcr die Menschen, die an Jesus als Christus glauben, sondern \u2013 wie es ausdr\u00fccklich hei\u00dft \u2013 \u201ef\u00fcr alle Menschen guten Willens\u201c die Verpflichtung besteht, jene h\u00f6chste Berufung zur Menschlichkeit, die Gott in seinem Sohn vorgelebt hat, als eigene existenzielle Lebensaufgabe zu \u00fcbernehmen. Jeder Mensch, der Christgl\u00e4ubige aber zumal, wird hier zu einem wahrhaft menschlichen Leben, zu t\u00e4tiger Menschwerdung in der Nachfolge Jesu berufen. Das Bekenntnis des Glaubens, dass Jesus der Christus und als solcher der Mensch gewordene Sohneslogos ist, verlangt demnach einen Verst\u00e4ndnisakt, der die ganze menschliche Existenz im Sinn ihrer theoretischen wie praktischen Verantwortung als Gesch\u00f6pf einfordert.<\/p>\n<p>Eine derart umfassende Glaubensentscheidung kann niemals selbstverst\u00e4ndlich sein. Allerdings macht die anspruchsvolle Berufung zur Menschlichkeit aus der Nachfolge Jesu Christi eine praktisch zu \u00fcbende Lebensform. Der Glaube muss vor allem getan werden. In dieser zwar nicht exklusiv, aber doch typisch christlichen Auffassung liegt auch der Rechtsgrund f\u00fcr jene anst\u00f6\u00dfige Identifikation, mit der die lateinamerikanische Theologie der Befreiung das christologische Zentral-Geheimnis der Inkarnation explizit mit der peripheren Realit\u00e4t der Armen und Unterdr\u00fcckten in Verbindung bringt. Sie verleiht der Rede vom Handeln Gottes heute ihre pr\u00e4gnante Sinnspitze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Gott handelt durch die Armen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die menschenw\u00fcrdige Gestaltung des Lebens bedeutet n\u00e4mlich keineswegs nur Nachahmung Jesu in dem abstrakten Sinn eines Vorbilds der Tugend. Konkreter als das verlangt sie die ganz bestimmte Nachfolge jedes einzelnen an das Kreuz Christi. Theologisch gesprochen stellt erst die Lebenshingabe des Sohnes den charakteristisch g\u00f6ttlichen Zug seines zutiefst menschlichen Handelns vor Augen, also den Inbegriff dessen, was dem Menschen f\u00fcr sich alleine als S\u00fcnder unm\u00f6glich, im Gefolge der Offenbarung Jesu Christi aber von allen Menschen guten Willens \u2013 seien sie nun christgl\u00e4ubig oder nicht \u2013 einzufordern ist. Gottes Handeln und die Erl\u00f6sung der Welt, auf die es letzten Endes zielt, erhalten vor allem im Kreuz ihren gemeinsamen und realistischen Grund. Noch einmal mit den Worten der Pastoralkonstitution \u201eGaudium et Spes\u201c gesagt: \u201eIndem Jesus Christus f\u00fcr uns litt, hat Er nicht nur ein Beispiel gegeben, damit wir seinen Spuren folgen, sondern Er hat auch den Weg gebahnt, dem wir folgen m\u00fcssen, damit Leben und Tod geheiligt werden und einen neuen Sinn annehmen.\u201c<\/p>\n<p>Die Pointe des Konzilstextes ist irritierend genug: Gerade das Leiden des Gekreuzigten soll die angemessene Form darstellen, in welcher der allm\u00e4chtige Gott, der Sch\u00f6pfer und Erl\u00f6ser der Welt, wirklich handelt. Als armer Gehenkter unter anderen Armen, so tritt Gott in der Welt in Erscheinung. Die Armen erhalten damit einen theologisch privilegierten Status, und zwar sowohl was die Adresse als auch was das Subjekt des g\u00f6ttlichen Erl\u00f6sungshandelns betrifft: Sie sind die ersten H\u00f6rer des Evangeliums und zugleich seine authentischen Verk\u00fcnder. Dass die Armen aufgrund ihrer Armut ein und dieselbe Lebenssituation mit Jesus teilen, bef\u00e4higt sie, \u00fcber die Zeiten hinweg zu der sakramentalen Verk\u00f6rperung der Gegenwart Christi in der Welt. Diese kategorial theologische Bedeutung der Armen als das geschichtliche Sakrament Christi und ihre damit einhergehende zentrale Funktion im g\u00f6ttlichen Erl\u00f6sungshandeln hat der spanisch-salvadorianische Befreiungstheologe Jon Sobrino exemplarisch beschrieben. \u201eDie Armen\u201c, stellt seine Christologie der Befreiung fest, \u201esind auf zweifache, fundamentale Weise Quasi-Sakramente der Sendung Jesu. An erster Stelle rufen sie zur Umkehr auf, indem ihre Lebenswirklichkeit wie die des gekreuzigten Jesus die gr\u00f6\u00dfte Anfrage an die Christen und an alle Menschen darstellt. In diesem Sinne stellen die Armen, weil sie Opfer sind, eine prophetische Anklage dar. An zweiter Stelle bieten sie Werte und Wahrheiten an, wie sie auch Jesus aufgezeigt hat. In diesem Sinne sind sie Tr\u00e4ger des Evangeliums; sie evangelisieren von Grund auf.\u201c<\/p>\n<p>Auch diese Aussage ist von prinzipieller Bedeutung: In der Perspektive der Befreiungstheologie stellt sich die Theologie des Handelns Gottes als eine Theologie der Armen dar. Ihre Existenz, die durch manifeste Unterdr\u00fcckung und barbarische Gewalt gekennzeichnet ist, wiederholt authentisch die Situation des Gekreuzigten als Ort der Offenbarung Gottes. Insofern zeigt die Solidarit\u00e4t mit den Armen den vorrangigen Weg der Erl\u00f6sung an, weil sie allein keinen vom Leben ausschlie\u00dft, sondern allen Menschen Heil verspricht: Zuerst nat\u00fcrlich den Armen selber, die aus ihrer Unterdr\u00fcckung befreit werden m\u00fcssen, denen das geraubte Leben zur\u00fcck zu erstatten ist. Dann aber auch den Reichen, die sich zum Lebensrecht der Armen zu bekehren, die zu erkennen haben, dass sie unrechtm\u00e4\u00dfige Unterdr\u00fccker und Lebens-R\u00e4uber sind. Das ist insbesondere f\u00fcr uns Christen in der Ersten Welt eine harte Lektion. Aber wenn wir sie von den Armen, die es \u2013 sch\u00e4ndlicher weise \u2013 \u00fcberall gibt, lernen, k\u00f6nnen auch wir erl\u00f6st werden. In Sobrinos Diktion klingt der Akzent dieses Urteils noch sch\u00e4rfer: Nur, wenn die prophetische Anklage, welche der Notschrei der Elendsexistenz der Armen zum Ausdruck bringt, geh\u00f6rt wird, sodass sie die entsprechende Hilfe finden seitens der Reichen, nur dann ereignet sich Heil in der Welt, nur dann handelt Gott. Und nur dann werden auch die Reichen \u2013 also wir \u2013 Erl\u00f6sung finden.<\/p>\n<p>Eine solche Kriteriologie des Heils best\u00fcrzt, weil sie konkret Stellung bezieht und die Partei der Armen ergreift. Auf diese Weise holt die Theologie den Glauben aber auch aus den jenseitigen Gefilden der Ewigkeit heraus und konfrontiert seine Wahrheit mit dem Alltag der geschichtlichen Gegenwart. Ein derma\u00dfen ungeschminkter Weltbezug irritiert nicht nur die Gl\u00e4ubigen, sondern auch die Amtstr\u00e4ger in der Kirche. Umso wichtiger ist die Feststellung, dass sich Sobrino f\u00fcr seine Theologie nicht allein auf die Aussagen des II. Vatikanischen Konzils berufen kann, sondern dar\u00fcber hinaus auf deren Fortschreibung durch die Abschlussdokumente der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medell\u00edn (1968) und Puebla (1979), welche die Parteinahme der Offenbarung Gottes im Sinn einer Option f\u00fcr die Armen als verbindliche Lehre der Kirche ausformulieren.<\/p>\n<p>Auf die Konsequenzen dieser pastoralen Option f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Kirche und ihrer Sendung wird am Schluss zur\u00fcckzukommen sein. Zuvor jedoch bedarf die Bedeutung einer Theologie des beziehungsweise der Armen f\u00fcr die Frage nach dem Handeln Gottes nochmals einer Zuspitzung: Wenn Gott als Mensch vor allem durch den Gekreuzigten handelt, weil die Menschen, die ihn ans Kreuz schlagen, tendenziell eher nicht Menschliches, sondern Unmenschliches tun, und wenn deshalb die g\u00f6ttliche Aktivit\u00e4t seines Handelns zun\u00e4chst in der ebenfalls ausgesprochen menschlichen Passivit\u00e4t des Leidens besteht, dann kann g\u00f6ttliches Handeln nicht triumphalistisch beschrieben werden. Sie kann keine Weltherrschaft bedeuten, die im Gestus allm\u00e4chtiger Diktatur alles lenkt. Das w\u00e4re eine ebenso illusion\u00e4re wie gewaltt\u00e4tige und deshalb heillose Vorstellung von Gottes Gericht beziehungsweise von der Erl\u00f6sung, die es verhei\u00dft. Gott handelt, richtet anders. Das zumindest ist die Hoffnung der Christen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) hat diese Andersartigkeit des g\u00f6ttlichen Handelns seinen biblisch-normativen Ausdruck gefunden. Das Gleichnis wird von der lukanischen Jesusfigur als Antwort auf die Frage, wer mein N\u00e4chster ist, erz\u00e4hlt. Im Hintergrund steht die bekannte und nicht allein j\u00fcdische Auffassung, dass Bruderliebe nur innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe geboten ist, also dem Hass gegen ausw\u00e4rtige Feinde nicht widerspricht. Gegen diese Vorstellung klagt das Gleichnis die grenz\u00fcberschreitende und folglich unbedingte Geltung von Liebe in Situationen der Not ein. Denn Not lehrt nicht nur beten, sondern verpflichtet \u2013 und zwar zun\u00e4chst \u2013 zur Hilfeleistung. Diesen Vorrang erkennen der Priester und der Levit, die an dem Mann im Stra\u00dfengraben vorbeigehen, nicht an. Beide haben vermeintlich Wichtigeres zu tun, sie kommen nicht zu Hilfe, obwohl der Verletzte im Graben aus Jerusalem kommt und also ein Jude sein d\u00fcrfte wie sie. Erst der Fremde, den der Text des Gleichnisses als \u201eMann aus Samarien\u201c einf\u00fchrt, zeigt die menschliche und im Grunde selbstverst\u00e4ndliche Reaktion: Angesichts der blutigen Realit\u00e4t des unter die R\u00e4uber gefallenen Menschen \u201edreht es ihm den Magen um\u201c. Das Verb \u03c3\u03c0\u03bb\u03b1\u03b3\u03c7\u03bd\u1f77\u03b6\u03bf\u03bc\u03b1\u03b9 in Lk 10,33 sagt es zumindest so. Seine Bedeutung gibt die Einheits\u00fcbersetzung wenig pr\u00e4gnant mit \u201eMitleid haben\u201c wider. Nach dem griechischen Wortlautet reagiert der Samariter dagegen k\u00f6rperlich auf die k\u00f6rperlichen Verletzungen des Geschlagenen \u2013 und: er sorgt f\u00fcr ihn!<\/p>\n<p>Das ist eine theologisch beachtenswerte Verkn\u00fcpfung. In der Selbstverst\u00e4ndlichkeit ihrer Humanit\u00e4t spiegelt sich die g\u00f6ttliche Signatur, der sakramentale Charakter seines Handelns. Es hat n\u00e4mlich den Anschein, als w\u00fcrde nur Gott selbstverst\u00e4ndlich menschlich handeln, w\u00e4hrend die Menschen als S\u00fcnder selbstverst\u00e4ndlich eher zur Unmenschlichkeit neigen. Oder wie Luther es in der 34. These \u00fcber die menschliche Natur gegen die scholastische Theologie pr\u00e4zise auf den Punkt bringt: \u201eDie Natur hat weder eine rechte Anleitung durch die Vernunft noch einen guten Willen.\u201c Aus diesem nach wie vor leider sehr oft zutreffenden Urteil folgt, dass jedes Weltregiment, das seine Ordnungsmacht mit Zwangsgewalt durchsetzen will, zwar tats\u00e4chlich ein menschliches Konzept darstellt, aber aus eben diesem Grund gerade nicht geeignet ist, das erl\u00f6sende Handeln Gottes zu beschreiben. Seine typisch menschliche Unmenschlichkeit hindert es daran. Und dass besonders die Menschen im vergleichsweise beg\u00fcterten Westen in ihrer Alltagswirklichkeit Gott nicht mehr wahrnehmen, k\u00f6nnte somit auch daran liegen, dass ihr Handeln Gottes erl\u00f6sende Gegenwart nicht mehr verk\u00f6rpert, dass Gott nicht mehr durch sie handelt. Das w\u00fcrde bedeuten: Weil wir den N\u00e4chsten in seiner Not nicht ausreichend anerkennen, der Rettung seines Lebens angeblich Wichtigeres vorziehen, erzeugt unsere inhumane Herrschaftsform Unterdr\u00fcckung und Armut. In einer Welt, welche die neoliberale Hegemonie der kapitalistischen Wirtschaftsordnung pr\u00e4gt, ist die Triftigkeit dieser Erkenntnis mit H\u00e4nden greifbar. Die Reichen produzieren Arme \u00fcberall und leben gut von deren Ausbeutung. Auch auf diesen markanten Zug machen die Befreiungstheologen, welche in der Regel aus L\u00e4ndern der Dritten Welt kommen, aufmerksam. Und darauf, dass Gottes Solidarit\u00e4t zuerst den Ausgebeuteten geh\u00f6rt, denn Jesus ist einer von ihnen, und sie \u2013 die Armen \u2013 teilen die Situation Jesu. Deshalb entfaltet die realgeschichtliche Dichotomie zwischen den Klassen von Arm und Reich eine theologisch zwingende Zuordnung. Das Handeln der Reichen charakterisiert die S\u00fcnde, nicht die Erl\u00f6sung. Wollen sie dennoch gerettet werden, bleibt ihnen \u2013 wie dem reichen J\u00fcngling aus Mt 19,16-30 \u2013 allein die Hoffnung, dass Gott vermag, was den Menschen unm\u00f6glich ist, denn geht doch eher \u201eein Kamel durch ein Nadel\u00f6hr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt\u201c (Mt 19,25).<\/p>\n<p>Die Hoffnung des Glaubens geht nun allerdings dahin, der Einzigartigkeit des Handelns Gottes am Kreuz Christi eben diese erl\u00f6sende Tat des Menschenunm\u00f6glichen zuzutrauen. Denn am Kreuz wird Gott arm bis zum \u00c4u\u00dfersten, teilt die Situation der Beraubten und Geknechteten noch im Tod und macht auf diese Weise deutlich, dass nicht die vermeintlichen Rechtfertigungen der Gewalt gegen die Ohnm\u00e4chtigen ma\u00dfgeblich sind, sondern dass das Himmelreich Anderes, ja kontradiktorisch Entgegengesetztes von uns verlangt: den Hungernden s\u00e4ttigen, den Kranken besuchen, den Notleidenden helfen. So jedenfalls klagt es das Weltgerichtsgleichnis von Mt 25,31-46 ein. Auch hier bildet die Not des Armen das Kriterium, an dem sich entscheidet, ob ein Handeln nur-menschlich, das hei\u00dft inhuman und ausbeuterisch, oder ob es g\u00f6ttlich und in diesem Sinn wahrhaft menschlich ist. Vor diesem Hintergrund zieht die befreiungstheologische Option f\u00fcr die Armen die einzig angemessene Konsequenz aus dem fundamentalen Glaubensgeheimnis des Christentums, dass Gott Mensch geworden ist. Sie identifiziert sein Handeln in der Welt mit wirklich menschlichem Handeln. Den Ma\u00dfstab daf\u00fcr bildet die Realit\u00e4t des Armen, die auf diese Weise in den Rang der sakramentalen Gegenwart Gottes erhoben wird. In diesem kritischen Sinn gilt der Urteilsspruch des k\u00f6niglichen Weltenrichters aus Mt 25,40 bis heute: \u201eWas ihr f\u00fcr einen meiner geringsten Br\u00fcder getan habt, das habt ihr mir getan.\u201c Gott handelt menschlich bedeutet deshalb auch: Er handelt nicht ohne den Menschen.<\/p>\n<p>Diese fundamentale Erkenntnis hat bereits Thomas von Aquin in der 16. Quaestio des ersten Buchs seiner \u201eTheologischen Summe\u201c durch eine Theorie kreat\u00fcrlicher Zweiturs\u00e4chlichkeit verst\u00e4ndlich zu machen versucht. Eine systematische Ausarbeitung fand sein Konzept aber dann erst Mitte der 1970er Jahre durch Bela Weissmahr und wird, wie j\u00fcngst Dominikus Kraschl gezeigt hat, auch aktuell unter Theologen wie Philosophen kontrovers diskutiert. Grob gesagt erscheint in der Zweitursachentheorie die gesch\u00f6pfliche Welt als gleichsam sekund\u00e4res Werkzeug zur Verwirklichung des g\u00f6ttlichen Heilswillens, der die origin\u00e4re Erstursache des Heils darstellt. Dabei ist der freie Wille, die Eigenwirksamkeit besonders des Menschen durchaus gefordert. Gerade der S\u00fcnder muss seine S\u00fcnde erkennen, muss umkehren und zum Heilsorgan Gottes werden wollen. Die Theologie der Befreiung gestaltet die inkarnatorischen und christologischen Konsequenzen dieser soteriologischen Vorstellung aus: Auch f\u00fcr sie handelt Gott nicht ohne die Menschen. Er handelt vorrangig sogar als Mensch, das hei\u00dft im Mensch-gewordenen Sohn und dann prinzipiell durch die Armen, denen seine bedingungslose Zuwendung gilt. Zu ihnen, besser: zu ihrem Lebensrecht haben die Reichen sich zu bekehren, weil den Armen geholfen werden muss, und zwar unbedingt. Allerdings scheint der Mensch zu einer derart bedingungslosen Solidarit\u00e4t nicht von sich aus f\u00e4hig zu sein. Vielleicht aber kann Gott ihn zu ihr befreien, insofern er selber bis zum Tod des Sohnes am Kreuz solidarisch mit uns S\u00fcndern geworden ist und damit den Weg gewiesen hat, auf dem wir Menschen ihm im rechten, sprich: g\u00f6ttlichen, das aber meint: wirklich menschlichen Handeln nachfolgen k\u00f6nnen. Nachfolge Christi und Menschwerdung stellen sich von daher als ein und dieselbe existenzielle Aufgabe heraus. Zu ihrer lebenslangen Ausgestaltung sind alle Menschen berufen. Auf beziehungsweise in der Fortsetzung des inkarnatorischen Handelns Gottes, das nichts Anderes als Menschlichkeit verwirklicht, besteht dann auch die besondere Mission der Kirche in der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kirche der Armen, eine Mission f\u00fcr die Welt<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott handelt also nicht ohne den Menschen. Damit der Mensch aber mit Gott und das hei\u00dft erl\u00f6send handeln, das Leben seiner Mitmenschen, der Armen retten kann, muss er sich bekehren zu der Solidarit\u00e4t Jesu Christi. Er muss der Behauptung des eigenen Rechts entsagen und seinem Weg, dem Weg der Selbstverleugnung ans Kreuz Folge leisten. In diesem Sinn fasst zumindest das II. Vatikanische Konzil den Sendungsauftrag der Kirche auf, wenn es am Anfang der Pastoralkonstitution programmatisch feststellt: \u201eFreude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und Bedr\u00e4ngten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst auch der J\u00fcnger Christi, und es findet sich nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen widerhallte\u201c (GS 1,1). Nach dieser Lehre wei\u00df sich die Kirche genauso wie ihr Herr Jesus Christus in die Welt gesandt, um an den Orten der Not die prophetische Anklage der Armen aufzugreifen und mit ihnen zusammen \u2013 wie Gott \u2013 Heil zu stiften, befreiend zu handeln. Das Apostolische Schreiben \u201eEvangelii gaudium\u201c von Papst Franziskus pr\u00e4gt f\u00fcr diesen Sendungsauftrag das sprechende Bild einer \u201everbeulten Kirche\u201c, die \u201eauf die Stra\u00dfe hinausgegangen ist\u201c (Evangelii gaudium 49), um bei den Armen zu sein, ihrer sakramentalen Heilsvollmacht als Verk\u00f6rperung Jesu Christi zu gehorchen und so zu handeln, wie Gott es tut, das hei\u00dft denen in Bedr\u00e4ngnis beizustehen und dort zu helfen, wo die Not es verlangt. Auf diese Weise erhalten die Armen jene W\u00fcrde zur\u00fcck, die ihnen als Unterdr\u00fcckte in den Systemen pseudo-menschlicher Herrschaft unrechtm\u00e4\u00dfig geraubt wurde. So werden sie aber auch zu echten, authentischen Subjekten der Evangelisierung und bilden eine missionarische Gestalt von Kirche aus, die der Nachfolge Jesu Christi, seiner Gott-Menschlichkeit entspricht. Die Solidarit\u00e4t mit ihnen erm\u00f6glicht dann sogar die Rettung der Reichen, die \u2013 wenn sie zu der Not der Armen und deren christologischem Vorrang umkehren \u2013 zugleich damit in die erl\u00f6sende N\u00e4he Gottes gelangen.<\/p>\n<p>Um das Gesagte zusammenzufassen: \u00dcber die Wahrnehmung der Not und die tatkr\u00e4ftige Achtung der W\u00fcrde der Armen k\u00f6nnen Menschen Handlungsm\u00f6glichkeiten entdecken, die Gott in ihrem eigenen Leben wieder erkennbar machen. Dieser Schritt wird gerade uns, den Reichen und Privilegierten, nicht ohne die schmerzhafte \u00dcbernahme derselben Selbstverleugnung gelingen, die bereits Jesus ans Kreuz gef\u00fchrt hat. Umso mehr stellen die historischen Kreuzwege, welche die armen V\u00f6lker bereits gehen mussten, auch den reichen Nationen das Richtma\u00df. Deshalb sind die Armen in den Augen Sobrinos exemplarisch gekreuzigt. Als gekreuzigte V\u00f6lker repr\u00e4sentieren sie die Wirklichkeit des geschundenen Leibes Christi bis heute. Soll hei\u00dfen: In ihnen ist der Mensch-gewordene Gott durch die Zeiten hindurch sakramental gegenw\u00e4rtig. Ihre Leidensk\u00f6rper vom Kreuz herunter zu holen, wie Sobrino es in Anspielung auf seinen ermordeten Freund Ignacio Ellacur\u00eda formuliert, ist unsere gemeinsame Liebes-Pflicht als Christinnen und Christen. Denn: An den Armen vorbei gelangt niemand in das Himmelreich. Nur zusammen mit ihnen kommen auch wir zu Gott, nur mit ihnen tut der Mensch das Menschliche, das Gott will. Und genau das bedeutet es heute \u2013 besonders f\u00fcr uns Menschen in der Ersten Welt \u2013, dass Gott handelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung &nbsp; Mit der \u00dcberzeugung, dass Gott in der Welt handelt, steht und f\u00e4llt der christliche Glaube. Mehr noch: Sein zentrales Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes unterscheidet das Christentum von allen anderen Religionen und erregt bei vielen Menschen Ansto\u00df. 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