{"id":117899,"date":"2026-01-16T16:32:45","date_gmt":"2026-01-16T15:32:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117899"},"modified":"2026-01-16T16:53:34","modified_gmt":"2026-01-16T15:53:34","slug":"die-bedeutung-der-bayerischen-landesuniversitaet-ingolstadt-in-den-anfangsjahren-der-reformation","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-bedeutung-der-bayerischen-landesuniversitaet-ingolstadt-in-den-anfangsjahren-der-reformation\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung der bayerischen Landesuniversit\u00e4t Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Das Gedenken an Johannes Eck<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man von der bayerischen Landesuniversit\u00e4t Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation spricht, dann meint man damit gleichzeitig das Wirken des Theologen Johannes Eck, der zeitweilig als einziger Professor an der Theologischen Fakult\u00e4t t\u00e4tig war. Seine von dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger empfohlene Berufung im Jahr 1510 hatte der Fakult\u00e4t nach schwierigen Anfangsjahren und teils raschen Wechseln wissenschaftliches Gewicht und Kontinuit\u00e4t verliehen: Er lehrte hier 33 Jahre bis zu seinem Tode. Eck dominierte auch \u00fcber die sp\u00e4ter neben ihm noch wirkenden anderen Theologieprofessoren.<\/p>\n<p>Johannes Eck galt als ein bedeutender und unter den Humanisten geachteter Wissenschaftler. Willibald Pirckheimer entwarf 1517 in seiner Verteidigung Reuchlins in der Widmungsvorrede seiner Ausgabe von Lukians Piscator das Idealbild eines modernen Theologen. Dieser sollte umfassend gebildet und in den drei heiligen Sprachen bewandert sein, die Grundlage seiner Studien sollte die Heilige Schrift bilden. Pirckheimer f\u00fchrte zahlreiche Beispiele f\u00fcr bedeutende Theologen an, zu denen er neben \u201eMartinus Lueder Augustiniani\u201c auch Johannes Eck z\u00e4hlte. Peter Walter betonte, dass Johannes Eck zu den Humanisten geh\u00f6rte, wenn er sich auch in seiner sp\u00e4teren Lebenszeit zu einem entschiedenen Vertreter der Kontroverstheologie entwickelt habe.<\/p>\n<p>Auch in der Festschrift anl\u00e4sslich der 500j\u00e4hrigen Wiederkehr der Universit\u00e4tsgr\u00fcndung 1972 rechnete die Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t Johannes Eck zu ihren gro\u00dfen Gelehrten, 1986 und 2010 wurden in Ingolstadt prominent besetzte Tagungen zu seinem Gedenken abgehalten. Hier wurde er als Theologe, als Humanist und als Kontroverstheologe gew\u00fcrdigt. Neben diesen Ebenen sollte man auch den Kirchenpolitiker in den Blick nehmen. Als wertvolle Quelle f\u00fcr alle Fragen zur Biographie steht die von Vinzenz Pfn\u00fcr begonnene, allerdings noch unvollendete kritische Edition von Ecks Korrespondenz im Internet zur Verf\u00fcgung. Unsere Tagung steht unter dem Motto: Apologie f\u00fcr Eck. Hat er seine solche \u00fcberhaupt n\u00f6tig? Von Luther und anderen Reformatoren wurde er tats\u00e4chlich pers\u00f6nlich hart und wohl auch ungerecht angegriffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Ingolst\u00e4dter Theologieprofessor<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes Maier, sp\u00e4ter nach seinem Geburtsort Eck benannt, wurde am 13. November 1486 in Egg an der G\u00fcnz in der Herrschaft der Abtei Ottobeuren geboren. Auf Vermittlung seines Onkels Martin Maier, Stadtpfarrer im damals vorder\u00f6sterreichischen Rottenburg, erhielt er eine gelehrte Ausbildung und immatrikulierte sich 1498 an den Universit\u00e4ten Heidelberg und 1499 T\u00fcbingen, wo er zum Baccalaureus und zum Magister artium graduiert wurde. Er setzte seine Studien an den Hochschulen in K\u00f6ln und Freiburg fort, wo er Vorlesungen hielt und 1510 zum Doktor der Theologie promoviert wurde. In T\u00fcbingen und Freiburg lernte er die neue theologische Richtung der via moderna kennen, der er in moderater Form verpflichtet blieb. Bereits zuvor hatte er 1508 in Stra\u00dfburg die Priesterweihe empfangen.<\/p>\n<p>Am 31. Oktober 1510 verlie\u00df Johannes Eck die vorder\u00f6sterreichische Universit\u00e4tsstadt und folgte einem Ruf an die damals noch junge bayerische Landesuniversit\u00e4t in Ingolstadt, die 1472 Herzog Ludwig der Reiche von Bayern-Landshut (1450-1479) gestiftet hatte. Mit der Vereinigung Ober- und Niederbayerns nach dem Landshuter Erbfolgekrieg war sie unter die Herrschaft Herzog Albrechts des Weisen (1465-1508) und seit 1508 seiner S\u00f6hne gekommen. Seine Antrittsvorlesung hielt Eck \u00fcber das Thema der Heilsaussichten der Menschen, die ohne Kenntnis der christlichen Lehre und Empfang der Taufe dem nat\u00fcrlichen Gesetz folgten. Zur Versorgung erhielt er ein Kanonikat am adeligen Domstift Eichst\u00e4tt, welches der Papst bei der Universit\u00e4tsgr\u00fcndung f\u00fcr den Unterhalt eines Theologieprofessors zugestanden hatte. Au\u00dferdem wurden ihm sp\u00e4ter zun\u00e4chst die Ingolst\u00e4dter Pfarrei St. Moritz (1519-1525) und dann die Pfarrei Unsere Liebe Frau (1525-1532, 1538-1540) \u00fcbertragen, wo er sich durch eifriges Predigen hervortat.<\/p>\n<p>Im Jahr 1511 wurde Johannes Eck zum Dekan der theologischen Fakult\u00e4t gew\u00e4hlt. Der Eichst\u00e4tter Bischof Gabriel von Eyb (1496-1535) \u00fcbertrug ihm in seiner Eigenschaft als Kanzler der Universit\u00e4t 1512 das Amt des Vizekanzlers, das er 30 Jahre aus\u00fcben sollte. In diesem Jahr hielt Eck eine Vorlesung \u00fcber Gnade und Pr\u00e4destination in Anlehnung an Duns Scotus und die \u00e4ltere Franziskanerschule, die er 1514 unter dem Titel \u201eChrysopassus\u201c ver\u00f6ffentlichte. Dabei ging es ihm um das Problem, ob die Menschen durch Gott f\u00fcr Himmel oder H\u00f6lle pr\u00e4destiniert w\u00fcrden oder ob die Pr\u00e4destinierten daf\u00fcr durch ihre Handlungen selbst verantwortlich seien. Damit steht die Frage um die Rechtfertigung und um das Heil im Mittelpunkt. Eck pl\u00e4dierte f\u00fcr die uneingeschr\u00e4nkte Freiheit und Gerechtigkeit Gottes: \u201eGott bestimmt diejenigen zum Heil, von denen er voraussieht, dass sie mit der Gnade mitwirken und in ihr bis zum Lebensende beharren\u201c. Damit vertrat er eine Position, die auch die sp\u00e4teren Reformatoren nicht ablehnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Lob der Universit\u00e4t Ingolstadt<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dem jungen Professor gefiel es offenbar sehr gut in Bayern und besonders in Ingolstadt. In den \u201eChrysopassus\u201c integrierte er in seinem Widmungsbrief an die bayerischen Herz\u00f6ge ein Loblied auf das Land und die Stadt, das wir hier in deutscher \u00dcbersetzung zitieren: \u201eDas herzogliche Territorium selbst steht in h\u00f6chster Bl\u00fcte, bew\u00e4ssert von sehr bemerkenswerten Fl\u00fcssen. Bayern durchstr\u00f6men n\u00e4mlich die Isar, die Vils, der Inn, die Salzach, der Lech und die Donau, der gr\u00f6\u00dfte aller Fl\u00fcsse Europas. Wenn auch der klassische Autor STRABO Noricum eine Ein\u00f6de genannt hat, so widerspreche ich nicht seiner Meinung, dass es zu seiner Zeit so gewesen sein kann. Dennoch war Noricum sehr kultiviert, wie AENEAS SYLVIUS schreibt, und besitzt gro\u00dfe und aufstrebende St\u00e4dte und Adelssitze; wir kennen in ganz Europa keine, die sie an Glanz \u00fcbertreffen k\u00f6nnten. Bayern besitzt fruchtbaren Ackerboden, der an den Abh\u00e4ngen der Donau auch Wein wachsen l\u00e4sst; es hat Vieh in H\u00fclle und F\u00fclle, ist \u00fcberreich an Salz und Eisen, G\u00fcter, die nach ganz Deutschland, B\u00f6hmen und Ungarn ausgeliefert werden. Hoch ist die Einwohnerzahl, man treibt regen Handel, wird durch starke wehrhafte Burgen gesch\u00fctzt und pr\u00e4chtige mit gro\u00dfem Aufwand errichtete Kirchen bilden eine edle Zierde f\u00fcr ihr Land.<\/p>\n<p>Und damit dem ber\u00fchmten Herzogtum Bayern nicht irgendetwas fehle, meinten die erlauchten Herz\u00f6ge in kluger Voraussicht, einem jeden guten F\u00fcrsten gereiche es zum Ruhm, eine Universit\u00e4t zu haben, und zwar in der bl\u00fchenden Stadt Ingolstadt mit ihrer milden Luft, ihrer lieblichen Lage, die alles im \u00dcberfluss besa\u00df, was zum Studieren n\u00f6tig ist: und so errichteten sie an den Ufern der fischreichen Donau eine Hochschule, wohin aus allen Teilen Deutschlands die Studenten zum Studium der Artes und der guten Sitten und um die Sch\u00e4tze des Wissens in sich aufzunehmen, begierig str\u00f6men sollten. Und da es ein Merkmal eines bl\u00fchenden Gemeinwesens ist, wie SYMMACHUS sagt, die Lehrer der Wissenschaften mit \u00fcppigem Gehalt auszustatten, haben die freigebigen F\u00fcrsten f\u00fcr die Doktoren der himmlischen und der irdischen Weisheit durch sehr reiche Dotationen aus ihrem Grundbesitz f\u00fcr \u00e4u\u00dferst gro\u00dfz\u00fcgige Entlohnung \u00fcberreich und freigebig gesorgt. So entstand unsere so bl\u00fchende und ruhmvolle Hochschule mit der vielseitigen Gelehrsamkeit ihrer in allen Wissenschaften beschlagenen Professoren, um mit allen \u00fcbrigen Hochschulen in Deutschland um den Vorrang zu streiten und hinter keiner zur\u00fcckzustehen.\u201c<\/p>\n<p>In dieser fr\u00fchen Phase des Wirkens Ecks in Ingolstadt setzte eine Universit\u00e4tsreform ein, f\u00fcr die sich besonders der Rat Herzog Wilhelms IV. von Bayern, Dr. Leonhard von Eck (1480-1550), engagierte. Dieser einflussreiche, aus dem bayerischen Beamtenadel stammende Jurist leitete die bayerische Politik nahezu w\u00e4hrend der gesamten Regierungszeit Herzog Wilhelm IV. (1508-1549), darf aber nicht mit dem mit ihm nicht verwandten Johannes Eck verwechselt werden. Die Inhalte der Lehre wurden mit einer Erneuerung der Scholastik reformiert, in formaler Hinsicht wurden nun die durch den Buchdruck erm\u00f6glichten modernen Lehrmethoden ber\u00fccksichtigt. Dies bedeutete eine Abwendung von der reinen Vorlesung hin zu Lekt\u00fcrekursen. Professor Johannes Eck wurde beauftragt, f\u00fcr die Artistenfakult\u00e4t geeignete Texte herauszugeben und knapp zu erl\u00e4utern. Deshalb verfasste er Kommentare zur Logik des Petrus Hispanus und zu den Hauptwerken des Aristoteles. Er setzte sich aber auch mit der Schrift und mit den Schriften des Augustinus und verschiedener Neuplatoniker auseinander. So konnte er einen Mittelweg zwischen \u201evia antiqua\u201c und \u201evia moderna\u201c entwickeln. Vom Jahresende 1519 bis 1521 nahm er den ber\u00fchmten Humanisten und Hebraisten Johannes Reuchlin (1455-1522) in Ingolstadt auf, der dort eine Professur f\u00fcr Hebr\u00e4isch erhielt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Beginn der Auseinandersetzung mit Martin Luther<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Johannes Eck war ein bedeutender und geachteter Wissenschaftler, der mit den Augsburger und N\u00fcrnberger Humanisten in gelehrtem Austausch stand. Auf die Vermittlung des N\u00fcrnberger Ratskonsulenten Christoph Scheurl stand Eck zun\u00e4chst in Briefkontakt mit dem Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther. Allerdings brach der Konflikt nach der Verk\u00fcndigung von dessen Ablassthesen im Oktober 1517 auf, die ihm dieser zugesandt hatte. Eck verfasste auf den Wunsch des Eichst\u00e4tter Bischofs Gabriel von Eyb nur f\u00fcr diesen pers\u00f6nlich bestimmte Anmerkungen zu 18 kritisierten Thesen Luthers. Diese spielte der Cousin des Bischofs und Augsburger sowie Eichst\u00e4tter Domherr Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden (1459-1523) Luther zu, der die Anmerkungen sehr unfreundlich aufnahm. Er reagierte mit den teils grobianischen \u201eAsterisci Lutheri adversus obelisci Ecii\u201c. Diese lie\u00df er Eck zukommen, den er dabei pers\u00f6nlich verunglimpfte. Schon hier ging es um die unterschiedliche Auffassung von der g\u00f6ttlichen Gnade.<\/p>\n<p>Jedenfalls setzte nun eine Auseinandersetzung ein, die f\u00fcr das weitere Leben Ecks und sein theologisches Schaffen bestimmend werden sollte. Ihren ersten H\u00f6hepunkt fand sie bei der Leipziger Disputation von 1519 (27. Juni bis 16. Juli). Zun\u00e4chst hatte Andreas Bodenstein genannt Karlstadt (1486-1541) \u00fcber 100 Thesen gegen Eck ver\u00f6ffentlicht, der darauf eine Disputation anregte, in deren Vorfeld weitere Thesen und Invektiven ausgetauscht wurden. Bei der \u00f6ffentlichen Disputation auf der Plei\u00dfenburg in Leipzig brachte Professor Eck Martin Luther dazu, den Primat des Papstes zu bestreiten, die Unfehlbarkeit der Konzilien anzuzweifeln und \u00fcberhaupt ein verbindliches kirchliches Lehramt zu leugnen. Eck zwang Luther zu dogmatischer Eindeutigkeit, der in der Folge das \u201eSola scriptura\u201c-Prinzip aufstellte. Damit hatte dieser die Bahn eines Kirchenreformers verlassen und trat f\u00fcr eine neue Struktur der Kirche ein. Eck interpretierte Luthers Anschauungen als Angriff auf die Einheit der Kirche. Dieser Sieg Ecks in Leipzig f\u00f6rderte nachhaltig den reformatorischen Kl\u00e4rungsprozess und wirkte somit f\u00fcr die Kirchenspaltung zumindest beschleunigend.<\/p>\n<p>In rascher Folge verfasste Eck nach Leipzig mehrere Schriften gegen Luther, konsequenterweise zun\u00e4chst eine Verteidigung des petrinischen Primats: \u201eDe primatu Petri adversus Ludderum\u201c, erschienen Ingolstadt 1520 und Paris 1521. Dabei st\u00fctzte er sich f\u00fcr seine Argumentation weniger auf die Werke der Scholastik als auf die Heilige Schrift, die Konzilien und die Kirchenv\u00e4ter. Er wollte den Schriftbeweis erbringen, dass Christus Petrus als seinen Stellvertreter und als Haupt der Kirche eingesetzt habe. Au\u00dferdem kritisierte er die Bisch\u00f6fe wegen ihrer mangelnden theologischen Bildung und Nachl\u00e4ssigkeit bei der Verteidigung des Glaubens, was zu seinem sp\u00e4ter teilweise gespannten Verh\u00e4ltnis zu den Reichsbisch\u00f6fen beigetragen haben mag.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1520 reiste Johannes Eck erstmals nach Rom, um die p\u00e4pstliche Kurie \u00fcber die aktuellen Entwicklungen in Deutschland zu informieren und wohl auch auf ein sch\u00e4rferes Vorgehen gegen die Wittenberger zu dringen. Dabei \u00fcberreichte er Papst Leo X. (reg. 1513-1521) das Manuskript seines Werkes \u201eDe Primatu Petri\u201c. Der Papst hatte bereits Kommissionen eingesetzt, um die Irrt\u00fcmer und H\u00e4resien in Luthers Schriften aufzudecken. Ende April wurde Eck in eine Kommission mit zwei Kardin\u00e4len und Theologen berufen, welche die Bulle gegen die Thesen Luthers vorbereiten sollte. Dazu war er durch seine Sachkenntnis qualifiziert und wirkte deshalb auch ma\u00dfgeblich an der Abfassung des Textes mit.<\/p>\n<p>Von Rom kam Eck mit der p\u00e4pstlichen Bulle \u201eExsurge Domine\u201c vom 15. Juni 1520 zur\u00fcck. Der Papst hatte ihm gemeinsam mit Hieronymus Aleander (1480-1542) die Aufgabe \u00fcbertragen, f\u00fcr ihre Publikation in Deutschland zu sorgen. Eck und Aleander erhielten die Erlaubnis, die Namen weiterer Personen in die Bannandrohungsbulle aufzunehmen. Eck lie\u00df mit den N\u00fcrnberger Humanisten Lazarus Spengler (1479-1534) und Willibald Pirckheimer sowie mit dem Domherrn Bernhard Adelmann pers\u00f6nliche Gegner mit dem Bann bedrohen. Die Publikation der Bulle gestaltete sich allerdings als sehr schwierig. Die meisten Reichsbisch\u00f6fe verweigerten zun\u00e4chst die Ver\u00f6ffentlichung der Bannandrohung, weil sie dadurch wie etwa der Freisinger Bischof Aufruhr und Emp\u00f6rung bef\u00fcrchteten. Auch der Eichst\u00e4tter Bischof beklagte sich \u00fcber das kompromisslose Vorgehens Ecks und dessen m\u00f6gliche Folgen f\u00fcr die Reichskirche. Gabriel von Eyb lie\u00df aber doch unter dem Einfluss Ecks die Bannbulle als erster deutscher Bischof in der Universit\u00e4t Ingolstadt verk\u00fcnden, erst im folgenden Jahr auch in allen Pfarreien der Di\u00f6zese. Eck forderte den zun\u00e4chst z\u00f6gernden Senat der Universit\u00e4t zur Publikation der Bulle auf. Tats\u00e4chlich wurde sie am 29. Oktober 1520 im Gro\u00dfen Saal vor der versammelten Universit\u00e4t auf Anordnung von Eck und nach einer Einleitung des Kirchenrechtlers Georg Hauer (um 1484-1536) laut durch einen Notar verlesen. Im Anschluss lie\u00df sie Eck noch in seiner Pfarrkirche St. Moriz verk\u00fcnden, Georg Hauer verlas sie in seiner Pfarrkirche \u201eUnserer Lieben Frau\u201c. Dabei hat es auch in Ingolstadt durchaus Sympathien f\u00fcr die Reformation gegeben. Das z\u00f6gernde Vorgehen der Reichsbisch\u00f6fe lie\u00df Eck st\u00e4rker auf die Politik setzen, f\u00fcr ihn bedeutete nun \u201edie St\u00e4rkung der Kirchenhoheit der Herz\u00f6ge von Bayern \u2026 eine Sicherung gegen die Unzuverl\u00e4ssigkeit des Episkopates.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die bayerische Kirchenpolitik<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch in Bayern traten Sympathisanten Martin Luthers und evangelische Gl\u00e4ubige auf. Die bayerischen Herz\u00f6ge reagierten zun\u00e4chst z\u00f6gernd, weil sie in Luther anf\u00e4nglich den Kirchenreformer sahen. Am 11. M\u00e4rz 1521 wandte sich Herzog Wilhelm IV. an die bayerischen Bisch\u00f6fe, wegen der bevorstehenden Verhandlungen mit Luther in Worms gegen dessen Anschauungen nicht weiter vorzugehen \u2013 \u201edas si &#8230; auf den canzlen mit predigen &#8230; Lutters schriften und puechlein halber gemach thuen\u201c. Der Herzog wollte auch Eck beeinflussen, die Ver\u00f6ffentlichung der Bulle \u201eExsurge Domine\u201c auszusetzen, der sich dagegen aber auf den p\u00e4pstlichen Willen berief. Eck bem\u00fchte sich, auch den neugew\u00e4hlten Kaiser Karl V. (1519-1556, \u20201558) zum Einschreiten gegen Luther zu ermahnen. Tats\u00e4chlich wurden die Lehren Luthers auf dem Wormser Reichstag 1521 verurteilt und mit dem Wormser Edikt vom 8. Mai die Reichsacht \u00fcber ihn verh\u00e4ngt und die Verbreitung seiner Schriften verboten.<\/p>\n<p>Auf der Gr\u00fcnwalder Konferenz vom 10. Februar 1522 einigten sich die bayerischen Herz\u00f6ge Wilhelm IV. und Ludwig X. (1514-1545) auf die Grundlinien ihrer Religionspolitik: Ablehnung der Reformation Luthers bei gleichzeitiger Umsetzung eines Reformprogramms mit staatskirchlichen Mitteln und die Forderung zur Einberufung eines geistlichen Reformkonvents. Auch Johannes Eck bem\u00fchte sich, in Bayern die Wormser Beschl\u00fcsse konsequent umzusetzen. Im Februar 1522 besprach er sich dar\u00fcber mit den Ingolst\u00e4dter Kollegen, namentlich dem Juristen Franz Burckhard (1482-1539) und dem Kanonisten Georg Hauer, die sich mit diesem Anliegen an den einflussreichen herzoglichen Rat Leonhard von Eck wandten. Damit regten sie den Erlass des ersten bayerischen Religionsmandats von 1522 an, das sich auf die Bulle \u201eExsurge Domine\u201c und das Wormser Edikt st\u00fctzte. Leonhard von Eck hatte den Text aufgrund ihrer Vorarbeiten entworfen. Da eine Reihe der von Luther vertretenen theologischen Positionen von Papst und Kardin\u00e4len verworfen worden sei und sein Wirken, besonders die beliebige Auslegung des Evangeliums, zur Zerr\u00fcttung von g\u00f6ttlicher und menschlicher Ordnung f\u00fchre, forderten die Herz\u00f6ge die Untertanen zum Festhalten am alten Glauben auf. Seitdem unterdr\u00fcckten sie die Verbreitung der Anschauungen Luthers wie die Gemeindebildung seiner Anh\u00e4nger in Bayern. Politische Gesichtspunkte spielten eine Rolle, die Wahrung der landesf\u00fcrstlichen Hoheit nach innen gegen\u00fcber dem Adel wie die Anlehnung an die kaiserliche Religionspolitik, aber auch die individuelle Glaubens\u00fcberzeugung.<\/p>\n<p>Die Verbindung staatlichen Glaubenszwanges mit obrigkeitlichen Reformma\u00dfnahmen blieb konstitutiv f\u00fcr die Geschichte Bayerns im konfessionellen Zeitalter. Ende Mai 1522 wurde in der salzburgischen Exklave M\u00fchldorf am Inn ein Reformkonvent f\u00fcr die Kirchenprovinz abgehalten. Die Synode beschloss neben einer Generalvisitation das Einschreiten gegen h\u00e4retische Geistliche und lutherische Druckereien. Die bayerischen Herz\u00f6ge beschritten den Weg der engen Zusammenarbeit mit dem Papsttum, um so einen Ausbau ihrer Kirchenhoheitsrechte zu erreichen. Eck verhandelte in ihrem Auftrag bei seinem dritten Romaufenthalt vom M\u00e4rz bis Dezember 1523 mit den P\u00e4psten Hadrian VI. (1522-1523) und Clemens VII. (1523-1534). Er hatte zw\u00f6lf Denkschriften zur Kirchenreform verfasst, in denen er sich mit Kritik an der Kurie nicht zur\u00fcckhielt und Fehlentwicklungen im Ablass- und Benefizienwesen brandmarkte. Dabei betonte er, dass eine blo\u00dfe Bek\u00e4mpfung der Reformatoren wirkungslos bliebe, wenn diese nicht mit der inneren Reform der Kirche verbunden w\u00fcrde. Deshalb entwickelte er ein positives Reformprogramm f\u00fcr die Kirche. Eck unterstrich, dass sich die F\u00fcrsten von Bayern immer so katholisch verhalten h\u00e4tten wie kein Bischof dieser Kirchenprovinz. F\u00fcr seine Auftraggeber wirkte er erfolgreich an der Kurie, so erhielt er mehrere eintr\u00e4gliche Privilegien f\u00fcr Bayern: die Erhebung einer \u201eT\u00fcrkenquint\u201c (ein F\u00fcnftel der geistlichen Eink\u00fcnfte), die Aus\u00fcbung der Strafgerichtsbarkeit \u00fcber den Klerus und die Nominationsrechte f\u00fcr eine Vielzahl von Pfr\u00fcnden. Au\u00dferdem verbesserte der Papst die finanzielle Ausstattung der Universit\u00e4t Ingolstadt. Eck hatte f\u00fcr sie das Recht erwirkt, Theologieprofessuren auf jeweils ein Kanonikat der bayerischen Domkapitel mit Ausnahme Salzburgs zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Die Festlegung Bayerns auf die Bewahrung des katholischen Glaubens wurde zunehmend zum Movens der gesamten Politik. Im Zusammenhang mit der Reformpolitik sind repressive und konstruktive Ma\u00dfnahmen zu unterscheiden. Erstere beruhten vor allem auf dem zweiten Religionsmandat vom 2. Oktober 1524, das durch das Anwachsen der evangelischen Bewegung im Herzogtum ausgel\u00f6st wurde. Die verurteilten Lehren und das strafw\u00fcrdige Verhalten waren hier festgehalten, eine Zensur f\u00fcr alle Druckwerke wurde eingef\u00fchrt und die R\u00fcckkehr der bayerischen Studenten aus Wittenberg angeordnet. Au\u00dferdem wurden zur Kontrolle seit 1524 periodische Visitationen durchgef\u00fchrt. Nach 1524 versch\u00e4rfte sich das Vorgehen, 1527 kam es in Bayern sogar zu drei Hinrichtungen, dann konzentrierte sich die Verfolgung auf die Wiedert\u00e4ufer. Das harte Vorgehen gegen diese, das etwa 80 bis 100 Todesopfer forderte, hatte mit der Angst der Regierung vor dem Bauernkrieg vergleichbaren sozialen Unruhen zu tun, die man im Keim ersticken wollte. Auch Johannes Eck zeigte Angst vor einem Aufruhr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Bedeutung Ecks f\u00fcr die Festigung der katholischen Theologie<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf katholischer Seite bem\u00fchte sich eine Reihe von Theologen, die kirchliche Lehre in apologetischen Werken gegen die Angriffe Martin Luthers zu verteidigen. Sie mussten berechtigte Anliegen der Reformatoren aufnehmen, Irrt\u00fcmer aufzeigen und eine eigenst\u00e4ndige Darstellung der katholischen Positionen erarbeiten. Viele Gelehrte, die sich in den Dienst der Verteidigung des katholischen Glaubens stellten, waren aber keine Theologen, sondern Humanisten oder praktische Seelsorger. Johannes Eck vereinigte alle diese Eigenschaften, er war sowohl ein profilierter und humanistisch gebildeter Theologe wie auch ein erfahrener Seelsorger von gro\u00dfer Arbeitskraft. Dies qualifizierte ihn zur Abfassung kontroverstheologischer Schriften. So verfasste er mit dem \u201eEnchiridion locorum communium adversus Lutherum\u201c, das 121 Auflagen und \u00dcbersetzungen erfuhr, das am weitesten verbreitete Werk der katholischen Theologie des 16. Jahrhunderts. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung mit Luther steht die Lehre von der Kirche. Eck stellte dazu Schrift- und V\u00e4terbeweise gegen die Einw\u00e4nde der Reformatoren zusammen.<\/p>\n<p>Johannes Eck gewann nun verst\u00e4rkt internationale Bedeutung \u00fcber das Reich hinaus. Im August 1525 wurde er in England von K\u00f6nig Heinrich VIII. (reg. 1509-1547) ehrenvoll empfangen, dem er bei dieser Gelegenheit das diesem gewidmete \u201eEnchiridion locorum communium\u201c \u00fcberreichte. Im folgenden Jahr verfasste Eck eine Verteidigung des Messopfers \u201eDe sacrificio Missae\u201c, Augsburg 1526, doch musste er die Druckkosten selbst bezuschussen.<\/p>\n<p>Von gro\u00dfer Bedeutung wurde Ecks Wirken auf dem Augsburger Reichstag 1530. Im Vorfeld hatten die bayerischen Herz\u00f6ge die Universit\u00e4t Ingolstadt aufgefordert, eine Liste der verschiedenen protestantischen H\u00e4resien aufzustellen. Eck trug darauf rasch einen allerdings wenig systematischen Katalog der Irrt\u00fcmer der Lutheraner, Zwinglianer und Schw\u00e4rmer in 404 Artikeln zusammen. Seine Absicht war dabei, die Protestanten insgesamt als H\u00e4retiker und als Einheit darzustellen und dadurch ihren obrigkeitsfeindlichen Charakter zu betonen. Darauf formulierte Philipp Melanchthon (1597-1560) die evangelische Gegenposition und stimmte diese mit Martin Luther ab. Das Augsburger Bekenntnis legt in 28 Artikeln das protestantische Glaubensverst\u00e4ndnis dar. Als Zeichen der kirchlichen Einheit postuliert sie die \u00dcbereinstimmung in zentralen Punkten der Lehre des Evangeliums, w\u00e4hrend bei den kirchlichen Br\u00e4uchen, wozu die Sakramentenspendung gerechnet wird, Vielfalt walten k\u00f6nne. Darauf erarbeitete eine katholische Theologenkommission unter dem ehemaligen Konstanzer Generalvikar Johann Fabri (1478-1541) und gest\u00fctzt auf die Vorarbeiten Ecks eine ausf\u00fchrliche Gegendarstellung. Diese \u201eCatholica Responsio\u201c war allerdings f\u00fcr den Kaiser und die Mehrheit der Reichsst\u00e4nde zu polemisch und zu lang geraten, sodass die katholischen Theologen nunmehr unter der Leitung Ecks einen knapperen Text erstellen mussten. Die wesentlich von Eck verfasste Wiederlegung argumentiert auf der Basis der Schrift und bem\u00fcht sich um die Aufzeigung von Gemeinsamkeiten mit den Reformatoren, weist aber auch auf deren Defizite etwa hinsichtlich der Sakramenten- und der Rechtfertigungslehre hin. W\u00e4hrend sich die Parteien \u00fcber die Lehrartikel teilweise einigen konnten, dauerte der Streit \u00fcber Laienkelch, Z\u00f6libat und Ordensgel\u00fcbde an. Als die Protestanten aber ihre Annahme ablehnten, war der Versuch gescheitert, mit einer kaiserlichen Entscheidung die Glaubensfrage zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nachdem beim Augsburger Reichstag von 1530 die bekenntnism\u00e4\u00dfigen Unterschiede der Konfessionen festgeschrieben worden waren, erlie\u00dfen die bayerischen Herz\u00f6ge am 19. Mai 1531 ein drittes Religionsmandat, mit dem der Augsburger Reichsabschied umgesetzt wurde. Damit wurde die Religionsaus\u00fcbung aus altgl\u00e4ubiger Sicht definiert. Alle von der \u00fcberlieferten katholischen Lehre abweichenden Thesen wurden verboten, gleichzeitig aber auch die Abstellung von Missbr\u00e4uchen in der Kirche angeordnet.<\/p>\n<p>Professor Eck beteiligte sich weiterhin an den zeitgen\u00f6ssischen Religionsgespr\u00e4chen, so nahm er an den Hagenauer (1540), Wormser (1540\/41) und Regensburger Diskussionen (1541) teil. Auch die bayerischen Herz\u00f6ge waren teilweise pers\u00f6nlich anwesend. Hier verfochten sie wieder einen harten Kurs, der Kompromisse mit den Protestanten ablehnte. Sie forderten den Zusammenhalt der Katholiken und die Einberufung eines allgemeinen Konzils. Zusammenfassen l\u00e4sst sich diese Haltung in einem Ausschnitt ihrer Instruktion f\u00fcr die Gesandten zum Wormser Religionsgespr\u00e4ch, an deren Spitze Protonotar Johannes Eck stand: \u201eund sonderlich das unser heiliger glaub in den g\u00f6tlichn und heiligen geschrifften, dergleichen durch die heiligen concilien und der allten cristlichen lerer ausslegung dermassen gegrundt, das von unn\u00f6ten ist denselben in weitern zweifl und disputation zu stellen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ausklang und Neuanfang<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seiner gesamten Zeit als Professor in Ingolstadt hatte Johannes Eck die dortige Theologische Fakult\u00e4t entscheidend gepr\u00e4gt und ihr Gewicht verliehen. Am 10. Februar 1543 starb Johannes Eck in Ingolstadt, wo er im Liebfrauenm\u00fcnster beigesetzt wurde. Mit den Worten von Rainer A. M\u00fcller hatte sich die Universit\u00e4t Ingolstadt in seiner \u00c4gide zur Vork\u00e4mpferin des Katholizismus und zum Antipoden Wittenbergs entwickelt: \u201eDie Alma mater war gleichsam wissenschaftlich-theologischer Exponent der bayerischen Kirchenpolitik.\u201c Diese Bedeutung wird auch dadurch unterstrichen, dass nach seinem Tode \u201edie einstmals im ganzen Reich ber\u00fchmte theologische Fakult\u00e4t von Ingolstadt nur mehr ein Schatten ihrer selbst\u201c war. Erst mit der Berufung der ersten Jesuiten 1549, der Stiftung eines Kollegs 1556 und schlie\u00dflich der dauerhaften \u00dcbernahme der theologischen Lehrst\u00fchle erhielt die Universit\u00e4t wieder Bedeutung und entwickelte sich zu dem wohl wichtigsten Zentrum der katholischen Reform weit \u00fcber die bayerischen Grenzen hinaus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gedenken an Johannes Eck &nbsp; Wenn man von der bayerischen Landesuniversit\u00e4t Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation spricht, dann meint man damit gleichzeitig das Wirken des Theologen Johannes Eck, der zeitweilig als einziger Professor an der Theologischen Fakult\u00e4t t\u00e4tig war. 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