{"id":117951,"date":"2026-01-19T11:40:10","date_gmt":"2026-01-19T10:40:10","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117951"},"modified":"2026-01-19T11:40:13","modified_gmt":"2026-01-19T10:40:13","slug":"als-christ-und-theologe-im-deutschen-ethikrat-ein-fallbeispiel-fuer-christliches-engagement-in-der-politik","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/als-christ-und-theologe-im-deutschen-ethikrat-ein-fallbeispiel-fuer-christliches-engagement-in-der-politik\/","title":{"rendered":"Als Christ und Theologe im Deutschen Ethikrat"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Politik ist in einer Demokratie die gemeinsame Gestaltung des \u00f6ffentlichen Raumes unter Beteiligung m\u00f6glichst vieler B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Zum \u00f6ffentlichen Raum z\u00e4hlen nicht nur Parlamente, sondern das, was wir heute auch als zivile \u00d6ffentlichkeit nennen. Dort wird \u00fcber die wichtigsten Fragen \u00f6ffentlich r\u00e4soniert, die die unser Leben ber\u00fchren \u2013 seien dies die normativen Grundlagen unseres Zusammenlebens oder seien es strittige Details, deren Kl\u00e4rung einer behutsamen Diskussion und Gewichtung von Pro und Contra bedarf. Und damit zeigt sich, dass Akteure der Politik auch in einer repr\u00e4sentativen Demokratie nicht nur die Mitglieder von Parlamenten oder von Regierungen mit ihren nachgelagerten \u00d6ffentlichen Verwaltungen (sozusagen als der \u201earbeitende Staat\u201c) sind. Akteure der Politik sind alle, die sich an der \u00f6ffentlichen Aushandlung und Entscheidungsfindung politischer Fragen beteiligen \u2013 in welcher Weise auch immer.<\/p>\n<p>Eine herausgehobene Weise, sich an der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zu beteiligen, ist die Mitwirkung in f\u00f6rmlich etablierten Gremien, die die politischen Mandatstr\u00e4ger und Mandatstr\u00e4gerinnen beraten und dar\u00fcber hinaus zur \u00f6ffentlichen Diskussion beitragen. Der Deutsche Ethikrat ist ein solches Gremium, der sich durch seine ausf\u00fchrlichen Stellungnahmen an der politischen Diskussion ebenso beteiligt wie durch seine Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themen aus dem Bereich der Lebenswissenschaften. Genauer: Der Deutsche Ethikrat wird beteiligt. Denn er hat sich nicht selbst eingesetzt. Sondern er arbeitet auf der Grundlage eines Bundesgesetzes, das der Deutsche Bundestag 2008 beschlossen und ihm einen f\u00f6rmlichen Auftrag erteilt hat. Dazu hei\u00dft es in \u00a7 2 des Ethikrat-Gesetzes: \u201eDer Deutsche Ethikrat verfolgt die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen f\u00fcr Individuum und Gesellschaft, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben. Zu seinen Aufgaben geh\u00f6ren insbesondere:<\/p>\n<ul>\n<li>Information der \u00d6ffentlichkeit und F\u00f6rderung der Diskussion in der Gesellschaft unter Einbeziehung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen;<\/li>\n<li>Erarbeitung von Stellungnahmen sowie von Empfehlungen f\u00fcr politisches und gesetzgeberisches Handeln;<\/li>\n<li>Zusammenarbeit mit nationalen Ethikr\u00e4ten und vergleichbaren Einrichtungen anderer Staaten und internationaler Organisationen.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p>Um diese durchaus anspruchsvolle Beratungsaufgabe erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, muss eine sowohl in fachlicher wie in ethischer Hinsicht breite Expertise zusammenbinden. Deshalb legt das Ethikrat-Gesetz bez\u00fcglich der Zusammensetzung in \u00a7 4 weiter fest: \u201e(1) Der Deutsche Ethikrat besteht aus 26 Mitgliedern, die naturwissenschaftliche, medizinische, theologische, philosophische, ethische, soziale, \u00f6konomische und rechtliche Belange in besonderer Weise repr\u00e4sentieren. Zu seinen Mitgliedern geh\u00f6ren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den genannten Wissenschaftsgebieten; dar\u00fcber hinaus geh\u00f6ren ihm anerkannte Personen an, die in besonderer Weise mit ethischen Fragen der Lebenswissenschaften vertraut sind.<\/p>\n<p>(2) Im Deutschen Ethikrat sollen unterschiedliche ethische Ans\u00e4tze und ein plurales Meinungsspektrum vertreten sein.\u201c<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage bin ich \u2013 zusammen mit 12 weiteren neuen Mitgliedern \u2013 im Fr\u00fchjahr 2016 auf Vorschlag der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion vom Deutschen Bundestag in den Deutschen Ethikrat gew\u00e4hlt worden. Die dreizehn anderen Mitglieder werden direkt von der Bundesregierung benannt. Ich bin einer der vier Theologen (zwei evangelische, zwei katholische), die die Theologie analog zur Philosophie oder Medizin als Disziplin in die Beratungen einbringen sollen. Zwar ist die formale Legitimation meiner Mitwirkung unstrittig: Die Theologie ist im Ethikrat-Gesetz ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnt (vgl. \u00a7 4), und der Bundestag hat mich wie alle weiteren durch seine Wahl mandatiert. Gleichwohl stellen sich viele die Frage, warum \u00fcberhaupt noch die Theologie \u2013 gemeint ist hier vor allem die christliche Theologie \u2013 in einem solchen offiziellen Gremium von Bundestag und Bundesregierung vertreten sein soll. Immer wieder wird mir die Frage gestellt: Was hat \u00fcberhaupt ein Theologe im Deutschen Ethikrat zu suchen? Ist das angesichts des Bedeutungsverlustes der Kirchen, mehr noch, in einer pluralen Gesellschaft und einem s\u00e4kularen Staat nicht anachronistisch?<\/p>\n<p>Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich einfach: Weil es dem Selbstverst\u00e4ndnis einer demokratisch verfassten \u00d6ffentlichkeit, als deren Teil der Deutsche Ethikrat sich begreift, und dem Selbstverst\u00e4ndnis einer katholischen Theologie entspricht. Beides passt sachlich zusammen. Da allerdings diese knappe Antwort nur wenigen sofort einleuchtet, will ich sie im Folgenden ausf\u00fchrlicher erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst sei nochmals an das Selbstverst\u00e4ndnis des Deutschen Ethikrates erinnert: Obwohl er vom Bundestag eingerichtet und damit rechtsf\u00f6rmlich wie finanziell an ihn angebunden ist, ist er nicht Teil der parlamentarischen Legislative oder der regierungsgebunden Exekutive. Beide Seiten sind frei: Die Mitglieder des Ethikrat unterliegen ausdr\u00fccklich keiner Weisungsbindung, und auch Bundestag und Bundesregierung sind v\u00f6llig frei, den Empfehlungen des Ethikrates zu folgen oder nicht. Deshalb ist der Ethikrat faktisch eher Teil der Zivilgesellschaft. Er ist n\u00e4mlich ein exponierter Ort politisch-r\u00e4sonierender \u00d6ffentlichkeit und tr\u00e4gt durch seine interdisziplin\u00e4re Expertise zur Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in strittigen Detailfragen humaner Lebensf\u00fchrung bei. Damit beteiligt er sich an der Selbstverst\u00e4ndigung \u00fcber jene normativen Grundlagen, die f\u00fcr friedvolles Zusammenleben in einer plural verfassten Gesellschaft unverzichtbar sind. Zivile Gesellschaften sind auf die Vielstimmigkeit \u00f6ffentlicher R\u00e4sonnements angewiesen. Zugleich m\u00fcssen sie in einer demokratischen Gesellschaft bestimmte Spielregeln voraussetzen. Zu ihnen z\u00e4hlen etwa der bedingungslose Respekt vor der politischen und moralischen Autonomie der Anderen oder der Verzicht auf jede Form autorit\u00e4rer Durchsetzung der eigenen Auffassung. Eine zivile Gesellschaft vertraut stattdessen auf jenen, wie es J\u00fcrgen Habermas es pr\u00e4gnant formuliert, \u201ezwanglosen Zwang\u201c, der dem besseren, weil plausibleren, stichhaltigeren und \u00fcberzeugenderen Argument zur \u00f6ffentlich geteilten Geltung verhilft.<\/p>\n<p>Und da kann ich mich als katholischer Moraltheologe in guter Gesellschaft wissen. Denn die theologische Ethik teilt diese Voraussetzungen \u2013 und zwar auf der Basis ihres eigenen Selbstverst\u00e4ndnisses. K\u00f6nnte sie dies grunds\u00e4tzlich nicht oder w\u00fcrde sie andere Positionen lediglich im Sinne einer \u201eErlaubens- und Duldungstoleranz\u201c, wie es Rainer Forst es j\u00fcngst formulierte, zulassen, dann m\u00fcsste sie in unserer demokratischen Gesellschaft letztlich des Spielfeldes politisch-r\u00e4sonierender \u00d6ffentlichkeit verwiesen werden.<\/p>\n<p>Nun, theologische Ethik verstehe ich als \u201aAuslegung des Glaubens in den Reflexionsfiguren der Ethik\u2018. Ethische Reflexionsfiguren erfassen die ganze Breite unseres moralischen Handelns. Die Beantwortung der Frage \u201eWas soll ich\/sollen wir tun\u201c (Kant) f\u00fchrt zu fundamentalen Fragen etwa des freien Willens, der Handlungstheorie, der Genese und Geltung moralischen Orientierungswissens usw. Und sie f\u00fchrt zu den Fragen angewandter bereichsspezifischer Ethik (Medizin-, Rechts-, Sozial-, Umweltethik) bis zu den Fragen geltungslogischer wie existentieller Letztbegr\u00fcndung: Warum \u00fcberhaupt moralisch sein in einer Welt, in der Moralit\u00e4t zu leben mitunter eher gef\u00e4hrlich werden denn f\u00f6rderlich sein kann?<\/p>\n<p>Auf diese letzte Frage wird die theologische Ethik den christlichen Glauben beispielweise dahingehend ausgelegen k\u00f6nnen, dass das hoffende Vertrauen in die rettend-befreiende Wirklichkeit, die Christinnen und Christen als den Gott Sarahs und Abrahams und den Gott Jesu Christi bekennen, zu einer spezifisch innovatorischen Lebensform ermutigen kann \u2013 n\u00e4mlich das eigentlich Vernunftgebotene gegen die faktische \u00dcbermacht einer zu Teilen bornierten Unvernunft menschlicher Lebenswelt zu praktizieren und darin eingew\u00f6hnte Handlungsblockaden und machtf\u00f6rmige Selbstbehauptungsstrategien zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit wird deutlich, dass sich die theologische Ethik von einer rein philosophisch argumentierenden Ethik zun\u00e4chst nur wenig unterscheidet. Denn im Zentrum ethischer Reflexionsfiguren stehen praktische Diskurse mit allen ihren Abw\u00e4gungs- und Begr\u00fcndungserfordernissen moralischer Handlungsorientierungen wie zum Beispiel Normen. Und hier f\u00fchrt die Auslegung des christlichen Glaubens zur theologisch zwingenden Einsicht: Theologisch-ethische Argumente sind Vernunftargumente oder sie sind eben keine Argumente. Ansonsten sind sie Einlassungen, die zwar das Sinn- und Orientierungspotential kirchlicher Erinnerungs- und Erz\u00e4hlgemeinschaften in den \u00f6ffentlichen Diskurs einzuspeisen sich m\u00fchen, deren Narrationen aber erst noch in vernunftgem\u00e4\u00dfe Argumentationen \u00fcbersetzt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Theologische Ethik ist hier ganz in der Spur philosophischer Ethik bzw. praktischer Philosophie. Sie teilt mit ihr alle Bem\u00fchungen und Kontroversen, die sich sachlich oder methodologisch ergeben: etwa wissenschaftlich redliche Antworten auf die Fragen \u201aWas will f\u00fcr mich gelten?\u2018, also die Frage nach dem pers\u00f6nlich guten Leben. Oder: \u201aWas darf f\u00fcr mich gelten?\u2018 also die Frage nach der Vereinbarkeit meines guten Lebens mit dem guten Leben aller anderen. Das sind Fragen nach der Gerechtigkeit. Oder auch \u201aWas muss f\u00fcr mich gelten?\u2018 als die Frage nach den negativen wie positiven Pflichten, die ich f\u00fcr das Wohlergehen anderer habe. Das ber\u00fchrt bekanntlich die Frage nach der Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellen sich an diesem Punkt viele die Frage, warum eine theologische Ethik aus theologischen Gr\u00fcnden eine Vernunftethik sein soll? Oder anders formuliert: Warum kann sie nicht einfach den Vorgaben der Bibel oder des kirchlichen Lehramts folgen, das um klare Ansagen doch in der Regel auch nicht verlegen ist?<\/p>\n<p>Das w\u00e4re vielleicht manchmal sehr bequem, aber da hat uns \u2013 wenn Sie mir die saloppe Formulierung erlauben \u2013 unser Herrgott bei der Erschaffung der Welt einen geh\u00f6rigen Strich durch die Rechnung gemacht. Nochmals ernster: Der Konzilstheologe Karl Rahner hat das Selbstverst\u00e4ndnis einer katholischen Moraltheologie sehr sch\u00f6n auf den Punkt gebracht, wenn er in seinem Grundkurs des Glaubens festh\u00e4lt: \u201eVon einer Katechismus-Theologie durchschnittlicher Art her k\u00f6nnte man meinen, das Christentum fange erst dort an, wo ganz bestimmte Normen sittlicher oder kultischer oder kirchengesellschaftlicher Art respektiert werden. So ist es aber nicht. Die eigentliche totale, umfassende Aufgabe des Christen als Christen ist die, ein Mensch zu sein, freilich mit jener g\u00f6ttlichen Tiefe, die ihm unausweichlich in seinem Dasein vorgegeben und er\u00f6ffnet ist. Und insofern ist eben das christliche Leben Annahme des menschlichen Daseins \u00fcberhaupt, im Gegensatz zu einem letzten Protest.\u201c<\/p>\n<p>Der Christ als Christ ist ganz Mensch und folgt infolgedessen dem, was ihn als Mensch im Bereich von Moral und Ethik auszeichnet. Und das ist sein Verm\u00f6gen zum Gebrauch seiner Vernunft. Insofern ist die theologische Ethik Vernunftethik. Als Vernunftethik gr\u00fcndet sie in einer Schl\u00fcsselkategorie, die wir mit Walter Kasper \u201etheonome Autonomie\u201c nennen. Autonomie steht in der moralphilosophischen Tradition Immanuel Kants im Verm\u00f6gen des Menschen, sich aus Einsicht der Vernunft an ein moralisches Gesetz (\u201anomos\u2018, etwa das des Kategorischen Imperativs) zu binden, das seinen Erkenntnisursprung bei ihm selbst (`autos`) hat. Theonom ist moralische Autonomie, weil es nach theologischer Auslegung der biblischen Anthropologie Gottes im Sch\u00f6pfungsakt dokumentierter unbedingter, also \u201agesetzgeberischer\u2018 Wille selber ist, dass wir uns als Menschen aus innerer Einsicht und vern\u00fcnftiger \u00dcberzeugung der moralischen Verbindlichkeiten unserer Lebensf\u00fchrung vergewissern. Daraus folgt: Das spezifisch Christliche moralischer Praxis besteht deshalb nicht in einer exklusiven Sondermoral, sondern in der Kommunikabilit\u00e4t vernunftgem\u00e4\u00dfer moralischer \u00dcberzeugungen, die deshalb prinzipiell alle verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das alles gilt, und dennoch ist die Theologie keinesfalls \u00fcberfl\u00fcssig, wenn gen\u00fcgend Philosophie getrieben wird. Denn als \u201aAuslegung des Glaubens\u2018 artikuliert theologische Ethik auch Selbstdeutungen menschlicher Existenz, die zum Kern biblischer Gottesrede geh\u00f6ren und deshalb etwa von der Philosophie nicht expliziert werden \u2013 jedenfalls nicht in der Weise, wie es die Theologie gleichsam aus der Binnenperspektive einer gl\u00e4ubigen Existenz zu tun vermag, weil sie selbst der rettenden Wirklichkeit dieses Gottes vertraut. Bezogen auf das Themenspektrum des Deutschen Ethikrates w\u00e4re beispielsweise zu nennen:<\/p>\n<p>Die radikale Differenz zwischen Sch\u00f6pfergott und Gesch\u00f6pf f\u00fchrt zur fundamentalen Gleichheit aller menschlichen Gesch\u00f6pfe \u2013 und zwar \u00fcber die ganze Spanne menschlichen Lebens, das sich als steter Prozess von Werden und Vergehen erweist und deshalb keinen Spielraum zul\u00e4sst f\u00fcr gradualistische Deutungen des Menschlichen in mehr- oder minderwertig. Dies hat unmittelbare Folgen f\u00fcr den Umgang mit Fragen des vorgeburtlichen Lebens, des Lebens mit Behinderungen, in Krankheit oder im Altern.<\/p>\n<p>Oder ein weiteres Beispiel: Das hoffende Vertrauen in das unbedingte Bejahtsein durch Gott vor aller Leistung, trotz aller Schuld und unabh\u00e4ngig aller Fragilit\u00e4ten oder Unzul\u00e4nglichkeiten befreit vom Druck permanenter Selbstoptimierung und \u00e4ngstlich-verbissener Selbstbehauptung. Dass Mitmenschen anderen gegen\u00fcber dieses Bejahtsein durch eine Solidarit\u00e4t auch ohne Rechtsanspr\u00fcche mitteilen, geh\u00f6rt zur Basis einer Gesellschaft, die noch diesseits aller notwendigen Systeme sozialer Sicherungen usw. eine gelingende Lebensf\u00fchrung aller durch ein leibhaft erfahrenes und gestaltetes Leben in Gemeinschaft und sozialen N\u00e4hen unterst\u00fctzen will.<\/p>\n<p>Oder als drittes Beispiel: Das hoffende Vertrauen in die heilsame Gegenwart Gottes birgt ein Widerstandspotential, das sich nicht abfindet mit den Leiden unschuldiger Opfer. Es f\u00f6rdert die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Perspektive der Schwachen und Verlierer gesellschaftlicher Aushandlungs- oder exklusiver Inklusionsprozesse. Diese Perspektive ist erheblich, wenn \u00fcber Gesundheit, Allokation, Migration, Demenz usw. reflektiert wird. Solche und viele weitere religi\u00f6se Selbstdeutungen menschlicher Existenz entbergen ein erhebliches Orientierungspotential f\u00fcr menschliche Praxis. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen und d\u00fcrfen sie in den ethischen Selbstverst\u00e4ndigungsprozessen pluraler Gesellschaften keine fraglose Akzeptanz beanspruchen. Aber es w\u00e4re umgekehrt h\u00f6chst fatal, wolle man deren humanisierenden Gehalte unbefragt beiseiteschieben. Religi\u00f6se \u00dcberzeugen m\u00f6gen zwar nicht zwingend sein, triftig sein k\u00f6nnten sie aber allemal. Denn sie beziehen sich auf die Wirkm\u00e4chtigkeit eines Gottes, der zwar \u201eungewiss hinsichtlich seiner Wirklichkeit, gewiss aber hinsichtlich seiner M\u00f6glichkeit ist\u201c (Hans-Joachim H\u00f6hn).<\/p>\n<p>Deshalb sollte eine politisch-r\u00e4sonierende \u00d6ffentlichkeit wenigstens damit rechnen, dass religi\u00f6se Traditionen auch f\u00fcr religi\u00f6s Unmusikalische (Max Weber) sinnvolle Intuitionen auf den Begriff bringen. \u201eMan muss\u201c, wie der nach eigenem Bekunden selbst religi\u00f6s unmusikalische J\u00fcrgen Habermas es einmal formuliert hat, \u201enicht zu allem \u201aJa\u2018 und \u201aAmen\u2018 sagen, um zu verstehen, was mit einer religi\u00f6sen Rede gemeint ist.\u201c Und umgekehrt werden religi\u00f6s Musikalische die kritischen Gegenreden und Infragestellungen \u201avon au\u00dfen\u2018 f\u00fcr die notwendigen \u201aL\u00e4uterungsprozesse\u2018 ihrer eigenen Auslegungen biblischer Narrationen und religi\u00f6ser Traditionen zu nutzen wissen. Auch daf\u00fcr ist der Deutsche Ethikrat ein wichtiger Lernort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte niemanden verwundern, dass im Deutschen Ethikrat im besten Sinne des Wortes immer wieder heftig gerungen und ja auch gestritten wird. Diskurs ist eben Diskurs und eben nicht ein allseits verst\u00e4ndiges \u201aanything goes\u2018, das letztlich nur Ausdruck einer repressiven Toleranz w\u00e4re, mit dem sich die faktisch m\u00e4chtigere Position in zynischer Weise durchsetzt. Angesichts der diffizilen Probleme unseres Alltags, namentlich im Bereich moderner Medizin und Lebenswissenschaften, ist es manchmal nicht ohne skrupul\u00f6se Diskursivit\u00e4t, ohne penible und gewissenhafte Pr\u00fcfung der unterschiedlich in Rede stehenden Auffassungen nicht zu machen. Aber: Solche Strittigkeiten in moralischen Fragen geh\u00f6ren zum Erbe auch theologischer Ethik. Ohnehin sind moralische Urteile notwendig Gewissensurteile, in denen sich das Ringen jeder\/s Einzelnen um Strittiges manifestiert: \u201eIn der Treue zum Gewissen sind die Christen mit den \u00fcbrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgem\u00e4\u00dfen L\u00f6sung all der vielen Probleme, die im Leben der einzelnen wie im gesellschaftlichen Leben Zusammenleben entstehen\u201c, formulierte es das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution \u201eGaudium et spes\u201c.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich f\u00fchrt dialogisch-diskursives Sich-Beraten oftmals zu schwierigen Abw\u00e4gungen konkurrierender moralische G\u00fcter. Gelegentlich n\u00f6tigt es zu Kompromissen und sogar zu tragischen Entscheidungen. \u00dcberdies kann selbst die skrupul\u00f6seste Gewissenhaftigkeit aller schon aus Gr\u00fcnden stets begrenzt verf\u00fcgbarer Erkenntnisse und Einsichten im Ergebnis irren. Und dennoch f\u00fchrt kein Weg an der Notwendigkeit und Verbindlichkeit eines Gewissensurteils vorbei. Der Verweis auf die Mehrheitsmeinung eines <em>common sense<\/em> oder die Ersatzvornahme durch ein kirchliches Lehramt ist prinzipiell ausgeschlossen. Theologisch besehen ist dieses Eingest\u00e4ndnis kein Makel. Im Gegenteil, es dokumentiert vielmehr die christliche Lebensfigur ernsthafter Gelassenheit: moralische Probleme sind \u2013 so dr\u00e4ngend sie sein m\u00f6gen \u2013 in erster Linie nicht verbissen zu l\u00f6sen, sondern entspannt zu kl\u00e4ren. Christlich ist diese Grundhaltung deshalb, weil sie auf das Wirken des Geistes Gottes vertraut \u2013 nach \u00dcberzeugung unseres Glaubens eben einer der drei Personen, in denen der Eine Gott sich der Welt mitteilt. Und der Geist weht eben dort, wo Er will (und nicht immer, wo wir ihn spontan vermuten und fixieren.) Deshalb gilt die apodiktische Forderung des Paulus: \u201eL\u00f6scht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Pr\u00fcft alles und behaltet das Gute!\u201c (1 Thess 5,20f) Auch das geh\u00f6rt mit Karl Rahner zu jener \u201eg\u00f6ttlichen Tiefe\u201c, die jedem Menschen \u201eunausweichlich in seinem Dasein vorgegeben und er\u00f6ffnet ist\u201c.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. \u00a0 Politik ist in einer Demokratie die gemeinsame Gestaltung des \u00f6ffentlichen Raumes unter Beteiligung m\u00f6glichst vieler B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Zum \u00f6ffentlichen Raum z\u00e4hlen nicht nur Parlamente, sondern das, was wir heute auch als zivile \u00d6ffentlichkeit nennen. 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