{"id":117981,"date":"2026-01-19T13:43:16","date_gmt":"2026-01-19T12:43:16","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117981"},"modified":"2026-01-19T13:43:16","modified_gmt":"2026-01-19T12:43:16","slug":"steile-klippen-kontroverse-themen-im-ersten-korintherbrief","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/steile-klippen-kontroverse-themen-im-ersten-korintherbrief\/","title":{"rendered":"Steile Klippen: kontroverse Themen im ersten Korintherbrief"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Briefe als Problemanzeigen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum schreibt man Briefe? Dass man dies nicht absichtslos tut, sondern aus einem bestimmten Anliegen heraus, hat bereits die antike Brieftheorie bedacht. Ihr zufolge ist das grunds\u00e4tzlichste Anliegen die Herstellung von Kontakt: Durch den Brief ist der Absender beim Adressaten anwesend. In einer Zeit, in der ein Austausch \u00fcber eine r\u00e4umliche Trennung hinweg nur durch den Brief m\u00f6glich war, ist diese Funktion tats\u00e4chlich so fundamental, dass sie oft das einzige Anliegen darstellt.<\/p>\n<p>Auch Paulus nutzt das Medium des Briefes in einem grunds\u00e4tzlichen Sinn, um mit seinen Gemeinden in Kontakt zu bleiben. Dennoch ist, wenn wir einmal vom Philipperbrief absehen, die Existenz von Briefen in seinem Fall meist Problemanzeige. Der Apostel schreibt nicht nur, weil er im Austausch bleiben will mit den Gemeinden, die er gegr\u00fcndet hat. Er will gew\u00f6hnlich Unklarheiten beseitigen, Kritik \u00fcben, etwas in Ordnung bringen. Zwar hat Paulus weniger Briefe verfasst, als ihm zugeschrieben wurden, aber immerhin doch so viele und zum Teil so umfangreiche, dass wir staunen k\u00f6nnen: Da gab es viele Unklarheiten zu beseitigen, Kritik zu \u00fcben, in Ordnung zu bringen! Warum ist das Wirken des Paulus mit so zahlreichen kontroversen Themen verbunden? Warum sieht sich Paulus gen\u00f6tigt, einen derart langen Brief nach Korinth zu schicken, dass sich manche Ausleger auch wegen des Umfangs gar nicht vorstellen konnten, dass das alles in einem Brief stand? Man kann eine zweifache Antwort auf diese Frage geben: Paulus hatte alles andere als eine einfache Aufgabe vor sich \u2013 und er war wohl alles andere als eine einfache Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Paulus und Gemeinde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den zweiten Teil der Antwort will ich nur kurz streifen, weil der Punktscheinwerfer in einem anderen Beitrag auf die Person des Paulus gerichtet wird (s. S. ). Wir begn\u00fcgen uns mit einem Blitzlicht. Etwas \u00fcberspitzt kann man sagen: Wo Paulus hinkommt, gibt es \u00c4rger. Sieht er die \u201eWahrheit des Evangeliums\u201c bedroht, gibt es f\u00fcr ihn keinerlei Kompromiss \u2013 da k\u00f6nnen Petrus, Jakobus, Barnabas und die ganze Gemeinde von Antiochia anderer Meinung sein (Gal 2,11-14). Beschr\u00e4nken wir uns auf das Verh\u00e4ltnis des Paulus zur Gemeinde von Korinth, mit der er nicht um die Wahrheit des Evangeliums streiten musste, so zeigt sich: Auch hier geht es nicht ohne Probleme ab. Im ersten Korintherbrief aber stimmt die Beziehung noch einigerma\u00dfen. Wenn sich die Gemeinde mit einem Fragebrief an ihn wendet, wird er als Autorit\u00e4t akzeptiert, von der man sich Antworten erwartet. Wenn Paulus sich als Vorbild pr\u00e4sentiert (1 Kor 11,1: \u201eWerdet meine Nachahmer!\u201c; siehe auch 1 Kor 4,16); wenn er Lob und Tadel verteilt (1 Kor 11,2.17); wenn er ank\u00fcndigt, in der Frage der Herrenmahlfeier konkrete Anordnungen zu treffen, sobald er in die Gemeinde kommt (1 Kor 11,34) \u2013 dann scheint er nicht davon auszugehen, dass seine Position in der Gemeinde in Frage steht. Nur so l\u00e4sst sich auch erkl\u00e4ren, dass er in 1 Kor 15,8 von sich sagt, er sei nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil er die Kirche Gottes verfolgt hat. Wehe, ein anderer w\u00fcrde behaupten, Paulus sei nicht wert, Apostel genannt zu werden! Paulus sagt es, weil er nicht damit rechnet, dass ein anderer sich zu dieser Behauptung versteigen k\u00f6nnte. Es ist kein Zufall, dass wir von solcher Selbstrelativierung im zweiten Korintherbrief nichts lesen. In ihm spiegelt sich ein \u00e4u\u00dferst scharfer Konflikt. Und wenn man wei\u00df, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen Paulus und der korinthischen Gemeinde sich bald nach der Abfassung des ersten Korintherbriefes extrem abgek\u00fchlt hat, kann man in diesem Schreiben Spuren entdecken, in denen sich jene Zerr\u00fcttung ank\u00fcndigt. Der Parteienstreit zeigt, dass Paulus nicht die einzige Autorit\u00e4t war: Neben ihm erscheinen Petrus und vor allem Apollos (1 Kor 1,12; 1 Kor 3,4-6.22). Paulus l\u00e4sst in diesem Zusammenhang auch eine kritische Einsch\u00e4tzung seiner Person in Korinth durchblicken (1 Kor 4,3-5). Au\u00dferdem spricht er von Aufgeblasenen, die seine Abwesenheit genutzt h\u00e4tten, um sich wichtig zu machen (1 Kor 4,18-21). In 1 Kor 9,3 charakterisiert Paulus die folgenden Ausf\u00fchrungen als \u201eVerteidigung gegen\u00fcber denen, die mich verh\u00f6ren\u201c. Es scheint also bereits Risse im Verh\u00e4ltnis zwischen der Gemeinde beziehungsweise Teilen der Gemeinde und ihrem Gr\u00fcnder zu geben. Ein Bruch ist aber im ersten Korintherbrief noch nicht erkennbar. Was die kontroversen Themen in diesem Schreiben betrifft, so geht zumindest dessen Verfasser davon aus, dass er sich bei der Kl\u00e4rung jener Themen nicht eigens um seine Position als entscheidende und wegweisende Autorit\u00e4t k\u00fcmmern muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Grundproblem: die Vermittlung zweier Welten<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1)<\/strong> In der Tat k\u00f6nnen wir recht zuversichtlich behaupten: Bei den Fragen, die im ersten Korintherbrief kontrovers behandelt werden, ist nicht Paulus selbst das Problem. In vielen F\u00e4llen schl\u00e4gt eine sachliche Schwierigkeit durch, die die Verk\u00fcndigung des Evangeliums grunds\u00e4tzlich betrifft. Die Christus-Botschaft ist in der j\u00fcdischen Tradition verwurzelt, blieb aber bereits in der ersten christlichen Generation nicht auf den j\u00fcdischen Raum beschr\u00e4nkt, sondern wurde auch den Heiden verk\u00fcndet. Dies war keineswegs die erste Begegnung zwischen der j\u00fcdischen und der heidnisch-hellenistischen Welt, weshalb man nicht davon sprechen kann, dass sich in der christlichen Gemeinde zwei v\u00f6llig fremde Welten begegnet seien. Aber manche Probleme in Korinth haben damit zu tun, dass die Mehrheit in der Gemeinde aus einem religi\u00f6sen und kulturellen Milieu stammt, das mit den Eigenheiten des j\u00fcdischen Gottesbekenntnisses nicht vertraut war.<\/p>\n<p><strong>2)<\/strong> Um die Hintergr\u00fcnde dieser Schwierigkeiten besser zu verstehen, werfen wir zun\u00e4chst einen Blick auf das Diaspora-Judentum. \u201eDiaspora\u201c bedeutet \u201eZerstreuung\u201c und bezeichnet in unserem Fall das Ph\u00e4nomen, dass Juden nicht allein in dem von Gott geschenkten Land lebten, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Dabei entwickelte das Diasporajudentum eine starke missionarische Kraft, die einigen Erfolg verbuchen konnte. Der j\u00fcdische Glaube konnte im hellenistischen Kulturraum durchaus anziehend wirken. Vor allem in der Verk\u00fcndigung des einen, unsichtbaren, welt\u00fcberlegenen Gottes und in den anspruchsvollen ethischen Geboten konnte er dem Lebensgef\u00fchl der heidnischen Antike entgegenkommen.<\/p>\n<p>Die Attraktivit\u00e4t j\u00fcdischen Lebens unter den V\u00f6lkern konnte zwei verschiedene Reaktionen hervorrufen. Erstens: Heiden traten zum Judentum \u00fcber und verpflichteten sich auf die Gebote der Mose-Tora (\u201eProselyten\u201c). F\u00fcr M\u00e4nner schloss dies die Beschneidung ein, die sozialen Folgen waren f\u00fcr alle Proselyten immens. Sie beachteten umfassend die Vorschriften des mosaischen Gesetzes, also auch die Speise- und Reinheitsgebote sowie die Sabbatregelungen. Das bedeutete den Ausstieg aus der bisherigen sozialen Welt eines Heiden. Die Einladung eines alten Freundes zu einem Essen konnte man nun nicht mehr annehmen; der Sabbat trennte als Ruhetag ebenfalls von der Welt, der der Proselyt zuvor zugeh\u00f6rte; und auch an kultischen Vollz\u00fcgen in heidnischen Tempeln nahm man nicht mehr teil.<\/p>\n<p>Daher ist es verst\u00e4ndlich, dass es, zweitens, auch Sympathisanten des Judentums unter den Heiden gab, die diesen scharfen sozialen Schnitt nicht vollzogen. Sie werden als \u201eGottesf\u00fcrchtige\u201c bezeichnet. Sie lebten im Umkreis der Synagoge, traten aber nicht zum Judentum \u00fcber. In der pers\u00f6nlichen Lebensweise konnten sie sich durchaus an den Geboten der Tora orientieren, aber sie mussten sie nicht unter allen Umst\u00e4nden einhalten. Sozial hochgestellte Personen kamen, wenn sie ihren Status nicht gef\u00e4hrden wollten, nicht herum um die Beteiligung am \u00f6ffentlichen Leben \u2013 und das lief in einer hellenistischen Stadt ohne R\u00fccksicht auf j\u00fcdische Gebr\u00e4uche ab.<\/p>\n<p>Der j\u00fcdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus behauptet am Ende des 1. Jahrhunderts: \u201eAber auch schon unter den Massen bemerkt man seit l\u00e4ngerer Zeit viel Eifer f\u00fcr unsere Religion, und es gibt kein Volk und keine griechische oder barbarische Stadt, wo nicht unser Brauch, am siebenten Tage die Arbeit ruhen zu lassen, Eingang gefunden h\u00e4tte und wo nicht das Fasten, Anz\u00fcnden von Lichtern und viele unserer Abstinenzgebote beobachtet w\u00fcrden\u201c (Gegen Apion II 282). Was das Ausma\u00df der Orientierung an j\u00fcdischen Gebr\u00e4uchen angeht, so d\u00fcrfte Josephus, wie so h\u00e4ufig, \u00fcbertreiben. Aber dass es ein wahrnehmbares Ph\u00e4nomen von Sympathie f\u00fcr das Judentum auch unter jenen gab, die selbst Heiden blieben, kann man seiner Darstellung entnehmen.<\/p>\n<p><strong>3)<\/strong> Das Verh\u00e4ltnis der Diasporajuden zur heidnischen Umwelt war aber nicht nur positiv bestimmt. Die Fremdheit, die einerseits den Reiz der j\u00fcdischen Religion ausmachen konnte, war andererseits auch ein m\u00f6glicher Grund von Anfeindungen. Die Juden wohnten innerhalb der hellenistischen St\u00e4dte in eigenen Vierteln, weil sie nur so die Reinheitsvorschriften des Gesetzes einhalten konnten. Die Diasporajuden lebten zwar bewusst unter den Heiden, blieben gleichwohl in der Fremde, wohnten in einer \u201eStadt in der Stadt\u201c. So kam es immer wieder zu Feindseligkeiten der heidnischen Bewohner einer Stadt den Juden gegen\u00fcber (siehe Josephus, J\u00fcdische Altert\u00fcmer XVI 27-65).<\/p>\n<p>In religi\u00f6ser Hinsicht blieb der Anspruch auf Alleinverehrung eines einzigen Gottes in der hellenistischen Welt sicher vielen fremd. In ihr war weithin anderes plausibel: eine m\u00f6glichst umfassende religi\u00f6se Absicherung der menschlichen Existenz. Verschiedene Kulte standen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern erg\u00e4nzten sich. Literarisch bezeugt ist die Existenz von Alt\u00e4ren f\u00fcr \u201eunbekannte G\u00f6tter\u201c. Sie bekunden die Sorge, niemanden aus der G\u00f6tterwelt in der Verehrung zu vernachl\u00e4ssigen, um sich nicht den Zorn des \u00dcbersehenen zuzuziehen. Die programmatische Beschr\u00e4nkung auf einen einzigen Gott konnte in diesem Rahmen als Mangel empfunden werden. Oder von der anderen Seite betrachtet: Wer sich einem religi\u00f6sen System mit solch exklusiven Monotheismus anschloss, vollzog einen wirklichen Bruch mit seiner Herkunft (siehe auch 1 Thess 1,9).<\/p>\n<p>So ist auch die Hinwendung zum Gott Israels und zu Jesus Christus notwendig mit dem Abschied von der heidnischen G\u00f6tterwelt verbunden. Dass Paulus dazu bef\u00e4higt war, in seiner Mission auf diese existentielle Neuorientierung hinzuwirken, h\u00e4ngt sicher auch mit seiner Herkunft zusammen. Er stammte aus Tarsus, war deshalb mit beiden Welten vertraut und konnte zwischen ihnen vermitteln. Er kannte einerseits das Leben in einer hellenistischen Stadt und war andererseits fest in der spezifisch j\u00fcdischen Tradition verwurzelt. Die Probleme, die aus der \u00dcbernahme des Christusbekenntnisses durch Heiden erwuchsen, d\u00fcrften ihn nicht grunds\u00e4tzlich \u00fcberrascht haben. Der erste Korintherbrief zeigt, dass er damit umgehen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Streitpunkte im 1. Korintherbrief \u2013 Gr\u00fcnde und Hintergr\u00fcnde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ergibt der Ausflug in religionsgeschichtliche Hintergr\u00fcnde f\u00fcr die kontroversen Themen im ersten Korintherbrief? Betrachten wir die Zusammensetzung der Gemeinde, so findet sich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Vertrautheit mit j\u00fcdischer Gottesverehrung f\u00fcr die Mehrheit der Adressaten nicht vorausgesetzt werden kann. Paulus beschreibt deren Vergangenheit jedenfalls in diesem Sinn: Sie wurden, als sie Heiden waren, zu den stummen G\u00f6tzen gezogen (1 Kor 12,2). Auf diese Weise l\u00e4sst sich ein \u201eGottesf\u00fcrchtiger\u201c nicht kennzeichnen, er wird ja zum Gott Israels hingezogen. Proselyten und Judenchristen fallen ganz aus dieser Charakterisierung heraus. Wertet man die Angaben aus der Apostelgeschichte aus (Apg 18,1-8), so erweitert sich allerdings das Spektrum: Dort wird der Name eines Gottesf\u00fcrchtigen genannt, Titius Justus, au\u00dferdem der Name des Synagogenvorstehers, also eines Juden, Krispus, der ohne diesen Titel auch in 1 Kor 1,14 erscheint: Paulus hat ihn getauft. Priska und Aquila sind ebenfalls eindeutig Judenchristen (Apg 18,2). Angesichts dieser Zusammensetzung der Gemeinde erkl\u00e4rt sich recht gut die Existenz der Fragen und Streitpunkte, die Paulus im ersten Korintherbrief behandelt, und die Art und Weise, wie er das tut.<\/p>\n<p><strong>Bleibende Verhaftung an soziale und religi\u00f6se Herkunft<\/strong>. Dies betrifft jene Kontroversen, die mit der bleibenden Verhaftung der Heidenchristen an ihre soziale und religi\u00f6se Herkunft verbunden sind. Darunter kann man die Themen fassen, die Paulus im 5. und 6. Kapitel bespricht. Dass einer \u201edie Frau seines Vaters hat\u201c (wohl die Stiefmutter) sei ein krasser Fall von Unzucht, den es nicht einmal unter Heiden gebe (1 Kor 5,1). Mit dieser Formulierung gibt Paulus zu erkennen, dass er in diesem Umfeld mit einigem rechnet. Das ist f\u00fcr uns hier der entscheidende Punkt. Ob Paulus damit Recht hat, dass das angeprangerte Verhalten unter Heiden nicht vorkomme, kann offen bleiben. Die rhetorische Funktion seiner Bemerkung ist klar: Das Ungeheuerliche am Tun des Unzuchts\u00fcnders wird dadurch gesteigert, dass mit ihm selbst bekannterweise niedrige sexualethische Standards noch unterboten werden. In 1 Kor 6,12-20 kommt Paulus in allgemeinerer Form auf das Thema zur\u00fcck, wenn er erl\u00e4utert, warum der Besuch im Bordell durch die in Christus gewonnene Freiheit nicht gedeckt ist. Er muss seine Adressaten dazu auffordern, die Unzucht zu meiden (1 Kor 6,18). Sie sind von ihrer Herkunft her an jene niedrigen sexualethischen Standards gewohnt, die der Jude Paulus \u201eunter Heiden\u201c als verbreitet erkennt. Das Prozessieren vor heidnischen Gerichten, das in 1 Kor 6,1-11 kritisiert wird, erweist die bleibende Verhaftung an die bisherige Lebenswelt. Auf deren Einrichtungen wird weiterhin zur\u00fcckgegriffen, weil man den neuen Status noch nicht verstanden hat: Richter \u00fcber die Welt und untereinander Br\u00fcder und Schwestern, die mit einem Streit anders fertig werden sollten als durch den Gang vor ein weltliches Gericht.<\/p>\n<p>Sehr deutlich wird die Rolle, die die Herkunft der Adressaten f\u00fcr die Themen des ersten Korintherbriefes spielt, in der Frage, ob man G\u00f6tzenopferfleisch essen d\u00fcrfe. F\u00fcr einen frommen Juden, der sich an die Tora gebunden wei\u00df, ist dies \u00fcberhaupt kein Thema: Solches Fleisch ist tabu. F\u00fcr die Heidenchristen aber fragt sich, ob sie bei ihrer bisherigen Praxis bleiben k\u00f6nnen. In der Gemeinde gibt es dazu zwei verschiedene Positionen, und Paulus ist wohl ausdr\u00fccklich um Weisung angegangen worden. Was er genau geantwortet hat, ist nicht einfach zu erheben und muss jetzt auch nicht entschieden werden (siehe dazu der Beitrag auf S. ). Deutlich aber wird in jedem Fall: Zur Debatte steht das Verh\u00e4ltnis von Christus-Bekenntnis und religi\u00f6ser Pr\u00e4gung der Adressaten, und dies auch im Blick auf die soziale Lebenswelt, denn Paulus bespricht in diesem Zusammenhang auch den Fall einer privaten Einladung au\u00dferhalb der Gemeinde.<\/p>\n<p>Ein drittes Problemfeld wird durch Missst\u00e4nde beim Herrenmahl markiert. Was genau falsch l\u00e4uft in der Gemeindeversammlung wird nicht einhellig rekonstruiert. Es scheinen aber soziale Differenzen eine nicht unerhebliche Rolle gespielt zu haben. Das hellenistische Vereinswesen war wesentlich durch Gastm\u00e4hler gepr\u00e4gt. Dort gemachte Erfahrungen k\u00f6nnten auch auf die Herrenmahlfeier \u00fcbertragen worden sein. Wer eine ungleiche Zuteilung von Portionen gewohnt war, mag auch weniger Ansto\u00df genommen haben an einer Situation, die Paulus wohl \u00fcberspitzt so beschreibt: \u201eDer eine hungert, der andere ist betrunken\u201c (1 Kor 11,21). Auch d\u00fcrfte die gemischte soziale Zusammensetzung der Gemeinde f\u00fcr einige eine neue Erfahrung gewesen sein. Hellenistische Vereine waren in ihrer Sozialstruktur gew\u00f6hnlich (nicht durchweg) homogen. Dass die \u201eNichthabenden\u201c besch\u00e4mt werden (1 Kor 11,22), also der Gegensatz zwischen Arm und Reich im Ablauf der Herrenmahlfeier durchschl\u00e4gt, k\u00f6nnte sich vor diesem Hintergrund erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Dass einige in der Gemeinde von Korinth sagen, es gebe keine Auferstehung von Toten (1 Kor 15,12), d\u00fcrfte in den Schwierigkeiten gr\u00fcnden, die diese j\u00fcdische Zukunftshoffnung in der hellenistischen Welt bereiten konnte. Der griechischen Tradition war die Vorstellung einer leiblichen Existenz nach dem Tod fremd. Der bereits genannte Flavius Josephus \u00fcbersetzt deshalb bei der Beschreibung von \u00dcberzeugungen j\u00fcdischer Gruppen f\u00fcr sein hellenistisches Publikum, etwa im Fall der Sadduz\u00e4er: Diese Gruppe lehnt die Fortdauer der Seele nach dem Tod ab (Der J\u00fcdische Krieg II 165). In den Evangelien lesen wir: Die Sadduz\u00e4er sagen, eine Auferstehung g\u00e4be es nicht (Mk 12,28) \u2013 eine an j\u00fcdischer Tradition orientierte Formulierung. Was auch immer die Auferstehungsleugner positiv vertreten haben, die Ablehnung der Totenauferstehung liegt auf der Linie ihrer kulturellen Herkunft.<\/p>\n<p>In einem Fall scheint die Problemlage umgekehrt zu sein: Nicht die Verhaftung an die bisherige Lebenswelt und deren Wertvorstellungen begr\u00fcndet eine kritikw\u00fcrdige Situation, sondern das Verlassen der \u00fcblichen Konventionen. Die Rede ist von den Ausf\u00fchrungen des Paulus zum Auftreten von Frauen in der gottesdienstlichen Versammlung. Wenn Frauen beten oder prophetisch reden, soll ihr Kopf nicht unverh\u00fcllt sein (1 Kor 11,2-16). Ob sich dies auf eine textile Kopfbedeckung oder die Haartracht bezieht, ist umstritten. Wie auch immer hier zu entscheiden ist, Paulus f\u00fchrt gesellschaftliche Konventionen gegen das Verhalten der korinthischen Frauen ins Feld. Es geht um ein Verhalten, das Ehre oder Schande bringt (1 Kor 11,4-6); um das, was sich geh\u00f6rt (1 Kor 11,13); um das, was als Brauch anerkannt ist (1 Kor 11,16). Die Frauen in der korinthischen Gemeinde bleiben in der Sicht des Paulus nicht ihrer Herkunft zu sehr verhaftet; sie machen wohl ein wenig zu ernst mit der neu gewonnenen Existenz in Christus: dass da nicht mehr Mann und Frau sei (Gal 3,28). Nicht in jeder Hinsicht, so Paulus, gilt die Aufhebung der Differenz. Auch wenn er versucht, daf\u00fcr die Sch\u00f6pfungsordnung als Argument einzubringen, so wird doch deutlich: Entscheidend ist das gesellschaftlich Akzeptierte. Paulus will nicht, dass in Korinth gegen den Brauch versto\u00dfen wird.<\/p>\n<p><strong>Zur Rolle der Jesustradition<\/strong>. Die Zusammensetzung der korinthischen Gemeinde l\u00e4sst uns nicht nur die konkret aufgebrochenen Streitfragen verstehen. Sie kann auch erkl\u00e4ren, warum zur L\u00f6sung der anstehenden Fragen die Jesustradition eine so geringe Rolle spielt. Diese Tradition ist in lebensweltlicher Hinsicht wesentlich gepr\u00e4gt durch das l\u00e4ndliche Milieu in Galil\u00e4a und religionsgeschichtlich ganz im Gottesbekenntnis Israels verankert. Fragen, die j\u00fcngst zum Christusglauben bekehrte Heiden in einer hellenistisch gepr\u00e4gten Gro\u00dfstadt umtreiben, kann sie nur im Ausnahmefall beantworten. Welche Rolle die Jesustradition f\u00fcr Paulus spielt, ist umstritten. Ausdr\u00fcckliche Zitate finden sich in den Briefen nur selten. Daraus folgt allerdings nicht, dass Paulus auf Jesusworte in seiner Evangeliumsverk\u00fcndigung vor Ort kaum zur\u00fcckgegriffen h\u00e4tte. Die Zahl m\u00f6glicher Anspielungen ist in den Briefen h\u00f6her als die ausdr\u00fccklicher Zitate, und solche Anspielungen setzen voraus, dass die H\u00f6rer mit dem Stoff vertraut sind. Diese Einsicht schafft aber das Faktum nicht aus der Welt, dass Paulus die Autorit\u00e4t des Herrn so selten ausdr\u00fccklich bem\u00fcht. Und dieses Faktum f\u00e4llt umso mehr auf, als Paulus in 1 Kor 7 deutlich macht, mit dem Wort des Herrn eine \u00fcbergeordnete Autorit\u00e4t anzuf\u00fchren: Was zur Ehescheidung zwischen glaubenden Partnern zu sagen ist, \u201esage nicht ich, sondern der Herr\u201c (7,10); f\u00fcr den Fall, dass nur einer der Partner zur Gemeinde geh\u00f6rt, gibt Paulus selbst Weisung: \u201eDen \u00dcbrigen sage ich, nicht der Herr\u201c (1 Kor 7,12). Ebenso hat Paulus zu den Jungfrauen \u201ekein Gebot des Herrn\u201c (1 Kor 7,25). Auch wenn er seinen eigenen Rat keineswegs gering sch\u00e4tzt, da er ja den Geist Gottes hat (1 Kor 7,40), so zeigt sich doch: Wo es ihm m\u00f6glich scheint, beruft er sich ausdr\u00fccklich auf das Wort des Herrn. Dass er es nicht h\u00e4ufiger tut, bedeutet demnach: Die Probleme in seinen Gemeinden lassen sich nur ausnahmsweise mit Bezug auf die Autorit\u00e4t der Jesustradition entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Spannungen innerhalb der Gemeinde<\/strong>. Die Kommunikation zwischen Gemeinde und Paulus, die sich im Spiegel des Briefes zu erkennen gibt, weist auf erhebliche Spannungen innerhalb der Gemeinde hin. Damit ist nicht nur gemeint, dass in bestimmten Fragen unterschiedliche Positionen bezogen wurden, wie es sich etwa bei der Haltung zum G\u00f6tzenopferfleisch gezeigt hat. Die Spannungen, die nun unser Thema sind, bestehen vielmehr darin, dass bestimmte Vorg\u00e4nge in der Gemeinde selbst als Fehlentwicklungen eingestuft werden. Wenn Paulus Kritik \u00fcbt an Tendenzen und Verhaltensweisen, dann steht er nicht als einsamer Mahner einem geschlossenen Gemeinde-Block gegen\u00fcber, sondern greift auf, was zumindest einzelne Glaubende ihm gegen\u00fcber vorbringen.<\/p>\n<p>Paulus sitzt in Ephesus und ist auf Informationen \u00fcber Vorg\u00e4nge in Korinth angewiesen. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass er nicht nur auf den Brief aus der Gemeinde reagiert, sondern sich in manchen Kritikpunkten auf ungenannte Informanten bezieht. Den besonders krassen Fall von Unzucht, den er im 5. Kapitel bespricht, f\u00fchrt er mit der Bemerkung ein: \u201eMan h\u00f6rt\u201c (1 Kor 5,1). In derselben Weise \u00fcbergeht er die Quelle, die ihm von den Missst\u00e4nden bei der Herrenmahlfeier berichtet hat: \u201eIch h\u00f6re, dass es Spaltungen unter euch gibt\u201c (1 Kor 11,18). Woher er wei\u00df, dass Gemeindeglieder sich vor einem \u201eweltlichen\u201c Gericht streiten (1 Kor 6,1-11), sagt er nicht; ebenso schweigt er von den Informationen, die ihn dazu veranlasst haben, vor der Unzucht zu warnen (1 Kor 6,12-20). Paulus wurde von Dingen unterrichtet, die manche als Missstand verstehen \u2013 sonst h\u00e4tten sie nichts gesagt und Paulus h\u00e4tte nichts geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Sein Schweigen zu seinen Quellen f\u00e4llt umso mehr auf, als er in anderen F\u00e4llen Informanten (Leute der Chlo\u00eb in 1 Kor 1,11) oder Quelle (Brief in 1 Kor 7,1) ausdr\u00fccklich nennt. Es zielt wohl darauf, die Spannungen nicht zu vertiefen. Inwiefern die hier erkennbaren Spannungen mit der unterschiedlichen Herkunft der Gemeindeglieder zusammenh\u00e4ngen, muss offen bleiben. Denkbar ist dies durchaus, l\u00e4sst sich aber im Einzelnen nicht belegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zum Schluss: Dank an die Problemgemeinde<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Man kann erschrecken \u00fcber das Ausma\u00df von Kontroversen, die den ersten Korintherbrief bestimmen. Ging es nicht wenigstens am Anfang etwas einm\u00fctiger zu? Offensichtlich nicht. Selbst die Apostelgeschichte, die das Ideal der Einm\u00fctigkeit f\u00fcr die Jerusalemer Urgemeinde vor Augen stellt, h\u00e4lt dieses Bild nicht durch und erz\u00e4hlt von Streit und Uneinigkeit. Diese Tatsache hat auch etwas Tr\u00f6stliches: Wir brauchen uns nicht zu gr\u00e4men, den reinen Zustand einer idealen Ursprungszeit verloren zu haben. Es hat diesen Zustand nicht gegeben.<\/p>\n<p>Es ist aber auch nicht abwegig, den fr\u00fchen Kontroversen selbst etwas Gutes abzugewinnen. Was w\u00fcssten wir von Paulus und seinen Gemeinden, wenn es keine Probleme und Missst\u00e4nde gegeben h\u00e4tte? W\u00e4ren in Galatien keine Gegner der paulinischen Mission aufgetreten, h\u00e4tten wir ein wichtiges Zeugnis der Rechtfertigungstheologie nicht. Auch der R\u00f6merbrief w\u00e4re dann wohl anders, jedenfalls erheblich k\u00fcrzer ausgefallen. H\u00e4tten die Korinther das Herrenmahl vorbildlich gefeiert, w\u00fcrden wir wahrscheinlich heute behaupten, Paulus kenne die Abendmahlstradition nicht.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen der Problemgemeinde dankbar sein, dass sie Problemgemeinde war. Sie hat Paulus zur literarischen Produktion gezwungen. Briefe sind, wie eingangs gesagt, h\u00e4ufig Problemanzeigen. Da davon auszugehen ist, dass sich Paulus nur bei konkretem Anlass die M\u00fche eines Briefdiktats macht und sich umso gr\u00f6\u00dfere M\u00fche macht, je bedeutender die Fragen sind, m\u00fcssen selbst Harmoniebed\u00fcrftige hier das Lob der Kontroverse singen. Ohne sie w\u00fcssten wir noch weniger von der pr\u00e4genden Zeit des Urchristentums.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Briefe als Problemanzeigen &nbsp; Warum schreibt man Briefe? Dass man dies nicht absichtslos tut, sondern aus einem bestimmten Anliegen heraus, hat bereits die antike Brieftheorie bedacht. Ihr zufolge ist das grunds\u00e4tzlichste Anliegen die Herstellung von Kontakt: Durch den Brief ist der Absender beim Adressaten anwesend. 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