{"id":117983,"date":"2026-01-19T13:45:34","date_gmt":"2026-01-19T12:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117983"},"modified":"2026-01-19T13:45:34","modified_gmt":"2026-01-19T12:45:34","slug":"ehe-ehescheidung-und-ehelosigkeit-bei-paulus","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/ehe-ehescheidung-und-ehelosigkeit-bei-paulus\/","title":{"rendered":"Ehe, Ehescheidung und Ehelosigkeit bei Paulus"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Religion und Sexualit\u00e4t waren \u2012 anders als heute \u2012 in der antiken Welt eng miteinander verbunden, denn sie geh\u00f6ren zum Bereich des Ekstatischen. Kultische Prostitution und sexuell konnotierte Initiationsriten waren speziell in den Mysterienreligionen h\u00e4ufig anzufinden (zum Beispiel im Isis-Kult). Dies wird auch im Aufbau des ersten Korintherbriefes deutlich, denn es ist kein Zufall, dass Paulus in 1 Kor 6,12-20 das Verh\u00e4ltnis von neuer Religion und alter Sexualit\u00e4t zum Thema macht, um dann in Kapitel 7 insbesondere zu Ehefragen Stellung zu nehmen. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sich die neue und die alte Welt \u00fcberlappen und vor welchen Problemen Paulus stand: Es galt nicht nur, Regeln f\u00fcr das Gebiet der Sexualit\u00e4t und der Ehe innerhalb der neuen Bewegung der Christen aufzustellen, sondern sie mussten vor allen Dingen gegen\u00fcber den alten Praktiken einge\u00fcbt und durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt ist dabei f\u00fcr Paulus eine eschatologische Perspektive, die pr\u00e4gnant in 1 Kor 7,29-31 formuliert wird: \u201eDenn ich sage euch, Br\u00fcder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine; wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als w\u00fcrde er nicht Eigent\u00fcmer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.\u201c Paulus geht es angesichts des nahen Endes und des damit verbundenen Gerichtes um die Reinheit der Gemeinde. Sie hat einen eigenen eschatologischen Status, weil sie am Ende sogar \u00fcber die Engel richten wird (1 Kor 6,3). Deshalb muss der Unz\u00fcchtige aus der Gemeinde ausgeschlossen werden (1 Kor 5) und deshalb ist das Verbleiben im gegenw\u00e4rtigen Stand in der Regel die beste L\u00f6sung der Probleme; auch im Hinblick auf die Ehe.<\/p>\n<p>Damit unterscheidet sich Paulus fundamental von allen anderen antiken Aussagen \u00fcber die Ehe, die in ihr zuallererst die Basis einer Gesellschaft, eines Staates sehen. Sowohl im Judentum als auch im Hellenismus bedeutete es f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen gewisserma\u00dfen eine nat\u00fcrliche Pflicht, zu heiraten und Kinder zu zeugen. Der r\u00f6mische Kaiser Augustus erkl\u00e4rte die Heirat f\u00fcr M\u00e4nner zwischen 25 und 60 Jahren und f\u00fcr Frauen zwischen 20 und 50 Jahren zur gesetzlichen Pflicht. Ehe- und Kinderlose wurden in der Gesetzgebung systematisch benachteiligt, vor allem auf dem Gebiet der Steuern. Vor allem stoische Philosophen sahen aber in der Ehe viel mehr als den legitimen Ort des Kinderzeugens. Musonius (circa 30-108 n. Chr.), ein vehementer Verfechter der Gleichrangigkeit der Frauen, stellt die Ehe zwischen einem Philosophen und einer gebildeten Frau als das Optimum menschlichen Gl\u00fccks dar. \u00dcber das Kinderzeugen sagt er: \u201eAber das reicht noch nicht zur wahren Ehe, weil es ja auch ohne Ehe geschehen k\u00f6nnte \u2026 In der Ehe aber muss in jeder Hinsicht ein enges Zusammenleben stattfinden und eine gegenseitige F\u00fcrsorge von Mann und Frau \u2026 einander in Liebe zu \u00fcberbieten \u2012 eine solche Ehe ist, wie sie sein soll und ein Vorbild f\u00fcr andere\u201c (Dissertationes 12).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie liegen die Dinge bei Paulus? Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, dass er nur in 1 Kor 7 ausf\u00fchrlich auf das Thema eingeht, offenkundig veranlasst durch Anfragen aus Korinth (1 Kor 7,1a: \u201eWovon ihr geschrieben habt, antworte ich euch\u201c). Paulus lebt wie seine Gemeinden in einer akuten Naherwartung und dies relativiert f\u00fcr ihn die Bedeutung irdischer Bindungen, hier speziell der Ehe. Dieser Ausgangspunkt wird in 1 Kor 7,1b deutlich: \u201eEs ist in der Tat gut f\u00fcr einen Mann, eine Frau nicht anzur\u00fchren.\u201c Dies stellt die theologische Position und die pers\u00f6nliche Praxis des Paulus dar. Er war offensichtlich nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Wie die wahren Philosophen f\u00fcrchtete auch der Apostel, durch eine Familie an seinem Dienst am Evangelium f\u00fcr alle Menschen gehindert zu werden. Der stoische Philosoph Epiklet formuliert gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus: \u201eDa die Lage der Dinge aber so ist, wie sie gegenw\u00e4rtig ist \u2012 wir befinden uns gleichsam in der Situation an der Front \u2012 muss da der Kyniker nicht ungehindert sein, ganz im Dienst der Gottheit stehen, im Stande sein unter den Menschen herum zu gehen, nicht gefesselt durch b\u00fcrgerliche Pflichten, nicht gebunden durch pers\u00f6nliche Beziehungen, durch deren Verletzung er nicht mehr den Charakter des Ehrenmannes bewahren, durch deren Wahrnehmung er aber den Boten, den Kundschafter und Herold der G\u00f6tter zerst\u00f6ren w\u00fcrde?\u201c (Diss III 22,69).<\/p>\n<p>Paulus m\u00f6chte, dass alle Menschen so sind wie er, aber er wei\u00df gleichzeitig um die Versuchung und schr\u00e4nkt deshalb in 1 Kor 7,2 ein: \u201eAber wegen der Unz\u00fcchtigen soll jeder seine Frau haben und jede ihren Mann haben.\u201c Die sich anschlie\u00dfende Argumentation kann f\u00fcr antikes Denken als durchaus fortschrittlich bezeichnet werden, denn der Apostel stellt ausdr\u00fccklich fest, dass der Mann gegen\u00fcber seiner Frau und auch die Frau gegen\u00fcber ihrem Mann ihre Pflichten zu erf\u00fcllen haben. 1 Kor 7,4: \u201eDie Frau hat \u00fcber ihren K\u00f6rper nicht das Verf\u00fcgungsrecht, sondern der Mann; ebenso aber hat auch der Mann \u00fcber seinen K\u00f6rper nicht das Verf\u00fcgungsrecht, sondern seine Frau.\u201c Diese Form von Gleichberechtigung ist bemerkenswert! Paulus argumentiert hier zugunsten einer uneingeschr\u00e4nkten Aus\u00fcbung der bestehenden ehelichen Gemeinschaft auf einer gleichberechtigten Ebene. Wer daraus ausbrechen will, setzt sich der Gefahr der Unzucht aus. Seine eigene F\u00e4higkeit zur Ehelosigkeit versteht er als ein von Gott verliehenes Charisma, weil er so seinen Dienst f\u00fcr Christus und f\u00fcr die Menschen uneingeschr\u00e4nkt aus\u00fcben kann: \u201eIch m\u00f6chte freilich, dass alle Menschen so seien, wie ich selbst. Jeder hat jedoch seine besondere Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so\u201c (1 Kor 7,7).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von dieser Grundposition aus werden nun die einzelnen Gruppen\/St\u00e4nde in der Gemeinde angesprochen. Zun\u00e4chst wendet sich Paulus den unverheirateten Christen und den Witwen zu und gibt ihnen den Rat: \u201eGut ist es f\u00fcr sie, wenn sie so bleiben, wie auch ich bin\u201c (1Kor 7,8). Sollten sie sich jedoch nicht beherrschen k\u00f6nnen, so ist es besser zu heiraten als dem Feuer der Begierde zu verfallen.<\/p>\n<p>Bei der Frage der Ehescheidung f\u00fchrt Paulus ein Herrenwort als Autorit\u00e4tsinstanz an: \u201eDen Verheirateten aber gebiete ich \u2012 nicht ich, sondern der Herr \u2012, dass sich die Frau nicht vom Mann trennen soll \u2012 falls sie sich aber doch getrennt haben sollte, soll sie ehelos bleiben oder sich mit dem Mann auss\u00f6hnen \u2012 und dass der Mann die Frau nicht entlassen soll\u201c (1Kor 7,10f). Paulus spricht hier \u00fcber Ehen, in denen beide Partner Christen sind. Die differenzierenden und einschr\u00e4nkenden Formulierungen zeigen, dass es in der Gemeinde Scheidungen gab, die nur von einem Partner betrieben wurden. Zun\u00e4chst weist Paulus die christlichen Eheleute auf das Scheidungsverbot Jesu als Autorit\u00e4t hin. Er zitiert Jesu Scheideverbot nicht w\u00f6rtlich, sondern dem Inhalt nach (vgl. Mk 10,2-11; Mt 19,3-9; Lk 16,18; Mt 5,32). Jesu Position kommt am deutlichsten in Mk 10,9 zum Ausdruck: \u201eWas Gott zusammengef\u00fcgt hat, soll der Mensch nicht scheiden.\u201c Die M\u00f6glichkeit der Scheidung wird von Jesus als eine Konzession des Mose an die \u201eHartherzigkeit\u201c der Menschen gewertet, die sich letztlich gegen den Menschen richtet. Indem Jesus die Scheidung verwirft, wertet er nicht nur die Stellung der Frau in der j\u00fcdischen Gesellschaft auf, sondern stellt sich \u00fcber die Autorit\u00e4t des Mose und nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, den auf das Wohl des Menschen gerichteten urspr\u00fcnglichen Willen des Sch\u00f6pfers wieder zu Geh\u00f6r zu bringen. Zugleich setzt er damit die Scheidungsm\u00f6glichkeiten nach Dtn 24,1-4 au\u00dfer Kraft. Paulus passt allerdings das absolute Scheidungsverbot Jesu den korinthischen Realit\u00e4ten an. Falls die Frau sich bereits vom Mann getrennt hat, soll sie ehelos bleiben oder sich mit dem Mann auss\u00f6hnen, dasselbe gilt f\u00fcr den Mann. Damit soll eine Wiederverheiratung und damit endg\u00fcltige Scheidung offenbar vermieden werden. Grunds\u00e4tzlich ist Paulus \u2012 wie Jesus \u2012 gegen Ehescheidungen, zugleich ignoriert er aber nicht die Gemeinderealit\u00e4t und sucht nach praktikablen L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Abschnitt 1 Kor 7,12-16 wendet sich Paulus der in Korinth offenkundig wichtigen Frage der Mischehen zu. Er betont ausdr\u00fccklich, dass seine Anweisungen hier nicht auf einem Gebot des Herrn, sondern auf seinen Einsichten beruhen. Es geht um Gemeindeglieder, die mit einer Heidin beziehungsweise einem Heiden verheiratet sind und diese Ehe aufl\u00f6sen wollen. Daf\u00fcr kann man sich zwei Gr\u00fcnde vorstellen: Zum einen ein Elitebewusstsein des christlichen Partners; Pneumatiker wollen nicht l\u00e4nger mit Psychikern zusammen leben, das hei\u00dft sich nicht in den H\u00f6henfl\u00fcgen des eigenen geistlichen Lebens von den Unvollkommenen beeintr\u00e4chtigen lassen. Paulus spricht sich hier eindeutig daf\u00fcr aus, dass der christliche Partner die Scheidung aus religi\u00f6sem Vollkommenheitsstreben gegen den Willen des nichtchristlichen Partners nicht betreiben soll. Er stellt einer religi\u00f6sen Begr\u00fcndung des Scheidungsverlangens die \u00dcberzeugung entgegen, dass das Christsein eines Familienmitgliedes auf alle in der Familie ausstrahlt, so dass auch die anderen indirekt Anteil an dem Gottesverh\u00e4ltnis des Christen erhalten, \u201edenn der nichtgl\u00e4ubige Mann ist durch die Frau geheiligt, und die nichtgl\u00e4ubige Frau ist durch den Bruder geheiligt; denn sonst w\u00e4ren eure Kinder unrein, in Wirklichkeit aber sind sie heilig\u201c (1 Kor 7,14). Das Zusammenleben mit den Nichtglaubenden kann also die Gottesbeziehung des Glaubenden nicht beeintr\u00e4chtigen. Das Leben des gl\u00e4ubigen Teils innerhalb einer Ehe ist nicht wirkungslos, sondern es bezieht sogar ungewollt den Anderen mit ein, sodass auch dieser an dem neuen Gottesverh\u00e4ltnis des christlichen Partners teilhat und davon in der Heiligung profitiert. Hier sind Kr\u00e4fte am Wirken, die \u00fcber individuelles Verhalten weit hinausgehen (1 Kor 15,29).<\/p>\n<p>Der zweite Grund f\u00fcr eine Trennung k\u00f6nnte darin liegen, dass der nichtchristliche Teil der Ehe die neue Religion des Partners\/der Partnerin ablehnt. Wenn man sich der neuen Bewegung der Christen anschloss, dann hatte dies erhebliche Folgen f\u00fcr das gesellschaftlich-soziale Leben beider Partner. Besuche heidnischer Tempel oder Feste, Einladungen mit religi\u00f6sen Zeremonien, all das konnte zum Problem werden. Paulus behandelt diesen Fall; wenn das Scheidungsverlangen vom nichtgl\u00e4ubigen Teil ausgeht, dann soll sich der Christ\/die Christin trennen. Der christliche Teil ist unter solchen Verh\u00e4ltnissen nicht sklavisch an den nichtchristlichen Teil gebunden, der den Glauben nicht toleriert. Der Christ ist von Gott berufen, um in Frieden zu leben, nicht aber in einer sklavisch negativen Bindung zum Ehepartner, der ihn m\u00f6glicherweise vor die Alternative stellt: entweder Christus oder ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Maxime des Bleibens im jeweiligen aktuellen Stand wird von Paulus auch in 1 Kor 7,17-24 vertreten, wo es um die Beschneidung beziehungsweise um Unbeschnittenheit geht, vor allem aber um den Stand der Sklaven. In 1 Kor 7,24 hei\u00dft es: \u201eWorin jeder berufen wurde, liebe Br\u00fcder, darin bleibe er bei Gott!\u201c Bei dem konkreten Fall einer Freilassung von Sklaven, ob als Entgegenkommen eines Herrn oder als Forderung an christliche Herren, bleibt Paulus unklar. Hier sagt er: \u201eWurdest du als Sklave berufen, mache dir nichts daraus! Aber wenn du doch frei kommen kannst, gebrauche (es) umso mehr\u201c (1 Kor 7,21). Die bewusst unklare Formulierung l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass Paulus wohl das Bleiben im jeweiligen Stand bevorzugte, aber ein Freikommen von Sklaven im Einzelfall nicht ausschloss.<\/p>\n<p>In 1 Kor 7,25-28 wendet sich der Apostel einem weiteren Problem zu: Was ist mit denen, die gerade dabei sind, eine Ehe einzugehen? Sollen sie ihr Vorhaben verwirklichen oder aber ihre bereits anf\u00e4nglich eingegangene Bindung als Verlobung l\u00f6sen? Dies k\u00f6nnte dem korinthischen Vollkommenheitsideal entsprochen haben. Die Verlobung war zwar keine griechische, sondern eine r\u00f6mische und j\u00fcdische Sitte, wird aber in der r\u00f6mischen Neugr\u00fcndung Korinth verbreitet gewesen sein. Zun\u00e4chst r\u00e4t Paulus den Verlobten, die Verlobung nicht zu l\u00f6sen, aber auch nicht zu heiraten, sondern im Status des Verlobtseins zu bleiben. Er begr\u00fcndet dieses ausdr\u00fccklich mit den Bedr\u00e4ngnissen, denen die Glaubenden in der Welt ausgesetzt sind (1 Kor 7,29-31). Zugleich gilt aber: Wer heiratet, s\u00fcndigt nicht. Mit V. 32 geht der Gedankengang zu den Verlobten zur\u00fcck. Paulus weist in Vers 32-35 zun\u00e4chst darauf hin, dass die Ehe eine ganzheitliche Hingabe an und eine gro\u00dfe Verantwortung f\u00fcr den Partner mit sich bringt. Demgegen\u00fcber kann sich der Unverheiratete ganz f\u00fcr den Herrn Jesus Christus einsetzen.<\/p>\n<p>In V. 36-38 konkretisiert Paulus, unter welchen Voraussetzungen er den Verlobten eine Heirat beziehungsweise einen Heiratsverzicht empfiehlt. Zun\u00e4chst \u00e4u\u00dfert sich Paulus zu der Anfrage verlobter M\u00e4nner, f\u00fcr die die bevorstehende Heirat offenbar zu einem Problem geworden war. Aufgrund ihres Vollkommenheitsbewusstseins erscheint ihnen das Eheleben mit seinen irdischen (sexuellen) Bed\u00fcrfnissen als minderwertig. Hier votiert Paulus daf\u00fcr, die bestehenden Bindungen nicht aufzul\u00f6sen, vielmehr soll der Christ sich in ihnen bew\u00e4hren. Ob damit auch gemeint ist, auf die Aus\u00fcbung der Sexualit\u00e4t zu verzichten und eine Art \u201egeistliche Ehe\u201c zu f\u00fchren, l\u00e4sst sich nicht kl\u00e4ren. Zugleich tritt Paulus aber daf\u00fcr ein, dass der, der nicht heiraten will, dies auch nicht tun muss. Der Heiratsverzicht ist vorzuziehen, weil nur durch diese Ungebundenheit eine Konzentration auf den Kyrios m\u00f6glich ist. Zudem ist es so leichter, die Bedr\u00e4ngnisse durch die Umwelt zu ertragen. Im Hintergrund d\u00fcrften gesellschaftliche Diskriminierungen stehen, denen jene ausgesetzt waren, die ihr Christsein \u00f6ffentlich lebten. Das pers\u00f6nliche Zeugnis und die Missionsaktivit\u00e4t k\u00f6nnen von Unverheirateten nach Meinung des Apostels authentischer gelebt werden. Dennoch gilt: \u201eEinerseits tut der, der seine Jungfrau heiratet, gut; andererseits wird der, der nicht heiratet, besser tun\u201c (1Kor 7,38).<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend wendet sich Paulus den Witwen zu, die in den fr\u00fchchristlichen Gemeinden eine wichtige Rolle spielten (1 Kor 7,39-40). Witwen waren in der Antike aufgrund des fehlenden Sozialsystems oft mittellos. Sie schlossen sich offenbar in gr\u00f6\u00dferer Zahl den neuen Gemeinden an, die sich als \u201eFamilie Gottes\u201c verstanden und mittellose Witwen unterst\u00fctzten. Wiederum r\u00e4t der Apostel zum Verbleiben im gegenw\u00e4rtigen Stand, das hei\u00dft nicht wieder zu heiraten. Will jedoch eine Witwe wieder heiraten, dann steht ihr das frei, jedoch: \u201enur dass es im Herrn geschehe\u201c. Was ist damit gemeint? Man kann es als eine allgemeine Bemerkung (\u201edas bedenkt immer mit\u201c) oder aber auch als indirekte Aufforderung verstehen, einen christlichen Partner zu heiraten. Vom gesamten Duktus der Argumentation her erscheint die Heirat eines christlichen Partners wahrscheinlicher. Paulus m\u00f6chte offensichtlich die m\u00f6glichen Konflikte reduzieren. Wenn er am Ende noch einmal ausdr\u00fccklich betont, \u201eauch den Geist Gottes zu haben\u201c (1 Kor 7,40), dann wirft dies noch einmal einen Blick auf die korinthische Gemeinde, in der wohl viele meinten, in besonderer Weise \u201eden Geist zu haben\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus vertritt keine \u201eEhetheologie\u201c, seine Ausf\u00fchrungen zeigen aber deutlich, dass f\u00fcr ihn das Charisma der Ehelosigkeit der eigentlich angestrebte Stand sein musste. Angesichts der vergehenden Welt und den Bedr\u00e4ngnissen in der Welt erm\u00f6glicht es die Ehelosigkeit am besten, sich f\u00fcr das Evangelium Jesu Christi uneingeschr\u00e4nkt einzusetzen. Vielleicht spielte aber auch eine Rolle, dass Paulus der \u00e4u\u00dferen Erscheinung nach nicht besonders attraktiv war (2 Kor 10,10) und zeitlebens unter einer Krankheit litt (2 Kor 12,7), sodass er einfach keine Frau fand.<\/p>\n<p>Allerdings trat Paulus im Gegensatz zu enthusiastisch orientierten Gemeindegliedern nicht daf\u00fcr ein, bestehende Bindungen aufzul\u00f6sen. Die Heiligkeit der Ehe bleibt bestehen, ja wird sogar mit einem Gebot Jesu begr\u00fcndet. Zugleich argumentiert Paulus flexibel, wenn er den einzelnen Parteien verschiedene M\u00f6glichkeiten aufzeigt. Dabei ist die Warnung vor der Begierde ein wichtiges Argument, worin sich j\u00fcdisches Erbe zeigt. Bevor die Begierde und damit m\u00f6glicherweise die Unzucht die Oberhand gewinnt, sollen die Gemeindeglieder feste Bindungen eingehen. Ist die Ehe hier eine Art Notbehelf? Von einer uneingeschr\u00e4nkt positiven Wertung der Ehe \u2012 wie bei Musonius \u2012 ist Paulus jedenfalls weit entfernt. Schlie\u00dflich f\u00e4llt auf, dass weder bei Paulus noch im gesamten Neuen Testament vom Ehezweck der Kinderzeugung die Rede ist.<\/p>\n<p>Paulus entwickelt zu den Fragen der Ehe kein geschlossenes theologisches Konzept, sondern er reagiert auf die vielf\u00e4ltigen Probleme in der korinthischen Gemeinde. Offenbar f\u00fchrte das Vollkommenheitsbewusstsein der Pneumatiker dazu, entweder sexuelle Grenzen zu \u00fcberschreiten, weil das Irdische nicht mehr relevant ist, oder aber das Sexuelle generell zu meiden, weil es f\u00fcr Vollkommene \u00fcberholt war. Demgegen\u00fcber votiert Paulus f\u00fcr eine eschatologische, gegen\u00fcber den Dingen der Welt unabh\u00e4ngige Perspektive, die sich vollst\u00e4ndig auf das unmittelbar bevorstehende Handeln Gottes ausrichtet. Die Ehe wird unter dem Aspekt der zu vermeidenden Begierde\/Unzucht als Sch\u00f6pfungsordnung gesehen, zu einer dar\u00fcber hinausgehenden W\u00fcrdigung gelangt der Apostel allerdings nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Religion und Sexualit\u00e4t waren \u2012 anders als heute \u2012 in der antiken Welt eng miteinander verbunden, denn sie geh\u00f6ren zum Bereich des Ekstatischen. Kultische Prostitution und sexuell konnotierte Initiationsriten waren speziell in den Mysterienreligionen h\u00e4ufig anzufinden (zum Beispiel im Isis-Kult). 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