{"id":117985,"date":"2026-01-19T14:02:38","date_gmt":"2026-01-19T13:02:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117985"},"modified":"2026-01-19T14:02:41","modified_gmt":"2026-01-19T13:02:41","slug":"das-verhaeltnis-von-kirche-und-welt-ich-versuche-allen-in-allem-entgegenzukommen-1-kor-1033","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/das-verhaeltnis-von-kirche-und-welt-ich-versuche-allen-in-allem-entgegenzukommen-1-kor-1033\/","title":{"rendered":"Das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Welt"},"content":{"rendered":"<p>Was das spannungsreiche Verh\u00e4ltnis von Kirche und Welt betrifft, finden sich im ersten Korintherbrief in erster Linie \u00dcberlegungen zu zwei Fragestellungen: Worin gr\u00fcndet die Spannung zwischen Kirche und Welt? Und: Welche Konsequenzen hat dies f\u00fcr das Verhalten der Glaubenden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Differenz zur Welt<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem \u201eWort vom Kreuz\u201c betont Paulus sehr stark die Differenz zwischen den Wertma\u00dfst\u00e4ben der Welt und dem Evangelium. Die Verk\u00fcndigung des Handelns Gottes im Kreuz Jesu ist den Juden ein \u00c4rgernis, den Griechen eine Torheit (1,23). Mit dieser Zweiteilung in Juden und Heiden bezeichnet Paulus in j\u00fcdischer Perspektive umfassend die Menschheit, sofern sie sich nicht zu Christus bekennt. Paulus verwendet daf\u00fcr auch den Begriff der \u201eWelt\u201c (im griechischen Text stehen daf\u00fcr, ohne erkennbaren Sinnunterschied, zwei Worte: \u201eaion\u201c und \u201ekosmos\u201c). Im \u201eWort vom Kreuz\u201c hat Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht (1,20). Wer den Ma\u00dfst\u00e4ben dieser Welt folgt, kann das Wort vom Kreuz nur ablehnen, denn er folgt nicht der Weisheit Gottes, sondern der Weisheit der Welt (2,6f). Auch stehen sich der Geist der Welt und der Geist aus Gott als Gegens\u00e4tze gegen\u00fcber: \u00dcber die Glaubenden sagt Paulus: \u201eWir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt ist\u201c (2,12).<\/p>\n<p>Der ganze Abschnitt von 1,18 bis 3,23 ist gepr\u00e4gt von diesem Gegensatz zur Welt. Dies f\u00e4llt umso st\u00e4rker auf, als der thematische Ausgangspunkt nicht eine grunds\u00e4tzliche Er\u00f6rterung \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Gemeinde und Welt ist, sondern der Parteienstreit: \u201eIch meine dies, dass jeder von euch sagt: Ich geh\u00f6re zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu Kephas, ich zu Christus\u201c (1,12). Die Adressaten zeigen durch die Gruppenbildung mit ihrer Berufung auf menschliche Gr\u00f6\u00dfen, dass sie sich noch nicht genug gel\u00f6st haben von den Ma\u00dfst\u00e4ben der Welt.<\/p>\n<p>Paulus setzt in einer praktischen Frage \u2013 die Fraktionierung in der korinthischen Gemeinde \u2013 auffallend grunds\u00e4tzliche theologische Kategorien zur Gegensteuerung ein. Daraus ergeben sich zwei Folgerungen: Im Blick auf das Problem der Gruppenbildung zeigt sich, dass Paulus es keineswegs f\u00fcr nebens\u00e4chlich gehalten hat \u2013 nicht sonderlich \u00fcberraschend, denn darauf deutet auch schon die L\u00e4nge der diesbez\u00fcglichen Ausf\u00fchrungen. Im Blick auf die verwendeten theologischen Kategorien folgt: Sie m\u00fcssen wirklich von grundlegender Bedeutung sein, denn Paulus f\u00fchrt sie nicht als eigenes Thema ein, sondern gebraucht sie als Argumentation im Rahmen eines praktischen Problems. Er entwickelt also seine Gedanken nicht als Antwort auf die Frage: Wie ist eigentlich das Verh\u00e4ltnis der Gemeinde zur Welt zu bestimmen? Sondern er greift angesichts der Tatsache, dass in der Gemeinde etwas schief l\u00e4uft, auf die theologische Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Gemeinde und Welt zur\u00fcck, um zu zeigen, dass die Differenz zur Welt unter den Adressaten noch nicht angemessen verwirklicht ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Welt als Missionsfeld<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie passt zu den gerade erhobenen Akzenten die Aussage des Paulus in 10,33, die ja auch den Untertitel des Statements darstellt: \u201eAllen suche ich in allem entgegenzukommen?\u201c Die Formulierung mit \u201ealle\u201c ist hier w\u00f6rtlich gemeint, denn Paulus fordert im Satz zuvor die Adressaten auf, unanst\u00f6\u00dfig zu sein f\u00fcr Juden, Griechen und die Kirche Gottes, und pr\u00e4sentiert sich dann mit der zitierten Aussage als Vorbild solchen Verhaltens.<\/p>\n<p>Diese Aussage erinnert sehr stark an das, was Paulus bereits an fr\u00fcherer Stelle ausgef\u00fchrt hat: \u201eAllen bin ich alles geworden, damit ich in jedem Fall einige rette\u201c (9,22). Der Apostel passt sich an, \u201eum des Evangeliums willen\u201c (9,23). Hat er mit Juden zu tun, h\u00e4lt er sich an die Gebote der Tora \u2013 um Juden f\u00fcr das Evangelium zu gewinnen, nicht weil er dies f\u00fcr sachlich notwendig erachtet h\u00e4tte. Denn versucht er Heiden zu gewinnen, l\u00e4sst er den Tora-Gehorsam fahren. Das ist ihm ohne Schwierigkeit m\u00f6glich, weil er selbst ja nicht mehr \u201eunter dem Gesetz\u201c steht. Paulus verh\u00e4lt sich also der jeweiligen Adressatengruppe entsprechend. Oder mit 10,33 gesagt: Er kommt allen in allem entgegen und versucht unanst\u00f6\u00dfig zu sein, wie er es von den Korinthern verlangt.<\/p>\n<p>Man kann fragen: Wendet Paulus nur missionarische Tricks an, wenn er \u201eallen im allem entgegenkommt\u201c? Wird die Katze erst hinterher aus dem Sack gelassen? Oder gab es da gar keine verborgene Katze? Gleicht das Evangelium des Paulus eher einem Cham\u00e4leon, das sich seiner Umgebung anpasst?<\/p>\n<p>Eine solche Konsequenz k\u00f6nnen wir f\u00fcr Paulus sicher ausschlie\u00dfen. Dass er denen unter dem Gesetz wie einer unter dem Gesetz wurde, flexibilisiert nicht den Inhalt seiner Verk\u00fcndigung. F\u00fcr Paulus gibt es eine nicht verhandelbare \u201eWahrheit des Evangeliums\u201c (Gal 2,5.14). Die Missionsstrategie des Paulus in 1 Kor 9 bezieht sich auf sein pers\u00f6nliches Verhalten. Er will dem Evangelium nicht dadurch im Weg stehen, dass er mit seinem Tun Ansto\u00df erregt. Ist er unter Juden, verh\u00e4lt er sich wie sie. Aber er hat f\u00fcr sie kein anderes Evangelium in der Tasche als f\u00fcr die Heiden. Wenn die H\u00f6rer an seiner Botschaft Ansto\u00df nehmen, dann deshalb, weil sie den Ma\u00dfst\u00e4ben dieser Welt verhaftet bleiben und so Gottes Handeln in Christus nicht erkennen. An dieser Botschaft ist keine Anpassung m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dass Paulus \u00fcberhaupt auf sein Verhalten als Apostel eingeht, verdankt sich einer konkreten Streitfrage. Wenn wir diese Spur verfolgen, sto\u00dfen wir auf die praktische Seite unseres Themas: die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zur Welt in der Alltagswelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Verh\u00e4ltnis zur Alltagswelt<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Satz \u201eIch suche allen in allem entgegenzukommen\u201c findet sich am Ende der \u00e4u\u00dferst ausf\u00fchrlichen Behandlung eines Problems, das die Gemeinde von Korinth umgetrieben hat: D\u00fcrfen die Glaubenden Fleisch essen, das aus Opfern in heidnischen Tempeln stammt? Es gab dazu zwei gegens\u00e4tzliche Positionen. Die einen sahen keine Schwierigkeit im Verzehr. Man kann wohl davon ausgehen, dass ihre Begr\u00fcndung auf der Linie dessen lag, was Paulus in 1 Kor 8,4-6 unter dem Stichwort der \u201eErkenntnis\u201c ausf\u00fchrt: Wenn es nur einen Gott gibt und die G\u00f6tzen nichtig sind, ist das ihnen geopferte Fleisch letztlich profanes Fleisch und kann gegessen werden. Nicht alle aber haben diese Erkenntnis, wie Paulus sagt (8,7). Die \u201eSchwachen\u201c (8,9) k\u00f6nnen den Opferkontext nicht ausblenden, w\u00fcrden das Fleisch nach wie vor als G\u00f6tzenopferfleisch essen und darin einen Widerspruch zu ihrer Bindung an Christus erkennen. Die \u201eStarken\u201c haben zu ihrer religi\u00f6sen Herkunft ein innerlich so distanziertes Verh\u00e4ltnis, dass sie sich in den praktischen Lebensvollz\u00fcgen in dieser Welt ohne Scheu bewegen. Ob das Fleisch aus kultischen Zusammenh\u00e4ngen stammt, braucht sie nicht mehr zu interessieren, da sie nun von der Nichtigkeit des G\u00f6tzenkultes \u00fcberzeugt sind. Umgekehrt die \u201eSchwachen\u201c: Sie haben sich von ihrer religi\u00f6sen Herkunft noch nicht im selben Ma\u00df gel\u00f6st und bleiben deshalb im allt\u00e4glichen Leben auf Distanz und meiden das Fleisch, das in Verbindung mit dem alten Kult stehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zwar erleben wir in der Gegenwart quasi-religi\u00f6se K\u00e4mpfe um die richtige Ern\u00e4hrung, dennoch ist uns das beschriebene Problem eher fremd, und wir k\u00f6nnten geneigt sein, es f\u00fcr nebens\u00e4chlich zu halten. Dass Paulus hier eine ernste Frage erkennt, zeigt sich schon an dem immensen Aufwand, den er zur ihrer Beantwortung betreibt. Das angemessene Verh\u00e4ltnis zur Welt l\u00e4sst sich f\u00fcr ihn nicht auf die Frage reduzieren, wer sachlich-theologisch Recht hat in der Debatte um das Essen des G\u00f6tzenopferfleisches. Die Alltagswelt ist zu kompliziert, als dass man ihr mit der zutreffenden Auffassung \u00fcber die Einzigkeit Gottes und die Nichtigkeit der G\u00f6tzen bereits gerecht werden k\u00f6nnte. Es gibt Situationen, in denen sich die Glaubenden nicht einfach auf die richtige Erkenntnis berufen k\u00f6nnen. Paulus gibt eine differenzierte Antwort.<\/p>\n<p>Eine grunds\u00e4tzliche Grenze wird durch die \u201eSchwachen\u201c, also diejenigen gesetzt, die das G\u00f6tzenopferfleisch noch als solches wahrnehmen. Sie k\u00f6nnten durch den Genuss seitens der Starken dazu verleitet werden, dieses Fleisch ebenfalls zu essen und sich in ihrer eigenen Wahrnehmung damit erneut den G\u00f6tzen zuzuwenden, ihnen Macht einzur\u00e4umen. In Situationen, in denen diese Gefahr besteht, d\u00fcrfen die Starken ihre Erkenntnis nicht durchsetzen: \u201eWenn eine Speise meinem Bruder zum Ansto\u00df wird, esse ich \u00fcberhaupt kein Fleisch in Ewigkeit, damit ich meinem Bruder keinen Ansto\u00df gebe\u201c (8,13). Einen Sachgrund, auf dem Essen des Fleisches zu bestehen, gibt es nicht.<\/p>\n<p>Mit der Betonung dieser grunds\u00e4tzlichen Grenze ist das Problem aber noch nicht gel\u00f6st. Die Situationen, in denen sich die Glaubenden der korinthischen Gemeinde wiederfinden k\u00f6nnen, sind vielf\u00e4ltiger. Die R\u00fccksicht auf die Schwachen ist nur ein Aspekt. Noch auf derselben Linie liegen die Ausf\u00fchrungen in 10,14-22. Paulus zieht dort ebenfalls eine scharfe Grenze, ohne dass die R\u00fccksicht auf die Schwachen eine Rolle spielte. Er warnt eindringlich vor der Teilnahme am heidnischen Kult. Auch wenn die G\u00f6tzen und das ihnen geopferte Fleisch eigentlich nichtig sind, so entsteht im Kult doch eine Gemeinschaft mit D\u00e4monen, die Paulus als die Empf\u00e4nger des Opfers ansieht. Und eine solche Gemeinschaft tr\u00e4te in Konkurrenz zur Gemeinschaft mit Christus.<\/p>\n<p>Die m\u00f6glichen Ber\u00fchrungen mit der Welt der G\u00f6tzen beschr\u00e4nken sich aber nicht auf unmittelbar kultische Begehungen. Wie steht es mit dem Fleisch, das auf dem Markt verkauft wird und von dem unklar ist, ob es aus kultischer Schlachtung stammt? Paulus sagt, man k\u00f6nne dieses Fleisch essen, ohne \u00fcber seine Herkunft Erkundigungen einzuziehen (10,25). Auch eine Privateinladung bei Ungl\u00e4ubigen zwingt nicht dazu, die Herkunft des Fleisches zu erfragen; es kann alles gegessen werden (10,27). Die Situation \u00e4ndert sich allerdings, wenn ausdr\u00fccklich darauf hingewiesen wird, dass das Fleisch aus dem Kult stammt. Dann soll es nicht gegessen werden, weil sonst der Eindruck entsteht, das Bekenntnis zu Christus sei mit dem G\u00f6tzendienst vereinbar. Dieser Eindruck soll nicht nach au\u00dfen vermittelt werden. Die Stellung zum G\u00f6tzenopferfleisch ist, worauf Dietrich-Alex Koch \u00fcberzeugend hingewiesen hat, also abh\u00e4ngig von der Situation, in der es gegessen wird. Nicht die Substanz als solche markiert die Grenze; deshalb muss man die Herkunft des Fleisches nicht erfragen und kann das Fleisch vom Markt oder bei einem privaten Essen bedenkenlos essen. Wird aber die kultische Qualit\u00e4t des Fleisches offen benannt, tritt der Bekenntnisfall ein. Dann muss um der Eindeutigkeit des Christusglaubens willen auf den Verzehr des Fleisches verzichtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Conclusion<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Ganzen ergibt sich also ein durchaus differenziertes Bild des Verh\u00e4ltnisses von Kirche und Welt. Die scharfe Kontrastierung der Wertma\u00dfst\u00e4be \u2013 Weisheit Gottes gegen Weisheit der Welt \u2013 begr\u00fcndet keine Abschottung von der Welt. Aus dem klaren Nein zum G\u00f6tzendienst folgt nicht, dass alle m\u00f6glichen Ber\u00fchrungen mit dieser Sph\u00e4re im Alltag zu meiden w\u00e4ren. Nicht die Furcht vor Kontakt mit kultischen Substanzen aus der heidnischen G\u00f6tterwelt bestimmt die Weisungen, sondern die Sorge um die Eindeutigkeit des Christusbekenntnisses als Absage an die heidnische G\u00f6tterwelt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Paulus war der bleibende allt\u00e4gliche Kontakt mit der Welt, wie er sich in der Einladung zu einem Essen ausdr\u00fcckte, wohl auch eine missionarische Chance. Immerhin rechnet er damit, dass Ungl\u00e4ubige auch in die gottesdienstliche Versammlung kommen (14,23-25). Und das d\u00fcrfte sich am ehesten durch private Kontakte anbahnen. Abgrenzung und \u00d6ffnung: Beides finden wir bei der Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Kirche und Welt bei Paulus \u2013 gr\u00fcndlich durchdacht im Blick auf die Situationen des allt\u00e4glichen Lebens.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was das spannungsreiche Verh\u00e4ltnis von Kirche und Welt betrifft, finden sich im ersten Korintherbrief in erster Linie \u00dcberlegungen zu zwei Fragestellungen: Worin gr\u00fcndet die Spannung zwischen Kirche und Welt? 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