{"id":117989,"date":"2026-01-19T14:05:31","date_gmt":"2026-01-19T13:05:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117989"},"modified":"2026-01-19T14:05:34","modified_gmt":"2026-01-19T13:05:34","slug":"rolle-und-bedeutung-der-frau-in-den-gemeinden-sollen-die-frauen-schweigen-1-kor-1434","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/rolle-und-bedeutung-der-frau-in-den-gemeinden-sollen-die-frauen-schweigen-1-kor-1434\/","title":{"rendered":"Rolle und Bedeutung der Frau"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Auf der Anklagebank des Chauvinismus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend: Das Zitat, das vom Organisationsteam der Biblischen Tage 2016 dem Statement zum Thema \u201eRolle und Bedeutung der Frau\u201c beigef\u00fcgt wurde, greift 1 Kor 14,34 auf: \u201eIn den Gemeinden sollen die Frauen schweigen\u201c. Das Zitat dieses Schweigegebots mag als bewusst provokanter Hinweis auf eine der \u201esteilen Klippen\u201c im ersten Korintherbrief ausgew\u00e4hlt worden sein. Und doch spiegelt es treffend wider, was im kollektiven Ged\u00e4chtnis fest mit dem Thema \u201ePaulus und die Rolle der Frau\u201c verbunden ist. Das ist keineswegs erstaunlich. Denn dieses Schweigegebot hat ja tats\u00e4chlich eine nachhaltige Wirkung entfaltet und diente \u00fcber viele Jahrhunderte hinweg bis in die j\u00fcngere Vergangenheit als nicht hinterfragbare, apostolisch legitimierte Begr\u00fcndung f\u00fcr eine rein passiv definierte Rolle der Frau in der kirchlichen \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Seit der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts vollzieht sich nun, vor allem in Europa und Nordamerika, ein immer mehr an Dynamik aufnehmender Bewusstseinswandel zur Rolle und Bedeutung von Frauen im \u00f6ffentlichen Leben und damit verbunden eine fortschreitende Gleichstellung von M\u00e4nnern und Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft. Parallel dazu schwindet zunehmend die Akzeptanz Jahrhunderte lang g\u00fcltiger Rollenvorgaben im Raum der Kirche(n). Je heftiger aber an bisherigen kirchlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ger\u00fcttelt wird, desto mehr r\u00fcckt das im kollektiv-kirchlichen Bewusstsein erstaunlich pr\u00e4sente Schweigegebot Paulus in die Ecke eines frauenfeindlichen Chauvinisten.<\/p>\n<p>Doch Vorsicht! Ein solch hartes Urteil sollte nicht auf der Basis einer einzigen Aussage gef\u00e4llt werden, deren Kontext zudem noch ausgeblendet wird. So m\u00f6chte ich mich hier zur Anw\u00e4ltin des Paulus machen und nach entlastenden Hinweisen in seinen Briefen suchen. Vielleicht steht dann ja sogar am Ende ein Freispruch!<\/p>\n<p>Aber zuerst scheint sich der Anfangsverdacht, dass Paulus sehr energisch und entschieden den Frauen den Mund verbieten will, gerade durch den engeren Kontext sogar noch zu erh\u00e4rten. Denn das Schweigegebot (14,34a) wird einleitend mit dem Hinweis auf die \u201ein allen Gemeinden der Heiligen\u201c ge\u00fcbte Praxis versehen (14,33b). Dem entspricht am Ende der kurzen Passage der in zwei rhetorische Fragen gekleidete s\u00fcffisante Hinweis, dass die Angesprochenen \u2013 salopp formuliert \u2013 nicht aus der Reihe tanzen sollen (14,36). Dazwischen wird das Schweigegebot noch leicht variiert zweifach wiederholt, an der ersten Stelle erg\u00e4nzt durch die Forderung nach gesetzeskonformer Unterordnung (14,34b), an der zweiten Stelle verbunden mit der Vorgabe, dass die Frauen, sofern sie etwas lernen wollten, doch zu Hause ihre M\u00e4nner befragen sollten (14,35). Der Text scheint also davon auszugehen, dass sich das Reden der Frauen in der Gemeindeversammlung ohnehin in Verst\u00e4ndnisfragen dazu ersch\u00f6pft, was M\u00e4nner zuvor gesagt haben. Doch selbst dieses Nachfragen wird den Frauen auf Gemeindeebene untersagt und in den privaten Bereich verwiesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Schweigegebot \u2013 ein Webfehler im Kontext von 1 Kor 14<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht so recht einzuf\u00fcgen scheint sich die Passage 14,33b-36 aber in den Gesamtkontext von 1 Kor 14. Hier macht Paulus zun\u00e4chst unter dem Aspekt des Gemeindeaufbaus das Charisma der prophetischen Rede stark. Denn weil prophetische Rede im Gegensatz zur Zungenrede f\u00fcr alle ohne den Umweg der \u00dcbersetzung verst\u00e4ndlich ist, f\u00f6rdert sie unmittelbar die gemeindlichen Fortschritte (14,1-25). Ab 14,26 trifft Paulus dann konkrete Anordnungen f\u00fcr den Ablauf der Gemeindeversammlung. Wichtig ist ihm, dass jedes Gemeindemitglied gem\u00e4\u00df der ihm eigenen Bef\u00e4higung einen Beitrag leistet, und zwar so, dass es dem Gemeindeaufbau dient. Eine solche individuelle Bef\u00e4higung hat nach \u00dcberzeugung des Paulus n\u00e4mlich jedes Gemeindemitglied als Charisma in der Taufe erhalten. Gerade aber der prophetischen Rede soll aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung f\u00fcr den Gemeindeaufbau besonders viel Raum bei den gemeindlichen Zusammenk\u00fcnften einger\u00e4umt werden (14,29-33a). Nacheinander soll jedes Gemeindemitglied, das \u00fcber das Charisma der prophetischen Rede verf\u00fcgt und kraft dessen eine Offenbarung mitzuteilen hat, zu Wort kommen (14,31a). Das Gemeindemitglied, das zuvor gesprochen hat, soll dann schweigen (14,30). Paulus begr\u00fcndet dies so: \u201edamit alle lernen und alle ermutigt werden\u201c (14,31b).<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nun zun\u00e4chst auf, dass die Verben \u201eschweigen\u201c und \u201elernen\u201c in 14,28.30f eine andere Bedeutung besitzen als in 14,34f. Das Schweigegebot in 14,28 betrifft den Zungenredner, dessen Beitrag im Fall fehlender \u00dcbersetzung ohne Nutzen f\u00fcr die Gemeinde bleibt. In 14,30 fordert Paulus, dass ein Gemeindemitglied nach seinem prophetischen Beitrag schweigt, damit auch ein anderes prophetisch begabtes Gemeindemitglied sprechen kann. Indem so allen das H\u00f6ren der jeweiligen Beitr\u00e4ge erm\u00f6glicht wird, k\u00f6nnen auch alle wechselseitig voneinander lernen. Das Lernen steht also in 14,31 unter dem Vorzeichen der Gemeindeentwicklung. In 14,34 dagegen wird kein tempor\u00e4r-partielles (wie 14,28.30), sondern ein generelles Redeverbot \u00fcber die Frauen verh\u00e4ngt. Das Lernen in 14,35 ist entsprechend ein einseitiges Geschehen, das nur die Frauen betrifft, und zwar im Rahmen h\u00e4uslicher \u201eNachhilfe\u201c durch die Ehem\u00e4nner. Zu diesen \u201eUngereimtheiten\u201c passt, dass in 14,33b-36 ausschlie\u00dflich die Gruppe der Frauen in den Blick tritt, die bei der Gemeindeversammlung auf eine passive Rolle verpflichtet werden. Dagegen spricht Paulus ansonsten in 1 Kor 14 die Gesamtgemeinde an, auch wenn er sich den Gepflogenheiten seiner Zeit entsprechend eines inklusiven Sprachgebrauchs bedient, das hei\u00dft grammatisch beziehungsweise semantisch (\u201eBr\u00fcder\u201c) m\u00e4nnliche Bezeichnungen verwendet, die die weiblichen Gemeindemitglieder aber selbstverst\u00e4ndlich miteinschlie\u00dfen. Dies l\u00e4sst sich auch sachlich absichern. Denn ab 14,26 forciert Paulus geradezu die aktive Beteiligung aller beim Zusammenkommen gem\u00e4\u00df der ihnen jeweils eigenen charismatischen Bef\u00e4higung. Dass er diese aktive Beteiligung jedoch nicht auf die m\u00e4nnlichen Gemeindemitglieder eingeschr\u00e4nkt wissen will, best\u00e4tigt er selbst dadurch, dass er die Charismen in der Taufe grundgelegt sieht (vgl. 12,11.12f), die M\u00e4nner und Frauen unterschiedslos empfangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Vom Kunstst\u00fcck, prophetisch zu reden und dabei den Mund halten zu m\u00fcssen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So unterschiedslos wie M\u00e4nner und Frauen aber die Taufe empfangen, so unabh\u00e4ngig vom Geschlecht teilt der Geist Gottes die Charismen zu. Diese Erfahrung liegt als von Paulus fraglos akzeptierte Voraussetzung auch seiner Argumentation in 1 Kor 11,2-16 zugrunde. Sprachlich und inhaltlich v\u00f6llig parallel h\u00e4lt er als gemeinsame Ausgangsbasis fest: \u201eWenn ein Mann betet oder prophetisch redet\u201c (11,4a) \u2013 \u201eWenn eine Frau betet oder prophetisch redet\u201c (11,5a). Die Differenzen, die zwischen Paulus und der korinthischen Gemeinde bestehen, betreffen also nicht die Wahrnehmung gleicher gemeindlicher Funktionen durch M\u00e4nner und Frauen. Sie gr\u00fcnden vielmehr darin, dass zumindest einige Frauen das zum Anlass nahmen, sich gegen alle gesellschaftlichen Konventionen ein M\u00e4nnern vorbehaltenes \u201eOutfit\u201c zuzulegen (sei es durch die Verweigerung einer Kopfbedeckung, sei es durch einen M\u00e4nnerhaarschnitt). Wahrscheinlich unter Berufung auf eine auch in Korinth bekannte Tauftradition (12,13) wollten diese Frauen damit selbstbewusst demonstrieren: \u201eDie wir n\u00e4mlich auf Christus getauft sind, haben Christus als Gewand angezogen. (\u2026) Da ist nicht mehr m\u00e4nnlich und weiblich. Alle n\u00e4mlich sind wir EINER in Christus Jesus\u201c (Gal 3,27f).<\/p>\n<p>Einem solch provozierenden Verhalten, das geeignet war, die Gemeinde bei Au\u00dfenstehenden in Misskredit zu bringen, stellt sich Paulus energisch entgegen. Allerdings untersagt er bei aller Ver\u00e4rgerung den Frauen nicht, weiterhin auf Gemeindeebene dieselben Aufgaben zu erf\u00fcllen wie die M\u00e4nner. Entscheidend daf\u00fcr ist und bleibt das jeweilige Charisma, das die Getauften \u2013 ob Mann, ob Frau \u2013 in der Taufe erhalten haben. Dabei setzt Paulus in 11,5 explizit voraus, dass auch Frauen das Charisma prophetischer Rede haben k\u00f6nnen, dem er in 1 Kor 14 den h\u00f6chsten Stellenwert f\u00fcr den Gemeindeaufbau zuspricht. Weil die Prophetie daher ihren angemessenen Ort in der Gemeinde\u00f6ffentlichkeit hat, kann Paulus also in 11,5 keineswegs an prophetisches Reden von Frauen im privaten Rahmen denken (ganz abgesehen davon, dass 14,35 die Rolle der Frau auch zu Hause rein rezeptiv-lernend definiert).<\/p>\n<p>Dann aber dr\u00e4ngt sich die Frage auf, wie die Frauen das Kunstst\u00fcck vollbringen sollten, in der Gemeindeversammlung prophetisch zu reden und zugleich \u2013 dem Schweigegebot gehorchend \u2013 ihren Mund zu halten. Sofern man Paulus also nicht den Zustand geistiger Verwirrtheit bei der Abfassung des 1 Kor unterstellen will, kann er nicht f\u00fcr 11,5 und 14,34 gleicherma\u00dfen verantwortlich sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Namentlich bekannte Frauen als Entlastungszeuginnen f\u00fcr Paulus<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht eben wenige Frauen, die Paulus in seinen Briefen namentlich erw\u00e4hnt, bezeugen nun: Die Haltung, die in 1 Kor 14,33b-36 gegen\u00fcber Frauen zutage tritt, ist unvereinbar mit der Anerkennung, die Paulus konkreten Frauen und ihrem aktiven Einsatz f\u00fcr das Evangelium zollt. Denn bei den meisten von ihnen gibt er explizit zu erkennen, dass sie aktiv und gleichberechtigt mit M\u00e4nnern in die Missions- und Gemeindearbeit eingebunden waren. So verwendet Paulus in seinen Briefen die Begriffe Beauftragter\/Diener (gr. \u201ediakonos\u201c), Mitarbeiter (gr. \u201esynergos\u201c) und M\u00fche (gr. \u201ekopos\u201c) samt ihren Ableitungen durchweg im Kontext der Verk\u00fcndigung. Ein \u201ediakonos\u201c ist eine von Gott mit der Evangeliumsverk\u00fcndigung beauftragte Person, ein \u201esynergos\u201c ist ein von Gott in Dienst gestellter Mitarbeiter f\u00fcr das Evangelium, und \u201ekopos\u201c bezeichnet die M\u00fche, die die Verk\u00fcndiger in ihrem (missionarischen und gemeindlichen) Einsatz f\u00fcr das Evangelium auf sich nehmen (vgl. exemplarisch 1Kor 3,5-9). Und alle diese Begriffe verwendet Paulus selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr Frauen: Phoebe (R\u00f6m 16,1), Priska (1 Kor 16,19; R\u00f6m 16,3), Maria (R\u00f6m 16,6), Tryph\u00e4na, Tryphosa und Persis (R\u00f6m 16,12). Euodia und Syntyche bescheinigt er, gemeinsam mit ihm f\u00fcr das Evangelium gek\u00e4mpft zu haben (Phil 4,3). Und Junia, die viele Jahrhunderte aufgrund einer m\u00e4nnlich dominierten Auslegungsperspektive ihr Dasein im R\u00f6merbrief als Junias verkleidet fristen musste, gesteht Paulus sogar einen herausragenden Platz unter den Aposteln zu (R\u00f6m 16,7). Damit aber reiht er diese Frau in die Gruppe von Personen ein, die wie er selbst einer Erscheinung des Auferstandenen gew\u00fcrdigt wurden und dabei ihren Verk\u00fcndigungsauftrag erhielten (1 Kor 15,1f. 3-11).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Schweigegebot (1Kor 14,34) \u2013 ein \u201eKuckucksei\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Gesamtbefund der Paulusbriefe zur Rolle und Bedeutung von Frauen zeigt: Paulus kann nicht f\u00fcr das Schweigegebot (1 Kor 14,34) verantwortlich gemacht werden. Andererseits gibt es eine deutliche Affinit\u00e4t zwischen 1 Kor 14,33b-36 und dem theologischen Konzept der Pastoralbriefe (1.2 Tim; Tit). Der Verfasser dieser Briefgruppe versuchte Anfang des 2. Jahrhunderts, Frauen aus gemeindlichen Funktionen herauszudr\u00e4ngen und auf ihre Aufgaben in Haus und Familie zu beschr\u00e4nken (1 Tim 2,9-15; 5,3-16). Geleitet wurde er durch das Bem\u00fchen, Irrlehren abzuwehren (f\u00fcr die seiner Meinung nach besonders Frauen anf\u00e4llig seien, so 1 Tim 3,6f) und die Gemeinden besser in die patriarchal strukturierte Gesellschaft zu integrieren.<\/p>\n<p>Da 1 Kor 14,33b-36 nun \u2013 wie gezeigt \u2013 ein Webfehler im argumentativen Kontext ist, der auch schon bei der Text\u00fcberlieferung bemerkt wurde, wird in der modernen Exegese zunehmend konsensuell vertreten: Der Passus ist eine nachpaulinische Einf\u00fcgung, die unter dem Einfluss der Pastoralbriefe vorgenommen wurde. Das Schweigegebot f\u00fcr Frauen in der Gemeinde\u00f6ffentlichkeit ist also ein \u201eKuckucksei\u201c, das theologie- und kirchengeschichtlich mit nachhaltigem Erfolg in das Nest des ersten Korintherbriefes gelegt wurde. Von der Verantwortung f\u00fcr dieses Gebot und der daraus heute folgenden Anklage des Chauvinismus ist Paulus also freizusprechen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Anklagebank des Chauvinismus &nbsp; Es ist bezeichnend: Das Zitat, das vom Organisationsteam der Biblischen Tage 2016 dem Statement zum Thema \u201eRolle und Bedeutung der Frau\u201c beigef\u00fcgt wurde, greift 1 Kor 14,34 auf: \u201eIn den Gemeinden sollen die Frauen schweigen\u201c. 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