{"id":117995,"date":"2026-01-19T14:07:39","date_gmt":"2026-01-19T13:07:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=117995"},"modified":"2026-01-19T14:07:42","modified_gmt":"2026-01-19T13:07:42","slug":"reinheit-und-heiligkeit-der-gemeinde-schafft-den-uebeltaeter-weg-aus-eurer-mitte-1-kor-513","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/reinheit-und-heiligkeit-der-gemeinde-schafft-den-uebeltaeter-weg-aus-eurer-mitte-1-kor-513\/","title":{"rendered":"Reinheit und Heiligkeit der Gemeinde"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Der Text<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man lasse sich vom Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13) \u2013 dem wohl bekanntesten Text des ersten Korintherbriefes \u2013 nicht t\u00e4uschen: Paulus findet auch harte und deutliche Worte. Er nennt die Dinge beim Namen und zeigt mit dem Finger auf neuralgische Punkte. Gerade im Jahr der Barmherzigkeit h\u00f6rt man solche S\u00e4tze nicht gern, wie etwa: \u201eman h\u00f6rt von Unzucht unter euch\u201c (1 Kor 5,1), \u201eich habe mein Urteil gef\u00e4llt\u201c (1 Kor 5,3), \u201e\u00fcbergebt diesen Menschen dem Satan\u201c (1 Kor 5,5), \u201ehabt nichts mit Unz\u00fcchtigen zu schaffen\u201c (1 Kor 5,9) und schlie\u00dflich \u201eschafft den \u00dcbelt\u00e4ter weg aus eurer Mitte\u201c (1 Kor 5,13).<\/p>\n<p>Die katholische Leseordnung macht einen gro\u00dfen Bogen um dieses prek\u00e4re f\u00fcnfte Kapitel des Briefes. Im Sonntagsgottesdienst h\u00f6rt man daraus nur die recht vertr\u00e4glichen und weniger problematischen Worte zum Sauerteig (1 Kor 5,6b-8). Zweifellos: Nach der Frage der Ehescheidung, der Beziehung zwischen Kirche und Welt und der Rolle der Frau in der Gemeinde geh\u00f6ren auch diese S\u00e4tze zu den steilen Klippen des ersten Korintherbriefes. Der Blick ist auf einen Mann gerichtet, mit dem Paulus hart und unerbittlich ins Gericht geht. Es folgt der diskutierte Text:<\/p>\n<p><sup>1<\/sup> \u00dcberhaupt h\u00f6rt man von Unzucht unter euch, und zwar von einer solchen Unzucht, welche nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass n\u00e4mlich einer die Frau seines Vaters hat. <sup>2<\/sup> Und ihr seid aufgebl\u00e4ht, statt zu trauern, damit der aus eurer Mitte weggenommen wird, der das getan hat? <sup>3<\/sup> Denn ich \u2013 zwar k\u00f6rperlich abwesend, aber im Geist anwesend \u2013 habe mein Urteil \u00fcber den gef\u00e4llt, der dies getan hat \u2013 als w\u00e4re ich anwesend: <sup>4<\/sup> Im Namen des Herrn Jesus soll euer und mein Geist sich versammeln, um in der Kraft unseres Herrn Jesus <sup>5<\/sup> diesen Menschen dem Satan zum Verderben des Fleisches zu \u00fcbergeben, damit der Geist gerettet wird am Tag des Herrn.<\/p>\n<p><sup>6<\/sup> Euer R\u00fchmen ist nicht gut. Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchs\u00e4uert? <sup>7<\/sup> Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid, wie ihr unges\u00e4uert seid; denn unser Paschalamm ist geschlachtet worden, Christus. <sup>8<\/sup> Darum lasst uns feiern nicht in altem Sauerteig und nicht in Sauerteig von Schlechtigkeit und Bosheit, sondern im unges\u00e4uerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit.<\/p>\n<p><sup>9<\/sup> Ich habe euch im Brief geschrieben, nichts mit Unz\u00fcchtigen zu schaffen zu haben, <sup>10<\/sup> gemeint waren nicht s\u00e4mtliche Unz\u00fcchtige dieser Welt oder die Habgierigen und R\u00e4uber oder G\u00f6tzendiener, sonst m\u00fcsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen. <sup>11<\/sup> Nun aber habe ich euch geschrieben, nicht mit dem Umgang zu pflegen, der sich Bruder nennt und ein Unz\u00fcchtiger ist oder ein Habgieriger oder G\u00f6tzendiener oder L\u00e4sterer oder Trunkenbold oder R\u00e4uber; mit einem solchen sollt ihr nicht einmal zusammen essen. <sup>12<\/sup> Denn was habe ich die zu richten, die drau\u00dfen sind? Ihr richtet nicht einmal die, die drinnen sind? <sup>13<\/sup> Die drau\u00dfen sind, wird Gott richten. Schafft den \u00dcbelt\u00e4ter weg aus eurer Mitte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Auslegung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Abschnitt l\u00e4sst sich in drei Teile gliedern. In den Versen 1-5 kommt Paulus auf den Missstand in der Gemeinde zu sprechen und stellt die Forderung auf, den Inzests\u00fcnder auszuschlie\u00dfen. Mit dem Bild vom Sauerteig werden in den Versen 6-8 der Grund und das Ziel des Ausschlusses erkl\u00e4rt. In den Versen 9-13 erl\u00e4utert Paulus seine Forderung vor dem Hintergrund eines fr\u00fcheren, scheinbar anderslautenden oder missverst\u00e4ndlichen Briefes. In jedem der drei Teile wird \u2013 leicht variierend, aber doch unnachgiebig \u2013 die Direktive wiederholt: \u201eschlie\u00dft den \u00dcbelt\u00e4ter aus\u201c (2c, 7a, 13b).<\/p>\n<p>Das zentrale Wort im ersten Vers lautet \u201ePorneia\u201c, Griechisch f\u00fcr \u201eUnzucht\u201c. Das Wort bezeichnet durchaus verschiedene Dinge: vom Verkehr mit einer Dirne bis zur Homosexualit\u00e4t. Juden und Christen sahen in der \u201ePorneia\u201c das typische Laster der Heiden. Hier bezeichnet Paulus mit dem Begriff einen Fall von Unzucht in der Gemeinde. Ein Sohn verkehrt mit der Frau seines Vaters, also mit der eigenen Stiefmutter. In der Tat waren solche Verh\u00e4ltnisse weder bei den Griechen noch bei den R\u00f6mern erlaubt. Als Belege k\u00f6nnen das Ehegesetz des Augustus (\u201eLex Iulia de adulteriis\u201c) und ein Hinweis aus den Schriften Ciceros (Cluent. 5,12-6,16) gelten. In Senecas \u201ePhaedra\u201c bezeichnet eine Amme die Liebe ihrer Herrin zum Stiefsohn als \u201eVerbrechen, das noch kein Barbarenland je beging\u201c (165-167). Durch den Hinweis, dass solche Verh\u00e4ltnisse nicht einmal unter Heiden geduldet w\u00fcrden, besch\u00e4mt und demaskiert Paulus die Gemeinde nur umso mehr. Auch im Alten Testament findet sich ein entsprechendes Verbot: \u201eVerflucht, wer sich mit der Frau seiner Vaters hinlegt, denn er deckt das Bett seines Vaters auf. Und das ganze Volk soll rufen: Amen!\u201c (Dtn 27,20; Lev 20,11).<\/p>\n<p>Weitere Umst\u00e4nde der Verbindung nennt Paulus nicht. Es geht ihm vielmehr um die Reaktion und das Verhalten der Gemeinde. Anstelle sich um den Vorfall zu sorgen und dar\u00fcber entsetzt zu sein, tut die Gemeinde noch gro\u00df und ist \u201eaufgebl\u00e4ht\u201c. Haben die Korinther die Freiheitspredigt von Paulus missverstanden? An zwei Stellen zitiert Paulus vorwurfsvoll eine Parole, die in Korinth scheinbar im Umlauf war: \u201eAlles ist (mir) erlaubt!\u201c (1 Kor 6,12; 10,23). Wom\u00f6glich wurden auch verquere moralische Verhaltensweisen nicht weiter als Problem empfunden \u2013 nach dem Motto: \u201eChristus hat uns ja das Heil erwirkt.\u201c Aufgrund der von Paulus betonten Gnade wiegt sich eine Gruppe in Korinth in moralischer Sorglosigkeit und heilsgewisser Sicherheit. Damit ger\u00e4t aber auch die Verk\u00fcndigung des V\u00f6lkerapostels in die Kritik. Verleitet \u201esein Evangelium\u201c zu ethischer Verantwortungslosigkeit? Paulus muss klarstellen: Ein solches Verhalten duldet er nicht. Er nimmt die Autorit\u00e4t des Herrn in Anspruch und f\u00e4llt \u2013 auch \u00fcber die r\u00e4umliche Distanz hinweg \u2013 ein deutliches Urteil.<\/p>\n<p>Beim Verlesen des Briefs soll seine Entscheidung von der Gemeindeversammlung ratifiziert werden. Die Anweisung ist hart und entschieden: Der \u00dcbelt\u00e4ter ist dem Satan zu \u00fcbergeben. Au\u00dferhalb des Heilsraums der Gemeinde w\u00fctet \u2013 der hier verwendeten Vorstellung nach \u2013 der Satan. Die Wendung bezeichnet den Gemeindeausschluss. Der Mann soll den Raum der Gemeinde verlassen.<\/p>\n<p>So schroff die Forderung klingt, sie ist nicht so hart wie etwa die Sicht der Qumran-Gemeinschaft: Nach der Gemeinderegel soll auch der Geist eines Frevlers vernichtet werden (1QS II,14). Paulus dagegen stellt dem Fleisch den Geist des Mannes gegen\u00fcber, der gerettet werden soll. Er gibt den Mann nicht vollends auf, sondern vertraut auf das rettende Handeln Gottes am Ende der Tage. Die L\u00f6sung des Problems obliegt Gott. Die Gemeinde hat durch den Ausschluss ein markantes Zeichen zu setzen und sich eindeutig gegen das Tun des Mannes zu stellen.<\/p>\n<p>Mit dem Bild vom Sauerteig sind zwei Sinnlinien verbunden. Zum einen macht die allt\u00e4gliche Verwendung des Sauerteigs deutlich, dass auch ein klein wenig viel anrichten kann. Der Einzelfall ist nicht zu untersch\u00e4tzen. F\u00fcr die Gemeinde steht viel auf dem Spiel. Zum anderen weist Paulus auf die Rolle des Sauerteigs im Kontext der Paschafeierlichkeiten hin. Der alte Sauerteig wurde am Paschafest aus den j\u00fcdischen H\u00e4usern entfernt, um \u2013 gem\u00e4\u00df der Tora (Ex 12,15) \u2013 unges\u00e4uertes Brot zu essen. Die Kreuzigung Jesu versteht Paulus als das Schlachten des Paschalammes. Das Pascha der Christen hat Jesus gestiftet und erwirkt. Die Christen sind unges\u00e4uertes Brot. Paulus zieht daraus die Konsequenz: Wie die Juden beim Paschafest unges\u00e4uertes Brot essen, so sollen die Christen auf die von Jesus erwirkte Befreiung mit einem neuen Verhalten reagieren. Der alte Sauerteig der \u201eSchlechtigkeit und Bosheit\u201c wird weggeschafft, um \u201eim unges\u00e4uerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit\u201c das \u00f6sterliche Paschaereignis zu begehen.<\/p>\n<p>Schon vorher hatte Paulus in schriftlicher Form der Gemeinde den Umgang mit Unz\u00fcchtigen untersagt. Nun folgt eine einschr\u00e4nkende Klarstellung. Paulus favorisiert keine Ghettoexistenz der Christen. Anders als etwa die Johannesapokalypse (Offb 18,4) fordert er nicht zum Auszug aus der Welt und Gesellschaft auf. Die Christen leben in der Welt und haben mit Menschen Umgang, die B\u00f6ses tun oder schuldig werden. Aber gemeindeintern legt Paulus andere Ma\u00dfst\u00e4be an. F\u00fcr den Binnenraum der Gemeinde wird sogar ein \u2013 den alttestamentlichen \u201eAusrotte-Formeln\u201c (Dtn 13,6; 17,7; 22,21) nachempfundener \u2013 Imperativ gebraucht: \u201eDu sollst den B\u00f6sen aus deiner Mitte wegschaffen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Verst\u00e4ndnishilfen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die exegetischen Hintergr\u00fcnde m\u00f6gen manches erhellen, aber sie nehmen den Worten von Paulus nicht ihre Sch\u00e4rfe. Die Aufforderung zum Ausschluss wirft Fragen auf. Wo bleibt die Barmherzigkeit? Gibt es keine M\u00f6glichkeit zur Umkehr? Spielen der Gedanke an Vergebung und die Vers\u00f6hnung mit der Gemeinde gar keine Rolle?<\/p>\n<p>Die folgenden Anmerkungen sollen die Worte des Paulus \u2013 wenn schon nicht vollends erkl\u00e4ren, so doch zumindest \u2013 verschmerzen helfen. Aber es wird nicht gen\u00fcgen, nur Paulus kritisch anzufragen. Seine Worte sind auch eine kritische Anfrage an uns. So herausfordernd es ist, Paulus legt den Finger in offene Wunden und fordert zur kritischen Auseinandersetzung und konstruktiven Suche nach L\u00f6sungen auf.<\/p>\n<p><strong>Die Rolle des Kontexts<\/strong>. Der erste Korintherbrief wendet sich an eine Gemeinde im Wachsen und Werden. Die Gemeinschaft der Christen von Korinth muss sich in einer weithin paganen und \u2013 in der Hafenstadt Korinth \u2013 auch multikulturellen Gesellschaft formieren und entwickeln. Wer sind die Christen? Wof\u00fcr stehen sie? Was unterscheidet sie? Die harten Worte des Paulus dienen der Sch\u00e4rfung des Profils. Im Hintergrund stehen zudem Konflikte mit der j\u00fcdischen Synagoge. Paulus k\u00e4mpft wohl auch gegen die Kritik, seine Predigt verw\u00e4ssere die Moral. Der Kontext und die Sorge um das Gemeindeprofil veranlassen Paulus, sich deutlich zu positionieren. Er statuiert ein Exempel. Es geht ihm um die Gestaltwerdung und Kontur der Gemeinde in der Wachstumsphase.<\/p>\n<p><strong>Der Part des Gemeindegr\u00fcnders<\/strong>. Paulus sorgt sich um die Gesamtentwicklung der Gemeinde von Korinth. Einzelf\u00e4lle und individuelle Fragen bewertet er immer mit Blick auf das gro\u00dfe Ganze. Auf die Situation des Mannes geht Paulus nicht n\u00e4her ein. Es geht ihm um die m\u00f6glichen Konsequenzen f\u00fcr die Gemeinde. Welche Folgen haben der Einzelfall und das Verhalten der Christen f\u00fcr den Zustand, die Strahlkraft, das Zeugnis und die Einheit der Gemeinschaft? Paulus schreibt als Gemeindegr\u00fcnder. Als solcher warnt er vor Kollateralsch\u00e4den und fordert zur entschiedenen Abgrenzung auf. Biographisch-seelsorgliche Fragen werden in dieser Perspektive gr\u00f6\u00dftenteils ausgeblendet. Er sieht sich f\u00fcr das Wachsen und Werden der Gemeinde verantwortlich. Als Seelsorger, Beichtvater oder geistlicher Begleiter m\u00fcsste Paulus anders reden.<\/p>\n<p><strong>Ein Kind seiner Zeit<\/strong>. Paulus ist gepr\u00e4gt von den moralischen Vorstellungen, Haltungen und Wertungen seiner Zeit und insbesondere vom Judentum seiner Tage. Paulus ist nur als Kind seiner Zeit zu haben. Als solcher begegnet er uns in seinen Briefen. Man mag die Urteile nicht mehr teilen, als r\u00fcckst\u00e4ndig, undifferenziert oder hartherzig empfinden. Gerade dann hilft die Einsicht: Sein Sprechen, Urteilen und Empfinden sind auf dem Hintergrund des Diasporajudentums und der griechisch-r\u00f6mischen Antike zu verstehen. Im vorliegenden Fall wird dies besonders deutlich, wenn Paulus ein moralisches Tabu der paganen Gesellschaft als Bewertungsma\u00dfstab gebraucht.<\/p>\n<p>Aus der Einsicht in die zeitgebundene Pr\u00e4gung der Worte erw\u00e4chst eine hermeneutische Aufgabe. Die S\u00e4tze von Paulus lassen sich nicht einfach buchst\u00e4blich in unsere Zeit \u00fcbersetzen. Das w\u00e4re ein gef\u00e4hrlicher Anachronismus. Es braucht vielmehr den behutsamen Dialog: ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Werte der Zeit damals, um daraus Impulse und \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr unsere Zeit zu entwickeln. Der fremde Paulus gibt zu denken. Er ist nicht \u00fcberholt, aber auch nicht einfach aktualisierbar. Paulus mahnt uns, der Botschaft treu zu bleiben, die aber nur im Dialog mit unserer Zeit und unserer Welt zu finden ist.<\/p>\n<p><strong>Entwicklungen beachten<\/strong>. Das vergisst man leicht: Auch Paulus lernt. Die Gemeinden entwickeln sich. Die Kirchengeschichte hat in Korinth gerade erst begonnen. Das urchristliche Gemeindeleben ist immer auch vom Suchen nach Wegen und vom Ringen um L\u00f6sungen bestimmt. Die Entwicklung geht weiter.<\/p>\n<p>Mit harten Worten erinnert Paulus an die Bedeutung des Falls f\u00fcr das Innenleben und die Au\u00dfenwirkung. Im Lauf der Entwicklung wurde Paulus aber auch erg\u00e4nzt. In der Gemeinde hatte sich noch kein \u2013 heute verst\u00e4ndliches und gebotenes \u2013 Bu\u00df- und Wiedereingliederungsverfahren entwickelt. Wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter kennt das Matth\u00e4usevangelium eine differenzierte Form des Umgangs mit Schuld und Scheitern (Mt 18,15-17). Man kann Paulus aburteilen, weil er solche L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten nicht oder noch nicht sieht. Man muss Paulus aber auch vor \u00fcberzogenen Erwartungen sch\u00fctzen. Er ist Teil einer Entwicklungsgeschichte, die niemals abgeschlossen ist, weil sich Welt und Menschen ver\u00e4ndern. Neue Einsichten ergeben sich. Erkenntnis muss erst reifen.<\/p>\n<p><strong>Unterschiede sind bedeutsam<\/strong>. Aus unserer heutigen Sicht bleibt Paulus hinter einem modernen, psychologisch sensiblen und pastoral geschulten Umgang mit Schuld und Scheitern zur\u00fcck. Man w\u00fcrde sich w\u00fcnschen, Paulus h\u00e4tte nicht nur den Ausschluss favorisiert, sondern konstruktive L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten gefunden. Aber genauso wichtig wie das, was Paulus sagt, ist doch auch, was er \u2013 angesichts der Standards seiner Zeit \u2013 nicht mehr sagt. Oder anders: \u00dcber die Standards seiner Zeit hinaus hofft Paulus auf die Rettung des Menschen am Tag des Herrn.<\/p>\n<p>Solche Ver\u00e4nderungen und inhaltlichen \u00dcbersch\u00fcsse sind Wegweiser. Sie fangen das spezifisch Neue an der urchristlichen Verk\u00fcndigung ein. Deutlich gesagt: Paulus fordert nicht zur Steinigung des Mannes auf. Paulus hofft auf die Rettung des Menschen. Wom\u00f6glich hat der Gemeindeausschluss f\u00fcr ihn sogar einen p\u00e4dagogischen Wert, der Einkehr und Umkehr bewirken soll. Jedenfalls macht sich Paulus nicht zum endg\u00fcltigen Richter. Sein Urteil bezieht sich auf die Reaktion der Gemeinde. Das letzte Urteil \u00fcberl\u00e4sst er Gott. Er verdammt den Menschen nicht. Das w\u00fcrde auch seiner eigenen Predigt von der Gnade Gottes widersprechen. Diese Gnade Gottes bleibt der gro\u00dfe Hoffnungs- und Heilshorizont.<\/p>\n<p><strong>Christsein ist kein Privatsache<\/strong>. Die Worte des Paulus erinnern mich ganz n\u00fcchtern an eine Tatsache, die man heutzutage gern vergisst und als selbstbewusstes Individuum nicht gerne h\u00f6rt. Das Verhalten und Leben des Einzelnen betrifft immer auch die Gemeinschaft. Paulus weist gerade darauf hin: Die junge Glaubensgemeinschaft der Christen wird von au\u00dfen wahrgenommen und anhand ihrer einzelnen Glieder identifiziert und beurteilt. Was der Einzelne tut, kann der Gemeinschaft nicht egal sein. Als Glied der Gemeinde hat das Verhalten des Einzelnen immer auch Auswirkungen auf das Innenleben und die Au\u00dfenwahrnehmung der Gruppe.<\/p>\n<p>Paulus entfaltet dies auch an anderer Stelle im ersten Korintherbrief: \u201eWenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm\u201c (1 Kor 12,26-27). Christsein ist keine Privatsache. Mein Verhalten und meine Lebensf\u00fchrung betreffen \u2013 als Glied des Leibes Christi \u2013 auch die anderen Glieder und den gesamten Leib. Beide haben dies zu bedenken: der Einzelne und die Gemeinschaft. Ist meine Identifikation mit dem Leib Christi so gro\u00df, dass ich die Konsequenzen meines Verhaltens f\u00fcr die Gruppe in Rechnung stelle? Umgekehrt gilt auch: Wie geht die Gruppe mit Schuld und Scheitern in den eigenen Reihen um? Sorgt sich die Gemeinschaft um den Einzelnen?<\/p>\n<p><strong>Ein alternativer Interpretationsvorschlag<\/strong>. Im ersten Korintherbrief gebraucht Paulus an einigen Stellen das Wort \u201eaufgebl\u00e4ht\u201c (1 Kor 4,6.18.19; 5,2; 8,1; 13,4). Im gesamten Neuen Testament wird es \u2013 bis auf eine Ausnahme in Kol 2,18 \u2013 nur von Paulus und nur im ersten Korintherbrief verwendet. Paulus muss dieses Verb sehr am Herzen gelegen haben. Der Begriff f\u00e4ngt sein Anliegen ein und l\u00e4sst mich das von der Gemeinde geforderte Verhalten besser erkennen.<\/p>\n<p>\u201eIhr seid aufgebl\u00e4ht\u201c (1 Kor 5,2), so lautet der Vorwurf. An anderer Stelle im Brief hei\u00dft es: \u201eDie Erkenntnis bl\u00e4ht auf, die Liebe aber baut auf\u201c (1 Kor 8,1). Im Hohelied der Liebe kontrastiert das Wort \u201eaufgebl\u00e4ht\u201c das Wesen und Verhalten der Liebe. So ist die Liebe n\u00e4mlich nicht: \u201esie bl\u00e4ht sich nicht auf\u201c, sondern \u201eist langm\u00fctig, g\u00fctig, neidet nicht und tut nicht gro\u00df\u201c (1 Kor 13,4). Was also kritisiert Paulus am aufgebl\u00e4hten Verhalten der Korinther? Was den Christen in dieser Frage fehlt, ist Liebe. Davon sollten das Verhalten und die Reaktion der Korinther bestimmt sein: von einer g\u00fctigen, liebevollen und nicht wichtigtuerischen (1 Kor 4,19) Haltung.<\/p>\n<p>So lese ich das Hohelied und die anderen Referenzstellen des Worts in den stacheligen Text hinein. Mit dem \u201eaufgebl\u00e4hten\u201c Gebaren der Korinther bezeichnet Paulus das, was die Liebe gerade nicht tun w\u00fcrde: \u201esie bl\u00e4ht sich nicht auf\u201c (1 Kor 13,4). Pl\u00f6tzlich verlieren die Worte des Paulus ein gutes St\u00fcck Hartherzigkeit und Schwere. Auch ihm geht es um ein Verhalten, das den Kern der christlichen Botschaft nicht au\u00dfer Acht l\u00e4sst. Der Ma\u00dfstab muss die Liebe sein. Auch Paulus selbst hat sich daran zu messen. Damals wie heute geht es darum, nach Umgangswegen zu suchen jenseits von laxem \u2013 \u201eaufgebl\u00e4htem\u201c \u2013 Desinteresse und unbarmherzigem \u2013 und nicht minder lieblosem \u2013 Rigorismus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Text &nbsp; Man lasse sich vom Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13) \u2013 dem wohl bekanntesten Text des ersten Korintherbriefes \u2013 nicht t\u00e4uschen: Paulus findet auch harte und deutliche Worte. Er nennt die Dinge beim Namen und zeigt mit dem Finger auf neuralgische Punkte. 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