{"id":118001,"date":"2026-01-19T14:15:48","date_gmt":"2026-01-19T13:15:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118001"},"modified":"2026-01-19T14:15:51","modified_gmt":"2026-01-19T13:15:51","slug":"die-liebe-durchharrt-alles-1-kor-137-fridolin-stier-als-uebersetzer-des-neuen-testaments","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-liebe-durchharrt-alles-1-kor-137-fridolin-stier-als-uebersetzer-des-neuen-testaments\/","title":{"rendered":"\u201eDie Liebe durchharrt alles\u201c (1 Kor 13,7)"},"content":{"rendered":"<h3><strong> History of impact<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir stehen am Ende der Biblischen Tage und m\u00fcssten eigentlich ganz neu beginnen. Allein das Hohelied der Liebe 1 Kor 12b-13,13 b\u00f6te Stoff f\u00fcr eine ganze Woche. Es hat eine reiche Wirkungsgeschichte entfaltet. Ich m\u00f6chte andeutungsweise nur drei Beispiele anf\u00fchren.<\/p>\n<p>Seit der Zeit Papst Gregor des Gro\u00dfen (590-604) bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gab es f\u00fcr den Karnevalssonntag, den Sonntag Quinquagesima, eine gleichbleibende Perikopenordnung: Als Lesung traf das Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13), in der das Fehlen von Gottes- und N\u00e4chstenliebe als n\u00e4rrisch gedeutet wurde, und das Evangelium beschrieb den Weg Jesu \u00fcber Jericho nach Jerusalem (Lk 18,31-43).<\/p>\n<p>Anhand des Epistel- und des Evangelientextes des Karnevalssonntags stellten die Prediger \u00fcber Jahrhunderte hinweg zwei Modelle gegen\u00fcber: die Cupido-Gemeinschaft der Ungl\u00e4ubigen, symbolisiert durch die Schellentr\u00e4ger (nach der Epistel des Karnevalsonntags ist die klingende Schelle das Zeichen der L\u00fcsternheit, lat. \u201ecupido\u201c), und die Caritas-Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen, symbolisiert durch das Fehlen von Masken, die die \u201esocietas bona\u201c bilden. In diese Ausdeutung eingeflossen war unverkennbar die Zweistaatenlehre des Augustinus (354-430), bei der dualistisch die \u201ecivitas diaboli\u201c, das Reich des Teufels, der \u201ecivitas die\u201c, dem Reich Gottes, erf\u00fcllt im himmlischen Jerusalem, gegen\u00fcbergestellt wurde. Charakterisiert wird der Herrschaftsbereich des Teufels durch L\u00e4rm, Narrheit und Diesseitsorientierung. Der Volkskundler Dietz-R\u00fcdiger Moser hat in seinen Forschungen darauf aufmerksam gemacht, wie 1 Kor 13 pr\u00e4gend wurde f\u00fcr die Inszenierung des Faschings.<\/p>\n<p>Eine weitere \u2013 nach wie vor ungebrochene \u2013 Verwendungsweise des Textes stellt der Trauungsgottesdienst dar. Nur wenige Feiern verzichten auf diesen Abschnitt aus dem Korintherbrief. Als kleines Beispiel sei die Homepage \u201ehochzeitsfl\u00fcsterer\u201c angef\u00fchrt, die sich als Vorbereitung auf den Trauungsgottesdienst versteht. Dort hei\u00dft es: \u201eIm Neuen Testament finden wir zwei Briefe, die der Apostel Paulus etwa im Jahr 50 n. Chr. von Rom aus an die Menschen der griechischen Stadt Korinth schrieb. Diese Briefe sind sehr lang und in Kapitel aufgeteilt. Das 13. Kapitel des ersten Briefes (Verse 1-13) wurde unter der \u00dcberschrift \u201aHohes Lied der Liebe\u2018 weltbekannt. Paulus hatte in der turbulenten Hafenstadt Korinth eine christliche Gemeinde gegr\u00fcndet und die Menschen gelehrt, in Liebe zusammen zu leben. Doch kaum war er weitergereist, da bl\u00e4tterte die Liebe schon ab. Die Menschen begannen sich gegenseitig zu beurteilen und zu verurteilen. Jeder wollte besser, kl\u00fcger, fr\u00f6mmer als der andere sein. Jeder meinte genau zu wissen, was wichtig und richtig sei. Paulus sagt deutlich: Ihr k\u00f6nnt noch so klug sein und ihr k\u00f6nnt alle Begabungen haben, ohne Liebe taugt alles nichts.\u201c<\/p>\n<p>Dann wird der Text n\u00e4her gedeutet: \u201eLiebe ist das Gr\u00f6\u00dfte f\u00fcr uns. Sicherlich werden wir uns auch mal streiten, vielleicht werden auch mal &#8218;die T\u00fcren knallen&#8216;. Und als Menschen sind wir nicht ohne Schw\u00e4chen, also werden wir auch mal ungeduldig sein, besserwisserisch, eigens\u00fcchtig und eifers\u00fcchtig.\u201c<\/p>\n<p>Eine weitere Rezeption des Textes findet sich in der modernen Lyrik. Wolfgang Schrage erw\u00e4hnt in seinem Kommentar das Gedicht von Eva Zeller \u201eNach Korinther dreizehn\u201c. Es endet mit der Strophe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun aber bleibt<br \/>\nGlaube Liebe Hoffnung<br \/>\ndiese drei<br \/>\nAber die Liebe<br \/>\nist das schw\u00e4chste<br \/>\nGlied in der Kette<br \/>\ndie Stelle<br \/>\nan welcher<br \/>\nder Teufelskreis<br \/>\nbricht<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele andere Texte w\u00e4ren anzuf\u00fchren. Es wird deutlich: Allein die Wirkungsgeschichte dieses Texts b\u00f6te ausreichenden Stoff f\u00fcr eine ganze Woche. Ich m\u00f6chte allerdings einen anderen Zugang w\u00e4hlen: ich m\u00f6chte die \u00dcbersetzung von Fridolin Stier n\u00e4her betrachten \u2013 und zwar nicht nur des ersten Korintherbriefes, sondern die Hintergr\u00fcnde und biografischen Zusammenh\u00e4nge seiner \u00dcbersetzungstheorie. Wir haben zu Beginn der Biblischen Woche Beispiele seiner \u00dcbersetzung vorgetragen bekommen.<\/p>\n<p>Wer war dieser Fridolin Stier und was ist das Besondere seiner \u00dcbersetzung des Neuen Testaments? Im Jahre 1989 erschien die \u00dcbersetzung des Neuen Testaments von Stier, nachdem er schon vorher eine \u00dcbersetzung des Markusevangeliums, Hiob- und Psalmenbuches vorgelegt hatte. Zehn Jahre zuvor war die Einheits\u00fcbersetzung des Neuen Testaments approbiert worden. In deren Vorwort hie\u00df es: \u201eDie Deutsche Bischofskonferenz ist \u00fcberzeugt, da\u00df die nun vorliegende \u00dcbersetzung der Heiligen Schrift den Entscheidungen des Zweiten Vatikanums gerecht wird, den katholischen und nichtkatholischen Christen, wie auch der Kirche Fernstehenden einen sprachlich verst\u00e4ndlichen und wissenschaftlich gesicherten Zugang zur Botschaft der Heiligen Schrift zu bieten. Die Einheits\u00fcbersetzung ist in gehobenem Gegenwartsdeutsch abgefa\u00dft. Ihr fehlt es nicht an dichterischer Sch\u00f6nheit, Treffsicherheit des Ausdrucks und W\u00fcrde biblischer Darstellungskraft. Wir Bisch\u00f6fe hoffen zuversichtlich, da\u00df die Neu\u00fcbersetzung (auch) der zeitgem\u00e4\u00dfen Gebetssprache einen neuen Ansto\u00df gibt und da\u00df sie hilfreich sein wird in dem Bem\u00fchen, dem Wort Gottes im deutschen Sprachraum neue Beachtung und tieferes Verst\u00e4ndnis zu verschaffen!\u201c<\/p>\n<p>Die drei intendierten Qualit\u00e4ten \u201edichterische Sch\u00f6nheit\u201c, \u201eTreffsicherheit des Ausdrucks\u201c und \u201eW\u00fcrde biblischer Darstellungskraft\u201c sah Stier beileibe nicht eingel\u00f6st. Er wollte sie auf seine Weise, mit seiner Sprache und mit seiner Theologie realisieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wer war dieser Friedolin Stier?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Frage kann am besten eine Erinnerung von Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker beantworten:<\/p>\n<p>\u201eFebruar 1937, Dozentenlager auf dem T\u00e4nnich bei Rudolstadt. In einem sechsw\u00f6chigen Kurs sollten die von ihren Fakult\u00e4ten habilitierten jungen Wissenschaftler bew\u00e4hren, dass sie auch w\u00fcrdig seien, Dozenten, also Lehrer der deutschen Jugend zu werden. Der Dienst am ersten Tag begann mit Wehrsport, Handgranatenweitwurf. Einer, wie es nicht anders sein konnte, warf am weitesten. \u201aWas sind Sie vom Fach?\u2018 fragte ihn der Lagerleiter. \u201aTheolog.\u2018 \u2013 \u201aSchade, Mensch!\u2018 \u2013 \u201aIch werde meinen Mann stehen\u2018, antwortete Fridolin Stier, katholischer Gelehrter des von den Nazis verp\u00f6nten Alten Testaments und der orientalischen Sprachen. Ich, der Berichterstatter, war dabei.<\/p>\n<p>April 1945. Er erlebte den Einzug franz\u00f6sischer Truppen in seiner Heimat, im Allg\u00e4u, wohin er gegangen war, um seiner Mutter beizustehen. Eine marokkanische Einheit besetzte das Dorf und schickte sich an, das Vieh der Bauern zu schlachten und auf offenem Platz im Feuer zu braten, und mehr zu tun als das. Fridolin Stier zog sein sch\u00f6nstes Messgewand an, trat auf die Marokkaner zu und rezitierte ihnen auf Arabisch die erste Sure des Koran. Dann lehrte er sie, was Gott durch den Mund des Propheten geboten hat, ihre Mitmenschen zu schonen, und sie lie\u00dfen vom Schadentun ab.<\/p>\n<p>Um 1950. Ich besuchte ihn in seiner Dachwohnung mitten in T\u00fcbingen. Unter anderem erz\u00e4hlte er, er \u00f6ffne gern am Sonntag in aller Fr\u00fche sein Fenster und singe, sich am Klavier begleitend, der protestantischen Umwelt einen Choral. \u201aWachet auf, ruft uns die Stimme\u2018 oder \u201aEine feste Burg ist unser Gott\u2018. \u201aIch denk\u2019 mir\u2018, sagte er, \u201awachet nur auf und lobet Gott, ihr lutherische B\u00f6ck\u2019!\u2018<\/p>\n<p>In den nachfolgenden drei Jahrzehnten bin ich ihm nicht mehr oft begegnet, aber wenn ich ihn sah, wurde mir das Herz warm. Von den Tagebuch\u2013Aufzeichnungen, die nun, kurz vor seinem Tod, erschienen sind, habe ich nichts gewusst. Aber ich meinte zu sehen, was ihn bewegte.<\/p>\n<p>Kraft und Zartheit waren ihm angeboren. Menschen liebend, dichterischen Gem\u00fcts, wahrhaftig und fromm f\u00fchrte er das Leben, das er als recht erkannte. Nicht nur Nazis und Muslimen, Lutheranern und katholischen Glaubensbr\u00fcdern gegen\u00fcber stand er seinen Mann. Fridolin Stier musste auch Gott gegen\u00fcber seinen Mann stehen. Er erfuhr, dass die Bibel von Jakob erz\u00e4hlt, dass er die ganze Nacht hindurch mit Gott rang. Ohne die Erfahrung dieses Ringens wird es keine Zukunft des Glaubens geben.\u201c<\/p>\n<p>In diesen drei Begebenheiten zeichnet Weizs\u00e4cker einen tief gl\u00e4ubigen, durchaus streitbaren und mutigen Mann, der sich das Wort nicht verbieten l\u00e4sst, von nichts und niemandem, selbst von Gott nicht. N\u00e4her kommen wir der Frage, wer Fridolin Stier war, wenn wir die von Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker erw\u00e4hnten Tagebuch-Aufzeichnungen \u201eVielleicht ist irgendwo Tag\u201c (Freiburg 1981) eingehender betrachten.<\/p>\n<p>Der Unfalltod seiner Tochter trieb ihn ein Leben lang um. Stier hatte, obwohl katholischer Priester, eine Tochter mit Namen Sibylle; sie verungl\u00fcckte t\u00f6dlich bei einem Autounfall. Die Theodizeefrage wurde so f\u00fcr Stier zu einer unabweisbar biographischen Erfahrung: \u201e7. September (1971) morgens 10 Uhr\u2026 Das Auto, die Kurve, der Baum\u2026 Sibylle! Und nachmittags 15.20 Uhr \u2013 dahin. Seit dem 10. unter der Erde. Ist das eure Sprache, ihr \u201ahimmlischen M\u00e4chte\u2018, ihr Herren?\u201c Dann nimmt er s\u00fcffisant die Stelle aus dem Weisheitsbuch \u201eDie Gott liebt, z\u00fcchtigt er\u201c aufs Korn. Einen solchen Gott m\u00fcsste man aus dem Verkehr ziehen, es sei denn man halte ihm den mildernden Umstand zugute, \u201eda\u00df er ungl\u00fccklich liebt, eifers\u00fcchtig, sich r\u00e4cht f\u00fcr verschm\u00e4hte Liebe und w\u00e4hnt, mit dem Pr\u00fcgel zur Liebe zu zwingen.\u201c Alles Attribute der Liebe, die dem Hohenlied der Liebe diametral widersprechen. Dagegen die Liebe der Tochter: \u201eDie Freude, die du mir warst, die Gew\u00e4hr einer G\u00fcte im Grunde der Welt\u2026 die Haare gewaschen. Das letzte Mal hast du\u2018s getan, mit deinen feinen, kr\u00e4ftigen Fingern mir die Kopfhaut massiert.\u201c Sein Haus ist f\u00fcr ihn zu einem \u201eFremdenheim\u201c geworden: \u201eJemand, der ich bin, ist mit dir \u00fcber die Schwelle getreten, und jemand, der ich auch bin, zur\u00fcckgeblieben.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage nach Gott, nach seiner Gerechtigkeit und Liebe, l\u00e4sst ihn nicht mehr los. \u201eHast du sie mit ihrem Namen gerufen\u2026 bewahrst du diesen ihren Namen in dir\u2026 ist sie, als du sie gerufen hast, bei dir, mit dir, in dir \u2013 hast du ihren \u201aNamen\u2018 nicht aus der Liste der Lebendigen gestrichen?\u201c<\/p>\n<p>Vor allem aber \u00fcbermannt ihn immer wieder der Zorn \u00fcber die Theologenzunft, die diesen Gott domestiziert, ihn sprachlich an\u00e4sthesiert, ihn verharmlost. \u201eSegne die Herren Theologen, die braven Tagel\u00f6hner, die sich so viel M\u00fche machen um deine irdisch-geschichtlichen Sachen-um die Kirche, ihr infallibles Regime\u2026 Segne das Tagwerk dieser t\u00fcchtigen Schaffer, la\u00df es gedeihen und niemals enden; denn solange ihr W\u00fchl- und Wurmwerk dauert, sie voll in Anspruch nimmt und befriedigt, verschonen sie dich mit den peinlichsten Fragen, konfrontieren sie sich nicht mit dir, setzen dir nicht zu.. Ich aber hocke an der Schwelle zum Abgrund, starre mit den halb blindgeweinten Augen \u00fcber die Gr\u00e4ber der N\u00e4chsten und Fernsten hin.\u201c Theologen sind Man\u2013Menschen geworden, sie reden so, wie \u201eMan\u201c redet. Stier in einer Notiz: \u201eIch wei\u00df nur, dass Man (!) \u00fcber Jesus keine Macht hatte.\u201c<\/p>\n<p>Zwei St\u00f6renfriede sieht Stier bei der Begegnung mit dem biblischen Text: der erste, das Dogma im Hinterkopf, man l\u00e4sst den Text sagen, was man l\u00e4ngst wei\u00df, der zweite, erscheinend in der Frage des Sonntagspredigers: Was fange ich mit diesem Text an? \u201eDie richtige Frage: Was f\u00e4ngt dieser Text mit mir an?\u201c Stier schreibt den Theologen ins Stammbuch: eine Theologie des Exodus, eine Theologie der Hoffnung, eine Theologie des Advents und eine Theologie des Vorhofs. \u201eHier im Vorhof, um es genau zu sagen: im Vorhof der Heiden, steht auf Abbruch mein Zelt. Ein gro\u00dfes H\u00f6rensagen tr\u00e4gt mir durch die Luft die Kunde vom Heiligtum zu, Psalmen h\u00f6re ich lallen, es ist Nacht.\u201c Die Nacht ist f\u00fcr Stier zum All-Tag geworden. Daher protestiert er gegen den Sprach-Schwulst der Theologen, bei denen alles glatt geht.<\/p>\n<p>Immer wieder besch\u00e4ftigt ihn die Frage, ob nicht das Wort Gottes in der Liturgie feierlich depotenziert und durch eine schale Predigt substituiert wird. Dieses Wort Gottes kann auch in der Kirche verstellt und verdeckt werden. Seine Skepsis richtet sich aber genauso gegen eine falsch verstandene Theologie als Wissenschaft, die ihren Erkenntnisgegenstand zum toten Objekt degradiert. Das Wort Gottes kann nie nur vom Intellekt her verstanden werden. Es sagt immer: \u201eIch will dich und nicht nur deinen Kopf.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die \u00dcbersetzung des Neuen Testaments<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es gelingen, das Wort Gottes in seiner urspr\u00fcnglichen Kraft \u201elosgehen\u201c zu lassen? Losgehen im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Explosion, aber auch wie ein sich auf den Weg machen, aufbrechen. Diesem Anliegen dienten die \u00dcbersetzungsanstrengungen von Friedolin Stier.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung des Neuen Testaments, das hie\u00df f\u00fcr Stier Erschlie\u00dfung der Ur-Kunde, neues Inumlaufsetzen des Gottesger\u00fcchts in Kirche und Welt, die diese Ur-Kunde oft verharmlosen. \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit ist f\u00fcr ihn eine beunruhigende und bohrende Erinnerungsarbeit an das, was urspr\u00fcnglich einmal im Christentum angelegt war. Er nimmt den Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Schrift m\u00fcsse \u201edie Seele der ganzen Theologie\u201c sein, radikal ernst. Er wollte sich und seinen Lesern Jesus, \u201eder unter den Menschen war, zu ihnen kam, sie zu sich rief, mit ihnen zusammen trank \u2013 all dieses Konkrete und Unmittelbare seines in Wort und Tat, in Tatworten und Worttaten pr\u00e4senten Seins\u201c \u2013 zum Leuchten bringen.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung des Neuen Testaments, das hie\u00df f\u00fcr Stier Erschlie\u00dfung einer theologischen Erkenntnisquelle, die weder durch ein Lehrbuch noch durch ein Dogmenkompendium und keinen Moralkodex domestizierbar ist. Bibel \u2013 das war f\u00fcr ihn eine lebendige Collage aus erfahrungshaltigen Gottesbegegnungen, eine narrative Sammlung von Geschichten und Lebenszeugnissen, weniger ein Buch als eine kleine Bibliothek von B\u00fcchern, in denen die Erfahrungsgeschichte der Menschen mit ihrem Gott und mit Christus in lebensgeschichtlichen Zug\u00e4ngen aufbewahrt worden war. So schreibt Stier in sein Tagebuch: \u201eWas ist denn noch alles zu tun, um das erregendste Buch, die Bibel, zum langweiligsten aller B\u00fccher zu machen? Ist es nicht genug, dass man sie auf Lehren abh\u00f6rte, ihr Wahrheiten abzapfte und Theologien damit zusammenbaute? Und dass man sie \u2013 neuerdings \u2013 auf das \u201aKerygma\u2018 reduzierte? Aber ihr Sinn ist es nicht, nur als Quelle oder Steinbruch zu glaubender Wahrheiten zu dienen. Diese Wahrheiten in allen Ehren \u2013 aber sie ist mehr: lebendige Stimme, Anrede, Aufruf des Menschen zur Umkehr, Umdenken fordernd, und Aufbruch, Unruhe stiftend, dr\u00e4ngend auf Wandlung. Das Wort Gottes, das sie fortlaufend bezeugt, bricht aufscheuchend in die Menschenwelt ein, wie der Wolf in die Herde der L\u00e4mmer. Wenn es mir gegeben ist, glaube und bekenne ich, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, aber wenn ich das Wort h\u00f6re: ich bin nicht gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen, sondern das Schwert, schreckt er mich auf. Und was ist noch zu tun, um dieses wildeste Buch zu domestizieren? Tut die Sprache seiner \u00dcbersetzer noch nicht genug? \u201aJahwe br\u00fcllt vom Sion her\u2018 (Amos) \u2013 aber du meinst, bl\u00f6kende Schafe zu h\u00f6ren \u2026 Sie halten der Bibel Schalld\u00e4mpfer vor den Mund; denn der theologisch verdolmetschte Gott br\u00fcllt nicht.\u201c \u00dcbersetzung hie\u00df f\u00fcr ihn, Gott nicht zum sp\u00e4tb\u00fcrgerlichen Softie zu machen, sondern seine zornige Liebe und seinen liebenden Zorn zur Wirkung zu bringen.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung des Neuen Testaments, damit verfolgte Stier die Neuentdeckung der urspr\u00fcnglichen, undomestizierten, unabged\u00e4mpften Kraft des Wortes Gottes \u2013 im Gegensatz zur kirchlichen Sedierung und wissenschaftlichen Sterilisierung. Stier konnte der wissenschaftlichen Neutralit\u00e4t gegen\u00fcber genauso bissig und kritisch sein wie der kirchlichen Banalit\u00e4t gegen\u00fcber. Die Geschichten des Neuen Testaments sollten in ihrer urspr\u00fcnglichen Kraft aufscheinen und in den K\u00f6pfen und Herzen der Menschen \u201elosgehen\u201c. \u00dcbersetzen hei\u00dft f\u00fcr Stier wirklich \u00fcber-setzen, hin\u00fcbersetzen in die Welt des Textes und der Menschen von damals. \u00dcbersetzen ist Schwerstarbeit. Alle genauen und dabei originellen \u00dcbersetzer wissen das. So hat Paul Celan einmal seinem Verleger geschrieben, \u00dcbersetzer m\u00fcssten nicht nach Zeilen honoriert, sondern f\u00fcr ihre \u201eRuderschl\u00e4ge beim \u00dcbersetzen\u201c entlohnt werden.<\/p>\n<p>Unter dem 26. April 1970 schreibt Stier: \u201eDokumentarisches \u00dcbersetzen f\u00fcgt sich dem Gebot, dem H\u00f6flichkeitsgebot eines Gastgebers sozusagen, auf die Gewohnheiten seines Gastes einzugehen, ihn das Seine auf seine Art sagen zu lassen. Es hie\u00dfe ihn vergewaltigen, dem in orientalischer Tracht Erschienenen einen Rollkragenpullover \u00fcber den Kopf zu st\u00fclpen.\u201c Stier hielt den meisten \u00dcbersetzern entgegen, dass sie der reichen Sprache des Urtextes den Einheitspulli eines blassen Gegenwartsdeutsch \u00fcberziehen und ihn so uniform machen.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele (Mt 11,29, 1 Kor 13,1-3) sollen die Stiersche \u00dcbersetzungskunst \u2013 er verstand sie als Rolle eines Gastgebers gegen\u00fcber einem reichen Original \u2013 illustrieren:<\/p>\n<p><strong>Mt 11,29<\/strong>: ist eine Stelle, die Stier schon in seinen Aufzeichnungen reflektiert hatte. Er \u00fcbersetzt die Stelle nach langen \u00dcberlegungsschleifen nun so: \u201eMein Joch nehmt auf euch und lernt von mir. Denn: Sanft bin ich und von Herzen niedrig, und ihr werdet Aufatmen finden f\u00fcr euer Leben.\u201c Ich m\u00f6chte diese Passage mit der revidierten Luther\u00fcbersetzung, der Einheits\u00fcbersetzung, dem Neuen Testament von Ulrich Wilkens und der Matth\u00e4us\u00fcbersetzung von Walter Jens vergleichen. Eine kontrastive Gegen\u00fcberstellung kann das Spezifische der Stierschen \u00dcbersetzungskunst verdeutlichen:<\/p>\n<p>Revidierte Luther\u00fcbersetzung: \u201eDenn ich bin sanftm\u00fctig und von Herzen dem\u00fctig; so werdet ihr Ruhe finden f\u00fcr eure Seelen.\u201c<\/p>\n<p>Einheits\u00fcbersetzung: \u201eDenn ich bin g\u00fctig und von Herzen dem\u00fctig; so werdet ihr Ruhe finden f\u00fcr eure Seele.\u201c<\/p>\n<p>Wilkens NT: \u201eDenn ich brauche keine Gewalt und halte mich in meinem Herzen zu den Geringen \u2013 bei mir sollt ihr finden, was eurem Leben Erquickung gew\u00e4hrt.\u201c<\/p>\n<p>Jens\u2018 Matth\u00e4us\u00fcbersetzung: \u201eBedenkt: ich brauche keine Gewalt \/ ich bin selbstlos und arm \/ und ihr werdet Ruhe finden in eurem Herzen.\u201c<\/p>\n<p>Dagegen Stier: \u201eDenn sanft bin ich und von Herzen niedrig, und ihr werdet Aufatmen finden f\u00fcr euer Leben.\u201c<\/p>\n<p>Im Vergleich mit dem griechischen Original wird die Stiersche \u00dcbersetzungs- und Sprachkunst mehr als deutlich: Die psychologisierende und moralisierende Wendung \u201esanftm\u00fctig (beziehungsweise g\u00fctig) und von Herzen dem\u00fctig\u201c \u00fcbersetzt Stier zupackender und sozialkritischer mit: \u201eich bin sanft und von Herzen niedrig\u201c. Das Wort \u201eniedrig\u201c klingt weniger sozialromantisch als die Jenssche Wendung \u201eich brauche keine Gewalt, ich bin selbstlos und arm\u201c. Vor allem aber nimmt es ein Wort ernst, das inkarnationstheologisch zentral ist: Der Philipperhymnus spricht davon, dass sich Jesus erniedrigt hat. Dies hat sogar sprachliche Konsequenzen: Der \u201esermo humilis\u201c wird damit zur ad\u00e4quaten Sprache f\u00fcr das Heilsgeschehen in Christus. Was aber genauso wichtig ist: Die Stiersche \u00dcbersetzung h\u00e4lt sich an den Wortrhythmus des Neuen Testaments, den etwa Wilkens mit seinen \u00dcbersetzungen in eklatanter Weise aufl\u00f6st: \u201eDenn ich brauche keine Gewalt und halte mich in meinem Herzen zu den Geringen.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich im zweiten Vers: Das statische Wort \u201eRuhe\u201c ersetzt Stier durch \u201eAufatmen\u201c, wodurch er ein ganz anderes Assoziationsfeld er\u00f6ffnet; das dualistische Wort \u201eSeele\u201c (immer h\u00f6rt man den Gegensatz zum K\u00f6rper mit) \u00fcbersetzt er konkreter und erfahrungshaltiger mit \u201eLeben\u201c. Aufatmen soll der Mensch also nicht nur in seinem \u201eInneren\u201c unter Vernachl\u00e4ssigung des \u00c4u\u00dferen, aufatmen soll der ganze Mensch. Ruhe finden soll der Mensch in seiner Totalit\u00e4t von innen und au\u00dfen, Leib und Seele, K\u00f6rper und Geist, Kopf und Herz. Karl-Josef Kuschel bringt die Stiersche \u00dcbersetzungskunst so auf den Punkt: \u201eMan sieht, dass hier ein \u00dcbersetzer eigene Wege geht: anschaulicher als die revidierten Lutheraner; sozialkritischer als der ansonsten sozialkritische Walter Jens; ganzheitlicher als alle zusammen, rhythmischer und dem Urtext angepasster als die Schriftverst\u00e4ndigen vor ihm.\u201c<\/p>\n<p><strong>1 Kor 13,1-3<\/strong>: Das Hohe Lied der Liebe in der \u00dcbersetzung von Fridolin Stier<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ich mit Zungen<\/p>\n<p>der Menschen und der Engel rede,<\/p>\n<p>die Liebe aber nicht habe,<\/p>\n<p>\u2013 dr\u00f6hnender Gong bin ich oder l\u00e4rmende Zimbel.<\/p>\n<p>Und wenn ich Prophetenrede habe<\/p>\n<p>und wei\u00df die Geheimnisse alle<\/p>\n<p>und alle Erkenntnis,<\/p>\n<p>und wenn ich allen Glauben habe<\/p>\n<p>\u2013 zum Bergeversetzen \u2013<\/p>\n<p>die Liebe aber nicht habe,<\/p>\n<p>so bin ich nichts.<\/p>\n<p>Und wenn ich all mein Hab und Gut veralmose<\/p>\n<p>und meinen Leib zum Verbrennen ausliefere,<\/p>\n<p>die Liebe aber nicht habe<\/p>\n<p>\u2013 so n\u00fctzt es mir nichts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deutlich wird der Unterschied zur Einheits\u00fcbersetzung schon in den unterschiedlichen Zeilenbr\u00fcchen. Stier macht aus Erz\u00e4hlprosa rhythmisierte Prosa; durch Zeilenbr\u00fcche, st\u00e4rkere Strukturierung und Rhythmisierung macht er bewusst, dass er diesen Text als \u201eLied\u201c \u00fcber die Liebe versteht. Auch bei den einzelnen W\u00f6rtern ist er um Genauigkeit bem\u00fcht. Statt \u201eSprachen\u201c w\u00e4hlt er das Wort \u201eZungen\u201c. Statt die griechische Syntax aufzul\u00f6sen, ahmt er sie im Deutschen nach: \u201edie Liebe aber nicht habe\u201c. Damit gelingt ihm gr\u00f6\u00dfere Plastizit\u00e4t, durch die Parenthesen erzeugt er gro\u00dfe sprachliche Spannung. \u201eDr\u00f6hnender Gong\u201c und \u201el\u00e4rmende Zimbel\u201c klingen ungewohnt, aber konkreter als \u201edr\u00f6hnendes Erz\u201c oder \u201el\u00e4rmende Pauke\u201c. Statt die Wortfolge verbal aufzul\u00f6sen (\u201ewenn ich prophetisch reden k\u00f6nnte\u201c), bel\u00e4sst Stier es bei der urspr\u00fcnglich auch im Griechischen vorhandenen Substantivform \u201eund wenn ich Prophetenrede habe\u201c, um dann den Konsekutivsatz (\u201eso dass ich Berge versetzen k\u00f6nnte\u201c) mit einer Parenthese auf engst m\u00f6glichem Raum zusammenzuziehen: \u201eUnd wenn ich allen Glauben habe \u2013 zum Bergeversetzen\u201c. Geradezu k\u00fchn und neologisch klingt das Wort \u201everalmosen\u201c, das die herk\u00f6mmliche \u00dcbersetzung \u201eund wenn ich all meine Habe den Armen g\u00e4be\u201c harmlos erscheinen l\u00e4sst. An diesem Bespiel wird deutlich: Die Sprache Stiers ist plastischer, der Rhythmus konsequenter, der deutsche Text sperriger und doch auf eine erstaunliche Weise geschmeidiger und biegsamer zugleich.<\/p>\n<p>Stier lie\u00df keinen Zweifel daran, dass der \u00dcbersetzer schier Unm\u00f6gliches leisten m\u00fcsse. \u201eWas am Mark des Bibel\u00fcbersetzers zehrt, ihn bis zur Ohnmacht schw\u00e4cht, ist der von der t\u00e4glichen Erfahrung gen\u00e4hrte Zweifel, ob unsere Sprache, wie sie nun ist, \u00fcberhaupt noch vermag, das ihr Zugesprochene nachzusprechen. Und dieser Zweifel wird um so st\u00e4rker, je besser er das aus dem Griechischen Gesprochene verstanden hat\u201c, so stellt Stier in einem Eintrag vom 26. April 1970 fest.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung war f\u00fcr ihn immer \u201ework in progress\u201c, nie einfach abgeschlossen. Er wollte \u00dcbersetzung nicht als platte Aktualisierung verstanden wissen, er wollte die Holprigkeiten und Rohheiten des Stils mancher neutestamentlicher Schriften nicht gl\u00e4tten oder kosmetisch wegschminken. Er wollte das Fremde des neutestamentlichen Griechisch, das schon die antiken Zeitgenossen als \u201egarstig\u201c empfanden, in der deutschen \u00dcbersetzung h\u00f6rbar machen: \u201eTag um Tag schlage ich mich mit \u00dcbersetzungsproblemen herum. Der 1. Johannesbrief ist wieder dran: simples Griechisch, ungeschlachte Syntax, den Zusammenhang verwischende Parataxen, eine \u201aLogik\u2018, die sich zwischen den Zeilen versteckt \u2026 Mit diesem Text werden auch die antiken Leser ihre liebe Not gehabt haben; er war ihnen nicht nach dem Munde geschrieben. Der \u201adokumentarische\u2018 \u00dcbersetzertyp, von gewissen Leuten als anf\u00e4nger- und st\u00fcmperhafte Interlinearw\u00f6rtlichkeit ver\u00e4chtlich gemacht, macht mich taub gegen das Feldgeschrei der Leute, die zu wissen w\u00e4hnen, wie \u201aJohannes\u2018 in der \u201aSprache von heute\u2018 geschrieben h\u00e4tte. Er schriebe heute wie damals, wie man \u201aheute\u2018 nicht zu schreiben pflegt.\u201c Hier taucht wieder sein Einwand auf: nicht nur eine Sprache des Man lehnt er ab, sondern auch eine falsch verstandene Aktualisierung.<\/p>\n<p>Nicht eine glatte, falsch aktualisierende \u00dcbersetzung \u201ein heutiges Deutsch\u201c schwebte ihm vor, sondern der unbedingte Wille, durch die \u00dcbersetzung etwas vom urspr\u00fcnglichen Geist der biblischen Sprache aufleuchten zu lassen. Das setzt voraus, dass man ein Sprachgef\u00fchl f\u00fcr die Art des neutestamentlichen Griechisch besitzt, um es ins Heute \u00fcbertragen zu k\u00f6nnen. Richtige Aktualisierung braucht das akribische dokumentarische \u00dcbersetzen, um nicht selbstreferentiell zu werden.<\/p>\n<p>\u201eDokumentarisches \u00dcbersetzen\u201c war sein zentrales Anliegen, mit dem er drei Forderungen verband: \u201e1. der Forderung, das, was dasteht, vollst\u00e4ndig zu \u00fcbersetzten, nichts hinzuzuf\u00fcgen und nichts wegzulassen. 2. der Forderung, die urspr\u00fcnglichen Bilder und Vorstellungen des Originals unverf\u00e4lscht auch ins Deutsche zu \u00fcbertragen, 3. die Abfolge dieser Vorstellungen, d. h. Syntax und Wortfolge des griechischen Satzes soweit nur irgend m\u00f6glich auch im Deutschen einzuhalten.\u201c<\/p>\n<p>So also verschwistert sich die Arbeit des Theologen und Sprachk\u00fcnstlers Friedolin Stier exemplarisch mit der Arbeit des Philologen. Bei ihm flie\u00dft vieles zusammen: die Liebe zur Literatur, die Arbeit an und mit der Sprache, Drastik und Z\u00e4rtlichkeit im Ausdruck sowie bewusste Rezeption von Sprach-, Theologie- und Kirchenkritik. Aber auch das Bewusstsein, dass die Wirklichkeit Gottes sich letztlich aller Sprache entzieht und dennoch in der Gestalt des Nazareners konkrete sinnliche Gestalt angenommen hat; dies alles m\u00fcndet in die von ihm als paradox begriffene Aufgabe des Theologen, dass er von dem reden muss, was sich aller Sprache entzieht, dass Gott durch seine Sprache Subjekt bleiben muss, obwohl die Sprache Gott st\u00e4ndig auch verobjektiviert. Die \u00dcbersetzungsarbeit des Neuen Testaments von Friedolin Stier ist die Frucht dieser erlittenen, aber sprachlich geb\u00e4ndigten Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>\u201eNach der Lekt\u00fcre theologischer Traktate: Tortur! Schwulstig diese Sprache, auch wirklich an Geschw\u00fclsten leidend, br\u00e4uchte sie das Skalpell des Sprachchirurgen\u2026 In der somatischen Medizin gibt es Messer und Medikamente, in der Sprachmedizin aber, deren es bed\u00fcrfte\u2026?\u201c Und er f\u00fcgt hinzu: \u201eEinst in Korinth gab es die Glossolalie, die ein charisma, eine Gabe des Heiligen Geistes war. Ihr zugeordnet war die hermeneia, eine Geistesgabe auch sie, die zur Auslegung der Zungenrede bef\u00e4higte. In welche Not w\u00e4re St. Paulus geraten, wenn auch die Hermeneuten glossolalisch geredet h\u00e4tten!\u201c<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung des Neuen Testaments von Fridolin Stier muss im Horizont der Frage-Welt dieses Theologen gelesen werden. \u201eWenn es eine paradoxe Grundspannung im Denken des Theologen und Sprachk\u00fcnstlers F. Stier gegeben hat, dann ist es die Spannung zwischen dem Gott, der sich aller Sprache entzieht, zwischen dem dunklen, schweigenden, manchmal unheimlichen Gott und dem Gott, wie er sich \u2013 dem Neuen Testament zufolge \u2013 in Jesus als menschenfreundliche Wirklichkeit geoffenbart hat\u2026 Nur, wenn man das Neue Testament neben die Aufzeichnungen h\u00e4lt, wenn man Gespr\u00e4chsf\u00e4den her\u00fcber und hin\u00fcber kn\u00fcpft, wenn man das Neue Testament im Licht der Aufzeichnungen und die Aufzeichnungen im Licht des Neuen Testaments begreift, hat man die Spannungen verstanden, denen dieser Theologe ausgesetzt war: Erfahrung und Gegenerfahrung, Botschaft und Widerspruch, Trost und Protest, Offenbarungen und Zweifel. Das Neue Testament und die Aufzeichnungen: erst miteinander gelesen ergibt dies den ganzen F. Stier\u201c, so fasst Karl-Josef Kuschel das \u00dcbersetzungswerk Stiers sowie seine biographischen Aufzeichnungen zusammen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr Stier war die Rede vom lieben Gott. Die Liebe Gottes hatte sich seit dem 7. September 1971 f\u00fcr ihn verdunkelt. Seither war jedem theologischen Satz der 7. September eingraviert \u2013 so wie der Lyrik Paul Celans der 25. Januar, der Tag der Wannsee-Konferenz und des Beschlusse der Judenvernichtung.<\/p>\n<p>Das Hohelied der Liebe in 1 Kor 13 ist f\u00fcr Stier nur deshalb \u00fcbersetzbar, weil er darin die Liebe seiner Tochter, aber auch seine zu ihr umschrieben sieht, die niemals aufh\u00f6rt: \u201eAlles h\u00e4lt sie aus. Alles glaubt sie, alles durchharrt sie. Die Liebe geht nie zugrunde.\u201c<\/p>\n<p>Immer wieder seine bohrenden Fragen nach dem Friedhofsbesuch: \u201eAuf dem R\u00fcckweg vom Friedhof\u2026 wof\u00fcr hat sie gelebt? Ad te fecisti nos? Auf dich hin hast du sie geschaffen \u2013 stehst du zu deinem Ja zu ihr, bist du treu?\u201c Diese Frage lie\u00df Stier nicht mehr los, mit blindgeweinten Augen h\u00f6rte er nicht auf, Gott zu konfrontieren: \u201eO liebster Vater! Ich h\u00f6hne nicht, aber wie finster mutet dein Licht, wie nachtschwarz dein Tag, wie m\u00f6rderisch deine Liebe mich an, wenn ich es so betrachte.\u201c<\/p>\n<p>Und dennoch seine gro\u00dfe Hoffnung \u2013 als Frage formuliert: \u201eIst vielleicht? Ist irgendwo? Vielleicht ist irgendwo Tag\u201c \u2013 so auch der Titel seiner immer noch lesenswerten Tagebuchaufzeichnungen, ohne die man seine \u00dcbersetzungsarbeit des Neuen Testaments nicht versteht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirkungsgeschichte &nbsp; Wir stehen am Ende der Biblischen Tage und m\u00fcssten eigentlich ganz neu beginnen. Allein das Hohelied der Liebe 1 Kor 12b-13,13 b\u00f6te Stoff f\u00fcr eine ganze Woche. Es hat eine reiche Wirkungsgeschichte entfaltet. 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