{"id":118089,"date":"2026-01-20T11:46:11","date_gmt":"2026-01-20T10:46:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118089"},"modified":"2026-01-20T11:46:13","modified_gmt":"2026-01-20T10:46:13","slug":"prinzen-reise-ohne-wiederkehr-karl-albrecht-und-seine-brueder-auf-dem-weg-ins-exil-1706","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/prinzen-reise-ohne-wiederkehr-karl-albrecht-und-seine-brueder-auf-dem-weg-ins-exil-1706\/","title":{"rendered":"Prinzen-\u201eReise\u201c ohne Wiederkehr"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Vormittag des 8. Mai 1706 lassen zwei pr\u00e4chtig bespannte Kutschen in flotter Fahrt die bayerische Haupt- und Residenzstadt M\u00fcnchen hinter sich. Die Stimmung in den Kutschen ist gel\u00f6st. Nach Venedig soll es gehen. Die Passagiere \u2013 die vier \u00e4lteren bayerischen Prinzen \u2013 stimmen fr\u00f6hliche Ges\u00e4nge an. Zwischendurch malen sie sich gegenseitig die Freuden aus, die ihnen unterwegs widerfahren werden, wozu sie ihr mitreisender Hofmeister immer wieder ermuntert.<\/p>\n<p>Der erste Gedanke indes, das sich hier wohl f\u00fcrstlicher Nachwuchs auf Kavalierstour nach Italien begibt, f\u00fchrt gr\u00fcndlich in die Irre. Schon die Szenerie au\u00dferhalb der Kutschen will dazu \u00fcberhaupt nicht passen. Die Fahrtrichtung weist nicht nach S\u00fcden, sondern streng westlich auf Landsberg zu. Merkw\u00fcrdig ist auch die aufwendige Eskorte f\u00fcr die beiden Leibz\u00fcge, die in dreihundert bis an die Z\u00e4hne bewaffneten Reitern besteht.<\/p>\n<p>Der Blick ins Innere der Kutschen macht vollends stutzig. Die Reisenden sind keine jugendlichen Prinzen an der Schwelle zum Erwachsenenalter, wie man annehmen m\u00f6chte. Wer in den Kutschen sitzt, sind Kinder, f\u00fcrstliche Kinder zwar, aber trotzdem zu jung, um allein auf Erlebnisreise zu gehen. Der \u00e4lteste, Karl Albrecht, z\u00e4hlt gerade einmal acht Jahre, und seine Br\u00fcder, Philipp Moritz, Ferdinand Maria und Clemens August, sind nur sieben, sechs und f\u00fcnf Jahre alt.<\/p>\n<p>Der historische Kontext der h\u00f6chst eigenartigen Prinzenreise von 1706 ist der bayerische Erinnerungsort par excellence, der gro\u00dfe Aufstand der bayerischen Landbev\u00f6lkerung gegen die kaiserlich-\u00f6sterreichische Besatzungsherrschaft w\u00e4hrend des Spanischen Erbfolgekrieges, von dem sich unter dem Schlagwort \u201eSendlinger Mordweihnacht\u201c bis heute der patriotische Mythos Bayerns n\u00e4hrt. In diesem Erbfolgekrieg hatte sich der bayerische Kurf\u00fcrst Max Emanuel auf der Seite Frankreichs in den milit\u00e4rischen Konflikt mit dem habsburgischen Kaiser begeben, bei H\u00f6chst\u00e4dt im August 1704 aber eine schwere Niederlage erlitten und das Land verlassen m\u00fcssen. Seine Familie hatte er dabei in M\u00fcnchen zur\u00fcckgelassen. Das Land wurde nach und nach von kaiserlichen und von Reichstruppen besetzt, eine provisorische Besatzungsregierung mit dem Reichsgrafen Maximilian Karl von L\u00f6wenstein als \u201eAdministrator\u201c an der Spitze installiert. Nachdem auch die Kurf\u00fcrstin Therese Kunigunde nach Venedig abgereist und an der R\u00fcckkehr gehindert worden war, waren die kurf\u00fcrstlichen Kinder praktisch verwaist und wurden nur noch von einem, freilich umfangreichen, Hofstaat betreut. Sie lebten zwar einstweilen pers\u00f6nlich unbehelligt in der Residenz. Die kaiserliche Seite betrachtete sie jedoch als kostbares Pfand, um Max Emanuel von weiteren milit\u00e4rischen Aktionen abzuschrecken. Ein Ger\u00fccht wollte sogar wissen, es bestehe deshalb die Absicht, die Prinzen au\u00dfer Landes zu bringen.<\/p>\n<p>Im Winter 1705\/06 entz\u00fcndete sich an der Einf\u00fchrung einer versch\u00e4rften Form der Wehrpflicht in Bayern der Widerstand der Bev\u00f6lkerung, der in den gro\u00dfen \u201eBauernaufstand\u201c m\u00fcndete. Unmittelbar nach dessen Niederschlagung wurde vollzogen, was als Argument in der Werbung f\u00fcr den Aufstand eine nicht unbeachtliche Rolle gespielt hatte: Die \u00e4lteren S\u00f6hne des Kurf\u00fcrsten wurden tats\u00e4chlich aus dem Land weggef\u00fchrt und nach Inner\u00f6sterreich, zun\u00e4chst nach Klagenfurt, sp\u00e4ter nach Graz gebracht. Sie sollten Bayern erst neun Jahre sp\u00e4ter, nach dem endlichen Friedensschluss, als junge M\u00e4nner wiedersehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der \u00e4u\u00dfere Ablauf der Prinzenreise von 1706 wurde von zwei Vorgaben des Wiener Kaiserhofs bestimmt. Zum ersten war die Reise sehr kurzfristig, im zeitlichen Umfeld der Achterkl\u00e4rung \u00fcber den bayerischen Kurf\u00fcrsten am 29. April 1706 angesetzt. Es blieben damit bestenfalls zwei Wochen zur Vorbereitung, was nat\u00fcrlich nicht ann\u00e4hernd ausreichte, um sich f\u00fcr den Abtransport eines ganzen Hofstaats zu r\u00fcsten. Die zweite Vorgabe war diejenige der absoluten Geheimhaltung des Vorhabens. Gegenaktionen wurden von zwei Seiten bef\u00fcrchtet. Das Widerstandspotential des Landes selbst hatte man ja eben im gro\u00dfen Aufstand drastisch kennengelernt. Daneben stand die Sorge, der Kurf\u00fcrst k\u00f6nnte in einem milit\u00e4rischen Kommandounternehmen die Befreiung seiner Kinder versuchen und dem Kaiser damit dieses wichtige Pfand aus der Hand schlagen.<\/p>\n<p>Die Anweisung aus Wien lautete dementsprechend, dass die Prinzen \u201eaus dem land ohne sonderbahren rumor entf\u00fchret werden sollen\u201c. Dieser eine Satz bildete sozusagen die ganze Reiseinstruktion. Das Problem, einen Tross von mehreren hundert Personen und Pferden quer durch Mitteleuropa zu bewegen, ohne Au\u00dfenstehenden zu offenbaren, was hier eigentlich vor sich ging, hatte danach weitgehend allein der nieder\u00f6sterreichische Freiherr Anton Ehrenreich von Petschowitz zu l\u00f6sen, der der kaiserlichen Administrationsbeh\u00f6rde in M\u00fcnchen angeh\u00f6rte und mit der Durchf\u00fchrung der Reise beauftragt war.<\/p>\n<p>Ein zentrales Mittel der Geheimhaltung sind bekanntlich T\u00e4uschungsman\u00f6ver. Mit einem solchen begann auch die Reise der vier bayerischen Prinzen nach Klagenfurt, indem man vorgab, dass gar nicht verreist werden solle. Vielmehr wurde der Hofstaat der Prinzen am 4. Mai 1706 ins kurf\u00fcrstliche Schloss Dachau verlegt mit der Aussage, man wolle den Prinzen eine gesunde Luftver\u00e4nderung gegen\u00fcber der stickigen M\u00fcnchener Residenz g\u00f6nnen. Die nicht reisef\u00e4higen beiden j\u00fcngsten Prinzen sowie die Prinzessin Maria Anna Karoline wurden dabei in der Stadt zur\u00fcckgelassen.<\/p>\n<p>In der Nacht zum 8. Mai umstellte dann eine dreihundert Mann starke Reiterabteilung der M\u00fcnchener Garnison das Schloss Dachau. Sie bildete die Eskorte, mit der im R\u00fccken Petschowitz dem Hof er\u00f6ffnete, dass abgereist werde. Auch jetzt noch griff man zur List. Angeblich wollte man nur eine Tagesreise weit marschieren, an den Lech zum kurf\u00fcrstlichen Jagdschloss Lichtenberg bei Landsberg. In Wirklichkeit ging es jedoch darum, aus Sicherheitsgr\u00fcnden schnellstm\u00f6glich mit den Prinzen aus dem kurbayerischen Territorium hinauszukommen. Daf\u00fcr nahm man auch den gro\u00dfen Umweg um das unruhige Oberland herum in Kauf.<\/p>\n<p>Auf dem Weg Richtung Lech stimmte der Chef des Hofstaates der Prinzen, Obristhofmeister Franz Maria von Guidobon Cavalchino, die Prinzen langsam darauf ein, dass die Reise nicht nach einem Tag zu Ende sein werde. Ob Sie nicht Lust h\u00e4tten, noch ein St\u00fcck weiter zu fahren und eventuell ihre Mutter zu treffen, fragte er sie, worauf die Kinder nat\u00fcrlich freudig eingingen. \u201ealso gehen die guete unschuldige Kh\u00fcnder vort, ohne da\u00df Sie w\u00fcssen warumb, so Ihre gr\u00f6\u00dfte glickseeligkheit ist\u201c, berichtete Guidobon erleichtert an den Administrator.<\/p>\n<p>St\u00f6rend bemerkbar machte sich bereits von Beginn an die unzureichende Vorbereitung der Reise. Jedes Konzept wurde dadurch nach und nach zunichte, so dass das Unternehmen schon bald den Charakter einer Expedition annahm, auf der man keinen Tag wusste, was der n\u00e4chste wohl bringen w\u00fcrde. Schon der Aufbruch von Dachau misslang. Man kam viel zu sp\u00e4t, am hellen Vormittag, los; eigentlich wollte man am ersten Abend bereits in Kaufbeuren sein. Nach 13 Stunden Gewaltmarsch war aber die bayerische Grenze immer noch nicht erreicht, um 23 Uhr schlug man in Hurlach bei Landsberg endlich das Nachtlager auf. Der Ort wurde gesichert wie ein milit\u00e4risches Hauptquartier, allein f\u00fcnfzig Reiter waren zur Bewachung der Lechbr\u00fccke und r\u00fcckw\u00e4rtigen Sicherung abgestellt, die Hofangeh\u00f6rigen wurden nach au\u00dfen streng abgeschirmt.<\/p>\n<p>Mannschaft und Pferde waren nach der ersten Marschetappe bereits so ersch\u00f6pft, dass man in Hurlach einen ungeplanten Rast- und Erholungstag einlegen musste. Erst am 10. Mai 1706 verlie\u00df der Geleitzug mit den Prinzen endg\u00fcltig Bayern; am gleichen Tag verk\u00fcndete auf dem M\u00fcnchener Marktplatz (Marienplatz) ein kaiserlicher Herold die \u00c4chtung ihres Vaters.<\/p>\n<p>Nach au\u00dfen war die Marschkolonne nun zwar in Sicherheit, die noch gesteigert wurde durch ein ganzes verb\u00fcndetes Regiment, das f\u00fcr den italienischen Kriegsschauplatz bestimmt war und als zus\u00e4tzliche Sicherung vor und hinter den Prinzen her zog. Daf\u00fcr drohte jetzt Gefahr von innen, denn der Hofstaat musste nun erkennen, dass er get\u00e4uscht worden war. Jeden Einzelnen auf Schritt und Tritt zu bewachen war indes unm\u00f6glich, und so geschah bereits in Kaufbeuren, was man unbedingt hatte vermeiden wollen. Einem der Kammerherrn der Prinzen, Baron L\u00f6sch, gelang es, aus dem Jesuitenkolleg heraus eine Nachricht abzusetzen. Die Folge war, dass die Kunde von der Entf\u00fchrung der Prinzen zwei Tage sp\u00e4ter in den Zeitungen stand. Das \u201eWiener Diarium\u201c, das offenbar erst zu sp\u00e4t einen Maulkorb erhielt, schickte sich zu einer regelrechten Reisereportage an und verk\u00fcndete sogleich auch das Reiseziel Klagenfurt. Die Prinzen waren also noch nicht einmal richtig in Tirol, da war bereits ganz Europa im Bilde, und nat\u00fcrlich auch die Kurf\u00fcrstin in Venedig, auf das sich der Reisezug nun von Tag zu Tag n\u00e4her zu bewegte.<\/p>\n<p>Der Plan sah vor, \u00fcber Innsbruck, Brenner und Pustertal nach Inner\u00f6sterreich zu gelangen. Das brachte mit sich, dass man \u00fcber ein geraumes St\u00fcck in gef\u00e4hrlicher N\u00e4he der venetianischen Grenze marschieren musste. Dort trieben sich in diesen w\u00fcsten Zeiten allerhand gef\u00e4hrliche Subjekte herum, Deserteure oder nur schlichte Banditen; auch ein Regiment franz\u00f6sischer Dragoner war dort zuletzt gesichtet worden. Man traute der Kurf\u00fcrstin zu, dass sie mit solchem Personal ein Unternehmen gegen den Geleitzug der Prinzen organisieren k\u00f6nnte. Die Au\u00dfensicherung gewann deshalb, je weiter die Reise fortschritt, immer mehr an Bedeutung. Petschowitz musste nicht mehr nur auf die Reisegesellschaft selbst achten, die er nun kaum mehr zu verlassen wagte, sondern Kundschafter ausschicken, die das Grenzland zu Venedig aussp\u00e4hen sollten, und mit den \u00f6rtlichen Gewalthabern die Besetzung der P\u00e4sse durch Sch\u00fctzen in ausreichender Zahl kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf strapazi\u00f6sen Wochen, am 10. Juni 1706 gegen Abend, kam die Marschkolonne endlich in Klagenfurt an. Administrator L\u00f6wenstein machte unverz\u00fcglich Vollzugsmeldung nach Wien und berichtete, man habe die Prinzen \u201ealle in guter gesundheit eingebracht\u201c. In den Briefen, die zuvor von Petschowitz in M\u00fcnchen eingelaufen waren, las sich das freilich ziemlich anders. Der Weg war die letzten Etappen \u00e4u\u00dferst schlecht gewesen, und man hatte mit gro\u00dfer Hitze zu k\u00e4mpfen gehabt. Dennoch hatte man das Tempo des Vorr\u00fcckens nicht verlangsamen oder gar Zwischenaufenthalte einlegen wollen. Entsprechend war das Erscheinungsbild des Reisezuges bei der Ankunft in Klagenfurt, wie es Petschowitz beschrieb: \u201eseind die Printzen endlich gantz Ermatteter, der mehriste Hofstatt Erkrankter, das Fuhrwerg aber totaliter ruinirter alhie angelanget.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die pers\u00f6nliche Behandlung der Prinzen war dadurch bestimmt, dass sie auf der Fahrt fast von ihrem kompletten Hofstaat umgeben waren. Wie viele Personen das waren, wurde nirgends festgehalten, aber man kann gewisse R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen aus der Gr\u00f6\u00dfe der Reisegruppen, die unterwegs separiert und nach M\u00fcnchen zur\u00fcckgeschickt wurden. Man machte das, um erstens Kosten zu sparen, die sich ohnehin auf den stolzen Betrag von 6.000 Gulden f\u00fcr das ganze Unternehmen summierten, und zweitens, weil man ihrer nach dem gelungenen T\u00e4uschungsman\u00f6ver beim Aufbruch auch nicht mehr bedurfte.<\/p>\n<p>An der Grenze nach Tirol wurden so bereits vierzig Personen samt Pferden abgedankt, in Klagenfurt nochmals drei\u00dfig. Es ist also davon auszugehen, dass man gut und gerne mit einer Hundertschaft losmarschiert war. Dabei war alles, was zu einem anst\u00e4ndigen Hof geh\u00f6rte, der Obristhofmeister, drei Kammerherren der Prinzen, ein Instruktor, ein Leibarzt, dann ein Leibapotheker, Kammerfrauen f\u00fcr den j\u00fcngsten Prinzen sowie zahlreiches Personal f\u00fcr Bedienungen aller Art.<\/p>\n<p>Das war der Personenkreis, der die Prinzen unmittelbar umgab und der mit ihnen Umgang hatte. Die Behandlung war deshalb vollkommen standesgem\u00e4\u00df. Der \u00e4lteste, Karl Albrecht, wurde als Kurprinz angesprochen und trug auch t\u00e4glich seine Ordenskette vom Goldenen Vlies, die ihn als Angeh\u00f6rigen der regierenden H\u00e4user Europas auswies. In den Kirchen wurden den Prinzen in gewohnter Weise jeweils besondere Teppiche und Polster ausgebreitet, und Edelknaben assistierten ihnen w\u00e4hrend des Evangeliums mit Leuchtern.<\/p>\n<p>Die kaiserliche Seite lie\u00df den Hofstaat zun\u00e4chst gew\u00e4hren, empfand aber mit fortschreitender Reise ein zunehmendes Unbehagen an der Situation. Recht bald fragte Petschowitz beim Administrator an, ob man wirklich mit dem kurf\u00fcrstlichen Wappen au\u00dfen an den Kutschen weiterfahren solle. Noch w\u00e4hrend der Reise verschlechterte sich dann die Position der Prinzen durch \u00e4u\u00dfere Ereignisse deutlich. In Ramillies (im heutigen Belgien) wurden in einer der gr\u00f6\u00dften Feldschlachten des Spanischen Erbfolgekrieges am 23. Mai 1706 die Franzosen und der mit ihnen verb\u00fcndete bayerische Kurf\u00fcrst von den Alliierten erneut aufs Haupt geschlagen. Max Emanuel verlor dadurch auch noch sein Nebenterritorium, die Spanischen Niederlande, und seine zweite Residenz Br\u00fcssel. Von nun an war er ein Fl\u00fcchtling, der ein halbwegs standesgem\u00e4\u00dfes Dasein nur noch von Frankreichs Gnaden fristete. Der Stern der bayerischen Wittelsbacher war vollends in steilen Sinkflug \u00fcbergegangen. Wenn man um diesen Hintergrund wei\u00df, versteht man, dass L\u00f6wenstein dem Hofstaat gegen\u00fcber sich durchzugreifen traute, als der Reisezug das Pustertal erreicht hatte. Die Prinzen durften ab jetzt in den Kirchen nicht mehr besonders geehrt werden, die Anrede als Kurprinz wurde Karl Albrecht entzogen, und von diesem Zeitpunkt an mu\u00dfte er wohl auch auf das Goldene Vlies verzichten.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu dieser insgesamt doch ehrenvollen Behandlung standen die Reaktionen von au\u00dfen, die der Reisezug auf seinem Weg ausl\u00f6ste. Insbesondere im Tiroler Inntal kam es zu heftigen Anfeindungen. Die Tiroler hatten nat\u00fcrlich noch keineswegs vergessen, dass im Zuge des milit\u00e4rischen Schlagabtausches zwischen dem Kaiser und dem bayerischen Kurf\u00fcrsten letzterer im Sommer 1703 in Tirol eingefallen war und das Land kr\u00e4ftig hatte pl\u00fcndern lassen. Schon die Beamten der Innsbrucker Regierung zeigten, trotz klarer Anweisung aus Wien, keinerlei Motivation, sich f\u00fcr den Durchzug der bayerischen Prinzen irgendwie zu engagieren. Die Tore der Innsbrucker Residenz hielten sie eisern verschlossen, sodass die Prinzen im Kloster Wilten untergebracht werden mussten. Der Marschkommissar, den die Regierung dem Geleitzug entgegenschickte, kam mit leeren H\u00e4nden. Petschowitz musste alles selbst organisieren und teuer bezahlen. Aber selbst gegen Geld machte man ihm Schwierigkeiten an allen Ecken und Enden.<\/p>\n<p>Schon ihm, dem \u00d6sterreicher, schlug teilweise offene Feindseligkeit der Bev\u00f6lkerung entgegen. Als man in Zirl die Innbr\u00fccke passierte, mokierten sich die dort werkelnden Zimmerleute lautstark: \u201eIhr f\u00fchrt die Hundsf[ott]-Bayern wider ins Land, dann wir seindt froh gewesen, da\u00df wirs hinaus geschlagen haben\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Prinzen entwickelte sich der Marsch durch Tirol zu einem regelrechten Spie\u00dfrutenlaufen; man lie\u00df sie den Hass gegen ihren Vater mit kr\u00e4ftigen Ausdr\u00fccken sp\u00fcren. In Nassereith schrie ein Wirt beim Vorbeifahren: \u201e10 Gulden wolt ich darum geben, wann ich die bayerische Hundsf[ott] niemals gesechen hette\u201c. Wenig sp\u00e4ter liefen bei einer Rast zahlreiche Tiroler Bauern zusammen, einer von ihnen, rotb\u00e4rtig soll er gewesen sein, trat an die Leibkutsche heran und sagte zu den Prinzen: \u201eIhr seit woll gute Kinderl, aber Euer Vatter ist ein Schlimer Schelm.\u201c Dieser Vorfall war so skandal\u00f6s, dass er gleich mehrfach schriftlich festgehalten wurde. Man muss sich dazu die alte Bedeutung von \u201eSchelm\u201c vor Augen f\u00fchren, die anders als heute nichts im geringsten Humoriges an sich hat, sondern jemanden bezeichnet, der ein unehrliches Dasein f\u00fchrt, wie Abdecker oder Henker, und damit au\u00dferhalb der Gesellschaft steht. Einem F\u00fcrstenkind gegen\u00fcber den Vater so zu bezeichnen, war also wirklich ganz unerh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Etwas gemildert wurden die Ausbr\u00fcche gegen die Prinzen nur durch das Mitleid, das man ihrem schweren Schicksal doch auch entgegenbrachte, welches man sich noch d\u00fcsterer ausmalte, als es tats\u00e4chlich war. Wo wusste ein den Weg entlanglaufendes Ger\u00fccht, die Knaben, die mit bleichen Gesichtern aus der Kutsche starrten, w\u00fcrden der sicheren Kastration entgegen gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ist es den Prinzen selbst bei alldem nun eigentlich ergangen? Hinsichtlich ihres k\u00f6rperlichen Befindens, soviel kann klar gesagt werden, war die Reise eine einzige Katastrophe. Welche Tortur sie darstellte, zeigen schon allein die Berichte \u00fcber die massiven Materialausf\u00e4lle an. Bereits am allerersten Tag stellte sich heraus, dass die Leibkutschen der Prinzen die Tour auf gar keinen Fall durchstehen w\u00fcrden. In Reutte gab es deshalb einen dreit\u00e4gigen Zwangsstop, bis aus M\u00fcnchen zwei stabilere Chaisen herangef\u00fchrt waren. In welch desolatem Zustand man dennoch in Klagenfurt anlangte, ist bereits angeklungen.<\/p>\n<p>Schon beim Aufbruch von Dachau war das j\u00fcngste Kind, Clemens August, eigentlich krank und nicht transportf\u00e4hig. In Innsbruck wurde dann auch noch Karl Albrecht unp\u00e4sslich, sodass man eine unvorhergesehene zweit\u00e4gige Rast einschieben und von da an bereits zum schonenderen S\u00e4nftentransport \u00fcbergehen musste. Seit Sterzing zeigten sich bei Ferdinand Maria Krankheitssymptome, die den Schafblattern oder Steinblattern, nach unseren Begriffen Windpocken, zugeschrieben wurden, was wiederum einen ungeplanten Rasttag erheischte. Er brachte keine Linderung der Beschwerden, sodass man dem Prinzen ein Bettchen f\u00fcr den Liegendtransport auf einem Wagen richtete, um weiterzukommen. Bald ging auch das nicht mehr, und man blieb schlie\u00dflich in Bruneck f\u00fcr volle f\u00fcnf Tage liegen.<\/p>\n<p>Trotz dieser Beschwernisse sollen Moral und Haltung der Prinzen w\u00e4hrend der ganzen Reise gut, ja vorbildlich gewesen sein. Diesen Eindruck jedenfalls versuchen die bayerischen Quellen zu erwecken, die die Vorg\u00e4nge dokumentieren. Es wurde kein Zweifel daran zugelassen, dass die kurf\u00fcrstlichen Kinder bereits in jungen Jahren gelernt hatten, nach h\u00f6fischen Regeln zu funktionieren.<\/p>\n<p>Anfangs, solange die T\u00e4uschung aufrechterhalten werden konnte, herrschte ohnehin eitel Sonnenschein, und die Kinder, denen man suggerierte, sie w\u00fcrden in K\u00fcrze vielleicht ihre Mutter sehen, hatten allen Anlass zum Fr\u00f6hlichsein. Dann jedoch gingen seltsame Dinge vor sich. Die Geheimnistuerei um sie herum vermittelte sich auch den Kindern. Beim Durchzug durch F\u00fcssen am sp\u00e4ten Vormittag des 12. Mai 1706 erschreckte ein Himmelsereignis den Reisezug. Eine totale Sonnenfinsternis, die letzte vor dem Jahr 1999 in dieser Region, bewirkte, dass man mitten am Tag die Sterne sehen konnte. \u00dcber allerhand schlechte Omina f\u00fcr die Reise wurde ohnehin bereits laufend gemunkelt.<\/p>\n<p>Noch bevor Tirol erreicht war, d\u00e4mmerte dem achtj\u00e4hrigen Karl Albrecht bereits, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Er erkannte offenbar, dass Venedig eine Finte und Klagenfurt das eigentliche Ziel war, spielte aber Unbefangenheit vor. Ein Reisebegleiter staunte \u00fcber diese F\u00e4higkeit zu \u201ezimblicher Dissimulirung, welche mich von disem Jungen Herren sehr wunder nimbt.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt begann jetzt ein Katz- und Mausspiel zwischen solchen, die in den Zweck der Reise eingeweiht waren, und solchen, die mittlerweile auch Bescheid wussten, sich aber naiv stellen. Mehrere Tage brauchten Petschowitz und Guidobon, um die drei politisch suspekten Kammerherrn der Prinzen weisungsgem\u00e4\u00df endlich loszuwerden. Die chevaleresken Formen, in denen man den Freiherrn L\u00f6sch und Hegnenberg sowie dem Grafen Fugger zu verstehen gab, dass man Verst\u00e4ndnis h\u00e4tte, wenn sie sich nun zur\u00fcckziehen w\u00fcrden, spielten diese immer wieder elegant zur\u00fcck, man werde doch wirklich nicht wollen, dass der Eindruck entstehen k\u00f6nnte, man habe sich ganz unverdient die allerh\u00f6chste Ungnade zugezogen. Erst als L\u00f6wenstein auf den Kunstgriff verfiel, ihnen die Streichung ihrer Gage in Aussicht zu stellen, die sie ja wohl nur beleidigen k\u00f6nnte, wenn ihnen die Bedienung der jungen Herrschaften schon so eine gro\u00dfe Ehre sei, nahmen die drei schlie\u00dflich \u201emit grossem Herzeleide\u201c Abschied.<\/p>\n<p>Das Verhalten des \u00e4ltesten Prinzen, Karl Albrecht, stand, wie gesagt den bayerischen Quellen zufolge, hinter demjenigen dieser Kavaliere nicht zur\u00fcck. Auch Karl Albrecht war die H\u00f6flichkeit in Person. Wiederholt wurde vermerkt, da\u00df er sich f\u00fcr jede Erleichterung auf dem Weg \u201egar h\u00f6flich bedankht\u201c habe. Die Krone setzte er dem auf, als die Reisegesellschaft eine Viertelstunde vor dem Endziel der Reise, wie genau registriert wurde, vom Klagenfurter Burggrafen in Empfang genommen wurde. Dessen Begr\u00fc\u00dfungsansprache nahm Karl Albrecht wiederum h\u00f6flich dankend entgegen und f\u00fcgte, ganz Gentleman, hinzu, wie leid es ihm t\u00e4te, dass er solche Ungelegenheiten bereiten m\u00fcsse. Demjenigen, der diese Begebenheit festhielt, ging es ganz offensichtlich darum zu dokumentieren, dass die Reise der bayerischen Prinzen nach Klagenfurt, wenn schon keine Kavaliersreise, so immerhin doch eine Reise von Kavalieren war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>Diese Beobachtung leitet unmittelbar \u00fcber zu der Frage nach dem eigentlichen Charakter dieses Unternehmens, die abschlie\u00dfend zu stellen ist. Mit einer Reise nach heutigen Begriffen hat der vorliegende Fall offensichtlich nichts zu tun. Auch zum Ph\u00e4nomen der Prinzenreise oder Kavalierstour, wie es in der historischen Forschung aufgefasst wird, gibt es kaum Verbindungen. Einen ad\u00e4quaten modernen Begriff f\u00fcr einen fr\u00fchneuzeitlichen Vorgang zu finden, zu dem es wohl keine echte Parallele gibt, ist indessen kaum m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Schon zeitgen\u00f6ssisch hat es keine einheitliche Sprachregelung gegeben. Der Text des Diariums spricht in der \u00dcberschrift vom \u201eMarsch\u201c nach Klagenfurt, und auch in den Reisebriefen kommt dieser Begriff immer wieder zum Einsatz. Ferner finden sich alle m\u00f6glichen Wortbildungen auf der Basis des Verbums \u201ef\u00fchren\u201c: Von Wegf\u00fchrung, Abf\u00fchrung, \u00dcberf\u00fchrung, Entf\u00fchrung der Prinzen ist da die Rede.<\/p>\n<p>Dieser n\u00fcchtern-technischen Begrifflichkeit k\u00f6nnte man als modernes \u00c4quivalent vielleicht noch am ehesten den Begriff \u201eTransport\u201c an die Seite stellen, umso mehr, wenn man das Motiv f\u00fcr die \u00dcberstellung der Prinzen von M\u00fcnchen nach Klagenfurt angemessen gewichtet. Denn es kann keinerlei Zweifel unterliegen, dass die kaiserliche Seite die bayerischen Prinzen schon seit dem Jahr 1704 als willkommene Geiseln betrachtete, mit deren Hilfe man den gef\u00e4hrlichen bayerischen Nachbarn im Zaum zu halten versuchen konnte. Um sich dieser Geiseln zus\u00e4tzlich zu versichern, wurden sie im Jahr 1706 in eine besser kontrollierbare Umgebung verbracht.<\/p>\n<p>So hat schon Karl Theodor von Heigel den Klagenfurter Aufenthalt der Prinzen nicht von ungef\u00e4hr als \u201eDie Gefangenschaft der S\u00f6hne des Kurf\u00fcrsten Max Emanuel\u201c bezeichnet. Am Begriff der Gefangenschaft ist in diesem Zusammenhang nat\u00fcrlich immer wieder, auch berechtigte Kritik ge\u00fcbt worden. Zu ihm will die zuvorkommende pers\u00f6nliche Behandlung der Prinzen, die sie alles in allem genossen haben, nicht so recht passen, jedenfalls nicht f\u00fcr den modernen zivilen Zeitgenossen, der Gefangenschaft ja nur noch im Kontext eines schmachvollen Gef\u00e4ngnisaufenthaltes kennt. Einen Gefangenentransport wird man aus diesem Grund den Marsch nach Klagenfurt nicht nennen wollen, auch wenn vieles daran erinnert.<\/p>\n<p>Ein anderer Forscher hat das begriffliche Problem zu l\u00f6sen versucht, indem er seine Edition des Diariums betitelte: \u201eEine unfreiwillige Reise f\u00fcrstlicher Kinder\u201c. Das befriedigt nun schon von dem Aspekt her nicht, dass dieser Titel nur dann wirklich Sinn ergeben w\u00fcrde, wenn man voraussetzen k\u00f6nnte, dass f\u00fcrstliche Kinder ansonsten stets freiwillig gereist w\u00e4ren, was man so wohl kaum sagen kann.<\/p>\n<p>Doch tr\u00e4gt diese Begrifflichkeit immerhin der Quellensprache Rechnung, in der insgesamt \u00fcberwiegend von der \u201erais\u201c der Prinzen oder der \u201eKlagenfurter rais\u201c die Rede ist, wobei teils sogar der gesamte mehrj\u00e4hrige Auslandsaufenthalt darunter verstanden wird. Dabei mu\u00df man nat\u00fcrlich die mundartliche Verwendung im bairischen Sprachraum ber\u00fccksichtigen, bei der \u201eraisen\u201c oder \u201eroasen\u201c jede Art von au\u00dferh\u00e4usiger Ortsver\u00e4nderung gleich welcher Zweckbestimmung, Entfernung und Dauer bezeichnete. Und auch die noch \u00e4ltere Bedeutungsschicht von \u201erais\u201c als einer irgendwie bewaffneten Unternehmung schwingt wohl mit, wenn man die milit\u00e4rischen Begleitaspekte des Ganzen bedenkt.<\/p>\n<p>Es ist von daher also nicht eigentlich falsch, wenn man von der \u201eReise\u201c der bayerischen Prinzen im Jahr 1706 spricht \u2013 man muss sich dabei nur \u00fcber die konkreten historischen Umst\u00e4nde im klaren sein. \u00dcber diese Umst\u00e4nde war bislang allzu wenig bekannt. Sie ein St\u00fcck weit aufhellen zu helfen, war das schlichte Anliegen dieser Ausf\u00fchrungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Am Vormittag des 8. Mai 1706 lassen zwei pr\u00e4chtig bespannte Kutschen in flotter Fahrt die bayerische Haupt- und Residenzstadt M\u00fcnchen hinter sich. Die Stimmung in den Kutschen ist gel\u00f6st. Nach Venedig soll es gehen. Die Passagiere \u2013 die vier \u00e4lteren bayerischen Prinzen \u2013 stimmen fr\u00f6hliche Ges\u00e4nge an. 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