{"id":118097,"date":"2026-01-20T12:00:14","date_gmt":"2026-01-20T11:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118097"},"modified":"2026-01-20T12:00:17","modified_gmt":"2026-01-20T11:00:17","slug":"nach-dem-krieg-ist-vor-dem-krieg-musik-und-politik-waehrend-karl-albrechts-aufenthalt-in-venedig-1716","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/nach-dem-krieg-ist-vor-dem-krieg-musik-und-politik-waehrend-karl-albrechts-aufenthalt-in-venedig-1716\/","title":{"rendered":"Nach dem Krieg ist vor dem Krieg"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste offizielle Kontakt zwischen dem bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht und der Republik Venedig war von einer Entschuldigung gepr\u00e4gt. Die von der Serenissima f\u00fcr den Wittelsbacher abgesandten Adeligen waren am 5. Februar 1716 zu ihrer Antrittsvisite in den Palazzo Correr, die Unterkunft des Kurprinzen am Canal Grande, gekommen. Von dem halbst\u00fcndigen Gespr\u00e4ch ist in einem der Tageb\u00fccher zur Italienreise Karl Albrechts bezeichnender Weise nur ein und damit der wichtigste Punkt festgehalten: Die venezianischen Nobili hatten \u201edie bethaurung der lang gewehrten contumacia sonders eingebracht\u201c. Was aber veranlasste die Venezianer zu der entschuldigenden Geste, die dem verstimmten F\u00fcrstensohn wohl s\u00fc\u00dfsauer aufgesto\u00dfen sein mag?<\/p>\n<p>R\u00fcckblende: 1715 kam es nach den vorangegangenen zwei verheerenden Pestjahren, die auch in Bayern zahlreiche Oper gefordert hatten, zu neuen Seuchenf\u00e4llen. Nachdem die Nachricht \u00fcber das Aufflammen der Krankheit Norditalien erreicht hatte, war man vorrangig auf venezianischem Territorium besonders achtsam und verh\u00e4ngte \u00fcber Reisende aus den Gebieten n\u00f6rdlich des Brenners Quarant\u00e4nezeiten. Unter diese Regelung, die von den Venezianern mit Strenge gehandhabt wurde, fiel auch der bayerische Kurprinz, als er im Dezember 1715 die Grenze Venetiens \u00fcberschritten hatte und eigentlich dem Karneval in Venedig freudig entgegenfieberte. Alle Bitten von Seiten des bayerischen Kurf\u00fcrstenhauses um Umgehung oder Verk\u00fcrzung der Quarant\u00e4ne wurden von der Republik abgeschmettert. Man gew\u00e4hrte dem F\u00fcrstensohn aber immerhin die Unterbringung in einem Palazzo, der von dem bayerischen Agenten Angelo Bertoncelli in Absprache mit den Venezianern in Chievo nahe Verona ausgew\u00e4hlt worden war. Im Folgenden sind die Reste des \u2013 im Laufe des 18. Jahrhunderts baulich etwas ver\u00e4nderten \u2013 Palazzo di Chievo \u00fcber der Etsch (heute als Villa Pellegrini Marioni Pull\u00e8 bezeichnet) zu sehen. Daneben findet sich der im Jahr 1716 entstandene Plan der Anlage mit der umlaufenden Mauer, die die \u00dcberwachung der Reisenden erleichterte und die noch heute in dieser Form erhalten ist.<\/p>\n<p>Obwohl dem Prinzen aufgrund seines Ranges zumindest der Aufenthalt im veronesischen Lazarett erspart blieb, muss die Quarant\u00e4ne qu\u00e4lend, ja \u00fcberaus langweilig gewesen sein, wie Karl Albrecht gegen\u00fcber seinem Vater, Kurf\u00fcrst Max Emanuel, mehrmals brieflich klagte. Aufgrund der \u00fcber 70 Mitreisenden war die Raumsituation \u00e4u\u00dferst beengt und die M\u00f6glichkeiten des Zeitvertreibs waren beschr\u00e4nkt. Trotzdem versuchten Karl Albrechts Reisebegleiter das bestm\u00f6gliche, um den Prinzen bei Laune zu halten. Die Quarant\u00e4ne wurde zum Sprach- und Geschichtsunterricht genutzt und die \u00fcbrige Zeit war mit Kartenspiel, Spazierg\u00e4ngen, Jagden und Ballspiel im Garten, Schlittenfahrten in Begleitung der Wachen sowie mit Musik und Theaterspiel gestaltet. Der Besuch von Vertretern des Veroneser Adels trug dar\u00fcber hinaus zur Unterhaltung des Prinzen bei \u2013 aber nicht jede Visite war gleicherma\u00dfen zur Zufriedenheit des Kurprinzen verlaufen.<\/p>\n<p>Kurz vor dem Jahreswechsel, am 30. Dezember 1715, war Giorgio Pasqualigo in den Palazzo gekommen. Er war der f\u00fcr die Quarant\u00e4ne zust\u00e4ndige venezianische Proveditor. Parlierte Karl Albrecht mit ihm noch \u201emit aller h\u00f6flichkeit\u201c, so erntete er von Seiten des Kammerherrn Johann Baptist Santini offene Kritik, wobei vor allem betont wurde, dass \u201ebey angehender fastnachts-zeit Ihro Durchlaucht [Karl Albrecht] durch die lange quarantaine vieler lustbarkeiten\u201c beraubt werde. Pasqualigo tat diese Beschwerde mit dem kursorischen Hinweis ab, dass man in Venedig sehr um die Person des Prinzen bem\u00fcht sei, doch m\u00fcsse man sich nun einmal an die Gesetze halten. Den Kurprinzen entt\u00e4uschte es ma\u00dflos, dass weder bei dieser noch bei einer weiteren Visite Pasqualigos eine Quarant\u00e4neverk\u00fcrzung erwirkt werden konnte. Die als Unrecht empfundene Freiheitsberaubung f\u00fchrte zu einer enormen Frustration, die sich \u00fcber die 40 Tage hinweg immer mehr und mehr gestaut hatte. Ihren heute noch nachvollziehbaren Kulminations- und Wendepunkt fand sie in einem Gedicht, das dem Aufenthalt in Chievo ein d\u00fcsteres Zeugnis ausstellt:<\/p>\n<p>Nach exakt 40 Tagen und somit einem gro\u00dfen Teil der Karnevalszeit wurden \u2013 wortw\u00f6rtlich \u2013 die Schranken des Kontumazienhauses ge\u00f6ffnet und die Reise nach Venedig konnte endlich fortgesetzt werden. Die Ankunft in der Lagunenstadt am 3. Februar 1716 verlief, dem vorab festgelegten Zeremoniell gem\u00e4\u00df, in aller Stille. Karl Albrecht reiste inkognito als Graf von Trausnitz mit drei Booten aus Padua kommend an. Des Abends bezog man den Palazzo Correr, der sich zum Zeitpunkt des Aufenthalts im Besitz der Familie Pisani befand.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter kam es zu der eingangs geschilderten und auch bildlich festgehaltenen Entschuldigung von Seiten Venedigs bez\u00fcglich der Verwerfungen, die sich aus der Quarant\u00e4ne ergeben hatten. Es war den Venezianern (rechts im Bild) wohl nicht die mehrfache Beschwerde verborgen geblieben, dass man mit der Quarant\u00e4neauflage weder dem Kurprinzen noch dessen Haus den ad\u00e4quaten Respekt gezollt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Folgenden wird es nun zum einen um die Frage gehen, wie es Venedig mit Hilfe seiner ganz spezifischen Mitteln gelungen ist, den Kurprinzen wieder zu beschwichtigen, ja geradezu zu begeistern. Dabei waren die Venezianer im Karneval 1716 mit einer ganz au\u00dferordentlichen personellen Konstellation konfrontiert. Karl Albrecht war n\u00e4mlich nicht der einzige hochrangige Gast in der Lagunenstadt. Sechs Tage nach ihm war der s\u00e4chsische Kurprinz Friedrich August von Frankreich ausgehend durch die Po-Ebene angereist, ohne sich \u2013 da er aus einer nicht von der Pest betroffenen Gegend kam \u2013 einer Quarant\u00e4ne unterziehen zu m\u00fcssen. Um dieses Dreiecksverh\u00e4ltnis wird es also im Speziellen gehen, denn erst mit Hilfe des Vergleichs der beiden hochstehenden Venedigbesucher \u2013 immerhin beide pr\u00e4sumtive Kurf\u00fcrsten \u2013 kann nachvollzogen werden, welch delikate Angelegenheit es f\u00fcr Venedig gewesen sein muss, die beiden Prinzen im besten Sinne des Wortes unterhalten zu m\u00fcssen, verfolgte doch die jeweilige Partei ihre eigenen durchaus politischen Interessen und drehte an so mancher Schraube, um Vorteile f\u00fcr sich zu erzielen. Bemerkenswerter Weise kam den venezianischen Theatern und der in ihnen aufgef\u00fchrten Musik hierbei eine zentrale Bedeutung zu. So wird zum anderen zu zeigen sein, wie sich Musik innerhalb dieser Konstellation mal zur Darstellung von Rang und mal zur \u00dcbermittlung von politischen Botschaften einsetzen lie\u00df.<\/p>\n<p>Bevor ich zu diesem bemerkenswerten Karneval 1716 komme, gilt es, ein Schlaglicht auf die Frage zu werfen, was den Aufenthalt in Venedig so attraktiv f\u00fcr die Prinzen und im Besonderen f\u00fcr den bayerischen Thronfolger machte. Ein erster Hinweis hierauf findet sich Wochen zuvor im Bericht zur Reisestation Innsbruck. Der dort ans\u00e4ssige Statthalter, Karl Philipp von der Pfalz, hatte im Dezember 1715 im \u201ecomoedie-hau\u00df\u201c f\u00fcr den jungen Reisenden die Oper \u201eTigrane\u201c von Alessandro Scarlatti (Musik) und Antonio Lalli (Libretto) auff\u00fchren lassen. Karl Albrecht war von der Leistung der S\u00e4nger und den Dekorationen begeistert und mutma\u00dfte gegen\u00fcber seinem Vater, dass die Auff\u00fchrung ein sch\u00f6ner Vorgeschmack auf die venezianischen Opern gewesen sei.<\/p>\n<p>Nach der Quarant\u00e4ne endlich am 3. Februar in Venedig angekommen, eilte der Kurprinz dann auch noch am Abend der Ankunft ins Theater und wohnte einer Auff\u00fchrung der Oper \u201eIl Germanico\u201c (Musik: Carlo Francesco Pollarolo, Libretto: Pietro Giorgio Barziza) bei. Anhand der Tagebucheintr\u00e4ge l\u00e4sst sich rekonstruieren, dass der Theaterbesuch bis Aschermittwoch, 16 Mal, also beinahe t\u00e4glich erfolgte, wobei die Opernauff\u00fchrungen im Teatro San Giovanni Grisostomo am h\u00e4ufigsten rezipiert wurden. Dieses Theater \u2013 in einem der Reisediarien als das renommierteste Opernhaus Italiens gepriesen \u2013 sollte auch der zentrale Schauplatz f\u00fcr die Festlichkeiten des Karnevals werden, die den bayerischen Kurprinzen und sein kurs\u00e4chsisches Gegenst\u00fcck gleicherma\u00dfen betrafen. Auch Friedrich August hatte im Vorfeld seiner Anreise explizit den Wunsch ge\u00e4u\u00dfert, nach Venedig zu kommen, um den Opernauff\u00fchrungen beiwohnen zu k\u00f6nnen. Die Opern lassen sich somit als die zentrale Zutat des Karnevals benennen, zu der beide Prinzen bereits vor ihrer Ankunft nachdr\u00fccklich ihre Vorfreude artikuliert hatten. Ob die Darbietungen auch die Erwartungen erf\u00fcllten, wird noch zu beantworten sein.<\/p>\n<p>Das Zusammentreffen der beiden Prinzen in Venedig war alles andere als von langer Hand geplant gewesen und f\u00fchrte im Vorfeld des Eintreffens zu zahlreichen Ger\u00fcchten. Diese n\u00e4her zu betrachten ist hinsichtlich der Frage interessant, wie die Prinzen in Venedig wahrgenommen werden wollten und wie der Aufenthalt des einen jenen des anderen beeinflusst hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu Karl Albrecht waren folgende Nachrichten in Umlauf geraten: Der Prinz sei mit \u00fcber 90 Personen auf Reisen gegangen, in Venedig werden ihn gar weit \u00fcber hundert umgeben. Der Palazzo, den er bewohnen werde, werde gerade besonders gro\u00dfartig m\u00f6bliert. In Parenthese sei erw\u00e4hnt, dass der Palazzo (siehe Abbildung 4) heute leider nicht mehr so pr\u00e4chtig ist. Was sich heute dort erhebt, liegt in unmittelbarer N\u00e4he des Bahnhofs am Canal Grande und erinnert nur noch kl\u00e4glich an die Pracht von einst.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Ger\u00fcchten: Die Reise Karl Albrechts sei nachgerade als mysteri\u00f6s einzusch\u00e4tzen, und der Prinz habe vor, in Venedig Unsummen auszugeben, hie\u00df es fernerhin. Graf Emilio de Villio, der die Neuigkeiten peinlich genau registrierte, informierte in aller Regelm\u00e4\u00dfigkeit den s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrsten respektive polnischen K\u00f6nig August II. dar\u00fcber. Die omin\u00f6sen Geldsummen, die der bayerische Kurprinz in Venedig auszugeben vorhatte, bereiteten dem s\u00e4chsischen Residenten de Villio gro\u00dfe Sorgen. Nicht minder war er beunruhigt, dass der bayerische Prinz wohl eine sehr gute Figur in Venedig und somit auch vor der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit machen werde, wurde \u00fcber die Karnevalsaktivit\u00e4ten doch weit \u00fcber die Landesgrenzen hinaus berichtet. Die Bedenken waren f\u00fcr den s\u00e4chsischen Diplomaten nicht unbegr\u00fcndet, hatte er doch daf\u00fcr zu sorgen, dass Friedrich August vor den Venezianern, aber vor allem vor den Bayern einen \u2013 der Gloire des Hauses \u2013 entsprechend respektablen Auftritt hinlegen sollte. Er versuchte daher K\u00f6nig August rechtzeitig vorzuwarnen, dass sich dies auch in entsprechend h\u00f6heren Ausgaben f\u00fcr seinen Sohn niederschlagen werde.<\/p>\n<p>Perspektivwechsel zur bayerischen Seite: Als man, noch in der Quarant\u00e4ne festsitzend, vom bevorstehenden Zusammentreffen mit Friedrich August erfuhr, der inkognito als Graf von Lausitz reiste, ging es \u2013 anders als in der s\u00e4chsischen Berichterstattung \u2013 weniger um Geldsorgen. Begierig griff der ohnehin \u00e4u\u00dferst gelangweilte Kurprinz die Neuigkeit des k\u00fcnftigen Zusammentreffens auf und schrieb an seinen Vater: \u201eJedoch \u00fcberlasse ich es Ihrer Kurf\u00fcrstlichen Hoheit, sich eine Meinung \u00fcber die erste Unterredung der beiden Grafen Lausniz und Trausniz, zweier Rivalen, zu bilden.\u201c<\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt der Reise waren die beiden Prinzen tats\u00e4chlich Rivalen \u2013 nicht zuletzt um die Hand der habsburgischen Erzherzogin Maria Josepha. Beide n\u00e4mlich wollten diese heiraten, um ihr jeweiliges dynastisches Ansehen zu steigern und \u2013 zumindest im Falle Bayerns \u2013 Anspr\u00fcche auf die \u00f6sterreichische Erbfolge zu untermauern. Aus diesem Grund war es Karl Albrecht sehr wichtig, die Einsch\u00e4tzung seines Vaters in das eigene Handeln bei dem ersten Kontakt mit Friedrich August einzubeziehen. Der politisch nach dem Spanischen Erbfolgekrieg wieder erstarkende Max Emanuel w\u00fcnschte ausdr\u00fccklich, seinen Sohn mit der in der Rangfolge h\u00f6herstehenden josephinischen Erzherzogin Maria Josepha und nicht etwa mit ihrer j\u00fcngeren Schwester Maria Amalia zu verheiraten. Sehr dezidiert fiel daher der Auftrag an seinen Kurprinzen aus, dass er w\u00e4hrend des Venedig-Aufenthalts in der \u00f6ffentlichen Meinung \u00fcber den Sachsen triumphieren m\u00fcsse, zumal man j\u00fcngst in M\u00fcnchen dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt worden war, dass Friedrich August offensichtlich \u201evon Frankreich nach Italien gekommen ist, um die Schritte unseres durchlauchtigen Kurprinzen aus n\u00e4chster N\u00e4he zu beobachten\u201c. Die s\u00e4chsischen Agenten bef\u00fcrchteten n\u00e4mlich ihrerseits, dass Karl Albrecht von Venedig aus statt nach Rom in Richtung Wien aufbrechen w\u00fcrde, um mit Hilfe der pers\u00f6nlichen Anwesenheit am Kaiserhof einen Vorsprung vor dem s\u00e4chsischen F\u00fcrstensohn in der Hochzeitsangelegenheit erwirken zu k\u00f6nnen. Dies galt es aus ihrer Sicht im Auge zu behalten.<\/p>\n<p>Die Pl\u00e4ne Karl Albrechts wurden freilich nicht allein von Friedrich August beobachtet. Auch innerhalb der Reisesuite des Kurprinzen gab es jemanden, vor dem man sich in Sachen Hochzeit in Acht nehmen musste. Max Emanuel hatte im Vorfeld der Reise \u2013 um die Bindungen nach Wien wieder zu st\u00e4rken und gutes Einvernehmen zu signalisieren \u2013 einen Oberhofmeister f\u00fcr seinen Sohn vom Kaiser erbeten. Dieser war genehmigt worden und so fuhr der Prinz gleichsam unter Beobachtung des kaiserlichen Geheimrates Gotthard Hellfried Graf von Welz durch Italien. Bereits in Chievo hatte dieser Karl Albrecht mehrfach in Gespr\u00e4che \u00fcber die Erzherzogin verwickelt und berichtete \u00fcber die innersten Herzensangelegenheiten nach Wien. Man m\u00fcsse daher \u2013 so der bayerische Kurf\u00fcrst wortw\u00f6rtlich \u2013 die Anstrengungen erh\u00f6hen, um einen so vorteilhaften Eindruck zu erwecken, dass der andere Prinz, also Friedrich August, als Schatten diene, um die eigenen guten Qualit\u00e4ten ins rechte Licht zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Ein Ger\u00fccht \u00fcber den Sachsen machte in dieser Hinsicht den Bayern daher besonders zu schaffen: Es wurde dar\u00fcber spekuliert, dass Friedrich August nicht inkognito, sondern offiziell als k\u00f6niglich-polnische Hoheit in Venedig empfangen werden wolle. Das h\u00e4tte Karl Albrecht hinsichtlich des Zeremoniells in Bedr\u00e4ngnis gebracht, da er dann als Inkognito-Gast zur\u00fcckstecken h\u00e4tte m\u00fcssen. Soweit aber kam es nicht.<\/p>\n<p>Friedrich August traf am 9. Februar ebenfalls inkognito in der Serenissima ein. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten erfolgte noch am selben Tag. Da es hierbei zu keiner offiziellen Vorstellung kam, wurde weder in den Reisediarien noch in der Korrespondenz dar\u00fcber berichtet. Lediglich venezianische Quellen, darunter die handschriftlich verbreiteten Avvisi meldeten, dass beide Prinzen einer Opernvorstellung im Teatro di San Giovanni Grisostomo und darauf einem Ball des neu gew\u00e4hlten Prokurators Pietro Foscarini beigewohnt h\u00e4tten. Vier Tage sp\u00e4ter entsandte Friedrich August einen Kavalier zu Karl Albrecht, um seine Ankunft bekannt zu machen. Nachdem auch von bayerischer Seite dasselbe geschehen war, fand am 16. Februar die erste offizielle direkte Begegnung statt. Man w\u00e4hlte im Palazzo Michiel dalle Colonne, wo Friedrich August w\u00e4hrend seines Venedigaufenthaltes wohnte, die Form eines halbst\u00fcndigen Stehempfangs. Tags darauf erfolgte die Gegenvisite bei Karl Albrecht in derselben zeremoniellen Form. Dieser exakt gleichf\u00f6rmige Ablauf war im Vorfeld des Treffens mit Fingerspitzengef\u00fchl von den Oberhofmeistern der Prinzen ausbalanciert worden. Ergebnis der Verhandlungen war es, eine gleichrangige Begegnung der Kurprinzen zu erm\u00f6glichen und sie bei \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen als \u201eegalit\u00e9\u201c zu behandeln.<\/p>\n<p>Gerade das Treffen gleichgestellter Personen war von gro\u00dfer Problematik. De Villio berichtete denn auch an August den Starken, dass diese Behandlung eigentlich die Qualit\u00e4t Friedrich Augusts als k\u00f6niglichen Prinzen verletze. Sensibel verfolgte de Villio und Friedrich Augusts Reiseoberhofmeister Joseph Graf von Kos nach dem ersten Aufeinandertreffen die Aktivit\u00e4ten des und f\u00fcr den Bayern. Sie konnten feststellen, dass f\u00fcr den bayerischen Kurprinzen wie f\u00fcr Friedrich August jeweils vier Nobili von Venedig entsandt worden waren, die den Auftrag hatten, neben den \u201eordin\u00e4ren divertissements\u201c (Opern und Kom\u00f6dien), die Prinzen mit \u201emagnifiquen Soupes und angenehmen Festins\u201c zu unterhalten. Beiden wurde das als jeweils gleichwertig deklarierte Geschenk der Republik \u00fcberbracht. Es bestand aus Speiswaren, Wein und Geschirr aus Murano, das lediglich eine individuelle Variation bei der Farbwahl des Konfektgeschirrs erfuhr. F\u00fcr Karl Albrecht wurde es in den passenden Farben wei\u00df \/ blau angeliefert. Beiden Prinzen wurde von den vier Nobili jeweils ein Ballfest bereitet und vor ihrem jeweiligen Palazzo wurden die im Karneval beliebten Forze d\u2019Ercole vorgef\u00fchrt, bei denen Akrobaten eine Menschenpyramide auf Booten \u00fcber dem Canal Grande errichteten.<\/p>\n<p>Auch Opernlogen blieben bei der Distinktionsfrage der beiden Prinzen nicht au\u00dfen vor. De Villio wusste zu berichten, dass f\u00fcr Karl Albrecht Logen in sechs Theatern gemietet w\u00fcrden. Um Geld zu sparen, seien f\u00fcr Friedrich August aber lediglich drei vorgesehen, n\u00e4mlich im bereits erw\u00e4hnten Theater San Giovanni Grisostomo, dar\u00fcber hinaus im Teatro Sant\u2019Angelo sowie im Teatro San Luca. De Villio begr\u00fcndete die Reduktion auf drei Theater neben dem finanziellen Aspekt damit, dass aus einer h\u00f6heren Logenanzahl kein Rangunterschied zwischen den Prinzen abgeleitet werden k\u00f6nne. Die Auff\u00fchrungen in den anderen Theatern, namentlich San Samuele, San Mois\u00e9 und San Cassiano seien so miserabel, dass jeder die Entscheidung nachvollziehen k\u00f6nne, sie nicht zu besuchen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Urteil des s\u00e4chsischen Diplomaten waren hierbei Gr\u00fcnde ausschlaggebend, die nicht mit der Opernkomposition im eigentlichen Sinn im Zusammenhang zu bringen ist. Vielmehr gr\u00fcndete sich das Urteil auf die Reputation des jeweiligen Theaters. Insbesondere waren hierbei die Gr\u00f6\u00dfe des Hauses und dessen Ausstattung \u2013 also Dinge wie B\u00fchnenkulisse, -maschinerie oder Kost\u00fcme \u2013 sowie, noch zentraler, das Renommee der S\u00e4nger von Bedeutung. Die Problematik traf in aller Sch\u00e4rfe auf das Teatro San Mois\u00e9 zu, denn die kompositorische Qualit\u00e4t des Werkes war es nicht, die von einem Besuch abhalten konnte. 1716 n\u00e4mlich stand \u201eLa costanza trionfante degl\u2019amori e degl\u2019odii\u201c von Antonio Vivaldi (Musik) und Antonio Marchi (Libretto) auf dem Programm. Allerdings \u2013 und das war es wohl, was nicht nur de Villio st\u00f6rte \u2013 musste das Theater in dieser Saison aus Kostengr\u00fcnden sehr experimentell arbeiten, um \u00fcberhaupt den Spielbetrieb aufrechterhalten zu k\u00f6nnen Die Besetzung war zusammengew\u00fcrfelt und bestand zum \u00fcberwiegenden Teil aus ausw\u00e4rtigen S\u00e4ngern. Es war das am wenigsten erfahrene und daher wohl auch das g\u00fcnstigste Ensemble, das jemals f\u00fcr eine Vivaldi-Produktion herangezogen wurde, wie Reinhard Strohm nachgewiesen hat. Keiner der S\u00e4nger war zuvor auf einer venezianischen B\u00fchne aufgetreten, so dass das Theater auch nicht mit Hilfe des vorauseilenden Ruhms eines der Darsteller renommieren konnte. Trotz dieser Vorzeichen wurde die Oper von Karl Albrecht am 13. Februar besucht. Ganz offenbar interessierte ihn also auch das Werk an sich. Jedenfalls betrachtete er den Besuch des Theaters anders als sein s\u00e4chsisches Pendant nicht ausschlie\u00dflich unter funktionalen Aspekten der gesellschaftlichen Repr\u00e4sentation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die Vivaldi-Oper wird noch einmal zur\u00fcckzukommen sein \u2013 ich wende mich nun wieder der Problematik der Gleichrangigkeit zu und m\u00f6chte kl\u00e4ren, ob nach der anf\u00e4nglich gleichgestellten Behandlung der beiden hochrangigen G\u00e4ste von Seiten Venedigs diese Strategie weiter verfolgt wurde, oder ob es doch zu Unterschieden kam und wenn ja, wo diese greifbar sind und welchen Zweck sie verfolgte.<\/p>\n<p>Bis zum Gioved\u00ec grasso, dem H\u00f6hepunkt des Karnevals, zeigen die Quellen keinerlei Bevorzugung eines der beiden Prinzen an. Am Gioved\u00ec grasso selbst \u00e4nderte sich dies, denn bei der Abendveranstaltung im bedeutendsten Theater der Stadt wurde Karl Albrecht der Vorzug gegeben. Es kam im Teatro San Giovanni Grisostomo nach der Opernvorstellung zu einem pr\u00e4chtigen Souper, auf das ein Ball folgte. Zum \u00e4u\u00dferen Zeichen, wem das Fest gewidmet war, lie\u00dfen die vier Nobili das kurbayerische Wappen an der Fassade des Theaters anbringen. Eines der Tageb\u00fccher f\u00fchrt detailreich aus, dass \u201ealle logen mit unzahlbahren zueschauern beederley geschlechts auf allen seiten angef\u00fchlt, welche Ihro Durchlaucht den Chur-Prinzen (zumahl tantzend) zusechen alda sich versamblet hatten\u201c. Dass Friedrich August auch anwesend war, wissen lediglich die bayerischen Quellen zu berichten, in der s\u00e4chsischen Korrespondenz wird das Fest bezeichnender Weise gleich gar nicht erw\u00e4hnt, schlie\u00dflich war das Lob des Rivalen geeignet, das eigene Licht unter den Scheffel zu r\u00fccken. Lieber schob man Erfolge in den Vordergrund. Nur: So viele Erfolge, von denen De Villio h\u00e4tte berichten k\u00f6nnen, gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Dies erkl\u00e4rt auch, warum er das wenige so ausf\u00fchrlich schildert. Dabei f\u00fchlte er sich aber offensichtlich selbst gen\u00f6tigt, sich f\u00fcr die epische Breite entschuldigen zu m\u00fcssen, statt \u2013 was er galant verschwieg \u2013 \u00fcber nicht vorhandene weitere zeremonielle Bevorzugungen zu berichten. Doch um was war es gegangen?<\/p>\n<p>Wiederum im Teatro San Giovanni Grisostomo kam es am letzten Fasnachtsabend zu einem Fest, das zum Abschluss des Karnevals f\u00fcr beide Prinzen veranstaltet wurde. W\u00e4hrend des Abendessens \u2013 man hatte diesmal, um die Gleichrangigkeit der G\u00e4ste zu demonstrieren, zwei Tafeln aufgerichtet \u2013 wurde eine nicht identifizierbare Serenata aufgef\u00fchrt, die zu Ehren beider komponiert worden war. Darauf folgte der Ball im Parterre des Theaters. Dabei hatte sich Filippo Nani, einer der deputierten Nobili Friedrich Augusts, eines Kniffes bedient, um die Distinktion bekannt zu machen, die man \u2013 so de Villio \u2013 von Seiten Venedigs f\u00fcr den s\u00e4chsischen Kurprinzen habe. Am Beginn des Balles wurde n\u00e4mlich ein Menuett gesetzt. Diese Tanzart erm\u00f6glichte es f\u00fcr alle nachvollziehbar die gesellschaftliche Rangfolge der T\u00e4nzer nachzuzeichnen. Daher war es der denkbar ung\u00fcnstigste Tanz, wenn es darum ging, die angestrebte zeremonielle Gleichrangigkeit der Prinzen bei einer solchen Veranstaltung sichtbar zu machen. Das Menuett wurde im Regelfall so ausgef\u00fchrt, dass das rangh\u00f6chste Paar den Tanz er\u00f6ffnete, w\u00e4hrend dieses und dann die weiteren Paare von den anderen Anwesenden beobachtet wurden. Nani gelang es, Friedrich August eine Dame zuzuf\u00fchren und ihn rechtzeitig zu Beginn des Tanzes ins Parterre zu lancieren. Er erkl\u00e4rte, dass man nun nicht l\u00e4nger warten k\u00f6nne und die anderen, also die bayerischen G\u00e4ste, ohnehin noch nicht ins Parterre hinabgestiegen seien. Somit er\u00f6ffnete Friedrich August vor den Augen des bayerischen Kurprinzen den abschlie\u00dfenden Ball des Karnevals. Damit war aber auch schon der einzige berichtenswerte Vorteil f\u00fcr Friedrich August erzielt, der innerhalb des gemeinsamen Aufenthalts der Kurprinzen hervorstach.<\/p>\n<p>Was in den ersten beiden Karwochen von Seiten Venedigs veranlasst worden war, sollte dann ausschlie\u00dflich Karl Albrecht zur Ehre gereichen. Die feierlichen Ereignisse waren mit Aschermittwoch nicht beendet \u2013 im Gegenteil, wenn die Fastenzeit dergestalt beginne, so Karl Albrecht hoffnungsvoll, werde es ihm nicht langweilig werden. In der Tat kam es erst nach dem Aschermittwoch zu drei zentralen Ereignissen, die den Kurprinzen nachhaltig beeindrucken sollten: einer Schiffstaufe, einem Festessen auf der Insel Murano und dem prachtvollsten Ereignis Venedigs schlechthin, einer Regatta. Alle drei Veranstaltungen waren auf ihre jeweils eigene Art als Gro\u00dfereignis angelegt und wurden genutzt, um Politik zu betreiben.<\/p>\n<p>Das erste fand w\u00e4hrend Karl Albrechts Arsenalbesuch statt. Nachdem der Prinz die Werkst\u00e4tten und somit die technischen Errungenschaften des venezianischen Schiffbaus bewundert hatte, kam ihm das Privileg zu, ein Kriegsschiff ersten Ranges auf den Namen Leone trionfante zu taufen. Dieses sollte wenige Zeit sp\u00e4ter, am 16. Mai 1716, den Hafen Venedigs verlassen, um im schwelenden Krieg der Venezianer gegen die T\u00fcrken eingesetzt zu werden. Der Schiffsname war nat\u00fcrlich bewusst gew\u00e4hlt worden, um die erw\u00fcnschte bayerisch-venezianische Verbindung mit Hilfe des beiderseitigen Wappentieres zu unterstreichen. Die damit verbundene politische Aussage ist in direkten Zusammenhang mit dem T\u00fcrkenkrieg zu bringen, der die Venezianer seit 1714 in Bann hielt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Venedig war es insbesondere vor April 1716, als es endlich gelang, eine milit\u00e4rische Allianz mit dem Kaiser zu schmieden, notwendig, Verb\u00fcndete f\u00fcr sich zu gewinnen. Zum Zeitpunkt von Karl Albrechts Aufenthalt im Februar 1716 war es mithin f\u00fcr zwei Seiten vorteilhaft, Verbundenheit zu demonstrieren: Venedig hoffte symbolisch und reale Unterst\u00fctzung zu gewinnen. Bayern war gewillt, sein Renommee im Zuge eines T\u00fcrkenkriegs wieder aufzupolieren. Besonders Max Emanuel war nach dem f\u00fcr ihn \u00e4u\u00dferst ungl\u00fccklichen Spanischen Erbfolgekrieg daran gelegen, an seine vergangenen Heldentaten im Gro\u00dfen T\u00fcrkenkrieg zu erinnern, ja eine Imagekorrektur zu forcieren. Der 1716 hochaktuelle und f\u00fcr das Reich durchaus bedrohliche T\u00fcrkenkrieg bot sich hierf\u00fcr \u2013 wie Eva-Bettina Krems aus kunsthistorischer Perspektive gezeigt hat \u2013 geradezu an.<\/p>\n<p>Diesmal war es aber nicht der Kurf\u00fcrst, der t\u00e4tig werden sollte, sondern sein Sohn, f\u00fcr den man \u00fcber Monate hinweg mit dem Wiener Hof \u00fcber eine m\u00f6gliche Kriegskampagne verhandelte. Die einschl\u00e4gigen Ger\u00fcchte, dass er am T\u00fcrkenkrieg teilnehmen werde, hatten in Venedig nat\u00fcrlich schon die Runde gemacht und so wundert es weiter nicht, dass nach der Taufe des Kriegsschiffes auch beim darauffolgenden Fest f\u00fcr den Prinzen auf Murano der T\u00fcrkenkrieg eine Rolle spielte.<\/p>\n<p>Schon w\u00e4hrend der hier dargestellten Tafel lie\u00df es sich Karl Albrecht nicht nehmen, auf gl\u00fcckliche Waffen Venedigs anzusto\u00dfen. Im Anschluss daran wurde eine Serenata von Carlo Francesco Pollarolo aufgef\u00fchrt. Von dem Werk ist leider nur mehr der Text erhalten, der f\u00fcr Serenaten dieser Zeit typisch mit Anspielungen auf den zu ehrenden Gast versehen ist. Aber nicht nur Karl Albrecht kam innerhalb des Werkes Ehre zu, auch seinen Ahnen. Implizit spielt der Serenatentext auf jene Verwandten Karl Albrechts an, die siegreich aus dem Gro\u00dfen T\u00fcrkenkrieg (1683\u20131699) hervorgegangen waren und in deren glorreiche Nachfolge der Kurprinz treten sollte. Das war zum einen der Vater, Kurf\u00fcrst Max Emanuel und zum anderen der Gro\u00dfvater Karl Albrechts, der polnische K\u00f6nig Jan III. Sobieski. Ersterer war bei der Verteidigung Wiens, bei der Schlacht am Berg Hars\u00e1n sowie bei der Eroberung von Belgrad erfolgreich gewesen, letzterer konnte bei der Schlacht am Kahlenberg seinen gr\u00f6\u00dften milit\u00e4rischen Sieg feiern. Der Rekurs auf die kurprinzlichen Vorfahren in Verbindung mit dem schwelenden T\u00fcrkenkrieg ist ein Erz\u00e4hlmuster, das im Zuge der Italienreise immer wieder begegnet und zwar mit unterschiedlichen Medien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bleibe aber noch bei der Musik. Auch auf dem Gebiet der Oper lassen sich in der Karnevalssaison 1715\/16 mehrfach Verkn\u00fcpfungen zu Karl Albrecht ausmachen, die exakt diesem Schema folgen. W\u00e4hrend der Anreise nach Venedig, genauer in Padua, war dem Prinzen erstmals eine Oper im Zuge seiner Italienreise gewidmet worden. Es handelt sich hierbei um \u201eArmida abbandonata\u201c, deren Komponist leider nicht bekannt und von der lediglich das Libretto erhalten ist. Das bereits 1707 von Francesco Silvani verfasste Werk wurde mit kleinen textlichen Abweichungen 1716 erneut aufgef\u00fchrt. Giovanni Gallo, der f\u00fcr den Librettodruck verantwortlich war, stellte dem St\u00fcck eine Widmung an den Prinzen voran. Diese erinnert gleich zu Beginn an die heroischen Tugenden Max Emanuels, die man auch bei dessen Sohn bewundern k\u00f6nne. Beinahe wortgleich kommt diese genealogische Referenz und das Lob auf die Taten des Kurf\u00fcrsten auch im Libretto von \u201eL\u2019amor di figlio non conosciuto\u201c vor, deren Widmungstr\u00e4ger ebenfalls Karl Albrecht war. Die Oper wurde 1716 im venezianischen Teatro Sant\u2019Angelo gegeben und entstammte der Feder Tommaso Albinonis auf den Text des sp\u00e4teren M\u00fcnchener Hofdichters Domenico Lalli.<\/p>\n<p>Der Rekurs auf Verwandte war aber nicht auf den erw\u00fcnschten Imagetransfer Gro\u00dfvater\/Vater \u2013 Sohn beschr\u00e4nkt, sondern konnte durchaus auch andere Familienmitglieder einbeziehen. Stets aber war das Ziel ein besonderes Charaktermerkmal hervorzugeben, und damit als vorbildlich auch f\u00fcr die j\u00fcngste Generation zu kennzeichnen. Eine dritte Oper \u2013 die bereits erw\u00e4hnte \u201eLa costanza trionfante degl\u2019amori e degl\u2019odii\u201c von Vivaldi \u2013 l\u00e4sst sich hierbei mit dem Bayerischen Hof in Verbindung bringen. Berthold Over hat auf Basis des Librettos herausdestilliert, dass das Werk auf die Standhaftigkeit der Mutter Karl Albrechts, Therese Kunigunde, in widrigen Zeiten anspiele. Damit waren die Jahre des Spanischen Erbfolgekrieges gemeint, die sie fern von ihren Kindern bis zum Jahr 1715 im venezianischen Exil verlebt hatte. Over stellt plausibel dar, dass die Erinnerung an Therese Kunigunde im Karneval, den ihr Sohn 1716 in Venedig rezipierte, kein Zufall gewesen sein kann. Diana Blichmann hingegen las aus dem Inhalt dieser Oper eine Anbindung nicht an den Spanischen Erbfolgekrieg, sondern an den gerade tobenden T\u00fcrkenkrieg heraus. Das Leitmotiv des B\u00fchnenwerks, mit Hilfe von Verb\u00fcndeten Recht und Ordnung zu schaffen, l\u00e4sst beide Interpretationen zu. Diese Offenheit mag zeitgen\u00f6ssisch durchaus intendiert gewesen sein, konnten so \u00e4ltere Libretti \u2013 dieser Operntext von Marchi war bereits 18 Jahre alt \u2013 immer wieder neu in Musik gesetzt und mit Hilfe geringer Aktualisierungen der jeweiligen s\u00e4ngerischen Besetzung, aber auch dem jeweiligen Anlass angepasst werden.<\/p>\n<p>Von der Oper sind lediglich einzelne Arien erhalten geblieben. Eine dieser gilt es herausgreifen und noch einmal auf die Problematik zur\u00fcckzukommen, dass das Renommee eines Werkes zeitgen\u00f6ssisch ma\u00dfgeblich an der Ausstattung der Auff\u00fchrung und an dem Bekanntheitsgrad der S\u00e4nger hing. Damit wird zweierlei erkl\u00e4rbar: Erstens, dass zu den Opern, die Karl Albrecht in Venedig gesehen hatte, von ihm lediglich ein pauschales und nicht allzu positives Urteil vorliegt. Passabel seien die Opern gewesen, aber weit weniger sch\u00f6n, als er sie sich vorgestellt habe, schrieb er aus Venedig an seinen Vater. Zweitens zeigt sich, dass Vivaldis Komposition \u00e0 la longue sehr wohl Erfolg beschert war. Sie wurde zwei Jahre sp\u00e4ter unter neuem Titel noch einmal in Venedig und an sechs Theatern au\u00dferhalb der Lagunenstadt, u.a. in Hamburg, aufgef\u00fchrt, und einzelne Arien wurden wiederverwendet \u2013 zum einen in neuen Opern, zum anderen in Pasticci. Ohne an dieser Stelle n\u00e4her auf den Inhalt eingehen zu k\u00f6nnen, greife ich Oldericos Arie \u201eNon sempre folgora\u201c heraus. Sie wurde 1716 von dem unbekannten Bologneser Tenor Carl\u2019Antonio Mazza gesungen, dem Vivaldi \u2013 wie den anderen S\u00e4ngern des unerfahrenen Ensembles \u2013 keine anspruchsvollen Melodien zumutete, so die Analyse von Reinhard Strohm.<\/p>\n<p>Die Worte Oldericos, die er in dieser Szene an Eumena richtet, erscheinen auf Basis des Texts beruhigend:<\/p>\n<p>Non sempre folgora<br \/>\nIl Ciel irato,<br \/>\nSpera, ch\u2018il Fato<br \/>\nSi cangier\u00e0<br \/>\nFra tanto guida<br \/>\nSicura il pie,<br \/>\nChe la mia fede<br \/>\nCostante, e forte<br \/>\nTi seguir\u00e0.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht immer blitzt es aus<br \/>\ndem erz\u00fcrnten Himmel;<br \/>\nHoffe, dass das Schicksal<br \/>\nsich \u00e4ndern wird.<br \/>\nInzwischen sei<br \/>\n\u00fcberzeugt,<br \/>\ndass meine Treue<br \/>\ndir best\u00e4ndig und stark<br \/>\nfolgen wird.<\/p>\n<p>Der Komponist sah chromatisch absteigende Figuren f\u00fcr die Violinen und bebende Tremoli in Viola- und der Bassstimme als Begleitung vor, die die Arie zu einem \u201eunearthly piece, reflecting his evil character\u201c mache (Reinhard Strohm). Sie stellt eine Reminiszenz an typische Unterwelt-Arien des 17. Jahrhunderts dar, und erst mit Hilfe der kompositorischen Umsetzung Vivaldis wird h\u00f6rbar, was der Text an der Oberfl\u00e4che nicht zeigt \u2013 den eigentlich hinterlistigen Charakter Oldericos. Vivaldi gelingt hier eine Arienkomposition, die den S\u00e4nger vor nicht allzu gro\u00dfe Herausforderungen stellt aber trotzdem mit motivischen Ideen aufwartet, die so markant sind, dass der Komponist sie sp\u00e4ter erneut aufgreifen sollte. Sie finden sich in Arie \u201eVanne, s\u00ec\u201c der Oper \u201eIl Giustino\u201c (RV 717) von 1724 wieder.<\/p>\n<p>Anders als die Opern hinterlie\u00dfen die Feste zu Ehren Karl Albrechts einen \u00e4u\u00dferst positiven Eindruck. Abschluss und H\u00f6hepunkt war die Regatta, die die vier Nobili am 9. M\u00e4rz 1716 veranstalteten. Eine solche vermochte es, \u201eden venezianischen Festen schlie\u00dflich das besondere, unverwechselbare Flair, das sie in der Erinnerung der Feiernden unvergesslich machte\u201c (Daria Perocco) zu verleihen. Und in der Tat bezeichnete Karl Albrecht dieses Ereignis als das sch\u00f6nste und pr\u00e4chtigste Spektakel, das er im Zuge seiner Reise erlebt habe. Die Reisetageb\u00fccher schw\u00e4rmen von der Pracht der Prunkgondeln, der eigens aufgestellten Triumphpforte an der das bayerische Wappen weitaus sichtbar angebracht war, und sie vergessen nicht zu betonen, dass \u201edie gantze stadt Venedig [&#8230;] beziehren zu helfen in bewegung w\u00e4re, in dem auf beeden seiten des gantzen canal grande sessel au\u00df gesetzt, b\u00fchnen aufgeschlagen und die fenster mit tapeten behengt eine gleichsamb auspallirte wasser-all\u00e9e vorstelten\u201c. Die venezianischen Avvisi \u00fcberschlagen sich indes hinsichtlich der Besucherzahlen bei der Regatta, von 200.000, gar von 250.000 Zuschauern ist da die Rede. Selbst wenn die Zahlen zu hoch gegriffen sein sollten, mehr an \u00f6ffentlicher B\u00fchne wurde dem jungen bayerischen Gast in Italien nicht mehr geboten. Karl Albrecht selbst wohnte der Regatta in einer eigens f\u00fcr ihn ausstaffierten Gondel Almor\u00f2 Gimanis bei, deren Ausstattung mittels des Farbcodes unmissverst\u00e4ndlich auf die kostbare Ladung verwies. Grimani hatte seine Gondel mit \u201eblaue[n] mit silber erhobene[n] sammet-polster\u201c versehen lassen und auch die Gondolieri waren in silber-blau gekleidet. Eine Zeichnung h\u00e4lt die zentralen Elemente dieser Regatta fest.<\/p>\n<p>Im Hintergrund ist die Triumphpforte mit kurbayerischen Wappen zu sehen, in den Vordergrund ger\u00fcckt sind die Prunkgondeln sowie die Regattaboote, und dar\u00fcber hinaus vergisst die Darstellung auch nicht die zahlreichen G\u00e4ste, die sich entlang des Kanals reihen, ins Bild zu setzen. Den Venezianern gelang es ihrerseits, die festlich verkleidete Ermunterung an der Seite der Serenissima in den Krieg gegen die T\u00fcrken einzugreifen subtil einzuflechten, indem zahlreiche Gondolieri als Kriegshelden verkleidet zu bewundern waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Feste, die Schiffstaufe und noch die Regatta zu Ehren des Kurprinzen w\u00e4ren \u2013 dies gilt es res\u00fcmierend festzuhalten \u2013 wohl auch ohne die Verwerfungen zwischen Bayern und Venedig, die wegen der Quarant\u00e4ne entstanden waren, veranstaltet worden. Venedig hatte anl\u00e4sslich des hohen Besuchs und in Verbindung mit dem T\u00fcrkenkrieg Grund genug, an eine erw\u00fcnschte (Kriegs-)Allianz zu erinnern. Dementsprechend ist sowohl bei den Festen, wie bei der Regatta die T\u00fcrkenkriegsthematik unterschwellig pr\u00e4sent. Stie\u00df man bei dem einen auf gl\u00fcckliche Waffen an oder lobte die k\u00fcnftigen Kriegstaten Karl Albrechts, waren bei dem anderen Kriegshelden die Besatzung so mancher Gondel.<\/p>\n<p>Dennoch darf die zu Beginn des Vortrags erw\u00e4hnte Bedeutung jener Entschuldigung der Nobili deputati bei der ersten Visite nicht zu gering eingesch\u00e4tzt werden. Aus einem Brief Max Emanuels geht explizit hervor, dass f\u00fcr Karl Albrecht im Besonderen die venezianischen Feierlichkeiten den Unmut \u00fcber die strenge Quarant\u00e4nevorschrift abgemildert h\u00e4tten. Damit hatten die Venezianer wohl ihre schwierige Aufgabe erf\u00fcllt und zumindest den einen Prinzen f\u00fcr sich gewonnen \u2013 und was die Regatta betrifft \u2013 auch nachhaltig begeistert.<\/p>\n<p>Aber wie sah es im Vergleich mit dem Sachsen aus? Unschwer ist zu erkennen, dass Karl Albrecht innerhalb der gemeinsamen Zeit trotz der formellen Gleichrangigkeit in der Lagunenstadt der Vorzug gegeben wurde: die Regatta, die Schiffstaufe, die Feste mit Musik zu seinen Ehren und die Widmungen der Opern sprechen hier eine eindeutige Sprache. Dennoch greift es zu kurz, w\u00fcrde man das Ergebnis verabsolutieren. Im Gegensatz zu Karl Albrecht, der nach einem f\u00fcnfw\u00f6chigen Aufenthalt bereits am 11. M\u00e4rz weiterreiste, blieb sein s\u00e4chsisches Pendant noch \u00fcber ein Jahr in Venedig. Auch ihm wurden entsprechende Ehrbezeugungen zu Teil \u2013 unter anderem eine prachtvolle Regatta im Mai 1716. Gleichwohl f\u00e4llt der T\u00fcrkenkriegsbezug bei den einschl\u00e4gigen Veranstaltungen f\u00fcr den Sachsen nicht vergleichbar stark aus. Dieser bot sich eben vor der Allianz mit den Habsburgern im April 1716 aus Sicht der Venezianer besonders f\u00fcr den bayerischen F\u00fcrstensohn an.<\/p>\n<p>Das hierbei wiederholt auftauchende Muster \u2013 das Lob auf Max Emanuel als Verteidiger der Christenheit mit der gleichzeitigen Erkl\u00e4rung, man f\u00e4nde in dessen Sohn bereits die Qualit\u00e4ten des Vaters \u2013 wurde von beiden Seiten als Mittel zum Zweck verstanden: W\u00e4hrend Venedig auf die Unterst\u00fctzung des bayerischen Kurf\u00fcrstenhauses im gegenw\u00e4rtigen T\u00fcrkenkrieg zielte, ging es M\u00fcnchen um das Ansehen des eigenen Hauses, dem der Rekurs auf vergangene Erfolge nur dienlich sein konnte.<\/p>\n<p>Betrachtet man den f\u00fcr diesen Vortrag gew\u00e4hlten Titel unter diesem Blickwinkel, erscheint er \u00e4hnlich mehrdeutig wie die Ergebnisse von Over und Blichmann zu Vivaldis Oper. Dass sich das \u201evor dem Krieg\u201c auf die bevorstehende T\u00fcrkenkampagne Karl Albrechts bezieht, ist dabei noch offensichtlich. Das \u201enach dem Krieg\u201c kann sich jedoch auf beides beziehen: auf den Spanischen Erfolgekrieg ebenso wie auf die erfolgreichen T\u00fcrkenfeldz\u00fcge Max Emanuels aus den 1680er Jahren. W\u00e4hrend n\u00e4mlich ersterer die Ausgangsbasis f\u00fcr die notwendige Imageverbesserung Bayerns gelegt hatte, konnten zweitere als Grundlage f\u00fcr eine bruchlose Indienstnahme Karl Albrechts in Bezug auf die aktuellen politischen Ziele dienen. Zur \u00dcbermittlung dieser Botschaft wurde durchaus \u201ePolitik mit sinnlichen Mitteln\u201c (Sebastian Werr) betrieben. Besonders augenscheinlich ist dies bei der Serenata zu Ehren des Kurprinzen auf Murano. Weitere musikalische Werke mit der einschl\u00e4gigen politischen Botschaft sollten im weiteren Verlauf der Reise \u2013 besonders auf r\u00f6mischen Terrain \u2013 hinzukommen. Sie greifen immer wieder dasselbe Muster auf, n\u00e4mlich \u2013 mit Verweis auf Horaz (\u201eFortes creantur fortibus\u201c) \u2013 dass aus Starkem (Max Emanuel) Starkes (Karl Albrecht) erwachse \u2013 wie es nicht deutlicher in eine florentinische Medaille von dem Medailleur Antonio Montauti zu Ehren des bayerischen Kurprinzen im Jahr 1716 eingepr\u00e4gt werden konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Der erste offizielle Kontakt zwischen dem bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht und der Republik Venedig war von einer Entschuldigung gepr\u00e4gt. Die von der Serenissima f\u00fcr den Wittelsbacher abgesandten Adeligen waren am 5. Februar 1716 zu ihrer Antrittsvisite in den Palazzo Correr, die Unterkunft des Kurprinzen am Canal Grande, gekommen. 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