{"id":118102,"date":"2026-01-20T12:12:29","date_gmt":"2026-01-20T11:12:29","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118102"},"modified":"2026-01-20T12:12:29","modified_gmt":"2026-01-20T11:12:29","slug":"zeremoniell-und-politik-chancen-und-konfliktlinien-im-zusammentreffen-karl-albrechts-mit-papst-clemens-xi","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/zeremoniell-und-politik-chancen-und-konfliktlinien-im-zusammentreffen-karl-albrechts-mit-papst-clemens-xi\/","title":{"rendered":"Zeremoniell und Politik: Chancen und Konfliktlinien im Zusammentreffen Karl Albrechts mit Papst Clemens XI."},"content":{"rendered":"<h3><strong> Welch ein Verhaltenskaleidoskop<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 6. April 1716 stand der bayerische Kurprinz Karl Albrecht vor seiner ersten Audienz bei Papst Clemens XI., gerade mal drei Tage nach seiner Ankunft in Rom. Ohne gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit zu erregen passiert er unter dem Namen eines Grafen von Trausnitz die Schweizer Garde. W\u00f6rtlich f\u00e4hrt ein Tagebuch, das im Rahmen dieser Italienreise entstand, dann fort: \u201eAl\u00df man die letzte antecamera erreicht, liesse der Abbate Scarlati den Pabsten ersuchen umb erlaubnu\u00df ihme einige frembde cavagliers, die er in seiner behausung hette, vorzuf\u00fchren. Auf erhaltene andwort ist der Abbate Scarlati der erste, herr Obrist Hof Meister der andere, herr Graf von Trau\u00dfnitz der dritte, beede (alle distinction zu vermeiden) mit hutt und deegen, Chevalier Santini ohne hutt, aber al\u00df Chevalier de Malte mit dem deegen zu Ihro p\u00e4bstlichen Heyligkeit hineingetretten. Nach abgelegter gew\u00f6hnlicher genuflexion hat der Pabst selbe ohngefehr mit disen wortten angeredt\u201c.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wechselt das Diarium, was selten geschieht, ins Italienische, um den Papst w\u00f6rtlich zu zitieren. Er erkenne, so die \u00dcbersetzung, einen unter den Kavalieren, der viel bedeutender ist, als er zu sein vorgibt. Es w\u00e4re ein Affront, ihm die Maske herunterzurei\u00dfen, wo er doch unerkannt bleiben will, wenngleich er \u2013 also der Papst \u2013 ihm gerne viel gr\u00f6\u00dfere Ehren zukommen lassen w\u00fcrde, als er es unter diesen Umst\u00e4nden kann.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend w\u00fcrdigte der Pontifex den Eifer und die Anh\u00e4nglichkeit, die das kurbayerische Haus stets f\u00fcr die Kirche, den Heiligen Stuhl, f\u00fcr ihn selbst und f\u00fcr seine Familie gezeigt habe. Er schloss mit der Hoffnung, dass auch die Anwesenden \u2013 und hierbei wird vermerkt, dass er die Augen auf Graf Trausnitz wendete \u2013 diesem Beispiel folgten, was der Angesprochene umgehend versicherte.<\/p>\n<p>Trotz oder gerade wegen der distanziert verlaufenden Audienz zog der Papst den zum Grafen degradierten Prinzen beim Abschied an der Hand zu sich, umarmte ihn und entlie\u00df ihn nur \u201emit denen zartm\u00fcttigisten expressionen und verg\u00fcssung der thr\u00e4nen\u201c. Im Anschluss begab sich der Geherzte samt seiner drei Begleiter in das Zimmer des Kardinals Albani, der \u201esolchen bey der th\u00fcr de\u00df zimers empfangen, in welchen dem Cardinal allein mit dem gesicht gegen die th\u00fcr, denen 4 cavagliers aber demselben entgegen zu sitzen die sessel angetragen wurden. Nach geendigter audienz hat der Cardinal [\u2026] den herrn Grafen von Trau\u00dfnitz [nicht] bi\u00df zu der th\u00fcr der ersten antecamera begleittet, sonderen sich in seinem zimmer nach vorhero gepflegter abredung zuruck gehalten\u201c. Die nachfolgende Audienz bei den Kardin\u00e4len Acciaioli, Panciatici und Pamphili findet im Tagebuch dann schon nur noch in einem Nebensatz Erw\u00e4hnung, und weitere Besuche bei oder von Eminenzen entfielen g\u00e4nzlich, teils unter offenkundig vorgesch\u00fctzten Entschuldigungen der Geistlichen.<\/p>\n<p>Das Versteckspiel eines f\u00fcr jedermann leicht durchschaubaren Inkognitos, das \u00fcberschw\u00e4ngliche Lob bayerischer Verdienste, die pontifikalen Tr\u00e4nen, die Ausreden hoher geistlicher W\u00fcrdentr\u00e4ger, um einem Treffen aus dem Weg zu gehen \u2013 schon die breite Schilderung dieser Ereignisse in den Tageb\u00fcchern des sp\u00e4teren Kaisers weist auf die zentrale Bedeutung dieser zeremoniellen Akte hin.<\/p>\n<p>Dieses Verhaltenskaleidoskop m\u00f6chte ich im Folgenden entschl\u00fcsseln und auf die Gr\u00fcnde seiner Verwendung hin zu untersuchen. Ich werde hierzu in f\u00fcnf Schritten vorgehen, n\u00e4mlich eingangs an die Ausf\u00fchrungen von Volker Barth ankn\u00fcpfen, um zu kl\u00e4ren, wie sich das Inkognito in dem konkreten Fall ausformte und warum diese Form gew\u00e4hlt wurde; im Anschluss gilt es die Motive f\u00fcr den Rom-Besuch des bayerischen Prinzen einerseits und die damit verkn\u00fcpften Interessen der Kurie andererseits zu betrachten. Obwohl beide weitgehend problemlos in Einklang zu bringen waren, resultierten doch auch Konflikte aus den jeweiligen Zielsetzungen, deren L\u00f6sung dann Gegenstand des vierten Punktes sein wird. Abschlie\u00dfend werde ich mich der erw\u00e4hnten Frage nach dem Mehr- und Erkenntniswert des Zeremoniells und der symbolischen Handlungen zuwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Ausformung des Inkognitos Karl Albrechts<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Max Emanuel seinem r\u00f6mischen Gesandten Alessandro Scarlatti im Herbst 1715 mitteilte, dass sein Erstgeborener in die Ewige Stadt reisen werde, war dieser einigerma\u00dfen konsterniert. Weniger organisatorische Fragen seien das Problem, antwortete er, vielmehr sei es das komplexe kuriale Zeremoniell, das ihm Kopfzerbrechen bereite.<\/p>\n<p>Um den Fallstricken dieser Etikette auszuweichen, entschied der Kurf\u00fcrst, die Reise sei all\u2019incognito vorzunehmen. Dass der Grund hierf\u00fcr tats\u00e4chlich auf italienischem Boden, genauer: vorrangig in den von Scarlatti als problematisch beschriebenen r\u00f6mischen Umgangsformen lag, ergibt sich aus zahlreichen \u00c4u\u00dferungen des Kurf\u00fcrsten, aber auch aus dem Umstand, dass diese Form erst mit \u00dcbertritt der Grenze gew\u00e4hlt wurde. Gestartet war der Reisende n\u00e4mlich noch als Kurprinz. Weit entfernt davon, ein ausgefallener Kniff bayerischer Politik zu sein, hatten ein Inkognito schon zahlreiche Reisende vor ihm genutzt, um \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Pomp vermeiden und Rangstreitigkeiten aus dem Weg gehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies bedeutet freilich keineswegs, dass der reisende Graf von der \u00d6ffentlichkeit nicht als derjenige erkannt worden w\u00e4re, der er war. Die Zeitungen hatten die Ankunft des wahren Gastes stets zeitgenau angegeben und der stadtr\u00f6mische Adel lie\u00df es sich nicht nehmen, ihn vor den Toren der Kapitale in pomp\u00f6sen Sechssp\u00e4nnern zu empfangen und seine Einfahrt zu begleiten. Dabei spekulierte er weniger auf wertvolle materielle Gaben, als darauf, Teil des Empfangskomitees eines so wichtigen Gastes zu sein und dergestalt die eigene Bedeutung zu dokumentieren. So war es ganz im Sinne des Stadtadels, den Einzug zu einer Art gesellschaftlichem Ereignis mit zahlreichen Menschen auf der Stra\u00dfe geraten zu lassen, fungierten letztere doch als Zeugen nicht nur der W\u00fcrde des Gastes, sondern auch von dessen Umfeld, also des Adels selbst.<\/p>\n<p>Festzuhalten gilt es also erstens, dass das Inkognito weder f\u00fcr den Adel noch f\u00fcr das Volk bedeutete, einen Unbekannten vor sich zu haben. Festzuhalten gilt es aber ebenso, dass der theoretische Anspruch darauf nie aufgegeben wurde. Stets trat Karl Albrecht in der \u00d6ffentlichkeit als Graf von Trausnitz auf, nahm in der Kutsche oder bei Empf\u00e4ngen gerade nicht den ersten Platz ein (der ihm als Kurprinz zugestanden h\u00e4tte), oder, um das Eingangsbeispiel wieder aufzugreifen, begehrte beim Papst nicht selbst den Besuch, sondern begleitete formaliter den kurbayerischen Diplomaten bei dessen Audienz als Gast an dritter Stelle. Dass der Pontifex nicht im Zweifel war, wen er da vor sich hatte, zugleich aber dessen Wunsch akzeptierte, ungenannt zu bleiben, ist schon aus seiner eingangs zitierten Rede zu erkennen, ebenso aus dem Umstand, dass der Gast kein Sitzm\u00f6bel erhielt, auf das er als Kurprinz Anspruch gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte dieses Schema bei zahlreichen weiteren Gelegenheiten durchdeklinieren, durchbrochen wurde es, zumindest \u00f6ffentlich, nie. Wichtig ist, dass es gen\u00fcgte, die Form zu wahren, denn dies lie\u00df dem Inhalt, dem Zweck der Reise, trotz formaler Einschr\u00e4nkungen erheblichen Spielraum, dem es im folgenden Punkt das Augenmerk zuzuwenden gilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wittelsbachische Motive des Rom-Besuchs<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anders als man in gegenw\u00e4rtigen Zeiten inflation\u00e4rer Papstbesuche bayerischer, deutscher und internationaler Politiker oder gesellschaftlicher Zelebrit\u00e4ten meinen k\u00f6nnte, war die Anwesenheit eines Kurprinzen am Papsthof in der Fr\u00fchen Neuzeit alles andere als Normalit\u00e4t. Was also bewegte gerade diesen F\u00fcrstensohn zu der Reise?<\/p>\n<p>Hier ist zun\u00e4chst einmal die pers\u00f6nliche Devotion in Rechnung zu stellen, die man sicher nicht zu gering wird veranschlagen d\u00fcrfen. Karl Albrecht gilt, wie Peter Claus Hartmann deutlich gemacht hat, als gottesf\u00fcrchtig und der katholischen Kirche treu ergeben. In Rom besuchte er die sieben Hauptkirchen an einem Tag und ging die heiligen Gr\u00e4ber zu Fu\u00df ab \u2013 um seine Fr\u00f6mmigkeit unter Beweis zu stellen, wie das Tagebuch nicht vergisst zu betonen. Hinzu kommen Devotionsbeweise, die teils noch heute \u00fcblich sind: Er rutschte die Scala santa auf Knien hoch, verteilte Almosen, bewirtete Pilger, lie\u00df Priestern finanzielle Unterst\u00fctzung zukommen und bat anl\u00e4sslich eines Gef\u00e4ngnisbesuchs um Amnestie dreier Insassen. Derartig demonstrative Akte der Selbsterniedrigung oder der Spenden an Arme und Kranke geh\u00f6rten ebenso zum festen Repertoire christlicher Herrschertugenden wie der Schutz der Priester oder rituelle Begnadigungen.<\/p>\n<p>Wichtiger, wenngleich mit dem ersten integral verbunden, war das zweite Motiv, n\u00e4mlich das Ansehen der eigenen Dynastie zu steigern. Er werde auf seiner Reise alles f\u00fcr die \u201eReputation unseres Hauses\u201c tun, versicherte der Prinz seinem Vater. Dies war auch bitter n\u00f6tig, denn das Ansehen Max Emanuels hatte infolge von dessen Rolle im Spanischen Erbfolgekrieg massiv gelitten, und zwar sowohl in der publizistischen \u00d6ffentlichkeit des Reichs wie unter dessen F\u00fcrsten. Der Krieg an der Seite Frankreichs gegen das Reich hatte ihm den Vorwurf des Rechtsbruchs beschert, von der \u201eNatter am Busen des Reiches\u201c war da zeitgen\u00f6ssisch die Rede. Das Urteil in der Wissenschaft ist kaum milder: Von einem \u201eamoklaufenden Kurf\u00fcrsten\u201c, der \u201eReichsverrat\u201c begangen habe, spricht etwa Karl Otmar von Aretin.<\/p>\n<p>Nun hatten die Friedensschl\u00fcsse von 1713\/14 Max Emanuel zwar Besitz und nahezu alle Rechte zur\u00fcckgegeben. Vergessen war sein Verhalten gleichwohl nicht, so dass ein imagepolitischer Feldzug durchaus attraktiv schien, wenn er sein Haus auch weiterhin f\u00fcr H\u00f6heres in Stellung bringen wollte (woran kein Zweifel bestehen konnte). Die Reise seines Sohnes wird in diesem Kontext zu verorten sein. Dies erkl\u00e4rt die bereitwillige v\u00e4terliche Finanzierung der immer \u00fcberbordender werdenden Ausgaben ebenso wie die ungew\u00f6hnlich hohe Zahl der Mitreisenden.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne der Gloire des Hauses war es auch, wenn Clemens XI. ostentativ von Dankbarkeit und Freundschaft der katholischen Kirche gegen\u00fcber den Wittelsbachern sprach, sich gar als besten Freund des Kurf\u00fcrsten bezeichnete. Derartige \u00c4u\u00dferungen st\u00e4rkten die wechselseitigen Bindungen und hoben das Ansehen des Hauses Bayern in der katholischen Welt.<\/p>\n<p>Das Ziel der Reputationssteigerung wurde bayerischerseits aber nicht zuf\u00e4lligen Meinungs\u00e4u\u00dferungen \u00fcberlassen, es wurde vielmehr bewusst inszeniert. Das beginnt bei der Wahl des Inkognito-Namens, mit dem sich Karl Albrecht ganz ostentativ in die Tradition des Wittelsbachers Maximilian stellte, der bei seiner Romreise 1593 denselben Namen gew\u00e4hlt hatte. Knapp 30 Jahre sp\u00e4ter ging jener dann als Bewahrer des Katholizismus in die Geschichte ein, nachdem er 1620 in der Schlacht am Wei\u00dfen Berg die Truppen des Winterk\u00f6nigs Friedrich V. besiegt und dergestalt den Protestantismus in B\u00f6hmen entscheidend einged\u00e4mmt hatte. Zugleich hatte er seinem Haus damit die lange erw\u00fcnschte Rangerh\u00f6hung gesichert: Bayern war 1623 zum Kurf\u00fcrstentum aufgestiegen.<\/p>\n<p>Dass Karl Albrecht unter diesen Vorzeichen am ersten Tag seines Rom-Aufenthalts und mit gro\u00dfem Gefolge die Kirche Santa Maria della Vittoria besuchte, muss unter diesem Blickwinkel zumindest auch als propagandistisches Statement gewertet werden, hing doch hier das Bild der Heiligen Familie, das in der Schlacht mitgef\u00fchrt worden sein und den ligistischen Truppen zum Sieg verholfen haben soll. Heute ist es nur eine Kopie, das Original verbrannte im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich spielte die konfessionelle Auseinandersetzung am Beginn des 18. Jahrhunderts im Reich wieder eine sehr viel gr\u00f6\u00dfere Rolle, als in den Jahrzehnten zuvor. Zudem kann die Bedeutung Maximilians ins Grunds\u00e4tzlichere gewendet werden, so dass er \u2013 und mit ihm das wittelsbachische Herrscherhaus \u2013 nicht nur als Verteidiger des Katholizismus (gegen den Protestantismus), sondern als Bewahrer des rechten Glaubens schlechthin betrachtet wird, unabh\u00e4ngig von der Frage, gegen wen dieser verteidigt werden m\u00fcsse. In diese Traditionslinie reiht sich dann n\u00e4mlich auch Max Emanuel ein mit seinem Nimbus als T\u00fcrkensieger, den er sich vor allem in den Schlachten von 1683 bis 1687 erfochten hatte. Dies war das Image, das 1716 anschlussf\u00e4hig war (anders als die Rolle des reichsfeindlichen Sezessionisten aus dem Spanischen Erbfolgekrieg).<\/p>\n<p>Der demonstrative Rekurs auf vergangene Heldentaten hatte zwei Ziele: Zum einen galt die Geschichte bis Mitte des 18. Jahrhunderts als Lehrmeisterin der eigenen Gegenwart. Sie erschlie\u00dfe die Wahrheit und zeige, \u201ewas bey gleicher Gelegenheit wieder k\u00f6nte gebrauchet werden\u201c. Ein solcher Augenblick war nun da, denn der seit 1714 schwelende T\u00fcrkenkrieg nahm gerade an Fahrt auf, und wer war besser geeignet, den Katholizismus neuerlich zum Sieg zu f\u00fchren, als der Nachfahre fr\u00fcherer Helden? \u2013 Vermutlich werden noch die im Tagebuch beschriebenen Besuche in der Kirche Santa Maria degli Angeli \u2013 einem Gedenkort f\u00fcr den T\u00fcrkensieger und Gro\u00dfvater Karl Albrechts, Jan Sobieski\u2013 sowie im Hause des Connestabile Fabrizio Colonna \u2013 seinerseits ein Nachfahre des nicht minder ber\u00fchmten Lepanto-Siegers \u2013 dem Zweck gedient haben, das kollektive Ged\u00e4chtnis an jene zu erinnern, die die Kirche schon mehrmals vor den Glaubensfeinden gerettet hatten.<\/p>\n<p>Dieses kollektive Ged\u00e4chtnis aber spielte, zum anderen, f\u00fcr die Gegenwart eine zentrale Rolle. Denn mit der Rede vom Verteidiger des wahren Glaubens wurde die Vergangenheit aus dem konkreten Kontext herausgel\u00f6st. Da war es dann unerheblich, ob es um 1571 (Seeschlacht von Lepanto), 1620 (Schlacht am Wei\u00dfen Berg) oder 1687 (Schlacht am Berg Hars\u00e1n), ob um die T\u00fcrken oder die Protestanten ging. Erst indem man die Ereignisse dekontextualisierte, wuchs ihnen eine gemeinschaftsbildende Funktion f\u00fcr die Gegenwart zu. Die Kehrseite der Erinnerung war also der Appell zur Einigkeit, die Erinnerungsgemeinschaft wurde mit wenigen Strichen zu einer Erwartungsgemeinschaft ummodelliert. In dieser aber konnte das kurz zuvor gedem\u00fctigte Bayern wieder seine Rolle unter den gleichberechtigten, wenn nicht sogar f\u00fchrenden Akteuren einnehmen.<\/p>\n<p>Ich komme zu einem dritten und letzten Motiv Karl Albrechts f\u00fcr die Rom-Reise, zu dessen Verst\u00e4ndnis es knapp auszuholen gilt. Fr\u00fchzeitig und eindeutig wie keine anderen deutschen F\u00fcrsten hatten die wittelsbachischen Herz\u00f6ge auf die Herausforderungen der Reformation reagiert. Schon auf der Gr\u00fcnwalder Konferenz vom Februar 1522 formulierten sie eine klare Absage an das Lutherische Bekenntnis und garantierten mit der ausschlie\u00dflichen Katholizit\u00e4t Bayerns jenen Fels in der Brandung des konfessionell aufgew\u00fchlten Meeres, den Rom gebraucht hatte, als die bisherige Ordnung zu st\u00fcrzen drohte.<\/p>\n<p>Hieraus resultierte eine ausgesprochen enge Kooperation zwischen Bayern und dem Heiligen Stuhl mit zahlreichen p\u00e4pstlichen Privilegien. Diese wiederum waren die Grundlage einer nachgerade inflation\u00e4ren Besetzung von Bischofsst\u00fchlen mit nachgeborenen wittelsbachischen Prinzen. Herzog Ernst etwa war, um nur ein Beispiel zu nennen, seit 1583 zugleich F\u00fcrstbischof von Freising, L\u00fcttich, Hildesheim und M\u00fcnster, F\u00fcrstabt von Stablo und Malmedy sowie Erzbischof von K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Die Praxis der Besetzung von Bischofsst\u00fchlen mit nachgeborenen Prinzen aber hatte an der Wende vom 17. auf das 18. Jahrhundert eine Delle erfahren. Unter Max Emanuel \u00e4nderte sich das neuerlich, und an die alten Besetzungspraktiken anzukn\u00fcpfen, war 1715 erkl\u00e4rtes Ziel des Kurf\u00fcrsten. Den Anfang sollte das Bistum Regensburg machen, das er seinem Viertgeborenen Clemens August zudachte. Schon vor der Reise Karl Albrechts aufs Gleis gesetzt, galt es, die Berufung vor Ort final abzusichern, denn die Kurie wachte sorgsam dar\u00fcber, dass ihre Rechte bei Bischofsbesetzungen nicht \u00fcbergangen wurden. Eine mehrfache Verz\u00f6gerung der p\u00e4pstlichen Best\u00e4tigung von Clemens Augusts Wahl war die Folge, und die pers\u00f6nliche Anwesenheit seines Bruders hat denn auch nicht das Wenigste dazu beigetragen, Probleme in den Hintergrund treten zu lassen.<\/p>\n<p>Doch Max Emanuel war viel zu machtbewusst, um sich mit Regensburg zufrieden zu geben, zielte vielmehr auf die \u00dcbertragung m\u00f6glichst zahlreicher Bist\u00fcmer an seine S\u00f6hne. Die Vorteile lagen auf der Hand: die standesgem\u00e4\u00dfe Versorgung nachgeborener Prinzen, eintr\u00e4gliche Einnahmen, eine St\u00e4rkung der Rolle des Hauses in der Kurie der Reichsf\u00fcrsten, im Fall K\u00f6lns sogar eine Kurstimme. All dies war bestens geeignet, um Ansehen und Macht des Hauses zu steigern.<\/p>\n<p>Als Mittel schwebte ihm ein Generalbreve vor, das hei\u00dft ein p\u00e4pstliches Privileg, das es erlaubte, zwei, drei, bestenfalls sogar eine unbestimmte Zahl von Di\u00f6zesen in der Hand eines Prinzen zu vereinigen. Genau das aber hatten die Bestimmungen des Tridentinums verboten, und Clemens XI. machte sehr deutlich, dass er derartige \u00c4mterh\u00e4ufungen ablehnte. Einerseits. Denn andererseits waren dem Papst drei Dinge sehr bewusst: Zum einen war ihm Bayern stets ein verl\u00e4sslicher Partner im Reich gewesen. Zum anderen war ihm klar, politischen Pressionen der M\u00e4chtigen im Reich kaum Widerstand entgegensetzen zu k\u00f6nnen. Solcher Druck aber war zu erwarten, wenn die schon 1716 allenthalben diskutierte Heirat des Kurprinzen mit einer kaiserlichen Erzherzogin realisiert, ein M\u00fcnchner Wunsch also von Wien flankiert w\u00fcrde. Clemens machte seine diesbez\u00fcgliche Zustimmung daher von der kaiserlichen Unterst\u00fctzung des Gesuchs abh\u00e4ngig, die Karl VI. denn auch wenig sp\u00e4ter gew\u00e4hren sollte.<\/p>\n<p>Ein Drittes kam in Bezug auf die reichskirchenpolitische Frage hinzu: \u201eEine freundliche Unterredung hat gar offters mehr gefruchtet, als wenn sie viel Jahre einander Abgesandten zugeschickt\u201c, schreibt Julius Bernhard Rohr in seinem Zeremonialwerk von 1728. Tats\u00e4chlich gelten Herrschertreffen gleicherma\u00dfen als Manifestation freundschaftlicher Verh\u00e4ltnisse wie als Verpflichtung auf deren zuk\u00fcnftiges Fortbestehen.<\/p>\n<p>Von bayerischer Seite darf allein die Gegenwart Karl Albrechts in Rom als Ausdruck derartiger Emotionen und Intentionen gelten. Wenn der Gast dar\u00fcber hinaus pers\u00f6nlich um einen Gnadenerweis, hier also um die Gew\u00e4hrung des Generalbreves f\u00fcr seinen Bruder, nachsuchte, konnte der Pontifex das nicht abschlagen, ohne gegen alle Formen der H\u00f6flichkeit und der lange ge\u00fcbten Rituale zu versto\u00dfen. Die pers\u00f6nliche Anwesenheit, oder richtiger: der damit verbundene Ergebenheitsgestus Bayerns, war die Grundlage f\u00fcr die Gew\u00e4hrung der Bitte. Karl Albrecht war sich dessen in so hohem Ma\u00df bewusst, dass er sogar den taktierenden Vorschlag seines Vaters, sich mit einer W\u00e4hlbarkeitserkl\u00e4rung f\u00fcr zwei bis drei Kirchen zufrieden zu geben, zur\u00fcckwies, stattdessen auf dem unbeschr\u00e4nkten Breve insistierte.<\/p>\n<p>Mit Erfolg: Noch 1716 sagte der Papst die Ausstellung zu, 1718 realisierte er sie. Wom\u00f6glich w\u00e4re es Clemens August ohne diese Weichenstellung nicht gegl\u00fcckt, zum Monsieur de cinq \u00e9glise aufzusteigen, denn dass er 1728 entgegen dem kanonischen Recht zum F\u00fcrstbischof von M\u00fcnster, Paderborn, K\u00f6ln, Hildesheim und Osnabr\u00fcck gleichzeitig aufgestiegen war, hatte seine Wurzel nicht zuletzt in diesem Breve.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das p\u00e4pstliche Interesse an dem Rom-Aufenthalt des bayerischen Kurprinzen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen: Der Papst war von Karl Albrecht keineswegs in eine zeremonielle Zwickm\u00fchle man\u00f6vriert worden, wenn er Bayern freundlich gegen\u00fcber trat und Privilegien gew\u00e4hrte; er verfolgte durchaus eigene Interessen mit seinem Vorgehen.<\/p>\n<p>Von Paolo Prodi stammt die These, wonach das Papsttum nach dem Tridentinum einen zwar schleichenden aber kontinuierlichen weltlichen Autorit\u00e4tsverlust hatte hinnehmen m\u00fcssen, diesen aber \u00fcber Prestigegewinn kompensierte. \u201eDas Hauptbem\u00fchen der P\u00e4pste\u201c, so Prodi f\u00fcr die Zeit seit Mitte des 16. Jahrhunderts, \u201ekonzentrierte sich auf die Herausbildung einer neuen Art von geistlicher, nicht territorialer Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c. Mit diesem fr\u00fchneuzeitlichen Wandel ging ein erkennbar ver\u00e4ndertes Amtsverst\u00e4ndnis der P\u00e4pste einher, das fortan wieder st\u00e4rker funktional gepr\u00e4gt war. Vor allem hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche seine N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die Religion unter Beweis zu stellen.<\/p>\n<p>Der Besuch eines hohen politischen Repr\u00e4sentanten im Allgemeinen, des bayerischen Kurprinzen im Besonderen bot genau den richtigen Anlass, um diesen Beweis \u00f6ffentlich anzutreten. Doch der Reihe nach: Auch wenn es vordergr\u00fcndig \u00fcberrascht, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Karl Albrecht einer der rangh\u00f6chsten Besucher Roms jener Zeit aus dem Reich war. Der Grund daf\u00fcr liegt wesentlich in der fr\u00fchneuzeitlichen Herrscherkonkurrenz, also den divergierenden Anspr\u00fcchen auf F\u00fchrung, die zeremoniell nicht in Einklang zu bringen waren. Dies gilt es in Bezug auf das Papsttum an einem Beispiel zu konkretisieren: Karl V. war 1530 der letzte Kaiser, der den Fu\u00dfkuss \u2013 eine eindeutige Unterordnungsgeste \u2013 zu geben bereit gewesen war. Seine Nachfolger lehnten das als unvereinbar mit ihrer kaiserlichen W\u00fcrde ab. Da der Pontifex aber weder in der Theorie noch in der Praxis darauf verzichtete, waren praktisch un\u00fcberwindbare zeremonielle H\u00fcrden f\u00fcr einen direkten Besuch erwachsen.<\/p>\n<p>Auch auf der Ebene der weltlichen Kurf\u00fcrsten kam es, soweit zu sehen ist, zu keinem Papstbesuch. Und selbst deren Erstgeborene scheuten die zeremoniellen Probleme so sehr, dass Karl Albrecht der erste fr\u00fchneuzeitliche Kurprinz war, der dem Oberhaupt der katholischen Kirche seine Aufwartung machte. Unter diesen Umst\u00e4nden wird beides verst\u00e4ndlich, die eingangs zitierte Unzufriedenheit Clemens\u02bc \u00fcber das Inkognito wie seine Bereitschaft, es deswegen zu keiner Beeintr\u00e4chtigung des Verh\u00e4ltnisses kommen, geschweige denn, den Besuch daran scheitern zu lassen. Denn einerseits h\u00e4tte ein offizieller Besuch in weit h\u00f6herem Ma\u00df zum eigenen, pontifikalen Prestigegewinn genutzt werden k\u00f6nnen als der unter einem Decknamen. Der damit verbundene Pomp h\u00e4tte weit in das katholische Europa hinaus gestrahlt und die \u00fcbergeordnete Stellung der Kurie f\u00fcr die katholischen H\u00f6fe deutlich gemacht.<\/p>\n<p>Andererseits war Clemens XI. die Taube in der Hand lieber als der Spatz auf dem Dach. Denn selbst ein inkognito in Rom weilender bayerischer Kurprinz bot gen\u00fcgend M\u00f6glichkeit, dem europ\u00e4ischen Ausland die \u201eidentit\u00e4tsaffirmierende Reziprozit\u00e4t zwischen Papsttum und den katholischen Potentaten\u201c (Julia Zunckel) zu zeigen. Die Mittel hierzu waren ungez\u00e4hlte H\u00f6flichkeitserweise und Aufmerksamkeiten, von der \u00dcbersendung kostbarer Speisen bis zur \u00dcberlassung des p\u00e4pstlichen Palmzweiges, selbstverst\u00e4ndlich stets unter formeller Wahrung des Inkognitos. Und hierher geh\u00f6ren noch die von Clemens vergossenen, eingangs zitierten Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Gerd Althoff hat in einer Untersuchung zu mittelalterlichen K\u00f6nigen f\u00fcnf Gr\u00fcnde f\u00fcr deren \u00f6ffentliches Weinen herausdestilliert. Die Ergebnisse scheinen mir zumindest in Teilen auf den Papst und den vorliegenden Fall adaptierbar. So sind hier vor allem die Tr\u00e4nen als Beweis der Herrschertugend einschl\u00e4gig. Welche Tugend aber musste der Papst unter Beweis stellen, vor allem mit Blick auf ein vermeintlich oder tats\u00e4chlich religi\u00f6s-funktionales Amtsverst\u00e4ndnis? Schon seit dem Kirchenlehrer Athanasius im vierten Jahrhundert galten Tr\u00e4nen als Ausdruck von Gottesn\u00e4he und noch 1200 Jahre sp\u00e4ter konstatierte Ignatius von Loyola in seinem \u201eGeistlichen Tagebuch\u201c, dass er nur zufrieden sei, wenn er mindestens drei Mal pro Messe weine. Die Tr\u00e4nen waren bei beiden somit gleichsam ein Mittel der Objektivation, der \u00e4u\u00dfere Ausdruck des richtigen, gottgef\u00e4lligen inneren Empfindens.<\/p>\n<p>Ein weiteres kommt hinzu: Als der niederl\u00e4ndische Jesuit Nikolaus Floris dem Ignatius gegen\u00fcber klagte, nicht weinen zu k\u00f6nnen, versicherte dieser, f\u00fcr ihn zu beten, damit er zuk\u00fcnftig nicht nur verbal, sondern auch mittels Affekt\u00fcbertragung auf die Gemeinde einwirken k\u00f6nne. Tr\u00e4nen erscheinen damit auch als probates Mittel, den Glauben an andere weiterzugeben, ganz im Sinne Augustinus\u2018, der das \u201emovere\u201c zur h\u00f6chsten Stufe des rhetorischen Drei\u00acschritts nach \u201edocere\u201c und \u201edelectare\u201c erkl\u00e4rt hatte. Wenn Clemens XI. den Kurprinzen also bei dessen erster Audienz so \u00fcberm\u00e4\u00dfig herzte, dass nicht nur das p\u00e4pstliche Pallium ganz wei\u00df vom Puder seiner Per\u00fccke wurde, wie Karl Albrecht seinem Vater verz\u00fcckt schrieb, sondern eben auch Tr\u00e4nen flossen, dann war das weit entfernt von einer spontanen oder individuellen Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferung. Vielmehr war es eine zielgerichtete Inszenierung mit Vorteilen f\u00fcr beide Seiten: Der Papst gab auf einer symbolischen Ebene seiner individuellen Glaubenskraft Ausdruck, ebenso seiner F\u00e4higkeit, diesen Glauben an andere weiterzugeben. Indem er dazu das Zeremoniell bewusst durchbrach \u2013 denn die Umarmung eines nachrangigen Gastes w\u00e4re ganz und gar undenkbar gewesen \u2013, signalisierte er den Anwesenden seine freundschaftlich-enge Verbindung zum Haus Wittelsbach. Denn die Geste kam Karl Albrecht nat\u00fcrlich nur als Kurprinz zu, nicht als Graf von Trausnitz.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: Das weinend inszenierte Durchbrechen des zeremoniellen Rahmens lag im Interesse beider, fand aber nur im p\u00e4pstlichen Audienzzimmer statt, niemals in einer \u00d6ffentlichkeit. Damit gelang dem Papst die Quadratur des Kreises: der Nachweis eigener Tugenden, die Versicherung der Freundschaft sowie die Anerkennung des wirklichen Ranges \u2013 und das alles unter gleichzeitiger \u00f6ffentlicher Wahrung des Inkognitos.<\/p>\n<p>F\u00fchrt man all diese Aspekte zusammen und bedenkt dar\u00fcber hinaus das Ziel des Papsttums, seinen Wert f\u00fcr die Religion zu demonstrieren, landet man wiederum beim T\u00fcrkenkrieg. Dass der Pontifex sich als der Verteidiger des Glaubens schlechthin positionieren wollte, bedarf kaum einer Begr\u00fcndung. Doch der Kirchenstaat war milit\u00e4risch bedeutungslos, er ben\u00f6tigte Verb\u00fcndete. Sein Versuch aber, eine Liga mit dem Kaiser sowie den K\u00f6nigen von Frankreich und Spanien ins Leben zu rufen, war erst 1714\/15 kl\u00e4glich gescheitert. Dies machte es f\u00fcr Clemens in dreifacher Hinsicht interessant, Bayern als Verb\u00fcndeten zu gewinnen: als realen B\u00fcndnispartner; als Propagandainstrument, das nicht zuletzt an die erfolgreiche Allianz des sp\u00e4ten 17. Jahrhunderts erinnerte sowie als sanfte Ermunterung gegen\u00fcber dem Kaiser, seinerseits in den Krieg einzugreifen, was dieser im April 1716, also just w\u00e4hrend des kurprinzlichen Aufenthalts, tats\u00e4chlich zusagte. Gerade angesichts sich h\u00e4ufender pontifikaler Konflikte mit den Gro\u00dfm\u00e4chten seit der Mitte des 17. Jahrhunderts war es f\u00fcr Rom also interessant, eine Mittelmacht, wie Bayern es war, f\u00fcr die eigenen Ziele zu gewinnen. Gleichsam \u00fcber die M\u00fcnchner Bande bewies Clemens damit auch Wien, Paris und Madrid seine F\u00fchrungsrolle in der Einigung gegen\u00fcber dem osmanischen Erzfeind wie ganz generell seine politische Aktionsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Zeremonielle Schwierigkeiten<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gab es gegen\u00fcber dem Papst keine wesentlichen zeremoniellen Schwierigkeiten, weil dessen Vorrangstellung unstrittig war, war die Stellung den Kardin\u00e4len gegen\u00fcber problematischer: Der Besuch von vier Eminenzen ist im Tagebuch nur knapp beschrieben, weiteren offiziellen Zusammentreffen war man ausgewichen.<\/p>\n<p>Die Ursache hiervon waren un\u00fcberwindliche Rangstreitigkeiten. Sie gr\u00fcnden in dem Bestreben der r\u00f6mischen Kurie, trotz oder gerade wegen ihrer weltlichen Machterosion die eigene Dignit\u00e4t unter Beweis zu stellen. Urban VIII. hatte 1630 bestimmt, dass allen Kardin\u00e4le qua Amt der Vorrang vor weltlichen F\u00fcrsten zukomme, und Clemens XI. erkl\u00e4rte, keinen Herrscher zu empfangen, der sich nicht zugleich zum Besuch des Sacro Collegio verpflichte. Aus der Sprache des Zeremoniells \u00fcbersetzt, war dies eine Aufwertung der Kardin\u00e4le, die zugleich geeignet war, die Bedeutung des Besuchers ihnen gegen\u00fcber herabzusetzen. Das aber war f\u00fcr M\u00fcnchen unvereinbar mit der Ehre des eigenen Hauses, die es ja gerade zu steigern galt.<\/p>\n<p>Daraus resultierte ein monatelanges Feilschen um zeremonielle Formen im Vorfeld der Reise. Umstritten war vor allem die Frage, wer wen unter welchen zeremoniellen Vorzeichen zu besuchen habe. Als Extrempositionen standen sich die Aufwartung bei dem gesamten Kardinalskollegium einerseits und ein vollst\u00e4ndiger Verzicht auf Kardinalsvisiten andererseits gegen\u00fcber. Das Resultat war, wenig erstaunlich, ein Kompromiss: Realisiert wurde der Besuch bei den drei caput d\u2019ordine, jenen Kardin\u00e4len, die den Klassen des Kardinalskollegiums vorstanden, sowie dem Papstnepoten Annibale Albani.<\/p>\n<p>Allen Kardin\u00e4len die Ehre geben zu m\u00fcssen und damit einen Pr\u00e4zedenzfall zu schaffen, hatte man vermeiden k\u00f6nnen. Indem man sich auf das gleiche Vorgehen einigte, wie es zuvor dem Herzog von Modena zugestanden worden war, konnte zugleich der reichsweit erhobene Anspruch durchgesetzt werden, wonach ein deutscher Kurprinz denselben Rang einnehme wie ein italienischer Souver\u00e4n. Schlie\u00dflich war es gelungen, in die Besuche Hinweise auf die eigene Bedeutung einzustreuen \u2013 etwa die ranghohen Begleiter wie dem kaiserlichen Geheimrat, dem Grafen Welz \u2013, die bei einem Grafen undenkbar gewesen w\u00e4ren und die die Kardin\u00e4le tats\u00e4chlich lieber vermieden h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Doch auch Karl Albrecht hatte Zeichen von Rangminderung hinzunehmen: Die aus moderner Sicht seltsam anmutende Beschreibung von Stuhlpositionierungen und Schrittfolgen, wie sie f\u00fcr die Visite bei Kardinal Albani zitiert wurden, geh\u00f6ren in diesen Kontext. Vergleicht man sie mit dem seinerzeit geltenden kurialen Zeremoniell, wird deutlich, dass hier dem Inkognito Rechnung getragen, indem der Gast tats\u00e4chlich weitgehend als Graf behandelt wurde. Anders als der Empfang beim Papst konnte man sich den Besuch von M\u00fcnchner Seite also kaum zur eigenen Ehre anrechnen, doch war das zu verschmerzen, beinhaltete er zumindest keine explizite Herabsetzung.<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich im n\u00e4chsten Fall, bei den drei caput d\u02bcordine, denen Karl Albrecht die linke Hand reichen musste. Dies war Ausdruck der sogenannten Unterhand, das hei\u00dft der symbolische Ausdruck der Unterordnung, den die Kurf\u00fcrsten sogar gegen\u00fcber gekr\u00f6nten H\u00e4uptern (ausgenommen nat\u00fcrlich dem Kaiser) ablehnten, und somit selbstredend auch gegen\u00fcber Kardin\u00e4len. Doch in diesen Apfel hatte Bayern bei\u00dfen m\u00fcssen, denn Rom war offenkundig nicht bereit, eine Ehrerweisung wieder aufzugeben, die es dem Herzog von Modena gerade erst abgetrotzt hatte und die es als Pr\u00e4zedenzfall durchzusetzen gewillt war.<\/p>\n<p>Dass Karl Albrecht dem im konkreten Fall zustimmen konnte, liegt wesentlich an einem stillschweigenden Dissens \u00fcber die Interpretation des Aktes: W\u00e4hrend die Geistlichen im Ergreifen der linken Hand n\u00e4mlich eine Subordination des Erstgeborenen Max Emanuels \u2013 also des F\u00fcrstensohnes \u2013 sahen, f\u00fchrte ihn dieser in seiner Rolle des Grafen von Trausnitz aus. Das lie\u00df f\u00fcr die eine Seite die Fiktion bestehen, sich lediglich als Graf den Forderungen gebeugt zu haben, w\u00e4hrend die andere die Interpretation pflegte, es sei der Erstgeborene eines Kurf\u00fcrsten, der hier gehandelt habe. Deutlich wie an kaum einer anderen Stelle zeigt sich hier, dass das Inkognito eine notwendige Bedingung war, um den Rom-Aufenthalt \u00fcberhaupt realisieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Mehrwert symbolischen Handelns<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt unmittelbar zu meinem letzten Punkt, der Frage nach dem Mehrwert symbolischen Handelns. Es ist klar geworden, dass der eingangs ausf\u00fchrlich zitierte zeremonielle Ablauf und die damit verbundenen Verhaltensweisen weder spontan, noch seltsam oder Selbstzweck waren. Vielmehr geben sie Aufschluss \u00fcber Aspekte der Mentalit\u00e4t ebenso wie \u00fcber darunter liegende, zutiefst politische Motive. Warum hierf\u00fcr aber der Umweg \u00fcber symbolisches Handeln genommen wurde, gilt es abschlie\u00dfend knapp zu res\u00fcmieren.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die schiere Notwendigkeit, zu indirekten Ausdrucksformen greifen zu m\u00fcssen. Sich unverhohlen des eigenen Glaubens und der Bedeutung f\u00fcr dessen Weitergabe zu r\u00fchmen, w\u00e4re von p\u00e4pstlicher Seite ebenso unangemessen gewesen wie von bayerischer, die eigene Rolle f\u00fcr die Verteidigung des Katholizismus direkt anzusprechen. \u00dcberdies h\u00e4tte letzteres die Gefahr evoziert, von Clemens XI. ebenso unmittelbar zur Beteiligung an dem anschwellenden T\u00fcrkenkrieg aufgefordert zu werden.<\/p>\n<p>Umgekehrt konnte der Papst kaum offen die Kriegsbeteiligung M\u00fcnchens einfordern, wollte er nicht den achselzuckenden Hinweis riskieren, dass ein Graf Trausnitz hierf\u00fcr nicht der richtige Adressat sei. Nachdem sich 1714\/15 schon Kaiser und K\u00f6nige den p\u00e4pstlichen Appellen zur Gr\u00fcndung einer Allianz entzogen hatten, w\u00e4re eine solche Zur\u00fcckweisung nicht nur bitter gewesen, sie h\u00e4tte ein weiteres Mal vor den Augen der politischen \u00d6ffentlichkeit die papale Machtlosigkeit dokumentiert. Ein Papst aber, der die Christenheit nicht einmal angesichts des Erzfeindes einen konnte, h\u00e4tte unweigerlich weiter an Prestige verloren.<\/p>\n<p>Ein Zweites kommt hinzu: Die Vorstellung von tats\u00e4chlicher politischer Macht sowie zahlreiche Privilegierungen bauten in der Neuzeit auf dem Fundamt sozialer Wertsch\u00e4tzung auf. Zugespitzt formuliert: Vom Rang eines Akteurs wurde auf dessen tats\u00e4chliche Macht geschlossen. Es liegt nahe, dass derartige Rangordnungen labil und umstritten waren, mit der Folge, dass die eigene Position so oft wie m\u00f6glich und so \u00f6ffentlich wie m\u00f6glich nachgewiesen werden musste. Dies geschah nicht zuletzt im Medium des Zeremoniells, auf dessen Feld also Rang- und Machtfragen ausgetragen wurden. Dies wird im vorliegenden Beispiel am Rangvergleich des Kurprinzen mit italienischen Souver\u00e4nen, vor allem aber in der Auseinandersetzung \u00fcber die Behandlung der Kardin\u00e4le sichtbar. Wirksam wurden solche Demonstrationen freilich nur, wenn sie von der anvisierten \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen wurden. Wer aber war diese \u00d6ffentlichkeit, oder besser: der Adressat?<\/p>\n<p>Im Falle Bayerns ein doppelter: Ging es um die Reichskirchenpolitik, war es vor allem der Papst, dessen Wohlwollen unabdingbar war. Dies erkl\u00e4rt die demonstrativen Rekurse auf die Rolle der Wittelsbacher als Verteidiger des Katholizismus, die zitierte Versicherung, der Kirche auch weiter treu ergeben zu sein und noch die Devotionsbeweise, die der Autorit\u00e4t des Pontifex dienten. Zielte man hingegen auf die Profilierung der Dynastie, wandte man sich prim\u00e4r an die europ\u00e4ischen F\u00fcrstenh\u00e4user, auf deren Rangzuschreibung es letztlich ankam.<\/p>\n<p>Den Zeitungsmeldungen, dem Empfang vor den Toren nicht nur Roms, sondern auch der anderen italienischen St\u00e4dte, den Sechssp\u00e4nnern usw. kam also eine wichtige Rolle zu, denn all das bewies, dass hier eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit reiste. Und dass dies die entsprechende W\u00fcrdigung an den internationalen H\u00f6fen bekam, daf\u00fcr sorgten nicht zuletzt die Diplomaten mit einer aufmerksamen und ausf\u00fchrlichen Berichterstattung. In M\u00fcnchen konnte man daher zufrieden sein, als etwa der s\u00e4chsische Gesandte in Venedig einr\u00e4umte \u2013 wenn auch etwas z\u00e4hneknirschend, weil Friedrich August ja selbst durch Italien reiste \u2013, der bayerische Prinz mache eine ausgesprochen gute Figur.<\/p>\n<p>Wie f\u00fcr M\u00fcnchen so war auch f\u00fcr Rom neben dem unmittelbaren Gast die europ\u00e4ische Hocharistokratie der Adressatenkreis ihrer Handlungen. Dies galt f\u00fcr den Papst wie f\u00fcr Kardin\u00e4le, deren Selbstwahrnehmung und die internationale Anerkennung ihrer behaupteten Stellung ja durchaus auseinanderklafften. Der \u00d6ffentlichkeit zu zeigen, dass der bayerische Kurprinz sie mit einem Besuch ehrte, bei dem er \u00fcberdies ihre linke Hand nahm, sich also unterordnete, war mithin ein willkommener Schritt zur Durchsetzung der eigenen Ansicht. Aus dieser Perspektive wuchs dem Besuch der caput d\u2019ordine eine dezidiert politische Funktion zu, wenngleich ein \u00f6ffentlicher Empfang oder die Aufwartung bei dem ganzen Kardinalskollegium noch weit mehr symbolisches Kapital versprochen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Beide Seiten also mussten sich mit Abstrichen am zeremoniell und damit am politisch W\u00fcnschenswerten abfinden. Doch das war hinzunehmen, profitierten sie doch \u00fcberwiegend von dem aufgef\u00fchrten Schauspiel. Allein der Umstand, dass es zu einer so ungew\u00f6hnlichen Aufwartung kam, signalisierte dem zuschauenden europ\u00e4ischen Publikum wechselseitige Achtung und geteilte \u00dcberzeugungen.<\/p>\n<p>Aus p\u00e4pstlicher Sicht st\u00e4rkte es damit das, was als autoritative Macht bezeichnet wird: der Bef\u00e4higung, innere Gefolgschaft auf der Basis geteilter Werte herzustellen. Dass der Papsthof dies nicht nur ausstrahlte, sondern die daraus resultierende Autorit\u00e4t auch k\u00fcnftig zum Wohl des Katholizismus einzusetzen gewillt und in der Lage war, best\u00e4tigte ja gerade die gemeinsame Bereitschaft, den Katholizismus gegen die Ungl\u00e4ubigen zu verteidigen. Da kam die Anwesenheit des Nachfahren Maximilians I., Max Emanuels und Jan Sobieskis gerade recht. Bayern hingegen hatte sich nicht zum Mindesten mit der bewusst pomp\u00f6sen Inszenierung dieser Reise als Akteur auf der internationalen B\u00fchne zur\u00fcckgemeldet. Max Emanuel selbst r\u00e4umt das in einem als vertraulich eingestuften Brief ein.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Seiten, Rom wie M\u00fcnchen, war die Italienfahrt mithin eine willkommene Gelegenheit zur Demonstration der eigenen Bedeutung, was nach den vorangegangen politischen Fehlschl\u00e4gen und dem damit verbundenen Ansehensverlust bitter n\u00f6tig erschien. Wenn sie daf\u00fcr auf Formen der symbolischen Kommunikation auswichen, ist das kein Gegensatz zu \u201arealer\u2018 Politik, sondern eine Form von deren Umsetzung. Diese, die unter der zeremoniellen Oberfl\u00e4che liegende Botschaften, gilt es jedoch in unserer heutigen, dem Zeremoniell ferner stehenden Epoche, erst freizulegen. Denn Beschreibungen wie der eingangs zitierte Tagebucheintrag werden solange nicht verstanden und in ihrer realpolitischen Wirkung untersch\u00e4tzt, wie man die Spielregeln dahinter nicht kennt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welch ein Verhaltenskaleidoskop &nbsp; Am 6. April 1716 stand der bayerische Kurprinz Karl Albrecht vor seiner ersten Audienz bei Papst Clemens XI., gerade mal drei Tage nach seiner Ankunft in Rom. Ohne gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit zu erregen passiert er unter dem Namen eines Grafen von Trausnitz die Schweizer Garde. 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