{"id":118104,"date":"2026-01-20T12:14:37","date_gmt":"2026-01-20T11:14:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118104"},"modified":"2026-01-20T12:14:37","modified_gmt":"2026-01-20T11:14:37","slug":"fuersten-auf-reisen-kunstgenuss-als-herrschaftsgeste","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/fuersten-auf-reisen-kunstgenuss-als-herrschaftsgeste\/","title":{"rendered":"F\u00fcrsten auf Reisen: Kunstgenuss als Herrschaftsgeste"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zum wohlbekannten Ritual eines Staatsbesuchs, den hochrangigen Gast durch ber\u00fchmte Kunstsammlungen oder Schl\u00f6sser zu f\u00fchren, sei es durch das Gr\u00fcne Gew\u00f6lbe in Dresden wie bei K\u00f6nigin Beatrix im April 2011 oder durch Schloss Herrenhausen in Hannover, wie noch bei Barack Obama im April 2016. Gut 300 Jahre zuvor war Zar Peter der Gro\u00dfe bei seinem Besuch in Herrenhausen 1713 mit manchen westlichen Gepflogenheiten offenbar nicht sonderlich gut vertrau: Die damals 83-j\u00e4hrige Kurf\u00fcrstin Sophie notierte, er h\u00e4tte es lassen k\u00f6nnen, bei der Hoftafel ins Tischtuch zu schneuzen.<\/p>\n<p>Der Besuch von Kunst- und Kulturst\u00e4tten mit dem hochrangigen Gast ist auch heute ein Vehikel der Freundschaft, des Entgegenkommens \u2013 wenn auch meist nicht in der Form, die im vergangenen Januar f\u00fcr viel Aufregung sorgte, als man beim Besuch des iranischen Pr\u00e4sidenten Ruhani in den kapitolinischen Museen in Rom freiz\u00fcgige antike Skulpturen hinter blickdichten Sichtschutzw\u00e4nden, Schr\u00e4nken geradezu, verschwinden lie\u00df, aus \u2013 so hie\u00df es \u2013 Respekt vor der iranischen Kultur. Man fragte sich zu Recht: Wie viel europ\u00e4ische Kunstgeschichte muss ein Staatsgast aus der Golfregion bei einem Besuch in Europa verkraften?<\/p>\n<p>Ob in \u00e4hnlicher Weise um 1700 auf hochrangige G\u00e4ste aus anderen Kulturkreisen R\u00fccksicht genommen wurde, bleibt zu bezweifeln. Die Gesandtschaften des K\u00f6nigreichs von Siam beim franz\u00f6sischen K\u00f6nig Ludwig XIV. etwa aus dem Jahr 1686 zeigen in der Spiegelgalerie von Versailles eine eher deutliche Demonstration westlicher Pracht und Symbolik. Das Beispiel dieser Gesandtschaft \u2013 und man k\u00f6nnte weitere nennen \u2013 zeigt aber auch, dass sich das Pr\u00e4sentieren der eigenen Sch\u00e4tze nicht in einer musealen Demonstration ersch\u00f6pft. Kunst und Kunst-Genuss ist in der Fr\u00fchen Neuzeit vielmehr als eine Herrschaftsgeste ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Hier geht es um die Rolle der Kunst auf den f\u00fcrstlichen Reisen, wobei es mir besonders um zwei Aspekte geht, die ich unter den Feldern Kommunikation und Perzeption entfalte. Unter dem ersten Aspekt wird das komplexe Kommunikations- und Transfernetz zwischen den europ\u00e4ischen H\u00f6fen kurz erl\u00e4utert. Denn es wird sehr schnell deutlich, dass wir uns nicht nur auf das Reisen, zumal das f\u00fcrstliche Reisen beschr\u00e4nken k\u00f6nnen, weil F\u00fcrsten aus bekannten Gr\u00fcnden selten reisten und auch nicht jeder Prinz die Prinzenreise unternahm. Vielmehr sind, um den Vorgang des Reisens zu verstehen, komplement\u00e4r weitere Transfermedien \u2013 Korrespondenzen, Instruktionen \u2013 sowie weitere Akteure einzubeziehen: Gesandte, Diplomaten, K\u00fcnstler, Kunstagenten. Als Rezipient steht aber nat\u00fcrlich der F\u00fcrst im Zentrum.<\/p>\n<p>Unter dem Aspekt der Perzeption m\u00f6chte ich danach fragen, wie Kunst auf den Reisen wahrgenommen wurde. K\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt dar\u00fcber Aussagen treffen? K\u00f6nnen wir von Kunst, die man auf einer Reise pr\u00e4sentiert bekommt oder die man selber den Reisenden pr\u00e4sentiert, als Teil einer f\u00fcrstlichen Repr\u00e4sentation \u2013 als Herrschaftsgeste \u2013 sprechen?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte bei diesen Aspekten einen sehr weiten Kunstbegriff walten lassen: Es geht nicht allein um Gem\u00e4lde, Skulpturen oder architektonische Fassaden im Sinne eines engen Gattungsverst\u00e4ndnisses der Kunstgeschichte. Vielmehr sind vom pr\u00e4chtig ausgestatteten Mehrsp\u00e4nner (die heutige Staatskarosse) bis hin zum prezi\u00f6s gestalteten Reliquiar und der Farbe der Wandbespannung weit mehr in den Blick zu nehmen, um eine f\u00fcrstliche Repr\u00e4sentation in all ihren Dimensionen zu begreifen \u2013 kurzum: das, was im Mundus Christiano-Bavaro-Politicus von 1711 mit \u201eherrlichkheit, Bracht, vnd Magnificenz\u201c umschrieben wird. Und dieses Spektrum erf\u00fcllten sehr viele Objekte am Hof. Im weitesten Sinne geht es bei dem Begriff \u201eKunst\u201c also um die Medien einer h\u00f6fischen Repr\u00e4sentationskultur. Zudem wird \u201eGenuss\u201c in \u201eKunst-Genuss\u201c im urspr\u00fcnglichen etymologischen Sinne verstanden: Der Begriff Genuss\/genie\u00dfen hatte urspr\u00fcnglich eine andere und wesentlich weiter gehende Bedeutung im Sinne von \u201eetwas nutzen\u201c oder \u201eetwas benutzen\u201c. \u201eKunst-Genuss\u201c meint somit vor allem die \u201eBenutzung\u201c von Kunst.<\/p>\n<p>Im 17. und 18. Jahrhundert waren F\u00fcrsten europ\u00e4ischer H\u00f6fe oft in besonderer Weise gebildet, sogar ausgebildet: Neben den ritterlichen Exerzitien oder dem Waffenhandwerk geh\u00f6rten dazu auch die K\u00fcnste. Es wurde zuweilen explizit darauf verwiesen, dass junge Prinzen auf Reisen die sch\u00f6nen K\u00fcnste lernen sollten, damit sie zu Hause nicht im M\u00fc\u00dfiggang und Luxus verkommen. Doch darf es nicht nur bei einer moralischen Kategorie in der Bedeutungszuweisung der Kunst bleiben; vielmehr \u00e4u\u00dferte sich das Konkurrenzgebaren der europ\u00e4ischen F\u00fcrsten und Herrscher zu einem gewichtigen Teil \u00fcber k\u00fcnstlerische Medien. Im 17. Jahrhundert ist hier nochmals eine Steigerung zu beobachten. Denn die nach dem Westf\u00e4lischen Frieden zunehmende Intensivierung der zwischenstaatlichen Kommunikation lie\u00df auch die Reichsst\u00e4nde mehr und mehr teilhaben an der internationalen Politik. Dies verpflichtete geradezu zu einer gesteigerten Repr\u00e4sentation. Zugleich \u2013 und hier kommt die Reise ins Spiel \u2013 ist eine enorme Zunahme an Mobilit\u00e4t aufgrund infrastruktureller Verbesserungen zu bemerken, die sich auch in der st\u00e4ndig wachsenden Zahl von Reiseberichten abbildet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommen wir daher zu meinem ersten Punkt: dem dichten Kommunikations- und Transfernetz. Gerade das Reisen der F\u00fcrsten und\/oder ihrer Gesandten, ihrer Kunstagenten, ihrer K\u00fcnstler und Architekten belegt die gro\u00dfe Bedeutung und Motivation des k\u00fcnstlerischen Austauschs: Kulturtransfer erm\u00f6glichte die Information \u00fcber den Anderen \u2013 und damit zumeist \u00fcber die Konkurrenz. Das Interesse f\u00fcr Entwicklungen an anderen H\u00f6fen war nicht nur ein Bed\u00fcrfnis, sondern eine Notwendigkeit. Reputation war ein enorm wichtiges Kriterium, Kunst war eines ihrer bedeutendsten Ausdrucksmedien. Reiseberichte k\u00f6nnen dar\u00fcber Auskunft geben, wobei diese Berichte gerade von Personen, die in politischer Mission unterwegs waren, zu erg\u00e4nzen sind um die Instruktionen und Korrespondenzen. Ihre Funktion liegt in der Vermittlung von Information, die die Wahrnehmung von Kunst als h\u00f6fisches Zeichen konditionierte.<\/p>\n<p>Der Augsburger Philipp Hainhofer \u2013 Kaufmann, Kunstagent, Nachrichtenkorrespondent und Diplomat \u2013 war 1629 nach Dresden gereist und wurde dort von der s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrstin gefragt, was er bei der Kurf\u00fcrstin in Bayern und der Erzherzogin in Innsbruck denn \u201esch\u00f6nes gesehen habe, welche Sie, ohne zweifel, mit rariteten wol weit vebertreffen werden?\u201c Hainhofer berichtet von den wertvollen \u201evil tausent thaler werth k\u00f6stliche und rare recht F\u00fcrstliche Sachen\u201c. Er betont vor allem die heiligen Reliquien (\u201ereliquias sanctorum\u201c), woraufhin die Kurf\u00fcrstin erwiderte, dass sie ihm \u201evon reliquiis nichts weisen k\u00f6nnte, dann Sie kaine habe\u2026\u201c.<\/p>\n<p>Der Wettiner Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar sandte 1660 seinen Gesandten nach Wien. Laut Instruktion habe der Gesandte dort \u201ezu besehen, was an der keyser(lichen) burg bishero gebauet, ingleichen die keyser(liche) sowohl des ertzherzogs schatz- und kunstcammern\u201c, viele weitere Objekte und Bauwerke, so neben dem Landschloss Ebersdorf auch \u201eandere keyser lust- und jagth\u00e4u\u00dfer\u201c. Und schlie\u00dflich habe sich der Gesandte zu erkundigen, was \u201evor kunstreiche mahler, trechsler und andere k\u00fcnstler, sowohl bey der r\u00f6m(isch) keyser(lichen) m(ajest\u00e4)t als dem ertzherzog sich anitzo befinden, derselben nahmen aufzuzeichnen, und worzu ihre keyser(liche) m(ajest\u00e4)t sonderbare beliebung &#8230; Was vor sch\u00f6ne gem\u00e4lde und ob des keysers und ertzherzogs neue contrafait vorhanden.\u201c<\/p>\n<p>Diese beiden Beispiele zeigen, wie gro\u00df das Interesse der F\u00fcrsten an den kulturellen Vorg\u00e4ngen an anderen H\u00f6fen war, gerade wenn sie selbst nicht reisen konnten. Der schwedische Hofarchitekt Nicodemus Tessin vermerkt in einem Brief 1699, dass sein Dienstherr, K\u00f6nig Karl XII., alles \u00fcber den franz\u00f6sischen Hof wissen wollte. Tessin korrespondierte auch mit Zar Peter dem Gro\u00dfen, dem er Zeichnungen des Stockholmer Schlosses nach St. Petersburg schickte.<\/p>\n<p>Das wichtigste Medium in diesem Transfer ist jedoch der Kupferstich, der im 17. Jahrhundert einen riesigen Aufschwung erlebte. Der Architekt Leonhard Christoph Sturm geht an seinem ersten Tag in Paris 1699 sofort zu den \u201eBuch= und Kupfer Boutiquen\u201c. Auch Balthasar Neumann, der Hofarchitekt der Sch\u00f6nborn, ist auf seiner Frankreich-Reise 1723, die er im Auftrag seines Dienstherrn Johann Philipp Franz von Sch\u00f6nborn unternimmt, sehr darum bem\u00fcht, sich die neuesten Informationen im Druck zu sichern, er schreibt: \u201eVon Kupfern habe ich schon eine ziemliche Zahl eingekaufet\u201c. Er nennt mit Berain und Marot die wichtigsten K\u00fcnstler, und gibt schlie\u00dflich noch den aktuellsten Stand wieder: \u201eich wei\u00df von Hier vndt von versailie nichts sonderliches neyes.\u201c Schlie\u00dflich nimmt sich der englische, im Auftrag von Queen Anne Reisende Martin Lister bei seinem Besuch 1698 in Paris und Versailles vor: \u201eIn the next place I will Account for what I saw, that seemed to me singular and new in the Improvement of Arts, or wanting in our Country.\u201c Die Wittelsbacher partizipierten intensiv an dieser dichten Vermittlung von Informationen \u00fcber kulturelle Neuigkeiten an den europ\u00e4ischen H\u00f6fen. Gerade der K\u00f6lner Kurf\u00fcrst Joseph Clemens erweist sich hier als besonders interessiert, etwa wenn ihm der franz\u00f6sische Gesandte doch endlich die Pl\u00e4ne von Versailles \u00fcberlassen sollte.<\/p>\n<p>Das vielf\u00e4ltige Kommunikations- und Transfernetz offenbart sich freilich auch darin, dass es Transferleistungen ebenso in die Gegenrichtung gab, etwa wenn die bayerische Kurf\u00fcrstin Henriette Adelaide schon sehr fr\u00fch kleine Madonnen- und Heiligenminiaturen in ihre Heimat Turin schickte oder wenn Max Emanuel seinem Schwager Ferdinando de Medici 1700 ein Selbstbildnis des Malers Viviens f\u00fcr dessen Kabinett in Poggio a Caiano sandte. Der polnische K\u00f6nig Jan Sobieski \u00fcberlie\u00df Max Emanuel sogar \u201eCuriosit\u00e4ten\u201c, damit dieser sie seiner Schwester, der Madame la Dauphine, in Frankreich \u00fcbermittelte. Architekten wurden von den f\u00fcrstlichen Bauherren nach Italien, Frankreich und Holland geschickt, Stipendien wurden vergeben; es wurde also massiv investiert, um im interh\u00f6fischen Wettbewerb mithalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Aspekt, n\u00e4mlich derjenige der Reziprozit\u00e4t, sei bei dieser Informationsbeschaffung nicht vergessen: Wenn Johann Philipp Franz von Sch\u00f6nborn 1723 seinen Architekten Balthasar Neumann nach Paris schickt oder die Wittelsbacher Kurf\u00fcrstinwitwe Maria Anna 1652 ihren Minister Graf Kurz zur Brauteinholung nach Turin beordert (es handelt sich um Henriette Adelaide), dann erm\u00f6glichten diese Reisen nicht allein die Information \u00fcber den anderen Hof oder die Adelspalais\u2019, das dortige Kunstgeschehen, die dort herrschenden Standards. Vielmehr wird die Art der Darstellung fremder H\u00f6fe zum Spiegel der eigenen Situation und Stellung: Sie dient zur Selbstvergewisserung der eigenen Reputation innerhalb des engmaschigen und konkurrenzges\u00e4ttigten kulturellen Beziehungsnetzes und schlie\u00dflich auch zur Demonstration eigener Aspirationen im europ\u00e4ischen Staatensystem \u2013 gerade das ist f\u00fcr die Reise Karl Albrechts im Jahre 1715 ein wichtiger Aspekt gewesen, wobei es hier sogar um eine regelrechte \u201eImagekorrektur\u201c nach der Restitution, der R\u00fcckkehr des Kurf\u00fcrsten Max Emanuels aus dem Exil nach Kurbayern ging.<\/p>\n<p>Die Verpflichtung zu einer gesteigerten Repr\u00e4sentation betraf somit gleicherma\u00dfen das Reisen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Aufnahme von Reisenden am eigenen Hof und dem Reisen selbst. Der Mundus vermerkt zur Aufnahme von Reisenden \u201evon Condition\u201c: \u201eBey dennen ausl\u00e4ndern khan ein hocher \/ Potentat seine herrlichkheit, Bracht, \/ vnd Magnificenz sechen lassen, \/ da Er die frembte Passagiers vnd \/ durchraisente von Condition in obacht \/ ziechet, selben seinen Reichthomb \/ zaiget, oder Ihnnen sonderbare Ehren \/ anthuen lasset.\u201c Der Mundus betont aber auch die Wichtigkeit der Aussendung der eigenen Familienmitglieder, insbesondere der Prinzen: \u201eItem khombt ein \/ F\u00fcrst bey dennen ausl\u00e4ndern in ansechen, \/ da Er seiner Prinzen \u201eEinen\u201c mit \/ schennem gevolckh vnd herrlichen Pracht \/ frembte L\u00e4nder zubesichtigen abschickhet.\u201c<\/p>\n<p>Diese mit zeitgen\u00f6ssischen Topoi verkl\u00e4rten Worte machen deutlich: Man will im internationalen Konzert auf h\u00f6chstem Niveau mitspielen, nicht ungeh\u00f6rt bleiben, nicht unsichtbar werden. Die Verpflichtung zur \u00dcbermittlung und Vergewisserung der eigenen Reputation gilt auch f\u00fcr die andere, etwa die franz\u00f6sische Seite: Die Berichte der franz\u00f6sischen Gesandten \u00fcber die H\u00f6fe im Reich sind aufgrund ihrer Informationspolitik und ihrer Wahrnehmungsparadigmen ein wichtiger Quellenfundus. Sie beinhalten zwar nur sporadisch konkrete \u00c4u\u00dferungen zur Kunst, zu Bau- oder Ausstattungsprojekten \u2013 eloquent werden sie hinsichtlich der Raumfolgen im Schloss nur, wenn das Zeremoniell verletzt oder aber den Gesandten eine besondere Ehrerweisung zugebilligt wurde; dennoch sind die Berichte zweifellos ein Indikator daf\u00fcr, dass es eine m\u00fcndliche Ebene gegeben haben muss. So notiert der franz\u00f6sische Gesandte am Wittelsbacher Hof, Denis de la Haye, in seinen relations an Ludwig XIV. im Februar 1681, der bayerische Kammerherr, Conte Nogarola sei angekommen. Er, de la Haye, k\u00f6nne Seiner Majest\u00e4t gar nicht angemessen \u00fcbermitteln, \u201ede quelle mani\u00e8re agr\u00e9able il a parl\u00e9 a M. l\u2019Electeur devant tout le monde des honnestetez et bontez qu\u2019il a receu d\u2019elle, de sa grandeur, de sa liberalit\u00e9, des beautez de Versailles, de la magnificence de sa Cour, et des honneurs qu\u2019il a receu.\u201c<\/p>\n<p>Ein eng verzweigtes Kommunikationsnetz wird transparent. Kaum nur \u00fcber Kupferstiche oder Zeichnungen, \u00fcber Berichte von Architekten und K\u00fcnstlern, sondern vor allem auch \u00fcber diesen im politisch-gesellschaftlichen h\u00f6fischen Rahmen stattfindenden m\u00fcndlichen Austausch wird ein Bild etwa des franz\u00f6sischen Hofes in Versailles oder des kaiserlichen Hofes in Wien entworfen. Es operiert zwar in der schriftlichen Berichterstattung mit den gewohnten Schlagworten der beaut\u00e9, der magnificence und der grandeur, es wird aber weitere Pr\u00e4zisierungen in den m\u00fcndlichen Berichten gefunden haben. Gerade bei den Wittelsbachern m\u00f6gen diese Berichte den Kurf\u00fcrsten Max Emanuel angeregt haben, seinen Architekten Enrico Zuccalli 1684 nach Paris zu schicken.<\/p>\n<p>Gesandte, in diesem Fall franz\u00f6sische Gesandte, sind also nicht allein Vermittler, sondern auch Multiplikatoren dieses diskursiv geformten Bildes vom franz\u00f6sischen Hof an den H\u00f6fen der Kurf\u00fcrsten im Reich. Der Bericht \u00fcber den eigenen Hof wird Teil der Politik gewesen sein, denn sonst h\u00e4tten sich die envoy\u00e9s nicht bem\u00fc\u00dfigt gef\u00fchlt, dies in ihren relations zu vermerken, etwa wie der Glanz des franz\u00f6sischen Hofes erstrahle, aber auch der ganz konkrete Verweis darauf, wie die Produktion von Teppichen floriere. Die Rolle der Diplomaten ist auch hier nicht zu untersch\u00e4tzen; es sei nur auf den franz\u00f6sischen Gesandten Vitry am Wittelsbacher Hof verwiesen, der 1674, nach dem Brand der M\u00fcnchner Residenz, der Kurf\u00fcrstin Henriette Adelaide sofort anbot, die zerst\u00f6rten, noch aus savoyischem Besitz stammenden Teppiche durch wertvolle Geschenke, n\u00e4mlich franz\u00f6sische Teppiche, zu ersetzen \u2013 ein gro\u00dfz\u00fcgiges Angebot, das mehr als nur Anteilnahme an den schrecklichen Geschehnissen gewesen war. Diese Aspekte unterstreichen die Bedeutung von Kunst und Kulturtransfer auf der politisch-sozialen Ebene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommen wir zu meinem zweiten Punkt, der freilich hier schon immer wieder angeklungen ist: Die Frage nach der Perzeption \u2013 wie wurde Kunst vor allem auf den Reisen wahrgenommen? Was vermitteln Reiseberichte und Korrespondenzen? Worauf legen Instruktionen Wert? Zun\u00e4chst ein Blick allgemein auf Reiseberichte. Kaum jemand war so ehrlich wie die Engl\u00e4nderin Lady Wortly Montagu, die 1718, gerade aus Genua gekommen, zum Palazzo Reale in Turin formulierte, sie finde ihn zwar \u201every handsome\u201c, \u201ebut I have lately seen such perfection of architecture, I did not give much of my attention to these pieces\u201c. Ein anderer Reisender gab 1719 vor, er wolle sich nicht lange mit der \u201eBeschreibung der Geb\u00e4ude nach den Regeln der Bau=Kunst\u201c aufhalten, weil die Kenner ohnehin die Stiche der Bauten konsultieren w\u00fcrden, \u201ewelche ihnen in einem Augenblick mehr vorstellen, als die weitl\u00e4ufftigste Beschreibung ihnen erkl\u00e4ren wird\u201c; die Unkundigen anderseits, so hei\u00dft es weiter, w\u00fcrden durch die Beschreibungen auch nicht kl\u00fcger werden. Die eben schon erw\u00e4hnte Lady Montagu bemerkte in der Galerie des Glaces in Versailles, deren Decke ihr ausgesprochen missfiel (\u201edisgusting\u201c), sie wolle auf die Beschreibung derselben verzichten, man k\u00f6nne es ja nachlesen bei den franz\u00f6sischen Autoren \u2013 mit dem s\u00fcffisanten Nachsatz: \u201ethat have been paid for these descriptions\u201c.<\/p>\n<p>Architektonische Spezifika werden zumeist auf griffige Schlagworte wie \u201eGr\u00f6\u00dfe\u201c oder \u201eWeitl\u00e4ufigkeit\u201c reduziert, Topoi, die dennoch ernst genommen werden sollten, weil sie ein Erwartungsmuster preisgeben. Als etwa der Engl\u00e4nder Veryard in den fr\u00fchen 1680er Jahren durch Europa reiste, belegte er seine Eindr\u00fccke nahezu immer mit denselben Kriterien, so in Rom: \u201eThe Vatican is Large, Commodious, and Richly Adorn\u2019d\u201c, was sich beim Quirinalspalast nur unwesentlich wandelt: \u201ethe Palace and its Apartments are majestick, commodious, and richly adorn\u2019d.\u201c Pierre de Bretagne beschrieb 1722 das Innere des Wittelsbacher Schlosses Dachau kaum anders: \u201eLes appartements de ce Palais, sont d\u2019une belle distribution, ceux des Princes sont grands, magnifiques, &amp; richement meubl\u00e9s.\u201c<\/p>\n<p>Obschon es viele Hinweise auf das gro\u00dfe Interesse an den jeweiligen Bauten gibt, enthalten Beschreibungen von Schl\u00f6ssern eher selten eine genaue Erl\u00e4uterung der Architektur, vielmehr sind die Quellen hinsichtlich ihrer Urteile und Bewertungen von Architektur eher schweigsam. Es bleibt bei den Topoi; diejenigen Autoren, die \u00e4sthetisch geschult waren, konnten durchaus die Topoi anwenden, die in architekturtheoretischen Schriften oder auch in popularisierter Form vorlagen. Hier w\u00e4re jemand wie Baron Karl Ludwig von P\u00f6llnitz zu nennen: Seine nicht selten klugen Beobachtungen der Einzelformen sind angereichert mit einem topischen komparatistischen Vokabular, welches einer genaueren Analyse jedoch nicht standh\u00e4lt, vielleicht auch nicht standhalten soll. In diesen schriftlichen Zeugnissen gab es zudem eine implizite Auswahl in der Wahrnehmung von Objekten. Das ist wichtig hinsichtlich der Frage, welchen Stellenwert k\u00fcnstlerisch-architektonische Aspekte hatten, ob sie eine Rolle spielten, ob sie registriert wurden und wie sie registriert wurden.<\/p>\n<p>Denn Architektur und ihre Ausstattung nahm keineswegs einen der ersten Pl\u00e4tze in den Beschreibungen und Kommentaren ein. Es waren vielmehr vor allem Kutschen und die Ausstattung der Appartements mittels M\u00f6bel, die im 17. und 18. Jahrhundert zu Status- und Distinktionsobjekten wurden. Mit diesen Objekten konnte der (wom\u00f6glich gerade neu erworbene) Stand nach au\u00dfen demonstriert werden; so schrieb der bayerische Gesandte aus Madrid im Oktober 1694 an den bayerischen Residenten am kaiserlichen Hof zu Wien etwas s\u00fcffisant \u00fcber den \u201eBaron von Berlips\u201c, der gerade Minister des polnischen K\u00f6nigs in Madrid geworden war: \u201eSa maison est tr\u00e8s magnifiquement meubl\u00e9e et son Carosse principal lui a co\u00fbt\u00e9 mille pistoles; je vous laisse juger le reste.\u201c<\/p>\n<p>Um die Rolle der Architektur im Rahmen der h\u00f6fischen Repr\u00e4sentation zu ermitteln, hilft auch ein Blick auf die Berichte der politischen Gesandten. Wenn diese sich f\u00fcr Zeichen der h\u00f6fischen Magnifizenz interessierten (und dies in ihren Berichten festhielten), standen eher selten die Bauten im Mittelpunkt. Gerade die Savoyischen Gesandten am M\u00fcnchner Hof waren sehr viel aufmerksamer, wenn es um die Jagd oder allgemein um Feste ging, um Karnevals- und Geburtstagsfeierlichkeiten, von denen sie in ihren relazioni ausf\u00fchrlich bis in die Details berichteten, vor allem wenn es sich um das Fest der Wirtschaft handelte: es sei \u201etanto famosa e celebre in tutte le Corti di Germania\u201c. Es bestand offenbar ein gro\u00dfes Interesse an diesen Berichten seitens der Empf\u00e4nger \u2013 gerade Turin war freilich eine Dynastie, die Festlichkeiten ebenfalls sehr stark in den Mittelpunkt ihrer Repr\u00e4sentationskultur ger\u00fcckt hat. Doch meistens waren die ausl\u00e4ndischen F\u00fcrsten selbst nicht anwesend \u2013 dann fungierten die Berichte ihrer Gesandten umso mehr als anschauliches Surrogat, gelegentlich erg\u00e4nzt durch graphische Darstellungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Richten wir schlie\u00dflich den Blick noch einmal explizit auf die reisenden F\u00fcrsten beziehungsweise diejenigen, die in ihrem Auftrag reisten, denn es gibt einen deutlichen Unterschied zu den Reisenden, die als \u201eTouristen\u201c unterwegs waren. Die Wahrnehmung von Kunst und Architektur wird bei den Reisen mit politischer Mission deutlich von zeremoniellen Reglements \u00fcberlagert. Die Beobachtungen zeremonieller Modalit\u00e4ten mischen sich mit denjenigen von Details und Elementen der Ausstattung der Schl\u00f6sser und Pal\u00e4ste. Eine derartige Mischung ist in sehr vielen zeitgen\u00f6ssischen Berichten festzustellen, was f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von Architektur- und Raumwahrnehmung im h\u00f6fischen Kontext von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit ist.<\/p>\n<p>So verdeutlicht der Bericht \u00fcber die Reise des polnischen Kronprinzen Wladyslaw Wasa durch Westeuropa 1624\/25 ein dem Zweck der Reise entsprechendes gro\u00dfes Interesse an zeremoniellen Details. Selbst Philipp Hainhofers M\u00fcnchner Reisebeschreibungen von 1611 und den darauffolgenden Jahren bezeugen neben seiner gro\u00dfen Faszination f\u00fcr kuriose und materiell wertvolle k\u00fcnstlerische Objekte seine Einbindung in zeremonielle Bedingtheiten, die auch seine Wahrnehmung steuerten. Und wenn Kurf\u00fcrstin Sophie von Hannover bei ihrem Besuch in Frankreich 1679 neben den Gew\u00e4ndern und Juwelen dem Empfangszeremoniell mehr Aufmerksamkeit schenkt als der Architektur von Versailles, so sollte dies nicht weiter verwundern angesichts der gro\u00dfen Bedeutung von Rangreglements und Pr\u00e4zedenzstreitigkeiten.<\/p>\n<p>Das Objekt wurde demnach nicht nur als kunstvoll gestaltetes Ausstattungsst\u00fcck beachtet, sondern vor allem auch hinsichtlich seiner zeremoniellen Funktion, seiner Einbindung in zeremonielle Reglements. So widmet Friedrich Carl Moser im VII. Buch seines Mitte des 18. Jahrhunderts erschienenen zweib\u00e4ndigen Teutschen Hof-Rechts, das \u201eVon den Geb\u00e4uden des Hofs\u201c handelt, den M\u00f6beln ein ganzes Kapitel, w\u00e4hrend die \u201eBekleidung und Puz der Zimmer insbesondere an den W\u00e4nden\u201c nur als letzter, sehr knapp gehaltener Abschnitt im Anhang des Kapitels \u201eVon den Zimmern bey Hof\u201c erscheint. M\u00f6bel sind nicht allein Distinktionsobjekte, sondern spielten auch im Zeremoniell eine enorm wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Es ist also nicht allein ein Topos, wenn der kurbayerische Gesandte Graf Kurz bei seinem Aufenthalt in Turin im November 1651 nach M\u00fcnchen berichtet, dass man auch einem r\u00f6mischen Kaiser nicht mehr Respekt h\u00e4tte erweisen k\u00f6nnen als ihm: Die ungeheure Pracht etwa des Bettes, \u201eyber und yber mit gold gestickht\u201c, in welchem er im Palazzo Agli\u00e8 \u00fcbernachtete, formiert sich als ein wichtiges Zeichen dieser Ehrerweisung. Er f\u00fchlte sich \u201ek\u00f6niglich traktiert\u201c.<\/p>\n<p>Insgesamt ist dieser Bericht des Grafen Kurz von der Reise nach Turin zur Brauteinholung ausgesprochen beredt, was die Interdependenz von k\u00fcnstlerischem Objekt und Zeremoniell anbelangt: Die Anzahl der Vorzimmer und vor allem auch ihre Ausstattung werden zumeist genau registriert, so in Brescia, wo Kurz beim Capitan Grande Marin Trepoli sogar f\u00fcnf Vorzimmer vorfand, dessen Palast \u201e\u00fcberau\u00df gro\u00df \/ pr\u00e4chtig \/ die Stiegen von lauter Marmelsteinenen Staffeln gemacht \/ mit einer grossen Corps de Garde in Waffen verwahrt worden \/ ist er der Capitan Grande mir von 5 AntiCamere (deren die erste mit Gem\u00e4hlden geziert \/ die anderen zwo mit guldenen Leder \/ die vierdte mit rothem Damast \/ die f\u00fcnffte mit Niederl\u00e4ndischer Tapezerey au\u00dfgezogen) bis in die dritte entgegen kommen \/ und hat mich mit (Excellenz) tractirt, aber weil ich nur priuat Audienz begehrt \/ und derselbe die Republic zu Venedig repraesentirt, die rechte Hand genommen \/ nach der Audienz mich bis an die Stiegen begleitet.\u201c<\/p>\n<p>Es zeigt sich, wie wichtig das Appartement und seine Ausstattung in der zeitgen\u00f6ssischen Wahrnehmung war, auch hinsichtlich der jeweiligen Repr\u00e4sentation und damit der eigenen Reputation. Bemerkungen \u00fcber die bauliche Gestalt eines Palazzo oder Schlosses sind hingegen ausgesprochen selten. Und schlie\u00dflich wird wiederum deutlich, dass der soziale und politisch brisante Aspekt \u2013 man vergleiche die h\u00e4ufige Erw\u00e4hnung der Anzahl der Vorzimmer und das zeremonielle Geschehen ebendort \u2013 vom k\u00fcnstlerischen, von der Repr\u00e4sentation der Magnifizenz des jeweiligen F\u00fcrsten nicht zu trennen ist. Auch die Briefe der Kurf\u00fcrstin Henriette Adelaide aus M\u00fcnchen an ihre Verwandten in Turin beschreiben eher das Zeremoniell als die k\u00fcnstlerische Ausstattung.<\/p>\n<p>Das explizite Zeigen oder Weisen von Kunst, von Bauwerken und G\u00e4rten, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle \u2013 n\u00e4mlich als ein Zeichen der Ehrerweisung; so berichtet der s\u00e4chsische Prinz Friedrich August seinem Vater aus Frankreich im Juni 1687: \u201eDinstages bin ich bey Monsieur und Madame zu St. Clou geweh\u00dfen welcher mir gar viel ehre angethan er ist auch so g\u00fcttig geweh\u00dfen und \u00fcber alle mit mir herum gangen und sein richessen gewissen.\u201c Umgekehrt merkt man Max Emanuel im Jahre 1709 seine Entt\u00e4uschung beim Besuch in Versailles an: Aufgrund der Reichsacht war er gezwungenerma\u00dfen inkognito im Schloss, versucht aber diese prek\u00e4re Situation durch die Schilderung der gleichsam au\u00dferzeremoniellen zuvorkommenden Haltung des K\u00f6nigs zu kompensieren, wie er seiner Frau schreibt. Zusammenfassend h\u00e4lt Max Emanuel in dem Brief fest, ihm sei es sehr tr\u00f6stlich gewesen, dass ihm die gleiche zeremonielle Aufnahme zuteil geworden sei, wie wenn er noch Kurf\u00fcrst von Bayern gewesen w\u00e4re. So berichtet auch Liselotte von der Pfalz \u00fcber dieselbe Begebenheit: \u201eOb I. L. [Ihrer Liebden] zwar incognito sein, so hatt ihn sich un\u00dfer k\u00f6nig neben sich in den rollwagen gesetzt, wie er I. L. den garten gewie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit diesem engen Konnex zwischen Zeremoniell und k\u00fcnstlerischer Ausstattung \u2013 dem \u201eWeisen\u201c und Zeigen derselben \u2013 sind wir beim letzten Punkt angelangt, der Frage nach der Herrschaftsgeste. Kunstbetrachtung oder Kunstgenuss ist in einem h\u00f6fischen Umfeld \u2013 dem Schloss oder der Residenz \u2013 immer ein sozialer Akt, zumindest f\u00fcr diejenigen, die in einer politischen Mission reisten, ob Diplomaten, Prinzen oder, seltener, die F\u00fcrsten selbst. Die \u201enormalen\u201c Touristen, die die europ\u00e4ischen Residenzen und Lustschl\u00f6sser nicht in offizieller Mission, sondern als Sehensw\u00fcrdigkeiten besuchten, haben kurioserweise unter Umst\u00e4nden viel mehr gesehen als so mancher F\u00fcrst oder Gesandte. Sie bewegten sich au\u00dferhalb des Zeremoniells und konnten somit die R\u00e4ume fast\u00a0 wie in einem Museum durchschreiten.<\/p>\n<p>Das Zeremoniell fungierte als architektonisch-soziales Filtersystem. Im Rahmen eines zeremoniellen Besuchs war ein Gro\u00dfteil der Raumausstattung und damit ein betr\u00e4chtlicher Teil f\u00fcrstlicher Repr\u00e4sentation nur f\u00fcr wenige Augen bestimmt. F\u00fcr die hochrangigen Besucher wie Prinzen und K\u00f6nige oder auch ihre Gesandten hei\u00dft das, dass mit der reglementierten Zugangsberechtigung eine Best\u00e4tigung ihrer sozialen Stellung einherging. Der Zugang zu den innersten R\u00e4umen eines f\u00fcrstlichen Appartements war auf ganz wenige Personen beschr\u00e4nkt, wobei jedoch genau hier die wertvollsten Kunstwerke zu finden waren, wie etwa das Beispiel der Reichen Zimmer in der M\u00fcnchner Residenz, das Appartement Karl Albrechts, zeigt.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Reiseberichten der Gesandten, Prinzen oder F\u00fcrsten ist es essentiell, die Raumfolgen im Schloss als Grenzbestimmungen sozialer Distinktion zu definieren. Die Raumfolge spiegelt zugleich den Rang des jeweiligen Besuchers. Von Raum zu Raum nahm die Kostbarkeit der M\u00f6bel zu, mit einem H\u00f6hepunkt im Audienzzimmer. Das Zugangsrecht zum F\u00fcrsten war schlie\u00dflich ein wichtiges Indiz f\u00fcr die gesellschaftliche Stellung des Besuchers, f\u00fcr seine Teilnahme an der h\u00f6fischen Interaktion. Diese Zulassung konnte als weitere, quasi informelle Steigerung noch die hinter dem Audienzzimmer befindlichen R\u00e4ume einschlie\u00dfen. Die Raumfolgen, die als Regulatoren von Distinktion das Innenleben von Schl\u00f6ssern strukturieren, sind somit Schnittstellen zwischen der soziopolitischen, rituellen und k\u00fcnstlerischen Ebene. Das Zeremoniell ist ein gleicherma\u00dfen Personen und Objekte sowie den Raum involvierendes Zeichensystem. Denn am \u201eSplendor\u201c und der \u201egrosseren Ehr\u201c des Hofes haben insbesondere in reichsf\u00fcrstlichen Schl\u00f6ssern die jeweils zugangsberechtigten Personengruppen wesentlichen Anteil; das verdeutlichen Wortlaute aus Kammerordnungen.<\/p>\n<p>Reiseberichte gerade von F\u00fcrsten sind mit dieser Brille zu lesen: Es geht nicht allein um die k\u00fcnstlerischen Objekte, sondern um die Wahrnehmung und Bedeutung der Objekte im Rahmen von symbolischen Handlungen in bestimmten R\u00e4umen. Die Rezeption der hochrangigen k\u00fcnstlerischen Erzeugnisse war mit dieser sozialen Aufladung eng verbunden. Mich \u00fcberrascht es daher nicht, dass wir aus den Reiseberichten \u00fcber die wirklich wertvollen Objekte nicht viel erfahren: Sie waren zumindest in reichsf\u00fcrstlichen Schl\u00f6ssern Teil eines Arkanums in den innersten Zimmern des Appartements.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Es geh\u00f6rt zum wohlbekannten Ritual eines Staatsbesuchs, den hochrangigen Gast durch ber\u00fchmte Kunstsammlungen oder Schl\u00f6sser zu f\u00fchren, sei es durch das Gr\u00fcne Gew\u00f6lbe in Dresden wie bei K\u00f6nigin Beatrix im April 2011 oder durch Schloss Herrenhausen in Hannover, wie noch bei Barack Obama im April 2016. 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