{"id":118108,"date":"2026-01-20T12:18:46","date_gmt":"2026-01-20T11:18:46","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118108"},"modified":"2026-01-20T12:18:46","modified_gmt":"2026-01-20T11:18:46","slug":"barocke-tanzkultur-im-kontext-von-karl-albrechts-italienreise","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/barocke-tanzkultur-im-kontext-von-karl-albrechts-italienreise\/","title":{"rendered":"Baroque Dance Culture in the Context of Karl Albrecht's Italian Journey"},"content":{"rendered":"<p>In der Renaissance war Italien tonangebend in allen K\u00fcnsten, was auch f\u00fcr den Tanz galt. Im Barock dagegen wurde Frankreich zum Mittelpunkt. Unter Ludwig XIV. bildete sich ein neuer Tanzstil heraus, der sich in ganz Europa verbreitete. Tanzchoreographien, Theorieschriften und andere zeitgen\u00f6ssische Quellen haben sich zahlreich in Frankreich, England und dem deutschsprachigen Raum erhalten und vermitteln uns ein umfassendes Bild von der dortigen Tanzkultur. Anders sieht es dagegen in Italien aus, wo die Quellenlage im Vergleich eher sp\u00e4rlich ist. So lag es nah, die Tageb\u00fccher und Briefe von Karl Albrechts erster Reise nach Italien auszuwerten; erg\u00e4nzend wurden Quellen zu sp\u00e4teren Italienreisen des Kurprinzen herangezogen. Verraten sie etwas dar\u00fcber, wo und was man getanzt hat? War auch der italienische Tanz inzwischen durch Frankreich beeinflusst oder pflegte man eine eigenst\u00e4ndige Tanzkultur? Neben dem Fokus auf Italien werden auch M\u00fcnchen und die deutschsprachigen Reisestationen in die Betrachtung einbezogen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist von barocker Tanzkultur die Rede, dann meint dies eine h\u00f6fische, adlige Tanzkultur. Im B\u00fcrgertum entwickelte sie sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. In keiner anderen Epoche spielte der Tanz eine so gro\u00dfe und wichtige Rolle wie im Barock. Der Dramatiker Moli\u00e8re schrieb: \u201eNichts ist f\u00fcr den Mensch wesentlicher als der Tanz.\u201c Tanz diente der Unterhaltung der h\u00f6fischen Gesellschaft, sowohl auf der B\u00fchne als auch im Ballsaal. Er war aber vor allem integraler Bestandteil der h\u00f6fischen Selbstdarstellung und Repr\u00e4sentation. Wer tanzen konnte, der zeigte, dass er sich auch in anderen Bereichen auf dem gesellschaftlichen Parkett sicher bewegen konnte. Und so geh\u00f6rte Tanzen neben Reiten und Fechten zu der Grundausbildung eines Adligen.<\/p>\n<p>\u00dcblicherweise fand die Prinzenerziehung am Hof statt. Daneben gab es aber auch die Ritterakademien oder Adelskollegien im In- und Ausland, wo man seine S\u00f6hne hinschicken konnte. Auch Karl Albrecht besuchte w\u00e4hrend seiner Italienreise 1716 zwei dieser Kollegien, und zwar in Neapel und Parma. Allerdings war er nicht als Sch\u00fcler, sondern als Ehrengast dort, dem die jungen Adligen vorf\u00fchrten, was sie gelernt hatten. Bei seiner dritten Reise nach Italien 1722 besichtigte der Prinz au\u00dferdem die Akademie in Siena, in der es ebenfalls eine Vorf\u00fchrung f\u00fcr ihn gab. Der Kurprinz sah unter anderem Darbietungen zu Tanzen, Fechten, Voltigieren, Fremdsprachen, milit\u00e4rische Exerzitien sowie Fahnenschwingen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Letzteres ein italienisches Brauchtum war, war der Rest Disziplinen, die zum Bildungskanon eines deutschen Adligen geh\u00f6rten. Bei der Auflistung in den einzelnen Diarien steht der Tanz nicht ohne Zufall an vorderster Stelle. Karl Albrecht hatte wie allgemein \u00fcblich von Kindesbeinen an Tanzunterricht, und zwar mehrmals die Woche; w\u00e4hrend des Exils bei Ferdinand le Comte, in M\u00fcnchen dann bei Pierre Dubreil. Der h\u00e4ufige Unterricht war notwendig, da die T\u00e4nze der Zeit technisch hoch anspruchsvoll waren, denn sie bestanden aus komplizierten Schritten und Raumwegen \u2013 im Barocktanz liegt der Ursprung des klassischen Balletts. Der Tanzmeister lehrte aber nicht nur das Tanzen, sondern auch K\u00f6rperbeherrschung und die komplexe h\u00f6fische Etikette. Auf seiner Reise durch Italien konnte der Kurprinz zeigen, dass er all dies perfekt beherrschte.<\/p>\n<p>Getanzt wurde in erster Linie nat\u00fcrlich auf B\u00e4llen, aber Tanz war im 17. und 18. Jahrhundert auch wesentlicher Bestandteil von B\u00fchnenwerken. Karl Albrecht ging w\u00e4hrend seines Aufenthaltes in Italien h\u00e4ufig in die Oper, besuchte aber auch das Sprechtheater. Als Vorgeschmack auf Italien wurde am 13. Dezember 1715 in Innsbruck eine italienische Burlesca aufgef\u00fchrt, bei der laut Reisetagebuch \u201everschiedene Tanzarten untermischt waren\u201c. Am Hof von Modena wurde am 16. M\u00e4rz 1716 vor dem Ball eine Oper dargeboten, die von den Prinzen und Prinzessinnen selbst sowie zwei H\u00f6flingen pr\u00e4sentiert wurden. Weitere Darsteller sangen und tanzten. Dass der Adel selbst auf der B\u00fchne stand, wurde unter Ludwig XIV. etabliert, der in seinen Hofballetten die Hauptrolle tanzte. Dies ahmte man an den anderen europ\u00e4ischen H\u00f6fen nach und zwar noch lange, nachdem in Versailles schon l\u00e4ngst professionelle T\u00e4nzer und Schauspieler auf der B\u00fchne standen. Und so eben auch in Modena 1716. Auch am M\u00fcnchner Hof war es \u00fcblich, bei Opern und Schauspielen mitzuwirken. Kurf\u00fcrst Max Emanuel, der Vater Karl Albrechts, trat schon mit sechseinhalb Jahren zum ersten Mal als T\u00e4nzer \u00f6ffentlich auf, und auch seine S\u00f6hne eiferten ihm nach, wie man in zeitgen\u00f6ssischen Libretti sehen kann.<\/p>\n<p>Dass in der italienischen Oper getanzt wurde, und zwar am Ende der einzelnen Akte, verraten ebenfalls die Libretti. Die vier Reisediarien berichten nichts dar\u00fcber; es reichte festzuhalten, dass der Prinz in der Oper war \u2013 dass dort gesungen und getanzt wurde, war selbstverst\u00e4ndlich und musste deshalb nicht erw\u00e4hnt werden. Umso bemerkenswerter ist das private Reisetagebuch Karl Albrechts, das er gef\u00fchrt hat, als er mit seiner Gattin 1737 in Italien war. Er berichtete darin mehrmals von Opern, die er besucht hat und \u00e4u\u00dferte sich fachm\u00e4nnisch zum Tanzgeschehen auf der B\u00fchne. So lobte er in Padua eine T\u00e4nzerin namens St. George, dass sie sehr anmutig und auch flink tanzen konnte. Leider fr\u00f6nte sie aber dem italienischen Stil, Spr\u00fcnge zu hoch auszuf\u00fchren. In Venedig \u00e4u\u00dferte sich Karl Albrecht wohlwollend \u00fcber den ber\u00fchmten T\u00e4nzer Grossatesta, w\u00e4hrend der restliche Tanz aus einem regelrechten Durcheinander bestand, woran seiner Meinung nach die extravaganten und l\u00e4cherlichen Spr\u00fcnge schuld gewesen seien.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Diarien relativ wenig zum Tanz auf der B\u00fchne sagen, verraten sie umso mehr zum Tanz im Ballsaal. W\u00e4hrend der 262 Tage dauernden Reise war der Kurprinz nachweislich auf 68 B\u00e4llen zu Gast. Vermutlich hat er aber noch viel mehr getanzt, und zwar auf Abendgesellschaften, wo neben Konversation, Musik und Spiel auch Tanz \u00fcblich war, was in Reisebriefen angedeutet ist. Bei so zahlreichen Tanzveranstaltungen, die der Prinz auf seiner Reise besucht hat, kommen mehrere Fragen auf: Wann hat man getanzt, wo wurde getanzt und wie beziehungsweise was wurde getanzt?<\/p>\n<p>Die B\u00e4lle, die Karl Albrecht besuchte, waren nicht an bestimmte Tage gebunden, sondern konnten an jedem Tag der Woche stattfinden. Allerdings gab es l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume, in denen nicht getanzt wurde \u2013 theoretisch zumindest. Es handelt sich um die \u201everbotene Zeit\u201c, und zwar die Advents- und die Passionszeit. In der katholischen Kirche waren dies Bu\u00df- und Fastenzeiten, in denen keine \u00f6ffentlichen Lustbarkeiten, also auch B\u00e4lle, stattfinden durften. Dieses Verbot schloss sogar Hochzeitsfeiern ein. Auch im privaten Rahmen sollte man sich diesbez\u00fcglich zur\u00fccknehmen. Karl Albrechts Reise begann am Anfang der Adventszeit und f\u00fchrte ihn zun\u00e4chst nach Innsbruck und Salzburg. In Salzburg war er zudem Gast des F\u00fcrsterzbischofs. Die Tageb\u00fccher verraten, dass es fast t\u00e4glich musiktheatralische Auff\u00fchrungen und B\u00e4lle gab \u2013 von Bu\u00dfe und Besinnlichkeit keine Spur. Anders war es hingegen in Venedig, hier wurde die verbotene Zeit eingehalten. Faschingsdienstag war die letzte M\u00f6glichkeit, B\u00e4lle und Opern zu besuchen; mit Beginn der Fastenzeit war die Saison hierf\u00fcr erst einmal vorbei. Auch im privaten Rahmen wurde offensichtlich nicht getanzt, denn aus den Tageb\u00fcchern geht hervor, dass Karl Albrecht nun dagegen h\u00e4ufiger ins Konzert ging.<\/p>\n<p>Interessanterweise wurde das Tanzverbot in den anderen italienischen St\u00e4dten, in denen der Kurprinz auf dem Weg nach Rom Halt machte, lascher gehandhabt. So fanden zum Beispiel in Modena und Bologna Hausb\u00e4lle statt (am 22. M\u00e4rz mit immerhin 300 G\u00e4sten) und auch die Oper in Bologna wurde bespielt.<\/p>\n<p>In der Heiligen Stadt wiederum herrschten strenge Sitten. Papst Clemens XI. scheint dort das Tanzverbot sogar ausgeweitet zu haben, denn Karl Albrechts Kammerherr Santini schreibt in seinem Brief von Karsamstag, dem letzten Tag der Passionszeit, dass der Marquis Gabrielli ein Fest plant, es aber \u201enicht sicher sei, ob der Papst das Tanzen erlaubt, wie die Damen es w\u00fcnschen\u201c. Dieses Fest fand am Mittwoch nach Ostern statt; wie sich herausstellt ohne Tanz. Denn drei Tage sp\u00e4ter, am 18. April 1716, also eine Woche nach Ende der Passionszeit, beklagte sich Karl Albrecht in einem Brief an seinen Vater, dass es keine B\u00e4lle in Rom g\u00e4be, da der Papst es nicht mag, wenn man tanzt. Erst am 26. April findet man in den Diarien eine Notiz, dass der Kurprinz an einem kleinen, spontanen Hausball teilnahm. Bei seiner Italienreise 1722 hingegen verhielt es sich in Rom ganz anders, denn gleich am Ostersonntag, so als wolle man das Ende der Fastenzeit feiern, gab es in der Casa Bolognetti einen Ball, bei dem der Prinz bis in die fr\u00fchen Morgenstunden tanzte.<\/p>\n<p>Die B\u00e4lle fanden immer abends statt. H\u00e4ufig ging ihnen ein Abendessen voraus, die Diarien vermerken aber auch, dass erst nach dem Ball ein Nachtmahl zu sich genommen wurde, dann aber oft zu Hause und nicht mehr beim Gastgeber. Auch besuchte man vor dem Ball gerne die Oper oder eine Schauspielauff\u00fchrung. In Innsbruck zum Beispiel ging man am 13. Dezember 1715 um abends um halb sechs in die Oper und nahm um zehn Uhr das Abendessen ein (Opernauff\u00fchrungen dauerten im Barock durchaus f\u00fcnf Stunden oder l\u00e4nger). Dem Essen schloss sich ein Ball an, der bis etwa f\u00fcnf Uhr morgens dauerte. Nur zweimal ist in den Diarien davon die Rede, dass schon nachmittags getanzt wurde, woran sich dann abends ein zweiter Ball anschloss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis auf eine einzige Ausnahme, die sp\u00e4ter relevant wird, handelt es sich bei den knapp 70 erw\u00e4hnten B\u00e4llen um Hofb\u00e4lle beziehungsweise um B\u00e4lle, die von Adligen oder im Falle Livornos von einem hochrangigen B\u00fcrger veranstaltet wurden und dementsprechend eine geschlossene Gesellschaft bildeten. War Karl Albrecht mehrere Tage in einer Stadt, war er in der Regel in verschiedenen H\u00e4usern zu Gast, denn nat\u00fcrlich war jeder daran interessiert, einen solch prominenten Gast zu beherbergen, steigerte es doch das eigene Renommee. Dass die jeweiligen Gastgeber, bei denen Karl Albrecht logierte, einen Ball ausrichteten, war fast selbstverst\u00e4ndlich. \u00dcber viele B\u00e4lle gibt es keine Details in den Tageb\u00fcchern oder sie vermerken, es war ein \u201egew\u00f6hnlicher\u201c, also normaler Ball. Bei vier B\u00e4llen aber wird explizit beschrieben, dass sie Karl Albrecht zu Ehren gegeben wurden. In Vicenza beim Conte Porto wurden deshalb die Wandleuchter mit dem bayerischen Wappen dekoriert. Zwei Tage sp\u00e4ter in Padua waren die W\u00e4nde des Treppenhauses und des Ballsaales im Palazzo Commono mit vier gro\u00dfen bayrischen Wappen beh\u00e4ngt, und das Gleiche galt auch f\u00fcr einen Ball in Venedig. W\u00e4hrend es gro\u00dfe B\u00e4lle mit 300 Anwesenden gab, fanden aber auch durchaus kleine Hausb\u00e4lle statt. So tanzte man beim Herzog von Modena nur zu acht im engen Kreis der Familie. Auch scheinen die kleinen B\u00e4lle oft eher spontan gewesen zu sein. So lie\u00df der Conte Bolognetti kurzfristig Musiker aus der Stadt in sein Landhaus kommen, um dem Prinz und den anwesenden Damen einen einst\u00fcndigen Tanzabend zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Auf drei B\u00e4lle soll n\u00e4her eingegangen werden, da sie f\u00fcr den Prinzen etwas Besonderes waren, wie auch den Diarien und Briefen zu entnehmen ist. Anhand dieser Beispiele kann man auch sehen, wie aufwendig diese Festkultur betrieben wurde. Der erste Ball fand am Faschingsdienstag in Venedig statt und zwar in der Oper San Chrysostomo. Dem Ball ging eine Opernauff\u00fchrung voraus, die der Kurprinz allerdings auslie\u00df, um stattdessen in Frauenkleidung ins Kaffeehaus und ins Ridotto, dem Casino, zu gehen. Zum Ball ging der Prinz dagegen unmaskiert. Er begann mit einer f\u00fcrstlichen Tafel in den Logen, wof\u00fcr man dort extra die Seitenw\u00e4nde entfernt hatte. Auf der pr\u00e4chtig verzierten und beleuchteten B\u00fchne war der Musenberg Parnass zu sehen, auf dem verkleidete Musiker und S\u00e4nger eine Serenade erklingen lie\u00dfen. Nach dem Essen begab man sich in das von St\u00fchlen leerger\u00e4umte Parterre, wo der Ball stattfand. Die Logen waren mit unz\u00e4hligen Zuschauern gef\u00fcllt, und der Ball ging bis morgens um sechs.<\/p>\n<p>Karl Albrechts Reisebegleiter Graf Preysing beschreibt den Abend als k\u00f6nigliches Fest und auch der Prinz war von der gro\u00dfartigen Atmosph\u00e4re sehr angetan. Nicht nur der letzte Abend der Karnevalssaison war etwas Besonderes, sondern auch Karl Albrechts letzter Abend auf italienischem Boden. In Verona, wo er zu Gast bei dem Dichter und Gelehrten Scipione Maffei war, veranstaltete dieser dem Kurprinzen zu Ehren einen Ball im antiken Amphitheater. Links vom Eingang war eine gro\u00dfe B\u00fchne errichtet, auf der zun\u00e4chst eine \u201esehr sch\u00f6ne Kom\u00f6die\u201c pr\u00e4sentiert wurde, der eine Serenade folgte und von wo schlie\u00dflich die Musik zum Ball erklang. Gegen\u00fcber der B\u00fchne gab es im Halbkreis \u00fcberdachte Sitzpl\u00e4tze f\u00fcr die Damen. Dazwischen war der Tanzboden errichtet, und das Ganze wurde stimmungsvoll illuminiert. Die R\u00e4nge waren mit \u00fcber 3.000 Zuschauern besetzt. Das Fest endete kurz nach Mitternacht, da bereits f\u00fcr f\u00fcnf Uhr die Abreise des Prinzen geplant war.<\/p>\n<p>Wirklich einzigartig war der Ball am 23. Juli 1715 in Genua, denn dieser fand auf dem Meer statt. In dreiw\u00f6chiger Arbeit hatte man vor dem Hafen einen schwimmenden Ballsaal errichtet. Hierzu wurden acht Schiffe miteinander vert\u00e4ut, \u00fcber deren Decks sich der Tanzboden erstreckte. Dieser war als zehneckiger Saal mit vier Eing\u00e4ngen und hohen Fenstern gestaltet. An zwei Seiten befanden sich wasserspeiende Tritone und auf der Kuppel des Saales stand eine Neptunstatue. Im Inneren waren die W\u00e4nde mit wei\u00df-gr\u00fcner Seide verkleidet und die Eing\u00e4nge mit roten Damastvorh\u00e4ngen versehen. Der Saal wurde von f\u00fcnfzehn gro\u00dfen Kristall-L\u00fcstern und unz\u00e4hligen Wandlichtern erhellt. Oben gab es einen Balkon f\u00fcr die Musiker und einen f\u00fcr die Zuschauer. Unten befanden sich au\u00dfer dem Ballsaal vier R\u00e4ume, in die man sich zur\u00fcckziehen konnte und wo Getr\u00e4nke und Sorbets angerichtet wurden. Die \u00fcber 300 G\u00e4ste wurden mit Gondeln zum schwimmenden Ballsaal gebracht. Mit Karl Albrechts Ankunft begann der Ball, der zun\u00e4chst drei Stunden dauerte. Um elf Uhr abends wurden der Kurprinz und etwa 20 Damen und Kavaliere mit Gondeln zu einer nahen Galeere gebracht, wo man das Abendessen einnahm. Anschlie\u00dfend ging es wieder zur\u00fcck und man tanzte bis vier Uhr morgens.<\/p>\n<p>Wie bereits angedeutet gab es unter all den privaten B\u00e4llen eine Ausnahme, und zwar den Ball in Venedigs Oper San Chrysostomo, von dem gerade die Rede war. Schon im Gr\u00fcndungsjahr des Opernhauses 1678 etablierte sich der Brauch, im Anschluss an die letzte Opernauff\u00fchrung der Karnevalssaison diesen Ball zu veranstalten, dem j\u00e4hrlich Zeitungen und Reiseberichte ihre Aufmerksamkeit schenkten, \u00e4hnlich wie heute dem Wiener Opernball. Das Besondere und Einzigartige an diesen Faschingsdienstagsb\u00e4llen in San Chrysostomo war, dass sie \u00f6ffentlich und somit jedem zug\u00e4nglich waren. Man bezahlte Eintritt, der Preis f\u00fcr die Logen stieg \u2013 vielleicht wegen der Anwesenheit des Kurprinzen \u2013 auf sechzehn Unghari.<\/p>\n<p>Dass ein Ball \u00f6ffentlich war, war zu dieser Zeit keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, denn B\u00e4lle waren ausschlie\u00dflich dem Adel vorbehalten. Aber gerade zu der Zeit, in der Karl Albrecht in Italien weilte, begann in dieser Hinsicht ein Umbruch. Im Herbst 1715 er\u00f6ffneten an der Pariser Oper die \u201ebals publics\u201c, \u00f6ffentliche B\u00e4lle, die im Gegensatz zu dem Ball in Chrysostomo ganzj\u00e4hrlich stattfanden. Und auch in M\u00fcnchen gab es erst seit Januar 1716 \u00f6ffentliche Maskenb\u00e4lle, wenn auch nur in der Karnevalszeit. Von diesen berichtet Max Emanuel seinem Sohn nach Chievo, w\u00e4hrend dieser dort auf das Ende der Quarant\u00e4ne und den venezianischen Karneval entgegenfieberte. Aus dem Brief des Vaters erf\u00e4hrt man, dass die M\u00fcnchner Maskenb\u00e4lle zweimal die Woche im Saal des Alten Rathauses stattfanden und dass der Eintritt einen Florin betrug. Karl Albrechts Br\u00fcder, seine Schwester und die Hofdamen waren regelm\u00e4\u00dfig vor Ort.<\/p>\n<p>Zum Stichwort Maske soll hier erg\u00e4nzt werden, dass das Maskentragen in Venedig nicht auf die Zeit des Karnevals beschr\u00e4nkt war; es gab nur wenige Zeitr\u00e4ume im Jahr, wo die Maske nicht getragen wurde. Die Maske als Anonymisierungsmittel war normaler Bestandteil der adligen Kleidungskultur Venedigs. In den Tageb\u00fcchern ist dar\u00fcber hinaus von zwei B\u00e4llen andernorts die Rede, wo die Besucher ebenfalls in Maske erschienen, und zwar in Neapel am 8. Mai und bei dem schon erw\u00e4hnten Ball in der Arena von Verona am 12. August, bei dem \u201eMasken nach Sitten des Landes\u201c getragen wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie lief nun ein Ball damals ab? Der ganze h\u00f6fische Alltag war vom Zeremoniell gepr\u00e4gt; sich zwanglos zu verhalten war geradezu unm\u00f6glich. Das traf auch auf das Tanzen zu. Ein paar kurze Ballszenen aus den Diarien werden im Folgenden hier skizziert: Bei einem Ball in Verona am 29. Januar 1716 sa\u00dfen an der L\u00e4ngsseite des Ballsaals die Damen in drei bis vier Reihen. Vor ihnen standen die Kavaliere, die sich aber hinknieten, wenn der Kurprinz tanzte, damit die Damen besser sehen konnten. In Venedig tanzte man am 20. Februar im Parterre des Opernhauses. Alle Logen waren mit unz\u00e4hligen Zuschauern besetzt, die dem Prinzen beim Tanzen zusahen. In Bologna waren am 22. M\u00e4rz 300 Damen und Kavaliere beim Ball anwesend, um die Gro\u00dfprinzessin und den Kurprinzen zu sehen.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig an diesen Schilderungen ist, dass auf den B\u00e4llen mehr zugeschaut als getanzt wurde. Auch auf einer Abbildung eines Balles in der Casa Fibbia 21 Jahre sp\u00e4ter sieht man Karl Albrecht mit seiner Gattin alleine vor Publikum tanzen. Genau diesen Ballabend schildert Karl Albrecht in seinem Tagebuch von 1737: Der Zeremonienmeister bat ihn, den Ball zu er\u00f6ffnen, woraufhin er mit seiner Gattin tanzte. Danach \u00fcbergab der Zeremonienmeister Maria Amalia einem polnischen Prinzen f\u00fcr den n\u00e4chsten Tanz. Und so ging es abwechselnd mit den Kavalieren und Damen weiter, die vom Zeremonienmeister dazu bestimmt wurden, zu tanzen. Bei einem Ball im Palazzo Borghese 1716 sollte Karl Albrecht als rangh\u00f6chster Anwesender den Tanz mit der Frau des Gastgebers er\u00f6ffnen. Sie entschuldigte sich aber damit, nicht tanzen zu k\u00f6nnen und bat die Prinzessin aus dem Hause Giustiniani, ihren Platz einzunehmen.<\/p>\n<p>Aus diesen Schilderungen ergibt sich folgendes Bild: Auf den B\u00e4llen waren viele G\u00e4ste anwesend, von denen aber nur wenige tanzten und die meisten stattdessen zusahen. Man er\u00f6ffnete den Ball mit T\u00e4nzen f\u00fcr ein Paar, und die T\u00e4nzer tanzten dem Rang nach. Au\u00dferdem wurden die wenigen T\u00e4nzer im Vorfeld durch den Zeremonienmeister festgelegt. Ein adliger Ball unterlag also einem strengen Zeremoniell, was durch Rohrs \u201eEinleitung zur Ceremonial Wissenschaft der gro\u00dfen Herren\u201c von 1733 und anderen zeitgen\u00f6ssischen Quellen best\u00e4tigt wird. Was in den Reisediarien geschildert wird, ist die typische Struktur eines \u201ebal par\u00e9\u201c, eines h\u00f6fischen Balles, wie er unter Ludwig XIV. eingef\u00fchrt wurde und noch bis ins Rokoko \u00fcblich war. Als Max Emanuel 1687 in Venedig war, bestand der Tanz auf dortigen B\u00e4llen hingegen aus einer Art paarweisen Promenade von Raum zu Raum, bei der man Konversation betrieb. Dies wurde von franz\u00f6sischen und englischen Reisenden dieser Zeit als sehr niveaulos und befremdlich empfunden, da man von zu Hause anspruchsvollere T\u00e4nze gewohnt war. Aber wie man den Tageb\u00fcchern Karl Albrechts entnehmen kann, hatte man inzwischen auch in Italien die franz\u00f6sische Tanzkultur \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Graf Preysing, der den Kurprinz und seinen j\u00fcngeren Bruder Ferdinand Maria 1722 nach Italien begleitete, erw\u00e4hnte in seinen damaligen Schreibkalendern, dass die beiden Prinzen auf den B\u00e4llen Menuette tanzten. Wie eingangs erw\u00e4hnt, waren die T\u00e4nze der damaligen Zeit, vor allem die Solo- und Paart\u00e4nze, technisch sehr anspruchsvoll. Um gut Menuett tanzen zu k\u00f6nnen, brauchte es mehr als ein Jahr Unterricht, und das bei fast t\u00e4glicher Unterweisung. Wer dann auf der Tanzfl\u00e4che unter den Augen der kritischen Zuschauer beim Paartanz versagte, hatte in den Augen des Adels auch gesellschaftlich versagt, wie zeitgen\u00f6ssische Schilderungen best\u00e4tigen. Friedrich August, Kurprinz von Sachsen, der zeitgleich mit Karl Albrecht in Venedig weilte, versagte nicht auf dem Parkett wie man in einem Brief Karl Albrechts an seinen Vater lesen kann: Friedrich August \u201eliebt das Tanzen, und es gelingt ihm sehr gut, trotz seiner Figur, die nicht sehr vorteilhaft ist.\u201c<\/p>\n<p>Nach den eingangs getanzten Menuetten, die sich ein bis zwei Stunden hinzogen, da immer nur ein paar tanzte, wurden auf den h\u00f6fischen B\u00e4llen Kontrat\u00e4nze getanzt. Man unterscheidet zwischen den Kontrat\u00e4nzen englischer Art, \u201eContredanse anglaise\u201c, bei denen man sich paarweise in einer Reihe gegen\u00fcberstand, und den Kontrat\u00e4nzen franz\u00f6sischer Art, \u201eContredanse fran\u00e7aise\u201c, bei denen zwei oder vier Paare in einem Karree Aufstellung nahmen. Diese Form des Gesellschaftstanzes hatte den Vorteil, dass mehrere Personen gemeinsam tanzen konnten und dass die T\u00e4nze einfacher waren. Trotzdem wurde auch hier das Zeremoniell beachtet, denn die Paare waren hierarchisch dem Rang nach aufgestellt. Bei der Vorf\u00fchrung der Akademie-Sch\u00fcler in Neapel hatten diese einen Tanz einstudiert, \u201ein dem sich einer mit dem anderen in Form einer Raute \u00fcberkreuzte, und man so k\u00fcnstlerisch das Wappen des bayerischen Hauses repr\u00e4sentierte.\u201c Die Beschreibung l\u00e4sst vermuten, dass es sich hierbei um einen Kontratanz handelte.<\/p>\n<p>Das strenge Zeremoniell, das auf den gro\u00dfen B\u00e4llen herrschte, gab es vermutlich nicht auf den kleinen Hausb\u00e4llen, oder wenn in abgeschw\u00e4chter Form. Bei dem oben erw\u00e4hnten Ball mit acht Teilnehmern bei der Herzogsfamilie in Modena fand schon das vorangehende Abendessen formal zwangloser statt, denn man sa\u00df an der Tafel nicht dem Rang entsprechend, sondern \u201epesle mesle\u201c, also durcheinander. Und das Diarium sagt au\u00dferdem, dass der Ball mit einem englischen Tanz, also einem \u201eContredanse anglaise\u201c, begann. Dies wurde vom Schreiber sicher aus dem Grund erw\u00e4hnt, da es von der \u00fcblichen Norm abwich, den Ball mit Menuett-Tanzen zu beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das steife Zeremoniell konnte also durchaus auch durchbrochen werden. Im Tanz galt dies besonders bei Maskenb\u00e4llen, da durch die Anonymisierung die Ranghierarchie zumindest zum Teil aufgehoben wurde. Die Ranghierarchien wurden auch auf zwei speziellen Formen h\u00f6fischer Verkleidungsdivertissements aufgehoben beziehungsweise verdreht, und auch war Tanz ein wesentlicher Bestandteil. Das erste war das \u201eSpiel vom K\u00f6nigreich\u201c, das eigentlich zu Beginn des 18. Jahrhunderts schon veraltet war, sich aber am Mainzer und M\u00fcnchner Hof weiterhin gro\u00dfer Beliebtheit erfreute. Es wurde traditionell am Dreik\u00f6nigstag gespielt. Am Tag zuvor wurde per Los unter den Teilnehmern der K\u00f6nig bestimmt und die anderen waren dessen Hofstaat. Das Spiel begann mit einer Prozession durch den Palast, setzte sich mit einer festlichen Tafel fort und wurde durch einen Ball beendet. Man hielt sich an das strenge Zeremoniell mit seinen Rangunterschieden, aber der Reiz lag daran, dass man die Rollen vertauscht hatte.<\/p>\n<p>Auch Karl Albrecht spielte dieses Spiel mit seinem Gefolge am Dreik\u00f6nigstag, w\u00e4hrend er in Chievo die vierzigt\u00e4gige Quarant\u00e4ne einhielt. Vermutlich fand es aber in Kurzform ohne den Tanz statt, denn dazu fehlten die Damen. Das zweite Verkleidungsdivertissement, was sehr beliebt war, war die sogenannte Wirtschaft. Der Prinz nahm an einer solchen am Innsbrucker Hof teil. Hier spielte man ein Wirtshaus nach, bei dem das Herrscherpaar, in diesem Fall Karl Philipp von der Pfalz und seine Gattin, als Wirtsleute die G\u00e4ste empfing. Daneben gab es H\u00f6flinge in den Rollen etwa des Kochs oder der K\u00fcchenmagd. Die Rollen der G\u00e4ste (bei einer l\u00e4ndlichen Wirtschaft zum Beispiel Bauern oder Sch\u00e4fer) und die Zusammenstellung zu Paaren wurden ausgelost, wie man aus den Diarien erf\u00e4hrt. Es wurde eine rustikale Tafel gehalten und danach gab es T\u00e4nze zu Bauernmusik, in Innsbruck dauerte der Tanz bis f\u00fcnf Uhr morgens. \u00dcblicherweise wurden Wirtschaften zum Abschluss des Karnevals gehalten. In seltenen F\u00e4llen, und so auch hier beim Kurprinzen, diente die Wirtschaft anl\u00e4sslich eines hohen Besuches zur Ehrung des Gastes. Der Vorteil lag darin, dass man eine entspannte Kommunikationssituation hatte, bei der die h\u00f6fische Rangordnung weitgehend au\u00dfer Kraft gesetzt wurde.<\/p>\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr nach M\u00fcnchen hatte Karl Albrecht ein Andenken an seine Reise in Gedichtform erhalten. In dem \u201eWett-Streitt der vornembsten st\u00e4tt in Italien\u201c wurden die H\u00f6hepunkte der Reise zusammengefasst. Auch die gro\u00dfartigen B\u00e4lle in Venedig, Verona und Genua fehlten hier nicht. Aber nicht nur in poetischer Form erhielt Karl Albrecht ein Andenken an seine erste Italienreise, sondern auch in einer Form, die auf den tanzbegeisterten Prinzen perfekt zugeschnitten war. Zum Neujahrstag 1717 schenkte ihm der Hofchoreograph, Tanzmeister und Kammerdiener des Kurprinzen, Pierre Dubreil, einen aufwendig gestalteten Band mit f\u00fcnfzehn T\u00e4nzen f\u00fcr die Divertissements und B\u00e4lle am M\u00fcnchner Hof. Darunter sind vier T\u00e4nze, die einen Bezug zu St\u00e4dten haben, die der Prinz bereist hatte. Im Vorwort der Tanzsammlung schreibt Dubreil: \u201eSeine Reise nach Italien hat mehreren dieser Contredanses den Namen der bekannten St\u00e4dte gegeben, in denen alle Leute in Eurer Durchlaucht all die Vollkommenheit Eures erlauchten Vaters wiedererkannt und bewundert haben: sowohl die vollkommene Kenntnis all der sch\u00f6nen K\u00fcnste als auch das zuvorkommende, gro\u00dfz\u00fcgige Benehmen und generell alle Tugenden, die einen gro\u00dfen Prinzen ausmachen.\u201c Beim Tanzen von La Venitienne, La Milanoise, La Florentine und La Bolognoise konnte sich Karl Albrecht an die gro\u00dfartigen Tanzabende in diesen St\u00e4dten zur\u00fcckerinnern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Renaissance war Italien tonangebend in allen K\u00fcnsten, was auch f\u00fcr den Tanz galt. Im Barock dagegen wurde Frankreich zum Mittelpunkt. Unter Ludwig XIV. bildete sich ein neuer Tanzstil heraus, der sich in ganz Europa verbreitete. 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