{"id":118110,"date":"2026-01-20T12:20:47","date_gmt":"2026-01-20T11:20:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118110"},"modified":"2026-01-20T12:20:47","modified_gmt":"2026-01-20T11:20:47","slug":"karl-albrechts-diarien-oder-was-ist-ein-reisetagebuch","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/karl-albrechts-diarien-oder-was-ist-ein-reisetagebuch\/","title":{"rendered":"Karl Albrechts Diarien oder: Was ist ein Reisetagebuch?"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Das Gattungsproblem<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Reisetagebuch handelt es sich bekanntlich um keine klar definierte Gattung, wie auch das f\u00fcrstliche beziehungsweise h\u00f6fische Reisetagebuch mehr oder weniger au\u00dferhalb des Blicks jener Disziplin liegt, der ich selbst angeh\u00f6re, n\u00e4mlich der Philologie, aber auch au\u00dferhalb der historischen Forschung. Dementsprechend kann man durchaus von einem Forschungsdesiderat sprechen, doch ist dieses Desiderat mit einigen Schwierigkeiten in der konzeptionellen Ann\u00e4herung verbunden, die zugleich erkl\u00e4ren, warum diese bis dato meist au\u00dferhalb des Blicks standen. Um das zugrunde liegende genuin philologische Problem des f\u00fcrstlichen Reisetagebuchs pr\u00e4ziser zu benennen, m\u00f6chte ich kurz anhand von zwei Beispielen verdeutlichen, womit sich Literaturwissenschaftler besch\u00e4ftigen, wenn sie Reisetageb\u00fccher des 18. Jahrhunderts analysieren.<\/p>\n<p>Das in Europa wohl bekannteste und wirkm\u00e4chtigste Modell ist Laurence Sternes 1768 publizierter Roman \u201eA Sentimental Journey through France and Italy by Mr. Yorick\u201c, in dem der fiktive Reisende Yorick spontan eine Reise in England antritt, die ihn bis nach Italien f\u00fchren soll, die ihn jedoch nie \u00fcber Paris hinaus f\u00fchren wird. Hinzu kommt, dass der Leser wenig bis gar nichts \u00fcber die Sehensw\u00fcrdigkeiten der besuchten St\u00e4dte erf\u00e4hrt, von der sozialen oder gar politischen Ordnung einmal ganz abgesehen, daf\u00fcr umso mehr, ganz dem titelgebenden Adjektiv \u201esentimental\u201c folgend, \u00fcber die Gef\u00fchlswelt des Protagonisten bei und w\u00e4hrend zahlreicher allt\u00e4glicher Erlebnisse. Dementsprechend geh\u00f6rt diese Form des Reisetagebuchs der empfindsamen Schriftkultur an und bildet zusammen mit dem Briefroman wohl die beide fiktionsgebundenen Paradigmen dieser europaweit vorherrschenden Gef\u00fchlskultur, doch steht es damit zugleich im Gegensatz zum uns interessierenden, f\u00fcrstlichen Reisetagebuch.<\/p>\n<p>Eine ganz andere, aber keineswegs weniger problematische Gemengelage wird erkennbar, wenn man die Reisetageb\u00fccher der m\u00e4nnlichen Mitglieder jener Familie betrachtet, deren damals aktuelles Oberhaupt der mittlerweile zum Kaiser Karl VII. gekr\u00f6nte Kurprinz Karl Albrecht 1742 in Frankfurt zum \u201eWirklichen kaiserlichen Geheimrat\u201c ernannte, n\u00e4mlich die \u00fcber drei Generationen verfassten Reisetageb\u00fccher der Familie Goethe. Bereits Johann Caspar Goethes in den Jahren 1740\/41 verfasstes Reisetagebuch Viaggio per l\u2019Italia markiert den Paradigmenwechsel, insofern der eingangs geschilderte Besuch des Reichtages in Wien zwar eine politische Dimension in den Text einf\u00fchrt, dieser jedoch vorzugsweise den Hintergrund bildet f\u00fcr die kulturpolitische Dimension der Reise, die auf die Ausbildung, wenn nicht die Bildung \u2013 im modernen Sinne \u2013 des Reisenden abzielt, der auf seiner Reise und vor allem in seinem Tagebuch sich selbst als aufgekl\u00e4rtes, weltgewandtes Subjekt gestaltet, sodass man von einem \u201eSelf-Fashioning\u201c sprechen kann, mithin von Selbstgestaltung, wenn nicht gar Selbstmodellierung, die in und durch die Vertextung hervorgebracht wird. Diese Modellierung der Kulturreise als Bildungsreise eines Subjekts l\u00e4sst sich in nochmals deutlich h\u00f6herem Ma\u00dfe von Johann Wolfgang Goethes Tagebuch der italienischen Reise sowie der sp\u00e4ter publizierten Italienischen Reise festhalten und bildet dann noch die Folie von August von Goethes italienischem Reisetagebuch. In allen diesen F\u00e4llen gilt, wie auch f\u00fcr die Reisetageb\u00fccher von Johann Gottfried Herder, Karl Philipp Moritz und vielen anderen, dass das Reisetagebuch weniger eine eigene Gattung und mehr ein Genre bildet, das an der Grenze von Autobiographie und Kunstliteratur steht, innerhalb dessen die beschriebenen Kunsterlebnisse das Fundament f\u00fcr die Bildung des schreibenden Subjekts bilden.<\/p>\n<p>Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Diarien Karl Albrechts, dann erkennt man vorzugsweise Differenzen zum bisher Beschriebenen, was noch augenf\u00e4lliger hervortritt, wenn man sich bewusst macht, dass wir vier Diarien vor uns haben, von denen zudem drei nicht von Karl Albrecht geschrieben wurden und eines nur teilweise. Folgt man der Einteilung der Herausgeber, Anna und J\u00f6rg Zedler, dann wurde das Tagebuch A im Auftrag des Kurf\u00fcrsten geschrieben, um genauestens Handeln und Wandeln des Kurprinzen aufzuzeichnen. Die Diarien B und C wurden von Reisebegleitern des Kurprinzen geschrieben, w\u00e4hrend nur das Reisetagebuch D zun\u00e4chst f\u00fcr den Prinzen und dann auch von ihm geschrieben wurde, sodass es einen vergleichsweise privaten Charakter hat, was noch dadurch unterst\u00fctzt wird, dass es sich auch sp\u00e4terhin, edel gebunden, im Bestand der kurprinzlichen Bibliothek befand.<\/p>\n<p>Damit wird indes gegen eine grunds\u00e4tzliche \u00dcbereinkunft der literaturwissenschaftlichen Tagebuchforschung versto\u00dfen, die von einer Identit\u00e4t von schreibendem und beschriebenem Subjekt ausgeht, was hier folglich gerade nicht angesetzt werden kann. Man k\u00f6nnte sich dementsprechend behelfen, indem man das f\u00fcrstliche Reisetagebuch den so genannten Ego-Dokumenten zuordnet und dabei einen sehr weiten Begriff von Ego anlegt, doch w\u00fcrde man damit die genannten Probleme keineswegs l\u00f6sen, sondern nur weiter verschieben.<\/p>\n<p>Eine ganz andere M\u00f6glichkeit der Beantwortung der Frage, was ein f\u00fcrstliches Reisetagebuch ist, besteht darin, es der Kategorie der Festbeschreibungen zuzuordnen, was im vorliegenden Rahmen dadurch plausibilisiert werden k\u00f6nnte, dass das nicht nur mit den exorbitanten Kosten der Reise, die f\u00fcr die zahlreichen Feste, an denen Karl Albrecht teilnahm und die f\u00fcr ihn ausgerichtet wurden, sondern auch mit den in den Diarien vorliegenden Festbeschreibungen selbst begr\u00fcndet werden k\u00f6nnte. Allerdings ist es so, dass das Genre der Festbeschreibung zum einen auf Publizit\u00e4t abzielt, sodass die Publikation der Festbeschreibung \u2013 zum Teil bereits vor dem eigentlichen Fest \u2013 zentraler Bestandteil dieses Genres ist, was wiederum bei keinem der vier Diarien der Fall ist. Hinzu kommt, dass bei einem Vergleich der vier Diarien leicht ersichtlich ist, dass keineswegs alle vier dominant auf die Festbeschreibungen abheben, sondern nur zwei und auch diese nicht \u00fcberwiegend, sondern als einen Bestandteil unter mehreren.<\/p>\n<p>Aus dem bisher Gesagten ergeben sich einige Folgerungen, die mich zum Anfang meiner \u00dcberlegungen zur\u00fcckf\u00fchren: Erstens l\u00e4sst sich festhalten, dass es keine Gattung des Reisetagebuchs gibt, sondern bestenfalls das Subgenre des Reisetagebuchs, dass dem Genre der Reisebeschreibung zugeordnet wird, wobei Karl Albrechts Diarien weder dem Subgenre noch dem Genre zugerechnet werden k\u00f6nnen. Zweitens und wichtiger markiert das f\u00fcrstliche Reisetagebuch eine Forschungsl\u00fccke, die an der Grenze von Literatur- und Geschichtswissenschaft verortet ist, aber von beiden Disziplinen \u2013 zumindest meines Wissens nach \u2013 bisher nicht eigens behandelt wurde.<\/p>\n<p>Die Gattung des Reisetagebuchs zu charakterisieren scheint daher zwar geboten, zugleich aber eigentlich auch unm\u00f6glich. Ich m\u00f6chte trotzdem versuchen, mich dem f\u00fcrstlichen Reisetagebuch anzun\u00e4hern, wobei ich auf zwei Vor\u00fcberlegungen aufbaue. Zum einen ist diese Form des Reisetagebuchs weder fiktional, wie Sternes \u201eSentimental Journey\u201c, noch autobiographisch oder autofiktional, wie Johann Wolfgang Goethes Italienische Reise, doch handelt es sich bei diesem um einen Text, der durch und durch rhetorisch verfasst ist. Diese Rhetorisierung des Tagebuchs ist dar\u00fcber hinaus in ein Kommunikationsmodell integriert, das weniger auf das schreibende Subjekt und deutlich mehr auf das lesende Subjekt ausgerichtet ist, wobei zu den Lesern sowohl diejenigen zu z\u00e4hlen sind, denen anhand des Reisetagebuchs Rechenschaft abgelegt wird \u00fcber die Handlungen und vor allem \u00fcber die Interaktionen, sprich, \u00fcber die fortgesetzten und neu begr\u00fcndeten Beziehungen als auch diejenigen, die sp\u00e4ter diesen Text als Erinnerungsmoment lesen, das Zeugnis gibt \u00fcber die Ehre und die Anerkennung, die dem Hause Wittelsbach anhand eines seiner Repr\u00e4sentanten widerfahren ist.<\/p>\n<p>Zum anderen unterstreichen die zum Teil h\u00f6chst unterschiedlichen Beschreibungen der Reise, die in den vier Diarien vorliegen, dass von einem Reisetagebuch nur im Sinne eines Kollektivsingulars gesprochen werden kann, da verschiedene Formen problemlos nebeneinander stehen k\u00f6nnen, da der Modus der Beschreibung dem jeweiligen Telos entspricht oder schlichter formuliert: Mittel und Zweck der Reisetageb\u00fccher passen zusammen. Auch wenn sich gerade deswegen die Frage stellt, was Mittel und was Zweck sind.<\/p>\n<p>Im Sinne meiner Ann\u00e4herung an die Frage, was ein f\u00fcrstliches Reisetagebuch ist, m\u00f6chte ich keine starke These diskutieren, sondern mich den Diarien n\u00e4hern, indem ich ausgehend von einer relativ schlichten Arbeitshypothese, zwei von ihnen, n\u00e4mlich die Diarien A und D, gem\u00e4\u00df ihrer rhetorischen Pr\u00e4gung bez\u00fcglich inventio, dispositio, elocutio, memoria und actio untersuche, um abschlie\u00dfend nach dem Verh\u00e4ltnis von aptum und decorum zu fragen, das hei\u00dft die Frage nach der Angemessenheit von Redegehalt und Redeweise.<\/p>\n<p>Meine Arbeitshypothese besteht darin, dass ich das Diarium A als ein Interdependenznarrativ im Sinne von Norbert Elias verstehe, das Diarium D hingegen als Fabrikationsnarrativ im Sinne von Peter Burke. Beide narrative Formen schlie\u00dfen einander keineswegs aus, vielmehr bedingen sie einander, doch lassen sie sich meines Erachtens aufgrund der in ihnen sichtbar werdenden Dominanzen, systematisch unterscheiden. Ich werde mich hierf\u00fcr auf jene Teile des Reisetagebuchs konzentrieren, die vom Beginn der Reise in M\u00fcnchen bis zum Abschluss des Venedigaufenthaltes reichen, abgesehen von einer, aber durchaus bemerkenswerten Ausnahme, n\u00e4mlich dem Papstbesuch in Rom.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt mich zu meinem ersten Punkt, der wie auch die folgenden eher thetisch und dementsprechend knapp gehalten ist, um den vorgegebenen Rahmen nicht zu sprengen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die inventio der Reisetageb\u00fccher<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter inventio versteht man in der Rhetorik die Findung, bis zu einem gewissen Grad auch die Erfindung des Redegegenstandes. Exakt hier wird die zuvor genannte Unterscheidung zwischen einem Interdependenz- und einem Fabrikationsnarrativ sichtbar, insofern ersteres st\u00e4rker auf die Findung des Redegegenstandes abzielt, letzteres st\u00e4rker auf dessen Erfindung abhebt.<\/p>\n<p>Unter einem Interdependenznarrativ verstehe ich dabei eine Schreibweise, die das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis aller Mitglieder eines Hofes \u00fcbertr\u00e4gt auf eine europ\u00e4ische Ebene der Abh\u00e4ngigkeit, oder vorsichtiger: des Miteinanders das alle H\u00f6fe und deren Repr\u00e4sentanten betrifft. Dieses Miteinander kann nat\u00fcrlich auch ein Gegeneinander einschlie\u00dfen, wie es auch stets vor dem Hintergrund von m\u00f6glichen oder realen Konkurrenzen und Allianzen gedacht werden muss. Um das am Beispiel zu konkretisieren: Fast zeitgleich zum Kurprinzen Karl Albrecht weilt der s\u00e4chsische Kurprinz in Venedig, wodurch nicht nur zwei ausl\u00e4ndische F\u00fcrsten am selben Ort, n\u00e4mlich Venedig, weilen, sondern sich auch bem\u00fc\u00dfigt sehen, den Usancen entsprechend einander zu empfangen und zugleich zu beobachten, wie sie sich gegenseitig behandeln und vor allem, wie sie jeweils von der Serenissima empfangen, beachtet und nat\u00fcrlich auch gew\u00fcrdigt werden. Dementsprechend zielt das Interdependenznarrativ darauf ab, die Position des Kurf\u00fcrsten im System der europ\u00e4ischen H\u00f6fe wahlweise zu beschreiben oder \u00fcber dessen Handlungen und den ihm entgegen gebrachten W\u00fcrdigungen herauszuarbeiten.<\/p>\n<p>Der Repr\u00e4sentationslogik der h\u00f6fischen Gesellschaft folgend ist Karl Albrecht, insbesondere aufgrund seines Inkognitos, als Mitglied der h\u00f6fischen Gesellschaft zu verstehen und nicht \u00fcber dieser stehend, auch wenn er eine hervorragende Position in dieser einnimmt: Auch wenn \u2013 oder gerade weil \u2013 das Reisetagebuch dazu dient, die genaue Position im Laufe der Reise erst zu bestimmen, was letztlich hei\u00dft, sie allererst zu erschreiben, da keineswegs immer klar ist, ob die Beschreibungen selbst als faktentreu angesehen werden k\u00f6nnen, wie auch nicht eindeutig zu kl\u00e4ren ist, wie Selbst- und Fremdwahrnehmung zusammenkommen.<\/p>\n<p>Exemplarisch l\u00e4sst sich das Interdependeznarrativ bereits im Tagebucheintrag 3A in aller Deutlichkeit nachweisen. In Salzburg angekommen wird Karl Albrecht vom F\u00fcrsterzbischof Franz Anton F\u00fcrst von Harrach zu einem Empfang mit Tafel und Ball in die Residenz geladen, was wie folgt beschrieben wird:<\/p>\n<p>\u201eAuf erkundigung bey dem Durchlaut, ob an der taffel f\u00fcr sich und dero herren br\u00fcdern lehnsessel und anderen distinctions-zeichen in zwischen sitzung der damen verlanget w\u00fcrden? Der Chur Prinz aber begehrt zwischen den frauenzimmer auf gleichen sesseln zusitzen, ist alles in de\u00df Chur Printzen willen gestellet worden (&#8230;) Hierauf haben Ihro Durchlaucht der Chur-Prinz mit dero herrn gebr\u00fcdern Durchlauchten zu dem herrn Ertzbischof in sein appartement sich verf\u00fcget, der ihne durch 2 ante cammern bi\u00df in mitt des vorsaal\u00df entgegen gegangen, hernach allerseits zu dem au\u00df der statt bey hof sich befindenden frauenzimmern und folgends zu taffeln, welche in disem form und auf solche arth besetzt ware.\u201c<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nur drei Punkte hervorheben, die f\u00fcr das Interdependenznarrativ entscheiden sind. Erstens die Frage nach den Distinktionszeichen, die zum einen als real sichtbare Zeichen zu verstehen sind, da sie die Beschaffenheit der Sessel betreffen, wie etwa die H\u00f6he, der Schmuck, die Verzierung. Zum anderen handelt es sich bei ihnen um Distinktionszeichen im Bourdieuschen Sinne, mithin um Zeichen, die genauso Auskunft geben \u00fcber den Habitus wie \u00fcber die Positionierung im sozialen Raum der h\u00f6fischen Gesellschaft anhand des sozialen, kulturellen und vor allem symbolischen Kapitals.<\/p>\n<p>Zweitens das Entgegenkommen \u2013 im doppelten Sinn des Wortes \u2013 des Erzbischofs, da hierdurch sowohl eine r\u00e4umliche Bewegung als auch und wichtiger die Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung des Gastes zum Ausdruck gebracht wird. Insbesondere den Venedigaufenthalt durchzieht eine Vielzahl von Beschreibungen von Treppenszenen bei Besuchen, innerhalb derer genauestens dar\u00fcber Rechenschaft abgelegt wird, auf welcher H\u00f6he der Treppe sich wer genau befindet, da hierdurch das symbolische Kapital der Beteiligten vor Augen gestellt wird.<\/p>\n<p>Drittens, die angeh\u00e4ngte Skizze der Tischordnung, die analog zum Entgegenkommen des Erzbischofs die Hierarchie der anwesenden Personen innerhalb des Interdependenzsystem visualisiert, insofern randst\u00e4ndige Positionen bei Tisch genauso vielsagend sind wie zentrale Positionen, wie auch die harte Unterscheidung zwischen Namen tragende Positionen und namenlose, da nur dem Status entsprechende Positionen auff\u00e4llig sind.<\/p>\n<p>Das Fabrikationsnarrativ des Reisetagebuchs D baut ebenfalls darauf auf, dass Karl Albrecht ein hochstehendes Mitglied der h\u00f6fischen Gesellschaft ist, doch konzentriert es sich st\u00e4rker auf die Frage, was f\u00fcr ein Image Karl Albrecht als Kurprinz hat und \u2013 wichtiger \u2013 f\u00fcr die Zukunft erhalten will. Diese Frage ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der mittelbar vorausliegenden famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse von Bedeutung, sie ist auch deshalb von besonderer Relevanz, weil Karl Albrecht kurz vor dem Reiseantritt vollj\u00e4hrig und damit regierungsf\u00e4hig geworden war. Das Ziel der Fabrikation ist meines Erachtens, soweit es sich aus den Reisetageb\u00fcchern herausarbeiten l\u00e4sst, das Modell eines dezidiert christlichen beziehungsweise katholischen F\u00fcrsten zu produzieren, der, ganz im Sinne der von ihn wiederholt besuchten Jesuiten, Kunstverstand, wissenschaftliche Kenntnis, insbesondere der Milit\u00e4rtechnik, und praktizierten Glauben so zusammenf\u00fchrt, dass er als mildt\u00e4tiger Streiter f\u00fcr den Glauben vor Augen tritt, der stets karitativ gegen\u00fcber den Glaubensbr\u00fcdern agiert, aber eben auch den Glauben gegen dessen Feinde zu verteidigen wei\u00df.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dies nur an zwei Punkten festmachen: Erstens ist die Wahl des Reiselandes von Bedeutung, da Karl Albrecht weder nach Frankreich beziehungsweise Paris oder nach Wien, mithin ins Habsburger Reich reist, sondern nach Italien, mit Rom und Papstbesuch zum Ziel. Zweitens sind die zahlreichen Gottesdienstbesuche zu nennen sowie, damit einhergehend, der Besuch von Konzerten, die von Klostersch\u00fclerinnen aufgef\u00fchrt werden. Gerade der Aufenthalt in Venedig ist hierf\u00fcr prototypisch, wobei es regelrecht zu einer Steigerung der Konzertbesuche kommt, die in der Auff\u00fchrung im Ospedale della Piet\u00e0, die in 87 D beschrieben wird, kulminiert: \u201eIl y fut regal\u00e9 d\u2019une belle musique. L\u2019orquestre de ces filles excellent sur tous les autres de Venise, le nombre des vertueuses y est aussy plus grand qu\u2019en tout autre endroit. (&#8230;) Elle n\u2019est pas si bien pourve\u00fce de fondation que les autres hopitaux de Venise, cause pour laquelle Son Altesse y envoyat une a\u00fbmone un peu plus abondante que dans les autres endroits ou il avoit deja et\u00ea.\u201c<\/p>\n<p>Hier zeigt sich pr\u00e4gnant die Mildt\u00e4tigkeit des genauso kunstsinnigen wie gl\u00e4ubigen und dementsprechend karitativen F\u00fcrsten, als der Karl Albrecht gesehen werden will und der von seiner Entourage mit dem Reisetagebuch D auch fabriziert wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die dispositio der Reisetageb\u00fccher<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter der dispositio der Rede versteht man allgemein die Auswahl und damit verbunden die Anordnung der Argumente einer Rede, sodass man vorderhand sagen k\u00f6nnte, dass diese durch die Reise selbst vorgegeben und dementsprechend vernachl\u00e4ssigbar seien. Dies mag f\u00fcr die Wahl der besuchten Stationen der Reise gelten, da die Tageb\u00fccher nur sehr wenig \u00fcber diese Auswahl verlauten lassen, nicht jedoch \u00fcber die Beschreibungen der Ereignisse, die an diesen Orten geschehen. Denn exakt hier werden die beiden eingangs genannten Narrative in ihrer jeweiligen Spezifizit\u00e4t besonders augenf\u00e4llig. Ich m\u00f6chte dies nur an einigen ausgew\u00e4hlten Beispielen deutlich machen:<\/p>\n<p>Im Tagebuch A wird nicht nur das Augenmerk darauf gelegt, welche Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung Karl Albrecht von Seiten anderer F\u00fcrsten und Edelleute erf\u00e4hrt, sondern auch m\u00f6gliche Problemfelder behandelt, die aus einer zu gro\u00dfen Freiz\u00fcgigkeit resultieren k\u00f6nnen. Hierbei ist zu beachten, dass in der h\u00f6fischen Gesellschaft Finanz- und Status\u00f6konomie in einem problematischen Verh\u00e4ltnis zueinander stehen, insofern die Finanz\u00f6konomie auf Haushaltung ausgerichtet ist, die Status\u00f6konomie indes auf Repr\u00e4sentationskultur, um die eigene Position nach au\u00dfen hin deutlich zu setzen. Besonders evident wird die daraus resultierende Interdependenzlogik, wenn man die Ridottobesuche, also die Besuche des Spielcasinos betrachtet. Im Tagebuch A wie im Tagebuch D werden diese im Abschnitt 59 erw\u00e4hnt, zudem im Tagebuch A in den Abschnitten 61 und 66. Im Tagebuch D fehlt indes der Ridottobesuch vom 13. Februar 1716, w\u00e4hrend die Visite beim Kurprinzen von Sachsen den gesamten Raum einnimmt.<\/p>\n<p>Ein ganz anderes Beispiel sind die Beziehungen Karl Albrechts zu den jeweils vor Ort lebenden Damen der h\u00f6fischen Gesellschaft, da diese m\u00f6glicherweise als zuk\u00fcnftige Gattinnen f\u00fcr das Schmieden von Allianzen fungieren k\u00f6nnen, aber nat\u00fcrlich auch \u00fcber den moralischen Lebenswandel des Kurf\u00fcrsten Auskunft geben. Bemerkenswert hierf\u00fcr ist der Abschied aus Venedig, insofern in Tagebuch A in Abschnitt 93 die Verabschiedung von Madama Labia eigens erw\u00e4hnt wird, also jener Dame, die der Kurf\u00fcrst w\u00e4hrend seines Aufenthaltes des \u00d6fteren mit seiner Gesellschaft beehrte, w\u00e4hrend sie im selben Abschnitt des Tagebuchs D mit keinem Wort Erw\u00e4hnung findet.<\/p>\n<p>Die Auswahl- und Gestaltungsmechanismen des Fabrikationsnarrativ zeigen sich besonders in der Beschreibung des Papstbesuches, der in Abschnitt 199 wiedergegeben wird. Auch das Tagebuch A widmet sich diesem Besuch vergleichsweise\u201c ausf\u00fchrlich, doch ist die Beschreibung des Tages zweigeteilt in den Papstbesuch, der rund 60 Prozent des Textes einnimmt, und derjenigen des Besuches beim Kardinal Albani, was die restlichen 40 Prozent einnimmt. Der entsprechende Eintrag im Tagebuch D ist nicht nur deutlich umfassender vom Text, sondern auch expliziter, was den Auftritt und damit verbunden das \u201eImage\u201c des Kurf\u00fcrsten betrifft. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die wiedergegebene Rede des Papstes: \u201eIl poursuivit ensuitte son discours en exaltant les vertus de plusieurs princes de cette maison qui ont signal\u00e9 leur zele pour la defense de la foy contre les infideles disant que les Papes ses predesccesseurs les avoient tousjours regard\u00e9s comme les bras de defense de la religion catholique en Allemagne, et qu\u2019ils ont e\u00fc de tous temps pour la Serenissime Maison Electorale, que quant a luy (voicy ses propres termes) Io per la propensione mia, posso dire, che non la h\u00f2 solamente avuta in questo post\u00f2, m\u00e0 eziando essendo cardinale, e che non solamente io, m\u00e0 ancora tutta la mia casa, per testimonio di che si pu\u00f2 allegare, che il moi nipote Carlo sia stato tenuto al battesimo dal Serenissimo Elettore.\u201c<\/p>\n<p>Beachtenswert ist hierbei zum einen die genealogische Dimension, die durch die explizite Nennung der Vorg\u00e4nger aufgerufen wird, und zum anderen die pr\u00e4gnante Darstellung eben dieser Ahnen und damit auch des Kurf\u00fcrsten als \u201ebras de defense de la religion catholique en Allemagne\u201c, das hei\u00dft als Verteidigungsarm des katholischen Glaubens in Deutschland: Deutlicher kann man das christlich-katholische Selbstverst\u00e4ndnis des Kurf\u00fcrsten wohl nicht auf den Punkt bringen, wobei ganz im Sinne der Zukunftsorientierung dieser Verteidigungsarm sowohl Deutschland als auch weitere europ\u00e4ische Staaten verteidigen wird oder zumindest verteidigen k\u00f6nnen sollte, wenn er zum Kaiser gekr\u00f6nt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die elocutio der Reisetageb\u00fccher<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Versteht man unter elocutio im Allgemeinen die Gestaltung der Rede, so wird damit meist die Verwendung von Redeschmuck, insbesondere von rhetorischen Figuren bezeichnet. Mich interessiert indes vorzugsweise der Sprachgebrauch, das hei\u00dft die bemerkenswerte Konstellation, dass im Rahmen der Italienreise Karl Albrechts drei deutschsprachige Diarien und ein franz\u00f6sischsprachiges Diarium verfasst werden. Hervorzuheben ist hierbei zum einen, dass keines der Diarien auf Italienisch verfasst wurde, was sie etwa von Johann Caspar Goethes Viaggio per l\u2019Italia unterscheidet, zum anderen f\u00e4llt das franz\u00f6sische Diarium auf, was noch dadurch unterst\u00fctzt wird, dass Karl Albrecht gegen Ende der Reise dieses selbstst\u00e4ndig fortschreibt. Es stellt sich folglich die Frage, weshalb dieses Diarium auf Franz\u00f6sisch verfasst wurde und darauf aufbauend, wie reale Sprachpraxis \u2013 die Kommunikation in Italien \u2013 und die Verschriftlichung der Ereignisse zueinander stehen.<\/p>\n<p>Geht man nochmals zu dem Zitat zur\u00fcck, f\u00e4llt auf, dass die direkte Rede des Papstes auf Italienisch ist, wie auch das Gespr\u00e4ch zwischen Papst und Kurf\u00fcrst in dieser Sprache abgehalten wurde, w\u00e4hrend der Bericht dar\u00fcber auf Franz\u00f6sisch ist. Noch deutlicher wird die Sprachkonkurrenz, wenn man die Berichte vor dem Venedigbesuch in den Blick nimmt, da zum Beispiel im Eintrag 40A vom 14. Januar 1716 explizit hervorgehoben wird, dass der Kurf\u00fcrst das Gebot erlassen habe, dass bei Tisch die Konversation stets auf Italienisch zu halten sei und dass derjenige, der dagegen versto\u00dfe, eine kleine Strafe zu entrichten habe. Wenn dem aber so ist, dann ist umso mehr danach zu fragen, wieso das Diarium auf Franz\u00f6sisch und eben nicht auf Italienisch geschrieben wurde. Man kann nun leicht argumentieren, dass Franz\u00f6sisch damals die Sprache der h\u00f6fischen Gesellschaft war, doch greift man damit wohl zu kurz. Denn bereits der erste Eintrag im Fabrikationsnarrativ unterstreicht die Bedeutung der franz\u00f6sischen Literatur und Kultur f\u00fcr Karl Albrecht, der am 28. Dezember mit seinen adeligen Reisebegleitern Szenen aus verschiedenen St\u00fccken Corneilles, Moli\u00e8res und anderer in seinem Zimmer auff\u00fchrt.<\/p>\n<p>Geht man von diesem Interesse am Theater aus, verbindet es mit den zahlreichen Festbeschreibungen und Selbstdarstellungen des Kurf\u00fcrsten, dann liegt die Vermutung nahe, dass sich der Kurprinz an jenem Modell f\u00fcrstlichen Schreibens orientiert, das insbesondere von Louis XIV. und seinen Adlati mit seiner Mani\u00e8re de montrer les jardins de Versailles und weiteren Werken begr\u00fcndet wurde, insofern in beiden F\u00e4llen die Beschreibung der Ereignisse, R\u00e4ume und Handlungen stets r\u00fcckgebunden werden an den F\u00fcrsten, dessen Image durch diese Beschreibung allererst fabriziert wird. Dergleichen sprachliche Gestaltungsmittel k\u00f6nnen im Interdependenznarrativ hingegen hintangestellt werden, da sie keinen Wert f\u00fcr die Modellierung des Bildes haben, das Karl Albrecht gerne von sich haben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Actio der Diarien<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Frage nach der actio, also der eigentlichen Sprachhandlung in den Dinarien, m\u00f6chte ich nur einen Punkt hervorheben, der zugleich die Frage nach der Angemessenheit der Rede mit einschlie\u00dft. W\u00e4hrend des Aufenthaltes in der Quarant\u00e4ne in Chievo kommt es dazu, dass der zu Besuch kommende Conte Gabriele Dionisi von einem in Quarant\u00e4ne befindlichen Italiener versehentlich ber\u00fchrt wird, sodass er ebenfalls in Quarant\u00e4ne gehen muss. Bemerkenswert ist hierbei der Nachtrag zum Eintrag 46C: \u201eMann hat zwar sagen wollen, das es eine anst\u00fcfftung von einem amanten dess marquis frauen gewesen, damit der guette freindt ein wenig auf die seiten und der ander f\u00fceglicher zu der danm hat kommen und sein gl\u00fcck machen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Dergleichen Kommentare versto\u00dfen gegen die Angemessenheit der Rede, insofern der Redegegenstand nicht angemessen ist, nicht jedoch insofern die Rede unangemessen ist. Entsprechend finden sich dergleichen Kommentare auch weder im Interdependenznarrativ noch im Fabrikationsnarrativ, da dies ein Versto\u00df gegen die jeweils angestrebte Modellierung des Reisetagebuchs w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Reisetageb\u00fccher Karl Albrechts verdeutlichen folglich, dass von einem klar definierten Gattungssystem genauso wenig gesprochen werden kann wie von einer koh\u00e4renten Modellierung des reisenden F\u00fcrsten, da mindestens zwei dominante Narrative auszumachen sind. Die dominante Rhetorisierung der Reisetageb\u00fccher weist indes darauf hin, dass wir es mit Texten zu tun haben, die nicht nur an der Grenze von Geschichts- und Literaturwissenschaft stehen, sondern auch und vor allem ein h\u00f6fisches Subjekt modellieren, das weniger durch die gew\u00e4hlte narrative Form \u2013 Tagebuch oder Reisebericht \u2013 zur Darstellung kommt, sondern durch die Strukturen der h\u00f6fischen Gesellschaft, die diesen Formen pr\u00e4gen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gattungsproblem &nbsp; Beim Reisetagebuch handelt es sich bekanntlich um keine klar definierte Gattung, wie auch das f\u00fcrstliche beziehungsweise h\u00f6fische Reisetagebuch mehr oder weniger au\u00dferhalb des Blicks jener Disziplin liegt, der ich selbst angeh\u00f6re, n\u00e4mlich der Philologie, aber auch au\u00dferhalb der historischen Forschung. 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