{"id":118138,"date":"2026-01-20T14:34:34","date_gmt":"2026-01-20T13:34:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118138"},"modified":"2026-01-20T14:34:34","modified_gmt":"2026-01-20T13:34:34","slug":"athen-muenchen-neugriechenlands","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/athen-muenchen-neugriechenlands\/","title":{"rendered":"Athen: M\u00fcnchen Neugriechenlands"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Geschichtlicher Rahmen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom ersten Moment seiner Unabh\u00e4ngigkeit verhielt sich Griechenland bestimmten politischen und auch k\u00fcnstlerischen Zentren gegen\u00fcber wie ein Satellit. Dies f\u00fchrte dazu, dass schon sehr fr\u00fch neugriechische K\u00fcnstler und deren Werke von der Mentalit\u00e4t des \u201eguten Sch\u00fclers\u201c gepr\u00e4gt wurden, das hei\u00dft vom Respekt vor der Autorit\u00e4t des Lehrers, dem gemeinsamen Weg mit ihm oder sogar dessen Nachahmung.<\/p>\n<p>Bekanntlich entsteht die gro\u00dfe Kunst dennoch gerade in dem Moment, in dem man die Kraft findet, die Ansichten und vor allem die psychologische H\u00fcrde des Lehrers zu \u00fcberwinden. Seit der Ankunft der Bayern spalten sich die Wege der griechischen Kunst, sowohl der Malerei als auch der Bildhauerkunst. Einerseits h\u00e4lt man die Volkstradition, die mit der Entwicklung ihrer Formen jahrhundertelang die versklavten Griechen n\u00e4hrte und eine einheitliche Sicht der Welt vertrat, f\u00fcr \u00fcberholt und unf\u00e4hig, das feierlich proklamierte Neue zu artikulieren. Andererseits kommen K\u00f6nig Ottos \u201eModernisierer\u201c in Griechenland mit den besten Absichten; allerdings haben sie sehr viele Antworten, ohne vorher die geeigneten Fragen gestellt zu haben.<\/p>\n<p>Seitdem wirkt die Versch\u00f6nerung der Vergangenheit als \u00e4u\u00dferst starkes Gegenmittel angesichts der Probleme und \u2013 warum nicht? \u2013 der Depression der Gegenwart. Otto versucht schnell durch die Kunst zu beweisen, dass jene kleine Ecke am Ende der Balkan-Halbinsel, jene ehemalige Provinz des Osmanischen Reichs, das dank des Eingriffs der Gro\u00dfm\u00e4chte befreite Griechenland, ein w\u00fcrdiger Nachwuchs glorreicher Vorfahren wird.<\/p>\n<p>Es entsteht ein Widerspruch zwischen Utopie und Realit\u00e4t, zwischen \u00fcbertriebener Heimatverehrung und widersinniger Eigenbezogenheit. Der Neoklassizismus wird eine Sache f\u00fcr die offizielle Politik; die Kunst bekommt den Auftrag, gerade diese Politik zu schm\u00fccken und zu verbildlichen. Die Katharevousa, die k\u00fcnstliche antikisierende Sprache, die \u201ehistorische\u201c Architektur, die Bildhauerkunst f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit mit den Toga tragenden Statuen, die \u201eheroische\u201c Malerei der Fustanella (griechische Nationaltracht), die Operette, die ersten geschichtlichen Erz\u00e4hlungen sind Ausdrucksformen derselben \u00c4sthetik.<\/p>\n<p>Die neue Hauptstadt, das \u201eschlammvolle Athen\u201c der damaligen Zeugnisse, soll, obwohl es nur ein bedeutungsloses Arwaniten-Dorf ist, die Fortsetzung des Athen der Antike werden. Besser gesagt, soll es sich dem Bild der klassischen Antike anpassen, das gem\u00e4\u00df seiner starken romantischen Neigung der ganze Westen geschaffen hatte. H\u00e4tte man damals die Hauptstadt nicht in die Tiefebene von Attika versetzt, h\u00e4tte man sowohl das alte als auch das neue Athen retten k\u00f6nnen vor dem gewaltigen und ausgedehnten Wiederaufbau, der noch die Berge Penteli, Parnitha und Hymettos traf.<\/p>\n<p>Dieser Umzug ist eher auf ideologische denn auf praktische Zielsetzungen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es ist bekannt, dass Otto und der ber\u00fchmte Berliner Architekt Karl Friedrich Schinkel den Aufbau des k\u00f6niglichen Palastes auf dem Felsen der Akropolis planten, um dadurch ein symbolisch starkes Signal zu setzen. Es musste erst Ottos Vater Ludwig I. vern\u00fcnftig intervenieren, dass der Palast Ottos schlie\u00dflich am Syntagma-Platz errichtet wird. Es ist auch bekannt, dass das geplante st\u00e4dtebauliche Zentrum der neuen Hauptstadt, der Omonia-Platz, urspr\u00fcnglich \u201eLudwigsplatz\u201c benannt wurde. Athen tr\u00e4gt die schwere Verantwortung, das unzweifelhaft neoklassische Zentrum der deutschen Romantik zu werden, so wie diese von Winckelmann, Goethe, Herder, H\u00f6lderlin, den Geschwistern Schlegel und von Humboldt gepr\u00e4gt wurde. Athen hatte \u00fcbrigens das gro\u00dfe Gl\u00fcck, wenn auch nur f\u00fcr kurze Zeit, dem gro\u00dfen bayerischen Architekten Leo von Klenze Gastfreundschaft zu gew\u00e4hren. Inspiriert von den Ruinen Athens entwirft Klenze den Wiederaufbau der Stadt. Das Athener Zentrum und die Panepistimiou-Stra\u00dfe schm\u00fcckt die sch\u00f6ne r\u00f6misch-katholische Kirche des heiligen Dionysios, die Klenze im eleganten Neorenaissance-Rhythmus entwirft.<\/p>\n<p>In Bezug auf die \u201eFustanella-Malerei\u201c von Theodoros Vryzakis, der Geschwister Margaritis, von Dionysios Tsokos sowie der bayerischen K\u00fcnstler Rottmann, von Ess, Kratzaitzen, Stackelberg oder der Italiener Liparini, De Vivo, Podesti oder Hayez w\u00fcrde ich sagen, dass jene die Revolution von 1821 als ein Fest wahrnimmt, voll von theatralischen Haltungen, pomp\u00f6sen Bewegungen und unzerknitterten, mit Gold geschm\u00fcckten Trachten. Bei dieser Malerei fehlt es an Blut, Spannung und Leidenschaft; die naive Idealisierung der Ereignisse strebt es kaum an, sie zu interpretieren. Theodoros Vryzakis (1817-1878) zum Beispiel malt die Revolution, aber er analysiert sie nicht. Er hinterl\u00e4sst uns Werke von ber\u00fchrender Naivit\u00e4t, seine Ann\u00e4herung ist jedoch flach. Seine Gem\u00e4lde dienen manchmal als Propaganda zur nationalen Einm\u00fctigkeit; B\u00fcrgerkriegskonflikte, Streitigkeiten, politische Attentate oder Intrigen und noch mehr das Drama der Zivilbev\u00f6lkerung werden verschwiegen. Man l\u00e4uft n\u00e4mlich an der Agonie vorbei, damit der unbefleckte Charakter der Revolution nicht in Frage gestellt wird. Daher gew\u00f6hnt sich die Nation, seit ihren ersten Schritten, an die Versch\u00f6nerung, den seichten Emotionalismus, die Verf\u00e4lschung der geschichtlichen Wahrheit. So wurde diese Haltung zur herrschenden \u00c4sthetik und zum offiziellen Bildungsideal des griechischen Staates.<\/p>\n<p>Die bereits erw\u00e4hnte \u201eheroische\u201c Malerei entsteht nach den Vorbildern des Direktors der k\u00f6niglichen Akademie der Bildenden K\u00fcnste in M\u00fcnchen, des ber\u00fchmten Historien-Malers Carl Theodor von Piloty. Diese Malerei sowie die entsprechende Bildhauerkunst (vgl. den \u201eFeraios\u201c von Ioannis Kossos an den Propyl\u00e4en oder den \u201eKanaris\u201c der Geschwister Fytalis am Platz von Kypseli) konstituieren sich in den ersten Jahren nach der Revolution. Deren eindeutige Richtung ist M\u00fcnchen, das \u201eAthen an der Isar\u201c. Die ersten Vertreter unserer nationalen Schule holen Muster und ikonographische Methoden daher. In zweiter Linie lassen sie sich von der melodramatischen Tradition der italienischen Malerei beeinflussen. Analogon des \u201eBayers\u201c Vryzakis ist der \u201eItaliener\u201c Dionysios Tsokos (1820-1862). Auch auf ihn k\u00f6nnte man den Satz beziehen, der 1836 in der Zeitung Athin\u00e1 \u00fcber den Maler Georgios Margaritis geschrieben wurde: \u201eVom Westen aus hat er die Kunst der Malerei geregelt und vollendet mitgebracht\u201c. Das ist es! Die kleine Geschichte unseres k\u00fcnstlerischen Schaffens beginnt mit solchen \u201evollendeten\u201c Ansichten; wegen ihnen ist die Revolution von 1821 in den bildenden K\u00fcnsten ungerechtfertigt geblieben.<\/p>\n<p>Es sollte erst Theophilos (1867-1934) um die Jahrhundertwende kommen, um intuitiv das Drama und die Poesie der Heldenpsychologie zu erfassen. Theophilos unterscheidet nicht zwischen Geschichte und Mythos; er vibriert von einem neuen Glauben an die alten Helden. Seine Kunst vermenschlicht den Heroen und heroisiert den Menschen. Ohne die Rhetorik der akademischen Malerei und als eine Art griechischer Surrealismus identifiziert er Achilles und Athanasios Diakos, Herkules und Odysseas Androutsos; er visualisiert die unterirdischen Str\u00f6mungen der Geschichte, er liest in einer radikalen Weise die Tradition, ohne sie zur Versteinerung zu f\u00fchren, und er f\u00fchrt den Zuschauer zur Katharsis. Seine Malerei wird dadurch, quasi \u00fcber Geheimwege, eine wahre Kunst des Indigenen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Fall Gysis<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn der Bildhauer Takis heute unser auf internationaler Ebene bedeutsamster K\u00fcnstler ist, ist Nikolaos Gysis (1842-1901) der erste nach der Geburt des neugriechischen Staates. Wichtig in seinem Fall ist es, dass er es schafft, obwohl er \u2013 wortw\u00f6rtlich \u2013 aus dem Nichts kommt, sich auf der deutschen k\u00fcnstlerischen B\u00fchne durchzusetzen, als erster Name und wichtiger Lehrer neben Lenbach, von Max, B\u00f6cklin, Stuck und Leibl. Ich werde nie vergessen, wie ber\u00fchrt ich war, als ich w\u00e4hrend meines ersten Besuches in M\u00fcnchen vor drei\u00dfig Jahren Gem\u00e4lde von Gysis im ersten Saal der Neuen Pinakothek gesehen habe.<\/p>\n<p>Geboren in Sklavoch\u00f3ri auf der Insel Tinos, studiert er Malerei an der \u201eSchule der K\u00fcnste\u201c seit seinem achten Lebensjahr (!) als blo\u00dfer Zuh\u00f6rer und au\u00dferordentliches Talent. Diese Schule schloss er 1864 ab; ein Jahr sp\u00e4ter immatrikuliert er sich an der k\u00f6niglichen Akademie der Bildenden K\u00fcnste in M\u00fcnchen. Er wird Busenfreund von Defregger und findet dort seinen Landmann Nikiforos Lytras (1832-1904), mit dem er w\u00e4hrend seines ganzen Lebens verbunden bleibt, als \u201ePetrus und Paulus\u201c unserer Malerei. Immer bleibt Gysis ein H\u00f6henwanderer, ein Idealist, ein Theoretiker. Lytras ist irdisch, instinktiv, er pflegt eine empirische Beziehung zu den Dingen. Abgesehen von den pers\u00f6nlichen Merkmalen ihrer Kunst bringen beide in umf\u00e4nglichem Sinne ihre Zeit zum Ausdruck; eine Zeit, die immer noch den Mythos der Revolution unverletzt aufrechterh\u00e4lt, geht aber romantisch-versch\u00f6nernd auf ihn zu, w\u00e4hrend sie sich gleichzeitig die M\u00fche gibt, sich in den westeurop\u00e4ischen Kontext zu integrieren. Das neugeborene griechische K\u00f6nigreich soll am schnellsten modernisiert werden und eine Tradition verlassen, die zwar das Hellenentum ideologisch vier Jahrhunderte lang unterst\u00fctzt hat, jetzt aber f\u00fcr r\u00fcckschrittlich gehalten wird. Seitdem gibt es die bis heute anhaltende Spannung zwischen dem griechischen Staat und dem Hellenentum. Es strebt eine kosmopolitische Rolle an, w\u00e4hrend der Staat in einer administrativen, b\u00fcrokratischen Mentalit\u00e4t gefangen bleibt.<\/p>\n<p>Jedenfalls bleibt Gysis ab seinem 23. Lebensjahr und bis zu seinem Tod in M\u00fcnchen, wo er ununterbrochen arbeitet und au\u00dferordentlich ausgezeichnet wird. Seit fr\u00fcher Zeit wird er also den Typus des griechischen K\u00fcnstlers pr\u00e4gen, der bis heute gilt. Denn wahrhaft erfolgreich ist derjenige, der internationale Auszeichnung erstrebt und gleichzeitig die Dialektik \u201eHeimisch-Ausw\u00e4rts\u201c aufrechterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gysis sehnt sich nach einem idyllischen Griechenland, das sich die M\u00fche gibt, b\u00fcrgerlich zu werden, und irgendwie identifiziert er es mit der bereits m\u00fcndigen Gesellschaft Bayerns. Oft europ\u00e4isiert er seine Heimat jenseits der wahren geschichtlichen Fakten; dadurch wird er sozusagen ein \u201eProphet\u201c der heutigen Situation. Gysis hat Neugriechenland in das Europa der Hausherren und der gutm\u00fctigen (da sie gesichert sind!) Bourgeois hineingef\u00fchrt, viel fr\u00fcher als die Nachkriegsministerpr\u00e4sidenten Karamanlis oder Papandreou. Seine Sittenschilderungen oder seine geschichtlichen Bilder beschreiben Menschentypen oder Landschaften, die sich als \u201egriechisch\u201c erkl\u00e4ren, obwohl sie eher einem utopischen Raum nah den Alpen oder dem Rhein zugeh\u00f6ren. Gysis\u2019 Griechenland passt mehr zum romantischen Philhellenentum seiner Zeit oder zum symbolischen Klima, das die poetische Natur unseres Malers aufregt. Gysis ist weder Papadiamantis noch Roidis; er ist eher ein Gautier mit griechischem Pass.<\/p>\n<p>Haupts\u00e4chlich ist er ein Maler mit au\u00dferordentlichen Kapazit\u00e4ten, was das Zeichnen und die Synthese, aber vor allem, was die Farbe angeht. Gysis\u2019 Farbe bereinigt seine Gem\u00e4lde vom latenten Didaktizismus und einer quasi philologischen Emotionalit\u00e4t. Sie macht seine Werke abstrakt, sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrer Intention. Bis zum Ende entwickelt er sich: Von den z\u00e4rtlichen \u2013 bis an die Grenzen des \u00fcberdr\u00fcssig S\u00fc\u00dfen \u2013 Sittenschilderungen, von den sch\u00f6n gestalteten \u2013 bis an die Grenzen des Affektierten \u2013 Stillleben, von den Portr\u00e4ts und den \u00e4u\u00dferst theatralischen geschichtlichen Szenen ausgehend wird er die Ebene der hohen Symbolik erreichen, wie beim \u201eTriumph der Religion\u201c oder beim \u201eTrauernden Geist\u201c. Dieses letzte Werk unterh\u00e4lt sich geistig mit der \u201eToteninsel\u201c B\u00f6cklins und mit dem metaphysischen Klima von Schopenhauer oder De Chirico.<\/p>\n<p>Deswegen halte ich Gysis f\u00fcr unseren ersten europ\u00e4ischen Maler: Er verzichtet auf die Folklore seiner eigenen Heimat und allm\u00e4hlich gibt er auch die Folklore und die akademischen Bequemlichkeiten seiner neuen Heimat auf, um die Dinge innerlicher und dauerhafter zu erforschen. Etwa im \u201ePortr\u00e4t von Artemis von Naxos\u201c, n\u00e4mlich seiner Frau, schafft er es, die Herausforderung und die Gefahr der weiblichen Natur zusammenzubringen, indem er zwischen zeichnerischer Sch\u00e4rfe und freier Gegen\u00fcberstellung von Farbeinheiten balanciert. Dadurch malt er das vollst\u00e4ndigste Portr\u00e4t der neugriechischen Malerei.<\/p>\n<p>In Deutschland setzt sich Gysis als \u201egermanisierter Grieche\u201c durch. 1880 wird er zum Ehrenmitglied der Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste in M\u00fcnchen ernannt; 1882 wird er Dozent und 1888 ordentlicher Professor an der ber\u00fchmten k\u00f6niglichen Akademie der Bildenden K\u00fcnste. Er ist au\u00dferdem Mitglied der K\u00fcnstlergruppe \u201eAllotria\u201c und mischt sich in die \u00e4sthetischen Diskussionen der Zeit ein, in denen er seine idealistischen Ansichten darstellt. Gem\u00e4\u00df dem Geist der deutschen Romantik will Gysis, wie er schreibt, \u201esich mit altgriechischen Sachen besch\u00e4ftigen\u201c. Diese Besch\u00e4ftigung spiegelt allerdings die in seiner Zeit herrschenden Ansichten \u00fcber die Antike wider (vgl. \u201eDie Kunst und ihre Geister\u201c).<\/p>\n<p>1883 erh\u00e4lt der Maler von der Insel Tinos den zweiten Preis der Internationalen Ausstellung von M\u00fcnchen mit seinem Werk \u201eDas Auswendiglernen\u201c. In der Nationalgalerie von Athen findet man die herrlichen Studien des K\u00fcnstlers zum beherrschenden Thema der letzten Phase seines Lebens, das \u201eHier kommt der Br\u00e4utigam\u201c. Gysis n\u00e4hert sich dem Problem mit einer mystischen Stimmung und au\u00dferordentlicher Farbenfreiheit, so dass das Ergebnis manchmal abstrakt wirkt. Befreit von allen akademischen Konventionen und auch von seinem Wunsch, verst\u00e4ndlich f\u00fcr sein Publikum zu sein, malt er noch in dieser Zeit die \u201eLitaneien\u201c. Das sind Tintenzeichnungen auf Gelatine, die ein einzigartiges dramatisches Gef\u00fchl ausstrahlen und eine gro\u00dfe Freiheit in den Gesten zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<p>Aus Deutschland f\u00fchrt Gysis tats\u00e4chlich die neugriechische Malerei vom 19. in das 20. Jahrhundert; er \u00fcberreicht den Stab an den genauso idealistischen Maler Kostis Parthenis (1878-1967), den Poeten unserer Ausdrucksweise in den bildenden K\u00fcnsten. Diese zwei \u00e4u\u00dferst kultivierten Pers\u00f6nlichkeiten z\u00e4hlen zu den wichtigsten Gestalten unserer Heimat. Gysis und Parthenis halte ich nicht nur f\u00fcr begabte Maler, sondern auch f\u00fcr die Lehrer und Gestalter der neugriechischen Kultur und Sensibilit\u00e4t. Dabei ist es freilich absolut wichtig, dass beide, indirekt oder direkt, von der Hellenen-Verehrung beeinflusst werden sowie von den romantischen Symbolen, die in Bayern und besonders in M\u00fcnchen w\u00e4hrend des ganzen 19. Jahrhunderts gepr\u00e4gt wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Schlussbetrachtung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den Faktoren, die das gigantische Wachstum des Neoklassizismus gef\u00f6rdert haben \u2013 abgesehen vom Einfluss M\u00fcnchens auf das neugegr\u00fcndete K\u00f6nigreich \u2013 z\u00e4hlt die absolute Adoption jener konkreten k\u00fcnstlerischen Ausdrucksweise seitens des offiziellen Staates, die am besten der altgriechischen Vergangenheit entsprach, die politischen Zielsetzungen und der Ideologie der Monarchie (\u201edie gro\u00dfe Idee\u201c, n\u00e4mlich die Vision von der Wiedereroberung von Orten, besonders in der T\u00fcrkei und auf der Balkan-Halbinsel, wo die Griechen jahrhundertelang pr\u00e4sent waren) schmeichelt und als europ\u00e4ische \u201eMode\u201c gilt. Das griechische Gro\u00dfb\u00fcrgertum beugt sich leicht der tr\u00fcgerischen Faszination einer Kunst, die es st\u00e4ndig an den \u201eantiken Marmor\u201c, die Monumente und die Ruinen der Kultur der klassischen Antike erinnert. In dieser Zeit finden in Athen die ersten systematischen Ausgrabungen von griechischen und ausl\u00e4ndischen Arch\u00e4ologen statt, die die Reliefs und die Grabstatuen des Kerameikos, die Votive der Akropolis und der anderen Heiligt\u00fcmer von Attika ans Licht bringen und dadurch das Bild eines romantischen Historismus und der R\u00fcckkehr zum Geist und zur Kunst der Antike schaffen.<\/p>\n<p>1835 gr\u00fcnden die Geschwister Malakate, Iakovos und Frangiskos an der Ecke Korai- und Stadiou-Stra\u00dfe das erste \u201eHermoglyfeion\u201c (eine Werkstatt zur k\u00fcnstlerischen Verarbeitung von Marmor) in der Hauptstadt. Sp\u00e4ter werden in der Akadimias-Stra\u00dfe die Geschwister Fytalidis, Lazaros und Georgios die erste Statuenwerkstatt gr\u00fcnden. In diesen beiden Werkst\u00e4tten werden Kunsthandwerker arbeiten, die ihre Flachreliefs mit den dekorativen architektonischen Motiven des Klassizismus austauschen. Es gibt viel Arbeit: 1836 bis 1840 wird der K\u00f6nigliche Palast gebaut, nach einem Plan von Gaertner und gem\u00e4\u00df dem Muster des Palazzo Pitti in Florenz. Hauptverantwortlich f\u00fcr den Bau ist Antonios Lytras von der Insel Tinos, der Gro\u00dfvater von Nikiforos. Allen fast panhellenischen Bem\u00fchungen und dem pers\u00f6nlichen Interesse Ludwigs zum Trotz scheint es, dass das Geb\u00e4ude den Zeitgenossen nicht gef\u00e4llt. Der ber\u00fchmte \u201eEd. About\u201c bezeichnet es als \u201edepressives Lager\u201c. 1839 beginnt der Bau der Hansen-Trilogie, zuerst mit dem Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude. 1842 folgt die Kathedrale (Metropolis), 1859 die Akademie, 1862 die Polytechnische Schule (nach Pl\u00e4nen und unter der Aufsicht von Lyssandros Kautantzoglou), 1866 das Arch\u00e4ologische Museum, 1866 der Alte Landtag von Boulanger.<\/p>\n<p>1837 wird nach einer Verordnung von Otto die \u201eSchule der K\u00fcnste\u201c gegr\u00fcndet, 1847 \u00fcbernimmt der bayerische Bildhauer Siegel, ein Sch\u00fcler des akademischen K\u00fcnstlers Schwanthaler, den Lehrstuhl f\u00fcr Bildhauerkunst. Bis 1858 schult er eine ganze Generation von griechischen K\u00fcnstlern. Zu seinen Sch\u00fclern geh\u00f6ren sein sp\u00e4terer Nachfolger (1859-1868) Georgios Fytalis und Ioannis Kossos. Kossos gilt als der erste Bildhauer des neogriechischen Staates. Sein Vater, Petros, machte noch Galionsfiguren. Kossos steht unter dem unmittelbaren Einfluss der heroischen Vergangenheit und m\u00f6chte \u201eepischer\u201c K\u00fcnstler werden (Statue von Rigas Feraios an den Propyl\u00e4en). F\u00fcr die Bildhauerkunst ist er so etwas wie Vryzakis f\u00fcr die Malerei. Trotz ihrer technischen Kenntnisse k\u00f6nnen beide eine gewisse Naivit\u00e4t in der Wiedergabe der Form nicht vermeiden. Ihr Denken ist naiv, und das f\u00fchrt zu einer naiven Konzeption und Darstellung ihrer Themen. In dieser Zeit gehen viele griechische Bildhauer als Stipendiaten an die M\u00fcnchner Akademie und lernen diese Kunst bei Max von Widnmann, einem Verehrer von Canova; Widnmann spielt f\u00fcr die griechischen Bildhauer die Rolle, die Piloty f\u00fcr die Maler spielt. Es ist trotzdem klar, dass die Bildhauerkunst weniger als die Malerei von einer \u201eM\u00fcnchner Schule\u201c beeinflusst wird.<\/p>\n<p>1868 wird Leonidas Drosis Professor f\u00fcr Bildhauerkunst. Dieser ist Sohn eines Bayern mit Nachnamen Dorsch und verbindet Barockes und Klassizismus. Erst 1866 kehrt er aus M\u00fcnchen zur\u00fcck. Als Sch\u00fctzling des Barons Simon Sinas \u00fcbernimmt er die Anfertigung des fig\u00fcrlichen Schmucks der Akademie (Giebel, Statuen von Apollo und Minerva). \u201ePenelope\u201c gilt als sein Hauptwerk und befindet sich in der Nationalpinakothek von Athen. Hier werden die technischen Kapazit\u00e4ten des Bildhauers, aber auch die Einfl\u00fcsse von Canova deutlich. Seine Arbeit wird von einem Formalismus gekennzeichnet, der ihn daran hindert, neue plastische M\u00f6glichkeiten zu erforschen. Zu seinen Sch\u00fclern z\u00e4hlen Chalepas, Bonanos, Lazaros Sochos und Iakovidis. Drosis stirbt 1882 im Alter von 42 Jahren; er schafft es nicht, sein Werk zu vollenden. Seine Ideologie und die Atmosph\u00e4re, in der er lebt, erinnern an den Fall des Malers N. Kounelakis.<\/p>\n<p>Die Person, die den selbstst\u00e4ndigen Charakter der neugriechischen Bildhauerkunst im 19. Jahrhundert rechtfertigt, ist Yannoulis Chalepas. Chalepas wird in Pyrgos auf der Insel Tinos im Jahr 1851 geboren und stirbt 1938 in Athen. Als junger Mann kommt er dorthin und schreibt sich an der \u201eSchule der K\u00fcnste\u201c ein, als Sch\u00fcler von Leonidas Drosis. Au\u00dferordentlich talentiert, geht er sp\u00e4ter nach M\u00fcnchen und studiert bei Max von Widnmann. Aus unbekannten Gr\u00fcnden beendet die Stiftung \u201ePanagia von Tinos\u201c sein Stipendium, deswegen sieht er sich gezwungen, 1875 nach Griechenland zur\u00fcckzukehren. Er ist nur 24 Jahre alt und verf\u00fcgt \u00fcber einen direkten Kontakt zu seinem Material, er kennt seine Kunst, er hat Ideen, die er realisieren m\u00f6chte. Mit seinem langj\u00e4hrigen Wirken \u00fcberwindet er den Neoklassizismus von M\u00fcnchen und \u00f6ffnet sich dynamisch zur Avantgarde Europas im 20. Jahrhundert, neben Brancusi, Giacometti, K\u00e4the Kollwitz und Henry Moore.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Georgios Vlantis<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichtlicher Rahmen &nbsp; Vom ersten Moment seiner Unabh\u00e4ngigkeit verhielt sich Griechenland bestimmten politischen und auch k\u00fcnstlerischen Zentren gegen\u00fcber wie ein Satellit. 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