{"id":118142,"date":"2026-01-20T14:36:56","date_gmt":"2026-01-20T13:36:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118142"},"modified":"2026-01-20T14:36:59","modified_gmt":"2026-01-20T13:36:59","slug":"religioese-verschiebungen-in-deutschland-kirchenschrumpfung-und-kirchenwachstum","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/religioese-verschiebungen-in-deutschland-kirchenschrumpfung-und-kirchenwachstum\/","title":{"rendered":"Religi\u00f6se Verschiebungen in Deutschland"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der \u201eWende\u201c durch den Niedergang des osteurop\u00e4ischen Sozialismus hie\u00df es, dass Deutschland nun protestantischer werden w\u00fcrde. Deutschland ist allerdings seit 1989 weder protestantischer noch katholischer, sondern konfessionsloser und zugleich religionspluraler geworden. Zugleich hat sich die Kirchenkrise auch auf katholischer Seite versch\u00e4rft. Faktisch ist Deutschland nicht nur ein konfessionell gespaltenes Land, wobei seit Jahren schon die Katholikinnen und Katholiken gegen\u00fcber den evangelischen Kirchenmitgliedern die Bev\u00f6lkerungsmehrheit stellen: 2015 sind rund 29 Prozent katholisch, gut 27 Prozent evangelisch, etwa zwei Prozent geh\u00f6ren einer orthodoxen Kirche an \u2013 die Christenquote liegt also bei knapp 60 Prozent. In den n\u00f6rdlichen Bundesl\u00e4ndern liegt der Katholikenanteil zwischen sechs Prozent (Schleswig-Holstein) und 17 Prozent (Niedersachsen). In den s\u00fcdlichen Bundesl\u00e4ndern liegt der Katholikenanteil erheblich h\u00f6her. Nicht Bayern (mit 52 Prozent), sondern das Saarland (mit 61 Prozent) hat die st\u00e4rksten Katholikenanteile.<\/p>\n<p>In religi\u00f6ser und weltanschaulicher Hinsicht ist Deutschland geographisch auch in Westdeutschland und Ostdeutschland gespalten \u2013 mit einem \u00fcberwiegenden Anteil von Konfessionslosen in Ostdeutschland. In Sachsen-Anhalt liegt ihr Anteil \u00fcber 80 Prozent, in Th\u00fcringen, der Ursprungsregion der lutherischen Reformation, bei mehr als zwei Drittel (circa 68 Prozent). In den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern sind je nach Region zwischen drei und zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung katholisch. Die geographische Verteilung zeigt somit eine gewisse Dreiteilung Deutschlands in den katholischen S\u00fcdwesten, den evangelischen Norden und den konfessionslosen Osten: Durch die Wiedervereinigung mit den \u00fcberwiegend konfessionslosen B\u00fcrgern in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern stieg der Anteil der Konfessionslosen zun\u00e4chst auf 22,4 Prozent. Zugleich verst\u00e4rkten sich in den 1990er Jahren in beiden Teilen Deutschlands die Mitgliederverluste beider Kirchen, sodass 2003 bereits 31,8 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung ohne Konfession waren. Damit wuchsen die Konfessionslosen zu zun\u00e4chst \u00e4hnlich gro\u00dfen Anteilen in der Bev\u00f6lkerung an diejenigen der evangelischen und der katholischen Kirchenmitglieder.<\/p>\n<p>Heute (2014) dominiert der Anteil der Konfessionslosen, liegt er doch bei etwa 34 Prozent. \u00dcberwiegend konfessionslos sind inzwischen viele Gro\u00dfst\u00e4dte auch in West-Deutschland geworden, allen voran die Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Aber auch in S\u00fcddeutschland zeigt sich diese Entwicklung. Stuttgart als die Landeshauptstadt Baden-W\u00fcrttembergs verliert zum Beispiel den Status als evangelisch gepr\u00e4gte Stadt immer mehr, da die Zahl der Einwohner keiner oder einer anderen Religionszugeh\u00f6rigkeit deutlich zunimmt. Inzwischen (2012) geh\u00f6ren dort, wo 1534 die Reformation eingef\u00fchrt wurde, nur noch etwa 50 Prozent der Einwohner der evangelischen (27 Prozent) und der r\u00f6misch-katholischen (24 Prozent) Kirche an. Ende 2015 berichtete das Statistische Amt M\u00fcnchens, dass die Zahl sowohl der Protestanten (11,9 Prozent) als auch der Katholiken (33,1 Prozent) allj\u00e4hrlich sinkt, w\u00e4hrend der Anteil der Konfessionslosen zunimmt. Bei einer Mehrheit von 54 Prozent jedenfalls lag keine Religionsangabe vor.<\/p>\n<p>Trotz des Lutherjahres 2017 geht es in den aktuellen religions- und gesellschaftspolitischen Debatten weniger um den f\u00fcr die deutsche Geschichte so blutig gewesenen und so pr\u00e4gend gewordenen Konfessionskonflikt \u2013 Heinz Dieter Kittsteiner nennt den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg das gro\u00dfe Trauma der deutschen Geschichte. Dieser Konfessionskonflikt konnte nicht zuletzt auch durch eine entsprechende Subsidiarit\u00e4tspolitik, welche die materielle und ideelle Teilhabe der Kirchen und ihrer Wohlfahrtsorganisationen verbandlicher Caritas und Diakonie an der Entfaltung einer der wichtigsten Dimensionen modernen Staatlichkeit, n\u00e4mlich des Wohlfahrtsstaats, sicherstellte, geb\u00e4ndigt werden.<\/p>\n<p>In den religions- und gesellschaftspolitischen Debatten geht es derzeit vor allem um die Menschen, die nach Deutschland als Fl\u00fcchtlinge kommen und von denen ein Gro\u00dfteil muslimischen Glaubens ist. In seinem Jahresgutachten vom April 2016 hat der \u201eSachverst\u00e4ndigenrat deutscher Stiftungen f\u00fcr Integration und Migration\u201c eine Herausforderung formuliert, die in Deutschland immer mehr auf der religionspolitischen Tagesordnung stehen wird: \u201eWie werden wir\u201c, so hei\u00dft es in dem Gutachten, \u201ein Zukunft unser Zusammenleben in Deutschland gestalten angesichts der religi\u00f6sen Pluralisierung, die mit Einwanderung verbunden ist, wenn wir zugleich in einer Gesellschaft leben, in der der Anteil nicht gl\u00e4ubiger Menschen w\u00e4chst?\u201c Tats\u00e4chlich ist es so, dass auch Politiker nachweislich immer weniger das Selbstbild Deutschlands als einer kulturchristlichen Wertegemeinschaft pflegen, sondern das Leitbild der religionspluralen Gesellschaft bevorzugen. Allerdings zeigen neuere Studien auch, dass Christinnen und Christen, insbesondere diejenigen mit niedriger (54,7 Prozent) und mit mittlerer (53,3 Prozent) Bildung, den christlichen Glauben f\u00fcr wichtig halten, um zur deutschen Gesellschaft dazuzugeh\u00f6ren, w\u00e4hrend Christinnen und Christen mit hoher Bildung eine solche Vorstellung mehrheitlich (zu 58,6 Prozent) ablehnen, so jenes Jahresgutachten.<\/p>\n<p>Nach der religionspolitischen Verschiebung durch die Weimarer Reichsverfassung von der hierarchischen \u00dcberordnung des Protestantismus zu seinem Nebeneinander mit dem Katholizismus erleben wir in Deutschland einhundert Jahre sp\u00e4ter eine neue religionspolitische Verschiebung: Die \u201eEntthronung\u201c des Christentums zugunsten seiner Nebenordnung mit dem Islam: Der \u201efr\u00fcher \u2026 vertretene religionspolitische Weg, den \u201aklassischen\u2018 und \u201astaatstragenden\u2018 Religionen (insbesondere dem Christentum) zahlreiche Rechte und Entfaltungsm\u00f6glichkeiten im \u00f6ffentlichen und staatlichen Raum zu garantieren, diese anderen (\u201astaatsfernen\u2018) Religionen aber vorzuenthalten, hat mittlerweile an \u00dcberzeugungskraft und Unterst\u00fctzern verloren. In einer \u2026 f\u00fcr Diskriminierung sensiblen Gesellschaft ist eine solche Politik zunehmend fragw\u00fcrdig geworden\u201c, so noch einmal das bereits genannte Jahresgutachten: Das neue Schlagwort hei\u00dfe \u201ereligionspolitischer Multikulturalismus\u201c. Deutschland ist somit<\/p>\n<p>&#8211; ein konfessionell wie religi\u00f6s auch geographisch gespaltenes Land<\/p>\n<p>&#8211; mit einem wachsenden Anteil von Konfessionslosen<\/p>\n<p>&#8211; wie von Muslimen<\/p>\n<p>&#8211; und schrumpfenden Kirchen<\/p>\n<p>&#8211; sowie abnehmender Bedeutung der gesellschaftlichen Bedeutung des christlichen Glaubens<\/p>\n<p>&#8211; bei gleichzeitiger wohlfahrtsstaatlicher Funktionalisierung der Kirchen<\/p>\n<p>geworden. Deutschland wird tats\u00e4chlich s\u00e4kularer, auch s\u00e4kularistischer, und zugleich multireligi\u00f6s. Hauptfaktor der religi\u00f6sen Pluralisierung ist die Zuwanderung: \u201eDurch sie verbreitert sich zum einen das Spektrum der christlichen Religionen\u201c, so hei\u00dft es in jenem Jahresgutachten missverst\u00e4ndlich, aber wortw\u00f6rtlich, \u201ezum anderen wurden vormals in Deutschland kaum vertretene Religionen (wie etwa der Islam) importiert und zwischenzeitlich verschwundene (und im konkreten Fall des Judentums: nahezu \u201aausgel\u00f6schte\u2018) Religionen neu etabliert.\u201c Irritierend ist in diesem Zitat nicht nur die Rede von der Pluralit\u00e4t der \u201echristlichen Religionen\u201c, sondern auch die ausgeblendete Tatsache der enormen religi\u00f6sen Pluralit\u00e4t der Muslime, womit der Befund der religi\u00f6sen Pluralisierung noch einmal best\u00e4tigt wird.<\/p>\n<p>Umstritten werden deshalb in Zukunft zum einen die F\u00e4lle sein, die man \u201aexemption claims\u2018 nennt, also Anspr\u00fcche \u201ezwischen den aus der Religionsfreiheit abgeleiteten Rechten und grundrechtlich gesch\u00fctzten Normen, die oft ebenfalls Verfassungsrang haben\u201c (Jahresgutachten 2016, 17) \u2013 das Kopftuchthema, die Blasphemiethematik oder die W\u00fcnsche, Kinder von Teilen des Schulunterrichts befreien zu lassen, geh\u00f6ren etwa hierzu. Zum anderen wird es auch um Konflikte im Zusammenhang mit \u201eparity claims\u201c gehen, \u201ein denen neue Religionsgemeinschaften auch f\u00fcr sich Entfaltungsm\u00f6glichkeiten reklamieren, die den etablierten christlichen Kirchen zur Verf\u00fcgung stehen\u201c (\u201eparity claims\u201c). Konflikthaft werden diese F\u00e4lle zumal dann, wenn die neuen Religionen nicht als verl\u00e4ssliche und verbindliche Kooperationspartner des Staates zu agieren verm\u00f6gen und sich nicht von ausl\u00e4ndischen Einfl\u00fcssen l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der religionspolitische Multikulturalismus wird \u2013 nicht nur seitens des wachsenden Anteils der Konfessionslosen \u2013 aber auch im Blick auf seine Zeitgem\u00e4\u00dfheit in Frage gestellt, weil er \u201ein einem religi\u00f6s vielf\u00e4ltigen und s\u00e4kularen Deutschland zu Problemen f\u00fchrt. Dies gilt etwa f\u00fcr den Bereich des kirchlichen Arbeitsrechts, das Religionsgemeinschaften gegen\u00fcber dem allgemeinen Arbeitsrecht weitgehende Sonderrechte einr\u00e4umt\u201c, f\u00fcr \u201eden Aufbau einer islamischen Theologie an deutschen Hochschulen, in deren Rahmen Verb\u00e4nden mit fraglicher Legitimit\u00e4t zu gro\u00dfe Mitspracherechte einger\u00e4umt wurden\u201c, oder f\u00fcr \u201edie vom Gesetzgeber in gro\u00dfer Eile erlassene Beschneidungsgestattung, die vor allem hinsichtlich der Schmerzbehandlung der Kleinkinder einiges im Unklaren\u201c lasse (Jahresgutachten 2016).<\/p>\n<p>In dieser Lage wird zunehmend darauf hingewiesen, dass es der deutschen religionsverfassungsrechtlichen Tradition entspr\u00e4che, \u201esich gegen\u00fcber Religionen und religi\u00f6sen Bed\u00fcrfnissen in besonderer Weise offen zu zeigen\u201c; das deutsche Recht erweise sich \u201eals flexibel\u201c und erm\u00f6gliche \u201eL\u00f6sungen, die Zumutungen f\u00fcr religi\u00f6s gebundene Menschen nach M\u00f6glichkeit vermeiden und mit denen daher alle gut leben k\u00f6nnen\u201c. Voraussetzung hierf\u00fcr sei \u201eaber eine gewisse M\u00e4\u00dfigung in religi\u00f6sen Dingen. Wenn die eigenen religi\u00f6sen Ma\u00dfst\u00e4be nicht absolut gesetzt werden, dann wird religi\u00f6se Freiheit nicht zur Grundlage f\u00fcr Konflikte\u201c (Jahresgutachten 2016).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich entspricht die Haltung der Mehrheit der Kirchenmitglieder in Deutschland diesem Postulat, die eigenen religi\u00f6sen Ma\u00dfst\u00e4be nicht absolut zu setzen, wenn man ihre Einstellungen zur eigenen Religion zur Kenntnis nimmt. Es breitet sich n\u00e4mlich die Neigung zu einem inklusiven Religionsverst\u00e4ndnis aus, in jeder Religion nur Varianten des Gleichen zu vermuten. Der Konstanzer Soziologe Bernhard Giessen sieht diese Neigung zu einem inklusiven Religionsverst\u00e4ndnis in unserer Gesellschaft weit verbreitet, ja als Bestandteil unserer \u201einklusiven Kultur\u201c, die sich vor dem Hintergrund der blutigen europ\u00e4ischen Religionsgeschichte herausgebildet hat: \u201eNach den europ\u00e4ischen Religionskriegen und der Aufkl\u00e4rung hat die inklusive Kultur der westlichen Moderne die Frage nach dem wahren Glauben suspendiert \u2026 Wir bem\u00fchen uns um Toleranz und \u00fcberlassen Glaubensfragen der Vorliebe oder \u00dcberzeugung der Einzelnen\u201c. Weil der Gottesglauben \u201estarke Solidarit\u00e4t mit Schwachen, Armen und Bedr\u00e4ngten stiften, aber auch Hass s\u00e4en und Feindschaft begr\u00fcnden\u201c k\u00f6nne, haben fast alle europ\u00e4ischen Staaten, voran die konfessionell gemischten Staaten, \u201eversucht\u201c, so Friedrich Wilhelm Graf, \u201edie destruktiven Elemente religi\u00f6sen Bewusstseins zu neutralisieren und den Glauben zu zivilisieren\u201c.<\/p>\n<p>Diese religionspolitische Zivilisierungsstrategie, die heute auch im Blick auf den Islam verfolgt wird, ist in der Vergangenheit nicht zuletzt auch \u00fcber die subsidiarit\u00e4tspolitische Einbindung der Kirchen und ihrer Wohlfahrtsverb\u00e4nde in den deutschen Wohlfahrtsstaat erfolgt, was \u2013 so meine These \u2013 zur Selbstzivilisierung der eigenen Bekenntnisreligion beitr\u00e4gt. So haben wir diese Neigung zu einem inklusiven Religionsverst\u00e4ndnis in einer eigenen empirischen Erhebung (\u201eSpiritualit\u00e4ten als Ressource f\u00fcr eine dienende Kirche\u201c) auch und gerade bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verbandlichen Caritas gefunden. Diese Neigung kommt etwa darin zum Ausdruck, dass sie den kirchlichen \u201eDogmatismus\u201c oder \u201eExklusionismus\u201c ablehnen, zumal die Caritas-Mitarbeitenden in verschiedenen sozialen Kontexten pr\u00e4sent sind und ihre Klientel zumeist multireligi\u00f6s strukturiert ist.<\/p>\n<p>Die Vorstellung jedenfalls, eine scharfe Identit\u00e4tsgrenze zu ziehen, nur die eigene Religion ins Recht zu setzen, und die anderen ins Unrecht, ihr allein den Wahrheitsstatus zuzuschreiben und daraus missionarische Impulse abzuleiten, schwindet nicht nur unter den J\u00fcngeren dahin. Die Bereitschaft, \u201em\u00f6glichst viele Menschen f\u00fcr meine Religion zu gewinnen\u201c, ist in Deutschland nur m\u00e4\u00dfig ausgepr\u00e4gt. Anders als viele Muslime sind die Kirchenmitglieder in Deutschland keine religi\u00f6sen Missionare. Dem entspricht ebenfalls der Befund, dass die tendenziell fundamentalistische \u00dcberzeugung, \u201edass in religi\u00f6sen Fragen vor allem meine eigene Religion Recht hat und andere Religionen eher Unrecht haben\u201c, in Gesamt- beziehungsweise in Westdeutschland (69 beziehungsweise 70 Prozent) auf hohe Ablehnung st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Inzwischen m\u00fcssen wir von einer wachsenden religionsinternen Pluralisierung auch unter katholischen Kirchenmitgliedern ausgehen. So sind zum Beispiel die spirituellen Orientierungen der von uns untersuchten Mitarbeitenden der Caritas mehrheitlich in den christlichen Kirchen verankert und basieren auf einem christlichen Wertefundament, sie machen aber weder an den konfessionellen noch an den christlich-religi\u00f6sen Grenzen Halt. Damit tendiert eine erhebliche Zahl der Mitarbeitenden der verbandlichen Caritas nicht nur zu einem inklusiven Religionsverst\u00e4ndnis, sondern auch zu einem Synkretismus in zentralen Glaubensfragen, der sich auch innerhalb der Kirchen als Teil religionsinterner Pluralisierungsprozesse ausdehnt.<\/p>\n<p>Konkret hei\u00dft dies zum Beispiel: Mehr als ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas sind reinkarnationsgl\u00e4ubig: 38,6 Prozent. Jedenfalls halten sie \u2013 so war das Item formuliert \u2013 \u201eReinkarnationen f\u00fcr m\u00f6glich. Sie fragen eher: \u201aWarum sollte es nicht m\u00f6glich sein? Bei Gott ist alles m\u00f6glich!\u201c Reinkarnationsgl\u00e4ubig sind beinahe genauso viele derjenigen, die \u201edas Christentum f\u00fcr das Fundament ihres pers\u00f6nlichen Wertesystems\u201c halten. Auff\u00e4llig ist zudem, dass ein erheblicher Anteil nicht nur den Glauben an ein Leben nach dem Tod, sondern auch den Auferstehungsglauben mit Reinkarnationsvorstellungen vereinbar h\u00e4lt. Mehr als 40 Prozent derer, die an ein Leben nach dem Tod glauben oder daran, dass es eine Auferstehung der Toten gibt, sind in diesem Sinne reinkarnationsgl\u00e4ubig. Was theologisch-dogmatisch auseinanderzuhalten ist, verm\u00f6gen nicht wenige Nicht-Theologen zusammenzubringen. Was, \u201etheo\u201c-logisch gesehen, abwegig und als Widerspruch erscheint, kann subjektiv, sozusagen \u201eego\u201c-logisch, gesehen durchaus als sinnvoll empfunden werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Solche und andere Befunde lassen sich auf eine massive Erosion der Reproduktions- und Sozialisationsbedingungen der Kirche zur\u00fcckf\u00fchren. Dies gilt in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht.<\/p>\n<p>In quantitativer Hinsicht zeigt sich, dass in den beiden gro\u00dfen Volkskirchen in Deutschland nicht nur ein Minorisierungs-, sondern auch ein Alterungsprozess eingesetzt hat. Besonders deutlich und exemplarisch l\u00e4sst sich diese \u00c4nderung am Beispiel Stuttgart zwischen 1975 und 2012 am Zugang junger Leute bei den sonstigen Religionen und den Religionslosen und ihrem gleichzeitigen R\u00fcckgang bei katholischen und evangelischen Einwohnern erkennen. So zeigt sich, dass die junge evangelische Bev\u00f6lkerung (bis 18 Jahre) zwischen 1975 und 2012 um mehr als zwei Drittel geschrumpft ist, die junge katholische um knapp zwei Drittel und die Zahl der jungen Anh\u00e4nger sonstiger Religionen oder Religionsfreien auf das reichlich Zweieinhalbfache angestiegen ist.<\/p>\n<p>Da unter den aus der Kirche Austretenden vermehrt junge Erwachsene sind, die Zahl der Geburten zur\u00fcck geht und mehr Kirchenmitglieder sterben und austreten als durch Taufe hinzugewonnen werden, kann \u2013 so auch der Soziologe Christof Wolf \u2013 auf eine wachsende \u00dcberalterung des Mitgliederbestands und dar\u00fcber auf eine Beschleunigung des Mitgliederschwunds geschlossen werden. Die zunehmende \u00dcberalterung der Kirchenmitglieder tr\u00e4gt dazu bei, dass die Zahl der Kirchenmitglieder nicht nur durch hochschnellende Kirchenaustrittszahlen schrumpft, sondern auch durch einen wachsenden Bestattungs\u00fcberschuss gegen\u00fcber den Taufen. Auch wenn in den letzten Jahren verst\u00e4rkt auf die Jugend gesetzt wird, um diese wieder an die Kirche zu binden, haben diese Aktionen oft nicht den gew\u00fcnschten Effekt.<\/p>\n<p>Dies h\u00e4ngt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass Familien nicht mehr die kirchlich-religi\u00f6se Qualit\u00e4t ihres Nachwuchses sicherzustellen in der Lage sind. Dieser wird zwar mehrheitlich getauft, aber kaum mehr kirchlich sozialisiert. Konnte die Kirche ihr Wachstum, die Reproduktion ihrer Mitgliedschaft wie ihres hauptamtlichen Personals, insbesondere der Priester, bislang weitgehend \u00fcber die Familien und ihre kirchlichen Sozialisationsleistungen erbringen, f\u00e4llt dieser K\u00f6nigsweg des Wachstums der Kirche bereits seit Jahren weitgehend aus. Hierf\u00fcr gibt es schon strukturelle Gr\u00fcnde, wenn man etwa an die Zusammensetzung des Familienpersonals denkt, die immer weniger aus konfessionell homogenen Eltern besteht. Allein diese Tatsache l\u00e4sst die \u2013 nun auch im neuesten Wort der deutschen Bisch\u00f6fe vom Februar 2017 aufgew\u00e4rmte \u2013 Rede von der Familie als Hauskirche nicht nur anachronistisch, sondern als v\u00f6llig realit\u00e4tsfern erscheinen. Immer mehr Geburten sind nichtehelich \u2013 ein weiterer von vielen Hinweisen, dass Familienbegriff und Familienleben nicht mehr der christlichen Tradition gehorchen.<\/p>\n<p>Auch kulturell zeigen empirische Studien, dass die Plausibilit\u00e4t eines f\u00fcr eine gelungene Ehe gemeinsamen religi\u00f6sen Bandes mehrheitlich sinkt. F\u00fcr die Ehe halten einen gemeinsam geteilten Glauben immer weniger junge Leute in Westdeutschland f\u00fcr \u201esehr wichtig\u201c. Es sind nur noch 11,6 beziehungsweise 11 Prozent (\u201eziemlich wichtig\u201c: 27,5 beziehungsweise 28,7 Prozent) in den beiden j\u00fcngsten Generationen. Wer heute von der Privatisierung des Glaubens spricht, kann damit nicht das private Zusammenleben der Geschlechter meinen. Vielmehr schl\u00e4gt die Privatisierung des Glaubens auch eine Kluft im privaten Zusammenleben.<\/p>\n<p>Zwar ist der gesamtgesellschaftliche Kurswert von Familie in Deutschland hoch, wenn nicht sogar gestiegen, allerdings wird mit ihr seitens der Familienmitglieder immer weniger ein Auftrag zur religi\u00f6sen Erziehung und kirchlichen Sozialisation verbunden. Diese Sozialisationsabbr\u00fcche sind empirisch sp\u00e4testens seit den 1990er Jahren beobachtbar mit der Konsequenz, dass auch diejenigen kirchlichen Bem\u00fchungen, die das religi\u00f6se Sozialisationsgeschehen der Familien unterst\u00fctzen sollen (Religionsunterricht, Sakramentenkatechese, Kinder- und Jugendpastoral), gewisserma\u00dfen in der Luft h\u00e4ngen, das hei\u00dft: nicht mehr auf den entsprechenden Vorleistungen der Familien aufbauen k\u00f6nnen. Das Zusammenspiel dieser Orte kirchlich-religi\u00f6ser Sozialisation ist deshalb erodiert, der ehemalige K\u00f6nigsweg der Reproduktion der Kirche kann immer weniger als begehbar vorausgesetzt werden. Bem\u00fchungen, ihn kirchlicherseits zu stabilisieren, laufen zumeist ins Leere, da solche Ma\u00dfnahmen die gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen der Erosion des kirchlichen Sozialisationsgeschehens der Familien nicht korrigieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neuerdings ist sogar vom Beginn eines \u201eallm\u00e4hlichen Prozesses des endg\u00fcltigen, nachwuchslosen Absterbens\u201c (Gregor Siefer) auch und gerade der katholischen Kirche in Deutschland die Rede, eines Prozesses, der sich aktuell in \u201eeine Art von \u00dcberlebenskampf\u201c zuspitze. Das Reservoir, spezielles kirchliches Personal f\u00fcr die m\u00e4nnliche Priesterschaft zu gewinnen, hat sich erheblich reduziert, was auch mit der Z\u00f6libats- und der Bildungsschranke, aber auch mit dem demographischen Wandel zusammenh\u00e4ngt; denn in den an Kinderzahl kleinen Familien sinkt schlicht die absolute Zahl von Jungen, die als k\u00fcnftige Kleriker in Frage k\u00e4men. Dieser Engpass ist schon seit Jahrzehnten ebenso absehbar wie die wachsende \u00dcberalterung des Klerus. In den letzten Jahren lag die Zahl der Priesterweihen jeweils mal knapp, mal deutlich unter 100 (2007: 110, 2009: 99; 2013: 98; 2008: 93; 2014: 75; 2015: 58), \u201edie Zahl der Pensionierungen sowie die Zahl der Todesf\u00e4lle bewegt sich j\u00e4hrlich um jeweils 350, sodass jeder neu Geweihte etwa sieben ausscheidende Mitbr\u00fcder ersetzen muss\u201c (Gregor Siefer). Das Durchschnittsalter des katholischen Klerus in Deutschland liegt derzeit bei gut 60 Jahren.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber kommt es zu Strukturreformen, durch die sich die pastoralen Territorien \u2013 in der Konsequenz \u2013 immer weiter in die Fl\u00e4che dehnen, was f\u00fcr einige schmerzliche Einschnitte in die alten Sach-, Zeit- und Sozialstrukturen kirchlichen Lebens und Erlebens mit sich bringt. Kirche verliert nicht nur an gesamtgesellschaftlicher Integrationskraft, sondern auch an lokaler Integrationskraft, was viele Kirchenmitglieder als \u201eHeimatverlust\u201c bezeichnen. Inzwischen werden in allen deutschen Di\u00f6zesen die \u00f6rtlichen pastoralen Strukturen so umgebaut, dass die Zahl der unteren pastoralen Einheiten in etwa der (in etwa zehn Jahren) prognostizierten Zahl der leitungsf\u00e4higen Priester entspricht. Die Leitung dieser unteren pastoralen Einheiten, die in den deutschen Bist\u00fcmern unterschiedliche Namen tragen (zum Beispiel Pfarreien neuen Typs, Pfarreiengemeinschaften, Pfarrverb\u00fcnde, Seelsorgsbereiche, Seelsorgeeinheiten) sollen dem Klerus anvertraut bleiben. Da die M\u00f6glichkeit, den Kreis der hauptamtlichen Leiter einer Pfarrei durch Nicht-Kleriker zu erweitern, nicht genutzt wird, erh\u00f6ht sich das pastorale Betreuungsverh\u00e4ltnis, so Gregor Siefer, auf etwa 1:25.000, was wohl auch das weitere Absinken des Anteils (2015: circa 10,4 Prozent) der sonnt\u00e4glichen Kirchg\u00e4nger erh\u00f6hen wird.<\/p>\n<p>Das kirchliche Kernpersonal, das in Deutschland vergreist, tr\u00e4gt damit immer weniger dazu bei, dass die Bindungskraft der Kirche f\u00fcr junge Leute steigt, zumal die sozialisatorische Pr\u00e4gekraft der Familien erheblich nachl\u00e4sst und auch vom Religionsunterricht nicht kompensiert werden kann. Dass das ehemalige Zusammenspiel dieser Sozialisationsgr\u00f6\u00dfen gekappt ist, gilt auch im Blick auf die Pfarrgemeinden. Denn auch das Image der Kirchenbesucherinnen und -besucher ist in den Augen der Jungen nicht cool. Wo Langeweile droht, entsteht f\u00fcr die nachwachsende Generation eine No-go-area. Ihre \u00e4sthetischen Erwartungen sehen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Gottesdiensten und an den Gottesdiensteilnehmer(inne)n nicht ber\u00fccksichtigt \u2013 das reicht ihnen schon als Argument. \u201eQuelle und H\u00f6hepunkt des ganzen christlichen Lebens\u201c finden bei ihnen keine Plausibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Zukunft der Kirche wird sich auch auf einem \u00e4sthetischen Markt erweisen, auf dem andere religi\u00f6se Gemeinschaften resonanzf\u00e4higer sind. Auch Muslime werben schon l\u00e4ngst f\u00fcr \u201edas \u00e4sthetische Erleben des Koran\u201c. \u201eReligionen haben ihre \u00c4sthetik\u201c, hei\u00dft es im Werbetext f\u00fcr Kermanis Buch \u201eGott ist sch\u00f6n\u201c weiter: \u201eSie sprechen in Mythen und Bildern, sie binden ihre Anh\u00e4nger durch die Anziehung ihrer Formen, Kl\u00e4nge und Rituale und nicht zuletzt durch die Poesie ihrer Texte. F\u00fcr den Koran, das Gr\u00fcndungsdokument des Islams, gilt dies in besonderer Weise, ist doch das gr\u00f6\u00dfte und f\u00fcr viele Theologen einzige Best\u00e4tigungswunder Mohammeds die sprachliche Sch\u00f6nheit und Vollkommenheit seiner Verk\u00fcndigung. Die musikalische Rezitation des g\u00f6ttlichen Wortes ist f\u00fcr gl\u00e4ubige Muslime eine \u00e4sthetische Grunderfahrung und Ausgangspunkt faszinierender Gedankenreisen, die im Mittelpunkt dieses Buches von Navid Kermani stehen.\u201c Eine der entscheidenden Fragen wird sein, ob die Kirche in der Lage sein wird, die \u201eFreude des Evangeliums\u201c nicht nur zu behaupten, sondern auch erlebnisf\u00f6rmig zu vermitteln und ihre eigenen \u201espirituellen Ressourcen\u201c, von denen \u201eAmoris laetitia\u201c in den Nummern 204 und 211, spricht, zu entfalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitgehend dominant sind die Kirchen in Deutschland nach wie vor auf dem sozialstaatlich regulierten und finanzierten Sektor sozialer Dienstleistungen, was im Vergleich mit den Formen kirchlicher Pr\u00e4senz in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern deutlich erkennbar wird, auch im Vergleich mit den orthodoxen Kirchen, wenn ich recht sehe. Das von den deutschen Katholiken unterhaltene Gef\u00fcge von Organisationen und Einrichtungen wird erst auf dem Hintergrund der f\u00fcr Deutschland typischen \u2013 ehemals blutigen \u2013 Konkurrenz der Konfessionen und eines bestimmten Staats-Kirche-Verh\u00e4ltnisses verst\u00e4ndlich, das auch als kooperative Trennung bezeichnet wird. Im Vergleich zu anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ist diese deutsche \u201eSozialkirche\u201c \u2013 seit ihrer Gr\u00fcndung 1848 in Gestalt der Inneren Mission, des heutigen Diakonischen Werks der evangelischen Kirchen und in Gestalt des Deutschen Caritasverbandes seit 1897 \u2013 ein Unikat.<\/p>\n<p>Allein die verbandliche Caritas mit inzwischen mehr als 600.000 voll- und teilzeitbesch\u00e4ftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern \u2013 80 Prozent Mitarbeiterinnen! \u2013 ist der gr\u00f6\u00dfte nichtstaatlichen Arbeitgeber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Sein Wachstum von rund 100.000 Mitarbeitenden 1950 auf rund 600.000 Mitarbeitende heute geht ja keineswegs mit einer gesellschaftlichen Aufwertung von Kirche und Christentum, sondern \u2013 gegenl\u00e4ufig zu Prozessen der Entkonfessionalisierung und Entkirchlichung \u2013 mit der Expansion des deutschen Wohlfahrtsstaates einher. Zum Zweck der politischen Legitimierung, Stabilisierung und Pazifizierung macht er die Verbesserung der Lebenslagen immer weiterer Bev\u00f6lkerungsgruppen zum Thema bindender Entscheidungen und lie\u00df \u2013 \u00fcber das im deutschen Sozialrecht verankerte katholische Subsidiarit\u00e4tsprinzip \u2013 an der Gestaltung der deutschen Sozialstaatsgesellschaft auch die Kirchen mit ihren Wohlfahrtsorganisationen partizipieren. Diese Entwicklung der deutschen Sozialkirche l\u00e4sst sich aus der Sicht der politischen \u00d6konomie \u2013 durchaus zugespitzt \u2013 als Teil einer Kompensations-Strategie interpretieren, n\u00e4mlich einer Strategie, den gesellschaftlichen Legitimations-, Macht- und Statusverlust einer \u201aKirche ohne Gl\u00e4ubige\u2018 durch einen Machtgewinn einer \u201aKirche mit Stellen\u2018 auf dem Arbeitsmarkt auszugleichen, an deren Erhalt dann durchaus ebenfalls Interesse w\u00e4chst, wenn auch nicht aus prim\u00e4r religi\u00f6sen, sondern aus sozio\u00f6konomischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>So entwickelt sich die katholische Kirche in Deutschland eher zur \u00f6ffentlichen Dienstleisterin statt zur Glaubensgemeinschaft, zur Akteurin des Gemeinwohls statt zur Vermittlerin des pers\u00f6nlichen Heils und Anleiterin, das Gute zu tun und das B\u00f6se zu lassen. Ihr wird zunehmend die Funktion der diakonischen Assistenz auch des \u00f6ffentlichen Lebens zugewiesen, die Leistungen f\u00fcr die anderen sozialen Teilsysteme der modernen Gesellschaft erbringt. So spricht vieles daf\u00fcr, dass das wachsende Desinteresse hinsichtlich der individuellen Orientierung an kirchlichen Werten und Normen durchaus mit dem Interesse an \u00f6ffentlichen Leistungen der Kirche und anderer Formen ihrer \u00f6ffentlichen Pr\u00e4senz einhergehen kann. Kirche ja (f\u00fcr die anderen; f\u00fcr das Gemeinwohl) und Kirche nein (f\u00fcr mich) scheinen sich bei einer so starken Legitimation einer Vielfalt \u00f6ffentlicher Pr\u00e4senz der Kirchen nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Man wird deshalb den Schluss ziehen k\u00f6nnen, dass die private wie die \u00f6ffentliche Verbindlichkeit und Zumutungskraft kirchlicher Werte und Normen begrenzt werden, aber die Kirchen als diakonisches kommunikatives Angebot f\u00fcr legitim gehalten, ja begr\u00fc\u00dft werden, und zwar im privaten wie im \u00f6ffentlichen Raum. Ob die Kirche als Sozialkirche die Pastoralkirche auf Dauer zu stabilisieren vermag, ist derzeit noch nicht ausgemacht. Skepsis scheint angebracht, zumal der Pastoralkirche die herk\u00f6mmliche familiale Reproduktionsbasis erodiert und eine neue Strategie des Kirchenwachstums noch aussteht. Eine solche Strategie k\u00f6nnte mit dem derzeitigen Umbau der pastoralen Strukturen zusammengehen. Dieser Umbau m\u00fcsste dann freilich so geschehen, dass er nicht die derzeit beobachtbaren Schrumpfungsprozesse auch noch bef\u00f6rdert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Nach der \u201eWende\u201c durch den Niedergang des osteurop\u00e4ischen Sozialismus hie\u00df es, dass Deutschland nun protestantischer werden w\u00fcrde. Deutschland ist allerdings seit 1989 weder protestantischer noch katholischer, sondern konfessionsloser und zugleich religionspluraler geworden. Zugleich hat sich die Kirchenkrise auch auf katholischer Seite versch\u00e4rft. 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