{"id":118144,"date":"2026-01-20T14:41:36","date_gmt":"2026-01-20T13:41:36","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118144"},"modified":"2026-01-20T14:42:02","modified_gmt":"2026-01-20T13:42:02","slug":"orthodoxe-kirche-und-kultur-in-griechenland-der-deutsche-einfluss","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/orthodoxe-kirche-und-kultur-in-griechenland-der-deutsche-einfluss\/","title":{"rendered":"Orthodoxe Kirche und Kultur in Griechenland"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist die religi\u00f6se Situation des heutigen Europa in Ost und West als einheitlich zu bewerten? Oder lassen sich erhebliche oder feine Differenzierungen zwischen ihnen beobachten? Wie sieht es im Fall des modernen Griechenlands (seit 1830) und der hiesigen Orthodoxen Kirche (seit 1833) aus? Gibt es bestimmte Besonderheiten und Partikularit\u00e4ten in Bezug auf die religi\u00f6se und nicht zuletzt gesamtkulturelle Entwicklung des Landes in den letzten zwei Jahrhunderten? Diese und \u00e4hnliche Fragen r\u00fccken im Rahmen der voranschreitenden gesamteurop\u00e4ischen Integration oftmals in den Hintergrund, insbesondere wenn die Rede pauschal von einem \u201echristlichen Europa\u201c ist.<\/p>\n<p>In so einem Kontext werden die vielen Besonderheiten der griechischen Orthodoxie und Kultur insgesamt nicht angemessen wahrgenommen, ber\u00fccksichtigt man zudem die Tatsache, dass der moderne neugriechische Staat (einschlie\u00dflich der Kirche) einem systematischen Modernisierungsprogramm seit seiner Entstehung ausgesetzt wurde, das zum gro\u00dfen Teil mit einer \u201eVerwestlichung\u201c einherging. Dieser Prozess war jedoch stets umstritten und blieb daher unvollst\u00e4ndig. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrte er zu internen Rissen und Spaltungen zwischen prowestlichen und antiwestlichen Richtungen innerhalb der griechischen Gesellschaft, die bis heute nicht \u00fcberwunden werden konnten. Selbst die seit 2009 laufende und bis heute nicht behobene tiefe Finanzkrise im Land hat mit dieser besonderen Situation viel zu tun.<\/p>\n<p>All dies bedeutet keineswegs, dass das westeurop\u00e4ische oder auch westliche Christentum im Allgemeinen als einheitlich und homogen zu betrachten ist. Ganz im Gegenteil lassen sich hier nat\u00fcrlich zahlreiche Unterschiede beobachten, und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Trotzdem besteht sehr oft die Tendenz in der Forschung, pauschal vom \u201eeurop\u00e4ischen Christentum\u201c zu sprechen, obwohl man eigentlich nur das westeurop\u00e4ische Christentum in Betracht zieht. Charakteristisch hierf\u00fcr ist das Buch \u201eEurope: The Exceptional Case\u201c der bekannten britischen Religionssoziologin Grace Davie, die die intra-europ\u00e4ische religi\u00f6se Diversit\u00e4t zwischen Ost und West nicht wirklich wahrnimmt, indem sie sich eigentlich nur auf das westeurop\u00e4ische Christentum fokussiert. Die Orthodoxie am Beispiel Griechenlands kommt in diesem Buch nur am Rande vor und ohne wirkliche Bedeutung f\u00fcr die Ergebnisse dieser Studie, die ohnehin spannend und interessant sind.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr das von Hans Joas und Klaus Wiegandt herausgegebene \u201eDie kulturellen Werte Europas\u201c, in dem wiederum von gesamteurop\u00e4ischen Werten die Rede ist, ohne jedoch die Spezifik orthodoxer Kulturen in Ost- und S\u00fcdosteuropa n\u00e4her in den Blick zu nehmen. Dies erscheint jedoch absolut erforderlich angesichts der Tatsache, dass viele historische und gegenw\u00e4rtige orthodoxe Diskurse sich gezielt gegen bestimmte europ\u00e4ische Werte richten, wie zum Beispiel gegen die S\u00e4kularit\u00e4t, die religi\u00f6se und weltanschauliche Pluralit\u00e4t, die Individualit\u00e4t oder die Liberalit\u00e4t. Es stellt sich daher die Frage, warum in diesem Band von einem gesamteurop\u00e4ischen Wertesystem die Rede ist, ohne jedoch der tats\u00e4chlich existierenden religi\u00f6sen und kulturellen Vielfalt und Diversifikation Europas zwischen Ost und West Rechnung zu tragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All dies trifft in besonderer Weise auf das moderne Griechenland zu, das manche \u201eAlleinstellungsmerkmale\u201c gegen\u00fcber anderen mehrheitlich orthodoxen L\u00e4ndern Ost- und S\u00fcdosteuropas aufweist. Trotz der historischen Spannungen zwischen Ost- und Westchristentum im Mittelalter, waren dieses Land und seine Kultur f\u00fcr die Entstehung der modernen westlichen Zivilisation doch von enormer Bedeutung. Hier sei zuerst auf die umfangreiche und systematische Antikerezeption in Westeuropa seit dem Beginn der Fr\u00fchen Neuzeit verwiesen, deren Spuren in verschiedenen Auspr\u00e4gungen noch zu beobachten sind.<\/p>\n<p>Der Philhellenismus war ebenfalls eine in Westeuropa (darunter auch besonders in Deutschland) sehr verbreitete Bewegung, die mit einer vielf\u00e4ltigen \u201eGriechenbegeisterung\u201c verbunden war. Dasselbe gilt auch f\u00fcr die Romantik und den Neoklassizismus. Dar\u00fcber hinaus waren die Beziehungen Griechenlands zur westlichen Welt und Allianz immer sehr stark, denn das Land stand nie in seiner Geschichte hinter dem \u201eEisernen Vorhang\u201c. Nicht zu vergessen ist schlie\u00dflich, dass Griechenland das erste orthodoxe Land war, das 1981 offizielles Mitglied der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde. All dies deutet zwar auf die engen Beziehungen des Landes mit dem Westen hin, doch sollten die damit verbundenen zahlreichen Probleme nicht au\u00dfer Acht bleiben.<\/p>\n<p>Diese Probleme begannen bereits bei der Entstehung des neugriechischen Staates in der Zeit der bayerischen Regierung in Griechenland unter K\u00f6nig Otto (1833-1862). Es ist kein Zufall, dass die \u201eBavarokratie\u201c, die bayerische Herrschaft in Griechenland, vorwiegend und bis heute mit negativen Konnotationen verbunden ist (etwa mit staatlichem Zentralismus und Absolutismus). Es ging um umfassende Reformen in der damaligen Gesellschaft, die nicht zuletzt die Orthodoxe Kirche unmittelbar betrafen und die auf die einschneidenden Ma\u00dfnahmen eines der Regenten f\u00fcr K\u00f6nig Otto, des Juristen und Professors Georg Ludwig von Maurer (1790-1872), zur\u00fcckgingen.<\/p>\n<p>Konkret ging es um die folgenden Entwicklungen: die unilaterale Erkl\u00e4rung der Autokephalie der griechischen Kirche vom Patriarchat von Konstantinopel im Jahre 1833; die Bildung einer heiligen Synode der Kirche unter der Aufsicht des Staates; die Aufhebung von orthodoxen Kl\u00f6stern (rund 70 Prozent) und die Nationalisierung ihres Besitzes; die Einrichtung von universit\u00e4ren Institutionen theologischer Bildung (1837 mit der Gr\u00fcndung der Athener Universit\u00e4t); und die Integrierung der Kirche in die staatlichen Strukturen (z.B. Bisch\u00f6fe als Staatsdiener). Selbstverst\u00e4ndlich \u00e4nderten diese Ma\u00dfnahmen das Bild der Kirche schlagartig und riefen zahlreiche Reaktionen seitens verschiedener orthodoxer Akteure und der breiten Bev\u00f6lkerung hervor. Im Laufe des 19. Jahrhunderts konnte jedoch die Position der Kirche in der Gesellschaft normalisiert werden. Besonders gewann die Kirche an Bedeutung durch die Unterst\u00fctzung des griechischen Nationalismus und Irredentismus \u2013 immer an der Seite des Staates, zu dessen Legitimierung sie entscheidend beitrug. Dementsprechend bekam sie vom Staat auch verschiedene Privilegien, die teilweise noch bis heute noch gelten.<\/p>\n<p>Trotz der verbreiteten negativen Evaluierung der \u201eBavarokratie\u201c in Griechenland muss anerkannt werden, dass die damals eingeleiteten Kirchenreformen in Einklang mit der in Westeuropa herrschenden Regulierung der Staat-Kirche-Beziehungen standen. Maurer war Protestant und vom Prinzip des Territorialismus in den Staat-Kirche-Beziehungen gepr\u00e4gt. F\u00fcr seine Pl\u00e4ne bekam er unter anderem Unterst\u00fctzung von einigen einflussreichen Griechen, wie des Klerikers und Universit\u00e4tsprofessors Theoklitos Pharmakides (1784-1860), der hinter der kirchlichen Autokephalie Griechenlands stand. Dies f\u00fchrte damals zu einem Bruch der Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel, die erst 1850 wiederhergestellt werden konnte. Mit anderen Worten: Man h\u00e4tte von der damaligen bayerischen Regierung Griechenlands nichts anderes erwartet, denn die Reformen waren aus bayerischer Sicht durchaus notwendig und nachvollziehbar. Aus n\u00fcchterner heutiger Perspektive sollten sie zudem in vielerlei Hinsicht differenzierter betrachtet und evaluiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Hintergrund der Reformen an sich war nicht problematisch, sehr wohl aber die Art und Weise, wie sie umgesetzt wurden. Viele Orthodoxe, damals und sp\u00e4ter, empfanden daher diesen Wandel als einen schmerzhaften Bruch mit der eigenen orthodoxen Vergangenheit, was wiederum v\u00f6llig erkl\u00e4rbar und verst\u00e4ndlich ist. Die Reformen hatten wesentliche Nerven der damaligen Gesellschaft unmittelbar ber\u00fchrt, die nicht schnell modernisiert werden konnte. Die \u201edeutsche Nach\u00e4ffung\u201c wurde daher sp\u00e4ter im griechischen Sprachgebrauch meistens negativ konnotiert. Dies war jedoch \u00fcberhaupt kein Hindernis f\u00fcr die umfangreichen und vielf\u00e4ltigen Kontakte zwischen Griechenland und Deutschland. An dieser Stelle denke man nur daran, dass die \u00fcberwiegende Mehrheit griechischer Eliten (darunter auch Kleriker und Theologen) bis zum Zweiten Weltkrieg ein Aufbaustudium fast ausschlie\u00dflich in Deutschland absolvierten.<\/p>\n<p>Was man jedoch an dieser Stelle braucht, ist die breitere Einbettung und Kontextualisierung der damaligen Entwicklungen im Bereich der Orthodoxen Kirche, die mutatis mutandis auch andere Kirchen in Europa betrafen. Im Grunde genommen ging es um die Begegnung der christlichen Kirchen mit der Moderne, die nie reibungslos, sondern in den meisten F\u00e4llen konflikttr\u00e4chtig verlaufen ist. Diese Entwicklung hatte bereits in Westeuropa seit der Fr\u00fchen Neuzeit begonnen und stellte die dortigen Kirchen \u2013 insbesondere die R\u00f6misch-Katholische, aber auch die protestantischen \u2013 vor gro\u00dfe neue Herausforderungen (etwa die antiklerikale Ausrichtung der Franz\u00f6sischen Revolution sowie die Konsequenzen des Kulturkampfes in Deutschland). Langfristig waren diese Kirchen gezwungen, sich zu ver\u00e4ndern, sich den neuen Verh\u00e4ltnissen anzupassen und ein neues soziales Profil zu artikulieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Orthodoxie in Griechenland begann diese Herausforderung erst nach der Gr\u00fcndung des neugriechischen Staates und mit der bayerischen Regierung. Es handelte sich um eine unausweichliche Entwicklung, mit der die griechische Kirche fr\u00fcher oder sp\u00e4ter konfrontiert werden sollte. Eine \u00e4hnliche Erfahrung hatte die Russische Orthodoxe Kirche zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als Zar Peter I. eine umfassende Kirchenreform einleitete. Die Begegnung mit der Moderne war ohnehin ein notwendiger Wendepunkt f\u00fcr zahlreiche Religionen und Kulturen auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Unterschied jedoch zwischen den orthodoxen und westlichen Kirchen liegt gerade in der Aneignung der Moderne. Im Westen konnten die Kirchen jeweils aus dieser Begegnung und Interaktion, trotz Spannungen und Problemen, davon profitieren und neue Entwicklungen in die Wege leiten. Dies wird sofort deutlich, sobald man den Prozess der Pluralisierung des Christentums (nach der Reformation) sowie dessen Konfessionalisierung oder auch die produktive Interaktion der Aufkl\u00e4rung mit dem westlichen Christentum in Betracht zieht. Die westlichen Kirchen entwickelten auch ein anderes Verh\u00e4ltnis zur S\u00e4kularit\u00e4t und haben die Trennung zwischen Staat und Kirche positiv beurteilt und konstruktiv aufgearbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der deutsche Fall mit seiner Bi-Konfessionalit\u00e4t ist ein Paradebeispiel dieser fruchtbaren Auseinandersetzung der christlichen Kirchen mit der Moderne. Die Kirchen wurden auf lange Sicht zivilisierter und anpassungsf\u00e4higer, daher konnten sie v\u00f6llig in die modernen staatlichen Strukturen integriert werden (z.B. als gro\u00dfe \u00f6ffentliche Dienstanbieter und Arbeitgeber neben dem Staat). Bekanntlich wird in diesem Jahr in Deutschland (und weltweit) das Reformationsjubil\u00e4um gefeiert. Denkt man nur an die immense Kulturbedeutung des Protestantismus im deutschen Raum in Geschichte und Gegenwart, dann wird seine besondere Verflechtung mit dem Aufstieg der Moderne ganz offensichtlich.<\/p>\n<p>Wirft man jedoch einen Blick auf das orthodoxe Griechenland, dann erscheint dort eine grunds\u00e4tzlich andere Situation. Hier blieb n\u00e4mlich diese mit der Moderne angefangene Begegnung und Interaktion immer problematisch, umstritten und unvollst\u00e4ndig. Die griechische Orthodoxie erfuhr n\u00e4mlich nicht \u201eam eigenen Leib\u201c die radikalen Umbr\u00fcche, die das Gesamtbild Westeuropas schlagartig \u00e4nderten, nur deren Widerhall und \u00e4u\u00dferen Einfluss. Es ist daher nicht \u00fcbertrieben zu behaupten, dass die Orthodoxe Kirche sich in vielerlei Hinsicht (etwa bez\u00fcglich ihrer Orientierung oder Leitideen) noch in einer \u201evormodernen Situation\u201c befindet, denn sie \u00fcbt Kritik, explizit oder implizit, am modernen Wertesystem und versucht dabei, idyllisch konzipierte vormoderne Zust\u00e4nde (etwa Gemeinschaftsideale) wiederzubeleben. Dies bedeutet nicht die grunds\u00e4tzliche Inkompatibilit\u00e4t der Orthodoxie mit der modernen Welt, sondern verweist auf die vielen Probleme orthodoxer Kirchen und Kulturen generell mit der Moderne.<\/p>\n<p>Neben anderen Akteuren hat die Orthodoxe Kirche immer eine Schl\u00fcsselrolle dabei gespielt. Ihre Reaktionen hingen zudem mit der Tatsache zusammen, dass die Moderne grunds\u00e4tzlich als ein \u201ewestliches\u201c Produkt angesehen und kritisiert wurde. Man muss hier die jahrhundertelange antiwestliche Haltung der Orthodoxen Kirche in Erinnerung rufen, um diese Reaktionen besser verstehen zu k\u00f6nnen. Es handelt sich dabei um den ber\u00fcchtigten orthodoxen Antiokzidentalismus, nachdem alles Westliche als verd\u00e4chtig und gef\u00e4hrlich eingestuft wird. Es versteht sich von selbst, dass all dies nat\u00fcrlich keine gute Ausgangsperspektive f\u00fcr eine wie auch immer geartete positive Begegnung mit der Moderne ist. Etwaige negative Erfahrungen, wie zum Beispiel diejenigen aus der bayerischen Herrschaft in Griechenland, haben nat\u00fcrlich solche orthodoxen antiwestlichen Haltungen gest\u00e4rkt. Die Differenzen im Bereich der kirchlichen Situation und Entwicklungen zwischen Griechenland und Deutschland sind hier mehr als deutlich.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re jedoch falsch, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, das orthodoxe Griechenland sei in puncto Religion eine Ausnahme. Genauer w\u00e4re es, von bestimmten Besonderheiten im Vergleich zu Westeuropa zu sprechen, die historisch fundiert sind und deren Nachwirkungen noch in der Gegenwart zu sp\u00fcren sind, obschon in modifizierter und oftmals latenter Form. Sprechen wir jedoch hier vom orthodoxen Griechenland, erscheint es eindeutig geboten, die jeweiligen Diskursfelder zu identifizieren, von denen die Rede ist. Konkreter gesagt: Die griechisch-orthodoxe Welt ist, wie jede andere, sehr vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt die offizielle Kirchenhierarchie, die zwischen den verschiedenen Richtungen hindurchzulavieren versucht und die meistens gem\u00e4\u00dfigte Positionen vertritt. Hinzu kommt die besondere orthodoxe M\u00f6nchs- und Nonnenkultur, die mehrheitlich traditionalistisch orientiert ist. Ferner existieren orthodoxe Modernisten und Reformisten, die eher eine Minderheit darstellen und die in der Regel einer starken Kritik ausgesetzt sind. Dar\u00fcber hinaus gibt es orthodoxe Theologen und Intellektuelle unterschiedlicher Provenienz, die ihrerseits ganz besondere Richtungen vertreten. Nicht zu vergessen sind orthodoxe Rigoristen beziehungsweise Fundamentalisten, die zusammen mit dem M\u00f6nchtum striktere Positionen vertreten und Druck auf die Kirchenhierarchie aus\u00fcben. Schlie\u00dflich gibt es auch die Massen der Gl\u00e4ubigen, die von allen diesen Richtungen Anreize und Anweisungen erhalten oder entsprechenden Einfl\u00fcssen ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Im Endeffekt ergibt sich daher das Bild einer polyfokalen orthodoxen griechischen Kultur, die von einer gro\u00dfen Vielfalt gekennzeichnet wird und die nicht pauschal als antimodern zu bezeichnen ist. In der Zeit nach der Wiederherstellung der Demokratie 1974 gab es einen gem\u00e4\u00dfigten S\u00e4kularisierungsprozess im Lande, mit dem sich die Kirche generell arrangieren konnte. Selbst in der Zeit des Erzbischofs Christodoulos (1998-2008), eines popul\u00e4ren und einflussreichen, doch umstrittenen Kirchenmannes, der von seinen Gegnern als antimodern angeprangert worden war, gab es etliche Entwicklungen (etwa die Errichtung einer kirchlichen Kommission f\u00fcr Bioethik), die durchaus einen modernen Hintergrund aufweisen.<\/p>\n<p>Sein Nachfolger, der jetzige Erzbischof Hieronymos II. (seit 2008), scheint mit der Logik der Moderne in vielerlei Hinsicht vertraut und kompatibler zu sein und versuchte, der Kirche ein neues und starkes soziales Profil zu verleihen, was in der Zeit der laufenden tiefen Finanzkrise sehr oft unter Beweis gestellt wurde. Dar\u00fcber hinaus gibt es etliche neue Richtungen in der griechischen Orthodoxie, die sehr selbstkritisch sind, eine Bilanz der bisherigen Entwicklungen ziehen wollen und einen Durchbruch in Sachen Moderne beabsichtigen. Die \u201eVolos Akademie f\u00fcr Theologische Studien\u201c, die seit 2000 besteht und internationales Renommee genie\u00dft, ist ein Paradebeispiel einer solchen offenen orthodoxen Werkstatt mit Blick auf die Zukunft und die \u00d6ffnung der Orthodoxie zu der modernen Welt.<\/p>\n<p>Die l\u00e4ngst f\u00e4llige positive Interaktion mit der Moderne bedeutet f\u00fcr die griechische Orthodoxie jedoch nicht die unkritische Bejahung aller modernen Entwicklungen oder die Nachahmung westlicher (insbesondere deutscher) kirchlicher Techniken, Strategien und L\u00f6sungen. Es geht um eine besondere griechisch-orthodoxe kritische Auseinandersetzung mit der Moderne, die eventuell zu der eigenen Modernit\u00e4t der griechischen Orthodoxie f\u00fchren k\u00f6nnte. All dies ist durchaus m\u00f6glich, insbesondere nach dem g\u00e4ngigen Modell der \u201emultiplen Modernit\u00e4ten\u201c (Eisenstadt). In diesem Prozess kann zwar die griechische Orthodoxie von der Erfahrung der Kirchen, westlichen oder nicht, viel lernen, doch wird sie am Ende ihr eigenes Profil und ihre eigene Identit\u00e4t artikulieren m\u00fcssen. In diesem Rahmen k\u00f6nnte sie einige ihrer Besonderheiten, wenn auch in ver\u00e4nderter Form, aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Das betrifft zum Beispiel die Beziehungen zwischen Kirche, Staat und Politik oder zwischen religi\u00f6ser und politischer Sph\u00e4re im Allgemeinen. Diese Thematik hat eine lange Vorgeschichte in Europa seit der Konstantinischen Wende und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion. Jedoch f\u00fchrte die Spaltung des R\u00f6mischen Reiches in Ost und West im 4. Jahrhundert zu einer stufenweisen Ausdifferenzierung der beiden Seiten auch in diesem Bereich. Der ostr\u00f6mische (byzantinische) Osten entschied sich f\u00fcr das Symphonie-Modell zwischen \u201eimperium\u201c und \u201esacerdotium\u201c, das \u2013 zumindest der Theorie nach \u2013 der Trennung und Spannung zwischen beiden Gewalten negativ gegen\u00fcberstand. Im lateinischen Westen \u00fcberwog einerseits das Modell der Unabh\u00e4ngigkeit und Selbst\u00e4ndigkeit der Kirche von und gegen\u00fcber der politischen F\u00fchrung, andererseits \u00fcbernahm die Kirche selbst politische Macht und Funktionen, was zu einer dauerhaften Spannung zwischen den beiden Gewalten f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Frage ist hier nicht, ob das eine oder das andere Modell besser oder wirkungsvoller war und ist. Beide Modelle sind auf unterschiedliche soziopolitische Entwicklungen in Ost und West zur\u00fcckzuf\u00fchren und von daher unausweichlich. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich in verschiedenen lokalen Auspr\u00e4gungen weiter und pr\u00e4gten das jeweilige Bild der Kirche-Staat-Beziehungen in Ost und West entscheidend. Ihr Einfluss auf die Artikulierung der jeweiligen Kulturen Europas war insofern einschneidend. Mit dem Beginn der Neuzeit (insbesondere nach der Reformation) begann jedoch eine neue Phase in Westeuropa bez\u00fcglich der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, die durch eine lange Entwicklung zu der heutigen Lage im Westen Europas f\u00fchrte. Die heutige Trennung zwischen Staat und Kirche \u2013 entweder friedlich (Deutschland) oder feindlich (Frankreich) oder die Existenz eines selbst\u00e4ndigen Vatikanstaates \u2013 ist ohne Bezug auf diese lange Vorgeschichte nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Der orthodoxe Osten erlebte w\u00e4hrend der Neuzeit und der Moderne eine grunds\u00e4tzlich andere Entwicklung, die langfristig zur Nationalisierung der jeweiligen Orthodoxen Kirchen und ihrer engen Bindung zur staatlichen Macht f\u00fchrte. Diese Entwicklung ist wiederum ohne Ber\u00fccksichtigung der jahrhundertelangen Verbindung von Staat und Kirche in Byzanz nicht nachvollziehbar. Auf der anderen Seite sind die westlichen Einfl\u00fcsse auf die Orthodoxie, wie diese im Falle Griechenlands unter bayerischer Herrschaft zum Ausdruck kamen, unverkennbar. Daraus ist eine besondere Konstellation in den Kirche-Staat-Beziehungen entstanden, die man als \u201esymphonische S\u00e4kularit\u00e4t\u201c bezeichnen k\u00f6nnte, indem sie Elemente aus der Vergangenheit und der Moderne verbindet.<\/p>\n<p>Solche feinen oder sogar gr\u00f6\u00dferen Unterschiede zwischen Ost und West lassen sich also heute auf verschiedenen Ebenen beobachten. Sie sind, trotz gegenseitiger Beeinflussungen und der voranschreitenden \u201eHomogenisierung\u201c im politischen, \u00f6konomischen oder im juristischen Bereich innerhalb der Europ\u00e4ischen Union, noch zu erkennen. W\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte gibt es transnationale statistische Erhebungen und entsprechende Untersuchungen \u00fcber die kulturelle und religi\u00f6se Landschaft des gegenw\u00e4rtigen Europa (etwa die \u201eEuropean Social Survey\u201c), die in vielerlei Hinsicht auf noch bestehende Unterschiede sowie auf gewisse Homogenisierungsprozesse und gemeinsame religi\u00f6se Verhaltensmuster europ\u00e4ischer B\u00fcrger\/innen jenseits konfessioneller, kultureller oder geographischer Grenzen hindeuten.<\/p>\n<p>Wichtig ist aber, diese Unterschiede oder Gemeinsamkeiten differenziert sowie n\u00fcchtern und gem\u00e4\u00dfigt zu evaluieren und zu beurteilen, denn sie deuten unmissverst\u00e4ndlich auf unausweichliche Konsequenzen in unserer internationalisierten und globalisierten Welt hin. Dasselbe betrifft nicht zuletzt die verschiedenen deutschen Einfl\u00fcsse auf die griechische Orthodoxie in Geschichte und Gegenwart, die nicht pauschal verworfen werden sollten, sondern kritisch und konstruktiv aufgearbeitet werden m\u00fcssen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Ist die religi\u00f6se Situation des heutigen Europa in Ost und West als einheitlich zu bewerten? Oder lassen sich erhebliche oder feine Differenzierungen zwischen ihnen beobachten? Wie sieht es im Fall des modernen Griechenlands (seit 1830) und der hiesigen Orthodoxen Kirche (seit 1833) aus? 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