{"id":118152,"date":"2026-01-20T15:30:18","date_gmt":"2026-01-20T14:30:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118152"},"modified":"2026-01-20T15:30:21","modified_gmt":"2026-01-20T14:30:21","slug":"regensburg-1519-vertreibung-der-juden-aus-der-stadt-das-ende-einer-bedeutenden-juedischen-gemeinde","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/regensburg-1519-vertreibung-der-juden-aus-der-stadt-das-ende-einer-bedeutenden-juedischen-gemeinde\/","title":{"rendered":"Regensburg 1519"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die Anf\u00e4nge der Reformation heute weitaus pr\u00e4senter im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert sind als etwa die Vertreibung der Juden aus Regensburg 1519, so liegt dies nicht nur daran, dass letztere scheinbar nur wenig Relevanz entfaltete, w\u00e4hrend der ber\u00fchmte Thesenanschlag Martin Luthers die konfessionelle und politische Landkarte Europas nachhaltig ver\u00e4ndern sollte. Das vergleichsweise in Vergessenheit geratene Ende der Regensburger Judengemeinde mag unter anderem auch darin begr\u00fcndet sein, dass Judenvertreibungen im sp\u00e4tmittelalterlichen deutschen Reich so verbreitet waren, dass man sich ihrer nicht mehr im Detail erinnert.<\/p>\n<p>Trotz oder gerade wegen ihrer H\u00e4ufigkeit f\u00e4llt es dennoch schwer, Verfolgung und Vertreibung von Juden auf eine \u201eMasterformel\u201c, wie es der Historiker Gerd Mentgen formulierte, herunter zu brechen. Zu unterschiedlich waren die jeweiligen religi\u00f6s, wirtschaftlich oder politisch motivierten Hintergr\u00fcnde. Gleiches gilt f\u00fcr den rechtlichen Status einzelner Juden oder ganzer Judengemeinden, der von Ort zu Ort sehr verschieden sein konnte. Eine sorgf\u00e4ltige Betrachtung des Einzelfalls ist daher stets geboten und im Falle Regensburgs, nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise guten Quellenlage, besonders geeignet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Regensburger Judengemeinde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die mittelalterliche Regensburger Judengemeinde geh\u00f6rte zu einer der \u00e4ltesten Gemeinden im aschkenasischen Raum. Der erste urkundliche Nachweis eines Juden datiert aus dem Jahr 981, wenig sp\u00e4ter ist der Begriff \u201eJudeorum habitacula\u201c, Judenviertel, belegt. Das j\u00fcdische Viertel lag mitten in der Stadt, in direkter Nachbarschaft zu den Zentren weltlicher und kirchlicher Macht. Es beherbergte ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten wie Jehuda he-Chassid, f\u00fchrender Vertreter einer j\u00fcdisch-spirituellen Bewegung, die sich Chassidei Ashkenas, die Frommen von Aschkenas, nannte und die \u2013 parallel zu den aufkommenden christlichen Bettelorden \u2013 einen ausschweifenden Lebensstil ablehnte und eine alle Lebensbereiche umfassende Spiritualit\u00e4t propagierte. In Regensburg geb\u00fcrtig war Petachja ben Yaacov, der Ende des 12. Jahrhunderts den Orient bereiste und hier\u00fcber einen ber\u00fchmt gewordenen Bericht verfasste.<\/p>\n<p>Im Jahr 1210 erwarb die Judengemeinde vom Kloster St. Emmeram ein Grundst\u00fcck, um einen neuen j\u00fcdischen Friedhof anzulegen. Das Gel\u00e4nde lag unmittelbar vor den Toren der Stadt. Es war daher nicht nur bequem zu erreichen, sondern gen\u00fcgte gleichzeitig der halachischen (religionsgesetzlichen) Vorschrift, der zu Folge sich ein Friedhof au\u00dferhalb der Stadtmauern befinden sollte. Wenige Jahre sp\u00e4ter wurde die bereits bestehende Synagoge vergr\u00f6\u00dfert und im damals zeitgen\u00f6ssischen gotischen Stil ausgebaut. Ihr charakteristischer trapezf\u00f6rmiger Umriss samt der drei gro\u00dfen Mittels\u00e4ulen ist seit den Ausgrabungen am Neupfarrplatz Ende der 1990er Jahre als begehbares Denkmal zu sehen. Neben den Schum-Gemeinden, Speyer, Worms und Mainz, bildete Regensburg somit ein bedeutendes Zentrum j\u00fcdischen Lebens. W\u00e4hrend jedoch jene wiederholt unter Pogromen, Verfolgung und Vertreibung zu leiden hatten, etwa w\u00e4hrend der Schwarzen Pest, blieben die Juden in Regensburg davon weitgehend verschont. Eine kollektive Vertreibung fand \u00fcber das gesamte Mittelalter hinweg nicht statt.<\/p>\n<p>Dennoch verschlechterte sich auch f\u00fcr die Regensburger Juden die Situation im Sp\u00e4tmittelalter zunehmend. Nahezu fatal wurde es, als der Regensburger Bischof im Jahr 1476 eine Ritualmordbeschuldigung lancierte, die in Trient ihren Ausgang genommen hatte. Den dortigen Prozess adaptierend, wurden mehrere Juden \u00fcber Jahre hinweg in Regensburg interniert, gefoltert und beschuldigt, Kinder aus rituellen Gr\u00fcnden get\u00f6tet zu haben \u2013 ungeachtet der Tatsache, dass weder Kinder vermisst noch Leichen gefunden wurden. Die Hinrichtung der Gefangenen scheiterte letztlich nur am Eingreifen Kaiser Friedrichs III., der nach erbitterten Auseinandersetzungen mit der Stadt die Freilassung der angeklagten Juden erwirkte. Die Judengemeinde litt unterdessen nicht nur an der von der Stadt erzwungenen Absperrung des Judenviertels, sondern geriet auch durch die ihr von Kaiser und Stadt nach Beendigung der Ritualmordvorw\u00fcrfe auferlegten hohen Geldzahlungen derart unter Druck, dass sie sich davon wirtschaftlich nicht mehr erholen sollte. Am deutlichsten zeigte sich dies am Unverm\u00f6gen, regelm\u00e4\u00dfig die j\u00e4hrlichen Judensteuern zahlen oder gar bestehende Schulden begleichen zu k\u00f6nnen. Dies verhinderte das \u00f6ffentlich in der Stadt propagierte Bild des angeblich reichen und geldgierigen Juden keineswegs, im Gegenteil: Ein Flugblatt zeigte einen Juden, der mit einem prall gef\u00fcllten Geldbeutel in der Hand einem auf einer S\u00e4ule stehenden Kalb huldigte, w\u00e4hrend der Tenor des Begleittextes lautete, dass Juden von Mutterleib an danach trachteten, Christen wirtschaftlich zu ruinieren.<\/p>\n<p>Nicht minder schwer als die Schuldenlast wogen die immer weiterreichenden Repressalien, die das Leben der Juden in einem Dickicht aus Verboten und Reglementierungen zu ersticken drohten. Im Fokus standen wirtschaftliche Aspekte, allen voran Darlehens- und Pfandgesch\u00e4fte, aber beispielsweise auch Kontakte zu ausw\u00e4rtigen Juden, deren besuchsweiser Aufenthalt oder Zuzug nach Regensburg durch finanzielle H\u00fcrden erschwert wurden. Neben den st\u00e4dtischen Restriktionen nahmen um die Jahrhundertwende antij\u00fcdische Hetzpredigten immer weiter zu. Eine wichtige Rolle spielte Balthasar Huebmaier, ab 1516 Domprediger in Regensburg, der zu einem der Hauptagitatoren im Zusammenhang mit der Kapelle zur Sch\u00f6nen Maria wurde, die nach Vertreibung der Juden und Zerst\u00f6rung der Synagoge errichtet werden sollte. Wie unertr\u00e4glich die Situation war, zeigen schier endlose Beschwerden und Hilferufe an Stadt, Herzog und Kaiser. Um die Missst\u00e4nde zu beheben, setzte Maximilian I. schlie\u00dflich im Jahr 1516 eine Schiedskommission ein und bestimmte als daf\u00fcr zust\u00e4ndiges Gremium das Regiment in Innsbruck.<\/p>\n<p>Der Prozess verlief \u00fcberaus schleppend. Gleich zu Beginn hatte die Stadt die Vertreibung und hilfsweise eine deutliche Verkleinerung der Judengemeinde gefordert. W\u00e4hrend des Augsburger Reichstags im Sommer 1518 versuchte der Regensburger Schulthei\u00df Hans Schmaller unter Einschaltung diverser hochrangiger Pers\u00f6nlichkeiten eine Genehmigung des Kaisers zur Vertreibung der Juden zu erwirken. Schmaller erhielt Order aus Regensburg, Maximilian I. entweder einen einmaligen Betrag von mehreren tausend Gulden anzubieten oder aber zuzusichern, seitens der Stadt die j\u00e4hrliche Judensteuer zu \u00fcbernehmen. Sogar die Verwertung der H\u00e4user im Judenviertel sowie der Steine des j\u00fcdischen Friedhofs wurden von Schmaller ins Spiel gebracht. Alle Bem\u00fchungen des Schulthei\u00dfen verliefen jedoch im Sande. Der Prozess in Innsbruck ging daher ungehindert weiter. Ein f\u00fcr Januar 1519 geplanter Verhandlungstermin musste allerdings wegen des Todes Kaiser Maximilians I. kurzfristig abgesagt werden und wurde auf Juli desselben Jahres verschoben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der rechtliche Status der Judengemeinde<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Regensburger Judengemeinde verf\u00fcgte \u00fcber eine Reihe k\u00f6niglicher und kaiserlicher Privilegien. 1182 hatte Kaiser Friedrich I. Barbarossa den Regensburger Juden das Recht best\u00e4tigt, mit allerlei Waren Handel zu treiben. Dass diese Rechte best\u00e4tigt wurden, l\u00e4sst auf ein Vorg\u00e4ngerprivileg schlie\u00dfen, das uns jedoch nicht erhalten ist. Im Jahr 1216 erneuerte Friedrich II. dieses Handelsprivileg und f\u00fcgte eine Strafandrohung hinzu, sollte jemand die Juden in Aus\u00fcbung der privilegierten Rechte behindern. Wenige Jahre sp\u00e4ter erwarb die Judengemeinde noch zus\u00e4tzlich ein Privileg K\u00f6nig Heinrichs (VII.), das den Regensburger Juden zusicherte, nicht vor ein Gericht gezogen werden zu d\u00fcrfen, dessen Richter sie nicht selber ausgew\u00e4hlt hatten. Zudem durften weder Laien noch Kleriker als Zeugen gegen sie auftreten, wenn nicht mindestens ein Jude ebenfalls als Zeuge zugegen war. Hatte ein Regensburger Jude dar\u00fcber hinaus eine Sache zehn Jahre lang in seinem Besitz, so geh\u00f6rte sie ihm fortan als Eigentum, unangesehen sp\u00e4terer Einreden Dritter. Alle diese Rechte wurden von den nachfolgenden K\u00f6nigen und Kaisern zwar nicht expressis verbis, aber in summarischer Form wieder und wieder best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Anfang des 14. Jahrhunderts kam es jedoch zu einer folgenschweren Entwicklung. Sie betraf nicht einzelne Privilegien, sondern das Rechtsverh\u00e4ltnis der Judengemeinde insgesamt. So verpf\u00e4ndete Ludwig der Bayer im Jahr 1322 die Regensburger Judengemeinde an seine Gro\u00dfneffen f\u00fcr deren Hilfe in der Schlacht bei M\u00fchldorf. Konkret bedeutete dies, dass die Regensburger Juden fortan den bayerischen Herz\u00f6gen unterstanden, denen sie daf\u00fcr beziehungsweise f\u00fcr den versprochenen Schutz eine j\u00e4hrliche Steuer zu zahlen hatten. Immerhin erhielt die Judengemeinde von Ludwig dem Bayern noch ein Privileg, demzufolge sie nicht an Dritte weiterverpf\u00e4ndet und zudem (\u00fcber die exakt festgelegte Judensteuer hinaus) zu keinen weiteren Zahlungen verpflichtet werden durfte. Da die Verpf\u00e4ndung in der Folge nicht wieder ausgel\u00f6st wurde, verblieb sie ann\u00e4hernd 200 Jahre lang in der Hand der Wittelsbacher. Zuletzt war sie aufgrund der diversen bayerischen Landesteilungen in der Hand Herzog Georgs des Reichen von Bayern-Landshut. Als dieser 1503 starb, \u00fcbernahm im Zuge des Landshuter Erbfolgekrieges Maximilian I. die Pfandschaft \u2013 jedoch nicht als R\u00f6mischer K\u00f6nig, sondern als Erzherzog von \u00d6sterreich. Auf diese Weise sollten die Rechte an den Regensburger Juden im Fall seines Todes nicht dem Reich zufallen, sondern bei den Habsburgern verbleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Vertreibung von 1519<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entgegen der vielf\u00e4ltigen Privilegien und trotz des Faktums, dass die Regensburger Judengemeinde rechtlich gar nicht der Stadt unterstand, beschloss die Regensburger Stadtf\u00fchrung am 21. Februar 1519 in einer spontan herbeigef\u00fchrten Ad-hoc-Entscheidung die sofortige Vertreibung aller Juden. Wenige Stunden sp\u00e4ter war das Judenviertel abgeriegelt und s\u00e4mtliche in j\u00fcdischem Besitz vorhandene Pf\u00e4nder beschlagnahmt. Die Regensburger Juden wurden bei Androhung schwerer Strafen dazu aufgefordert, die Stadt binnen weniger Tage zu verlassen. Zudem wurde beschlossen, umgehend mit dem Abbruch der Synagoge zu beginnen. Am Dienstag begann die Stadtf\u00fchrung schlie\u00dflich damit, Au\u00dfenstehende mittels einer Art fr\u00fchneuzeitlichen Serienbriefes offiziell \u00fcber die Ereignisse zu informieren.<\/p>\n<p>In knappen und weitgehend identischen Worten wurden sowohl die Erben Herzog Georgs von Bayern-Landshut, denen die Judengemeinde noch Geld schuldete, \u00fcber die Vertreibung in Kenntnis gesetzt, als auch die bayerischen Herz\u00f6ge Wilhelm IV. und Ludwig X., deren Hoheitsgebiet an Regensburg grenzte. Weitere Adressaten des standardisierten Schreibens waren der Reichsvikar Pfalzgraf Ludwig V. sowie das Innsbrucker Regiment. Alle diese Briefe besagten \u00fcbereinstimmend, dass es in der Stadt zu einem, so w\u00f6rtlich, \u201egemurmel von gaistlichen und weltlichen, der Juden halb\u201c gekommen sei. Dem drohenden Aufstand habe man nur durch Vertreibung begegnen k\u00f6nnen, wodurch man nicht nur die Stadt und das Reich, sondern auch Leib und Leben der Juden selbst inklusive deren G\u00fcter besch\u00fctzt habe. Die Formulierung hinsichtlich der Vertreibung war im \u00dcbrigen derart zweideutig gew\u00e4hlt, dass der Eindruck entstehen konnte, die Juden seien bereits gar nicht mehr in der Stadt. Tats\u00e4chlich begann die eigentliche Deportation zwei Tage nach Versendung der Briefe, einem Donnerstag, und dauerte, bei eisigen Temperaturen und Schneetreiben, bis zum Sonntag.<\/p>\n<p>An eben jenem Donnerstag kam ein Vertreter des Innsbrucker Regiments, der Jurist Dr. Johann Zasius, nach Regensburg. Zu diesem Zeitpunkt also, zu dem die Innsbrucker Hofr\u00e4te das Informationsschreiben der Stadt noch gar nicht erhalten haben konnten. Hintergrund f\u00fcr den Besuch des Zasius war auch nicht der Brief, sondern die seit dem Tod Maximilians I. stetig gewachsene Besorgnis der Regensburger Judengemeinde um ihr weiteres Schicksal, insbesondere um das Schicksal des Prozesses. Zasius erschien somit als ein Gesandter, der lediglich die Lage sondieren und die Gem\u00fcter beruhigen sollte. Was er vorfand, war eine Stadt in hellem Aufruhr, unmittelbar damit besch\u00e4ftigt, die Juden zu vertreiben. Unverz\u00fcglich wandte er sich an den kaiserlichen Reichshauptmann, Thomas Fuchs von Schneeberg, der, bedingt durch die Regensburger Stadtgeschichte, die wichtigste Pers\u00f6nlichkeit vor Ort darstellte: Ende des 15. Jahrhunderts hatte sich Regensburg freiwillig f\u00fcr einige Jahre der bayerischen Herrschaft unterworfen. Als die Stadt erneut den Status einer Reichsstadt erlangte, wurde ihr ein kaiserlicher Reichshauptmann aufoktroyiert, der urspr\u00fcnglich nur die laufenden Gesch\u00e4fte beaufsichtigen sollte, im Laufe der Zeit aber eine immer gr\u00f6\u00dfere politische Rolle spielte. Zasius eilte daher zun\u00e4chst zu ihm und stellte ihn ob der Vertreibung zur Rede. Fuchs von Schneeberg \u00fcbte sich in Unschuld und betonte, dass er nicht vor Ort gewesen sei, als die Sache zum Laufen kam. Zudem gab er zu verstehen, dass er nicht glaube, dass man das Ganze noch aufhalten k\u00f6nne. Daraufhin wandte sich Zasius an den zweitwichtigsten Mann der Stadt, den Kammerer, der ihn f\u00fcr den folgenden Tag auf das Rathaus bestellte, wo die Angelegenheit mit den f\u00fchrenden Gremien der Stadt besprochen werden sollte. Am n\u00e4chsten Tag wiederholte Zasius auf dem Rathaus seine Forderung, die Vertreibung augenblicklich zu beenden, da sie den Interessen des Reichs und des Hauses \u00d6sterreich zuwiderlaufe. Der Jurist versicherte, dass die Habsburger mit allen nur denkbaren Mitteln entschlossen w\u00e4ren, ihre Rechte und ihr Eigentum zu sch\u00fctzen. Es folgte eine hitzige Debatte, in deren Verlauf sich die Bef\u00fcrworter der Vertreibung durchsetzten.<\/p>\n<p>Mindestens zwei J\u00fcdinnen, Kindbetterinnen, wie die Quellen betonen, \u00fcberleben die Zwangsdeportation nicht. Die Zahl derjenigen, die auf der Flucht oder als Folge derselben ums Leben kamen, ist unbekannt. Von Isaak ben Samuel ist \u00fcberliefert, dass dessen T\u00f6chter S\u00fcssel und Hendel noch Monate sp\u00e4ter den Folgen der Strapazen zum Opfer fielen. Offenbar konnten nur wenige im nahegelegenen Stadtamhof, das damals nicht zu Regensburg geh\u00f6rte, Unterschlupf finden. Die meisten mussten andernorts, bis in die welschen Lande hinein, Schutz und Aufnahme suchen. Eine R\u00fcckkehr schien zunehmend aussichtslos. Wenige Wochen nach der Vertreibung waren das Judenviertel, allen voran die Synagoge, abgerissen und der Friedhof mit seinen mehreren tausend Grabsteinen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Noch ehe die Synagoge abgerissen wurde, hatte der f\u00fcr seine Darstellung der Alexanderschlacht ber\u00fchmte Maler Albrecht Altdorfer die Gelegenheit genutzt, zwei Radierungen vom Innenraum der Synagoge sowie deren Vorhalle anzufertigen. Als Regensburger Ratsmitglied war Altdorfer \u00fcber die Vertreibung der Juden genauestens informiert, wenn nicht sogar direkt an der Entscheidung beteiligt. Vertreibung und Zerst\u00f6rung sind auf seinen Bildern allerdings nicht zu sehen. In der Darstellung der Synagogenvorhalle werden zwei M\u00e4nner in j\u00fcdischem Gebetsschal gezeigt, die beide nichts von der Gewalt und Zerst\u00f6rung vermitteln, die w\u00e4hrend der Vertreibung ablief. Allein die jeweils in die obere Bildmitte platzierten lateinischen Kommentare geben einige, diesbez\u00fcgliche Informationen. In der Inschrift der Eingangshalle hei\u00dft es, dass die Synagogenvorhalle der Regensburger Juden am 21. Februar 1519 abgerissen worden sei. Zur Darstellung des Synagogeninneren lautet die Mitteilung, dass die Synagoge der Regensburger Juden im Jahr 1519 durch Gottes gerechtes Urteil gr\u00fcndlich zerst\u00f6rt worden sei. Das hierbei verwendete lateinische Wort \u201eevertus\u201c lie\u00dfe sich auch mit \u201eausfegen\u201c \u00fcbersetzen. Ausgefegt wirkt das Synagogeninnere tats\u00e4chlich: Der Raum ist menschenleer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die weiteren Entwicklungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Vertreibung der Regensburger Juden bedeutete einen klaren Versto\u00df gegen das noch laufende Verfahren in Innsbruck und damit gegen den Grundsatz, dass w\u00e4hrend der Dauer des Prozesses keine Neuerungen, wie es hie\u00df, get\u00e4tigt werden durften. Die Stadtf\u00fchrung musste somit davon ausgehen, dass das Innsbrucker Regiment sich mit der Vertreibung nicht ohne Weiteres abfinden w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich zeigten die Innsbrucker keinerlei Bereitschaft, den Prozess nun einfach ins Leere laufen zu lassen \u2013 im Gegenteil.<\/p>\n<p>Bereits eine Woche nach dem Vertreibungsbeschluss wandten sie sich an den Reichsvikar und forderten ihn auf, darauf hinzuwirken, dass die Regensburger Juden nicht weiter an ihrem Eigentum, insbesondere an ihren H\u00e4usern, gesch\u00e4digt w\u00fcrden und in die Stadt zur\u00fcckkehren d\u00fcrften. Der Reichsvikar teilte der Stadt daraufhin mit, dass das Innsbrucker Regiment eine Beschwerde eingelegt habe. Er, der Reichsvikar, wolle sich im Falle einer Klage nach, so w\u00f6rtlich, f\u00fcrstlicher Geb\u00fchr verhalten. Mit dieser Absichtserkl\u00e4rung waren die Innsbrucker Hofr\u00e4te alles andere als zufrieden. Sie \u00fcbten offenbar weiteren Druck aus. Keine Woche sp\u00e4ter schrieb der Reichsvikar erneut an die Stadt und appellierte an diese, die Juden doch nicht zu vertreiben oder, falls diese schon vertrieben seien, sie wieder in die Stadt aufzunehmen. Rund einen Monat sp\u00e4ter wiederholte der Reichsvikar seinen Appell. Parallel dazu teilte er dem Innsbrucker Regiment mit, dass die gew\u00e4hlte milde Fassung seiner Worte gegen\u00fcber der Stadt mit seiner Friedfertigkeit zu erkl\u00e4ren sei. Das Innsbrucker Regiment verlor nun endg\u00fcltig die Geduld. Es scheint nun massiv auf den Reichsvikar eingewirkt zu haben, denn Ende Mai erlie\u00df Pfalzgraf Ludwig V. tats\u00e4chlich ein offizielles Mandat gegen die Stadt Regensburg, in dem er der Stadtf\u00fchrung befahl, die Judengemeinde wieder aufzunehmen, deren Sch\u00e4den zu erstatten oder aber bei ihm pers\u00f6nlich zu einer Verhandlung zu erscheinen.<\/p>\n<p>Vom Vertreibungsbeschluss der Regensburger Stadtf\u00fchrung, Ende Februar, bis zum Erlass des Mandats, Ende Mai, dauerte es somit ganze drei Monate, bis der Reichsvikar eine Kurs\u00e4nderung anordnete, wenn auch mit dem Hintert\u00fcrchen einer Verhandlung. Zur letzteren erschienen im \u00dcbrigen keine Vertreter der Judengemeinde, die stattdessen dem in Innsbruck angesetzten Prozesstermin folgten, von dem sie sich ganz offenkundig mehr versprachen. Tats\u00e4chlich f\u00e4llte das Innsbrucker Regiment Ende November 1519 ein Urteil, das die Stadt nicht nur zur Wiederaufnahme der Juden verpflichtete, sondern der vertriebenen Judengemeinde auch umfangreichen Schadensersatz zusprach. Statt dem Urteil nachzukommen, ignorierte die Stadt allerdings die Entscheidung und nahm sogar die daraufhin verh\u00e4ngten Wirtschaftssanktionen in Kauf. Man sa\u00df die Sache gewisserma\u00dfen aus.<\/p>\n<p>1521 verzieh der neue Kaiser, Karl V., der Reichsstadt ihr gewaltt\u00e4tiges und widerrechtliches Vorgehen und untersagte dauerhaft eine R\u00fcckkehr der Juden in ihre Heimat. Als Gegenleistung musste sich die Stadt dazu verpflichten, die von der Judengemeinde gezahlten j\u00e4hrlichen Steuern zu \u00fcbernehmen. Das Ende einer der \u00e4ltesten und bedeutendsten Judengemeinden im mittelalterlichen deutschen Reich war damit besiegelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Wallfahrt zur Kapelle zur Sch\u00f6nen Maria<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Chroniken blieb nicht so sehr der eigentliche Ablauf der Vertreibung, sondern vor allem die Wallfahrt zur Kapelle zur Sch\u00f6nen Maria in Erinnerung. Inmitten der Tr\u00fcmmer des j\u00fcdischen Viertels war eine Marienkapelle errichtet worden, zu der binnen k\u00fcrzester Zeit ganze Scharen von Wallfahrern pilgerten. Ausl\u00f6ser hierf\u00fcr bildete ein angebliches Wunder, demzufolge ein Steinmetz beim Abbruch der Synagoge zun\u00e4chst zu Tode gest\u00fcrzt war, ehe er tags darauf vollst\u00e4ndig genesen aufs Neuerliche zur Tat schreiten konnte. Das Wunder der pl\u00f6tzlichen Genesung des Steinmetzen sowie dessen Schilderung, er habe nach seinem Sturz die Gottesmutter Maria gesehen, verbreitete sich in Windeseile und weit \u00fcber die Grenzen Regensburgs hinaus. Tausende Pilger str\u00f6mten in die Stadt und sp\u00fclten einen warmen Geldregen herbei. Die Freude an der eintr\u00e4glichen Wallfahrt dauerte jedoch nur kurz. Nach ein paar Jahren war das Interesse der Wallfahrer versiegt. Stattdessen erreichten die neuen Lehren Martin Luthers die Stadt und wenig sp\u00e4ter wurde die Kapelle zur Sch\u00f6nen Maria in die erste protestantische Kirche Regensburgs umgewandelt, die heutige evangelisch-lutherische Neupfarrkirche.<\/p>\n<p>Die vertriebenen Juden freilich hatten von diesen konfessionellen Umbr\u00fcchen nichts. Erst Jahrhunderte sp\u00e4ter gab es in Regensburg wieder eine j\u00fcdische Gemeinde.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Anf\u00e4nge der Reformation heute weitaus pr\u00e4senter im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert sind als etwa die Vertreibung der Juden aus Regensburg 1519, so liegt dies nicht nur daran, dass letztere scheinbar nur wenig Relevanz entfaltete, w\u00e4hrend der ber\u00fchmte Thesenanschlag Martin Luthers die konfessionelle und politische Landkarte Europas nachhaltig ver\u00e4ndern sollte. 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