{"id":118156,"date":"2026-01-20T15:46:22","date_gmt":"2026-01-20T14:46:22","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118156"},"modified":"2026-01-20T15:46:22","modified_gmt":"2026-01-20T14:46:22","slug":"die-englische-reformation-und-die-politische-kultur-der-tudor-und-stuart-monarchie","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-englische-reformation-und-die-politische-kultur-der-tudor-und-stuart-monarchie\/","title":{"rendered":"Die englische Reformation und die politische Kultur der Tudor- und Stuart-Monarchie"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn in diesem Jahr in Deutschland das Reformationsjubil\u00e4um gefeiert wird, dann steht trotz aller Kautelen eben doch ein Mann im Mittelpunkt dieser Feiern: Martin Luther. Man mag ihn m\u00f6gen oder nicht, und es ist nicht einfach, ihn zu m\u00f6gen, aber seine zentrale Rolle f\u00fcr die Reformation im Reich, aber auch dar\u00fcber hinaus kann man ihm schwer abstreiten. Auch die englische Reformation verbindet sich mit dem Namen einer einzelnen Person, aber eben nicht mit dem Namen eines M\u00f6nches und Theologen, sondern eines Renaissancef\u00fcrsten der robusteren Sorte, Heinrichs VIII. Blickt man auf die Anf\u00e4nge der Reformation, dann sieht man kein heroisches Aufbegehren eines Einzelnen gegen die ganze Welt, kein heldenhaftes \u201eHier stehe ich und kann nicht anders\u201c, sondern eher, jedenfalls auf den ersten Blick, ein blo\u00dfes politisches Man\u00f6ver, bei dem es nicht um das Seelenheil des Menschen ging, sondern nur um politische Macht und die Launen eines egozentrischen Monarchen, der in seiner Unberechenbarkeit manchen Politikern der Gegenwart jenseits des Atlantiks \u00e4hnelte.<\/p>\n<p>Ein solches Urteil verkennt freilich, dass das k\u00f6nigliche Kirchenregiment tats\u00e4chlich im Mittelpunkt der englischen Reformation stand, sehr viel st\u00e4rker als das landesherrliche Kirchenregiment im Mittelpunkt der deutschen, das hier ja eher eine Notl\u00f6sung war. Das Kirchenregiment des K\u00f6nigs, wie es Heinrich VIII. durchgesetzt hatte, ging sehr viel weiter als sein Pendant auf f\u00fcrstlicher Ebene in deutschen Territorien, zumal es der Tendenz nach dem Monarchen auch das Recht einr\u00e4umte, theologische Fragen zu entscheiden, wenn auch gegebenenfalls unter Mitwirkung des Parlaments.<\/p>\n<p>Aber auch in anderer Hinsicht sind die Unterschiede auff\u00e4llig, denn die Church of England, die sich in den 1530er Jahren von Rom l\u00f6ste, besa\u00df theologisch gesehen einen ausgepr\u00e4gten Kompromisscharakter. Handelte es sich bei dieser Kirche in den 1540er Jahren wirklich um eine protestantische Kirche, oder war die englische Reformation eigentlich nur eine Art Schisma, nur dass es hier eben keinen Gegenpapst gab, sondern der K\u00f6nig gewisserma\u00dfen die Rolle des Papstes f\u00fcr sein Reich \u00fcbernommen hatte? Zwar wurden manche theologische Zweideutigkeiten zwischen 1547 und 1553 unter Eduard VI. und erneut nach 1558 unter Elisabeth I. beseitigt und die 39 Articles, die Bekenntnisschrift der englischen Kirche bis heute, sind ein eindeutig protestantisches Glaubensbekenntnis. In der Glaubenspraxis im allt\u00e4glichen Leben der Kirche, in der Kirchenverfassung und in der Liturgie blieb der Konfessionalisierungsprozess in England aber lange, vielleicht auch auf Dauer unvollendet, das hei\u00dft trotz entsprechender Bekenntnisschriften blieb der konfessionelle Charakter der Church of England ambivalent. F\u00fcr die einen war sie eindeutig eine Kirche der Reformation, wenn auch mit manchen Defiziten und Schwachstellen, f\u00fcr die anderen hingegen war der Weg, den die englische Kirche verfolgte, eher eine \u201eVia media\u201c zwischen Genf und Rom. Englische Theologen, die ihre Kirche so einordneten, meldeten sich jedenfalls seit den 1590er Jahren verst\u00e4rkt zu Wort und erlangten dann nach 1620 auch ma\u00dfgeblichen Einfluss auf die Kirchenpolitik. In all ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit und Gebrochenheit pr\u00e4gte die Reformation in England aber ebenso wie die Reformation in Deutschland die politische Kultur des Landes bis weit ins 18. Jahrhundert, ja in mancher Hinsicht bis in die Gegenwart hinein.<\/p>\n<p>Im Folgenden soll sich der Blick daher vor allem auf die politischen Folgen der Reformation richten, und zwar ausgehend von der Epoche Heinrichs VIII., aber durchaus unter Einbeziehung langfristiger Entwicklungen bis hin zur Mitte des 17. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das k\u00f6nigliche Kirchenregiment, das in den 1530er Jahren begr\u00fcndet wurde, war an sich von Anfang an janusk\u00f6pfig. Einerseits vertraten die Juristen und Theologen des K\u00f6nigs, die Heinrich VIII. die Argumente f\u00fcr die Trennung von Rom liefern sollten, die Theorie, dass der Monarch als Tr\u00e4ger einer \u201eImperial crown\u201c, eine quasi kaiserliche Autorit\u00e4t in seinem Reich besitze; das hie\u00df, er war der oberste Herr \u00fcber alle seine Untertanen sowohl in geistlichen wie in weltlichen Belangen; die Jurisdiktionsgewalt, die der Klerus in der Vergangenheit ausge\u00fcbt hatte, beruhte letztlich nur auf einer Delegation k\u00f6niglicher Rechte an den Klerus, da das k\u00f6nigliche Imperium \u00e4lter war als die Privilegien der Kirche. Vorbild f\u00fcr die \u201eRoyal Supremacy\u201c war aus dieser Perspektive nicht nur die Aufsicht, die ein Kaiser wie Konstantin der Gro\u00dfe \u00fcber die Kirche ausge\u00fcbt hatte, sondern auch die quasi-sakrale Autorit\u00e4t der K\u00f6nige des Alten Testamentes.<\/p>\n<p>Dem stand freilich eine andere Theorie der \u201eRoyal Supremacy\u201c gegen\u00fcber, die nicht zuletzt von Common Law Juristen wie Christopher St. Germain (1460-1540) formuliert wurde. F\u00fcr die Common Lawyers \u2013 und hier ist es wichtig zu wissen, dass in England die Juristen, die f\u00fcr das weltliche Recht zust\u00e4ndig waren, eben nicht unter dem Einfluss des r\u00f6mischen Rechtes standen wie auf dem Kontinent, sondern ein nationales Gewohnheitsrecht praktizierten \u2013 ging es vor allem darum, die Autonomie des kanonischen Rechtes und der kirchlichen Gerichtsh\u00f6fe einzuschr\u00e4nken oder sogar zu beseitigen, im Vordergrund stand der Kampf gegen eine vermeintlich \u00fcberm\u00e4chtige Position des Klerus, gegen \u201ethe power of priestcraft\u201c, der generell ein wichtiges Element der englischen Reformation war.<\/p>\n<p>Klar war jedenfalls, dass sich mit der Reformation das Prinzip durchsetzte, dass es f\u00fcr die Autorit\u00e4t des \u201eKing-in-Parliament\u201c keinerlei rechtliche Beschr\u00e4nkungen gab. Ein Parlamentsgesetz war unanfechtbares Recht, auch wenn es dem Kirchenrecht oder anderen Normen des transnationalen Rechtes m\u00f6glicherweise widersprach. Potentielle Konflikte, die sich aus solchen Widerspr\u00fcchen ergaben, konnte nur das Parlament selber entscheiden als h\u00f6chster Gerichtshof. In diesem Sinne war die englische Krone absoluter Souver\u00e4n, wie es schon das \u201eStatute in Restraint of Appeals\u201c 1533 postuliert hatte, etwa mit den ber\u00fchmten Worten \u201ethis realm of England is an empire\u201c (\u201eDieses K\u00f6nigreich hat den Status eines Imperium, eines Kaiserreiches\u201c). Es war gerade dieser Punkt der englischen Reformationsgesetzgebung, dem sich Thomas More, der gro\u00dfe Humanist und zeitweilige Lordkanzler, energisch widersetzte, und daf\u00fcr mit seinem Leben bezahlte.<\/p>\n<p>Die in den 1530er Jahren etablierte Herrschaft des Monarchen war aber ambivalent, sie bedeutete einen erheblichen Machtzuwachs f\u00fcr den K\u00f6nig, man konnte aus ihr aber auch einen Machtzuwachs f\u00fcr das Parlament ableiten, je nachdem, wie man die Rolle des Parlamentes bei der Aus\u00fcbung des Kirchenregiments bewertete. Generell war die englische Reformation aber durchweg erastianisch angelegt, wie man die Dominanz der weltlichen Obrigkeit gegen\u00fcber dem Klerus nennt \u2013 eine Bezeichnung, die auf den Heidelberger Professor der Medizin Thomas Erastus zur\u00fcckgeht, der um 1580 eine Schrift \u00fcber die Exkommunikation verfasst hatte, in der er kirchlichen Amtstr\u00e4gern ein eigenst\u00e4ndiges Exkommunikationsrecht bestritt. In England wurde von vielen Laien und selbst Theologen die Autonomie der Kirche oder gar des Klerus als Gefahr wahrgenommen, das galt auch f\u00fcr den ersten protestantischen Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, der im Jahr 1540 dem Monarchen sogar das Recht bescheinigte, selber Bisch\u00f6fe und Priester zu ordinieren respektive zu weihen oder das Evangelium zu predigen. Versuchen des K\u00f6nigs, sogar den Wortlaut der 10 Gebote zu modifizieren, trat er freilich trotzdem auf diskrete Weise entgegen, aber den C\u00e4saropapismus, der der Reformation Heinrichs VIII. inh\u00e4rent war, soweit auszudehnen, dass der K\u00f6nig auch die Kompetenz besa\u00df, \u00fcber den richtigen Text der Bibel zu entscheiden, war eigentlich nicht ganz abwegig. Bekanntlich sollte sp\u00e4ter Thomas Hobbes dem Souver\u00e4n eine solche Autorit\u00e4t zuschreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Cranmer war die ideale Kirche jedenfalls nicht \u2013 wie f\u00fcr andere Reformer in England wie auf dem Kontinent \u2013 die der Apostel, sondern die Konstantins und der sp\u00e4tantiken christlichen Kaiser; eine Kirche, die sich selber ohne den Schutz der weltlichen Obrigkeit organisieren musste, war f\u00fcr ihn eher die gro\u00dfe Ausnahme, eine blo\u00dfe Notl\u00f6sung, und jedenfalls kein Modell f\u00fcr die Church of England. In Heinrich VIII. mit seiner Brutalit\u00e4t und Unberechenbarkeit einen \u201eGodly Ruler\u201c zu sehen, einen von Gott geleiteten neuen Konstantin, war freilich nicht ganz einfach und verlangte ein erhebliches Ma\u00df an Anpassungsf\u00e4higkeit \u2013 man k\u00f6nnte auch sagen: eine hohe Bereitschaft, gro\u00dfe Teile der Realit\u00e4t auszublenden. H\u00e4tte Cranmer diese F\u00e4higkeit nicht besessen, h\u00e4tte er sein Leben vermutlich schon unter Heinrich VIII. auf dem Schafott beendet \u2013 so wie Thomas Cromwell, der leitende Minister der 1530er Jahre.<\/p>\n<p>Eine solche Anpassungsf\u00e4higkeit war umso notwendiger, weil bis zuletzt unklar blieb, wie sehr der K\u00f6nig die Theologie der Reformatoren wirklich zu seiner eigenen gemacht hatte. Deutlich ist freilich, dass Heinrich VIII. sich selber stark in der Tradition der K\u00f6nige des Alten Testamentes sah. Daher sah er es auch als seine Aufgabe, wie diese K\u00f6nige G\u00f6tzendienst und Idolatrie zu bek\u00e4mpfen \u2013 bestimmte Formen der traditionellen Verehrung von Heiligen geh\u00f6rten zu dieser Idolatrie ebenso wie die Verehrung von Reliquien.<\/p>\n<p>Widerspr\u00fcchlich war die Haltung des K\u00f6nigs zur Laienfr\u00f6mmigkeit und zur Bibel. 1539 lie\u00df er mit der \u201eGreat Bible\u201c eine offizielle englische Bibel\u00fcbersetzung drucken, auch um Laien an den Text der Bibel heranzuf\u00fchren. Einige Jahre sp\u00e4ter, 1543, wurde die Bibellekt\u00fcre jedoch schon wieder eingeschr\u00e4nkt auf Laien, die der gebildeten Ober- und oberen Mittelschicht angeh\u00f6rten, und insbesondere Frauen sollten die Bibel nur lesen d\u00fcrfen, wenn ihr privilegierter sozialer Status dies ausnahmsweise rechtfertigte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu einer auch theologisch klar von Rom getrennten Kirche wurde die Church of England erst nach dem Tode Heinrichs VIII., unter seinem Sohn Eduard VI., der aber nur sechs Jahre regierte und eigentlich noch ein Kind respektive Jugendlicher war, sodass wesentliche Entscheidungen an seiner Stelle durch einen Reichsverweser respektive Regentschaftsrat getroffen wurden. Die relativ kurze Regierungszeit Eduards VI. 1547-1553 ist f\u00fcr die Geschichte des englischen Protestantismus besonders bedeutsam, weil Eduard VI. im R\u00fcckblick das Idealbild des gottesf\u00fcrchtigen Herrschers pr\u00e4gen sollte. Er war freilich, als er auf den Thron kam, minderj\u00e4hrig, nur zehn Jahre alt, lediglich in seinen letzten Lebensjahren konnte er in begrenztem Umfang selber Einfluss auf die Kirchenpolitik nehmen, zuvor lag diese in der Hand von Regenten, vor allem des Herzogs von Somerset und danach in der des Herzogs von Northumberland. Aber gerade, weil Eduard VI. w\u00e4hrend seiner Regierungszeit eigentlich noch minderj\u00e4hrig war, konnte er zur Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die Hoffnungen der militanten Protestanten in England werden, denn alle Schw\u00e4chen seiner Regierungszeit konnten der Regentschaft angelastet werden. Die Tatsache, dass ihm seine katholische Schwester Maria als K\u00f6nigin folgte, die England wieder zu einem Teil der r\u00f6mischen Kirche machte, lie\u00df seine Regierungszeit dann in umso hellerem Licht erscheinen.<\/p>\n<p>Als Modell eines frommen protestantischen Herrschers beeinflusste Eduard das theologische und staatsrechtliche Denken des sp\u00e4ten 16. Jahrhundert tiefgreifend. Sp\u00e4tere Herrscher mussten sich an diesem Modell messen lassen und wenn sie ihm nicht gerecht wurden, stellte sich die Frage, ob Protestanten nicht ein Recht hatten, Widerstand zu leisten. Aber auch das k\u00f6nigliche Kirchenregiment an sich wurde nun im sp\u00e4ten 16. Jahrhundert viel kritischer gesehen, die Herrschaft Marias der Katholischen schuf faktisch ein dauerhaftes Trauma im englischen Protestantismus. Gerade weil die englische Reformation in den 1530er und 15040er Jahren so stark auf den Angelpunkt des k\u00f6niglichen Kirchenregimentes ausgerichtet war, mussten die Protestantenverfolgungen unter Maria Tudor, der etwa 300 Personen zum Opfer fielen, wie ein Schock wirken. Sie warfen die Frage auf, ob die \u201eRoyal Supremacy\u201c an sich wirklich legitim war, und lie\u00dfen auch die Reformation Heinrichs VIII. in einem anderen Licht erscheinen.<\/p>\n<p>Die Verfolgungen unter Maria der Katholischen hatten den englischen Protestantismus tiefgreifend ver\u00e4ndert. Unter den Exulanten bildeten sich eigene englische Gemeinden, die nun in kleinem Ma\u00dfstab versuchten, das zu verwirklichen, was auch unter Eduard VI. nicht wirklich gelungen war: den Aufbau einer kirchlichen Gemeinschaften, die nur aus Menschen bestand, die sich ganz dem neuen Glauben und einem Christentum verschrieben hatten, das mit den Traditionen der mittelalterlichen Kirchen vollst\u00e4ndig gebrochen hatte. Mit ihrem elit\u00e4ren Fr\u00f6mmigkeitsideal sollten sie das Vorbild f\u00fcr die puritanischen Bewegung der elisabethanischen Zeit abgeben und langfristig das Ideal einer umfassenden Nationalkirche in Frage stellen.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an die Zeit der marianischen Verfolgung hatte den Samen des Zweifels unter englischen Protestanten ges\u00e4t. Konnte England wirklich jemals eine \u201eGodly Nation\u201c werden, war es nicht eher so, dass eine kleine Schar von wahrhaft Gottesf\u00fcrchtigen versuchen musste, die gro\u00dfe Zahl der Lauen, Ungl\u00e4ubigen oder gar papistisch Gesinnten auf den rechten Weg zu f\u00fchren oder schlimmstenfalls auch offen zu bek\u00e4mpfen. Wenn nach den 1560ern eine Vielzahl von Predigern ihre H\u00f6rer immer wieder daran erinnerten, dass Gott England, indem er dem wahren Glauben hier wieder zum Sieg verholfen hatte, eine besondere Gnade erwiesen habe, und die Engl\u00e4nder zu einem auserw\u00e4hlten Volke habe werden lassen, so war das immer auch als Ermahnung gemeint, jetzt die Botschaft des Evangeliums zu verwirklichen. Ein erneuter Abfall, das war klar, w\u00fcrde den Zorn Gottes heraufbeschw\u00f6ren. England mit dem Volk Israel gleichzusetzen, war also nicht unbedingt ein Zeichen nationalen Selbstbewusstseins, sondern oft eher das Gegenteil, ein Ausdruck tiefer Selbstzweifel, daran ist festzuhalten.<\/p>\n<p>Immerhin, in England wurde unter Elisabeth 1558\/59 die reformatorische Ordnung wieder hergestellt. Die Tatsache, dass nun eine Frau an der Spitze der Kirche stand, lie\u00df es allerdings den Theologen der fr\u00fchen elisabethanischen Zeit ratsam erscheinen, zu betonen, wie sehr Elisabeth in Strukturen eingebunden waren, die sie verpflichteten, nicht allein, sondern beraten von ihren Councillors oder auch dem Parlament zu handeln. Die Regierungszeit Marias der Katholischen, aber auch die eher vorsichtige Politik, die Elisabeth I. nach 1558 zun\u00e4chst betrieb, wirkten sich \u00fcberdies in der englischen Reformationsgeschichte als stark retardierende Elemente aus; aus der Sicht militanter Protestanten blieb die Reformation unvollendet, auch nach 1558.<\/p>\n<p>In der Tat trug das \u201eElizabethan settlement\u201c einen starken Kompromisscharakter. Die vielen Formelkompromisse, die die relative Stabilit\u00e4t der Church of England nach 1558\/60 gew\u00e4hrleisteten, hatten jedenfalls ihren Preis. Der konfessionelle Frieden beruhte darauf, dass viele Beteiligte bereit waren, sich \u00e4u\u00dferlich an die kirchlichen Normen anzupassen, w\u00e4hrend sie ihre wirklichen \u00dcberzeugungen f\u00fcr sich behielten, und vielleicht insgeheim eine ganz andere Form des kirchlichen Lebens pr\u00e4ferierten und auch hinter geschlossenen T\u00fcren praktizierten. Das galt ganz sicher f\u00fcr die Puritaner, die sp\u00e4testens seit den 1590er Jahren zunehmend die Hoffnung aufgeben mussten, ihre kirchlichen Ideale auch offiziell durchzusetzen, und die daher jenseits der normalen Pfarrorganisation in Konventikeln und Gebetskreisen mehr denn je ihre eigene \u201evoluntary religion\u201c praktizierten. Ihren eigenen Weg innerhalb der Church of England gingen aber auch die \u201eChurch Papists\u201c, jene Gl\u00e4ubigen, die sich offiziell der etablierten Kirche anpassten, aber eigentlich mit dem r\u00f6mischen Katholizismus sympathisierten. Sie stellen zwar eine relativ kleine Minderheit dar, die aber in der Oberschicht unter den Angeh\u00f6rigen der Gentry und Peerage \u00fcberrepr\u00e4sentiert war und daher auch politisch relevant blieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die englische Kirche war am Ende des 16. Jahrhunderts durch ein hohes Ma\u00df an konfessioneller Ambiguit\u00e4t gekennzeichnet. Von einer durchgehenden homogenen Konfessionalisierung konnte hier eigentlich nicht die Rede sein, sie war aber auch durch ein hohes Ma\u00df an Misstrauen gepr\u00e4gt. Konnte man denjenigen, die man als \u201eChurch Papists\u201c sah, vertrauen, wenn man militanter Protestant war? Planten sie nicht heimlich die Rekatholisierung Englands? Galt nicht auch umgekehrt aus Sicht der \u201eConformists\u201c, der moderaten Protestanten, \u00e4hnliches f\u00fcr die Puritaner? Hatten sie nicht eine \u201ehidden agenda\u201c des kirchlichen und politischen Umsturzes, wie der Londoner Bischof Bancroft \u2013 sp\u00e4ter Erzbischof von Canterbury \u2013 in den 1590er Jahren meinte? Alexandra Walsham hat diese Situation mit den Worten beschrieben: \u201eCould it be that the pluralism nurtured by the Elizabethan Settlement helped to prevent the outbreak of a confessional war in the mid-sixteenth century but created the conditions in which one would ignite 80 years later?\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr den englischen Protestantismus, namentlich in seiner militanteren Form, war es daher charakteristisch, dass er durch die Furcht vor einer Wiederkehr der Verfolgungen der 1550er Jahre unter Maria Tudor gepr\u00e4gt blieb. Sicherheit vor dieser Gefahr sollte nicht zuletzt die politische Ordnung bieten, Auf diese Weise verbanden sich der Kampf f\u00fcr die Rechte des Parlaments eng mit dem Kampf f\u00fcr den Protestantismus, der Kampf f\u00fcr weltliche Freiheitsrecht wurde gewisserma\u00dfen sakralisiert, wie vor allem nach 1642 im B\u00fcrgerkrieg deutlich wurde. Umgekehrt verbanden sich schon im sp\u00e4ten 16. Jahrhundert die Feindbilder von \u201ePopery\u201c und Despotie, womit in diesem Fall Spanien gemeint war. Erst nach 1670 trat Frankreich an die Stelle Spaniens.<\/p>\n<p>Man kann durchaus eine gewisse Affinit\u00e4t zwischen radikalem Protestantismus und einem allerdings in der Regel nicht offen artikulierten Republikanismus in England im sp\u00e4ten 16. und fr\u00fchen 17. Jahrhundert konstatieren. Namentlich Patrick Collinson hat auf diese Affinit\u00e4t schon vor vielen Jahren hingewiesen und von der \u201emonarchical republic\u201c des elisabethanischen England gesprochen. Pl\u00e4ne aus England, zur Not eine Art Wahlmonarchie zu machen, gab es vor der Hinrichtung der katholischen Maria Stuart 1587 durchaus, da man sie nur so von der Thronfolge ausschlie\u00dfen konnte. Auch traten die englischen Presbyterianer in den 1570er und 1580er Jahren mehr oder weniger offen f\u00fcr eine Kirchenverfassung ein, die sowohl die Autorit\u00e4t der Bisch\u00f6fe als auch die der Krone erheblich reduziert h\u00e4tte; die Kirche w\u00e4re gewisserma\u00dfen republikanisch verfasst gewesen.<\/p>\n<p>Allerdings sollte man solche Tendenzen auch nicht \u00fcberbewerten, denn bei aller von Zeit zu Zeit aufkommenden Unzufriedenheit mit der Politik Elisabeths I. stellte sie doch das zuverl\u00e4ssigste Bollwerk gegen eine katholische Macht\u00fcbernahme dar. Das galt besonders f\u00fcr die Zeit ab den sp\u00e4ten 1580er Jahren, als die Bedrohung durch das katholische Spanien immer akuter wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Elisabeth I. nutzte ihr Kirchregiment vor allem in ihren letzten Regierungsjahrzehnten auch, um ihre k\u00f6nigliche Pr\u00e4rogative auszubauen, und nahm damit durchaus manche Ma\u00dfnahmen der Kirchenpolitik der fr\u00fchen Stuarts vorweg. Sie hatte, das wurde deutlich, an der vollst\u00e4ndigen Beseitigung von kirchlicher Autonomie gar kein ausgepr\u00e4gtes Interesse, denn die Organe der Kirche, namentlich die Convocation, die Generalsynode, konnten im Zweifelsfall auch gegen das Parlament in Stellung gebracht werden, wenn dieses den Monarchen zu kirchlichen Reformen zwingen wollte, die dieser nicht f\u00fcr opportun hielt.<\/p>\n<p>Jedenfalls gerieten militante Protestanten nach 1590 unter einen zunehmenden obrigkeitlichen Druck und zogen sich daher auch zunehmend aus der direkten politischen Auseinandersetzung zur\u00fcck. Die Hoffnung, in n\u00e4herer Zukunft die Kirchenverfassung der Church of England tiefgreifend ver\u00e4ndern und durch eine zweite Reformation die erste vollenden zu k\u00f6nnen, hatte man einstweilen begraben m\u00fcssen. Die f\u00fchrenden puritanischen Theologen mussten sich nun darauf einstellen, dass die \u201eGodly\u201c, die Gottesf\u00fcrchtigen, nur eine Minderheit in einem Land waren, in dem die \u201eLauen\u201c und Kompromissler, deren Protestantismus sich nicht am Vorbild der M\u00e4rtyrer der Vergangenheit orientierte, sondern eher am Ideal einer \u00d6kumene der Moderaten, immer mehr an Einfluss gewannen. Eine Verinnerlichung der puritanischen Fr\u00f6mmigkeit und eine Beschr\u00e4nkung der \u201eReformatio vitae\u201c auf eine Elite der wahrhaft Bekehrten lassen sich daher im fr\u00fchen 17. Jahrhundert zunehmend feststellen. Es ging jetzt nicht mehr prim\u00e4r darum, die Struktur der Kirche zu ver\u00e4ndern, sondern einen neuen, wahrhaft christlichen Menschen zu schaffen. Zugleich aber gew\u00f6hnte man sich daran, die wahre Kirche au\u00dferhalb der Strukturen der offiziellen Kirche aufzubauen. Von dort bis zu der Vorstellung, jeder einzelne Gl\u00e4ubige sei daf\u00fcr verantwortlich, daf\u00fcr zu sorgen, dass in England weiterhin das Wort Gottes gepredigt werde und Geh\u00f6r finde, war es nicht mehr gar so weit, wie sich dann in den 1640er Jahren zeigen sollte. Man kann in dieser \u201evoluntary religion\u201c aber auch die Wurzeln einer sp\u00e4teren Zivilgesellschaft sehen, die sich unabh\u00e4ngig von staatlichen Strukturen selber organisierte und die in England im 18. und 19. Jahrhundert in der Tat besonders ausgepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Das Selbstverst\u00e4ndnis der englischen protestantischen Kirche, vor allem aber jener Laien und Geistlichen, die sich ganz dem Kampf gegen den Katholizismus verschrieben hatten, war ein ambivalentes. Auf der einen Seite stand die Idee einer Nationalkirche, die von einem Monarchen gef\u00fchrt wurde, der als Herr \u00fcber die Kirche in der Tradition Konstantins stand, ein Garant der Rechtgl\u00e4ubigkeit, aber mit seiner Autorit\u00e4t auch das st\u00e4rkste Bollwerk gegen alle Machtanspr\u00fcche des Papsttums. Auf der anderen Seite stand aber die Vorstellung, dass die wahrhaft Gl\u00e4ubigen in England, so wie seinerzeit unter Maria Tudor, eigentlich eine angefeindete und verfolgte Minderheit waren, die Sachwalter der wahren heilsgeschichtlichen Bestimmung der Nation, umgeben von Ungl\u00e4ubigen und lauwarmen Schein-Christen, wenn nicht gar von Papisten, die der \u201eHure Babylon\u201c dienten. Der Monarch oder die Monarchin erschienen in dieser Optik als Inhaber einer im Kern rein weltlichen Autorit\u00e4t. Bestenfalls konnte man den K\u00f6nig, wenn man ihn mit den richtigen Beratern umgab, auf den richtigen Pfad f\u00fchren, aber Misstrauen gegen\u00fcber einem Herrscher, der sich allzu oft der H\u00e4rte der Auseinandersetzung mit dem konfessionellen Gegner zu entziehen suchte, schien doch unvermeidlich zu sein, das galt sogar schon f\u00fcr die Zeit Elisabeths I., noch mehr f\u00fcr die der Stuarts.<\/p>\n<p>Seit den 1550er Jahren war im \u00dcbrigen von protestantischer Seite in England auch ein Instrumentarium widerstandsrechtlicher Ideen entwickelt worden, auch wenn dieses Instrumentarium nach 1558 prim\u00e4r auf katholische Herrschafter auf dem Kontinent zugeschnitten wurde. Erst gegen Ende des Jahrhunderts brach diese widerstandsrechtliche Tradition in England ab, oder trat doch in den Hintergrund, schon deshalb, weil nun die Idee eines aktiven Widerstandes gegen Monarchen stark mit dem radikalen Katholizismus assoziiert wurde, der ja gegen Heinrich von Navarra respektive Heinrich IV. von Frankreich in den 1580er und 1590er Jahren wirklich solche Argumente ins Feld gef\u00fchrt hatte. Aber der Gedanke, dass aus einem an sich legitimen Herrscher ein Tyrann werden k\u00f6nne, dieser Gedanke blieb zumindest unter der Oberfl\u00e4che pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Umstritten war in England ohnehin nicht so sehr, ob die Kirche der Aufsicht der weltlichen Obrigkeit unterliege \u2013 anders als in Schottland wurde das vor dem B\u00fcrgerkrieg nur von wenigen Protestanten abgelehnt \u2013, sondern ob der K\u00f6nig dieses Recht allein aus\u00fcben k\u00f6nne, im Rahmen seiner Pr\u00e4rogative, oder aber zusammen mit dem Parlament, dessen Mitwirkung an der Reformation in den 1530er Jahren so wichtig gewesen war. Gerade Jakob I. und Karl I., der 1625 den Thron bestieg, versuchten aber das Mitwirkungsrecht des Parlamentes in solchen Fragen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Sie st\u00e4rkten stattdessen die Autorit\u00e4t der Bisch\u00f6fe, die sich verst\u00e4rkt darauf beriefen, sie \u00fcbten ihre \u00c4mter \u201eiure divino\u201c aus, also in apostolischer Sukzession und von Gott bevollm\u00e4chtigt. Ein solcher Anspruch, und dies war der Vorwurf von Seiten jener militanten Protestanten, die die Machtanspr\u00fcche der \u201elordly prelates\u201c schon immer abgelehnt hatten, konnte sich in letzter Instanz auch gegen das Kirchenregiment des K\u00f6nigs selbst richten. Vor 1640 war das in der Praxis nie wirklich der Fall, was freilich schon anders aussah in der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts, als Karl. II. zeitweilig mit dem Katholizismus sympathisierte und sein Bruder Jakob II. wirklich zur r\u00f6mischen Kirche \u00fcbertrat.<\/p>\n<p>Die kirchenpolitische Wende der 1630er Jahre unter Karl I. brachte die vom Erzbischof Laud gef\u00fchrten Ceremonialists, die bewusst an vorreformatorische Traditionen ankn\u00fcpften, an die Schaltstellen der Macht in der Church of England. Sie konnten dem K\u00f6nig etwas geben, was Theologen, die dem strengen Calvinismus zuneigten, ihm nicht so leicht geben konnten oder wollten: eine sakrale W\u00fcrde und Aura. Ein Monarch wie Karl I., der so viel Wert darauf legte, an seinem Hof durch Zeremoniell und Etikette die W\u00fcrde des K\u00f6nigtums und seinen quasi-sakralen Charakter zu betonen, und der im \u00dcbrigen darauf setzte, dass die h\u00f6fische Repr\u00e4sentation \u00fcber Bilder und Zeichen, aber nicht auf diskursive Weise Wirkung entfaltete, konnte keinen Gefallen an einer religi\u00f6sen Kultur finden, die den Glauben ganz als eine Sache des Wortes und der inneren \u00dcberzeugung, aber nicht der Gesten betrachtete. Musste nicht jemand, der Zeremonien und Rituale und die Trennung von profan und sakral in der Kirche verwarf, dies auch in weltlichen Dingen tun? Vielleicht gab es einen solchen Kontext in dieser Strenge in Wirklichkeit nicht, aber die anti-puritanischen Theologen, die das Ohr des K\u00f6nigs besa\u00dfen, stellten diese Verbindung doch immer wieder geschickt her.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Kontext war der 1642 ausgebrochene B\u00fcrgerkrieg zwar auch ein Kampf der Mehrheit des Unterhauses gegen eine Monarchie, die sich von st\u00e4ndischen Bindungen zu befreien suchte, aber zugleich besa\u00df er eine starke konfessionelle Komponente. F\u00fcr die Anh\u00e4nger des Parlamentes verband sich der Kampf f\u00fcr politische Freiheitsrechte eng mit der Verteidigung des wahren Glaubens. Man war letztlich der Ansicht, dass \u201ecivil liberty\u201c richtig verstanden auch die Freiheit des Evangeliums garantiere und Katholiken vor allem als Feinde der weltlichen Ordnung nicht als H\u00e4retiker zu bek\u00e4mpfen seien \u2013 denn einen Heiligen Krieg gegen Ungl\u00e4ubige sah man an sich als unchristlich an \u2013 trotz aller apokalyptischen Schreckensszenarien. Dass sich am Ende des B\u00fcrgerkrieges die \u201eGodly\u201c, die wahrhaft Frommen, au\u00dferhalb der New Model Army dennoch in einer Minderheitsposition befanden, best\u00e4rkte sie in ihrem Bem\u00fchen, die Verf\u00fcgungsgewalt jeder Obrigkeit, auch eines frei gew\u00e4hlten Parlamentes, \u00fcber kirchliche Angelegenheiten in Sinne einer individuellen Glaubensfreiheit einzuschr\u00e4nken. Insoweit waren die Vorg\u00e4nge im England der 1640er und 1650er Jahre von ganz zentraler Bedeutung f\u00fcr die Entstehung der Idee einer schriftlichen Verfassung, die elementare Grundrechte garantierte, wenn auch England ironischerweise bis heute keine kodifizierte Verfassung hat. Letztlich erwies es sich aber als schwierig, die Interessen der \u201eGodly\u201c, mochten sie sich auch darauf berufen, dass England eine \u201eredeemed nation\u201c sei, mit denen der Nation insgesamt zur Deckung zu bringen, so sehr ein Mann wie Oliver Cromwell sich als Lord Protector nach 1653 auch gerade darum bem\u00fchte.<\/p>\n<p>Konfessionelle \u00dcberzeugungen und politische Loyalit\u00e4t \u00fcberlagerten sich im B\u00fcrgerkrieg auch auf der Seite des K\u00f6nigs. Unter seinen Anh\u00e4ngern d\u00fcrften viele gewesen sein, die gegen die Politik des K\u00f6nigs in den Jahren vor 1640 durchaus Vorbehalte gehabt hatten, die aber im Angriff des Unterhauses auf die Bischofskirche doch den Versuch sahen, eine Kirchenverfassung durchzusetzen, die rein calvinistisch gepr\u00e4gt war und das zerst\u00f6rte, was in ihren Augen den eigentlichen Stolz der Church of England ausmachte: die ungebrochene Kontinuit\u00e4t zur vorreformatorischen Kirche bei gleichzeitiger Beseitigung der Missst\u00e4nde dieser Kirche. Dass eine solche Zerst\u00f6rung der bisher hierarchisch verfassten Kirchen auch als ein Angriff auf die bestehende Sozialordnung verstanden wurde, kam hinzu, denn namentlich die radikalen Sekten, die in den 1640er Jahren, als jedes wirkliche obrigkeitliche Kirchenregiment nach und nach zusammenbrach, an Anh\u00e4ngern gewannen, wurden als potentiell sozialrevolution\u00e4r gesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VIII.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem 1660 das K\u00f6nigtum und die Chruch of England wiederhergestellt worden waren, rangen die Vertreter der unterschiedlichen Positionen miteinander um die Gestalt, die diese Kirche annehmen sollte. Am Ende kam es in der Revolution von 1688 zu einem Kompromiss: Die Church of England blieb als Staatskirche mit einem allerdings weiterhin nicht ganz klaren konfessionellen Profil erhalten, daneben wurde zumindest allen Protestanten, die nicht Anglikaner waren, Glaubensfreiheit gew\u00e4hrt. England war damit das erste bedeutende Land, das seinen B\u00fcrgern auch offiziell und auf Dauer eine freilich nicht uneingeschr\u00e4nkte individuelle Gewissensfreiheit als Rechtsanspruch gew\u00e4hrte (das war ein entscheidender Unterschied zur de facto Toleranz in den Niederlanden). Diese individuelle Gewissensfreiheit war gewisserma\u00dfen das notwendige Gegengewicht zu dem hochgradig politischen Charakter der Staatskirche, ihrer Bindung an das weltliche Imperium. Als Erbe des radikalen Protestantismus, wie er sich im sp\u00e4ten 16. Jahrhundert entwickelt hatte, blieb der Gedanke erhalten, dass der wahre Glaube sich am ehesten au\u00dferhalb der offiziellen Strukturen der Staatskirche praktizieren lie\u00df.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite stand die Idee, dass Nation und Kirche eigentlich identisch seien und dass gegen die Gefahren, die von einer \u00fcberm\u00e4chtigen geistlichen Gewalt ausging, nur eine weltliche Obrigkeit, die ihrerseits einen Anspruch auf eine religi\u00f6se W\u00fcrde besa\u00df, ein hinreichendes Gegengewicht bilden konnte. \u201eThe power of priestcraft\u201c war das gro\u00dfe Feindbild der englischen Reformation gewesen, und auch noch in einer st\u00e4rker s\u00e4kularisierten Welt lebte diese Feindbild unter anderen Vorzeichen fort. In diesem Sinne konnte der Presbyterianer Richard Baxter in den 1660er Jahren formulieren: \u201eNothing can take down popery but restoring princes to the sacred power of bearing the sword as the officer of God and of Jesus Christ in the ministerial exercise of Christ\u2019s kingly power by the sword.\u201c<\/p>\n<p>Die Verteidiger der protestantischen Staatskirche im 18. Jahrhundert h\u00e4tten f\u00fcr dieses Idee eine andere Formulierung gew\u00e4hlt, aber auch f\u00fcr sie war ein Kirchenregiment, das durch den King in Parliament ausge\u00fcbt wurde, noch von zentraler Bedeutung f\u00fcr den wahren Glauben. Dies blieb ein Spezifikum der englischen Kirche bis hinein ins 19. Jahrhundert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Wenn in diesem Jahr in Deutschland das Reformationsjubil\u00e4um gefeiert wird, dann steht trotz aller Kautelen eben doch ein Mann im Mittelpunkt dieser Feiern: Martin Luther. 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