{"id":118160,"date":"2026-01-20T15:51:59","date_gmt":"2026-01-20T14:51:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118160"},"modified":"2026-01-20T15:51:59","modified_gmt":"2026-01-20T14:51:59","slug":"machiavelli-die-provokation-der-moralphilosophie","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/machiavelli-die-provokation-der-moralphilosophie\/","title":{"rendered":"Machiavelli. Die Provokation der Moralphilosophie"},"content":{"rendered":"<p>Beim Thema \u201eMachiavelli\u201c wird mir bis heute immer ein wenig Angst und Bange. Vor ungef\u00e4hr 40 Jahren, als ich 1977 ein Promotionsthema zu suchen begann, bin ich eher zuf\u00e4llig bei Machiavelli gelandet, zuf\u00e4llig auch deshalb, weil damals relativ viel \u00fcber die politische Ideengeschichte und ihre Repr\u00e4sentanten gearbeitet wurde. Mein akademischer Lehrer Iring Fetscher hatte \u00fcber Rousseau und Marx, andere in seinem Umfeld haben \u00fcber Hegel, wieder andere \u00fcber Locke oder Hobbes geschrieben. Infolgedessen war nicht mehr viel \u00fcbrig. Aber an Niccol\u00f2 Machiavelli hatte sich so recht keiner herangetraut, denn er war einer der verfemten Autoren; wer sich mit ihm besch\u00e4ftigte, musste aufpassen, dass er nicht in den Verdacht geriet, ein Machiavellist zu sein.<\/p>\n<p>Sich mit Machiavelli zu besch\u00e4ftigen war nicht blo\u00df eine intellektuelle, sondern auch eine politische Herausforderung, denn die letzten gro\u00dfen Arbeiten zu ihm stammten damals aus der Nazizeit: auf der einen Seite Hans Freyers Buch \u00fcber Machiavelli, das in rechtskonservativ klirrendem Schritt daherkam; auf der anderen Seite das in der Schweiz verfasste Buch von Ren\u00e9 K\u00f6nig, f\u00fcr den Machiavelli ein politischer Romantiker war, der intellektuelle Seifenblasen produzierte und sich an ihnen erfreute. Das war eine Kritik an den Rechtsintellektuellen in Deutschland, die K\u00f6nig als Steigb\u00fcgelhalter Hitlers gesehen hat.<\/p>\n<p>Diese beiden B\u00fccher waren damals die letzten, die im deutschsprachigen Raum \u00fcber Machiavelli publiziert worden waren. Seitdem ich dieses Thema mit der Dissertation abgeschlossen hatte, die 1981 eingereicht und 1982 publiziert wurde, und die man, zu meiner Freude, auch heute noch als Fischer-Taschenbuch bekommen kann, hat es mich nie wieder losgelassen \u2013 auch darum, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde oder zu politischen Ereignissen etwas sagen soll. Dann hei\u00dft es: Aber Sie haben sich doch mit Machiavelli besch\u00e4ftigt, was w\u00fcrde denn Machiavelli dazu sagen, oder was sagen Sie als Machiavellist dazu? Nun, ich bin aber gar keiner. Also werde ich nachfolgend versuchen, Machiavelli als einen Begr\u00fcnder der Politikwissenschaft vorzuf\u00fchren. An ein paar Punkten werde ich deutlich machen, wie er das Nachdenken \u00fcber Politik aus dem Corpus der praktischen Philosophie zu emanzipieren versuchte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bevor ich das tue, stelle ich ein paar \u00dcberlegungen zu Machiavellis Leben an. Denn ich glaube, dass man die Gedankeng\u00e4nge aus dem \u201ePrincipe\u201c und den \u201eDiscorsi\u201c nicht verstehen kann, ohne Machivellis T\u00e4tigkeit als Sicherheitsberater der Florentiner Republik \u00fcber 14 Jahre zu kennen. Zu allererst indes ein paar Bemerkungen zum fr\u00fchen 16. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Die Veranstaltung hei\u00dft ja \u201eJenseits der Reformation\u201c. Aber so ganz aus dem Reformationskontext kommt man bei Machiavelli nicht heraus, obwohl sich bei ihm keine Bemerkung zu Luther findet. Die findet sich hingegen bei seinem Freund, Kollegen und Kontrahenten Francesco Guicciardini. Dieser stand im Dienste der beiden Medici-P\u00e4pste Leo X. und Clemens VII., war als Gouverneur p\u00e4pstlicher Gebiete t\u00e4tig und schrieb gleichwohl, er liebe Luther mehr als jeden anderen. Diese Renaissanceintellektuellen nahmen also durchaus wahr, was bei den Hinterweltlern im Nordosten Deutschlands, die, wie einige Italiener meinten, nicht einmal richtig Latein konnten, vor sich ging.<\/p>\n<p>Machiavelli indes hatte einen ganz anderen Blick auf die Renaissancep\u00e4pste als Luther und seine Anh\u00e4nger. Er war der Auffassung, die S\u00fcnden Italiens seien keine religi\u00f6sen, sondern politische S\u00fcnden. Dazu will ich sp\u00e4ter noch etwas sagen. Aber wenn wir auf diese Epoche blicken, sehen wir eine ausgesprochen fruchtbare Zeit des politischen Denkens. Da ist Erasmus von Rotterdam, der in dieser Zeit ver\u00f6ffentlicht: \u201eQuerela Pacis\u201c, also die Klage des Friedens, oder die \u201eInstitutio principis christiani\u201c, die Erziehung des christlichen F\u00fcrsten \u2013 ein Buch, das er im weiteren Sinne f\u00fcr Karl V. geschrieben hat, als dieser Kaiser geworden ist. Oder da ist Thomas Morus\u2018 \u201eUtopia\u201c, also der Entwurf einer ganz anderen sozialen Welt. Es ist in vieler Hinsicht reizvoll, Morus und Machiavelli miteinander zu vergleichen, deren B\u00fccher etwa zu derselben Zeit entstanden sind. Und da ist nat\u00fcrlich auch Martin Luther mit den zwei politischen Schriften: \u201eAn den christlichen Adel deutscher Nation\u201c und vor allen Dingen \u201eVon weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei\u201c. Wenn man diese drei Personen \u2013 Erasmus, Morus, Luther, genannt hat, dann ist Machiavelli als der vierte sicherlich der politisch provokanteste Autor, vor allen Dingen mit dem Buch \u201eIl Principe\u201c, aber auch mit den \u201eDiscorsi\u201c, den Betrachtungen zur r\u00f6mischen Geschichte des Titus Livius.<\/p>\n<p>Verglichen mit dieser intellektuell ungemein fruchtbaren Zeit ist die zweite H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts eher ruhig geblieben. Es gibt ein paar Autoren, vor allem jesuitischer Provenienz, die versucht haben, die Gedanken Machiavellis, die inzwischen auf dem Index stehen, wieder ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Giovanni Botero geh\u00f6rt zu ihnen, oder auch der Beichtvater Herzog Maximilians von Bayern, Adam Contzen, ist einer davon. Beide haben versucht, Machiavelli und bestimmte moralphilosophische Fragen wieder zusammenzubringen, was Machiavelli strikt getrennt hatte.<\/p>\n<p>Warum diese Produktivit\u00e4t in der ersten H\u00e4lfte des Jahrhunderts? Ich glaube, weil es eine Zeit dramatischer politischer und gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen war. Diese begannen 1494 mit dem Einmarsch des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Karl VIII. in Italien. Das war der Auftakt zu einem halben Jahrhundert Krieg um Italien, der bis in die Mitte des 16. Jahrhundert hinein dauerte und den Arthur Schopenhauer treffend in der Karl V. zugeschriebenen Formel zusammengefasst hat: Was mein Bruder Franz (Franz I., K\u00f6nig von Frankreich) will, will ich auch \u2013 sozusagen der Einklang der Herzen \u2013 dann kommt ein Doppelpunkt und dahinter steht: Mailand. Somit ist klar, es ist eine Konstellation des Krieges, um die es geht, des europ\u00e4ischen Krieges, an dem nicht nur Spanier und Franzosen beteiligt sind, sondern auch deutsche Landsknechte; diese sind es auch, die 1527 Rom st\u00fcrmen und den ber\u00fcchtigten Sacco di Roma veranstalten.<\/p>\n<p>Das also ist Machiavellis Fragestellung: Wie konnte es dazu kommen, dass Italien zum Schauplatz der K\u00e4mpfe um die europ\u00e4ische Hegemonie geworden ist? Er sagt, es sind die S\u00fcnden Italiens, die dazu f\u00fchrten. Er meint das jedoch nicht religi\u00f6s oder theologisch, sondern er meint damit politische Fehler: Wir Italiener des fr\u00fchen 16. Jahrhunderts m\u00fcssen jetzt die politischen Fehler ausbaden, die andere vorher gemacht haben. Das ist sein Impuls. Es ist kein wesentlich theoretisches Interesse, sondern ein praktisches Problem, das ihn dazu bringt, in die Theorie zu gehen, um f\u00fcr die Praxis Antworten geben zu k\u00f6nnen. Das ist das Eine. Das Andere sind die sozio\u00f6konomischen Umw\u00e4lzungen der Zeit: Etwa der Bauernkrieg in Deutschland von 1524 bis 1526, der Aufstieg des Geldes, eine Reduzierung der Bedeutung von Naturalwirtschaft, die Erfahrung von Verarmung einerseits und von Bereicherung andererseits, die unteren Gesellschaftsschichten, die zunehmend in Bewegung kommen, der neue geistige Austausch durch den Buchdruck. All das spielt eine Rolle und erkl\u00e4rt, warum die vier Genannten \u2013 Erasmus, Morus, Luther und Machiavelli \u2013 Texte geschrieben haben, die heute noch f\u00fcr uns von Interesse und von Bedeutung sind.<\/p>\n<p>Machiavelli ist, entgegen der Vermutung, die entstehen kann, wenn man nur den \u201ePrincipe\u201c liest, ein Repr\u00e4sentant des \u201egoverno largo\u201c, einer Regierungsform in Florenz, in der auch die b\u00fcrgerlichen und insbesondere die kleinb\u00fcrgerlichen Schichten in der Politik etwas zu bestellen haben. Politik ist f\u00fcr ihn nicht eine Angelegenheit der gro\u00dfen und feinen Familien ist, wie etwa der Medici, der Strozzi und ein paar anderer. Das hei\u00dft, wir sollten den \u201ePrincipe\u201c und die \u201eDiscorsi\u201c als einen Versuch verstehen, auf eine doppelte Krise zu antworten: die Krise der internationalen Politik und die Krise der innergesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deswegen jetzt ein paar Bemerkungen zu Machiavellis Leben: Sein Geburtsjahr ist 1469. Wir wissen nicht viel \u00fcber seine Jugend; er hat offensichtlich einen ordentlichen Lateinunterricht bekommen. Sein Vater war ein B\u00fcchernarr, aus seinem Verzeichnis des Haushaltes wissen wir, dass er sehr viel Geld f\u00fcr den Ankauf von B\u00fcchern ausgegeben hat, und der junge Niccol\u00f2 d\u00fcrfte in diesen B\u00fcchern flei\u00dfig gelesen haben. Das hat mit Florenz zu tun, auch mit dem M\u00e4zenatentum der Medici, die eine Bibliothek eingerichtet haben, aus der man B\u00fccher auch ausleihen konnte. Das w\u00e4re in anderen Gefilden Europas in der Form nicht m\u00f6glich gewesen. Deswegen kommt es nicht von ungef\u00e4hr, dass wir es hier mit einem Florentiner zu tun haben. Jedenfalls hat er so gut Latein gelernt, dass der Chef der Regierungskanzlei in Florenz sagt: Ich brauche einen, der f\u00fcr mich als Sekret\u00e4r der zweiten Kanzlei den Briefverkehr erledigt, der muss gut Latein k\u00f6nnen, das soll Niccol\u00f2 Machiavelli machen. Und so tritt dieser im Jahre 1498 seine Karriere in der Florentiner Politik an.<\/p>\n<p>Aber vorher passiert noch etwas Aufregendes: Im Jahr 1494 kommt Karl VIII. mit seinen Truppen auf dem Weg nach Neapel an Florenz vorbei, und dabei bricht die Medici-Herrschaft zusammen, die das gesamte 15. Jahrhundert in Florenz bestimmt hat. Die Herrschaft der Medici f\u00e4llt wie ein Kartenhaus zusammen. Es kommt zu einer Volksbewegung der in hohem Ma\u00dfe religi\u00f6s motivierten Massen unter Anf\u00fchrung des Dominikanerm\u00f6nchs Girolamo Savonarola. \u00dcber vier Jahre regiert Savonarola mit seinen Predigten Florenz. Sein Charisma resultiert daraus, dass er den Einmarsch Karls VIII. nach Italien und den Sturz der Medici in Florenz vorausgesagt hat, als man davon noch gar nichts geh\u00f6rt hatte. Jetzt glauben ihm die Leute, sie gehen immer wieder zu seinen Predigten.<\/p>\n<p>Auch Savonarola sieht in den S\u00fcnden die Ursache f\u00fcr den Zusammenbruch, aber er versteht unter S\u00fcnde etwas ganz anders als Machiavelli: Savonarola meint Sodom und Gomorra im Leben von Florenz. Infolge seiner Predigten werden die \u201eEitelkeiten\u201c verbrannt, und auch Botticelli verbrennt ein paar Bilder, auf denen er unbekleidete Frauen gemalt hat, in der Regel nat\u00fcrlich G\u00f6ttinnen der Antike. Botticelli ist von Savonarola ebenfalls zutiefst beeindruckt. Aber wie das so ist \u2013 Savonarola kann sich nicht halten. Er wird, vermutlich auf Gehei\u00df aus Rom, von einem Franziskaner zur Feuerprobe herausgefordert, entzieht sich dieser Feuerprobe und schon ist das Charisma aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Warum auf Gehei\u00df aus Rom? Weil Savonarola gegen den Papst polemisiert. Er nennt ihn einen \u201eWolf im Schafspelz\u201c und \u00e4hnliches mehr, das h\u00f6rt man in Rom nat\u00fcrlich nicht gerne. Savonarola m\u00f6chte den Gebrauch des Religi\u00f6sen zu politischen Zwecken in Florenz ausdehnen, dadurch ger\u00e4t er mit dem Renaissancepapst Alexander VI. frontal aneinander. Alexander VI., ein Borgia-Papst, ist \u00fcbrigens der erste, der den Mut hat, seine Kinder auch seine Kinder zu nennen und nicht mehr zu behaupten, es\u00a0 handele sich um seine Neffen. Er sagt: Das sind meine Kinder, schau an, wie pr\u00e4chtig sie sind: Lucrezia Borgia, Cesare Borgia.<\/p>\n<p>Mit Savonarolas Sturz kommt die Stunde Machiavellis. Er tritt zu diesem Zeitpunkt in die zweite Kanzlei ein und wird bald der Vertraute des neuen Staatsoberhauptes der Florentiner Republik, sein Sicherheitsberater, k\u00f6nnte man sagen. Au\u00dferdem dient er der Republik als Gesandter. Denn offiziell reist als Botschafter immer ein Adliger, der von einem Fachmann begleitet wird, schlie\u00dflich muss einer dabei sein, der von der internationalen Lage etwas versteht und der die regelm\u00e4\u00dfigen Berichte schreibt. Das ist Niccol\u00f2 Machiavelli. So kommt er weit herum. Er besucht den S\u00fcden des damaligen Deutschland, die Schweiz und Tirol, beurteilt La Magna, die Gro\u00dfe, wie er Deutschland nennt, nach diesen L\u00e4ndern. Er kommt nach Frankreich, hat mit den damals M\u00e4chtigen der Welt Kontakt. Und er macht sich einen Spa\u00df daraus, an die Regierung in Florenz Briefe zu schreiben, in denen er sagt: Die M\u00e4chtigen werden dieses und jenes tun, ich habe mit ihnen gesprochen und sch\u00e4tze sie so sein. So sagt er \u00fcber Maximilian I., selbst wenn in Deutschland alle B\u00e4ume Golddukaten tr\u00fcgen, w\u00fcrde dieser Kaiser st\u00e4ndig an Geldnot leiden. Er bietet in seinen Berichten eine Mischung aus spa\u00dfhaften Bemerkungen und tiefgr\u00fcndigen Analysen. Kurzum, er \u00fcbt das Schreiben politischer Texte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig macht er politische Reformvorschl\u00e4ge. Denn Florenz betreibt eine Verteidigungspolitik, bei der man Soldaten in den Dienst nimmt, die einen milit\u00e4rischen Auftrag erf\u00fcllen sollen: die Condottieri. Sie haben aber kein gro\u00dfes Interesse daran, diese Aufgabe schnell und effektiv zu erf\u00fcllen, sondern wollen das Geld einzustreichen und die Zeit verstreichen lassen. Florenz muss immer wieder neue Finanzmittel aufbringen, um die Condottieri, die eingestellt werden und trotzdem nicht das leisten, was sie leisten sollen, bezahlen zu k\u00f6nnen. Also baut Machiavelli eine Volksmiliz, eine B\u00fcrgerwehr auf, die an die Stelle der S\u00f6ldnersoldaten tritt und mit der es ihm 1509 tats\u00e4chlich gelingt, Pisa, das 1494 von Florenz abgefallen war, zur\u00fcckzuerobern.<\/p>\n<p>Das ist der H\u00f6hepunkt in Machiavellis politischer Karriere. Er ist derjenige, der das Problem Pisa l\u00f6st, an dem die Republik \u00fcber zehn Jahre lang laboriert hat. Nie hat die Eroberung geklappt. Er aber hat es hinbekommen. Drei Jahre sp\u00e4ter jedoch die Katastrophe: Bei der Verteidigung von Prato versagt seine B\u00fcrgermiliz in dem Augenblick, als sie es mit spanischen Berufssoldaten zu tun bekommt. Diese gehen die Sache ganz anders an, als die in der Toskana rekrutierten Bauern, die Miliz f\u00e4llt auseinander und die Medici, die diese spanischen Soldaten in ihren Dienst genommen haben, kehren mit Waffengewalt nach Florenz zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das republikanische Staatsoberhaupt muss sofort ins Exil. Und auch Machiavelli \u2013 erstaunlicherweise als einziger aus der Administration \u2013 wird umgehend entlassen; er gilt als der kl\u00fcgste und \u00fcberzeugendste Kopf der Republikaner. Die Entlassung ist f\u00fcr ihn schon frustrierend genug, aber dann kommt noch hinzu, dass ein paar Wochen sp\u00e4ter einem jungen Mann ein Zettel aus der Tasche f\u00e4llt, auf dem ein Verschw\u00f6rungsplan skizziert ist. Unter den Namen, die dort als Unterst\u00fctzer stehen, findet sich auch der von Niccol\u00f2 Machiavelli. Also wird Machiavelli verhaftet, verh\u00f6rt, gefoltert. Es kommt nichts dabei heraus. Vermutlich war er in diese Verschw\u00f6rung gar nicht eingeweiht. Sie war auch erst am Anfang und offenbar schlecht organisiert, also eine Dilettanten-Veranstaltung. Machiavelli sitzt jetzt im Gef\u00e4ngnis und hat Gl\u00fcck. 1513 wird Giovanni de\u2018 Medici als Leo X. zum Papst gew\u00e4hlt, und da ist es \u00fcblich, dass man eine Amnestie erl\u00e4sst. Machiavelli wird amnestiert, allerdings mit der Auflage, dass er nicht in Florenz bleibt, sondern auf sein Landgut in der N\u00e4he von San Casciano muss \u2013 in Florenz hat er nichts mehr zu suchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr jemanden, der so lange Politik gemacht hat und eigentlich in den politischen Stiefeln sterben m\u00f6chte, eine Katastrophe. Was macht Machiavelli jetzt? Er k\u00fcmmert sich um die Bewirtschaftung seines Gutes, aber das f\u00fcllt auch nicht den ganzen Tag aus. Er f\u00e4ngt an zu lesen, er studiert systematisch die antiken Historiker. Er beschreibt das in einem eindrucksvollen Brief an Francesco Vettori. Dort kann man nachlesen, wie er seinen Tag zubringt, wie er sich schmutzig macht, wenn er die Landarbeiter beaufsichtigt, wie er mit den Fuhrleuten gegen\u00fcber seinem Haus Tricktrack spielt \u2013 aber eigentlich sch\u00e4mt er sich f\u00fcr all das. Denn am Abend zieht er vornehme Kleider an und liest die r\u00f6mischen Historiker. Dann kommt dieser wunderbare Satz: \u201eUnd ich frage sie und ihre Menschlichkeit macht, dass sie mir antworten.\u201c<\/p>\n<p>Machiavelli beschreibt seine Lekt\u00fcre, vor allem die des Titus Livius, als einen Vorgang des Gespr\u00e4chs. Er spricht mit den Verfassern und sie antworten ihm. Und aus diesem Gespr\u00e4ch entsteht sein erster politischer Text, die \u201eDiscorsi sopra la prima deca di Tito Livio\u201c, also die Abhandlungen \u00fcber die ersten zehn B\u00fccher der r\u00f6mischen Geschichte des Titus Livius. Was schreibt er jetzt? Er schreibt \u00fcber Fragen, die ihn besch\u00e4ftigen, \u00fcber Italien in seiner Zeit. Was haben die Republikaner in Florenz falsch gemacht, so dass die Medici zur\u00fcckkehren konnten? Was erfahre ich, wenn ich den fernen Spiegel, die r\u00f6mische Geschichte des Livius, aufstelle und hineinschaue? So sind die \u201eDiscorsi\u201c entstanden, mit dem einem Auge auf Rom gerichtet und mit anderen auf seine eigene Gegenwart \u2013 eine Doppellekt\u00fcre sozusagen.<\/p>\n<p>Und dann unterbricht er die Arbeit, wir k\u00f6nnen heute sagen, Erstes Buch, 18. Kapitel, und wendet sich einem ganz anderen Thema und der Frage zu: Wie l\u00e4sst sich eine neu erworbene Herrschaft stabilisieren? Das ist kein Problem der r\u00f6mischen Geschichte, die irgendwie anf\u00e4ngt und sich entwickelt. Aber wenn ein Herrscher durch Gl\u00fcck und Zufall ein Staatsgebiet erworben hat, wie kann er das auf Dauer behaupten? Das ist eine Frage, mit der Machiavelli sich pl\u00f6tzlich besch\u00e4ftigt. Er bricht die Arbeit an den \u201eDiscorsi\u201c ab und schreibt diesen Text, von dem er Vettori berichtet, es sei ein kleines B\u00fcchlein \u201ede principatibus\u201c, also \u00fcber F\u00fcrstenherrschaften, was dann sp\u00e4ter unter dem Titel \u201eIl principe\u201c, der F\u00fcrst, ver\u00f6ffentlicht wird.<\/p>\n<p>Was Machiavelli darin macht, ist etwas ungeheuer Aufregendes. Er verwirft die politischen Kategorien des Aristoteles, also des Neoaristotelismus der Universit\u00e4ten des 15. und 16. Jahrhunderts. Er verwirft die Aristoteles-Adaption des Thomas von Aquin, auch deren zentrale Schematisierung politischer Ordnung. Dabei wird deutlich, wie Machiavelli versucht, die Reflexion \u00fcber Politik aus dem Corpus der Philosophie herauszunehmen, hier insbesondere aus der praktischen Philosophie, zu der Ethik, \u00d6konomie und Politik geh\u00f6ren. Er will die Wissenschaft von der Politik als eine eigene Form des Denkens etablieren, bei der die Philosophen und insbesondere die vorangestellte Ethik nichts zu melden haben.<\/p>\n<p>Aristoteles hat in seiner \u201ePolitik\u201c ein Sechser-Schema von Staatsformen entwickelt. Er stellt die Frage: Wie viele Personen \u00fcben die Herrschaft aus \u2013 einer, einige oder viele? Es gibt also drei m\u00f6gliche Verfassungen. Dann unterscheidet er diese drei noch einmal anhand der Frage: \u00dcben sie die Herrschaft in ihrem eigenen Interesse aus oder \u00fcben sie die Herrschaft aus im Interesse des Gemeinwohls? So kommt er auf sechs Verfassungsformen. Diese werden dann ausgef\u00fcllt: Die Herrschaft eines Einzelnen im Interesse des Gemeinwohls hei\u00dft Monarchie, im eigenen Interesse dieses Einzelnen ist es eine Tyrannis; die Herrschaft Einiger im Interesse des Gemeinwohls hei\u00dft Aristokratie, im eigenen Interesse der Wenigen ist es eine Oligarchie; die Herrschaft Vieler in Orientierung am Gemeinwohl nennt Aristoteles Politie, jene im Eigeninteresse des Volkes Demokratie.<\/p>\n<p>Aristoteles begreift als Demokratie als die, wenn sie so wollen, Parteidiktatur des Demos, nicht als die Herrschaft aller, sondern als die Herrschaft einer bestimmten, wenn auch gro\u00dfen Gruppe, die ihr Interesse durchsetzt. Sp\u00e4ter, nach Aristoteles, wird das etwas verschoben, da wechselt die Demokratie an die Stelle der Politie, und dort, wo Demokratie stand, steht Ochlokratie, also die Herrschaft des P\u00f6bels. In dieser Sechserordnung mit ihren qualitativen und quantitativen Dimensionen arbeiten und denken wir im Prinzip bis heute. Es ist ein wunderbares Schema, das Aristoteles zusammengedacht hat, nachdem er seine Sch\u00fcler ausgeschickt hat, \u00fcberall Verfassungen aufzuschreiben und zu protokollieren. Machiavelli verwirft all das.<\/p>\n<p>Das kann man im ersten Kapitel des \u201ePrincipe\u201c nachlesen. Dort sagt er, es gibt Alleinherrschaften und es gibt Freistaaten, also Republiken. Freistaaten interessieren mich jetzt nicht mehr, die habe ich in den \u201eDiscorsi\u201c abgewickelt, die sind jetzt nicht mein Thema. Von den Alleinherrschaften gibt es welche, die ererbt sind, und solche, die neu erworben sind. Ererbte, heredit\u00e4re Alleinherrschaften interessieren mich jetzt nicht mehr, mich interessieren nur noch neu erworbene. Da gibt es ein paar Zwischenmodelle: Ist das Volk gewohnt, in Freiheit zu leben, oder hat nur ein Wechsel des Alleinherrschers stattgefunden? Dann aber kommt er zum entscheidenden Punkt: Es gibt neu erworbene Alleinherrschaften, die sind erworben worden durch virt\u00f9, durch Tapferkeit, T\u00fcchtigkeit, M\u00e4nnlichkeit, und es gibt welche, die sind erworben worden durch Fortuna, also durch die Gunst des Gl\u00fccks.<\/p>\n<p>Ich habe ganz bewusst den italienischen Begriff virt\u00f9 verwendet und nicht das deutsche Wort, das \u00fcblicherweise genommen wird, n\u00e4mlich Tugend, weil bei uns Tugend einen anderen Bedeutungskranz hat als virt\u00f9. Tugend ist aus dem 19. Jahrhundert heraus \u00fcber weite Strecken hin eigentlich eine weibliche Eigenschaft, w\u00e4hrend in virt\u00f9 nicht nur der lateinische Begriff virtus, sondern auch vir\/der Mann steckt. Es geht um M\u00e4nnlichkeit und Durchsetzungsverm\u00f6gen. Das ist wichtig, um die Polarit\u00e4t zu Fortuna als dem Inbegriff des Unbest\u00e4ndigen und Launenhafte, der weiblicher Zickigkeit, bei der man gar nicht genau wei\u00df, woran man ist, deutlich zu machen. Und damit ist Machiavelli bei seinem Thema, denn er will sich jetzt im Weiteren damit besch\u00e4ftigen, wie man eine Herrschaft stabilisieren kann, die durch gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde erworben worden ist, und wie sie derjenige, dem sie zuteil geworden ist, auf Dauer so aus\u00fcben kann, als sei sie durch eigene T\u00fcchtigkeit, virt\u00f9, erworben.<\/p>\n<p>Das ist die Frage. Das schr\u00e4nkt nat\u00fcrlich auch die Geltungsbedingung aller weiteren Aussagen des \u201ePrincipe\u201c ein. Das vergisst Machiavelli manchmal. Dann tut er so, als w\u00fcrde er ganz allgemeine Politikregeln formulieren. Aber die Eingangs\u00fcberlegungen im ersten und zweiten Kapitel des \u201ePrincipe\u201c begrenzen das, wor\u00fcber er nachdenkt, darauf, wie sich der Leser des Textes, also ein Herrscher, dem durch Gl\u00fcck eine solche Herrschaft zugefallen ist, verhalten solle. Das Sechserschema des Aristoteles wird quasi ersetzt durch ein in ganz anderer Weise auf Handlung angelegtes Schema, vor dem man nicht als Intellektueller, als Philosoph, als Theoretiker steht und seine Ordnung hat, sondern bei dem man permanent in dieser bin\u00e4ren Kodierung Entscheidungen treffen muss: Heredit\u00e4r oder neu erworben? \u2013 Neu erworben \u2013 Mit eigenen Waffen oder durch Gl\u00fcck? Und so weiter. Dann ist man am Punkt: Machiavelli sagt zum Herrscher: Das ist deine Situation, und wir reden jetzt dar\u00fcber, wie du dich verhalten musst. Nat\u00fcrlich hat er da einen im Auge, der ihn fasziniert und \u00fcber den er sich auch sehr lobend \u00e4u\u00dfert, was ihm bei sp\u00e4teren Lesern viel \u00c4rger eingebracht hat: Das ist der besagte Papstsohn Cesare Borgia<strong><em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die launenhafte Frau Fortuna hat diesem dadurch in die H\u00e4nde gespielt, dass sein Vater Papst ist und eine Koalition mit den Franzosen eingegangen ist. Er \u00fcberredet die Franzosen, seinem Sohn milit\u00e4rische Einheiten zur Verf\u00fcgung zu stellen, mit denen Cesare sich ein Herzogtum in der Romagna erobert. Vermutlich hat er vor, noch viel weiter auszugreifen, das Gebiet von Florenz zu attackieren und ein mittelitalienisches Herzogtum zu etablieren, unmittelbar angrenzend an den Kirchenstaat.<\/p>\n<p>Im Prinzip finanziert der Kirchenstaat Cesares Truppen. Aber Cesare hat das Problem, auf Truppen angewiesen zu sein, die sich als S\u00f6ldner verstehen. Seine Obristen, seine Condottieri, fragen sich, warum eigentlich dieser Cesare, dieser eingebildete Papstsohn, den ganzen Gewinn abgreifen soll, das k\u00f6nnten sie doch auch selber. Sie haben doch die Macht. Also meutern oder rebellieren Cesares Obristen gegen ihn, und in dieser Situation ist Machiavelli als Florentiner Gesandter im Lager Cesares. In Florenz hat man n\u00e4mlich Angst, dass er demn\u00e4chst mit seinen Truppen Florenz angreifen und erobern wird. Also schicken sie ihren schlauesten Mann zu ihm, um herauszufinden, was Cesare vorhat. Machiavelli agiert also als eine Mischung aus Diplomat, Spion und politischem Verhandlungsf\u00fchrer. Er beschreibt in seinen Berichten, noch bevor irgendetwas passiert ist, die Lage Cesares und sagt: Ich glaube, er wird die meuternden Obristen umbringen. Der Brief ist in Florenz gerade eingetroffen, da vertr\u00e4gt sich Cesare pl\u00f6tzlich mit seinen Obristen, man trifft sich im \u00d6rtchen Sinigaglia, die Obristen kommen allein, ohne milit\u00e4rische Bedeckung. Kaum sind sie in der Stadt, ist Cesares Milit\u00e4rpolizei da und erdrosselt sie.<\/p>\n<p>Machiavelli erz\u00e4hlt diese Geschichte nicht mit Abscheu: grauenhaft, so etwas zu machen, das ist Verrat. Vielmehr berichtet er in dem Gestus, dass man so seine Probleme l\u00f6st. Und ich, so Machiavelli \u2013 nat\u00fcrlich spielt dabei auch Eitelkeit eine Rolle, wir bewegen uns ja in der Politik \u2013 und ich habe es vorausgesagt. Das siebte und achte Kapitel des \u201ePrincipe\u201c, die positiv \u00fcber Cesare und diese Aktion handeln, sind eigentlich das Gelenkst\u00fcck des Buchs. An diesem Punkt wei\u00df der Leser, ich bewege mich hier nicht mehr in einem Text der Moralphilosophie. Das hat entscheidend zum schlechten Ruf Machiavellis beigetragen.<\/p>\n<p>\u00dcber Caterina de\u2018 Medici, die einen franz\u00f6sischen K\u00f6nig geheiratet hat, unter deren Regentschaft die Bartholom\u00e4usnacht im August 1572 stattfindet, schreiben die Hugenotten danach: Klar, sie hat Machiavelli gelesen, bei ihm ist eine solche Aktion beschrieben; dass Admiral Coligny und alle anderen Hugenotten in Paris umgebracht worden sind, das ist auf den teuflische Fingerzeig des Florentiners zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das ist eine Linie, die sich eigentlich bis in das Jahr 1934 hier in Bayern, in Wiessee hinzieht. Es gibt einen Text von Dolf Sternberger, der hei\u00dft \u201eSinigaglia und Wiessee\u201c. Wenn ich meine Studenten qu\u00e4len will, dann sage ich zu ihnen: Dolf Sternberger hat einen Text geschrieben, Sinigaglia und Bad Wiessee, \u00fcber den sogenannten R\u00f6hmputsch, die Ermordung der SA-F\u00fchrung und des linken Fl\u00fcgels der NSDAP durch die SS. Hitler habe angeblich den \u201ePrincipe\u201c gelesen, stimmt zwar nicht, aber er habe gesehen: Ich habe Schwierigkeiten, weil R\u00f6hm und seine Leute die zweite Revolution machen wollen; ich muss ein B\u00fcndnis mit den konservativen Eliten schlie\u00dfen, was nur gelingt, wenn ich die SA ausschalte; also beseitige ich sie und bin dann aus der Zwickm\u00fchle heraus. In mancher Hinsicht ist die Konstellation \u00e4hnlich, doch die Behauptung, Hitler sei auf diese Idee gekommen, weil er Machiavellis \u201ePrincipe\u201c gelesen habe, ist, soweit wir die Lekt\u00fcre Hitlers kennen, falsch.<\/p>\n<p>Machiavelli geht in seinem \u201ePrincipe\u201c noch etwas weiter, bis zu dem Punkt, an dem er den Katalog der Kardinaltugenden aufgreift, n\u00e4mlich Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und M\u00e4\u00dfigung, iustitia, fortitudo, prudentia und modestas, also den moralphilosophischen Kern der politisch-theoretischen Abhandlungen bis dahin. In der Sala della Pace im Palazzo Pubblico in Siena ist ein wunderbares Bild von Ambrogio Lorenzetti zu sehen, in dem die Segnungen dieser Tugenden darstellt werden; nur wenn sie herrschen, Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und M\u00e4\u00dfigung, dann ist der Staat in Ordnung. Machiavelli nimmt diese Tugenden unter die ideologiekritische Lupe. Dabei kommt heraus, dass Gerechtigkeit ganz wichtig ist; aber es kommt f\u00fcr den F\u00fcrsten nicht darauf an, dass er gerecht ist, sondern dass er bei seinen Untertanen im Anschein der Gerechtigkeit steht. Wenn er gerecht ist, hat er n\u00e4mlich sehr viel weniger Handlungsoptionen, als er br\u00e4uchte. Aber wenn sein Volk glaubt, er sei ungerecht, ist das schlecht. Also soll er den Anschein der Gerechtigkeit erwecken, aber keineswegs bei jeder Gelegenheit gerecht sein. Ich glaube, dass Machiavelli an dieser Stelle etwas ausgesprochen hat, was f\u00fcr jeden erfolgreichen Politiker ganz selbstverst\u00e4ndlich ist. Heute nimmt man solche Worte indes nicht mehr in den Mund, sondern spricht von Imagepflege.<\/p>\n<p>Hier sieht man auch die Differenz zu jemandem wie Erasmus von Rotterdam. Dieser beschreibt in seiner \u201eInstitutio principis christiani\u201c sehr ausf\u00fchrlich, wie der junge Kaiser Karl V. ein gerechter Mann werden soll. Dieses Werk geh\u00f6rt zu Texten, von denen Machiavelli sagt, sie n\u00e4hmen die Welt so, wie sie sein soll, und die glaubten dann, sie sei tats\u00e4chlich so. Wer mit dieser Sicht in die politische Welt gehe, werde in ihr scheitern. Es komme vielmehr darauf an, die Welt zu beschreiben, wie sie ist, und gleichzeitig aus der Tugendpredigt eine politische Strategie zu machen.<\/p>\n<p>Tapferkeit \u00fcbersetzt Machiavelli anschlie\u00dfend dahingehend: Es kommt darauf an, dass der Herrscher eigene Truppen hat und nicht von irgendwelchen Condottieri abh\u00e4ngig ist. Oder Klugheit und Weisheit: Es kommt darauf an, dass der Herrscher, wenn er glaubt, er sei ein L\u00f6we, m\u00f6glichst viele F\u00fcchse um sich versammelt, also Leute wie ihn, Niccol\u00f2 Machiavelli; die L\u00f6wen k\u00f6nnen die W\u00f6lfe schrecken, weil sie so gro\u00df und m\u00e4chtig sind. Aber sie tragen den Kopf immer hoch und k\u00f6nnen deshalb die Fallen und Gruben nicht wittern, die im Boden sind. Dazu brauchen sie die F\u00fcchse. Also Klugheit ist etwas, was sich der Herrscher \u00fcber Vertrauenspersonen verschaffen muss. Machiavellis F\u00fcchse, das sind heute die Spin-doctors, die F\u00e4hrtenleser und F\u00e4hrtenleger.<\/p>\n<p>M\u00e4\u00dfigung, ja das ist ganz gut: Du, Herrscher, sollst dich unter Kontrolle haben. Du sollst deine Vorstellungen, alles geh\u00f6re dir, weil du ein gro\u00dfer Mann bist, nicht hemmungslos ausleben. Lass die Finger davon, in die Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse deiner Untertanen einzugreifen. Dann kommt im \u201ePrincipe\u201c dieser gro\u00dfe Satz: Denn die Menschen vergessen eher den Tod ihres Vaters als die Wegnahme des v\u00e4terlichen Erbes. Das ist Machiavellis b\u00f6ser Blick auf die Menschen, denen er alles zutraut. Davon muss ein Herrscher, der sich auf Dauer halten will, ausgehen. Und nat\u00fcrlich: Lass die Finger von den Frauen der Untertanen, denn das bringt die geh\u00f6rnten Ehem\u00e4nner in Rage und sie denken dann dar\u00fcber nach, dich umzubringen. M\u00e4\u00dfigung ist f\u00fcr Machiavelli eine Form der Herrschaftsstabilisierung \u2013 und nicht der Tugend.<\/p>\n<p>Man sieht: Machiavelli ist ein gro\u00dfer \u201eUmwerter der Werte\u201c. Er nimmt ihnen ihre Gro\u00dfartigkeit und er f\u00fchrt sie auf das zur\u00fcck, was ihr funktionaler Wert im Hinblick auf die Vorgabe politischer Selbsterhaltung ist. Er sagt das Wort, das wir heute daf\u00fcr haben, nur wenige Male: Ragione di stato. Stato ist bei ihm noch gar nicht so sehr der moderne Begriff des Staates als eher der des Status\u2018, der Herrschaft, die gerade besteht. Aber aus diesem Selbsterhaltungsinteresse heraus sollte der Herrscher die Tugenden evaluieren, sich nicht als Untertan der Tugenden betrachten, die vorgegeben sind, denn dann wird er scheitern, sondern mit den Tugenden spielerisch umgehen, nach den Vorgaben der ragione di stato.<\/p>\n<p>Solche \u00dcberlegungen sind ein Skandal, vor allen Dingen seit Beginn der Gegenreformation. Zun\u00e4chst einmal, nach Machiavellis Tod 1527, erschien der \u201ePrincipe\u201c in der p\u00e4pstlichen Druckerei. Damit hat man anscheinend keine Probleme. Diese beginnen aber in den sp\u00e4ten 1530er, fr\u00fchen 1540er Jahren. Der englische Kardinal Reginald Pole (1500-1558) bemerkt: Ich habe diese Nacht dieses kleine B\u00fcchlein gelesen und ich habe gefunden, es ist mit dem Finger des Teufels geschrieben. Danach kommt das Buch auf den Index.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich noch ein paar kurze Bemerkungen dar\u00fcber machen, was eigentlich der Beginn von Wissenschaftlichkeit bei Machiavelli ist. Nat\u00fcrlich kann man auch sagen, der \u201ePrincipe\u201c ist eine Betrachtung sehr k\u00fchler Art, frei von den Vorgaben der Moralphilosophie. Aber das ist im strengen Sinn eigentlich nicht wissenschaftlich, sondern Beratung eines aktiven Politikers in einer konkreten Situation, n\u00e4mlich im Umgang mit einem Gl\u00fccksfall, bei dem er nicht wei\u00df, ob diese Bedingungen perpetuierbar sind, und bei der er auch nicht wei\u00df, ob er sie jederzeit wiederherstellen kann. Das ist auch das Pech Cesare Borgias. Denn als sein Vater 1503 pl\u00f6tzlich stirbt, ist er selber, der die spanischen Kardin\u00e4le in der Hand hat, todkrank. Die spanischen Kardin\u00e4le w\u00e4hlen zun\u00e4chst einen Papst im Sinne Cesares. Aber Pius III. lebt nicht lange, nach ein paar Wochen ist er tot. Dann m\u00fcssen sie wieder w\u00e4hlen, und jetzt macht Cesare einen Fehler, denn er l\u00e4sst zu, dass sie Giuliano della Rovere w\u00e4hlen, Papst Julius II., der ein entschiedener Gegner der Spanier, also auch Cesare Borgias, ist. Julius II. nimmt Cesare dieses und jenes weg, dann l\u00e4sst er ihn einkerkern und Cesares Karriere ist vorbei. Das System, die Gl\u00fccksstr\u00e4hne zu perpetuieren, scheitert also. Im \u00dcbrigen ist Machiavelli auch bei diesen Papstwahlen wieder in Rom, die er beobachten muss, denn es ist ja nicht unwichtig, mit wem als zuk\u00fcnftigen Papst es Florenz zu tun haben wird. Und er analysiert die Situation abermals. Das Ganze gipfelt dann in der \u00dcberlegung des 25. Kapitels, das im urspr\u00fcnglichen Werk das letzte war: in der Aufforderung, Fortuna zu schlagen und zu sto\u00dfen. Hier finden sich dann die Formulierungen, die allen Feministinnen ein Gr\u00e4uel sind: Fortuna ist ein Weib und liebt, wie alle Weiber, die jungen M\u00e4nner, also die, die sie schlagen und sto\u00dfen. Und denen gibt sie ihr F\u00fcllhorn. Das kann man feministisch lesen: Das ist ein typischer Machotext. Als Beleg daf\u00fcr kann man Briefe Machiavellis anf\u00fchren, in denen er beschreibt, wie er mit Prostituierten ein Verh\u00e4ltnis hat. Damit hat man f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis seiner politischen Ratschl\u00e4ge aber nicht sehr viel gewonnen.<\/p>\n<p>Wenn man sich dagegen das Gem\u00e4lde Andrea Mantegnas anschaut, das im Palazzo Ducale in Mantua zu sehen ist, lernt man mehr. Im Vordergrund steht ein sehr junger Mann, neben ihm jemand, von dem man sagen k\u00f6nnte, es ist sein Privatlehrer; sie betrachten eine eigent\u00fcmliche Figur, die auf einer Kugel daherkommt, also eine Art Fortuna, in diesem Fall hei\u00dft sie Occasione, die Gelegenheit. Sie hat eine riesige Locke, die ihr in das Gesicht h\u00e4ngt, am Hinterkopf dagegen ist sie kahl rasiert. Der junge Mann will hin zu Occasione und die Gelegenheit am Schopfe ergreifen. Machiavelli hat auch ein Gedicht dar\u00fcber geschrieben mit dem Titel \u201eCapitolo della occasiona\u201c, also Kapitel \u00fcber die Gelegenheit; darin beschreibt er, wenn Occasione auf einen zukommt, erkennt man nicht, wer es ist, weil sie diese unordentliche Frisur hat. Aber wenn sie vorbei ist, sieht man: Ah, das war die Gelegenheit, doch dann kann man sie nicht mehr am Schopfe ergreifen, weil sie hinten kahl geschoren ist. Dieses Bild, das offenbar im Italien der Renaissance eine zentrale Rolle spielt, wird von Mantegna in einem neostoischen Sinne interpretiert: Der Lehrer h\u00e4lt den jungen Mann zur\u00fcck, der sozusagen bei jeder Gelegenheit aufspringen will, aber, weil er keine Erfahrung hat, nicht wei\u00df, dass viele solcher Gelegenheiten t\u00e4uschend sind. Die Predigt Mantegnas \u2013 und Mantegna steht hier stellvertretend f\u00fcr die neostoische Schule \u2013 hei\u00dft: Halte dich zur\u00fcck, beobachte! Schau genau hin, wenn du meinst, es sei die Gelegenheit zum Erfolg, die du siehst. Es k\u00f6nnte auch die zum Scheitern sein. Machiavelli w\u00fcrde jetzt nicht grunds\u00e4tzlich sagen: Das ist Unsinn, also losmarschieren, es wird schon alles gut werden. Er w\u00fcrde vielmehr sagen: Beobachte genau; aber wenn du deine Herrschaft mit Gunst der Fortuna errungen hat, dann kannst du es dir nicht leisten, zuzuwarten, zu z\u00f6gern und die Occasioni vorbeiziehen zu lassen, sondern dann musst du energisch zupacken.<\/p>\n<p>Das 25. Kapitel bezieht sich also zur\u00fcck auf die Ausgangssituation: Du hast deine Alleinherrschaft nicht geerbt, sondern neu erobert, und du hast es mit der Gunst der Fortuna getan; dann hast du nicht die M\u00f6glichkeit, neostoisch zu agieren, sondern dann musst du entschlossen und entschieden auftreten. Hier zeigt sich also doch wieder etwas wie die konditionierende Eingrenzung bestimmter Vorschl\u00e4ge, die Machiavelli eigentlich immer im Verfahren des Vergleichs herausdestilliert. In den \u201eDiscorsi\u201c n\u00e4mlich ersetzt er die Herangehensweise der Moralphilosophie durch eine Systematik des Vergleichs. Er bildet darin etwas aus, was heutigen Politikwissenschaftlern das Herz h\u00f6her schlagen l\u00e4sst, n\u00e4mlich ein sogenanntes Vierfelderschema, der \u201ekleine Hausaltar\u201c methodisch argumentierender Politikwissenschaft. Und zwar stellt er bei einem Beispiel aus der Antike f\u00fcr den governo largo, also die breite Beteiligung des Volkes, und den governo stretto, die geringe Beteiligung des Volkes, ein ebenso doppeltes Beispiel aus seiner Zeit gegen\u00fcber, so dass er vier Positionen hat. Diese lauten bei ihm in der Regel: Rom, antik und breite Beteiligung des Volkes \u2013 Sparta, antik und geringe Beteiligung des Volkes; Florenz, Gegenwart, breite Beteiligung des Volkes \u2013 Venedig, Gegenwart, geringe Beteiligung des Volkes. Durch diese Gegen\u00fcberstellungen glaubt Machiavelli, Aussagen \u00fcber politische Stabilit\u00e4t machen zu k\u00f6nnen, die empirisch belastbar sind.<\/p>\n<p>Daraus gewinnt er die Fragestellung, die ihn seit langem umtreibt und auf die er nach einer Antwort sucht: Warum verlief die Florentiner Geschichte im Hinblick auf eine umfassende Machtentfaltung so schlecht, w\u00e4hrend sie in Rom so gut verlaufen ist? Das hei\u00dft: Er benutzt sein Vierfelderschema, um Antworten auf eine Frage zu bekommen, die er in dieser Form zum ersten Mal stellt. Darin ist er ein typischer Theoretiker der Renaissance, also einer Zeit, die das Bewusstsein davon hat, dass sie nicht mehr in der Kontinuit\u00e4t der Antike steht. Machiavelli stellt Rom und Florenz einander gegen\u00fcber und beobachtet Differenzen. Die Beobachtung der Differenzen zwischen den beiden, die von der Struktur her \u00c4hnlichkeiten aufweisen m\u00fcssten, ist f\u00fcr ihn der Beginn einer wissenschaftlichen Analyse dessen, warum das Eine gut l\u00e4uft und das Andere schlecht. Das ist der Anfang einer wissenschaftlichen Beobachtung von Politik.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Thema \u201eMachiavelli\u201c wird mir bis heute immer ein wenig Angst und Bange. Vor ungef\u00e4hr 40 Jahren, als ich 1977 ein Promotionsthema zu suchen begann, bin ich eher zuf\u00e4llig bei Machiavelli gelandet, zuf\u00e4llig auch deshalb, weil damals relativ viel \u00fcber die politische Ideengeschichte und ihre Repr\u00e4sentanten gearbeitet wurde. 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