{"id":118162,"date":"2026-01-20T15:54:18","date_gmt":"2026-01-20T14:54:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118162"},"modified":"2026-01-20T15:54:21","modified_gmt":"2026-01-20T14:54:21","slug":"portugiesen-in-afrika-und-asien-die-herausbildung-eines-globalen-kulturraums-um-1500","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/portugiesen-in-afrika-und-asien-die-herausbildung-eines-globalen-kulturraums-um-1500\/","title":{"rendered":"Portugiesen in Afrika und Asien"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Ein R\u00fcckblick aus der Vergangenheit<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wirft man einmal einen Blick in die historischen \u00dcberblickswerke, die im fr\u00fchneuzeitlichen Schulunterricht Verwendung fanden, so erf\u00e4hrt man, dass das Jahr 1517, in dem Luther seine Thesen ver\u00f6ffentlichte, schon hundert Jahre nach dem Ereignis durchaus als Zeitenwende gelten kann. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts sollte der Sch\u00fcler \u2013 ungeachtet seiner Konfession \u2013 jedoch auch dar\u00fcber unterrichtet werden, was sich au\u00dferdem in diesem Zeitraum ereignete. Auch f\u00fcr einen \u00fcberzeugten Lutheraner wie Christoph Helwig, der als Professor f\u00fcr alte Sprachen an der neu gegr\u00fcndeten Landesuniversit\u00e4t der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt in Gie\u00dfen unterrichtete, war der Synchronismus ein wesentlicher Bestandteil des Geschichtsunterrichts, der im Rahmen des Studiums der Freien K\u00fcnste (artes liberales) an deutschen Universit\u00e4ten erteilt wurde. In seinem 1609 erstmals erschienen tabellarisch gefassten Werk \u201eTheatrum historicum\u201c markiert sein Drucker das Ereignis \u201eMartinus Lutherus scribit contra Indulgentias, anno 1517\u201c anhand eines gro\u00dfen Ornaments, das den Epochenbruch graphisch deutlich hervorhebt.<\/p>\n<p>Was noch geschah, ist bei Helwig sozusagen auf einen Blick ersichtlich. Ebenfalls typographisch hervorgehoben f\u00e4llt die beinahe Gleichzeitigkeit mit Kaiser Karl V. auf. Schaut man genauer hin, so erf\u00e4hrt man von der Belagerung Wiens durch die T\u00fcrken 1529, den Kriegen zwischen dem Reich und Frankreich und etwas fr\u00fcher, 1454 von der Eroberung Konstantinopels, in den Augen Helwigs ein Umbruchsereignis, da \u201egenau hier das \u00f6stliche Imperium auf die T\u00fcrken \u00fcbergeht\u201c. Auch Ars Typographica findet f\u00fcr das Jahr 1440 Erw\u00e4hnung; leicht kapitalisiert markiert diese Erfindung ein bedeutendes Ereignis in der Spalte f\u00fcr Academia. Bemerkenswert ist Helwigs Bemerkung \u00fcber den au\u00dfereurop\u00e4ischen Entstehungsort dieser Schl\u00fcsselerfindung der Neuzeit, die \u201eschon seit langer Zeit in China bekannt ist und dort auch entwickelt wurde\u201c.<\/p>\n<p>Doch was ist mit der iberischen Expansion, die um 1500 aus heutiger Sicht als das epochemachende Ereignis in keinem historischen \u00dcbersichtslehrbuch fehlen darf? Was ist mit der Fahrt des Christoph Columbus nach Westen, mit Vasco da Gamas Indienreise oder Fern\u00e3o de Magalh\u00e3es Weltumsegelung? Sie alle finden im \u201eTheatrum historicum\u201c keinen Platz. Selbst die Entdeckung einer Neuen Welt scheint nicht geeignet in dieser Synopse unterzukommen. Auch bis zur Gegenwart des Autors zu Beginn des 17. Jahrhunderts wird das au\u00dfereurop\u00e4ische Geschehen komplett ignoriert. Tats\u00e4chlich findet sich erst in der vierten erweiterten Auflage des Werks, besorgt durch Helwigs Schwiegersohn und den Barockautor Johann Balthasar Schupp im Jahr 1638, ein einziger Eintrag in der Spalte der spanischen Dynastie \u00fcber einen Aufstand in Mexiko f\u00fcr das Jahr 1624. Danach bleibt die Spalte f\u00fcr Spanien ganz frei. Das Reformationsjubil\u00e4um von 1617, an dem sich die Publikation der Lutherschen Thesen zum hundertsten Mal j\u00e4hrte, markiert indes die eindeutige Pr\u00e4ferenz dieser konfessionellen Historiographie.<\/p>\n<p>Das Schweigen beziehungsweise die Unkenntnis hinsichtlich der Geschichte der portugiesischen und spanischen Reisen nach Asien, Afrika und Amerika im Rahmen dieser synchronistischen Geschichtswerke darf zwar nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr den historiographischen Kenntnisstand im 17. Jahrhundert im Allgemeinen gelten. Allerdings steht die au\u00dfereurop\u00e4ische Geschichte im Rahmen der Geschichtsvermittlung im Schulunterricht, wo solche Tabellenwerke meistens Verwendung fanden, eher im Hintergrund. Das gilt f\u00fcr viele mitteleurop\u00e4ische, meist protestantische Autoren, wie Christoph Schraders chronologische Tafeln, die weite Verbreitung genossen, die aber auch keine Informationen zur Begegnung mit au\u00dfereurop\u00e4ischen Gesellschaften enthalten.<\/p>\n<p>Bei katholischen Autoren von historischen Tabellenwerken im 16. und 17. Jahrhundert ist das etwas anders. Zwar steht auch bei diesen die Geschichte der Begegnung, ihrer R\u00fcckwirkungen auf Europa keineswegs im Vordergrund ihrer kompilatorischen Strategie. Allerdings war die Erw\u00e4hnung der T\u00e4tigkeiten der Portugiesen in Afrika und Asien eine M\u00f6glichkeit, der lutherischen Erz\u00e4hlung des Epochenbruchs eine \u00e4hnlich gewichtige Darstellung entgegenzusetzen. Der franz\u00f6sische Bischof und Historiker Gilbert G\u00e9n\u00e9brard, der sich als besonders k\u00e4mpferischer katholischer Ligist im Umfeld der franz\u00f6sischen Religionskriege im sp\u00e4ten 16. Jahrhundert radikalisierte, verfolgte diese Strategie in einem vor Helwigs \u201eTheatrum\u201c ver\u00f6ffentlichten Werk mit dem Titel \u201eChronographia libri quatuor\u201c. Schlagen wir sein massives Kompendium zum Jahr 1517 auf, entdecken wir im \u201espatium historicum\u201c \u2013 so nennt man die Spalte f\u00fcr die historischen Darstellung in Tabellenwerken \u2013 die Darstellung des Streits zwischen Luther, dem Kurf\u00fcrsten von Mainz (Albrecht von Magdeburg), dem Dominikanerm\u00f6nch Johann Tetzel, dem Kurf\u00fcrst von Sachsen und so weiter. Der daraus hervorgehende Lutheranismus habe sich daraufhin weiterverbreitet und ganz Europa entz\u00fcndet. F\u00fcr G\u00e9n\u00e9brard stellt der Reformator Luther eine Erscheinung des Antichristen dar, den er dar\u00fcber hinaus auch mit dem Islam als wahres regnum Antichristi in einen engen Zusammenhang.<\/p>\n<p>Anders als Helwig setzt G\u00e9n\u00e9brard den Thesenanschlag in einen Zusammenhang mit dem gleichzeitig stattfindenden Geschehen der t\u00fcrkischen aber auch der iberischen Expansion: Die endg\u00fcltige Befreiung des K\u00f6nigreichs Granada f\u00fcr die Christenheit ist ihm ebenso wichtig zu erw\u00e4hnen wie auch die Bekehrung des Reichs des Manikongo in Afrika (im heutigen Angola) zum Christentum. Das Thema des portugiesischen Reiches interessiert G\u00e9n\u00e9brard aber auch in der gesamten historischen Darstellung um das Jahr 1500. Er berichtet f\u00fcr das Jahr 1520 von der Entdeckung \u00c4thiopiens, das er, dem Wissen der Zeit entsprechend, f\u00fcr das Reich des christlichen Priesterk\u00f6nigs Johannes h\u00e4lt. Jener sei, so schreibt der Bischof, trotz seiner 150 Jahre noch immer k\u00f6rperlich und geistig sehr aktiv. K\u00f6nig Manuel von Portugal wird als christlicher K\u00f6nig gelobt, der au\u00dferdem die Verbindung zu Indien unterh\u00e4lt. \u00dcber mehrere Seiten beginnt der Textteil bei G\u00e9n\u00e9brard mit der Erw\u00e4hnung des K\u00f6nigs von Portugal und der jeweiligen Fortschritte in der Entdeckung neuer L\u00e4nder: Die Umschiffung des Kap der Guten Hoffnung, die Ausdehnung des Krieges gegen die Muslime auf Ungl\u00e4ubigen in den Neuen Welten, die Teilung der Welt zwischen Portugal und Kastilien, die Benennung Amerikas nach Amerigo Vespucci, Pedro Cabrals Fahrt nach Brasilien oder die Begegnung mit Christen in Indien, die noch von der ersten Mission des Heiligen Thomas abstammen.<\/p>\n<p>Historiker also, die etwa ein Jahrhundert nach der Zeitenwende schrieben, setzten sich im konfessionellen Disput unterschiedlich mit dem Synchronismus um 1500 auseinander. W\u00e4hrend Helwig und andere lutherische Autoren selbst die kastilische beziehungsweise spanische Expansion ignorierten, war der gr\u00f6\u00dfere Zusammenhang einer gewissen Globalisierung der europ\u00e4ischen Geschichte f\u00fcr katholische Autoren wie G\u00e9n\u00e9bard durchaus ein wesentlicher Teil des Arguments seiner Topographie historischer Gleichzeitigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Europa und die Welt um 1500: Portugal als Bindeglied?<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was wir von dieser konfessionell aufgeladenen Historiographie um 1600 lernen k\u00f6nnen ist, wie wir uns heute dem Zusammenhang der portugiesischen Expansion und dem Geschehen auf dem europ\u00e4ischen Kontinent ann\u00e4hern k\u00f6nnen. War \u00fcberhaupt ein sachlicher Zusammenhang neben der zeitlichen Koinzidenz der Ereignisse zu erkennen? Welche Rolle spielt die von G\u00e9n\u00e9brard aufgerufene Gleichzeitigkeit der Begegnung zwischen Portugiesen und Gesellschaften in Asien und Afrika im historischen Zusammenhang mit der um 1500 beginnenden politischen, wirtschaftlichen und konfessionellen Umw\u00e4lzung in Europa? Ich denke, dass wir aus der Wahrnehmung der Zeitgenossen auf einige Zusammenh\u00e4nge schlie\u00dfen k\u00f6nnen, die uns bislang fremd oder schwer nachvollziehbar waren. Denn die moderne Historiographie zum fr\u00fchen portugiesischen Kolonialreich hat bis vor kurzem einige wenige Narrative einer zun\u00e4chst erfolgreichen Expansionsgeschichte, dann aber gescheiterten Kolonialreichsbildung erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die national- und kolonialhistorische Hagiographie des 19. und 20. Jahrhunderts in Portugal, die einige m\u00e4nnliche Heroen in der Expansionsgeschichte hervorhebt, kontrastiert dagegen scharf mit einer strengen Kritik an der mangelnden F\u00e4higkeit der Portugiesen koloniale Herrschaft ohne Gewalt- und Ausbeutungspraktiken aufrechtzuerhalten. Eine Variante der spanischen \u201eleyenda negra\u201c ist auch, wenn auch in abgeschw\u00e4chter Form, f\u00fcr das portugiesische Kolonialreich auszumachen. Portugiesen seien demnach schon von Beginn an ihrer Fahrten nach Afrika und Asien mit au\u00dferordentlich brutalen Eroberungs- und Unterwerfungsvorstellungen in die den Europ\u00e4ern bislang fremden Kulturr\u00e4ume vorgedrungen. W\u00e4hrend sie in Afrika und Asien zun\u00e4chst kaum \u00fcber die Etablierung eines Netzwerks von litoralen St\u00fctzpunkten und Festungen hinauskamen, gelang ihnen im S\u00fcdatlantik indes der Aufbau des nachhaltigsten (und wahrscheinlich profitabelsten) Wirtschaftssystem. Letzteres basierte jedoch in erster Linie auf einer Sklaven\u00f6konomie, die recht unabh\u00e4ngig vom Mutterland zwischen der Niederlassung an der Kongo-M\u00fcndung in Afrika und den Siedlung und Plantagen in Brasilien unterhalten wurde.<\/p>\n<p>In letzter Zeit hat sich zu den politischen, wirtschaftlichen und konfessionellen Fragestellungen der Historiker des portugiesischen Kolonialreichs ein neues Thema hinzugesellt. Dabei handelt es sich um die Bedeutung bestimmter kultureller Praktiken, die Portugiesen gemeinsam mit nicht-europ\u00e4ischen Akteuren ausbildeten, um innerhalb eines globalen Handlungsraums zusammenzuleben, und dabei den Austausch von Menschen, materiellen G\u00fctern und letztlich auch Ideen zu betreiben. Das Spannende an der diesbez\u00fcglichen Forschung ist, dass die Vorstellung eines portugiesischen Kolonialvorhabens, das \u00fcber einen klaren Plan der Expansion verf\u00fcgte, immer weniger plausibel erscheint. Es scheinen sich vielmehr durch die fr\u00fche portugiesische Expansion nach Afrika, Asien und Amerika vielmehr M\u00f6glichkeiten f\u00fcr europ\u00e4ische und nicht-europ\u00e4ische Akteure ergeben zu haben, einen globalen Kulturraum zu schaffen, der bestimmten Dynamiken der Verflechtung, \u00c4hnlichkeiten der gegenseitigen Wahrnehmung und der Verfolgung gemeinsamer Interessen gedient hat.<\/p>\n<p>Man spricht in den Geschichtswissenschaften heute von einer geteilten, verbundenen oder verflochtenen Geschichte zwischen den verschiedenen Akteuren, die sich im portugiesischen Kolonialreich begegneten. Die neue Geschichtsschreibung stellt sich gegen einseitige Erz\u00e4hlungen, die sich auf wirtschaftliche, politische oder missionarische Motive der Portugiesen verengen, und dabei die Gegenseite der Begegnungsgeschichte au\u00dfer Acht l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Aus Zeitgr\u00fcnden werde ich diese komplexe Geschichte gegenseitiger Wahrnehmungen, Praktiken und Ideen aus globaler Perspektive kaum f\u00fcr einen derart ausgedehnten Raum wie dem portugiesischen Kolonialreich selbst im groben \u00dcberblick darstellen k\u00f6nnen. Ich werde daher der Praxis der fr\u00fchneuzeitlichen Tabellenwerkautoren folgen und einen bestimmten synchronen Ereigniszusammenhang herausgreifen. Im Zentrum steht daher das Jahr 1500. Um diese Zeit erfuhr die damals schon alte portugiesische maritime Reiset\u00e4tigkeit eine bedeutende Z\u00e4sur, die mit der Ankunft Vasco da Gamas in Calicut an der indischen Malabark\u00fcste 1498 eingeleitet wurde und mit der Eroberung einiger bedeutender Hafenst\u00e4dte in Asien innerhalb weniger Jahre zur Errichtung des Estado da \u00cdndia, des \u201eStaats von Indien\u201c f\u00fchrte. Im Jahre 1517 waren die Portugiesen daher nicht nur in der Lage den Gew\u00fcrzhandel mit Asien \u00fcber den Seeweg zu kontrollieren, sondern auch die katholische Mission als eine der ma\u00dfgeblichen Aufgaben des christlichen Europas zu inszenieren.<\/p>\n<p>Das hatte insbesondere mit der Begegnung in zwei Orten zu tun, die ich gerne zum Anlass f\u00fcr eine genauere Betrachtung nehmen m\u00f6chte: Das Benin-Reich in Westafrika und die Stadt Goa an der indischen Malabark\u00fcste. Hier zeigen sich einige der Wechselwirkungen, die sich zwischen Portugiesen und Gesellschaften au\u00dferhalb Europas vollzogen. Es lohnt sich also einmal ein Schlaglicht auf diese Orte zu werfen, wo konfessionelle, politische und wirtschaftliche Faktoren ein komplexes Gemengelage ergaben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Luso-afrikanische Beziehungen in Benin<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wann genau die Portugiesen das K\u00f6nigreich Benin mit seiner Hauptstadt Benin-Stadt im Landesinneren und seinem Emporium in Ughoton das erste Mal besuchten, ist aufgrund schlechter Quellenlage nicht genau \u00fcberliefert. Bekanntlich r\u00fcckten portugiesische Schiffe mit jeder Reise im 15. Jahrhundert unter der Patronage des Prinzen Heinrich des Seefahrers immer weiter an der K\u00fcste Westafrikas vor. Die ber\u00fchmten Portolankarten zeigen das Vorr\u00fccken deutlich, wie etwa die Cantino-Karte von 1502, auf der Flaggen an den topographischen Punkten zu sehen sind, wo sogenannte \u201epadr\u00e3os\u201c aufgestellt wurden. Solche steinernen S\u00e4ulen mit einem Kreuz und einer Inschrift der jeweiligen Expedition, kennzeichnen das expansive Raumempfinden der Portugiesen anschaulich. Die Kanaren waren schon im 14. Jahrhundert entdeckt, Kap Bojador von Gil Eannes 1434 erfolgreich umschifft, den Senegal-Fluss erreichte man ein paar Jahre sp\u00e4ter, der Venezianer C\u00e0 da Mosto erforschte die Region des Gambia-Flusses sowie die Kapverdischen Inseln und Fern\u00e3o Gomes erkundete zusammen mit einer Gruppe von Kapit\u00e4nen, die dicht besiedelte K\u00fcste von Guinea und die vorgelagerten Inseln nach dem Tod Heinrichs im Jahre 1469 (S\u00e3o Tom\u00e9 1471). Diogo C\u00e3o setzte die Reisen fort, erreichte 1482 den Kongo und schlie\u00dflich 1485\/86 Cape Cross in Namibia, das gleichzeitig den vorl\u00e4ufigen Endpunkt dieses afrikanischen Fl\u00fcgels der Expansion darstellte. 1488 gelang es Bartolomeu Dias, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, was gleichzeitig die ptolem\u00e4ische Annahme einer dortigen Landbr\u00fccke zwischen Afrika und eines australischen Kontinents widerlegte. Der Seeweg nach Asien war damit frei.<\/p>\n<p>Die Frage, was eigentlich die Fahrten der Portugiesen motivierte, warum sie hartn\u00e4ckig an der Westk\u00fcste Afrikas entlangfuhren, obwohl dieses Unterfangen als ausgesprochen gef\u00e4hrlich galt, hat viele Antworten erhalten. So lange der Seeweg nach Asien jedoch als verschlossen galt, war Afrika selbst Ziel der iberischen Expeditionen gewesen. Denn Afrika war nicht nur durch die Geographie des Ptolem\u00e4us und die arabische Kartographie im Mittelmeerraum relativ gut bekannt. Es galt dar\u00fcber hinaus als ein Land des Reichtums, wo insbesondere Gold vermutet wurde, das die an Edelmetall arme portugiesische Wirtschaft dringend bedurfte und begehrte. Au\u00dferdem hielt sich eine hartn\u00e4ckige Vermutung von der Existenz eines christlichen K\u00f6nigreichs, jenseits des muslimischen Einflussbereichs, das man s\u00fcdlich der Sahara vermutete.<\/p>\n<p>Ausdruck der Hoffnung, den Goldhandel in Nordafrika zu umgehen, indem man einen Zugang im S\u00fcden suchte, war der Bau von S\u00e3o Jorge da Mina im Jahre 1482. Die Goldminen waren den Portugiesen allerdings selbst nicht zug\u00e4nglich und auch hier bem\u00fchten sie sich von Anfang an, mit den lokalen H\u00e4ndlern und Herrschern ein gutes Kooperationsverh\u00e4ltnis aufzubauen. Der Zusammenhang von Markt und Herrschaft war in dieser Region Afrikas meist nicht besonders ausgebildet, das hei\u00dft es gab wenig zentralisierte Kontrolle \u00fcber Handelsbeziehungen zwischen Portugiesen und Afrikanern. Der Bau einer Festung bedeutete zwar, dass den Europ\u00e4ern ein befestigter Ort zugestanden wurde, doch blieben die guten Beziehungen zu lokalen Akteuren die wichtigste Bedingung portugiesischer Existenz in Afrika.<\/p>\n<p>Das war im K\u00f6nigreich Benin jedoch etwas anders. Dort erschienen Portugiesen erstmals um 1485 im Zuge einer allgemeinen Erforschung des Landesinnern von Westafrika. Man fuhr zun\u00e4chst den Senegal-Fluss 60 Seemeilen hinauf, um die gro\u00dfen Handelsst\u00e4dte am Niger zu erreichen: Das Mali-Reich entdeckte man 1488 und 1489 wurde eine Expedition zu einem K\u00f6nig im Senegal entsandt; Pedro da Evora erreichte schlie\u00dflich Timbuktu im Jahr 1490. Jo\u00e3o Afonso de Aveiro, Gesandter des K\u00f6nigs Jo\u00e3o II. machte seinen ersten Besuch im Benin-Reich bereits 1484 und wurde dort vom K\u00f6nig in Benin-Stadt freundlich empfangen. Auf der R\u00fcckreise Aveiros wurde er von einem Diplomaten des Oba, dem Gouverneur der Hafenstadt Ughothon, an den Hof in Lissabon begleitet. In den n\u00e4chsten Jahren entwickelte sich Beziehungen zwischen den Portugiesen und dem straff geordneten afrikanischen K\u00f6nigreich, das nicht nur \u00fcber klare Hierarchien zwischen Hofbeamten und H\u00e4ndlern an der K\u00fcste, sondern auch \u00fcber eine gro\u00dfe Hauptstadt mit ausgedehnter Palastanlage verf\u00fcgte. In Ughoton errichteten die Portugiesen eine Faktorei, wo insbesondere Siedlern von der Insel S\u00e3o Tom\u00e9 ein Handelsprivileg erteilt wurde. Allerdings entwickelte sich der Handel in Benin f\u00fcr die Portugiesen nur sehr schleppend. Sklavenhandel mit den Europ\u00e4ern handhabte der Oba sehr restriktiv, der Benin-Pfeffer spielte zwar anf\u00e4nglich eine gro\u00dfe Rolle, doch mussten die Portugiesen daf\u00fcr gro\u00dfe Mengen von Manillas (Armringe) aus Kupfer, Bronze oder Messing einf\u00fchren (j\u00e4hrlich etwa 25 bis 49 Tonnen). Mit dem Aufkommen des Handels mit asiatischem Pfeffer wurde die Faktorei in Ugothon schlie\u00dflich aufgegeben.<\/p>\n<p>Den Kupferimporten nach Benin verdanken wir jedoch ein seltenes Zeugnis afrikanischer Wahrnehmung der Portugiesen um 1500. Au\u00dferordentliche Arbeiten aus Bronze, Platten, Armb\u00e4nder und Masken, die zum Teil noch heute erhalten sind, stellen Portugiesen und Gesichter der Europ\u00e4er dar und geben uns eine Vorstellung davon, wie pr\u00e4sent diese in dem westafrikanischen Staat waren. Die rechteckigen Platten zierten die Fassade des Palasts des Oba und waren bis zur milit\u00e4rischen Eroberung durch britische Truppen im Jahr 1897 an diesem Ort. Heute kann man einige von diesen Darstellungen im British Museum betrachten. Auff\u00e4llig sind die Kleider und H\u00fcte der Portugiesen, die aber oft in Gruppendarstellungen zusammen mit afrikanischen W\u00fcrdentr\u00e4gern, Kriegern und Hofbeamten zu sehen sind. Das l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass Portugiesen sich nicht nur f\u00fcr kurze Zeit im K\u00f6nigreich aufhielten. Tats\u00e4chlich nimmt man an, dass afro-portugiesische Siedler auf S\u00e3o Tom\u00e9 bereits um 1500 in Benin aktiv waren und wohl auch dem Oba als S\u00f6ldner dienten.<\/p>\n<p>Indes zerschlugen sich die Hoffnungen der Portugiesen, diesen Herrscher zum Christentum zu bekehren. Denn anders als der Manikongo, dessen Reich man sp\u00e4ter zumindest f\u00fcr hunderte Jahre erfolgreich christianisierte, lie\u00df sich der K\u00f6nig von Benin nicht von den spirituellen Vorteilen des Christentums \u00fcberzeugen. Die Erwartungshaltung, den Oba f\u00fcr das Christentum zu gewinnen, erkl\u00e4rt sich mithin aus der imagin\u00e4ren Vorstellung des Priesterk\u00f6nigs, den man immer wieder in solchen afrikanischen Herrscherfiguren zu erkennen glaubte. Das Ziel, einen christlichen Alliierten gegen die auch in dieser Region operierenden muslimischen H\u00e4ndler und deren politischen Einfl\u00fcsse zu gewinnen, war dabei die Strategie, die Portugiesen w\u00e4hrend des gesamten 16. Jahrhunderts verfolgten. Doch scheint es, dass der Oba eigene Interessen in den Vordergrund stellte und auch sonst nicht zum Christentum neigte. 1516 berichtet der H\u00e4ndler Duarte Pires, der am Hof des Oba weilte, in einem Brief (20. Oktober 1516) an K\u00f6nig Manuel, dass portugiesische Missionare den Oba \u00fcber ein Jahr bei einem Feldzug begleitet h\u00e4tten. Dabei muss den Portugiesen klar geworden sein, dass dessen Bedarf an Feuerwaffen ein Motiv f\u00fcr die Ann\u00e4herung an die Portugiesen gewesen sein mag. Da ihm solche als nicht-christlicher Herrscher aufgrund eines p\u00e4pstlichen Verbots nicht geliefert werden durften, sah er im Christentum ein Mittel zum Zweck, um seine eigenen strategischen Ambitionen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Die Episode der portugiesischen Pr\u00e4senz in Benin stellt jedoch eine Ausnahme in der luso-afrikanischen Geschichte dar. Denn Benin war, anders als andere K\u00fcstengesellschaften in Westafrika, in der Lage eine regelrecht protektionistische Handelspolitik zu verfolgen, die eine zu starke Einflussnahme der Portugiesen verhinderte. Das war anderswo nicht der Fall. In Orten wie S\u00e3o Tom\u00e9, die K\u00fcste Senegambiens, Elmina oder andere Festungen und Faktoreien, so erf\u00e4hrt man aus sp\u00e4teren europ\u00e4ischen Berichten, dass Portugiesen beinahe \u00fcberall pr\u00e4sent waren und meist mit den afrikanischen Gesellschaften zusammenlebten, Heiraten mit Afrikanerinnen eingingen, die portugiesische Sprache als lingua franca etablierten, wobei sich einige kreolische Varianten herausbildeten. Anderen Europ\u00e4ern musste die westafrikanische K\u00fcstengesellschaft einerseits bekannt, andererseits aber auch fremd erscheinen. Tats\u00e4chlich war man als Franzose oder Niederl\u00e4nder froh, sich auf Portugiesisch zu verst\u00e4ndigen, wenn man den Angeh\u00f6rigen dieser lusoafrikanischen Kultur begegnete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Goa \u2013 \u201eSchl\u00fcssel zu ganz Indien\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die \u00d6ffnung des Seewegs nach Asien ver\u00e4nderte das Wissen der Portugiesen von der Welt in vielerlei Hinsicht. Die Erkundung der K\u00fcste Ostafrikas brachte die aus Sicht der Portugiesen entt\u00e4uschende Erkenntnis, dass die Gew\u00e4sser und auch die Landwege bereits von zahlreichen muslimischen Herrschern und H\u00e4ndlern vereinnahmt und kontrolliert wurden. Von Sofala in Mozambique \u00fcber Malindi bis Kochi begegnete man nicht dem erhofften Priesterk\u00f6nig, sondern ganz verschiedenen muslimischen Gruppierungen. Pedro Alvar\u00e9s Cabral, der die zweite Flotte nach Vasco da Gama im Jahre 1500 nach Indien f\u00fchrte, musste lernen, dass es sowohl Anh\u00e4nger der Schia als auch Sunniten gab, die der Vorstellung eines homogenen Islam widersprachen. Die Jahre nach diesen ersten beiden Expeditionen waren denn aber vor allem von Auseinandersetzungen mit den Mamelucken gepr\u00e4gt, die bislang den Seehandel \u00fcber das Rote Meer mit Indien kontrollierten. Die komplizierten Routen \u00fcber Land und Meer, die den Gew\u00fcrzhandel aus dem Osten \u00fcber Indien, Persien, Syrien und schlie\u00dflich bis nach Venedig f\u00fchrten, waren den Portugiesen nicht vollkommen verst\u00e4ndlich. Trotzdem f\u00fcrchteten venezianische Beobachter, dass die Entdeckung der Kap-Route den Anfang vom Ende ihres Wohlstandes bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dass die Portugiesen zu diesem Zeitpunkt bereits einen Plan hatten, wie der lukrative Markt mit den kostbaren G\u00fctern aus Asien in ihre H\u00e4nde zu bringen sei, kann bezweifelt werden. So waren es denn auch nicht die portugiesischen Flotten, die f\u00fcr Engp\u00e4sse des Handels im Jahr 1502 von den besorgten Venezianern verantwortlich gemacht wurden, sondern Streitigkeiten unter arabischen Herrschern am Roten Meer (die Scherifen von Mekka). W\u00e4hrend sich der erste Vizek\u00f6nig des Estado da \u00cdndia Francisco de Almeida ab 1505 zun\u00e4chst in Kochi in Calicut einrichtete, erreichte die mamelukische Flotte unter dem Emir Husain al-Kurdi Bash al-\u2018Askkar nach der Befriedung der Konflikte im Roten Meer den Indischen Ozean. Husain verb\u00fcndete sich dann mit dem Gouverneur von Diu, Malik Ayaz, um die Portugiesen in einer Seeschlacht entscheidend zu schlagen. Der Malik aber wechselt die Seiten und die Mameluken unterlagen in diesem Aufeinandertreffen. Von diesen Ereignissen ersch\u00fcttert, nicht zuletzt durch den Tod seines Sohnes, entschied sich Almeida 1508 daf\u00fcr, die Expansion nach Osten zu stoppen und stattdessen Kochi als Handelszentrum auszubauen. Almeidas \u201eminimalistische Strategie\u201c ging davon aus, dass der Zugang zu Ressourcen \u2013 Holz f\u00fcr Schiffsbau, Metall f\u00fcr Artillerie und hervorragenden Handwerker in Indien \u2013 entscheidend f\u00fcr den Verbleib der Portugiesen in der Region sei. Diese Ressourcen g\u00e4be es insbesondere im Sultanat von Diu, weshalb man die Verbindung dorthin kontrollieren und sie den Venezianern und Mameluken verwehren sollte.<\/p>\n<p>Eine neue Phase begann indes mit der Ankunft des zweiten entsandten Vizek\u00f6nigs, Afonso de Albuquerque, der eine aggressivere Strategie im Sinn hatte und weitere Eroberungen vorsah. Aus einem Streit zwischen Almeida und Albuquerque ging letzterer siegreich hervor und Albuquerque begann 1510 mit der Einnahme von Goa, die dieser im n\u00e4chsten Jahr als Hauptstadt des Estado da \u00cdndia auszubauen begann. Goa \u2013 \u201ea chave de toda a \u00cdndia\u201c, \u201eder Schl\u00fcssel zu ganz Indien\u201c \u2013 erhielt im Laufe der Jahre monumentale Bauwerke, welche die Stadt im portugiesischen Stil pr\u00e4gen sollte. Unterdessen verfolgte Albuquerque weitere Feldz\u00fcge. In schneller Abfolge gelang es den Portugiesen, unter Ausnutzung von Rivalit\u00e4ten zwischen Muslimen und Hindus, zun\u00e4chst 1511 das Handelszentrum Malakka auf der malayischen Halbinsel und Tor zu den bis dahin unbekannten Gew\u00fcrzinseln (Molukken) zu erobern. Es folgten Sumatra, Flores auf Java, Timor, die Banda-Inseln, Ambon und die Inselsultanate auf Ternate und Tidore. 1514 wurde Ormuz an der Meerenge zum Persischen Golf erobert und mit einer Burg befestigt. Die Kontrolle des Roten Meers hingegen wurde als nicht mehr entscheidend angesehen und nicht weiter verfolgt. Nach 1515 war demnach die dauerhafte Existenz eines portugiesischen Estado da \u00cdndia nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das wirtschaftliche Ziel, den Gew\u00fcrzhandel in portugiesische Hand zu bringen, teilweise erf\u00fcllt wurde \u2013 ein bedeutender Teil des Handels fand lange noch \u00fcber den Landweg statt \u2013, war das konfessionspolitische Ziel des Kampfes gegen den Islam in weite Ferne ger\u00fcckt. Stattdessen schienen sich die Portugiesen mit der neu wahrgenommenen Lage des religi\u00f6sen Pluralismus in Asien zu arrangieren. Sp\u00e4ter, in den 1580er Jahren, berichtete der holl\u00e4ndische Kaufmann Jan Huygen van Linschoten \u00fcber das Leben in Goa, dass \u201edort alle m\u00f6glichen Nationen wie Inder, Heiden, Mohren, Juden, Armenier, Gujaratis, Banyaner, Brahmanen und aller indischen Nationen und V\u00f6lker seien, die hier leben und Handel treiben\u201c. Es gelte au\u00dferdem Gewissensfreiheit, gesetzt den Fall sie praktizierten ihre Rituale hinter verschlossenen T\u00fcren. Die indische Sozialordnung des Kastensystems, die Linschoten hier zu beschreiben scheint, wurde in Goa von den Portugiesen nicht unangetastet gelassen. Es ergeben sich Hinweise darauf, dass die portugiesische Kolonialmacht begonnen hatte, \u201ein die lokale Ordnung einzugreifen und die bestehende Gleichgewichte neu zu justieren begann\u201c.<\/p>\n<p>Allerdings gelang es den Portugiesen auch nicht, eine ganz eigene administrative Herrschaftsordnung zu etablieren. Im Gegenteil: Es ist eine gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit in der Herausbildung neuer Herrschafts- und Sozialstrukturen im Estado da \u00cdndia wahrzunehmen. \u201eAlte Verzeichnisse\u201c, Berichte von \u201eB\u00fcchern\u201c der \u201eSchreiber\u201c und von \u201eihren Archiven\u201c, die vor Ankunft der Portugiesen entstanden sind, zeigen das auch islamische und hinduistische Machthaber politische Praktiken des (administrativen) Wissens anwendeten, die den portugiesischen Land- und Eigentumsregistern in Goa (Forais und Tombos) nicht un\u00e4hnlich waren, wenn nicht gegenseitig beeinflussten. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr die architektonische Neugestaltung Goas unter den Portugiesen: Albuquerques Pl\u00e4ne zur Neugestaltung der Stadt sahen zwar die Errichtung eines Vizek\u00f6nigpalasts vor, aber dieser ging doch in seinen Urspr\u00fcngen auf die Zeit der islamischen Herrschaft zur\u00fcck. Die Befestigungsanlagen der Stadt und das Stra\u00dfennetz blieb bestehen. Einzig die Kathedrale von Goa oder der Bogen der Vizek\u00f6nige (Arco dos Vice-Reis) waren eindeutige Akzente der portugiesischen Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ein geteilter globaler Kulturraum<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser gegenseitigen Verflechtung von portugiesischen und indigenen Elementen der Herrschaft, des Wissens, der Materialit\u00e4t entspricht Goa als Stadt auch der immer wieder wahrnehmbaren Verschmelzung von agency und den vermeintlich genuin europ\u00e4ischen Voraussetzungen der portugiesischen Expansion. Viele ihrer \u201eEntdeckungsfahrten\u201c w\u00e4ren ohne navigatorische Kenntnisse nicht-europ\u00e4ischer Lotsen nicht m\u00f6glich gewesen. Arabische Seeleute halfen den Portugiesen bei ihren Fahrten durch den Indischen Ozean; Araber, Gujaratis, Javaner und Malayen bei den Reisen von den H\u00e4fen an der Malabark\u00fcste nach Ceylon, Malakka, den Sunda Inseln, Java, den Molukken, Sumatra und Siam; und sp\u00e4ter Chinesen bei der Navigation des Seewegs von Malakka \u00fcber Macao nach Japan. Portugiesen waren au\u00dferdem angewiesen auf indigene Expertisen, Wissen, F\u00e4higkeiten und Ressourcen. Ohne das nautische Wissen des Lotsen aus Gujarati, den Vasco da Gama in Malindi mit an Bord nahm, h\u00e4tte er nicht den Ozean von Afrika nach Indien queren k\u00f6nnen. Afonso de Albuquerque war bei der Eroberung Malakkas auf den Beistand der hinduistischen H\u00e4ndler von der Coromandelk\u00fcste angewiesen.<\/p>\n<p>Auch der Schiffsbau, der Bau der gro\u00dfen Karacken verlagerte sich nach Indien, wo man sich auf die Qualit\u00e4t des tropischen Teak-Holzes ebenso verlassen konnte, wie das im Atlantik f\u00fcr das brasilianische Hartholz galt. Ebenso verlie\u00dfen sich Portugiesen g\u00e4nzlich auf nicht-europ\u00e4ische Technologien: Nach der Eroberung Malakkas charterte Afonso de Albuquerque eine chinesische Dschunke, um Waren und Handelsg\u00fcter in die Molukken zu \u00fcberf\u00fchren \u2013 eine Praxis, die sich weiter bew\u00e4hren sollte. Dabei blieb auch der portugiesische Handel mit Gew\u00fcrzen auf den asiatischen Raum beschr\u00e4nkt. Viele Portugiesen kehrten nicht mehr aus dem Osten in die Heimat nach Portugal zur\u00fcck, sondern blieben vor Ort sesshaft, um dort ihren Gesch\u00e4ften nachzugehen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt zwar nicht f\u00fcr Afrika in dem Ma\u00dfe wie f\u00fcr Asien, auch wenn ein Bericht von 1528 noch davon spricht, dass im Landesinneren von Ostafrika \u201ehunderte\u201c Portugiesen leben w\u00fcrden, Familien h\u00e4tten, mal Mineralien abbauten oder sich dort als S\u00f6ldner f\u00fcr indigene F\u00fcrsten darbieten w\u00fcrden. Im S\u00fcdatlantik hingegen entwickelte sich zwischen Afrika und Brasilien ein Wirtschaftsraum fast ohne R\u00fcckbindung an Europa. Und in Westafrika betrieben die indigenen Gesellschaften neben dem transatlantischen Handel einen intensiven K\u00fcstenhandel, der vor der Ankunft der Portugiesen nicht existierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Res\u00fcmee<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie schlie\u00dfen wir also den Kreis dieser Darstellung, den wir mit einigen Einblicken in synchronistische Tableaus um 1600 begonnen haben? Die Frage nach dem historischen Zusammenhang, die sich entweder angesichts der Auslassung oder der Hervorhebung der portugiesischen Expansion im Kontext von konfessionell aufgeladener Historiographie ergibt, kann hier zwar nicht abschlie\u00dfend aufgel\u00f6st werden. Doch erhellt der Vergleich der unterschiedlichen historischen Wahrnehmungen von der portugiesischen Expansion den langsam verlaufenden Abl\u00f6sungsprozess europ\u00e4ischer Geschichte und der gleichzeitig damit verlaufenden Herausbildung eines globalen Kulturraums. F\u00fcr Helwig spielte das, was au\u00dferhalb der christlichen Heilsgeschichte stattfand, keine Rolle; G\u00e9n\u00e9brard, wir erinnern uns, stellt die portugiesische Expansion als Katholik zur\u00fcck in den Rahmen dieser Eschatologie. Beide Perspektiven heben so entweder negativ oder positiv einen gewissen Zusammenhang der globalen und europ\u00e4ischen Geschichte her.<\/p>\n<p>Allerdings hat diese Sicht zu einer allm\u00e4hlichen Losl\u00f6sung der europ\u00e4ischen Geschichte von der Geschichte der globalen Verflechtungen gef\u00fchrt. Wenn die neueren Studien zum portugiesischen Kolonialreich recht haben und dieses Reich weniger europ\u00e4isch war als man das bislang glaubte, dann m\u00fcssen wir die Frage nach den historischen Zusammenh\u00e4ngen vielleicht neu stellen. Dann macht es auch wenig Sinn, sich an einer Epochenschwelle der europ\u00e4ischen Geschichte abzuarbeiten, wenn man nicht wirklich wei\u00df welche Z\u00e4suren in einem globalen Zusammenhang gelten k\u00f6nnen. 1517 mag aber Anlass daf\u00fcr sein, konfessionelles Zeitalter und die globale Verflechtung ganz anders zu verbinden: So k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich fragen, welche Einfl\u00fcsse der indische Religionspluralismus auf die Glaubensspaltung in Europa hatte. Nicht nur das Wissen \u00fcber die Existenz anderer \u201eheidnischer\u201c Glaubenssystem, sondern auch das Wissen um die M\u00f6glichkeit der Koexistenz solcher Glaubenssysteme, war eine wertvolle Lehre f\u00fcr die Portugiesen aus Afrika und Asien. Dass diese sich fruchtbar f\u00fcr die Teilnahme der Portugiesen am neu entdeckten Kulturraum erwies, zeigt sich sehr wohl schon um 1500 in vielen Praktiken der \u00dcbernahme, \u00dcbersetzung und Anpassung. Ob aber diese Lehre auch in Europa insgesamt aufgegriffen und ebenso pragmatisch umgesetzt wurde, bleibt mehr als fraglich.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein R\u00fcckblick aus der Vergangenheit &nbsp; Wirft man einmal einen Blick in die historischen \u00dcberblickswerke, die im fr\u00fchneuzeitlichen Schulunterricht Verwendung fanden, so erf\u00e4hrt man, dass das Jahr 1517, in dem Luther seine Thesen ver\u00f6ffentlichte, schon hundert Jahre nach dem Ereignis durchaus als Zeitenwende gelten kann. Zu Beginn des 17. 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