{"id":118168,"date":"2026-01-20T16:04:54","date_gmt":"2026-01-20T15:04:54","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118168"},"modified":"2026-01-20T16:05:29","modified_gmt":"2026-01-20T15:05:29","slug":"die-entstehung-des-spanischen-imperiums-in-der-neuen-welt-unter-koenig-karl-i-kaiser-karl-v","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-entstehung-des-spanischen-imperiums-in-der-neuen-welt-unter-koenig-karl-i-kaiser-karl-v\/","title":{"rendered":"Die Entstehung des spanischen Imperiums in der Neuen Welt unter K\u00f6nig Karl I. (Kaiser Karl V.)"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Preliminary remarks<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um das spanische Imperium in den Americas unter Karl I.\/V. verstehen zu k\u00f6nnen, muss auf Christoph Kolumbus zur\u00fcckgegriffen werden, der die Inselwelt zwischen Nord- und S\u00fcdamerika als erster bekannter Europ\u00e4er befuhr. Dieser entdeckte im Oktober 1492 die Insel Guanahani im Archipel der Bahamas und erkundete auf dieser und drei weiteren Reisen den gesamten karibischen Raum. Er war bis zu seinem Tod \u00fcberzeugt, Inseln in Indien erforscht zu haben \u2013 noch heute tragen die Eilande den Namen \u201eWestindische Inseln\u201c.<\/p>\n<p>Kolumbus erreichte am 4. M\u00e4rz 1493 wieder Europa, konferierte in Lissabon mit dem portugiesischen K\u00f6nig, kam am 15. M\u00e4rz 1493 zu seinem Ausgangshafen Palos in Andalusien und traf im April 1493 Ferdinand II. von Arag\u00f3n und dessen Ehefrau Isabella I. von Kastilien in Barcelona. Die Daten sind wichtig, weil sie zeigen, wie rasch die beiden Monarchen auf die Neuigkeiten aus \u201eIndien\u201c reagierten. Denn um die in ihrem Namen gemachten Entdeckungen vor allem vor den Portugiesen, aber auch vor eventuellen anderen europ\u00e4ischen Konkurrenten abzusichern, veranlassten Ferdinand II. und Isabella I. den erst 1492 zum Papst gew\u00e4hlten Alexander VI., bereits am 3. und 4. Mai 1493 zwei Bullen, beide bekannt unter dem Namen \u201eInter Caetera\u201c, zu publizieren. Mit diesen wurden all jene L\u00e4nder an Kastilien \u00fcbertragen, die zu Weihnachten 1492 nicht unter der Herrschaft eines christlichen F\u00fcrsten gestanden hatten und die westlich einer Nord-S\u00fcd-Linie lagen, die rund 480 Kilometer westlich der Azoren und der Kapverdischen Inseln gezogen werden sollte.<\/p>\n<p>K\u00f6nig Jo\u00e3o II. von Portugal protestierte sofort und erreichte Verhandlungen mit den Kastiliern im Fr\u00fchling 1494 in Tordesillas in der N\u00e4he von Valladolid. Am 7. Juni wurde dort der gleichnamige Vertrag unterzeichnet, der die Nord-S\u00fcd-Trennungslinie weiter nach Westen verschob, n\u00e4mlich auf rund 1770 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln. Papst Julius II. best\u00e4tigte den Vertrag 1506. Portugal und Kastilien hatten sich damit den atlantischen Raum aufgeteilt, ohne auf eventuelle Anspr\u00fcche anderer seefahrender M\u00e4chte R\u00fccksicht zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Begegnung mit dem Fremden<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung der amerikanischen Reiche setzte zuerst einmal die genaue Kenntnis der geographischen Gegebenheiten voraus. Diese stellten im neuentdeckten Kontinent eine immerw\u00e4hrende Quelle der \u00dcberraschungen dar. Folgt man dem Bordbuch der ersten Reise des Kolumbus, mussten seine k\u00f6niglichen Auftraggeber denken, dass sich in der Neuen Welt das irdische Paradies bef\u00e4nde. Denn das geographische Verst\u00e4ndnis des Kolumbus war nicht nur durch Phantastereien verfremdet, sondern vor allem gepr\u00e4gt von seiner Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Dazu ein Beispiel: Im Werk Imago Mundi des Pierre d\u2019Ailly hatte er gelesen, dass sich das irdische Paradies in einer Zone milden Klimas in \u00c4quatorn\u00e4he bef\u00e4nde. Weil er nicht endg\u00fcltig sicher war, nun das Paradies wirklich entdeckt zu haben, stellte er ganz einfach fest, dass, da die antiken und mittelalterlichen Theologen und Philosophen das irdische Paradies im Fernen Osten lokalisiert h\u00e4tten und das Klima der neuentdeckten L\u00e4nder sehr mild sei, er sich nun im Fernen Osten bef\u00e4nde. W\u00e4hrend seiner dritten Reise gewann Kolumbus noch gr\u00f6\u00dfere Gewissheit, das irdische Paradies gefunden zu haben, musste daf\u00fcr allerdings die Erkenntnisse, die er sich aufgrund seiner Lekt\u00fcre angeeignet hatte, modifizieren, damit die Angaben der alten Autoren mit seinen eigenen Beobachtungen synchronisiert werden konnten. Das klingt dann so: \u201edie Erde ist nicht rund in der Form, wie es beschrieben wird. Vielmehr hat sie die Form einer sehr runden Birne mit Ausnahme der Stelle, wo die Birne ihren Stiel hat. Denn dort ist sie viel h\u00f6her. Man k\u00f6nnte auch sagen, die Erde ist wie ein sehr runder Ball, und an einer Stelle sieht sie aus wie die Brust einer Frau, und der Teil der Brustwarze ist der h\u00f6chste Teil, der dem Himmel am n\u00e4chsten ist, und dieser Teil w\u00e4re demnach unterhalb der \u00c4quinoktiallinie und in diesem Meer am Ende des Orients.\u201c<\/p>\n<p>Kolumbus mag mit diesem Glauben gestorben sein, doch sp\u00e4testens jenen Spaniern, die nach ihm in die Neue Welt kamen, wurde bald klar, dass dem nicht so war. Viel l\u00e4nger umstritten blieb ein anderes Problem, n\u00e4mlich die Frage, ob die Einwohner der Neuen Welt \u00fcberhaupt Menschen seien. Dieses Problem begegnet uns zumindest w\u00e4hrend des gesamten 16. Jahrhunderts, obwohl Papst Paul III. 1537 mit seiner Bulle \u201eSublimis Deus\u201c die Menschlichkeit der Indios zweifelsfrei best\u00e4tigt hatte.<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit oder der Unwillen der Europ\u00e4er, fremde Kulturen zu begreifen, f\u00fchrte nicht nur h\u00e4ufig zu deren mehr oder minder gewaltsamen Ausrottung oder zumindest Unterdr\u00fcckung, sondern trieb zuweilen auch kuriose Bl\u00fcten. So berichtete Hern\u00e1n Cort\u00e9s, der Eroberer Mexikos, mit besonderer Abscheu von den Menschenopfern, die er bei den Azteken beobachtet hatte, und davon, dass bei den religi\u00f6sen Zeremonien das Fleisch der Opfer gegessen werde. Karl V. und seine R\u00e4te f\u00fchrten dies nicht auf religi\u00f6se Notwendigkeiten im Rahmen des aztekischen Glaubensgeb\u00e4udes zur\u00fcck, sondern auf den Mangel an f\u00fcr Menschen essbarem Fleisch. 1523 ordnete der K\u00f6nig daher an, dass ausreichende Mengen an Vieh nach Mexiko gebracht werden sollten, damit die Bewohner genug Fleisch zu essen h\u00e4tten und umso schneller mit der Menschenfresserei aufh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Begegnet uns hier das pure Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber anderen Kulturen, muss auf der anderen Seite festgehalten werden, dass die Krone nach jeder Eroberung danach trachtete, m\u00f6glichst genaue geographische Informationen \u00fcber die neuen Territorien zu erhalten. Zu inkludieren waren im Rahmen dieser Informationen auch exakte Angaben \u00fcber die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der autochthonen Ethnien, \u00fcber ihre Religionen und Gebr\u00e4uche, \u00fcber ihre Steuerformen, ihre Gesetze und auch die Erbrechte des einheimischen Adels. Die Triebfeder f\u00fcr dieses detaillierte Interesse ist in der Notwendigkeit zu suchen, amerikanische Strukturen auf ihre Verwendbarkeit im Rahmen der neu aufzubauenden kastilischen Verwaltung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Eine Neubegr\u00fcndung eines \u00fcberseeischen Verwaltungsgebietes nach kastilischem Recht und kastilischen Gesetzen war nur dann mit einem vern\u00fcnftig kalkulierbaren Aufwand realisierbar, wenn die einheimische, amerikanische Bev\u00f6lkerung, und hier besonders die einheimischen F\u00fchrungsschichten, zu einer wie immer gearteten Kooperation mit den Spaniern gewonnen werden konnten. Neubegr\u00fcndung hei\u00dft in diesem Zusammenhang, dass zumindest Teile der Rechtssysteme der Indios in das Geb\u00e4ude der kastilischen Gesetze \u00fcbernommen und dass auch die von den Europ\u00e4ern vorgefundenen politischen Konstellationen nicht v\u00f6llig ver\u00e4ndert wurden. Denn die europ\u00e4ische Bev\u00f6lkerung in der Neuen Welt war viel zu gering an Zahl, als dass man auf die Kooperation des einheimischen Adels h\u00e4tte verzichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die kastilische Krone war also daran interessiert, das rechtliche Herkommen und auch die Gebr\u00e4uche der indigenen Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen und zumindest Teile ihrer Strukturen zu erhalten, solange nicht dadurch die Christianisierung oder die Ausbeutung der Ressourcen behindert wurde.<\/p>\n<p>Weiter machte sich die Krone auch den pr\u00e4hispanischen Verwaltungsapparat zunutze. Beispielsweise wurde 1530 von Karl V. verlangt, s\u00e4mtliche \u201eMalereien der Tribute\u201c, also die mexikanischen Codices samt ihren Kommentaren \u00fcber die Tribute in N\u00e1huatl, zu sammeln, um aufbauend auf dem alten Abgabensystem nun die neuen, kastilischen Abgaben festzuschreiben. Auf diese Art und Weise wurden auch die Strukturen der einheimischen Gesellschaften im System der Kolonialverwaltung integriert. Sichtbar sind so bis heute diverse pr\u00e4hispanische Grenzen in Hispanoamerika, die eben zu Grenzen zwischen einzelnen Provinzen verschiedener Staaten oder auch zu Staatsgrenzen wurden. Sichtbar ist die Fortf\u00fchrung pr\u00e4spanischer Traditionen auch im religi\u00f6sen Bereich. So manches katholische Gotteshaus findet sich an der Stelle eines indianischen Tempels.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Conquistadoren<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Hispanisierung gro\u00dfer Teile der Neuen Welt w\u00e4re wohl nie in dieser raschen Art und Weise abgelaufen, w\u00e4re sie nicht in den ersten hundert Jahren von einer Gruppe von Menschen getragen worden, die als so genuin kastilisch-spanisch betrachtet, dass sie auch au\u00dferhalb des spanischen Sprachbereichs mit einem kastilisch-spanischen Wort bezeichnet wird. Gemeint sind die Conquistadores, die innerhalb k\u00fcrzester Zeit durch die Conquista weite Teile der Neuen Welt der kastilischen Krone unterwarfen. Die Conquistadoren wurden bei ihren Unternehmungen insofern durch die Krone unterst\u00fctzt, als diese deren Funktionen im Rahmen der Expeditionen festlegte und auch den geographischen Raum umschrieb, innerhalb dessen die Aktionen stattzufinden hatten. Die geringe oder nicht vorhandene Kenntnis der geographischen Gegebenheiten provozierte allerdings zahlreiche Konflikte zwischen den Conquistadoren, die vor Ort feststellen mussten, dass sich das ihnen zugestandene Gebiet mit jenem eines Konkurrenten \u00fcberschnitt.<\/p>\n<p>Je nach dem Zeitabschnitt, den wir betrachten, stammte ein Drittel bis 40 Prozent der Conquistadoren aus Andalusien, 18 Prozent waren aus Altkastilien, 14 bis 16 Prozent aus der Extremadura. Dieses Moment der Dominanz des iberischen S\u00fcdens wirkte sich auf den speziellen Geist der Conquista aus. In Andalusien, im dauernden Kleinkrieg gegen die Mauren, war der Kreuzzuggedanke besonders stark, nicht zuletzt in den weiten Dominien der Milit\u00e4rorden. Schon vor dem milit\u00e4rischen Sieg \u00fcber das letzte maurische K\u00f6nigreich in Granada 1492 war dieser Kreuzzuggedanke \u00fcber das Meer auf die Kanarischen Inseln \u00fcbertragen worden, die von der kastilischen Krone ab dem 14. Jahrhundert erobert worden waren. Hier traf man erstmalig auf eine heidnische Bev\u00f6lkerung, was dazu f\u00fchrte, dass der Kreuzzugsgedanke langsam durch den Missionsgedanken ersetzt wurde. Und diese Idee diente neben der Gier nach Reichtum als Motor und als Entschuldigung im Rahmen aller Unternehmungen der Conquista.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Drama der Bev\u00f6lkerungsver\u00e4nderungen<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ankunft der Europ\u00e4er bedeutete f\u00fcr die amerikanischen Gesellschaften in jedem Fall gravierende Ver\u00e4nderungen. Es waren nicht so sehr die kriegerischen Auseinandersetzungen, die die indigene Bev\u00f6lkerung massiv reduzierten, sondern vor allem Krankheiten aus der Alten Welt, also Eurasien und Afrika, die die Amerikaner massenhaft t\u00f6teten. W\u00e4hrend die Menschen der Alten Welt seit Jahrtausenden miteinander in Kontakt standen und somit einen Pool an Antik\u00f6rpern entwickeln konnten, lebten die Amerikaner so isoliert, dass sie keine Immunit\u00e4t gegen die neuen Krankheiten hatten. So kam es zu Prozessen, die sich Ende des 18. Jahrhunderts im ebenfalls isolierten Australien wiederholen sollten. Virale Krankheiten wie Pocken, Masern, Mumps, Grippe und Gelbfieber rafften in manchen Regionen Amerikas zwischen 90 und 100 Prozent der Bev\u00f6lkerung hinweg. So lebten beispielsweise auf der Insel La Espa\u00f1ola, somit dem Gebiet der heutigen Staaten Haiti und Santo Domingo, im Jahre 1492 ein bis drei Millionen Menschen, um 1520 gab es dort gerade noch 16.000 Indigene, um die Mitte des 16. Jahrhunderts war die Urbev\u00f6lkerung verschwunden. Dramatisch war auch der Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang in Mexiko, das 1519, dem Jahr, in dem Hern\u00e1n Cort\u00e9s das Land betrat, von ungef\u00e4hr 25 Millionen Menschen bewohnt war. 1532 gab es noch knapp 17 Millionen, 1548 sechs Millionen, 1605 eine Million und 1620 circa 730.000 Indigene. Nicht ganz so katastrophal scheint der Bev\u00f6lkerungsverlust in Peru gewesen zu sein, wobei hier das Zahlenmaterial etwas unsicherer ist. Angaben \u00fcber die dortige vorspanische Bev\u00f6lkerung schwanken zwischen drei und drei\u00dfig Millionen Menschen, die Forschung geht von einem Bev\u00f6lkerungsverlust zwischen 50 und 65 Prozent aus.<\/p>\n<p>Dass die Bev\u00f6lkerung im heutigen Lateinamerika nicht g\u00e4nzlich europ\u00e4isiert wurde, h\u00e4ngt damit zusammen, dass relativ wenige Europ\u00e4er einwanderten, unter denen es au\u00dferdem einen bedeutenden \u00dcberschuss an M\u00e4nnern gab. Somit kam es ab dem Beginn der spanischen Herrschaft zu sexuellen Kontakten zwischen Indigenen und Europ\u00e4ern. Dies f\u00fchrte zu einer Besonderheit in Amerika, die man \u201eMestizaje\u201c, Vermischung, nennt. Dieses Ph\u00e4nomen wurde noch weitaus komplexer durch die massive und erzwungene Ankunft afrikanischer Sklaven, die als billige Arbeitskr\u00e4fte die h\u00e4ufig v\u00f6llig ausgerottete indigene Bev\u00f6lkerung ersetzen mussten. Die Afrikaner hatten meist in der entstehenden Plantagenwirtschaft, vor allem in der Karibik, sowie im Bergbau zu arbeiten. Doch auch sie hatten sexuellen Kontakt mit der sich langsam vermischenden euro-amerikanischen Bev\u00f6lkerung. Bis zum 18. Jahrhundert f\u00fchrte das im spanischen Machtbereich zu einer Klassifizierung der Bev\u00f6lkerung, die nicht nur W\u00f6rter f\u00fcr Menschen afrikanischer, amerikanischer und europ\u00e4ischer Abstammung hatte, sondern auch f\u00fcr alle Formen der Vermischung. Diese wurden auch bildlich dargestellt.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Einwanderung in die spanischen Gebiete war streng geregelt und durch die Casa de la Contrataci\u00f3n in Sevilla kontrolliert. Wer nach Amerika wollte, ben\u00f6tigte zuerst einmal eine Lizenz, die normalerweise vom K\u00f6nig auszustellen war, in Ausnahmef\u00e4llen auch vom Pr\u00e4sidenten oder einem Richter der Casa de la Contrataci\u00f3n. Au\u00dferdem waren die Lizenzen, um Missbr\u00e4uche zu vermeiden, nur zwei Jahre g\u00fcltig. In der Lizenz standen nicht nur der Name des Auswanderers, sondern auch eine genaue Personenbeschreibung und das Ziel seiner Reise. Weiter war f\u00fcr die Ausreise eine Informaci\u00f3n notwendig, das hei\u00dft, die Justizbeh\u00f6rden des Herkunftsortes mussten den sozialen Stand, die Familienbeziehungen, die Reinheit des Blutes, die Christlichkeit, das Alter, besondere Merkmale und den Zivilstand des Petenten best\u00e4tigen. Auf diese Art und Weise sollte verhindert werden, dass Juden, Mauren, Konversen oder Lutheraner in die Neue Welt gelangten. Die Lizenz und die Information wurden dann genau in der Casa de la Contrataci\u00f3n gepr\u00fcft, erst dann durfte sich der Auswanderer in der Flotte einschiffen.<\/p>\n<p>Die Passagiere, die nach Amerika gingen, wurden in Katalogb\u00fcchern eingetragen, sodass wir relativ genaue Zahlen \u00fcber die Emigration haben. Nat\u00fcrlich kam es auch vor, dass Leute ohne eine Lizenz in die Neue Welt gelangten und erst nachtr\u00e4glich ihre Situation zu legalisieren trachteten, indem sie eine gewisse Geldsumme zahlten. So mancher Kapit\u00e4n nahm noch nach dem Auslaufen aus Sevilla vor der K\u00fcste Passagiere auf oder versteckte sie schon in Sevilla vor den Kontrolleuren der Casa de la Contrataci\u00f3n. In manchen Jahren war es so bis zu einem Drittel der Einwanderer gelungen, illegal in die Neue Welt zu gelangen. Wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass in den ersten hundert Jahren ungef\u00e4hr 300.000 Personen nach Amerika gelangten, von denen an die 40 Prozent aus Andalusien stammten, circa 33 Prozent aus Kastilien und ungef\u00e4hr 15 Prozent aus der Extremadura.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Organisation der Neuen Welt<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotz der Eigenm\u00e4chtigkeiten der Conquistadoren ist es beachtlich, festzustellen, wie rasch eine funktionierende spanisch-kastilische Verwaltung in Amerika aufgebaut wurde. In den ersten Jahren der Europ\u00e4isierung Amerikas war dieses Verwaltungsgeb\u00e4ude noch ein sehr einfaches. Bis 1500 war die einzige und oberste Autorit\u00e4t in der Neuen Welt Kolumbus als Vizek\u00f6nig und Gobernador. Danach wurde das Amt des Vizek\u00f6nigs bis nach der Eroberung von Mexiko nicht mehr vergeben. Motiv f\u00fcr die neuerliche Einsetzung der Vizek\u00f6nige war die Tatsache, dass es wegen der weiten geographischen Entfernung der Neuen Welt ebenso wie wegen der immer wieder vorkommenden Unbotm\u00e4\u00dfigkeiten der einzelnen Provinzgouverneure notwendig erschien, einen direkten Vertreter des K\u00f6nigs vor Ort zu haben. Somit entstanden zwei Vizek\u00f6nigreiche. Der erste Vizek\u00f6nig von Neu-Spanien (Mexiko und Mittelamerika) wurde 1535 eingesetzt, sein Amtsbereich umfasste auch Venezuela, jener von Peru trat sein Amt im Jahre 1542 an. Zu Peru geh\u00f6rte ganz S\u00fcdamerika samt Panam\u00e1.<\/p>\n<p>Ab 1500 hatte die Krone danach getrachtet, ein Verwaltungssystem einzuf\u00fchren, das jenem der schon fr\u00fcher eroberten Kanarischen Inseln angeglichen war. Die neuen L\u00e4nder wurden in Provinzen eingeteilt, an deren Spitze ein Gouverneur mit richterlichen und administrativen Befugnissen stand. Die Gouverneure konnten auch Gesetze erlassen, die freilich nachtr\u00e4glich von der Krone best\u00e4tigt werden mussten. Im Regelfall wurden diese Gouverneure f\u00fcr maximal acht Jahre ernannt, sehr oft ging das Amt an verdiente Conquistadoren und andere Milit\u00e4rs. In milit\u00e4rischer Hinsicht war die Neue Welt in Capitan\u00edas Generales (Generalkapitanate) eingeteilt, wobei besonders in gef\u00e4hrdeten Provinzen dieses Amt sehr oft mit jenem des Gouverneurs zusammenfiel.<\/p>\n<p>Schon sehr fr\u00fch wurden in der Neuen Welt, wie in Kastilien, Appellationsgerichtsh\u00f6fe eingerichtet, die Prozesssachen in zweiter Instanz zu entscheiden hatten. Die ersten Jahre bis 1505 war daf\u00fcr noch die Real Audiencia y Chanciller\u00eda in Ciudad Real in Neukastilien zust\u00e4ndig, 1505 wurde dieser Appelationsgerichtshof nach Granada in Andalusien verlegt. Doch bereits 1511 kam es zur Errichtung eines eigenen Appelationsgerichts in Amerika, zur Begr\u00fcndung der Audiencia in Santo Domingo. Diese Gerichtsh\u00f6fe waren als Kollegialbeh\u00f6rden organisiert und setzten sich aus Berufsjuristen zusammen, die hervorragend geeignet schienen, im Auftrag des K\u00f6nigs Kontrollfunktionen \u00fcber die Gouverneure der Provinzen wahrzunehmen. Es ist auff\u00e4llig, dass der Begr\u00fcndung einer oder mehrerer Provinzen in der Neuen Welt auch relativ rasch die Errichtung einer neuen Audiencia folgte. Mit dem Ende des 16. Jahrhunderts ergibt sich folgendes Bild: Im Vizek\u00f6nigreich Neu-Spanien wurden neben der schon erw\u00e4hnten Audiencia von Santo Domingo (Audiencia de la Isla Espa\u00f1ola) und jener von Mexiko (1527) 1542 jene von Guatemala, 1548 jene von Guadalajara und 1583 die Audiencia der Philippinen begr\u00fcndet. Im Bereich des sp\u00e4teren Vizek\u00f6nigreiches Peru kam es bereits 1535 zur Gr\u00fcndung der ersten Audiencia in Panam\u00e1, 1542 folgte Lima, 1548 Bogot\u00e1, 1559 Charcas, 1563 Quito und die Audiencia von Chile.<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden in Amerika kommunizierten allerdings nicht direkt mit dem K\u00f6nig in Madrid, sondern es gab in Europa noch weitere Institutionen, die mit den Angelegenheiten der Neuen Welt befasst waren. Bereits 1503 war in Sevilla die schon erw\u00e4hnte Casa de la Contrataci\u00f3n begr\u00fcndet worden, eine Art Handelskammer oder Handelsorganisation der Krone. Diese Casa de la Contrataci\u00f3n konzedierte die Reise in die Neue Welt, organisierte die Zusammenstellung der Flotten, deren Administration und Bewegungen, kassierte die der Krone aus dem Amerikahandel zustehenden Eink\u00fcnfte und hatte die ausschlie\u00dfliche Jurisdiktion \u00fcber die Menschen und Schiffe, die aus der Neuen Welt kamen oder dorthin gingen, sowie die Gerichtsbarkeit in Handelssachen.<\/p>\n<p>Fast gleichzeitig mit der Gr\u00fcndung der Casa de la Contrataci\u00f3n wurde im Consejo de Castilla, dem Kastilienrat, der das zentrale Organ f\u00fcr die Regierung der L\u00e4nder der kastilischen Krone darstellte, eine Gruppe von Personen mit der Behandlung von amerikanischen Themen betraut. K\u00f6nig Ferdinand I. \u00fcberwachte meist pers\u00f6nlich die Sitzungen dieser R\u00e4tegruppe. Um 1516, dem Todesjahr des K\u00f6nigs, nannte man diese Personengruppe bereits Consejo de Indias, doch wurde dieser Indienrat als eigener Ratsk\u00f6rper der spanischen Monarchie endg\u00fcltig erst 1523 unter Karl V. begr\u00fcndet. Diesem unterstanden fortan die amerikanischen Provinzen ebenso wie die Casa de la Contrataci\u00f3n. Der Rat war nicht nur die Verwaltungsbeh\u00f6rde f\u00fcr die amerikanischen L\u00e4nder, sondern auch oberstes Gericht in Zivil- und Strafrechtssachen und hatte auch gesetzgeberische und politische Funktionen. Auch der Indienrat erwies sich in der Art, wie er zu Beginn des 16. Jahrhunderts begr\u00fcndet worden war, als \u00e4u\u00dferst stabil und \u00fcberdauerte die gesamte habsburgische Zeit in Spanien.<\/p>\n<p>All die geschilderten Verwaltungsma\u00dfnahmen erforderten eine umfangreiche und kompetente B\u00fcrokratie mit Spezialkenntnissen auf vielen Gebieten. In den Audiencias ebenso wie in der Casa de la Contrataci\u00f3n oder im Consejo de Indias wurde eine Vielzahl von gut ausgebildeten Juristen ben\u00f6tigt. Die rasante Entwicklung in der Neuen Welt beg\u00fcnstigte somit auch den Aufstieg der kastilischen Universit\u00e4ten wie Salamanca, Valladolid, Alcal\u00e1 de Henares oder Sevilla, aus denen Akademiker hervorgingen, die wegen ihrer N\u00e4he zur Macht die besten Chancen hatten, wichtige Posten in Amerika einzunehmen. Der Bedarf an einer funktionierenden zivilen und kirchlichen B\u00fcrokratie beschleunigte auch die rasche Gr\u00fcndung amerikanischer Universit\u00e4ten wie jener von Mexiko, die bereits 1551 errichtet wurde, oder jener von Santo Domingo und von Lima.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Amerikanisches Geld und spanische Gro\u00dfmachtpolitik in Europa<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Amerikahandel ebenso wie die Auswanderung nach Amerika konzentrierte sich auf die Stadt Sevilla. Diese faszinierte durch ihren Reichtum, ihre gro\u00dfartigen Bauten, ihre bunt gemischte Bev\u00f6lkerung, bestehend nicht nur aus Andalusiern, sondern auch aus Morisken, zahlreichen schwarzen Sklaven und vielen ausl\u00e4ndischen Handelsleuten, vorab Genuesen. Mit ihren ungef\u00e4hr 100.000 Einwohnern war Sevilla im 16. Jahrhundert eine der gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Europas.<\/p>\n<p>Die Ankunft der Flotte aus Amerika stellte nicht nur einen H\u00f6hepunkt im Jahreszyklus Sevillas dar, sondern wurde auch vom spanischen Hof in Madrid sehnlichst erwartet. Von den G\u00fctern, die die Flotte aus der Neuen Welt mitbrachte, hing das Schicksal einer bedeutenden Zahl an Kaufleuten ab, die unter Umst\u00e4nden ihr gesamtes Verm\u00f6gen in ein Handelsgesch\u00e4ft investiert hatten und somit ihren wirtschaftlichen Ruin riskierten, sollte die Flotte ausgeraubt werden oder in einem Sturm zugrunde gehen. Doch auch das Schicksal der spanischen Monarchie war mit dem der Flotte verbunden, da deren Finanzbedarf aufgrund der zahlreichen milit\u00e4rischen Unternehmungen in Europa \u00e4u\u00dferst gro\u00df war.<\/p>\n<p>Die spanische Gro\u00dfmachtpolitik in Europa unter Karl V. ist in der Form, wie sie exerziert wurde, ohne den Reichtum seiner amerikanischen Besitzungen gar nicht vorstellbar. Je ambitionierter und damit kostenintensiver die spanische Europa- und Mittelmeerpolitik wurde, desto abh\u00e4ngiger wurde die Monarchie vom rechtzeitigen Eintreffen der amerikanischen Flotten. Denn sie ben\u00f6tigte Geld f\u00fcr ihre Unternehmungen gegen die Osmanen und die Barbareskenstaaten in Nordafrika, f\u00fcr die best\u00e4ndigen Kriege gegen Frankreich, f\u00fcr die milit\u00e4rischen Unternehmungen im Heiligen R\u00f6mischen Reich, f\u00fcr die Italienpolitik, f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Kriege der \u00f6sterreichischen Habsburger und dergleichen. All das kostete Geld, das die St\u00e4nde der einzelnen Reiche der spanischen Monarchie gar nicht h\u00e4tten aufbringen k\u00f6nnen. Daneben ist es auch von Bedeutung, dass das amerikanische Geld die spanischen Monarchen unabh\u00e4ngiger von den Geldbewilligungen der St\u00e4nde machte, was fr\u00fchabsolutistischen Tendenzen der spanischen Habsburger durchaus entgegenkam.<\/p>\n<p>Um das eben Gesagte etwas besser zu illustrieren, soll an dieser Stelle eine kurze Gesamt\u00fcbersicht \u00fcber das Geld aus der Neuen Welt und dessen Verwendung f\u00fcr die spanische Europapolitik geboten werden. In den ersten Jahren der Inbesitznahme der Neuen Welt flossen noch keine zu gro\u00dfen Summen nach Spanien. Unter Karl V. wurde der R\u00fcckgriff auf die amerikanischen Ressourcen allerdings zur Allt\u00e4glichkeit. So registrierte die Casa de la Contrataci\u00f3n in den Zwanzigerjahren des 16. Jahrhunderts 442.425 Dukaten, die dem K\u00f6nig zustanden und die sich zum Gro\u00dfteil aus den Sch\u00e4tzen konstituierten, die Cort\u00e9s aus Neu-Spanien \u00fcbersandt hatte. Weiters beschlagnahmte Karl V. noch 300.000 Dukaten aus dem amerikanischen Geld, die eigentlich Privatleuten geh\u00f6rten. All dieses Geld, also 742.425 Dukaten, wurde f\u00fcr die R\u00fcckzahlungen der Schulden verwendet, die im Rahmen der Wahl Karls zum R\u00f6mischen K\u00f6nig 1519 aufgelaufen waren, um die Kurf\u00fcrsten prohabsburgisch zu stimmen, und f\u00fcr die Kriege gegen Frankreich.<\/p>\n<p>In den Drei\u00dfigerjahren registrierte die Casa de la Contrataci\u00f3n Eink\u00fcnfte f\u00fcr den K\u00f6nig in der H\u00f6he von 2,976.000 Dukaten. Zus\u00e4tzlich lie\u00df dieser noch 1,402.000 Dukaten von Privatpersonen f\u00fcr die k\u00f6niglichen Kassen beschlagnahmen. Das gesamte Geld ging f\u00fcr Karls Unternehmungen gegen Tunis auf. In den Vierzigerjahren gingen die registrierten 1,749.500 Dukaten und weitere 230.000 Dukaten, die beschlagnahmt wurden, fast zur G\u00e4nze f\u00fcr die Ausgaben im Rahmen des Schmalkaldischen Krieges auf. In seinen letzten Regierungsjahren zwischen 1551 und 1556 nahm der Kaiser schlie\u00dflich sogar 6,653.160 Dukaten ein, musste aber wieder zum Mittel der Sequestration von Privatverm\u00f6gen aus Amerika greifen, um liquid zu bleiben, und akquirierte somit weitere 3,031.273 Dukaten. Das Geld ging f\u00fcr die neuerlichen Kriege gegen Frankreich, f\u00fcr Schuldenr\u00fcckzahlungen bei genuesischen und deutschen Bankherren und f\u00fcr die Heirat seines Sohnes Philipp II. mit Maria Tudor auf.<\/p>\n<p>Auffallend ist, dass es ab dem 16. Jahrhundert zu einem best\u00e4ndigen Preisanstieg und einer gravierenden Inflation in ganz Europa gekommen ist. Die Edelmetalle aus Spanisch-Amerika sind an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die Piraterie<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit dem Beginn ihrer amerikanischen Unternehmungen hatten die Spanier mit dem Neid der europ\u00e4ischen M\u00e4chte zu k\u00e4mpfen. Da diesen vorerst der Zugang zu Amerika verwehrt war, versuchten sie mit dem Mittel der Piraterie an den Reicht\u00fcmern der Neuen Welt zu partizipieren. Als Cort\u00e9s beispielsweise einen Teil des Schatzes von Moctezuma II. auf zwei Schiffen aus Veracruz in Mexiko nach Spanien sandte, fielen diese zu Beginn des Jahres 1523 in der N\u00e4he der Azoren franz\u00f6sischen Korsaren unter dem Kommando von Jean Fleury zum Opfer. Dieser erbeutete danach auch noch ein Schiff, das aus Santo Domingo kam, ebenfalls reich beladen mit Gold und Perlen sowie Zucker. Besonders schmerzhaft f\u00fcr die Spanier war es in diesem Fall, dass Fleury auch nautische Karten in seine H\u00e4nde bekam, auf denen die Routen von Amerika nach Europa eingezeichnet waren. Das streng geh\u00fctete Wissen \u00fcber die genauen Wege in die Neue Welt verlor damit seinen Geheimcharakter. Fleury raubte auch in den folgenden Jahren spanische und portugiesische Schiffe aus. Als Ausrede musste herhalten, dass zwischen seinem Herrn, dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig Franz I., und Karl V. ohnedies Krieg herrschte. 1527 fiel Fleury allerdings den Spaniern in die H\u00e4nde. W\u00e4hrend der peinlichen Verh\u00f6re, denen er unterzogen wurde, br\u00fcstete er sich damit, 150 Schiffe gekapert zu haben. Karl V. befahl daher seine sofortige Exekution. Fleury wurde in Colmenar de Arenas (Toledo) 1527 gehenkt. Es sollte dies die traditionelle Hinrichtungsart f\u00fcr Piraten werden.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Franzose, der sich in die Karibik vorwagte, war Jean-Fran\u00e7ois de La Rocque de Roberval. Nachdem er 1542 bei einem Kolonisationsversuch im heutigen Canada nicht nur gescheitert war, sondern auch viel eigenes Geld verloren hatte, entschloss er sich 1543, in die Karibik vorzudringen. Zwar hatte er wohl keine offizielle Unterst\u00fctzung seitens des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs, doch da damals neuerlich zwischen Franz I. und Karl V. Krieg herrschte, hatte Ersterer auch nichts gegen die Unternehmungen. Roberval attackierte in jenem und im darauf folgenden Jahr die K\u00fcste des heutigen Kolumbien, so beispielsweise Cartagena de Indias. 1546 griff er H\u00e4fen auf der Insel Cuba an. Allerdings blieb er weitgehend erfolglos und zog sich im n\u00e4chsten Jahr von der Piraterie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Etwas erfolgreicher waren die Hugenotten Fran\u00e7ois Le Clerc aus der Normandie und Jacques de Sores aus La Rochelle. Beide agierten mit offiziellen Kaperbriefen des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Heinrich II.. Ihr Ziel war Cuba, wo sie hofften, gro\u00dfe Mengen an Edelmetall vorzufinden. Le Clerc \u00fcberfiel 1554 mit tausend Mann Santiago de Cuba und erbeutete 60.000 Silberpesos. Au\u00dferdem zerst\u00f6rte er die Stadt, die sich von diesem Angriff lange nicht erholen konnte. Sores wiederum attackierte 1555 La Habana auf Cuba. Sores sollte auch sp\u00e4ter noch, als schon l\u00e4ngst zwischen Spanien und Frankreich 1559 der Frieden von Cateau-Cambr\u00e9sis geschlossen worden war, seinen pers\u00f6nlichen Religionskrieg f\u00fchren, denn 1570 t\u00f6tete er 40 portugiesische und spanische Jesuiten bei der kanarischen Insel La Palma, die sich unter der F\u00fchrung von In\u00e1cio de Azevedo auf dem Weg nach Brasilien befanden. Im 19. Jahrhundert wurden die Jesuiten vom Papst als M\u00e4rtyrer selig gesprochen.<\/p>\n<p>Die Unternehmungen der Piraten richteten also betr\u00e4chtlichen Schaden an. Die Spanier sahen ihre amerikanischen H\u00e4fen und Transportwege als immer gef\u00e4hrdeter an und begannen, die K\u00fcsten zu befestigen. Bereits unter Karl V. verschlangen die Defensivma\u00dfnahmen in der Karibik einen nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil der amerikanischen Eink\u00fcnfte, die eigentlich f\u00fcr die europ\u00e4ischen Kriege des Kaisers gedacht waren. Und auch die europ\u00e4ischen Hafenst\u00e4dte mussten gesch\u00fctzt werden, vor allem Sevilla, wo die Flotten aus Amerika landeten. Daher lie\u00df Karl V. die Befestigungen von C\u00e1diz und Gibraltar, die den Zugang nach Sevilla kontrollieren konnten, ausbauen.<\/p>\n<p>Doch auch die Schiffswege selbst sollten sicherer werden. Schon 1521, nach dem Ausbruch des ersten Krieges zwischen Karl V. und Franz I., wurde zwischen den Azoren und der Iberischen Halbinsel ein System eingerichtet, das sich bereits im Mittelmeer bew\u00e4hrt hatte; regelm\u00e4\u00dfig patrouillierten dort Galeeren der K\u00fcstenwache. Ab 1526 durften die Schiffe aus der Neuen Welt nur noch im Konvoi reisen. Durch k\u00f6nigliche Dekrete von 1543, 1561 und 1564 wurde schlie\u00dflich das System der Flotten und Galeonen begr\u00fcndet, das bis 1778 g\u00fcltig sein sollte. Auf der Carrera de Indias verkehrten nun die Schiffe auf festgelegten Routen, wobei die Transport- immer von Kriegsschiffen begleitet wurden.<\/p>\n<p>Das Bild der Spanier in der Neuen Welt unter Karl V. muss zwiesp\u00e4ltig bleiben. Eine Bewertung der Entwicklungen h\u00e4ngt letztlich von der Frage ab, ob die Europ\u00e4isierung (einschlie\u00dflich der Christianisierung) des amerikanischen Raumes positiv oder negativ betrachtet wird. Unbestritten sind in diesem Zusammenhang jedoch zwei Tatsachenkomplexe: 1. Die kastilisch-spanische Conquista und Kolonisation der Neuen Welt ging auf Kosten der dortigen autochthonen Bev\u00f6lkerung und provozierte einen ungeheuren Verlust an Menschen und an Kulturen, ganz zu schweigen von den \u00f6kologischen Ver\u00e4nderungen. 2. Die spanische Gro\u00dfmachtpolitik in Europa und im Mittelmeerraum w\u00e4re ohne die Ressourcen Amerikas nie in dieser Form durchf\u00fchrbar gewesen. Insofern beeinflussten sich die Alte und die Neue Welt gegenseitig. Denn die Verbindung Amerikas mit dem Rest der Welt ver\u00e4nderte den gesamten Globus nachhaltig, auch, und das sei ein letzter Hinweis, weil sich durch den Austausch von Tieren und Pflanzen zwischen den beiden Kontinentalmassen der Alten und der Neuen Welt die Lebensbedingungen der Menschen global ver\u00e4nderten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkungen &nbsp; Um das spanische Imperium in den Americas unter Karl I.\/V. verstehen zu k\u00f6nnen, muss auf Christoph Kolumbus zur\u00fcckgegriffen werden, der die Inselwelt zwischen Nord- und S\u00fcdamerika als erster bekannter Europ\u00e4er befuhr. 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