{"id":118170,"date":"2026-01-20T16:09:47","date_gmt":"2026-01-20T15:09:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118170"},"modified":"2026-01-20T16:09:47","modified_gmt":"2026-01-20T15:09:47","slug":"nicolaus-copernicus-1473-1543-naturverstaendnis-und-revolutionierung-des-weltbildes","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/nicolaus-copernicus-1473-1543-naturverstaendnis-und-revolutionierung-des-weltbildes\/","title":{"rendered":"Nicolaus Copernicus (1473-1543): Naturverst\u00e4ndnis und Revolutionierung des Weltbildes"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Zeugnis unserer Sinne ist eigentlich eindeutig. Die Beobachtung des Tag- und Nachthimmels legt nahe, die Erde unbewegt in den Mittelpunkt unseres Planetensystems zu stellen und Mond, Sonne und Planeten um sie kreisen oder sich bewegen zu lassen. So hatte die gro\u00dfe Mehrzahl der Astronomen des Altertums und des Mittelalters keine prinzipiellen Zweifel an diesem geo-zentrischen Weltbild, in dem die Erde den Mittelpunkt des Weltalls bildet. Nur die r\u00fcckl\u00e4ufigen Phasen in den Bewegungen der Planeten, zum Beispiel die des Mars, passten nicht in dieses Bild. Um sie erkl\u00e4ren und berechnen zu k\u00f6nnen, entwickelten die Astronomen der Antike komplizierte geometrische Konstruktionen. Man nahm an, dass der Bahnkreis eines Planeten nicht diesen selbst, sondern einen kleineren Kreis, den Epizykel, trug, und dass der Planet durch die Drehung des Epizykels getragen wurde. Wenn nun der Epizykel als Ganzes den Hauptkreis durchlief, erschien es verst\u00e4ndlich, dass die Bewegung des Planeten zeitweise r\u00fcckl\u00e4ufig in die \u201efalsche\u201c Richtung erfolgen musste.<\/p>\n<p>Dergestalt beschrieb es Klaudios Ptolemaios (100-160 n. Chr.), der dieses Lehrgeb\u00e4ude in einem umfassenden astronomischen und kosmologischen Werk erl\u00e4uterte, das wir unter dem Namen \u201eAlmagest\u201c kennen. Die ersten beiden B\u00fccher enthalten mathematische Grundlagen und eine allgemeine Einf\u00fchrung in das geozentrische Weltbild entsprechend der aristotelischen Physik. Die \u00fcbrigen B\u00fccher sind den kinematischen Erkl\u00e4rungen der Planetenbahnen auf der Basis der vorchristlichen Epizykeltheorie des Apollonios von Perge gewidmet, kombiniert mit der ebenfalls vorchristlichen Exzenterthorie des Hipparchos.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des gesamten Mittelalters blieb das Studium des \u201eAlmagest\u201c die wichtigste astronomische Lekt\u00fcre an den Artistenfakult\u00e4ten der europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten. Johannes de Sacrobosco, Professor an der Pariser Universit\u00e4t, schuf mit seinem \u201eTractatus de Sphaera\u201c (um 1230), einer elementaren Einf\u00fchrung in das ptolem\u00e4ische Weltsystem, das erfolgreichste astronomische Lehrbuch des europ\u00e4ischen Mittelalters, das bis weit ins 17. Jahrhundert tradiert wurde. Noch im sp\u00e4ten Mittelalter, als sich die Astronomie als Leitwissenschaft des 16. Jahrhunderts bereits am Horizont abzeichnete, als Johannes von Gmunden, Georg Peuerbach und nicht zuletzt Johannes Regiomontan die M\u00e4ngel des ptolem\u00e4ischen Systems erkannt hatten und zu verbessern versuchten, blieben die grundlegenden Axiome des \u201eAlmagest\u201c unangetastet.<\/p>\n<p>Nicolaus Copernicus (1473-1543) war es als erstem Gelehrten des Abendlandes vorbehalten, das riesige, schon vorhandenen Datenmaterial \u00fcber die Bewegungen der Planeten \u2013 mit dem auch schon Klaudios Ptolemaios gearbeitet hatte \u2013 neu zu interpretieren und die sich als richtig erweisenden Schussfolgerungen zu ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIn remotissimo angulo terrae\u201c, im entferntesten Winkel der Erde: So bezeichnete Copernicus selbst den kleinen Ort Frauenburg (heute: Frombork\/ Polen) im Ermland, an dem er \u00fcber drei Jahrzehnte lang lebte und sein wissenschaftliches Hauptwerk \u201eDe revolutionibus orbium coelestium\u201c verfasste. Noch w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit als Sekret\u00e4r seines Onkels, des erml\u00e4ndischen Bischofs Lukas Watzenrode, schrieb er eine kleine, sp\u00e4ter \u201eCommentariolus\u201c genannte Abhandlung, in der er behauptete, dass die Erde sich bewegt, die Sonne jedoch ruht. Die drei erhaltenen Abschriften aus dem 16. Jahrhundert lassen sich in den \u201ePetitiones\u201c genannten Thesen zusammenfassen. In paraphrasierter Form lauten sie wie folgt:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Himmelskreise oder Sph\u00e4ren haben nicht alle ein und denselben Mittelpunkt.<\/li>\n<li>Der Erdmittelpunkt ist nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern nur der der Schwere und des Mondbahnkreises.<\/li>\n<li>Der Mittelpunkt der Welt befindet sich in der N\u00e4he der Sonne.<\/li>\n<li>Der Abstand zwischen Erde und Fixsternsph\u00e4re ist unmessbar gro\u00df. Das Verh\u00e4ltnis der Entfernung Sonne-Erde zur H\u00f6he des Fixsternhimmels ist kleiner als das des Erdradius zur Sonnenentfernung, so dass diese gegen\u00fcber der H\u00f6he des Fixsternhimmels unmerklich ist.<\/li>\n<li>Der Erde ist eine t\u00e4gliche Bewegung eigen, w\u00e4hrend der Fixsternhimmel ruht und sich nur scheinbar um sie dreht.<\/li>\n<li>Ebenso ist die Sonnenbewegung nur eine scheinbare und entsteht durch die Jahresbewegung der Erde, der mehrere Bewegungen eigen sind.<\/li>\n<li>Die relative Bewegung zwischen der Erde und allen anderen Planeten gen\u00fcgt, um die verschiedenartigsten Erscheinungen am Himmel, zum Beispiel die R\u00fcckl\u00e4ufigkeit mancher Planeten, zu erkl\u00e4ren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der \u201eCommentariolus\u201c und das auf seiner Grundlage entwickelte astronomische Hauptwerk \u201eDe revolutionibus\u201c bezeichnen \u2013 bei aller methodischen Verwandtschaft mit der mittelalterlichen scholastischen Argumentationsweise \u2013 den Beginn einer v\u00f6llig neuen Entwicklung und zugleich die Vollendung der griechischen Astronomie und ihres wirkm\u00e4chtigsten Vertreters Ptolemaios.<\/p>\n<p>Wesentlich ist, dass sich Copernicus als strikterer, puristischerer Vertreter des Prinzips der Gleichf\u00f6rmigkeit der Himmelsbewegungen erwies als Ptolemaios, dessen \u00c4quanten (Ausgleichspunkte) er ablehnte und durch doppelte Epizyklen, durch epiepizyklische Bewegungen, ersetzte. Copernicus\u2019 Entscheidung, den \u00c4quanten aus der Astronomie zu verbannen, geht auf Modelle der arabisch-islamischen Astronomie des 13. und 14. Jahrhunderts zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wie viele echte, konstruktive Revolution\u00e4re \u2013 so formulierte es der Frankfurter Wissenschaftshistoriker Willy Hartner \u2013 war Copernicus in seinem Denken eher konservativ.<\/p>\n<p>Die vielfach ge\u00e4u\u00dferte Behauptung, das heliozentrische Modell von Copernicus erfordere doppelt so viele Epizyklen und sei deshalb schwieriger zu handhaben als das geozentrische, ist insofern nicht richtig, als Copernicus in \u201eDe revolutionibus\u201c insgesamt 48 Kreise jeglicher Art ben\u00f6tigte \u2013 gegen\u00fcber 40 im \u201eAlmagest\u201c. Die Zahl von 27 gilt nur f\u00fcr die vereinfachte Formulierung des geozentrischen Systems in Georg Peuerbachs \u201eEpitomae\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die wichtigsten Lebensstationen von Copernicus sind f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der \u201eRevolutionierung des Weltbildes\u201c durchaus erhellend. Als sicher gilt heute, dass sich Copernicus, der 1473 in der an der unteren Weichsel gelegenen Hansestadt Thorn als Sohn des Gro\u00dfkaufmanns Nicolaus Copernicus d. \u00c4. geboren wurde, bereits w\u00e4hrend des Elementarstudiums an der Universit\u00e4t in Krakau der Mathematik und der Astronomie auf eine Weise gewidmet hat, die weit \u00fcber das geforderte Ma\u00df hinausging.<\/p>\n<p>Von 1496 bis 1500 studierte Copernicus \u2013 ebenso wie zuvor sein Onkel, der sp\u00e4tere erml\u00e4ndische Bischof Lukas Watzenrode \u2013 an der juristischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bologna. Doch mindestens ebenso wichtig wie die juristischen Studien wurden f\u00fcr ihn in Bologna die Himmelsbeobachtungen, die er gemeinsam mit dem bekannten Astronomen Dominicus di Novara unternahm. Eine solche Beobachtung \u2013 die Bedeckung des Aldebaran im Stier durch den Mond am 9. M\u00e4rz 1497 \u2013 kennen wir aus den Aufzeichnungen von Copernicus. Novara, geschult an Georg Peuerbach und Regiomontan, galt als Kritiker der ptolem\u00e4ischen Kosmologie, der bei seinem Studenten die ersten, sp\u00e4tere Forschungen begr\u00fcndenden Zweifel an der Richtigkeit des geozentrischen Systems geweckt hat.<\/p>\n<p>Copernicus verlie\u00df Bologna ohne einen akademischen Abschluss. Seine sp\u00e4teren Studienjahre an der Universit\u00e4t Padua waren vorrangig dem Studium der Medizin gewidmet und endeten formal damit, dass er 1503 \u2013 offensichtlich aus Kostengr\u00fcnden \u2013 an der kleineren und deshalb billigeren Nachbaruniversit\u00e4t Ferrara zum Doktor des Kirchenrechts promoviert wurde.<\/p>\n<p>Mit seiner endg\u00fcltigen R\u00fcckkehr nach Frauenburg und der Wahrnehmung seiner Rechte und Pflichten als Domherr des erml\u00e4ndischen Domkapitels im Sp\u00e4therbst 1503 waren Copernicus\u2018 akademische Lehr- und Wanderjahre beendet. Bis zum Ende seines Lebens hielt er sich nun vorwiegend im Ermland auf. Seine weitesten Reisen f\u00fchrten ihn nach Krakau, Danzig, K\u00f6nigsberg und m\u00f6glicherweise nach Breslau \u2013 aber daf\u00fcr gibt es keine sichere Quelle. Zun\u00e4chst wirkte er als Sekret\u00e4r und Leibarzt seines Onkels an der bisch\u00f6flichen Residenz in Heilsberg (heute: Lidzbark Warmi\u0144ski\/ Polen). Dort fand er neben seiner administrativen und medizinischen T\u00e4tigkeit erstaunlicherweise auch noch Zeit f\u00fcr wissenschaftliche Arbeiten. Er beobachtete den Sternenhimmel und \u00fcbersetzte die Episteln des Theophylaktos Simokattes, eines byzantinischen Autors des 7. Jahrhunderts, aus dem Griechischen ins Lateinische. Begleitet von einem Widmungsgedicht des Humanisten Laurentius Corvinus wurde die \u00dcbersetzung 1509 in der Offizin von Johannes Haller in Krakau gedruckt. Paradoxerweise war gerade diese, eher unbedeutende Arbeit, f\u00fcr zwei Jahrzehnte das einzige im Druck erschienene Werk aus der Feder von Copernicus.<\/p>\n<p>Angesichts der wissenschaftlichen und stilistischen Reife des Hauptwerkes k\u00f6nnte man annehmen, Copernicus habe die ihm verbleibenden drei\u00dfig Jahre seines Lebens vorrangig zur Verbesserung und Vervollkommnung seines Systems verwendet. Der fr\u00e4nkische Reiterkrieg zwischen dem polnischen K\u00f6nigreich und dem deutschen Orden (1519-1521), die umfangreichen Verwaltungsaufgaben als Administrator des erml\u00e4ndischen Domkapitels, seine Mitarbeit bei der Reorganisation des preu\u00dfischen M\u00fcnzwesens und nicht zuletzt seine \u00e4rztliche T\u00e4tigkeit konfrontierten ihn jedoch mit einer Vielzahl ganz anders gearteter Aufgaben. Erst 1530 zog sich der fast 60j\u00e4hrige Copernicus v\u00f6llig aus dem \u00f6ffentlichen Leben zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Eine folgenreiche Abwechslung bildete der Besuch des jungen Wittenberger Mathematikprofessors Georg Joachim Rheticus, der von dem bereits weit verbreiteten wissenschaftlichen Ruf des Copernicus angezogen wurde. Einem Ruf, der zu diesem Zeitpunkt allein auf der gelehrten Korrespondenz und m\u00fcndlicher Verbreitung beruhte. V\u00f6llig zu Recht hat Edward Rosen die Reise von Rheticus ins Ermland die Geburtsstunde der modernen Astronomie genannt. Der Protestant Rheticus kam im Fr\u00fchjahr 1539 nach Frauenburg, wurde von dem katholischen Domherren Copernicus \u00fcberaus freundlich empfangen, blieb dort, anders als urspr\u00fcnglich geplant, f\u00fcr mehr als zwei Jahre und wurde in vielen Diskussionen mit Copernicus gr\u00fcndlich \u00fcber die Details der neuen Kosmologie informiert. 1542 ver\u00f6ffentlichte Rheticus in Wittenberg mit Copernicus\u2019 Erlaubnis einen kleinen, der \u201eTrigonometrie\u201c gewidmeten Abschnitt aus dem Hauptwerk.<\/p>\n<p>Dieser unter dem Titel \u201eDe lateribus et angulis triangulorum\u201c (\u00dcber die Seiten und Winkel von Dreiecken) erschienene Separatdruck stimmt mit den beiden letzten Kapiteln aus dem ersten Buch des Hauptwerkes w\u00f6rtlich \u00fcberein. Im Anschluss daran gab Copernicus dem fortgesetzten Dr\u00e4ngen von Rheticus und Tiedemann Giese (1480-1550) nach und erteilte die Zustimmung zur Drucklegung seines Hauptwerkes. Giese, der engste Freund von Copernicus und damalige Bischof von Kulm, hatte das entstehende astronomische Werk bereits seit Jahrzehnten anteilnehmend begleitet. Quasi im Vorgriff auf die Ver\u00f6ffentlichung des Hauptwerkes erhielt Rheticus die Erlaubnis, 1540 in Danzig einen ersten Bericht, die \u201eNarratio prima\u201c, \u00fcber das neue Weltsystem zu ver\u00f6ffentlichen. Ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert er dort, dass Copernicus \u2013 im Gegensatz zur antiken und mittelalterlichen Astronomie \u2013 davon ausging, dass der Fixsternhimmel unbeweglich sei. Die Erscheinung der Pr\u00e4zession, die nach antiker Auffassung eine Folge der Bewegung des Fixsternhimmels war, beruhte f\u00fcr Copernicus richtigerweise auf einer Verlagerung der Erdachse. Erst ganz am Ende des B\u00fcchleins wird auf die revolution\u00e4re \u00c4nderung des Weltbildes durch Copernicus hingewiesen. Sp\u00e4ter hat Rheticus\u00a0noch eine Abhandlung mit dem Titel \u201eDe motu Terrae\u201c verfasst hat, in der er Copernicus\u2019 Lehre entschieden gegen den Vorwurf verteidigte, sie widerspreche der Heiligen Schrift.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Copernicus selbst fasst in seiner an Papst Paul III. gerichteten Vorrede zu \u201eDe revolutionibus\u201c den wesentlichen Inhalt der sechs B\u00fccher folgenderma\u00dfen zusammen: \u201eIm ersten Buch beschreibe ich die Anordnung aller Kreisbahnen zusammen mit den von mir der Erde zugesprochenen Bewegungen, so dass dieses Buch gewisserma\u00dfen den ganzen Aufbau des Universums enth\u00e4lt. In den \u00fcbrigen B\u00fcchern setze ich dann die Bewegungen der \u00fcbrigen Gestirne und aller Kreisbahnen mit der Bewegung der Erde zusammen, damit daraus geschlossen werden kann, bis zu welchem Grad die Bewegungen und Erscheinungen der \u00fcbrigen Gestirne und Bahnen \u201agerettet\u2019 werden k\u00f6nnen, wenn sie auf die Bewegungen der Erde bezogen werden.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die Erde nahm Copernicus im elften Kapitel des ersten Buches eine dreifache Bewegung an. Die erste besteht in einer t\u00e4glichen Rotation um die eigene Achse von West nach Ost, wodurch der Kreislauf von Tag und Nacht entsteht. In einer zweiten Bewegung beschreibt der Mittelpunkt der Erde einen j\u00e4hrlichen Umlauf um die Sonne in der Ebene des Tierkreises. Mit einer solchen Bewegung ist jedoch erst der scheinbare Lauf der Sonne im Tierkreis erkl\u00e4rt, aber noch nicht das Entstehen und der Wechsel der Jahreszeiten, denn die Erdachse w\u00fcrde bei einer alleinigen Mittelpunktsbewegung ebenfalls kreisf\u00f6rmig um die Sonne bewegt werden und immer dieselbe Ausrichtung der Sonne gegen\u00fcber beibehalten. Copernicus f\u00fchrt daher noch eine dritte, ebenfalls j\u00e4hrliche Bewegung ein, bei der die Erdachse oberhalb und unterhalb der Bahnebene eine Kegeloberfl\u00e4che beschreibt. Die Kombination der zweiten und dritten Bewegung f\u00fchrt dazu, dass die Erdachse stets eine konstante Ausrichtung gegen\u00fcber der Bahnebene besitzt. Wenn wir heute von einem j\u00e4hrlichen Umlauf der Erde um die Sonne sprechen, unterscheiden wir nicht mehr wie Copernicus zwischen einer Bewegung des Erdmittelpunktes und der Erdachse, sondern denken uns von vornherein die zweite und dritte Erdbewegung kombiniert, indem wir die Erde als Ganzes betrachten und die Ausrichtung ihre Achse im Raum als konstant ansehen.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu den im ersten Buch genannten drei Erdbewegungen musste Copernicus im dritten Buch noch zahlreiche weitere, kleinere Bewegungen der Erdachse und damit auch der Erde als Ganzer einf\u00fchren, um etwa die Pr\u00e4zession der \u00c4quinoktien an sich, die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit dieses Vorr\u00fcckens und die Ver\u00e4nderlichkeit der Schiefe der Ekliptik zu erkl\u00e4ren. \u00c4hnlich kompliziert gestaltet sich die Behandlung der Bewegungen der \u00fcbrigen Planeten und des Mondes. Dadurch erh\u00e4lt sein Hauptwerk einen Grad an Komplexit\u00e4t, der dem des ptolem\u00e4ischen \u201eAlmagest\u201c mindestens gleichkommt und in deutlichem Kontrast zu den mehr qualitativen und leicht verst\u00e4ndlichen Ausf\u00fchrungen im ersten Buch steht. Der Hinweis \u2013 oder sollte man sagen die Warnung \u2013 in der Vorrede: \u201eMathematische Dinge werden f\u00fcr Mathematiker geschrieben\u201c erwies sich als berechtigt.<\/p>\n<p>Symptomatisch f\u00fcr das weitere Schicksal des kopernikanischen Weltsystems war das Wirken Philipp Melanchthons. Als geistiges Haupt der Bildungsreformen an den protestantischen Universit\u00e4ten reichte sein Einfluss weit \u00fcber Wittenberg hinaus. Gegen\u00fcber dem Heliozentrismus nahm er \u2013 ebenso wie Luther \u2013 eine dezidiert kritische und ablehnende Haltung ein. Melanchthon verhinderte auch, dass Copernicus\u2019 Hauptwerk in Wittenberg gedruckt wurde. Aber er war durchaus aufgeschlossen f\u00fcr die \u00dcbernahme von astronomischen Daten und einigen beschreibenden theoretischen Konzepten aus Copernicus\u2019 Werk, denn manches davon lie\u00df sich auch unter Beibehaltung eines geozentrischen Weltsystems nutzen. Diese Haltung pr\u00e4gte die Einstellung zahlreicher anderer Gelehrter, sodass Robert Westman mit einiger Berechtigung von einem \u201eMelanchthon circle\u201c und der \u201eWittenberg Interpretation of the Copernican Theory\u201c sprechen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seinem Hauptwerk \u00e4u\u00dfert Copernicus recht deutlich, dass er nicht gewillt sei, zu grundlegenden naturphilosophischen Fragen au\u00dferhalb der Astronomie Stellung zu beziehen. Wenn man unter dem \u201eZeugnis des Himmels\u201c, d. h. der Natur, eigene Beobachtungsergebnisse versteht, wird man von den \u00fcberlieferten Quellen entt\u00e4uscht sein. Insgesamt sind 63 eigene Himmelsbeobachtungen von Copernicus \u00fcberliefert. Daf\u00fcr k\u00f6nnen auch, aber nicht nur die schlechten Witterungs- und damit Beobachtungsbedingungen im nebelverhangenen Frauenburg am Frischen Haff verantwortlich gemacht werden. Im 30. Kapitel des 5. Buch von \u201eDe revolutionibus\u201c, das von \u201eNeueren Beobachtungen der Bewegung des Merkur\u201c handelt, erl\u00e4utert er die nat\u00fcrlichen Vorteile, die die Alten bei der Beobachtungen dieses Planeten hatten: \u201eUns aber, die wir in einem rauheren Klima wohnen, versagte die Natur diese Bequemlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Schon in seiner Kritik der \u201eTrepidationstheorie\u201c von Johannes Werner (Brief an Bernhard Wapowski vom 3. Juni 1524) hatte Copernicus entschieden kritisiert, dass jener die Genauigkeit seiner Beobachtungsdaten h\u00f6her eingesch\u00e4tzt habe als die der antiken Astronomen. Im Gegensatz dazu sch\u00e4tzte Copernicus die Genauigkeit seiner eigenen Beobachtungen sehr kritisch ein. In seinen \u201eEphemeriden\u201c f\u00fcr das Jahr 1551 (Leipzig 1551) \u00e4u\u00dferte sich Rheticus dazu folgenderma\u00dfen: \u201eNicht gern mochte er [Copernicus] sich auf kleinste Distanz-Bestimmungen einlassen, wie sie andere anstrebten, die mit peinlicher Genauigkeit bis auf zwei, drei oder vier Minuten den Ort der Gestirne ermittelt zu haben meinen, w\u00e4hrend sie zuweilen dabei um einige Grade abirren. Ich selbst, \u00e4u\u00dferte sich Copernicus weiter, w\u00fcrde hocherfreut sein wie Pythagoras, als er seinen Lehrsatz entdeckte, wenn ich im Stande w\u00e4re, meine Ermittlungen bis auf zehn Minuten der Wahrheit nahezuf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Die Beobachtungsinstrumente, die Copernicus zur Verf\u00fcgung standen und die bis zu Galilei die gebr\u00e4uchlichen Hilfsmittel des Astronomen blieben, lie\u00dfen auch bei einem wesentlich gr\u00f6\u00dferen Beobachtungsumfang keine wesentlich genaueren Ergebnisse zu. Ausgangspunkt der empirischen und rechnerischen Erfassung der Ph\u00e4nomene waren h\u00e4ufig spekulative Erw\u00e4gungen oder philosophische Theorien, die auf Platon und die platonische Tradition zur\u00fcckgehen. <em>Vice versa<\/em> haben die rechnerischen Ergebnisse dann wiederum befruchtend, best\u00e4tigend oder korrigierend auf die philosophische Reflexion zur\u00fcckgewirkt. Copernicus\u2018 Konzept von der Einfachheit, Einheitlichkeit und Symmetrie des Weltgeb\u00e4udes finden wir bis in die Wortwahl \u00fcbereinstimmend in einem Buch des Horaz wieder, das man f\u00fcr das Studium der Astronomie nicht unmittelbar als ma\u00dfgeblich empfinden wird. Im \u201eLiber de arte poetica\u201c finden wir in Vers 23 die Formulierung: \u201eSchlie\u00dflich sei eine Kraft selbstverst\u00e4ndlich einfach und einheitlich.\u201c Hier d\u00fcrfen wir eine der Quellen vermuten, die Copernicus benutzt hat.<\/p>\n<p>Scheinbare Ungleichm\u00e4\u00dfigkeiten und Irregularit\u00e4ten aufzukl\u00e4ren war eine Aufgabe der Forschung. \u201eMan muss vielmehr\u201c, schreibt er, \u201eder Weisheit der Natur nachgehen, die, indem sie sich sehr geh\u00fctet hat, irgendetwas \u00dcberfl\u00fcssiges und Unn\u00fctzes hervorzubringen, vielmehr oft einen und denselben Gegenstand mit vielen Wirkungen begabt hat.\u201c (\u201eDe revolutionibus\u201c, Buch 1, Kap. 10). Die \u201eWeisheit der Natur\u201c lie\u00df sich viel klarer von denen studieren, die in der Mathematik erfahren sind, wie es auch schon im \u201eCommentariolus\u201c hie\u00df. Und auch nur denen lie\u00df sich die neue Kosmologie plausibel erkl\u00e4ren. Denn, so schreibt er: \u201eWenn all dies schwierig, fast unbegreiflich und gegen die Meinung vieler sein sollte, so werden wir es, so Gott will, klarer als die Sonne machen, wenigstens f\u00fcr die, die in der Mathematik nicht unwissend sind.\u201c<\/p>\n<p>Vor allem f\u00fcr diejenigen galt es, die \u201eOrdnung der Himmelskreise zu erkl\u00e4ren (\u201eDe revolutionibus\u201c, Buch 1, Kap. 10): \u201eIn der Mitte aber von allen thront die Sonne. Wer aber m\u00f6chte in diesem sch\u00f6nsten Tempel diese Leuchte an einen anderen oder besseren Ort setzen als an diesen, von dem aus sie alles zugleich zu erleuchten vermag?\u201c<\/p>\n<p>Im 7. Kapitel des 1. Buches von \u201eDe revolutionibus\u201c: \u201eWarum die Alten glaubten, die Erde ruhe in der Weltmitte, gleichsam als Mittelpunkt\u201c, erfahren wir von der Natur der \u201eschweren Gegenst\u00e4nde\u201c: \u201eDa nun die Erde, nach welcher die schweren Gegenst\u00e4nde von allen Seiten her rechtwinklig auf die Oberfl\u00e4che \u2013 verm\u00f6ge ihrer eigenen Natur \u2013 sich hinbewegen, kugelf\u00f6rmig ist.\u201c Im 8. Kapitel, dem wahrscheinlich wichtigsten naturphilosophischen Abschnitt, ist fortw\u00e4hrend von der Naturgem\u00e4\u00dfheit die Rede, von dem, was von Natur aus geschieht: \u201eWer aber annimmt, dass die Erde sich drehe, der wird gewiss auch der Meinung sein, dass diese Bewegung eine nat\u00fcrliche und keine gewaltsame sei. Was aber der Natur gem\u00e4\u00df ist, das bringt gegens\u00e4tzliche Wirkungen hervor im Vergleich zu dem, was durch Gewalt geschieht [&#8230;]. Grundlos ist also die Bef\u00fcrchtung von Ptolemaeus, dass die Erde und alle die in Umdrehung versetzten irdischen Gegenst\u00e4nde durch die T\u00e4tigkeit der Natur auseinandergerissen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p>Ein Traktat, in dem der Naturbegriff eine wichtige Rolle spielt, stammt nicht von Copernicus selbst, sondern von seinem Sch\u00fcler Rheticus. Wir k\u00f6nnen jedoch davon ausgehen, dass der vor dem 28. August 1541 entstandene Text von Copernicus gebilligt, wenn nicht von ihm mitverfasst wurde. In der Widmung seines geographisch-kartographischen Traktats, der deutschen \u201eChorographia\u201c, an Herzog Albrecht in Preu\u00dfen, den fr\u00fcheren Hochmeister des Deutschen Ordens beschreibt Rheticus, \u201ewie durch sunderliche schikung Gottes alle andre lobliche kunst zw vnsren zeitten herfur komen, vnd Gott der herre, neben seinem Wort, auch durch sein geschopf vnd Creatur wil erkant werden, wie dan die alten rechten philosophi bekennet haben, Das die natur der schonste Spiegel Gottlicher maiestet seye, darinnen Gottes macht vnd gegenwertikait gewaltig vnd sichtlich erkennet wert. Also befinde Jch warlich, das er die hohen kunst welche man Mathematicas nennet nicht will lenger dahinden bleiben lassen. Die Geometry thut sich gewaltig heruor.\u201c Diese Auffassung von der Natur als dem sch\u00f6nsten Spiegel g\u00f6ttlicher Majest\u00e4t, die erkannt werden will, weist schon weit \u00fcber Copernicus hinaus auf die Physikotheologie des sp\u00e4ten 17. Jahrhunderts hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>VI.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Auf die weitere Rezeptionsgeschichte der heliozentrischen Kosmologie und die experimentellen Beweise ihrer G\u00fcltigkeit im 19. Jahrhundert kann hier nicht eingegangen werden. Zum Ausklang soll auch nicht an die bedeutenden wissenschaftlichen Erben des Domherren aus Frauenburg, an Galileo Galilei und Johannes Kepler, erinnert werden, sondern an einen der \u2013 in diesem Zusammenhang \u2013 weniger bekannten Protagonisten der neuen Astronomie und Kosmologie im 17. Jahrhundert. Ich meine den Magdeburger B\u00fcrgermeister Otto von Guericke (1602-1686). In seinen \u201eExperimenta nova, ut vocantur, Magedburgica de vacuo spatio\u201c (Amsterdam 1672), die zu einem betr\u00e4chtlichen Teil \u2013 viel mehr als man gemeinhin annimmt \u2013 der Astronomie gewidmet sind, erl\u00e4uterte er die Idee, das man die Vermittlung der modernen heliozentrischen Kosmologie, st\u00e4rker rationalisieren m\u00fcsse. Dass man Kometenbahnen berechnen k\u00f6nne, galt ihm bereits als eine unzweifelhafte wissenschaftliche Tatsache. Mit der M\u00f6glichkeit ihrer Berechenbarkeit verschwindet auch die Bedeutung der Kometen als Schreckens- und Wunderzeichen. Die seit der Antike tradierte Lokalisierung der \u201eb\u00f6sen Geister unter dem Himmel\u201c, wie es in der Luther-Bibel hei\u00dft (Eph 6,12), in der sublunaren Feuersph\u00e4re war in der neuen Kosmologie gegenstandslos geworden. Am Ende des 30j\u00e4hrigen Krieges sicher eine friedliche und tr\u00f6stliche Botschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Das Zeugnis unserer Sinne ist eigentlich eindeutig. Die Beobachtung des Tag- und Nachthimmels legt nahe, die Erde unbewegt in den Mittelpunkt unseres Planetensystems zu stellen und Mond, Sonne und Planeten um sie kreisen oder sich bewegen zu lassen. 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