{"id":118255,"date":"2026-01-28T15:17:45","date_gmt":"2026-01-28T14:17:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118255"},"modified":"2026-01-28T15:17:48","modified_gmt":"2026-01-28T14:17:48","slug":"martin-luther-in-oekumenischer-perspektive-eine-katholische-wuerdigung","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/martin-luther-in-oekumenischer-perspektive-eine-katholische-wuerdigung\/","title":{"rendered":"Martin Luther in ecumenical perspective"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Der Streit um den Ablass<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Ablass, an dem sich Luthers Protest entz\u00fcndete und die Reformation ihren Ausgang nahm, hat eine komplexe Geschichte. Im Hintergrund stand die Vorstellung von der Genugtuung, die f\u00fcr jedes Vergehen erbracht werden muss. Die S\u00fcnde als Versto\u00df gegen Gott bedarf der Wiedergutmachung, der Satisfaktion, auch wenn sie in der Beichte vergeben wurde. Diese Genugtuung kann der Mensch erbringen etwa durch Wallfahrten, Gebete, Opfer, Fasten. Sollten beim Gericht diese Werke der Wiedergutmachung nicht hinreichen, muss der S\u00fcnder die Strafen im Fegefeuer abb\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Nun wei\u00df niemand, ob er hinreichend Genugtuung geleistet hat, wie es also um seine Heilssituation bestellt ist. Eines aber ist gewiss: Die Heiligen haben mehr an S\u00fchne geleistet, als sie n\u00f6tig gehabt h\u00e4tten, sie haben also einen \u201e\u00dcberschuss\u201c erbracht, der der Kirche als der Gemeinschaft der Heiligen zugutekommt. Zusammen mit dem Erl\u00f6sungswerk Christi bildet er den Schatz der Kirche, an dem alle Gl\u00e4ubigen Anteil haben k\u00f6nnen. Der Papst l\u00e4sst ihn in Form von Abl\u00e4ssen den S\u00fcndern zuteilwerden. Es ging beim Ablass urspr\u00fcnglich darum, Menschen im Vertrauen auf ihre Gemeinschaft mit den Heiligen und durch die F\u00fcrbitte der Kirche von S\u00fcnden- und H\u00f6llenangst zu befreien.<\/p>\n<p>Problematisch wurde diese Vorstellung vor allem, als sie mit Geldgesch\u00e4ften verbunden wurde, als man also fremde Heilswerke als Abl\u00e4sse kaufen konnte. Zwar wurden sie zu unterschiedlichen Geb\u00fchren angeboten, je nach dem Verm\u00f6gen des K\u00e4ufers, sodass Habenichtse auch ohne Geldleistungen in ihren Genuss gelangen konnten. Dennoch war das Gesch\u00e4ft bereits im 15. Jahrhundert zum \u00c4rgernis geworden. Im fr\u00fchen 16. Jahrhundert herrschte in Rom akuter Geldmangel. Die P\u00e4pste hatten sich an den Bau der gewaltigen Peterskirche in Rom gemacht und die Entfaltung ihrer Pracht als Renaissancef\u00fcrsten verschlang Unsummen. Man brauchte Geld, erhob hohe Geb\u00fchren und schrieb den Petersablass aus. In Deutschland musste Albrecht von Brandenburg, der Erzbischof von Mainz und damit Kurf\u00fcrst werden sollte, dem Vatikan f\u00fcr die Dispens von der eigentlich verbotenen \u00c4mterh\u00e4ufung ein Verm\u00f6gen bezahlen \u2013 er war ja bereits Erzbischof von Magdeburg. Um den Kredit, den er dazu bei den Fuggern in Augsburg aufgenommen hatte, begleichen zu k\u00f6nnen, \u00f6ffnete er seine L\u00e4nder f\u00fcr den Verkauf des Petersablasses, wobei ihm die H\u00e4lfte des Gewinns zufallen sollte.<\/p>\n<p>Von den Details dieser Abmachungen wusste Luther nichts, als er mit den Wirkungen der Ablasspredigt durch den Dominikaner Tetzel konfrontiert wurde. Dieser versprach nicht allein den Erlass von Kirchenstrafen, sondern auch von S\u00fcnden, selbst von den schwersten S\u00fcnden, sogar, wie \u00fcberliefert wird, \u201ewenn jemand die Jungfrau Maria geschw\u00e4ngert h\u00e4tte\u201c (so zur\u00fcckgewiesen in Luthers These Nr. 75). Vollkommene Abl\u00e4sse sollten sogar prophylaktisch wirken und vor Strafen auf k\u00fcnftige S\u00fcnden sch\u00fctzen, sodass man fortan \u201efrisch draufloss\u00fcndigen\u201c konnte. Auch k\u00f6nne man den Ablass Verstorbenen zukommen lassen und sie damit aus Qualen des Fegefeuers erl\u00f6sen. Der Spottvers \u201eWenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt\u201c ist eine durchaus zutreffende Zusammenfassung von Tetzels Predigt.<\/p>\n<p>Luther musste feststellen, dass angesichts der Ablasspredigt die Bu\u00dfgesinnung der Menschen zusammenbrach, durch den Ablass glaubten offensichtlich viele, des ewigen Heils sicher zu sein. Als Theologe an der jungen Universit\u00e4t Wittenberg, der in seinem Doktoreid geschworen hatte, der Heiligen Schrift treu zu sein, f\u00fchlte sich Luther angesichts solcher Irrlehre herausgefordert und f\u00fcr die rechte Lehre verantwortlich. Er wandte sich an den zust\u00e4ndigen Bischof Albrecht von Brandenburg und bat ihn um bessere Instruktionen f\u00fcr die Ablasspredigt. Zu diesem Zweck ver\u00f6ffentlichte er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen, die zum Ausgangspunkt der Reformation werden sollten.<\/p>\n<p>In diesen Thesen hei\u00dft es: \u201eWer glaubt, durch Ablassbriefe seines Heils sicher zu sein, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden\u201c (These Nr. 32). F\u00fcr den weiteren Verlauf der Reformation wurden vor allem die Thesen brisant, die die p\u00e4pstliche Vollmacht \u00fcber den Ablass thematisierten: \u201eDer Papst will und kann keine Strafen erlassen als solche, die er nach seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat\u201c (These Nr. 5). Ein \u201evollkommener Ablass\u201c bezieht sich nicht auf s\u00e4mtliche Strafen, sondern nur auf jene, die der Papst selbst auferlegt hat (These Nr. 20). Es war zweifellos auch eine Papstkritik impliziert, wenn es in These 50 hei\u00dft: \u201eMan soll die Christen lehren: wenn der Papst w\u00fcsste, wie die Ablassprediger das Geld erpressen, w\u00fcrde er die Peterskirche lieber zu Asche verbrennen, als sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe aufzubauen.\u201c<\/p>\n<p>Luther sandte seine 95 Thesen zusammen mit einem \u00fcberaus devot formulierten Schreiben an Erzbischof Albrecht, lie\u00df sie gleichzeitig als Plakat drucken und \u2013 wohl durch den Pedell \u2013 an der T\u00fcre der Schlosskirche als dem Schwarzen Brett der Universit\u00e4t Wittenberg aush\u00e4ngen. Er lud damit zu einer \u00f6ffentlichen akademischen Disputation ein. Die Thesen stie\u00dfen auf ein v\u00f6llig unerwartetes Echo, sie wurden nachgedruckt und waren in wenigen Wochen weithin bekannt. Luther sah sich unvermutet an der Spitze einer Reformbewegung, der er ihr Recht nicht absprechen wollte, die er aber nicht hatte ins Leben rufen wollen. Der Verkauf der Abl\u00e4sse ging drastisch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der r\u00f6mische Prozess und das Wort vom Papst als dem Antichrist<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das hat den Mainzer Erzbischof herausgefordert. Er lie\u00df Luthers Thesen auf ihre Rechtgl\u00e4ubigkeit hin \u00fcberpr\u00fcfen und sandte sie nach Rom. Dort hat man es sich zun\u00e4chst leicht gemacht, die Anfrage eines jungen M\u00f6nches aus Sachsen, vom Rande der zivilisierten Welt, erschien als Lappalie und Luther als germanischer Barbar und Banause, der die hoch differenzierte Philosophie und Theologie der Scholastik nicht verstand. Er wurde am Rande des Augsburger Reichstags im Oktober 1518 durch Kardinal Cajetan zum Widerruf aufgefordert. Bei der Leipziger Disputation mit dem Ingolst\u00e4dter Professor Johannes Eck 1519 trat die Frage nach der Vollmacht des Papstes in das Zentrum der Kontroverse. Eck wollte Luther dadurch in die Enge treiben, dass er ihn als Gefolgsmann von Jan Hus hinstellte, der hundert Jahre zuvor die Hierarchie massiv kritisiert hatte und auf dem Konzil von Konstanz auf dem Scheiterhaufen endete. Luther lie\u00df sich in diese Rolle dr\u00e4ngen. Wegen seiner Aussage \u201eAuch Konzilien k\u00f6nnen irren\u201c erkl\u00e4rte ihn Eck zum H\u00e4retiker und sich selbst zum Sieger in der Disputation. Luthers Aussage, die Meinung eines einzelnen Christen m\u00fcsse mehr gelten als die eines Papstes oder eines Konzils, wenn er die besseren Gr\u00fcnde, also wenn er die Heilige Schrift f\u00fcr sich habe, sollte seine Unbotm\u00e4\u00dfigkeit beweisen. Damit nahmen die Ereignisse ihren Lauf.<\/p>\n<p>Luthers \u00c4u\u00dferungen \u00fcber den Papst wurden innerhalb weniger Monate immer schroffer. In einem Begleitschreiben zu den Ablassthesen, die er 1518 an Papst Leo X. sandte, finden sich ausgesprochen papsttreue \u00c4u\u00dferungen. Sein Schreiben endet: \u201eDarum, allerheiligster Vater, lege ich mich Deiner Heiligkeit zu F\u00fc\u00dfen und \u00fcbergebe mich Dir mit allem, was ich bin und was ich habe. Lass mich leben oder sterben, billige mein Werk oder verwirf es nach Deinem Gefallen. Deine Stimme will ich als Christi Stimme erkennen, der in Dir herrscht und redet.\u201c Papsttreuer kann man wohl nicht formulieren.<\/p>\n<p>Doch Luthers Erwartung, der Papst w\u00fcrde seine Lehre anerkennen und die Kirche nach der evangelischen Botschaft reformieren, erf\u00fcllte sich nicht. Es war f\u00fcr ihn unvorstellbar, \u201edass Menschen mit gutem Gewissen und gutem Willen die Wahrheit seiner Lehre nicht erkannten\u201c, formulierte es Volker Reinhardt. Von eschatologischer Spannung erf\u00fcllt wurde er in Zweifel gest\u00fcrzt, ob nicht im Papsttum die biblische Prophezeiung \u00fcber den Antichrist in Erf\u00fcllung gegangen sei. \u201eIch wei\u00df nicht, ob der Papst der Antichrist selbst oder wenigstens sein Sendbote ist, so erb\u00e4rmlich wird Christus von ihm verderbt und gekreuzigt.\u201c Im Fr\u00fchjahr 1520 festigte sich seine \u00dcberzeugung: \u201eIch bin so in \u00c4ngsten, dass ich fast nicht mehr daran zweifle, dass der Papst jener Antichrist ist, den nach der allgemeinen Meinung die Welt erwartet.\u201c Nach der Bannandrohnungsbulle aus diesem Jahr schrieb er, wenn der Papst diese Bulle nicht zur\u00fcckn\u00e4hme, sei er \u201eFeind Gottes, Verfolger Christi, Zerst\u00f6rer der Christenheit und der rechte Endchrist\u201c. In einer \u00f6ffentlichen Demonstration warf er die Bannbulle ins Feuer, zusammen mit den kirchlichen Gesetzb\u00fcchern und Lehrb\u00fcchern der scholastischen Philosophie. Das war wohl der entscheidende Akt, mit dem er von sich aus die Papstkirche exkommunizierte und daraufhin im Januar 1521 selbst exkommuniziert wurde. Nun bezeichnete er den Papst bedingungslos als den Antichrist. \u201eSo wenig wir den Teufel selbst f\u00fcr einen Herrn oder Gott anbeten k\u00f6nnen, so wenig k\u00f6nnen wir auch seinen Apostel, den Papst oder Endchrist, in seinem Regiment als zum Haupt oder Herren leiden.\u201c Den H\u00f6hepunkt dieser Polemik bildete Luthers Schrift von 1545 \u201eWider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet\u201c.<\/p>\n<p>Diese dramatischen Aussagen richteten sich nicht gegen den Papst als Person, sondern als Repr\u00e4sentanten derer, die das Evangelium verraten haben und nun verhindern, dass es den suchenden und fragenden Menschen verk\u00fcndet w\u00fcrde. Dabei blieben diese Aussagen Luthers immer konditionell, wie es Harding Meyer formuliert. Wenn der Papst so handelt, dann ist er der Antichrist. Noch in den Schmalkadischen Artikeln hei\u00dft es, wenn der Papst das Evangelium zulassen und es verk\u00fcndigen w\u00fcrde, dann wolle er ihn \u201enicht nur auf H\u00e4nden tragen, sondern ihm auch die F\u00fc\u00dfe k\u00fcssen\u201c.<\/p>\n<p>Die Missst\u00e4nde in Rom, die Kritik am Lebenswandel der P\u00e4pste und in der Kurie und bei vielen Bisch\u00f6fen standen in dieser Auseinandersetzung nicht im Zentrum, sie waren Luther lediglich eine Illustration daf\u00fcr, dass in der Papstkirche der Glaube an das Evangelium untergegangen sei. Luthers Konflikt mit dem Papst entz\u00fcndete sich nicht an den offenkundigen Missst\u00e4nden, die Erfahrungen, die er bei seinem Romaufenthalt machte, ersch\u00fctterten ihn nicht in seinem Vertrauen auf den Papst und die Kurie. Nicht einzelnen P\u00e4psten, sondern dem Papsttum galt seine geballte Kritik. Man tritt zu kurz, wenn man die Reformation aus den offensichtlichen Missst\u00e4nden der Zeit herleitet. Sie haben Luther zur Kritik herausgefordert und zum Reformer, nicht aber zum Reformator werden lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Lutherbilder im Wandel der Geschichte<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Historisch weichenstellende Pers\u00f6nlichkeiten haben auch eine postmortale Geschichte. Diese l\u00e4sst sich bei Luther an den Reformationsjubil\u00e4en zeigen, die jeweils im Jahr 17 eines jeden Jahrhunderts gefeiert wurden. Sie hatten immer einen anderen Luther im Blick: 1617 den Repr\u00e4sentanten der wahren Lehre, Luther erschien als der quasi unfehlbare Prophet der neuen Orthodoxie. 1717 im Rahmen des Pietismus trat die Lehre in den Hintergrund. Luther wurde gefeiert als das religi\u00f6se Genie, das die christliche Botschaft in ihrer Mitte in Christus konzentriert und die lebendige Erfahrung Jesu erschlossen hat. 1817 im Banne der Aufkl\u00e4rung wurde er gepriesen als Held der Gewissensfreiheit und Repr\u00e4sentant des Lichtes der Vernunft gegen p\u00e4pstlichen Aberglauben und ein finsteres Mittelalter. Dabei hatte man wenig Interesse an seiner Lehre, gefeiert wurde seine Entdeckung des Individuums, der Freiheit, der Kampf gegen Autorit\u00e4ten. Hegel hat Luther zum Heros einer neuen Zeit hochstilisiert, weil in ihm \u201eaus der unendlichen Entzweiung\u201c \u201eder Geist zum Bewusstsein der Vers\u00f6hnung seiner selbst\u201c gekommen ist. Luther brachte die Erkenntnis: \u201eDer Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein\u201c, der Protestantismus erschien damit als Kirche der Freiheit. Der r\u00f6mische Katholizismus hatte sein Recht und seine Bedeutung als Vorl\u00e4ufer dessen, was im Protestantismus seine Erf\u00fcllung gefunden hat. Mit ihm beginnt die Neuzeit, ihm wurden alle Errungenschaften der Moderne zugeschrieben, w\u00e4hrend man all das, was als \u00fcberwunden und \u00fcberholt erschient, dem Mittelalter und damit der katholischen Kirche angelastet hat.<\/p>\n<p>Dieses Bild der Geschichte, das im Katholizismus die \u00fcberholte Form einer dem mittelalterlichen Denken verhafteten und damit mediokren Gestalt der Religion sieht, hat Adolf von Harnack zusammengefasst: \u201eDie Neuzeit hat mit der Reformation Luthers ihren Anfang genommen, und zwar am 31. Oktober 1517; die Hammerschl\u00e4ge an der T\u00fcr der Schlosskirche zu Wittenberg haben sie eingeleitet.\u201c So die Darstellung Harnacks einer verbreitet vertretenen Position, ohne dass er sich dabei v\u00f6llig mit ihr identifiziert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Rom dagegen m\u00f6chte noch heute, wie es in einer zeitgleichen Publikation hei\u00dft und die bei Heinz Schilling zitiert wird, \u201edie Reformation tilgen aus den Bl\u00e4ttern der Weltgeschichte und das Rad der Zeit zur\u00fcckdrehen auf das Mittelalter\u201c. Das mit diesem Geschichtsbild verbundene \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl des Protestantismus hat sich als sehr nachhaltig erwiesen, nicht zuletzt deswegen, weil manche wissenschaftsfeindliche Verf\u00fcgung der r\u00f6mischen Kurie im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert es zu verifizieren schienen.<\/p>\n<p>1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wurde Luther als der wahre Deutsche beschworen, der dem r\u00f6mischen Papst und dem spanischen Kaiser widerstanden hatte und damit ein Vorbild war f\u00fcr die Deutschen in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben in Frankreich und an der Heimatfront. Auch die politischen Ideologien beriefen sich auf ihn, der Nationalsozialismus machte ihn zum wahren Deutschen, die Machthaber in der DDR zum Vorl\u00e4ufer der proletarischen Revolution. Bei allen Widerspr\u00fcchen in diesen Lutherbildern, eines blieb konstant: Luther wurde immer gesehen und gefeiert als Widersacher und Feind des Papstes, den Kampf gegen den Papst als den Antichrist sah man weithin als Luthers eigentliche Lebensaufgabe. Das \u201eNein\u201c zum Papst erschien als konstitutiv f\u00fcr evangelisches Christentum.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht stimmte die katholische Lutherdeutung mit der evangelischen \u00fcberein. Hier erschien Luther fast ausschlie\u00dflich als Kirchenspalter. \u00dcber Jahrhunderte hinweg war das katholische Lutherbild gepr\u00e4gt vom Werk des Frankfurter Dechanten Johannes Cochl\u00e4us \u201eCommentaria de actis et scriptis Martini Lutheri\u201c aus dem Jahr 1549, das also nur drei Jahre nach Luthers Tod erschienen. Cochl\u00e4us zeichnete Luther als den \u201eZerst\u00f6rer der Kircheneinheit, den skrupellosen Demagogen und frechen Revolution\u00e4r, der durch seine H\u00e4resien unz\u00e4hlige Seelen ins Verderben gest\u00fcrzt, unendliches Leid \u00fcber Deutschland und die ganze Christenheit gebracht hat\u201c. Dieses Werk war \u00fcber fast 400 Jahre hinweg die wichtigste Quelle f\u00fcr das katholische Lutherbild. Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Werke Luthers auf dem Index der verbotenen B\u00fccher standen und von Katholiken nicht gelesen werden durften, verlieh Cochl\u00e4us weithin ein Monopol in den Informationen zu Luther, selbst wenn f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke Dispens vom Indexverbot erteilt werden konnte. \u201eSo ist das Klischee von dem verkommenen M\u00f6nch, dem sauf- und rauflustigen Libertiner, dem Revolution\u00e4r und Erzh\u00e4resiarchen, dem Spalter der Kirche mit erschreckender Konstanz durch die Jahrhunderte getragen worden\u201c, formulierte es Hubert Jedin.<\/p>\n<p>Machen wir einen gro\u00dfen Sprung ins 19. Jahrhundert und von Frankfurt nach M\u00fcnchen. Hier hat im Rahmen der katholischen Restauration der junge Kirchenhistoriker Ignaz von D\u00f6llinger in seinem monumentalen Werk \u201eDie Reformation\u201c Luther dargestellt als Zerst\u00f6rer der Moral und aller guten Sitten. Mit erdr\u00fcckend breitem Quellenmaterial aus den Kreisen der Reformation selbst suchte er zu belegen, dass Luthers Wort vom Glauben allein und seine angebliche Verwerfung der guten Werke zu einem moralischen Zusammenbruch breiter Kreise der Gesellschaft gef\u00fchrt haben. \u00dcberall wird im Umfeld der Reformation die Klage laut: \u201eDie neue Lehre vom Glauben und von den Werken ist sch\u00e4dlich; denn dieweil man spricht, der Glaube mache allein selig, gibt man dem Volke Ursache zu einem unchristlichen, heidnischen Leben\u201c. Die Lehre von der Rechtfertigung wirkte demnach wie ein Magnet, der Luther immer neue Anh\u00e4nger zuf\u00fchrte, die sich dadurch von jeder moralischen Verpflichtung l\u00f6sen wollten.<\/p>\n<p>Dieses Bild des Reformators zeichnete D\u00f6llinger auch in seinem Luther-Artikel in dem weit verbreiteten Kirchenlexikon. Dieser Lutherartikel wurde auch noch 1893 in die zweite Auflage des Kirchenlexikons aufgenommen, obwohl sich D\u00f6llinger, der 1890 verstorben war, l\u00e4ngst von dieser Deutung distanziert hatte.<\/p>\n<p>In Vortr\u00e4gen aus dem Jahr 1872 hat D\u00f6llinger ein v\u00f6llig anderes Lutherbild vertreten. \u201eEs hat nie einen Deutschen gegeben, der sein Volk so intuitiv verstanden h\u00e4tte und wiederum von der Nation so ganz erfa\u00dft, ich m\u00f6chte sagen eingesogen worden w\u00e4re, wie dieser Augustinerm\u00f6nch zu Wittenberg.\u201c Er gab seinem Volk \u201eSprache, Volkslehrbuch, Bibel, Kirchenlied. Alles was die Gegner ihm zu erwidern oder an die Seite zu stellen hatten, nahm sich matt, kraft- und farblos aus neben seiner hinrei\u00dfenden Beredsamkeit; sie stammelten, er redete.\u201c Die Kirchenspaltung legte D\u00f6llinger nun zu einem guten Teil der r\u00f6mischen Kurie zur Last. Frucht getragen haben diese sp\u00e4ten \u00c4u\u00dferungen D\u00f6llingers kaum. Wegen seiner Ablehnung der im Ersten Vatikanischen Konzil formulierten Papstdogmen war er 1871 exkommuniziert worden und damit in der katholischen Theologie und Kirche weitestgehend ohne Geh\u00f6r und Einfluss.<\/p>\n<p>In den Spuren des Cochl\u00e4us wandelten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Heinrich Denifle, der die These vertrat, Luther habe die Rechtfertigungslehre allein dazu erfunden, dass er sein ausschweifendes Leben legitimieren konnte, und Hartmut Grisar, der Luthers Lehre psychologisch aus dessen schwerer Kindheit und seiner Skrupelhaftigkeit zu erkl\u00e4ren suchte.<\/p>\n<p>Den Durchbruch zu einer positiven Sicht Luthers brachte 1939 die Reformationsgeschichte von Joseph Lortz. Lortz zeichnete Luther als M\u00f6nch, der sein Christsein und sein Ordensleben \u00fcberaus ernst nahm. Die Erfahrung der eigenen S\u00fcndhaftigkeit und der Zustand der Kirche f\u00fchrten ihn in schwere Gewissensnot und dr\u00e4ngten ihn zu einer Neubesinnung, die zur Reformation wurde. Einen Gro\u00dfteil der Schuld an der Kirchenspaltung legte Lortz nicht Luther, sondern der Kirche seiner Zeit zur Last, in der vieles zumindest als Schulmeinung toleriert und in der Praxis gepflegt wurde, was Kritik geradezu herausforderte. Viele dieser Missst\u00e4nde wurden dann auch vom Konzil von Trient verurteilt und abgestellt, allerdings zu sp\u00e4t, um den Prozess der Kirchenspaltung noch verhindern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lortz w\u00fcrdigte Luther als tief religi\u00f6se Pers\u00f6nlichkeit. Man sp\u00fcrt in dem Buch seine innere Ergriffenheit, wenn er Luthers Leben erf\u00fcllt sieht von der vertrauenden Hingabe an Gott, die sich in der Formel \u201eder Glaube allein\u201c ausdr\u00fcckt. Von diesem Vertrauen ist er \u201ebis zum Rande gef\u00fcllt. Nicht selten in einer menschlich ersch\u00fctternden Weise. (&#8230;) Welche F\u00fclle und Kraft des Ruhens in Gott, des Sprechens und Betens in und aus seiner F\u00fclle! Welche Unbek\u00fcmmertheit gegen\u00fcber allem, was nicht Gott und Gottes ist!\u201c<\/p>\n<p>Nach Lortz\u2018 \u00dcberzeugung sind Luthers theologische Ans\u00e4tze und Anliegen zu einem \u00fcberwiegenden Teil katholisch und k\u00f6nnen aus der sp\u00e4tmittelalterlichen Theologie der Zeit hergeleitet werden. Dies gilt vor allem f\u00fcr den jungen Luther, zweifellos noch f\u00fcr den der 95 Thesen zum Ablass. Die wichtigsten Vertreter der Scholastik, die viele der Fragen bereits gekl\u00e4rt hatten, die Luther nun stellte, hat er nicht gekannt. Darum war er der \u2013 irrigen \u2013 Meinung, seine Anliegen nur gegen die Papstkirche durchsetzen zu k\u00f6nnen. Als Zusammenfassung der Untersuchung von Lortz kann die Formulierung gelten: \u201eLuther rang in sich selbst einen Katholizismus nieder, der nicht katholisch war.\u201c Das war 1939 eine mutige Aussage, selbst wenn sie in dem umfangreichen Werk gut im Text versteckt war. In einem Nachwort zur Neuausgabe von 1962 berichtet Peter Manns, dass die Arbeit \u201edas allerh\u00f6chste Mi\u00dffallen Papst Pius\u02bc XII. erregt hatte und nicht mehr aufgelegt werden durfte\u201c. Hubert Jedin stellte noch 1966 fest, es war ein Gl\u00fcck f\u00fcr das Werk, dass es nicht ins Italienische oder Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt wurde. Nicht zuletzt deshalb entging es dem Zugriff der kirchlichen Zensurbeh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Es war eine Kr\u00f6nung des Lutherbildes, als Erwin Iserloh die These aufstellte, der Anschlag der Ablassthesen vom 31. Oktober 1517 sei eine Legende. Luther habe ordnungsgem\u00e4\u00df \u201eeine Petition mit einem beigelegten theologischen Gutachten \u2013 eben den Ablassthesen \u2013 an die zust\u00e4ndigen Bisch\u00f6fe gesandt und um Zur\u00fcckziehung der Ablassinstruktion und Erlass einer besseren nachgesucht\u201c. Ohne sein Wissen wurden dann diese Thesen gedruckt und in ganz Deutschland verbreitet. Luther ist, wie Iserloh formulierte, \u201eabsichtslos zum Reformator geworden\u201c.<\/p>\n<p>Diese Neubewertung Luthers hat auch kirchenamtliche Best\u00e4tigung gefunden. Kardinal Willebrands, der damalige Pr\u00e4fekt des r\u00f6mischen Einheitssekretariats, formulierte bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Jahr 1970: Wir d\u00fcrfen \u201emit Freude feststellen, dass in den letzten Jahrzehnten bei katholischen Gelehrten ein wissenschaftlich genaueres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Reformation und damit auch f\u00fcr die Gestalt Luthers und seiner Theologie gewachsen ist. (&#8230;) Der jahrelange Dialog hat mit vielen Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen aufger\u00e4umt. Wer verm\u00f6chte heute zu leugnen, dass Martin Luther eine tief-religi\u00f6se Pers\u00f6nlichkeit war, dass er in Ehrlichkeit und Hingabe nach der Botschaft des Evangeliums forschte? (&#8230;) Er mag uns darin gemeinsamer Lehrer sein, da\u00df Gott stets Herr bleiben mu\u00df und da\u00df unsere wichtigste menschliche Antwort absolutes Vertrauen und die Anbetung Gottes zu bleiben hat.\u201c<\/p>\n<p>Luther, unser gemeinsamer Lehrer! Ganz so weit ist Papst Benedikt XVI. nicht gegangen, aber auch er hat bei seinem symboltr\u00e4chtigem Besuch im September 2011 im Augustinerkloster in Erfurt Luther gew\u00fcrdigt: \u201eWas ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist.\u201c Diese Grundentscheidung f\u00fcr Gott hat der Papst als Leitmotiv f\u00fcr unsere Zeit hervorgehoben und damit Luther zumindest indirekt als Lehrer im Glauben gezeichnet.<\/p>\n<p>Am Reformationstag 2016 hat Papst Franziskus mit Repr\u00e4sentanten des Lutherischen Weltbundes im Dom zu Lund (Schweden) einen \u00f6kumenischen Gottesdienst gefeiert, mit dem das 500. Jubil\u00e4um der Reformation er\u00f6ffnet wurde. In seiner Predigt bezeichnete der Papst Luthers Frage \u201eWie bekomme ich einen gn\u00e4digen Gott?\u201c als \u201edie entscheidende Frage nach der rechten Gottesbeziehung\u201c. Sie bringt \u201edas Wesen des menschlichen Daseins vor Gott zum Ausdruck\u201c. Die gemeinsame Erkl\u00e4rung, die vom Papst und Munib Younan, dem Pr\u00e4sidenten des Lutherischen Weltbundes in diesem Gottesdienst unterzeichnet wurde, betont, \u201edass das uns Verbindende gr\u00f6\u00dfer ist als das Trennende\u201c. Die Kontroversen, die auch heute noch nicht v\u00f6llig \u00fcberwunden sind, konnten und k\u00f6nnen dieses Gemeinsame und Verbindende nicht zerst\u00f6ren. Jetzt wollen die Kirchen, wie sie in dieser Erkl\u00e4rung formulieren, die \u201eBegebenheiten der Geschichte, die uns belasten, hinter uns lassen\u201c. Sie verpflichten sich, \u201egemeinsam Gottes barmherzige Gnade zu bezeugen\u201c. Dass neben den Repr\u00e4sentanten des Lutherischen Weltbundes auch der Papst ein Dokument unterschreiben konnte, das Dankbarkeit ausdr\u00fcckt \u201ef\u00fcr die geistlichen und theologischen Gaben, die wir durch die Reformation empfangen haben\u201c, \u00f6ffnet neue Horizonte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Heilung der Erinnerung \u2013 die Botschaft von der Rechtfertigung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angesichts der widerspr\u00fcchlichen Bilder, die von Luther gezeichnet wurden und werden, sind wir heute aufgerufen zu einer Heilung der Erinnerung. Nur so kann es gelingen, 2017 in \u00f6kumenischem Geist zu gestalten. Tats\u00e4chlich hat das gemeinsame Dokument der katholischen Bischofskonferenz und des Rates der EKD vom September 2016 mit dem Titel \u201eErinnerung heilen \u2013 Jesus Christus bezeugen\u201c eine solche \u201ehealing of memories\u201c propagiert und ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis Luthers vorgelegt. Im Zentrum dieses Textes steht die Botschaft von der Rechtfertigung. Sie zu verk\u00fcnden hat Luther selbst als seine eigentliche Aufgabe bezeichnet, sie lie\u00df ihn zu dem werden, als den wir ihn heute sehen und vielleicht sogar gemeinsam feiern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Luther war als M\u00f6nch umgetrieben von der Frage: Wie kriege ich einen gn\u00e4digen Gott. Als M\u00f6nch im Kloster in Erfurt f\u00fchlte er sich als S\u00fcnder. Allein w\u00fcrde er einmal vor seinem Richter stehen. Was muss ich tun, so seine bange Frage, um in diesem Gericht bestehen zu k\u00f6nnen? Werden all meine Gebete, Messen, Beichten, frommen \u00dcbungen wirklich helfen? Werden sie genug sein, werde ich Genugtuung geleistet haben f\u00fcr meine Schuld?<\/p>\n<p>Die Antwort, die Luther im R\u00f6merbrief fand, lautete: Der Gerechte lebt aus dem Glauben. Luther selbst beschreibt sp\u00e4ter diese Entdeckung als Erleuchtung. Rechtfertigung, so seine Deutung, geschieht nicht durch unser Tun, unsere Werke, unsere Bu\u00df\u00fcbungen, sondern sie wird uns zuteil im Glauben, ohne dass wir sie verdient h\u00e4tten. Nicht was wir tun, rechtfertigt, sondern was Gott in Christus f\u00fcr uns getan hat. Anteil an der Gerechtigkeit Gottes k\u00f6nnen wir allein durch den Glauben erlangen, \u201esola fide\u201c.<\/p>\n<p>Glaube, das ist hier zun\u00e4chst festzuhalten, ist f\u00fcr Luther prim\u00e4r nicht ein F\u00fcr-Wahr-Halten von S\u00e4tzen, sondern eine Existenzweise, in der der Mensch in Gott gr\u00fcndet, sodass er nicht auf seine eigene Leistung vertraut, sondern auf Gott und auf ihn allein. Glaube ist also nicht menschliche Leistung, ein neues Werk, vielleicht einfacher zu vollziehen als manche schwere und belastende Bu\u00df\u00fcbung, wie Luther sie in seiner Zeit im Kloster verrichtet hatte, sondern gerade der Verzicht darauf, auf eigene Leistung zu hoffen. Werke sind nicht schlecht, aber sie k\u00f6nnen nicht gerecht machen, auf sie zu vertrauen ist Unglaube. Glaube entspricht der Existenz des Menschen vor Gott: Offen sein auf ihn, leben mit dem Schwerpunkt in ihm. Unglaube dagegen ist das Zur\u00fcckgekr\u00fcmmt-Sein des Menschen auf sich selbst, seine eigene Leistung und seine S\u00fcnde, die Selbstverschlie\u00dfung und damit die Abwehr gegen Gott. In solcher Haltung verfehlt der Mensch Gott und damit zugleich auch sich selbst. Er bleibt in sich verkr\u00fcppelt. Glaube ist in diesem Verst\u00e4ndnis prim\u00e4r nicht ein intellektuelles F\u00fcr-Wahr-Halten von Dogmen und Katechismus-S\u00e4tzen, sondern er ist die Gesamthaltung des Menschen gegen\u00fcber Gott, zu dem er sagt: Ich glaube Dir, ich glaube an Dich, ich traue Dir und vertraue mich Dir ganz an.<\/p>\n<p>Diese Botschaft von der Rechtfertigung ist nun bei Luther nicht eine in sich stehende Glaubenswahrheit, sondern, wie es in lutherischer Tradition formuliert wurde, der Punkt, mit dem Glaube und Kirche stehen und fallen. \u201eVon diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erden.\u201c Er ist die Mitte des Glaubens, das, was Luther kurzgefasst als \u201edas Evangelium\u201c bezeichnete. Es ist die Botschaft, dass Gott definiert wird als jener, der das Heil des Menschen wirkt. Die Lehre vom Heil, das Gott in Jesus geschenkt hat, wird nun zum systematischen Ansatz, von dem aus die Glaubenslehren insgesamt formuliert werden. Melanchthon hatte es auf die Formel gebracht: \u201eDas hei\u00dft Christus erkennen, seine Wohltaten erkennen, nicht seine Naturen.\u201c Die Lehre von der Rechtfertigung wird zum Konstruktionspunkt der Glaubenslehre als ganzer, sie ist das Kriterium, nach dem alle anderen Lehraussagen und jede kirchliche Ordnung und Struktur sich ausrichten m\u00fcssen beziehungsweise von dem her sie gerichtet werden. Sie ist \u201enicht lediglich ein Teilst\u00fcck der Glaubenslehre, sondern deren kritischer und konstruktiver Inbegriff\u201d, so Gunther Wenz.<\/p>\n<p>In der Anwendung dieses Kriteriums wurden in der Reformation alle Vorstellungen und Praktiken abgewiesen, durch die der Mensch aus eigener Kraft Verdienste erwerben, sich gegen\u00fcber dem Gericht Gottes absichern und sein Heil selbst schaffen m\u00f6chte. Luther war \u00fcberzeugt, dass die r\u00f6mische Kirche nicht allein im Ablasshandel, sondern insgesamt in der Forderung von guten Werken, in der Lehre von der Messe und vom kirchlichen Amt, insbesondere vom Papstamt, die Botschaft von der Rechtfertigung und damit das Evangelium verraten habe. Seine vernichtenden Urteile \u00fcber die Messe als S\u00fchnopfer der Kirche oder vom Papst als Antichrist sind nicht allein verbale Entgleisungen aus der Konfliktsituation oder dem Grobianismus der Zeit heraus zu erkl\u00e4ren, sondern sie sind theologisch ganz pr\u00e4zise gemeint.<\/p>\n<p>Weil Luther in der r\u00f6mischen Kirche das Evangelium preisgegeben, der Werkerei und der Verf\u00fcgung \u00fcber Gott geopfert sah, musste er sich von ihr lossagen. Er war \u00fcberzeugt, dass in ihr den Menschen das Evangelium und damit das Heil verschlossen werde, dass sie die Menschen geradewegs ins Verderben f\u00fchre. Das ist der Ernst der Reformation. Wer dies nicht mitbedenkt und die Reformation allein als Machtkampf, als Streit um \u00e4rgerliche Missst\u00e4nde, als Eitelkeit und Rechthaberei interpretiert, wird dem Geschehen in seiner Tiefe nicht gerecht. Nat\u00fcrlich haben all diese Dinge mitgespielt, in Rom und bei den Bisch\u00f6fen ebenso wie bei den protestierenden Reichsst\u00e4nden. Aber die Auseinandersetzung war dort, wo sie auf den Punkt kam, die Frage um das Heil, um die ewige Seligkeit und um den rechten Weg dazu. Das war die Herausforderung, vor die sich Luther gestellt fand. Und dieses Problem steht auch dann, wenn Missst\u00e4nde \u2013 etwa des Ablassverkaufs \u2013 beseitigt sind.<\/p>\n<p>Von dieser Frage herausgefordert hat die r\u00f6mische Kirche im Konzil von Trient ihre Botschaft von Erl\u00f6sung und Rechtfertigung umschrieben. Das war dringend erforderlich, denn viele Fragen in diesem Problemkreis waren kirchenamtlich ungel\u00f6st und sie wurden in den verschiedenen theologischen Schulen und vor allem durch die kirchliche Praxis sehr unterschiedlich beantwortet. Es bestand Kl\u00e4rungsbedarf. Dabei hat nun auch das Konzil von Trient definiert, dass das Heil des Menschen nicht dessen Verdienst ist, sondern g\u00f6ttliches Geschenk, dass sich der Mensch aus eigener Kraft das Heil nicht verdienen kann, aber auch nicht verdienen muss, sondern dass es ihm geschenkt wird, aus Gnade, ohne unser Verdienst. So formulierte das Konzil im ersten Kanon des Dekrets \u00fcber die Rechtfertigung: \u201eWer sagt, der Mensch k\u00f6nne durch seine Werke, die durch die Kr\u00e4fte der menschlichen Natur oder vermittels der Lehre des Gesetzes getan werden, ohne die g\u00f6ttliche Gnade durch Christus Jesus vor Gott gerechtfertigt werden, der sei ausgeschlossen\u201d.<\/p>\n<p>Diese Aussage richtete sich gegen manche Position, die das Heil allzu sehr an menschliches Tun gebunden hatte und die Vorstellung erweckte, als k\u00f6nne sich der Mensch, jedenfalls in bestimmtem Umfang, selbst von seiner Schuld erl\u00f6sen. Im Umfeld des T\u00fcbinger Theologen Gabriel Biel war die Meinung gel\u00e4ufig, Christus habe Genugtuung geleistet f\u00fcr die Erbs\u00fcnde, f\u00fcr die individuellen Vergehen m\u00fcsse jeder seine eigene Satisfaktion erbringen. Derartige Vorstellungen lie\u00dfen sich f\u00fcr eine Begr\u00fcndung f\u00fcr den Ablass instrumentalisieren, und sie forderten den Widerspruch Luthers heraus. Es ist leider wenig bekannt, dass diese Lehrmeinungen auch durch das Konzil von Trient als mit dem katholischen Glauben unvereinbar zur\u00fcckgewiesen wurden. Der zentrale Einspruch der Reformation richtete sich also gegen eine Praxis und eine sie begr\u00fcndende Lehre von der Erl\u00f6sung, die auch das Tridentiner Konzil abgelehnt hat.<\/p>\n<p>Nochmals das Zitat von Lortz: \u201eLuther rang in sich selbst einen Katholizismus nieder, der nicht katholisch war.\u201c Der evangelische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack hat vor rund hundert Jahren festgestellt, w\u00e4re diese Aussage des Konzils von Trient nicht erst 1547, also ein Jahr nach Luthers Tod formuliert worden, sondern bereits 1517 beim Thesenanschlag als die offizielle kirchliche Lehre und Praxis festgehalten worden, h\u00e4tte die Reform der Kirche im 16. Jahrhundert einen anderen Verlauf genommen.<\/p>\n<p>Doch in den konkreten Ausf\u00fchrungen und in den Konsequenzen dieser Grundaussage gab es Differenzen zwischen Trient und der lutherischen Rechtfertigungslehre, und an ihnen machten sich zahlreiche Lehrverwerfungen fest. Diese Verwerfungen richteten sich nicht gegen die Grundaussage der Rechtfertigungslehre, sondern gegen die aus ihr gezogenen unterschiedlichen Konkretionen. Trient betonte die Anforderung an den Menschen wesentlich st\u00e4rker als die Reformatoren. Letztlich sah man katholischerseites im evangelischen Verst\u00e4ndnis vom Glauben allein eine Entw\u00fcrdigung des Menschen, die Preisgabe seiner Verantwortung und in der Konsequenz jeglicher Ethik und Moral. Evangelischerseits verurteilte man die Betonung von guten Werken im Prozess der Rechtfertigung, wie sie das Konzil von Trient formulierte, als den Versuch des Menschen, sich doch durch eigene Werke das Heil verdienen zu wollen, sich Gott gegen\u00fcber abzusichern und eventuell durch magische Praktiken \u00fcber ihn zu verf\u00fcgen. Die \u00dcbereinstimmung in der Grundaussage der Rechtfertigung schloss also nicht aus, dass in der konkreten theologischen und praktischen Ausgestaltung Differenzen blieben, von denen zumindest manche von beiden Seiten als kirchentrennend erachtet wurden.<\/p>\n<p>Intensive theologische Arbeit im 20. Jahrhundert kam zu dem Ergebnis, dass die Lehrmeinungen und die Praktiken, gegen die sich die Verwerfungen des 16. Jahrhunderts im Rahmen der Lehre von der Rechtfertigung gerichtet hatten, in den heutigen Kirchen nicht mehr vertreten werden, dass sie diese also nicht treffen. In exemplarischer Weise m\u00f6chte ich dies an der Fragestellung Glaube und Werke verdeutlichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Glaube und Werke<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Luther vom Glauben spricht, hat er, wie schon festgestellt, das gesamte Gottesverh\u00e4ltnis des Menschen im Blick. Er hat einen umfassenden Glaubensbegriff, der die gesamte Beziehung des Menschen zu Gott umschlie\u00dft. In dieser Sicht impliziert der Glaube bereits ein von der Liebe gepr\u00e4gtes Tun. Der Glaube, so Luther, \u201einkarniert\u201c sich in Werken der N\u00e4chstenliebe und wenn diese ausbleiben, \u201eist es erwiesen, dass solcher Glaube gar kein Glaube ist\u201c. In der Vorrede zum R\u00f6merbrief in der Deutschen Bibel schreibt Luther sogar: \u201eEs ist ein lebendig, sch\u00e4ftig, t\u00e4tig, m\u00e4chtig Ding um den Glauben, dass es unm\u00f6glich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken.\u201c Werke sind Fr\u00fcchte des Glaubens, dieser kann nicht ohne Werke sein. Im Wort vom Glauben allein sind die Werke immer schon impliziert, keineswegs ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Das Konzil von Trient verwendet einen engeren Glaubensbegriff, der auf das F\u00fcr-Wahr-Halten der Offenbarung und der Lehre der Kirche ausgerichtet ist. Folglich muss Trient sagen, dass solcher Glaube allein nicht rechtfertigen kann, wenn nicht die Werke dazu treten. Es ist eine Trag\u00f6die von kirchengeschichtlichem Ausma\u00df, dass man in dieser Kontroverse von der Reformationszeit bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht gesehen hat, dass man hier unterschiedliche Glaubensbegriffe gegen einander gestellt hat. Das gegenseitige Misstrauen beherrschte im 16. Jahrhundert beide Seiten in einem Ma\u00dfe, dass man nicht mehr zu erkennen vermochte, dass man mit unterschiedlichen Glaubensbegriffen argumentierte und diese als gegenseitig ausschlie\u00dfend verstand, w\u00e4hrend sie in einer langen theologischen Diskussion, die jedenfalls bis auf Augustin zur\u00fcckgeht, nebeneinander standen und ihre Beziehung zu einander eingehend er\u00f6rtert worden war. Otto Hermann Pesch hat geurteilt: Die Kontroverse von Glauben und Werken erweist sich damit als \u201edie \u00fcberfl\u00fcssigste aller Streitfragen.\u201c<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise konnten auch andere Kontroversen \u00fcberwunden werden, die man herk\u00f6mmlicher Weise als kirchentrennend angesehen hatte, etwa im Verh\u00e4ltnis von Schrift und Tradition, von der Realpr\u00e4senz Christi im eucharistischen Brot und Wein, im Verst\u00e4ndnis der Messe als Opfer. Und selbst in den Fragen, die auch in den Gemeinden als kontrovers aufgefasst werden, konnte man feststellen, dass um ihretwillen die Kirchentrennung nicht unabdingbar sei: etwa in der Heiligen- und Marienverehrung, dem Verh\u00e4ltnis von gemeinsamem und besonderem Priestertum und selbst in der Frage nach dem Papst.<\/p>\n<p>Auf dieser Basis haben der Lutherische Weltbund f\u00fcr die evangelischen Kirchen und die r\u00f6misch-katholische Kirche am 31. Oktober 1999 in Augsburg die Gemeinsame Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet. Sie stellten fest, dass die \u00fcberkommenen Verwerfungen in der Lehre von der Rechtfertigung den \u00f6kumenischen Partner nicht \u2013 oder nicht mehr \u2013 treffen und dass bleibende Unterschiede die Kirchen nicht voneinander trennen. \u201eDeshalb sind die lutherische und die r\u00f6misch-katholische Entfaltung des Rechtfertigungsglaubens in ihrer Verschiedenheit offen aufeinander hin\u201c (Nr. 40). \u201eDie in dieser Erkl\u00e4rung vorgelegte Lehre der lutherischen Kirchen wird nicht von den Verurteilungen des Trienter Konzils getroffen. Die Verwerfungen der lutherischen Bekenntnisschriften treffen nicht die in dieser Erkl\u00e4rung vorgelegte Lehre der r\u00f6misch-katholischen Kirche\u201c (Nr. 41).<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wurde in dieser Erkl\u00e4rung auch festgeschrieben, dass die Botschaft von der Rechtfertigung unverzichtbares Kriterium f\u00fcr die gesamte Glaubenslehre und f\u00fcr die kirchliche Praxis darstellt, dass ihr also keine Lehraussage der Kirche und keine ihrer Praktiken und Fr\u00f6mmigkeitsformen widersprechen darf. Die zentrale Botschaft Luthers, das Evangelium von der Rechtfertigung, trennt die Kirchen nicht, wie \u00fcber Jahrhunderte hinweg gelehrt wurde, sondern eint sie. Weil sie nicht nur ein Detailproblem, sondern Kriterium ist, muss sie nun auch auf die Problemstellungen angewandt werden, in denen wir bisher noch keine gemeinsamen Erkl\u00e4rungen unserer Kirchen haben. Ich hoffe sehr, dass die Feiern im R\u00fcckblick auf 500 Jahre Reformation dazu helfen werden, belastende Erinnerungen zu heilen und auch in den heute vielleicht noch offenen Fragen die \u00fcberkommenen Verurteilungen dem Vergessen anheim geben k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Streit um den Ablass &nbsp; Der Ablass, an dem sich Luthers Protest entz\u00fcndete und die Reformation ihren Ausgang nahm, hat eine komplexe Geschichte. Im Hintergrund stand die Vorstellung von der Genugtuung, die f\u00fcr jedes Vergehen erbracht werden muss. 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