{"id":118257,"date":"2026-01-28T15:30:54","date_gmt":"2026-01-28T14:30:54","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118257"},"modified":"2026-01-28T15:38:10","modified_gmt":"2026-01-28T14:38:10","slug":"oekumene-statement-aus-orthodoxer-sicht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/oekumene-statement-aus-orthodoxer-sicht\/","title":{"rendered":"\u00d6kumene &#8211; Statement aus orthodoxer Sicht"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema meines Statements bei dieser Podiumsdiskussion ist, so wie ich es verstehe, konkret der Dialog zwischen den christlichen Kirchen. Diesen Dialog k\u00f6nnen wir nur wirklich sch\u00e4tzen, wenn wir uns die Geschichte anschauen und sehen, was vor dem Beginn des Dialogs passierte.<\/p>\n<p>Seit dem Gro\u00dfen Schisma des 11. Jahrhunderts und ein ganzes Jahrtausend lang bleibt das Christentum gespalten. F\u00fcr eine lange Zeit bedeutete diese Spaltung nicht nur die Entstehung einer Vielfalt von Konfessionen, sondern auch &#8211; leider &#8211; Polemik und Konfrontation. Folglich erschien an erster Stelle ein defensiver und apologetischer Konfessionalismus, wobei wir genau definieren sollten, was wir damit meinen. Wenn wir von \u201eKonfessionalismus\u201c reden, deuten wir an, dass wir uns selbst, unsere Identit\u00e4t, in Gegensatz zu einem Anderen bestimmen. In diesem Geist der Opposition lie\u00dfen die christlichen Konfessionen im zweiten Jahrtausend Dokumente entstehen, die ihre besonderen Identit\u00e4ten kennzeichneten. Dies war besonders der Fall bei den orthodoxen konfessionellen Dokumenten des 17. Jahrhunderts; die verschiedenen orthodoxen Bekenntnisse entstanden damals dadurch, dass man von den Protestanten Argumente gegen die Katholiken entlieh und umgekehrt. Da diese Dokumente letztendlich einen bestimmten Anderen widerlegten, entwickelte sich eine polemische Psychologie in dieser Zeit, als die verschiedenen r\u00f6misch-katholischen und protestantischen Missionare in den orthodoxen L\u00e4ndern arbeiteten und daher den Widerstand der Orthodoxen provozierten. So sind wir in eine polemische Situation geraten, eine Situation von Krieg zwischen Christen, zwischen uns Christen. Im Namen Christi k\u00e4mpften wir gegeneinander.<\/p>\n<p>Das andere ungl\u00fcckliche Ergebnis dieser Situation lag darin, dass die verschiedenen Konfessionen ein Gef\u00fchl von Selbstgen\u00fcgsamkeit entwickelten. Sie glaubten n\u00e4mlich, dass sie die F\u00fclle der Wahrheit besitzen, und dass sie keines Kontaktes und keines Gespr\u00e4chs mit den anderen Christen \u00fcberhaupt bed\u00fcrfen. Dieses Gef\u00fchl von Selbstgen\u00fcgsamkeit war so stark, dass wir ihm bis heute begegnen, insbesondere zwischen denjenigen Orthodoxen, die sich stark gegen jeglichen Dialog mit den anderen Christen widersetzen. Solange wir die F\u00fclle der Wahrheit besitzen, behaupten sie, m\u00fcssen die Anderen blo\u00df zu uns zur\u00fcckkehren. Diese Position vertrat aber auch die R\u00f6misch-Katholische Kirche bis zum II. Vatikanischen Konzil. Sie z\u00f6gerte, an der \u00f6kumenischen Bewegung teilzunehmen. Dieses Z\u00f6gern war gerade von jenem Gef\u00fchl der Selbstgen\u00fcgsamkeit diktiert: Wir sind die Kirche, und alle anderen sollen zu uns zur\u00fcckkehren. In diesem Fall gibt es keinen Dialogbedarf.<\/p>\n<p>Dies war, nat\u00fcrlich, etwas sehr Negatives: Obwohl wir berechtigt sind zu glauben, dass unsere Kirche der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche treu ist, d\u00fcrfen wir die M\u00f6glichkeit nicht ausschlie\u00dfen, dass vielleicht auch die anderen etwas haben, das sie uns geben k\u00f6nnen, und dass wir ihnen deswegen zuh\u00f6ren sollten. Die \u00f6kumenische Bewegung entstand als Reaktion auf diese Situation. Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat die R\u00f6misch-Katholische Kirche die Entscheidung getroffen, in die \u00f6kumenische Bewegung einzutreten. Daher hat sich die Lage ge\u00e4ndert und so trat das hervor, was wir Dialog nennen. Der Dialog ist aus dieser neuen Situation geboren. Er ersetzte nicht nur die Polemik, sondern auch das, was wir als friedliche Ko-Existenz, Toleranz, bezeichnen. Toleranz bedeutet, dass die anderen existieren, mit uns existieren d\u00fcrfen, allerdings haben sie nichts, was sie uns geben k\u00f6nnten. So etwas ist aber nicht wirklich das Wesen des Dialogs. Dialog bedeutet, dass Du dem Anderen zuh\u00f6rst, w\u00e4hrend Du Deine eigenen \u00dcberzeugungen beh\u00e4ltst.<\/p>\n<p>Du glaubst weiter, dass Du der Wahrheit treu bist, aber im gleichen Moment h\u00f6rst Du dem Anderen zu und bist bereit das, was der Bruder glaubt, ernst zu nehmen. In dieser Beziehung, in Respekt und Liebe f\u00fcr Deinen Bruder, gehst Du zusammen mit ihm in Richtung Wahrheit. Der Dialog steht also nicht gegen die Wahrheit; er stellt keine Relativierung der Wahrheit dar. Er ist nicht so etwas wie Verhandlungen. In den Verhandlungen opferst Du etwas, um etwas anderes zu gewinnen. Nicht so im Dialog. Der Dialog wird auf der Annahme aufgebaut, dass der Andere auf dieselbe Tradition, wenn auch aus einer anderen Perspektive hinschaut, und dass Du versuchst, durch das Gespr\u00e4ch einen gemeinsamen Grund auf der Basis der Bibel und der Tradition der ungetrennten Kirche zu erreichen. Daher gilt es als Charakteristikum der Dialoge, dass sie eine bestimmte Art des Verstehens und des Interpretierens der Tradition etablieren; der Tradition, die wir einmal gemeinsam teilten. Zumindest ist dies die Position, die die Orthodoxe Kirche \u00fcber die Dialoge mit anderen Christen eingenommen hat. Aus der Sicht der Orthodoxen Kirche sind die Dialoge mit den Nicht-Orthodoxen auf der Annahme gegr\u00fcndet, dass es eine gemeinsame Tradition gibt oder gab, und dass diese gemeinsame Tradition wiederentdeckt werden soll.<\/p>\n<p>Mit diesem Hintergrund sind wir nun in eine \u00c4ra eingetreten, die als \u00c4ra des Dialogs bezeichnet werden darf, als die dialogische \u00c4ra. Als die R\u00f6misch-Katholische Kirche in diese \u00c4ra durch das II. Vatikanum eingetreten ist, haben sich alle Christen in bilateralen Dialogen zwischen den verschiedenen Traditionen, Kirchen oder Konfessionen involviert. Die Orthodoxen legen besondere Bedeutung auf den Dialog mit den Katholiken, mit denen sie im ersten Jahrtausend vereint waren. Nat\u00fcrlich ist auch der Dialog mit den Protestanten sehr wichtig, aber, geschichtlich betrachtet, ist die Reformation ein Ph\u00e4nomen des zweiten Jahrtausends. Die Frage lautet, wie wir alle, Protestanten, Katholiken und Orthodoxe, vereint werden k\u00f6nnten in der Tradition, die einmal uns allen gemeinsam war.<\/p>\n<p>Der Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen wurde offiziell 1980 initiiert. Er fing mit den Themen an, die die zwei Seiten einen, und nicht mit denjenigen, die sie von einander trennen. Dies bedeutete eine Abweichung vom Geist der Konfrontation und der Polemik. Und dieser neue Zugang, n\u00e4mlich mit dem zu beginnen, was uns eint, und sich dann allm\u00e4hlich den Problemen anzun\u00e4hern, die uns trennen, erwies sich, meine ich, als sehr konstruktiv im Fall des R\u00f6misch-Katholisch-Orthodoxen Dialogs. Wir haben sehr wichtige Dokumente produziert, und sogar zuerst in dieser konkreten Stadt: Ich meine das Dokument von M\u00fcnchen (1982), bei dem es darum ging, wie die zwei Gespr\u00e4chspartner das Mysterium der Kirche in seiner Beziehung zur Heiligen Dreieinigkeit betrachten und sogar in Bezug auf die Erfahrung dessen, was wir gemeinsam haben \u2013 und das ist die Eucharistie der Kirche.<\/p>\n<p>Die Beziehung der Kirche zur Heiligen Dreieinigkeit und zur Eucharistie war das erste Thema, das zeigte, dass die beiden Seiten viel gemeinsam haben. Ins Licht des Gemeinsamen sollen wir unsere Unterschiede stellen. Ich denke, dass sich diese Methode als besonders konstruktiv erwiesen hat, und ihr folgen wir in diesem Dialog. Nach dem Dokument von M\u00fcnchen\u00a0 haben wir ein Dokument \u00fcber die Kirche und die Sakramente der Kirche verabschiedet, das Dokument von Bari (1985): Wir haben versucht zu finden, was zwischen den Kirchen gemeinsam und was unterschiedlich ist. Und danach kam das Dokument \u00fcber die apostolische Sukzession (Neu Walaam, Finnland 1989). Dann sind wir mit der gleichen Methode weitergegangen zu Themen, wo wir unterschiedlicher Meinung sind. Ein Thema, womit wir uns in diesem Dialog auseinandersetzen mussten, war das Problem der Orientalischen Katholischen Kirchen, der sogenannten Unierten Kirchen. Wegen dieses Themas wurde f\u00fcr eine Weile der Dialog unterbrochen.<\/p>\n<p>Dieser wurde dennoch f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter mit einem Thema fortgesetzt, das uns Jahrhunderte lang getrennt hat, n\u00e4mlich dem Primat des Bischofs von Rom. Nachdem wir einen gemeinsamen Grund mit den vorherigen ekklesiologischen Dokumenten festgelegt haben, haben wir dieses dornige Thema diskutiert. Das Ergebnis war die Verabschiedung des Ravenna-Dokuments (2007), das eine merkw\u00fcrdige Konvergenz zwischen beiden Seiten aufweist. Wir sind alle damit einverstanden, dass der Primat ein wesentlicher Aspekt der Kirche auf allen Ebenen ist: auf der lokalen, der regionalen und der universalen Ebene. Aber wir sind auch damit einverstanden, dass dieser Primat nur im Kontext der Synodalit\u00e4t ausge\u00fcbt werden kann. Und dies war wirklich ein gro\u00dfer Schritt vorw\u00e4rts, ein Schritt von, ich meine, historischer Bedeutung. Nun hat nat\u00fcrlich diese Primatsfrage viele Aspekte, und wir machen noch weiter, in der Hoffnung, dass, indem wir dieser Methode folgen, wir einen Punkt erreichen k\u00f6nnen, an dem dieses Thema, das uns so viele Jahrhunderte trennt, uns endlich einen wird. Diese Hoffnung ist auch auf die sehr ermutigenden Zeichen gegr\u00fcndet, die wir empfangen, wenn wir den heutigen Papst Franziskus h\u00f6ren, der die Bedeutung der Synodalit\u00e4t in seinen Reden und Handlungen hervorhebt. Dies ermutigt mich sehr, und ich hoffe, dass dieses Thema endlich aufh\u00f6ren wird, uns voneinander zu trennen.<\/p>\n<p>Alle diese Bemerkungen zeigen, dass wir weitermachen m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen auf den Dialog bestehen und jegliche Polemik aufgeben. Dies soll unterst\u00fctzt werden durch das, was wir \u201aDialog der Liebe\u2019 nennen, das hei\u00dft, dass die zwei Seiten vorsichtig sein sollen. Man darf den Anderen auf keinen Fall beleidigen. Zwischen Orthodoxen und Katholiken finden regelm\u00e4\u00dfig Gespr\u00e4che statt und alle Probleme, die auftauchen m\u00f6gen, werden besprochen und gel\u00f6st. So unterst\u00fctzt der Geist des Dialogs der Liebe den Dialog der Wahrheit. Das ist sehr ermutigend.<\/p>\n<p>Jetzt, in Bezug auf die anderen Dialoge, meine ich, dass der Fortschritt nicht derselbe ist, weil es scheint, dass sich das Interesse der protestantischen Seite f\u00fcr die Einheit der Kirche in der Wahrheit und in der gemeinsamen Tradition abgeschw\u00e4cht hat. Die Protestanten haben die \u00f6kumenische Bewegung begonnen, sie waren am Anfang enthusiastisch, aber jetzt, glaube ich, dass sie Priorit\u00e4t auf gesellschaftliche Fragen und nicht auf dogmatische Themen legen, und dies macht es jetzt schwierig. Trotzdem haben die Christen keine Alternative\u00a0 zum Dialog. Dies ist der einzige verf\u00fcgbare Weg f\u00fcr die F\u00f6rderung der christlichen Einheit. Und wir sollten darauf bestehen, dass man diesem Weg weiter folgt.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen: Georgios Vlantis<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema meines Statements bei dieser Podiumsdiskussion ist, so wie ich es verstehe, konkret der Dialog zwischen den christlichen Kirchen. Diesen Dialog k\u00f6nnen wir nur wirklich sch\u00e4tzen, wenn wir uns die Geschichte anschauen und sehen, was vor dem Beginn des Dialogs passierte. Seit dem Gro\u00dfen Schisma des 11. 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