{"id":118260,"date":"2026-01-28T15:33:06","date_gmt":"2026-01-28T14:33:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118260"},"modified":"2026-01-28T15:33:06","modified_gmt":"2026-01-28T14:33:06","slug":"oekumene-visionen-aus-reformatorischer-sicht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/oekumene-visionen-aus-reformatorischer-sicht\/","title":{"rendered":"\u00d6kumene &#8211; Visionen aus reformatorischer Sicht"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was verbindet Alt-Rom und Neu-Rom\/Konstantinopel und das viel j\u00fcngere Wittenberg, k\u00f6nnen Sie sich fragen? Auf den ersten Blick wenig, da die reformatorische Bewegung innerhalb der abendl\u00e4ndisch-lateinischen Kirche zun\u00e4chst kaum Ber\u00fchrungen mit Konstantinopel und den \u00f6stlichen Kirchen hatte; sie war in ihrem Kern eine Kontroverse in der westlichen, lateinischen Kirche n\u00f6rdlich der Alpen, die als Ausgangspunkt den Protest des Wittenberger Priesterm\u00f6nchs und Professors Martinus um das mittelalterliche Ablasswesen hatte und sehr bald zum grunds\u00e4tzlichen Dissens um die Autorit\u00e4tsfrage in der Kirche wurde. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick: Denn die Wittenberger, zuerst Luther bei der Disputation in Leipzig 1519 und dann vor allem Philipp Melanchthon und die Theologen aus meiner Heimat in Siebenb\u00fcrgen, suchten sehr schnell den Kontakt nach Konstantinopel, um mitten in der konfessionell-polemischen Kontroverse in der lateinischen Kirche der griechischen, der orthodoxen Kirche darzulegen, dass Wittenberg nichts Neues einzuf\u00fchren gedachte.<\/p>\n<p>Sie, verehrter Metropolit Ioannis, haben in Ihrer Rede heute dankenswerterweise darauf verwiesen: \u201eOrthodox Theology \u2026 must also listen to the voice of the Reformation.\u201c Die fr\u00fche \u00f6kumenische Bewegung im 20. Jahrhundert ist, auch als Frucht der im 19. Jahrhundert aufbl\u00fchenden Bibellesebewegung, im Kontext reformatorisch gepr\u00e4gten Christentums, vor allem in den angels\u00e4chsischen Kirchen entstanden. Die Geburtsorte der \u00f6kumenischen Bewegung \u2013 wenn ich das verk\u00fcrzt sagen darf \u2013 sind weder Wittenberg noch Rom, sondern St\u00e4dte in England, den Niederlanden und die Missionsgebiete in Asien und Afrika. Weniger bekannt ist, dass das \u00d6kumenische Patriarchat schon am 20. Januar 1920 einen Brief an alle Kirchen, wo immer sie sein m\u00f6gen, schrieb, in dem es die Kirchen aufforderte, trotz der bestehenden Lehrunterschiede, einen Bund zum gegenseitigen Beistand zu schaffen auf Proselytismus untereinander zu verzichten und die Gemeinschaft des Handelns zu suchen.<\/p>\n<p>Diese Freundschaft und dieses Wohlwollen f\u00fcreinander k\u00f6nne in folgender Weise im Einzelnen bezeugt werden:<\/p>\n<ul>\n<li>durch die Annahme eines einheitlichen Kalenders zur gleichzeitigen Begehung der gro\u00dfen christlichen Feste durch alle Kirchen;<\/li>\n<li>durch den Austausch br\u00fcderlicher Briefe zu den gro\u00dfen Festen des Kirchenjahres, an denen das \u00fcblich ist, und bei au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ereignissen;<\/li>\n<li>durch vertrautere Beziehungen zwischen den Vertretern der verschiedenen Kirchen in aller Welt;<\/li>\n<li>durch Beziehungen zwischen den theologischen Schulen und den Vertretern der theologischen Wissenschaft und durch Austausch theologisch-kirchlicher Zeitschriften und Werke, die in den einzelnen Kirchen ver\u00f6ffentlicht werden;<\/li>\n<li>durch Studentenaustausch zwischen den geistlichen Schulen der einzelnen Kirchen;<\/li>\n<li>durch Einberufung allchristlicher Konferenzen f\u00fcr Fragen von gemeinsamem Interesse;<\/li>\n<li>durch unparteiische und in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe historische Pr\u00fcfung der dogmatischen Unterschiede, vom Katheder aus wie auch in theologischen Abhandlungen;<\/li>\n<li>durch gegenseitige Achtung der Sitten und Gebr\u00e4uche einer jeden Kirche;<\/li>\n<li>durch gegenseitige Erlaubnis, Kapellen und Friedh\u00f6fe zur Beisetzung und Beerdigung von im Ausland verstorbenen Angeh\u00f6rigen eines anderen Bekenntnisses zu benutzen;<\/li>\n<li>durch ein \u00dcbereinkommen \u00fcber die Mischehen zwischen Angeh\u00f6rigen verschiedener Konfessionen;<\/li>\n<li>schlie\u00dflich durch gegenseitige Unterst\u00fctzung der Kirchen in der Arbeit des religi\u00f6sen Aufbaus, der Liebest\u00e4tigkeit und dergleichen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Solch ein offener und lebendiger Austausch zwischen den Kirchen sei wertvoll und n\u00fctzlich f\u00fcr den ganzen Leib der Kirche. Denn Gefahren aller Art bedrohten nicht mehr nur diese oder jene Teilkirche, sondern die Kirche in ihrer Gesamtheit, da die tiefste Wurzel des christlichen Glaubens und der gesamte Aufbau christlichen Lebens und christlicher Gemeinschaft angegriffen seien.<\/p>\n<p>Weiter schreibt Metropolit Dorotheos, als Verweser des \u00d6kumenischen Patriarchats: Aus allen diesen Gr\u00fcnden und in dem sehnlichen Wunsch, dass die anderen Kirchen unsere oben angef\u00fchrten Gedanken und Meinungen \u00fcber die Notwendigkeit eines solchen Kontakts und solcher Gemeinschaft zwischen den Kirchen \u2013 wenigstens als einen Anfang \u2013 teilen, bitten wir eine jede Kirche in aller Welt, uns ihr Urteil und Denken hier\u00fcber bekanntzugeben, sodass wir, nachdem wir durch gemeinsame Einwilligung und Entscheidung das Werk abgesteckt haben, auch zusammen sicheren Schrittes zu seiner Verwirklichung schreiten k\u00f6nnen und so \u201eWahrheit \u00fcbend in Liebe wachsen in allen St\u00fccken an dem, der das Haupt ist, Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammengef\u00fcgt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke, wodurch eins dem anderen Handreichungen tut \u2013 nach dem Werk eines jeden Gliedes in seinem Ma\u00dfe \u2013 und macht, dass der Leib w\u00e4chst zu seiner Auferbauung in der Liebe\u201c (Eph 4,15f.).<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, wenn man es holzschnittartig formuliert, so ist in dem Dreieck Konstantinopel, Rom und Wittenberg, die ja an sich sehr unterschiedlich sind, sicherlich eher Konstantinopel einer der zentralen Orte, der die \u00f6kumenische Bewegung des vergangenen Jahrhunderts wesentlich mit unterst\u00fctzt und initiiert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die reformatorische Bewegung, wie sie sich schlie\u00dflich vor 500 Jahren in Wittenberg an der dortigen Universit\u00e4t zu Wort meldete, hat vielf\u00e4ltige Dimensionen, die wir hier heute Abend sicher nicht in der Tiefe reflektieren k\u00f6nnen. Meines Erachtens ist im Blick auf die bestehenden Feierlichkeiten zum 500-j\u00e4hrigen Gedenken des Thesenanschlags des Augustinerm\u00f6nchs Dr. Martin Luther entscheidend, dass wir das gemeinsame Zeugnis des Glaubens und die Konsequenzen des Glaubens an Jesus Christus, unseren Herrn und Gott, in dem gegenw\u00e4rtigen postmodern-s\u00e4kularen Kontext artikulieren und formulieren.<\/p>\n<p>Ich bin daher sehr dankbar, dass die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz durch den Briefwechsel zwischen Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx die bevorstehenden Feierlichkeiten in Deutschland unter \u00f6kumenischen Horizont begangen werden, n\u00e4mlich als Christusfest. Dass am Fest der Kreuzerh\u00f6hung am 14. September ein \u00f6kumenischer Gottesdienst gefeiert werden soll, zeigt, dass wir auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision (so die Studie von \u201eFaith and Order\u201c) in Deutschland weitergehen.<\/p>\n<p>Das zwischen den Kirchen Selbstverst\u00e4ndliche stellt uns in einer s\u00e4kularen, manche sagen postmodernen Gesellschaft vor ganz neue Fragen. Die \u00d6kumenische Bewegung, wie sie sich dann in den verschiedenen Formen und in den vielen Textgestalten niedergeschlagen hat, steht, das kann ich als Regionalbischof aus Ost- beziehungsweise Mitteldeutschland nur erinnern, gegenw\u00e4rtig vor ganz anderen Herausforderungen; n\u00e4mlich einer sogenannten \u201e\u00d6kumene der dritten Art\u201c. Diese vom katholischen Ordinarius an der Erfurter Universit\u00e4t, Eberhard Tiefensee, konstatierte \u201e\u00d6kumene der dritten Art\u201c meint die \u00d6kumene der Religions- und Konfessionslosen sowie der religi\u00f6s Desinteressierten und stellt alle Christen, aber ebenso Juden und Muslime sowie Menschen anderer Religionen vor ganz neue Fragen.<\/p>\n<p>Die religi\u00f6s indifferenten Menschen sind in dem Sprengel, wo ich meinen bisch\u00f6flichen Dienst versehe, die absolute Mehrheit, und ihre Kultur pr\u00e4gt ohne jeden Zweifel auch Christen und Kirchen, die als stabile, aber kleine Minderheit in der Diaspora zwischen Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Berlin und Magdeburg leben. F\u00fcr die religi\u00f6s Indifferenten ist die Gottesfrage lebensweltlich faktisch irrelevant, und wir wissen als Kirchen und auch als evangelische Theologen meines Erachtens noch sehr wenig \u00fcber den Nicht-Glauben derer, die vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Wie k\u00f6nnen wir diese Mitmenschen in die Gemeinschaft der Getauften einladen, beziehungsweise wie und an welchen Orten begegnen wir ihnen, um mit ihnen das Mysterium der Menschwerdung Gottes in Christus feiern zu k\u00f6nnen? Ich will an dieser Stelle einen Aspekt vertiefen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die reformatorische Bewegung, wie sie sich als Konflikt- und Differenzbewegung innerhalb der abendl\u00e4ndischen Kirche n\u00f6rdlich der Alpen etablierte und als deren Protagonisten in Wittenberg Luther und Melanchthon, wahrgenommen wurden, fasst ihr Bekenntnis unter dem Schlagwort \u201eSolus Christus\u201c zusammen. Solus Christus \u2013 Christus allein: als Schl\u00fcssel f\u00fcr das Leben und Zeugnis der Getauften in dieser Welt. Ich bin sehr dankbar, dass unser geehrter Metropolit Ioannis in seinem Lebenswerk einen Aspekt des Kirche-Seins herausgearbeitet hat, der gerade f\u00fcr die lutherische Kirche des Augsburger Bekenntnisses zum wichtigen hermeneutischen Schl\u00fcssel wurde, n\u00e4mlich die eucharistische Ekklesiologie, wie sie Professor Zizioulas in seinen Vorlesungen zur christlichen Dogmatik formuliert hat.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erinnere ich mich mit Freude an die Vorlesungen hier in M\u00fcnchen und dann in Erlangen, wo im Rahmen der ostkirchlichen Veranstaltung die Arbeiten von Professor Zizioulas vorgestellt worden waren. Er hat zu Fragen der einen und der vielen Kirchen sowie der Einheit der Kirchen zun\u00e4chst einmal betont, dass die Einheit der Kirche nicht nur als eucharistische im Heiligen Abendmahl, sondern in Einheit von Glaube, Liebe, Taufe und Heiligung sei.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich selber war es eine zentrale theologische Lekt\u00fcre der Arbeiten von Professor Zizioulas, dass er betont, dass die im Herrenmahl versammelte Gemeinschaft am jeweiligen Ort in dem Mahl des Herrn die ganze Kirche ist, als sie sich n\u00e4mlich bei Christus ganz gegenw\u00e4rtig schenkt und pr\u00e4sent ist. Christus kann nicht geteilt werden durch Geografie, sondern er vereinigt in sich alle Orte in dieser Welt, und obwohl das Heilige Mahl in verschiedenen St\u00e4dten und Orten weit voneinander entfernt gefeiert wird, gibt es nicht mehrere \u201eChristusse\u201c oder Christuspr\u00e4senzen. Die Feier des heiligen Abendmahls \u201egarantiert\u201c gewisserma\u00dfen, ja sie versinnbildlicht die Einheit der Kirche, weil sie eine eucharistische Einheit zwischen Gott und Mensch ist. Jede Kirche, die das Heilige Abendmahl stiftungsgem\u00e4\u00df feiert, feiert die Gegenwart des auferstandenen Christus ganz an diesem Ort.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft also, dass die einzelnen Kirchen nicht Fraktionen Christi sind, sondern dass Christus im Mahl ganz gegenw\u00e4rtig und damit auch die Kirche Jesu Christi ganz gegenw\u00e4rtig ist. Gewiss gibt es an diesem Punkt gerade zwischen der reformatorisch-lutherischen Theologie und der orthodoxen Theologie einer eucharistischen Ekklesiologie eine ganze Reihe sehr enger Ber\u00fchrungspunkte. F\u00fcr Lutheraner ist gerade der pr\u00e4sentisch-eschatologische Aspekt der Eucharistie, wie ihn der Geehrte herausgearbeitet hat, eine wichtige Frucht der \u00f6kumenischen Dialoge mit der Orthodoxen Kirche. 2006 konnten in Bratislava im Dialog zwischen dem Lutherischen Weltbund und allen Orthodoxen Kirchen der sieben \u00d6kumenischen Konzile bekannt werden: Gemeinsam werde die eschatologische Dimension der Eucharistie unterstrichen und deren Bedeutung f\u00fcr \u00d6kologie und soziales Handeln betont. Die Teilnehmenden der 13. Plenartagung der Gemeinsamen lutherisch-orthodoxen Kommission hatten in den jeweiligen Traditionen breite Bereiche der \u00dcbereinstimmung im Blick auf das Verst\u00e4ndnis der Eucharistie im Leben der Kirche festgestellt. Die internationale Dialogkommission nahm auf ihrer Tagung vom 2. bis 9. November 2006 in Bratislava eine Gemeinsame Erkl\u00e4rung zum Thema \u201eDas Mysterium der Kirche: Die Heilige Eucharistie im Leben der Kirche\u201c an. In dieser Erkl\u00e4rung bekennen Orthodoxe wie Lutheraner, dass Christi Leib und Blut mit Brot und Wein geeint werden, um von den Kommunizierenden zu sich genommen zu werden, was sie mit Christus und untereinander vereint.<\/p>\n<p>Eine uns allen gemeinsame Herausforderung in unseren Breiten, aber besonders in Ostdeutschland, so glaube ich, bleibt ein konstruktiver Dialog mit der schwer zu fassenden, aber existenten s\u00e4kularen Konfessionslosigkeit \u2013 der dritten nichtreligi\u00f6sen \u00d6kumene. Sie lieber Metropolit Zizioulas haben uns heute ins Ged\u00e4chtnis geschrieben, dass der Dialog jeden Partner verwandelt \u2013 ein solcher Dialog kann nicht konfessionell, sondern nur gemeinsam christlich sein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Was verbindet Alt-Rom und Neu-Rom\/Konstantinopel und das viel j\u00fcngere Wittenberg, k\u00f6nnen Sie sich fragen? 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