{"id":118262,"date":"2026-01-28T15:41:52","date_gmt":"2026-01-28T14:41:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118262"},"modified":"2026-01-28T15:41:52","modified_gmt":"2026-01-28T14:41:52","slug":"die-oekumenische-situation-heute-aus-katholischer-sicht","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/die-oekumenische-situation-heute-aus-katholischer-sicht\/","title":{"rendered":"Die \u00f6kumenische Situation heute aus katholischer Sicht"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Dankbarer R\u00fcckblick auf die \u00d6kumenische Bewegung<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich auf die vergangenen f\u00fcnfzig Jahre seit dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils und besonders der Promulgation seines Dekrets \u00fcber den \u00d6kumenismus \u201eUnitatis redintegratio\u201c am 21. November 1964 zur\u00fcck blicke, dr\u00e4ngt sich mir ein Wort des Dankes auf. Wir d\u00fcrfen feststellen, wie viel in diesem halben Jahrhundert in \u00f6kumenischer Hinsicht wachsen konnte. An erster Stelle darf die unter den Christen und christlichen Gemeinschaften \u201ewiederentdeckte Br\u00fcderlichkeit\u201c erw\u00e4hnt werden, die der Heilige Papst Johannes Paul II. mit Recht zu den wichtigsten Fr\u00fcchten der \u00f6kumenischen Dialoge gez\u00e4hlt hat. Die zahlreichen Begegnungen, die verschiedenen Gespr\u00e4che und die wechselseitigen Besuche haben ein Netz von geschwisterlichen und freundschaftlichen Beziehungen entstehen lassen, das das tragf\u00e4hige Fundament f\u00fcr die \u00f6kumenischen Dialoge bildet. Solche Dialoge hat die Katholische Kirche in der Zwischenzeit mit beinahe allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften gef\u00fchrt und f\u00fchrt sie weiter, angefangen bei der Assyrischen Kirche des Ostens und den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen wie beispielsweise den Kopten, Armeniern und Syrern, \u00fcber die Orthodoxen Kirchen der byzantinischen und slawischen Tradition \u00fcber die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften wie den Lutheranern und Reformierten und der Anglikanischen Weltgemeinschaft \u00fcber die Altkatholiken und die verschiedenen Freikirchen bis hin zu den evangelikalen und pentekostalen Gemeinschaften, die vor allem im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert enorm gewachsen sind. Aus diesen Dialogen konnten viele positive Fr\u00fcchte geerntet werden. Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass das eigentliche Ziel der \u00d6kumenischen Bewegung, n\u00e4mlich die Wiederherstellung der Einheit der Kirche, beziehungsweise der vollen kirchlichen Gemeinschaft, noch nicht erreicht werden konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00dcberwindung der zwei grossen Kirchenspaltungen<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Dies wird erst der Fall sein, wenn die vielf\u00e4ltigen Spaltungen in der Kirche, die uns von der Geschichte \u00fcberkommen sind, \u00fcberwunden sein werden. Dies gilt vor allem von jenen zwei \u201ebesonderen Kategorien von Spaltungen\u201c, mit denen sich das \u00d6kumenismusdekret in seinem dritten Teil auseinandersetzt und von ihnen sagt, dass durch sie \u201eder nahtlose Leibrock Christi getroffen\u201c wurde, n\u00e4mlich vom Schisma in der Kirche zwischen Ost und West im 11. Jahrhundert und von der Spaltung in der Westkirche im 16. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um grundverschiedene Spaltungen, deren Aufarbeitung in verschiedenen \u00f6kumenischen Dialogen zu geschehen hat und seit vielen Jahrzehnten im Gang ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>\u00dcberwindung der Kirchenspaltung zwischen Ost und West<\/strong><\/h4>\n<p>Was zun\u00e4chst die \u00dcberwindung des Schismas in der Kirche zwischen West und Ost betrifft, darf man es als grossen Schritt der Vers\u00f6hnung w\u00fcrdigen, als am 7. Dezember 1965 in der Kathedrale des Phanar in Konstantinopel und in der Petersbasilika in Rom die gemeinsame Erkl\u00e4rung der h\u00f6chsten Repr\u00e4sentanten der beiden Kirchen verlesen wurde, mit der die beiderseitigen Anathemata von 1054 \u201eaus dem Ged\u00e4chtnis und der Mitte der Kirche entfernt\u201c worden sind, \u201edamit sie f\u00fcr die Wiederann\u00e4herung in der Liebe kein Hindernis mehr darstellen k\u00f6nnen\u201c. Mit diesem Akt ist das Gift der Exkommunikation aus dem Organismus der Kirche gezogen und das \u201eSymbol der Spaltung\u201c durch das \u201eSymbol der Liebe\u201c ersetzt worden, so 1982 der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in seinem Buch <em>Rom und die Kirchen des Ostens nach der Aufhebung der Exkommunikationen von 1054, Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie. <\/em>Diese Wiederann\u00e4herung ist zum Ausgangspunkt f\u00fcr den \u00f6kumenischen Dialog der Liebe und der Wahrheit geworden. Der theologische Dialog, der in der Internationalen Gemischten Kommission gef\u00fchrt wird, hat zun\u00e4chst verheissungsvoll begonnen, weil er sich in den Jahren zwischen 1980 und 1990 zun\u00e4chst auf jene Glaubensfragen konzentrieren konnte, die der Orthodoxie und der Katholischen Kirche gemeinsam sind. Nach einer schwierigen Phase, die im Jahre 2000 zum Abbruch der Kommissionsarbeit gef\u00fchrt hat, und nach ihrer Wiederaufnahme im Jahre 2006 steht die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen Synodalit\u00e4t und Primat mit ihrer gegenseitigen Interdependenz im Mittelpunkt des Dialogs.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig ist es zwar noch unabsehbar, wann bei dieser Frage ein weiterf\u00fchrender Konsens erreicht werden kann. Da Orthodoxe und Katholiken unter allen christlichen Kirchen einander am n\u00e4chsten stehen, sind sie aber in besonderer Weise verpflichtet, die eine und ungeteilte Kirche in Ost und West wieder herzustellen und sie in der eucharistischen Gemeinschaft zu bekr\u00e4ftigen. Denn die wieder erwachte kirchliche Liebe muss in die eucharistische Agape m\u00fcnden, wie dies vor f\u00fcnfzig Jahren der \u00d6kumenische Patriarch Athenagoras mit von Leidenschaft gepr\u00e4gten Worten ausgesprochen hat: \u201eDie Stunde des christlichen Mutes ist gekommen. Wir lieben einander; wir bekennen den gleichen gemeinsamen Glauben; machen wir uns zusammen auf den Weg vor die Herrlichkeit des gemeinsamen heiligen Altars.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>\u00dcberwindung der westlichen Kirchenspaltung<\/strong><\/h4>\n<p>Was die \u00dcberwindung der Spaltung in der Westkirche im 16. Jahrhundert betrifft, konnte vor allem im \u00f6kumenischen Dialog mit den Lutheranern mit der \u201eGemeinsamen Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre\u201c vom 31. Oktober 1999 in Augsburg ein weitgehender Konsens bei der wohl zentralsten Frage, die im 16. Jahrhundert zur Reformation und anschliessend zur Kirchenspaltung gef\u00fchrt hat, erzielt werden. Doch die Erkl\u00e4rung h\u00e4lt selbst fest, dass damit die ekklesiologischen Konsequenzen dieses \u201edifferenzierten Konsenses\u201c noch keineswegs gekl\u00e4rt sind. Die Kl\u00e4rung des Kirchenverst\u00e4ndnisses geh\u00f6rt deshalb zu den Haupttraktanden im \u00f6kumenischen Dialog mit den aus der Reformation hervor gegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Diese Kl\u00e4rung k\u00f6nnte und sollte eine k\u00fcnftige \u2013 zur Gemeinsamen Erkl\u00e4rung \u00fcber die Rechtfertigungslehre analoge \u2013 Gemeinsame Erkl\u00e4rung \u00fcber Kirche, Eucharistie und Amt vorbereiten. Dies w\u00e4re gewiss ein entscheidender Schritt auf dem Weg auf die sichtbare Kirchengemeinschaft hin.<\/p>\n<p>Eine \u00f6kumenische Kl\u00e4rung des Kirchenverst\u00e4ndnisses dr\u00e4ngt sich auch im Blick auf das im Jahre 2017 bevorstehende Reformationsgedenken auf. Wenn es in \u00f6kumenischer Gemeinschaft in ehrlicher Weise begangen werden soll, m\u00fcssen sich Katholiken und Lutheraner die Frage stellen, wie sie, die \u00f6kumenischen Partner f\u00fcr sich und gemeinsam, die Reformation heute betrachten: nach wie vor, wie in der Vergangenheit \u00fcblich, als Bruch mit der bisherigen Tradition der Christenheit, mit dem etwas Neues begonnen hat, oder in einer bleibenden Kontinuit\u00e4t mit der gesamten Tradition der universalen Kirche.<\/p>\n<p>Diese R\u00fcckfrage entspricht auch dem eigentlichen Anliegen der Reformation vor allem von Martin Luther, dem es um eine durchgreifende und umfassende Reform im Sinne der Erneuerung der ganzen Kirche und gerade nicht um eine Reformation im Sinne der mit ihr schliesslich zerbrochenen Einheit der Kirche und des Entstehens von neuen reformatorischen Kirchen gegangen ist, wie der evangelische \u00d6kumeniker Wolfhart Pannenberg pointiert festgestellt hat: \u201eLuther wollte eine Reformation der Gesamtchristenheit; sein Ziel war alles andere als eine lutherische Sonderkirche.\u201c Dies bedeutet, dass es bei der \u00f6kumenischen Suche nach der Einheit der Kirche um die Vollendung des zentralen Anliegens der Reformation selbst geht. Von daher ist zu hoffen, dass das Reformationsgedenken als willkommene Gelegenheit wahrgenommen wird, mutige Schritte auf dem Weg zur Einheit zu wagen. Von diesem Anliegen ist das von der Lutherisch \/ R\u00f6misch-Katholischen Kommission f\u00fcr die Einheit im Blick auf ein gemeinsames Reformationsgedenken ver\u00f6ffentlichte Dokument \u201eFrom Conflict to Communion\u201c getragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Neuere Entwicklungen in der \u00f6kumenischen Situation<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Reformationsgedenken bietet sich als Zwischenhalt an, bei dem wir uns dar\u00fcber zu vergewissern haben, wie die bisherigen \u00f6kumenischen Dialoge f\u00fcr weitere Schritte auf die Einheit hin fruchtbar gemacht werden k\u00f6nnen. Eine solche Rechenschaft erweist sich aber nur als m\u00f6glich, wenn wir unseren Blick auch auf jene gravierenden Ver\u00e4nderungen richten, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in der \u00f6kumenischen Situation eingestellt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Strittigkeit des \u00f6kumenischen Ziels<\/strong><\/h4>\n<p>An erster Stelle dr\u00e4ngt sich das Urteil auf, dass das Ziel der \u00d6kumenischen Bewegung im Laufe der Zeit immer undeutlicher geworden ist und kaum mehr ein Konsens dar\u00fcber besteht, was unter der wiederzugewinnenden Einheit der Kirche zu verstehen ist. Die katholische Kirche wie auch die Orthodoxie verstehen die Einheit der Kirche als sichtbare Einheit im Glauben, im sakramentalen Leben und in den kirchlichen \u00c4mtern. Demgegen\u00fcber haben nicht wenige der aus der Reformation hervor gegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften diese urspr\u00fcnglich gemeinsame Einheitsvorstellung weitgehend zugunsten des Postulats der gegenseitigen Anerkennung der verschiedenen kirchlichen Realit\u00e4ten als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Jesu Christi aufgegeben.<\/p>\n<p>Diese protestantische Einheitsvorstellung hat ihren deutlichsten Ausdruck gefunden in der im Jahre 1973 abgeschlossenen Leuenberger Konkordie, die sich bewusst als Gemeinschaft von bekenntnisverschiedenen Kirchen versteht und darin auch das Modell f\u00fcr die \u00f6kumenischen Beziehungen mit den anderen christlichen Kirchen sieht. Diese Sicht der \u00f6kumenischen Einheit ist nochmals zugespitzt worden im \u00f6kumenischen Positionspapier der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Titel \u201eKirchengemeinschaft nach evangelischem Verst\u00e4ndnis\u201c, in dem ausdr\u00fccklich festgehalten ist, dieses Einheitsmodell sei mit der katholischen Vorstellung von der sichtbaren und vollen Einheit \u201enicht kompatibel\u201c. Noch weitergehend versteht die Evangelische Kirche in Deutschland in ihrem Grundlagentext zum Reformationsgedenken im Jahre 2017 \u201eRechtfertigung und Freiheit\u201c die aus der Reformation hervor gegangenen Kirchen als \u201eTeil der legitimen, weil schrift-konformen Pluralisierung der christlichen Kirchen\u201c, die als willkommene Fernwirkung der Reformation im 16. Jahrhundert ger\u00fchmt wird.<\/p>\n<p>In der Tatsache, dass heute \u00fcber das Ziel der \u00d6kumenischen Bewegung kaum eine wirklich tragf\u00e4hige Verst\u00e4ndigung besteht und fr\u00fchere diesbez\u00fcgliche Teilkonsense wieder in Frage gestellt worden sind, muss man das Grundproblem in der \u00f6kumenischen Situation heute erblicken. Denn es besteht die Gefahr, dass die verschiedenen Kirchen in unterschiedlicher Richtung voran schreiten und dann entdecken m\u00fcssen, dass sie sich noch weiter als bisher voneinander entfernt haben. Von daher legt sich eine gemeinsame R\u00fcckbesinnung darauf nahe, wohin denn die \u00f6kumenische Reise gehen soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>\u00d6kumenische Kontroversen in der Ethik<\/strong><\/h4>\n<p>Eine zweite gravierende Ver\u00e4nderung in der \u00f6kumenischen Situation besteht darin, dass in den vergangenen Jahrzehnten massive Spannungen und Divergenzen im Bereich der Ethik aufgetreten sind, und zwar vor allem bei bioethischen und sozialethischen Fragestellungen und bei den Fragen von Ehe, Familie und Sexualit\u00e4t mit dem Vorzeichen des Gender-Mainstream. W\u00e4hrend in einer fr\u00fcheren Phase der \u00d6kumenischen Bewegung das Losungswort geheissen hat: \u201eGlaube trennt \u2013 Handeln eint\u201c, trifft heute weithin das Gegenteil zu, dass vor allem die Ethik trennt und der Glaube eint. Denn w\u00e4hrend es in der Vergangenheit teilweise gelungen ist, alte konfessionelle Glaubensgegens\u00e4tze zu \u00fcberwinden oder zumindest Ann\u00e4herungen entgegen zu f\u00fchren, treten heute grosse Unterschiede vor allem bei ethischen Fragen an den Tag. In dieser Entwicklung liegt eine grosse Herausforderung an die christliche \u00d6kumene heute. Denn wenn die christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu den grossen ethischen Fragen der heutigen Zeit nicht mit einer Stimme sprechen k\u00f6nnen, wird die christliche Stimme in den s\u00e4kularisierten Gesellschaften heute immer schw\u00e4cher und schadet dies der Glaubw\u00fcrdigkeit des \u00f6kumenischen Anliegens heute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>Neue \u00f6kumenische Partner<\/strong><\/h4>\n<p>Eine dritte und wahrscheinlich die wesentlichste Ver\u00e4nderung der \u00f6kumenischen Landschaft besteht im Auftreten von neuen Dialogpartnern. Die \u00f6kumenischen Begegnungen finden heute nicht mehr nur zwischen den historischen Grosskirchen statt, sondern auch mit den zahlreichen Freikirchen. Von besonderer Bedeutung sind das rapide und zahlenm\u00e4ssig starke Anwachsen von evangelikalen und charismatischen Gruppierungen und vor allem das atemberaubende Wachstum von Pfingstkirchen und pentekostalen Bewegungen in der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re, in der Zwischenzeit aber auch in den anderen Kontinenten. Sie bilden heute zahlenm\u00e4ssig die zweitgr\u00f6sste christliche Gemeinschaft nach der R\u00f6misch-katholischen Kirche. Es handelt sich dabei um ein derart expandierendes Ph\u00e4nomen, dass man von einer derzeitigen Pentekostalisierung des Christentums reden muss oder geneigt sein kann, in ihm eine vierte Gestalt des Christseins wahrzunehmen, n\u00e4mlich neben den Orthodoxen und Orientalisch Orthodoxen Kirchen, der Katholischen Kirche und den aus der Reformation hervor gegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es versteht sich dabei leicht, dass in den \u00f6kumenischen Dialogen mit diesen neueren Bewegungen andere Traktanden als in den Dialogen mit den historischen Grosskirchen im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt das Ph\u00e4nomen des Pentekostalismus bringt es an den Tag, dass man im R\u00fcckblick auf f\u00fcnfzig Jahre der \u00d6kumenischen Bewegung in der Katholischen Kirche feststellen muss, dass sich in der Zwischenzeit die weltweite Geographie der Christenheit tiefgreifend ver\u00e4ndert hat und die \u00f6kumenische Situation un\u00fcbersichtlicher und keineswegs leichter geworden ist. Ehrlicherweis muss auch eingestanden werden, dass das Ziel der \u00d6kumenischen Bewegung, n\u00e4mlich die Wiederherstellung der Einheit der Kirche, nicht erreicht worden ist und offensichtlich sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, als in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils angenommen worden ist. Dieser gravierende Wandel kann aber kein Grund zur Resignation sein. Denn es gibt zur \u00d6kumene schlechterdings keine Alternative: Sie entspringt dem Willen des Herrn, sie entspricht seinem Hohepriesterlichen Gebet um die Einheit, und sie ist um der Glaubw\u00fcrdigkeit des christlichen Glaubens in der heutigen Welt willen dringend Not-wendend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u00d6kumene der M\u00e4rtyrer als existenzieller Ernstfall<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Dies gilt zumal, da die christliche \u00d6kumene eine besondere existenzielle Dringlichkeit in der heutigen Welt erhalten hat, in der mehr Christenverfolgungen als in den ersten Jahrhunderten stattfinden und die Christenheit erneut M\u00e4rtyrerkirche geworden ist. Denn achtzig Prozent aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Der christliche Glaube ist in der heutigen Welt die am meisten verfolgte Religion. Dabei haben heute alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ihre M\u00e4rtyrer. Christen werden heute nicht verfolgt, weil sie katholisch oder orthodox, protestantisch oder pentekostalisch sind, sondern will sie Christen sind. Das Martyrium ist heute \u00f6kumenisch, und man muss von einer eigentlichen \u00d6kumene der M\u00e4rtyrer sprechen.<\/p>\n<p>Bei aller Tragik enth\u00e4lt die \u00d6kumene der M\u00e4rtyrer auch eine sch\u00f6ne Verheissung in sich. Denn die standfesten Glaubenszeugen in allen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften haben gezeigt, wie Gott selbst bei den Glaubenden unter dem h\u00f6chsten Anspruch des mit dem Opfer des eigenen Lebens bezeugten Glaubens die Gemeinschaft auf einer tieferen Ebene aufrecht erh\u00e4lt. W\u00e4hrend wir Christen und Kirchen auf dieser Erde noch in einer unvollkommenen Gemeinschaft zu- und miteinander stehen, leben die M\u00e4rtyrer in der himmlischen Herrlichkeit bereits jetzt in voller und vollendeter Gemeinschaft. Die M\u00e4rtyrer sind, wie der heilige Papst Johannes Paul II. in eindr\u00fccklicher Weise hervorgehoben hat, \u201eder bedeutendste Beweis daf\u00fcr, dass in der Ganzhingabe seiner selbst an die Sache des Evangeliums jedes Element der Spaltung bew\u00e4ltigt und \u00fcberwunden werden kann\u201c. Bei der \u00d6kumene der M\u00e4rtyrer oder, wie Papst Franziskus zu sagen pflegt, bei der \u00d6kumene des Blutes, best\u00e4tigt sich die \u00dcberzeugung der Alten Kirche erneut, die der Kirchenschriftsteller Tertullian mit den Worten ausgesprochen hat, das Blut der M\u00e4rtyrer sei der Same von neuen Christen. So d\u00fcrfen wir auch heute hoffen, dass sich das Blut von so vielen M\u00e4rtyrern unserer Zeit einmal als Same der vollen \u00f6kumenischen Einheit des Leibes Christi erweisen wird.<\/p>\n<p>In der \u00d6kumene der M\u00e4rtyrer d\u00fcrfen wir den innersten Kern allen \u00f6kumenischen Bem\u00fchens um die Einheit der Kirche wahrnehmen, wie ihn Papst Franziskus mit dem einpr\u00e4gsamen Satz zum Ausdruck gebracht hat: \u201eWenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dann dazu, uns im Leben zu trennen?\u201c Darin besteht die kairologisch vordringliche \u00f6kumenische Verantwortung der Christen heute, die wir in \u00f6kumenischer Geistesgegenwart wahrzunehmen haben. Wenn n\u00e4mlich in der \u00d6kumenischen Bewegung der Heilige Geist am Werk ist, w\u00e4re es Kleinglaube, w\u00fcrden wir diesem Geist nicht zutrauen, dass er das, was er verheissungsvoll begonnen hat, auch zu Ende f\u00fchren wird \u2013 freilich so und zu jener Zeit, wie er will.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dankbarer R\u00fcckblick auf die \u00d6kumenische Bewegung \u00a0 Wenn ich auf die vergangenen f\u00fcnfzig Jahre seit dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils und besonders der Promulgation seines Dekrets \u00fcber den \u00d6kumenismus \u201eUnitatis redintegratio\u201c am 21. November 1964 zur\u00fcck blicke, dr\u00e4ngt sich mir ein Wort des Dankes auf. 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