{"id":118269,"date":"2026-01-28T16:21:53","date_gmt":"2026-01-28T15:21:53","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118269"},"modified":"2026-01-28T16:22:31","modified_gmt":"2026-01-28T15:22:31","slug":"gastfreundschaft-die-kunst-der-grenzueberschreitung-erlernen","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/gastfreundschaft-die-kunst-der-grenzueberschreitung-erlernen\/","title":{"rendered":"Gastfreundschaft"},"content":{"rendered":"<h3><strong> Migration als Zeichen der Zeit<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Migration \u2013 ein globales Ph\u00e4nomen.<\/strong> Eines der gro\u00dfen Zeichen der Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Ph\u00e4nomen der glo\u00adbalen Migration. Die Migrationsbewegungen und Fl\u00fcchtlingsproblematik haben in den letzten Jahren an\u00adge\u00adsichts dramatischer politischer Konflikte und wachsender sozialer Probleme \u2013 Ende des letzten Jahrhunderts vor allem in den afri\u00adka\u00adni\u00adschen und asiatischen L\u00e4n\u00addern, in den letz\u00adten Jahren durch Kriege im Nahen Osten und den arabischen L\u00e4ndern, Syrien, Afghani\u00adstan \u2013 immens zuge\u00adnom\u00admen. Der UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees, Ho\u00adher Fl\u00fcchtlingskommissar der Vereinten Natio\u00adnen) z\u00e4hlt f\u00fcr das Jahr 2015 circa 60 Millio\u00ad\u00adnen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und massiven Menschen\u00adrechtsverletzungen geflohen sind oder sich in fl\u00fcchtlings\u00e4hnlichen Situa\u00adtionen befinden. Allein in den letzten vier Jahren hat sich die Zahl vervierfacht. In Deutschland sind im letzten Jahr 2015 insgesamt 1,1 Millio\u00adnen Fl\u00fcchtlinge eingetroffen.<\/p>\n<p>Dabei ist Migration ein Ph\u00e4nomen, das die Weltge\u00adschich\u00adte in ihren un\u00adter\u00adschied\u00ad\u00adlichen Epochen im\u00admer wieder neu gepr\u00e4gt hat. Es wa\u00adren unter\u00adschied\u00adlich\u00adste Beweg\u00adgr\u00fcn\u00adde, die Menschen, gar ganze Volksst\u00e4mme, zum Aufbruch bewegt haben, oft der Mangel an Lebensnot\u00adwendi\u00adgem in der angestammten Heimat. Not, Hun\u00adger, Arbeits\u00adlo\u00adsig\u00adkeit, auch Na\u00adtur\u00adkatastrophen haben die Sehnsucht nach einer \u201eneuen Welt\u201c, einem \u201eEldo\u00adra\u00addo\u201c gen\u00e4hrt und Anlass f\u00fcr einen Auf\u00adbruch gegeben \u2013 eine Suche nach \u201eAn\u00adders-Orten\u201c, neu\u00aden Orten, mit Sehnsucht, Fremdheit, Abenteuer und der Hoffnung auf ein gelingendes Lebens ohne Not und Gewalt belegt. Neu ist heute, dass Mi\u00adgra\u00adtion ein glo\u00adbales Ph\u00e4nomen ist, neu ist vor allem der Zuwachs der Migra\u00adtion in die \u201ealte\u201c Welt, und genau das \u201esch\u00fcttelt\u201c Europa gerade durch und l\u00e4sst es wachwer\u00adden f\u00fcr die Probleme und Herausforderungen einer globalen Weltgesellschaft. W\u00e4h\u00adrend noch in der zweiten H\u00e4lfte des 19. und der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts Ar\u00adbeits\u00admigranten oder poli\u00adtische Fl\u00fcchtlinge Europa ver\u00adlie\u00dfen, wird Europa nun zum Sehn\u00adsuchts\u00adort und zur Zuflucht f\u00fcr viele Men\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adschen \u2013 darunter vor allem junge Menschen und Familien \u2013 aus den von Armut und viel\u00adf\u00e4ltiger Gewalt gezeichneten afrikanischen L\u00e4ndern und den Kriegs\u00adge\u00ad\u00adbieten des Nahen Ostens. Und es \u201ekostet\u201c, diesen Sehnsuchtsort zu erreichen: nicht nur das Geld an Schlepper und Mafia, sogar das Leben, das eigene oder das der Lieben. Die Sehnsucht erf\u00e4hrt Schiffbruch \u2013 vor der S\u00fcdk\u00fcste Italiens, in Sizilien, Lampe\u00addusa, auf Gibraltar, an den Str\u00e4nden der griechischen Inseln, und vielleicht f\u00fcr viele auch sogar dann nach dem Ankommen am Sehn\u00adsuchtsort Deutschland, \u00d6sterreich, D\u00e4nemark oder Schweden.<\/p>\n<p><strong>Der Raum im Fluss und die Grenze.<\/strong> Unsere Zeiten sind \u201ebewegte\u201c Zeiten, von stetem Aufbruch, Ankommen, Verlassen, von Wan\u00ad\u00adderschaft und Reise sind sie gepr\u00e4gt. Vielf\u00e4ltige \u2013 gerade auch widerspr\u00fcchliche und miteinander nicht vereinbare \u2013 \u201eWanderungs\u00adbewegungen\u201c pr\u00e4gen unsere Zeiten: Aufbruch, Bewegung, gewollt oder ungewollt, das Ver\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adlassen von R\u00e4umen, die Suche nach neuen, das ungewisse Schweben in Grenz- und Warte\u00adr\u00e4u\u00admen, die Gewalt der Grenze, der f\u00fcr viele damit verbundene unsichere Status. Gerade die Grenze, die den Raum als Raum definiert, ger\u00e4t dabei auf neue Weise in den Blick \u2013 aus Perspektive derer, die diesseits und jenseits der Grenze leben. Die Grenze wird von Migranten und Migrantinnen immer mehr als gewaltbesetzt erlebt. Die Grenze ist nicht beweglich und durchl\u00e4ssig, es wird viel\u00admehr abg\u00ade\u00adgrenzt, aus\u00adgegrenzt, Grenzen werden ge\u00adschlossen, Grenzmauern hochgezogen. Die Grenze zwischen den USA und Me\u00adxiko ist \u2013 darauf weisen in den USA lebende lateinamerikanische Theologen hin \u2013 zum Symbol f\u00fcr den Graben zwischen dem reichen Nor\u00adden und dem armen S\u00fcden geworden, ein Symbol, das auch auf die Grenzen Europas immer mehr zuzutreffen beginnt.<\/p>\n<p>Die die europ\u00e4ischen L\u00e4nder in den letzten Jahren durcheinander\u00adwirbelnde Migration ist darum kein europ\u00e4isches Problem, sondern eine globale Herausfor\u00adderung, und die gro\u00dfe Frage wird sein, ob auch Europa beginnen wird, Grenzz\u00e4une und -mauern hochzuziehen. Die neuen Grenzerfahrungen in Europa machen die Probleme einer globalisierten Welt deutlich: In Zeiten der Kommunikationsmedien, des regen Austausches von Ka\u00adpital und Bil\u00addungs- und Kul\u00adtur\u00adeliten schei\u00adnen die Welten so nah, und doch sind sie so fern und ein\u00adan\u00adder fremd aus Per\u00adspek\u00adtive all\u2018 derer, die um Lebenschancen k\u00e4mpfen, die keinen Zugang zu Bil\u00addung, Arbeit und Wohlstand haben, deren Traum eines sozialen Auf\u00adstiegs mit der \u00dcber\u00adwin\u00addung der Grenze verbunden ist und deren Hoffnungen \u201eauf der Gren\u00adze\u201c schei\u00adtern.<\/p>\n<p><strong>Grenzerfahrungen und Zwischen-R\u00e4ume.<\/strong> \u201eGrenzerfahrungen\u201c machen aber nicht nur die Fl\u00fcchtlinge. Die Grenze r\u00fcckt auch f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Europas neu ins Bewusstsein. Wir erinnern uns an die Bilder des letzten Herbstes, als an den kleinen bayerischen Grenzd\u00f6rfern M\u00e4nner und Frauen den Fl\u00fccht\u00adlingen Unterkunft und Nahrung gegeben haben. Die Grenze ist zu einem Ort geworden \u2013 einem Anders-Ort, einem Nicht-Ort, einem \u201eZwischen-Raum\u201c \u2013, der auch die R\u00e4ume dies\u00adseits und jenseits der Grenze \u201ein den Fluss\u201c bringt und zu ver\u00e4ndern beginnt. Es entstehen \u201eZwischen-R\u00e4ume\u201c, die uns die \u201eKunst der Grenz\u00fcberschreitung\u201c lehren k\u00f6nnen und die uns helfen k\u00f6nnen, eine neue \u201eHaltung\u201c, ein neues \u201eEthos\u201c der Begegnung mit den Fremden auszubilden in der zusammen\u00adwach\u00adsen\u00adden Welt. Diese \u201eZwischen-R\u00e4ume\u201c, das \u201eDazwi\u00adschensein\u201c beziehungsweise die \u201eIn-betweenness\u201c werden in neuen postkolonialen theologischen An\u00ads\u00e4tzen reflektiert. Die Ausschlussmechanismen, die mit den vielf\u00e4ltigen Grenz\u00aderfahrungen verbunden sind, sind anzuklagen, gleichzeitig ist aber auch zu lernen, wie diese \u201eIn-betweenness\u201c ein kreativer Ort ist, wie sich in den \u201eZwischen-R\u00e4umen\u201c in der empfangenen und gegebenen Gastfreundschaft das Zusammenleben auf neue Weise gestaltet und sich eine neue Haltung des Miteinanders ausbildet.<\/p>\n<p>In der politischen Philo\u00adsophie der letzten Jahrzehnte ist hier das Konzept der \u201eGastfreundschaft\u201c entfaltet worden, um in einer zusammenwachsenden Welt neue Formen eines Miteinanders mit den Frem\u00adden zu finden. Gastfreundschaft kann helfen, die \u201eKunst der Grenz\u00fcberschreitung\u201c zu erlernen. Sie kann helfen, mit den durch die Begeg\u00adnung mit den Fremden bedingten Ver\u00e4n\u00adderungs\u00adprozessen, auch im Blick auf die religi\u00f6se Iden\u00adtit\u00e4t und die Herausforderungen f\u00fcr die Kirchen kreativ umgehen zu lernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Gastfreundschaft &#8211; Tiefendimension einer Begegnung mit dem\/der Fremden<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der deutsch-spanische Lyriker Jos\u00e9 F. A. Oliver, Kind einer Migrantenfamilie der ersten Generation der Arbeitsmigranten in Deutschland in den 1960er Jahren, schreibt in seinem Gedichtband \u201eGastling\u201c die folgenden Zeilen:<\/p>\n<p>ich sah gefaltete h\u00e4nde<br \/>\nzum exil<br \/>\nich sah erbrochene fenster<br \/>\nvor flucht<br \/>\nich sah verbrannte haut<br \/>\nins alibi<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ich sah den regen<br \/>\nsich trommeln<br \/>\neingeweide hin<br \/>\nzur erde<br \/>\nich sah die r\u00fcckkehr<br \/>\nder boten<br \/>\nins eigene geh\u00f6r<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ich sah dies haus<br \/>\nin dem freunde sitzen<br \/>\nnoch nicht<br \/>\num einen tisch<br \/>\nwerden<\/p>\n<p>Was Oliver hier ausdr\u00fcckt, ist sicher Erfahrung der meisten der aus den Kriegsgebieten Syriens Gefl\u00fcchteten und bei uns \u201eGestrandeten\u201c, Erinnerung an Krieg, Flucht, und eingeschrieben in diese Erin\u00adnerungsbilder die Hoffnung, die den Aufbruch erm\u00f6glicht hat, symbolisiert im Bild einer Mahlgemeinschaft, der Gastfreundschaft: \u201eich sah dies haus \/ in dem freunde sitzen \/ noch nicht \/ um einen tisch \/ werden\u201c, eine Gastfreundschaft, die \u201enoch nicht\u201c ist, die aber \u201ewer\u00adden\u201c m\u00f6ge. Im offenen Schluss des Gedichts, im Infinitiv \u201ewerden\u201c schwingt diese Hoffnung mit. Gastfreundschaft, das machen j\u00fcngere Ans\u00e4tze politischer Philosophie deutlich, ist eine \u201eutopische\u201c und \u201ekreative\u201c Metapher f\u00fcr ein gelingendes und gl\u00fcckendes Miteinander, f\u00fcr die Ausgestaltung der politischen Ordnung der Weltgesellschaft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Aristoteles in seiner politischen Philosophie die Gastfreundschaft noch als unvollkommene Gestalt der Freundschaft ansieht, weil diese allein auf den \u201eNutzen\u201c abziele, erh\u00e4lt die Gastfreundschaft in den \u00dcberlegungen Immanuel Kants \u201eZum ewigen Frieden\u201c \u2013 gerade angesichts des \u201einhospitale(n) Betragen(s) der gesitteten, vornehmlich handeltreibenden Staaten unseres Weltteils\u201c \u2013 eine neue Bedeutung. Kant definiert Hospitalit\u00e4t als \u201edas Recht eines Fremd\u00adlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines anderen wegen, von diesem nicht feindselig be\u00adhandelt zu werden\u201c. Er f\u00fchrt \u201eden antiken Gedanken des Kosmopolitismus bzw. Weltb\u00fcr\u00adgertums weiter, indem er als erster dem Fremden ein Recht auf Gastfreundschaft zuerkennt, das \u00fcber eine Ethik des Humanen hinaus juridisch-politische Pflichten einfordert\u201c (Rolf G\u00e4rtner), und darum ist, so Kant, \u201edie Idee eines Weltb\u00fcrgertums keine phantastische und \u00fcberspannte Vorstellungsart des Rechts, sondern eine notwendige Erg\u00e4nzung des ungeschriebenen Kodex, sowohl des Staats- als V\u00f6lkerrechts zum \u00f6ffentlichen Menschenrechte \u00fcberhaupt, und so zum ewigen Frieden, zu dem man sich in der kontinuierlichen Ann\u00e4herung zu befinden nur unter dieser Bedingung schmeicheln darf.\u201c<\/p>\n<p>Die j\u00fcdischen Philosophen Emmanuel L\u00e9vinas und Jacques Derrida werden in ihren politisch-philosophischen \u00dcberlegungen im 20. Jahrhundert \u2013 vor dem Hintergrund des Schreckens des Holocausts und der neuen Migrationsbewegungen aus den arabischen L\u00e4ndern \u2013 auf diesen Gedanken von Kant zur\u00fcckgreifen und ihn in einen neuen Rahmen stellen. Sie machen auf die Aporie der Gastfreundschaft aufmerksam, auf die Spannung zwischen ethischer Forderung \u2013 Gastfreundschaft ist ein unver\u00e4u\u00dferliches Men\u00adschenrecht \u2013 und der politisch-rechtlichen Durchsetzung. Dabei gehen in diese \u00dcberlegungen die religi\u00f6sen Quellen des Judentums und Christentums ein.<\/p>\n<p>Der Gasthof \u2013 das Hospiz \u2013 war in der Geschichte immer ein Ort des Schutzes, der den Fremden aufnimmt, ohne \u2013 zun\u00e4chst \u2013 nach seinem Namen zu fragen, Ort einer zweckfreien und absichtslosen Begegnung. In der Benediktregel ist die Gastfreundschaft im 53. Kapitel beschrieben: \u201eJeden Gast, der da kommt, nehme man wie Christus auf; denn er wird sprechen: Ich war Fremdling, und ihr habt mich aufgenommen.\u201c Gast und Gast\u00adgeber, Fremder und Einheimischer werden einander in der gelebten Gast\u00adfreund\u00adschaft zur Gabe: Dem Frem\u00adden wird die Ga\u00adbe der Gastfreundschaft gew\u00e4hrt, die sich oftmals in Gestalt eines Mah\u00adles verdichtet. Der Gast, der Fremde, dem die T\u00fcre aufgetan wird, \u00f6ffnet darin den Blick auf eine neue Weite, den Horizont eines Miteinanders aus Geben und Neh\u00admen, das Raum macht f\u00fcr ein \u201eMehr\u201c: \u201eDer Gast bringt Gott herein\u201c, so Romano Guardini in seinem 1930 abgefassten dritten Brief zur Selbstbildung. Guardini hat von der Gastfreundschaft als einer \u201ebesonders k\u00f6stlichen Art der Gebe-Gemein\u00adschaft\u201c gesprochen: \u201eWas hei\u00dft das, jemand zu Gaste neh\u00admen? Es bedeutet, da\u00df jemand \u201aDrau\u00dfen\u2018 ist, und man nimmt ihn in sein \u201aDrin\u00adnen\u2018 auf, in sein \u201aHeim\u2018. Dies \u201aDrau\u00dfen\u2018 und \u201aDrinnen\u2018 kann buchst\u00e4blich ge\u00admeint sein, so, wenn je\u00admand heimatlos ist, oder zu Besuch ist, und man nimmt ihn zu Gaste. Dann kommt er herein in unser Haus, in unsere Stube und ist bei uns drinnen. Da bedeutet dann richtige Gast\u00adfreund\u00adschaft, da\u00df man es ihm heimisch ma\u00adche.\u201c<\/p>\n<p>Franz\u00f6sische Gegenwartsphilosophie setzt heute, in Zeiten der Globalisierung, in der Grenzen eine neue Bedeutung annehmen und die Begegnung mit Frem\u00adden konstitutiv ist f\u00fcr das Zusammenleben, genau bei diesem Thema der Gastfreundschaft und der Spannung von \u201eDrinnen\u201c und \u201eDrau\u00dfen\u201c an.<\/p>\n<p>Jacques Derrida hat in zwei philosophischen Seminaren (\u201eVon der Gastfreundschaft\u201c: \u201eFrage des Fremden: vom Fremden kommend\u201c; \u201eSchritt zur Gastfreundschaft\u201c) die Besonder\u00adheit der Begegnung mit dem Fremden, die sich in der Gast\u00adfreundschaft ausdr\u00fcckt, vertieft. Zum Verst\u00e4ndnis seines Gedankenganges muss die Be\u00adgriffs\u00adgeschichte der franz\u00f6sischen Formulierung in den Blick genommen werden: \u201eL&#8217;H\u00f4te\u201c ist der Gast und Gastgeber zugleich; \u201eh\u00f4te\u201c und \u201ehospitalit\u00e9\u201c gehen auf das Lateinische zur\u00fcck. \u201eHostis\u201c ist der Fremdling, der Feind; \u201ehospes\u201c \u2013 \u201ehosti-pots\u201c \u2013 ist der Gast oder der Gastgeber, aber auch der Fremde. \u201eL&#8217;h\u00f4te\u201c ist der Fremde, der als Gast oder Feind empfangen wird. Im deutschen Wort \u201eHospitalit\u00e4ts\u00adsch\u00e4den\u201c wirkt dieser Bezug auf das \u201eFrem\u00adde\u201c nach, im \u201eHospiz\u201c der Aspekt der Gastfreundschaft. \u201eHospitalit\u00e9\u201c ist die Gastfreund\u00adschaft, die dem Fremden gew\u00e4hrt wird. Zur Veranschaulichung der h\u00f6chst komplexen An\u00admerkungen Derridas&#8216; (die hier zudem nur in aller K\u00fcrze vorgestellt werden k\u00f6nnen), wird zun\u00e4chst eine kurze Erz\u00e4hlung von Albert Ca\u00admus, \u201eL&#8217;h\u00f4te\u201c, aus der Samm\u00adlung \u201eL&#8217;exil et le royaume\u201c, in Erinnerung gerufen.<\/p>\n<p>Daru, ein in Algerien geborener Franzose, tritt nach dem Krieg eine Stelle als Lehrer in den Bergen des Maghreb an. Die Schule liegt einsam auf einem Hochplateau, an der Grenze zur W\u00fcste. Er ist dort fremd und doch heimisch, im \u201eexil\u201c und doch im \u201eroyaume\u201c. Es schneit, es ist kalt, eine \u201efremde\u201c Erfahrung in der sonst immer hei\u00dfen W\u00fcste. Zwei Besucher sind im Anmarsch, der Dorfpolizist, ein Korse, in seinem Gefolge, an einem Seil, ein Araber, ge\u00adfan\u00adgen. Daru erh\u00e4lt den Befehl, den Araber am folgenden Tag an die n\u00e4chste Polizeistation in der Ebene auszuliefern. Er lehnt sich auf: Einen Menschen auszuliefern verst\u00f6\u00dft gegen seine Eh\u00adre, aber er lehnt sich auch gegen die Bosheit des Arabers auf, der einen Mord auf seinem Ge\u00adwissen hat. Abends sind die beiden alleine. Daru bereitet dem Araber ein Nachtlager, ein Essen. Auf die Frage des Arabers, warum er dies tue, antwortet Daru nur, er selbst habe Hunger. Am n\u00e4chsten Morgen \u2013 der Araber ist nicht geflohen (was Daru wohl im Geheimen gehofft hat) \u2013 geht Daru mit dem Araber ein St\u00fcck Weges. Er \u00fcberl\u00e4sst ihm dann selbst die Entscheidung, den Weg in die Freiheit oder nach Tinguit, ins Gef\u00e4ngnis, zu nehmen. Der Araber schl\u00e4gt den Weg nach Tinguit ein. Zur\u00fcck in der Schule liest Daru an der Tafel: Du hast unseren Bruder ausge\u00adliefert; wir werden es Dir heimzahlen.<\/p>\n<p>Soweit die Erz\u00e4hlung. Was ist passiert? Daru hat dem Araber doch zwei Wege aufgetan. H\u00e4tte dieser wirklich die Entscheidung f\u00fcr den Weg in die Freiheit treffen k\u00f6nnen? Eine Antwort wird vielleicht m\u00f6glich sein auf dem Hintergrund der \u00dcberle\u00adgungen Derridas zur Gastfreundschaft.<\/p>\n<p>Der Fremde, so Derrida, \u201eersch\u00fcttert\u201c \u2013 \u201eden drohenden Dogmatismus des v\u00e4terlichen Logos: das Sein, das ist, und das Nichtsein, das nicht ist. Als ob der Fremde damit beginnen m\u00fcsste, die Auto\u00adrit\u00e4t des Oberhaupts, des Vaters, des Familienoberhaupts, des \u201eHausherrn\u201c, der Macht der Gast\u00adfreundschaft, des \u201ahosti-pet-s\u2018, zu bestreiten.\u201c Vor dem Hintergrund dieser \u201eEr\u00adsch\u00fct\u00adterung\u201c kommt Derrida im Blick auf die Gastfreundschaft zu einer wesentlichen Unter\u00adschei\u00addung. Gastfreundschaft ist auf der einen Seite Teil des Ethos, sie ist \u201eeinem Recht, einem Brauch, einem \u201aethos\u2018, einer \u201aSittlichkeit\u2018 eingeschrieben\u201c, sie setzt \u201eden sozialen und famili\u00e4\u00adren Status der Ver\u00adtragspartner voraus, die M\u00f6glichkeit f\u00fcr sie, bei ihrem Namen gerufen zu werden, einen Na\u00admen zu haben, Rechtssubjekte zu sein, die auf ihre Personalien \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen, die etwas zugerechnet bekommen k\u00f6nnen, die verantwortlich sind, die \u00fcber eine benennbare Iden\u00ad\u00adtit\u00e4t, einen Eigennamen verf\u00fcgen.\u201c Aber es gibt auch die, die nicht mit dem Na\u00admen genannt werden k\u00f6nnen, und gerade diesen \u201eFremden\u201c \u2013 den \u201eabsolut anderen\u201c \u2013 gegen\u00ad\u00fcber wird deutlich, dass Gastfreundschaft als Ethos auf der anderen Seite auf eine \u201eabso\u00adlute und unbe\u00addingte Gastfreundschaft\u201c bezogen ist, die Gastfreundschaft erst zur Gastfreund\u00adschaft macht. Diese absolute Gastfreundschaft \u201esetzt einen Bruch mit der Gastfreundschaft im g\u00e4ngigen Sinne, der bedingten Gastfreundschaft, dem Recht auf Gastfreundschaft oder dem Gastfreund\u00adschaftspakt voraus&#8230; sie ist ihr gegen\u00fcber in ebenso selt\u00adsamer Weise heterogen, wie die Gerechtigkeit dem Recht gegen\u00fcber heterogen ist, dem sie den\u00adnoch so nahe und mit dem sie in Wahrheit unl\u00f6slich verbunden ist.\u201c Nur in der absoluten Form der Gastfreundschaft ent\u00adfalten sich \u201edie Konturen einer \u2013 unm\u00f6glichen, unstatthaften \u2013 Geo\u00adgraphie der N\u00e4he\u201c. Absolute Gastfreundschaft ist immer mit einem \u201eSchritt\u201c verbunden, einem \u00dcberschreiten der Schwelle, bei dem sich die Be\u00adzie\u00adhung zwischen Gast und Gastgeber in ganz entscheidender Weise zu ver\u00ad\u00e4ndern beginnt. \u201eDer Herr, der Ein\u00adla\u00addende, der einladende Gastgeber wird also zur Geisel \u2013 er wird in Wahr\u00adheit schon immer eine Geisel gewesen sein. Und der Gast, die eingeladene Gei\u00adsel, wird zum Einladenden des Ein\u00adla\u00addenden, zum Herrn des Gastgebers. Der Gast wird zum Gastgeber des Gastgebers&#8230; So tritt man von drinnen ein: Der Hausherr ist bei sich zu Hause, doch tritt er nichts\u00adde\u00adstoweniger dank des Gastes \u2013 der von drau\u00dfen kommt \u2013 bei sich ein. Der Herr tritt al\u00adso von drinnen ein, als ob er von drau\u00dfen k\u00e4me. Er tritt dank des Besuchers bei sich ein, durch die Gnade seines Gastes.\u201c<\/p>\n<p>Zwischen beiden Ebenen der Gastfreundschaft, die unaufl\u00f6sbar aufeinander bezogen sind, herrscht eine Antinomie, die Ausgangspunkt f\u00fcr die Tragik des Miteinanders ist. \u201eEs ist, als w\u00fcrden <em>the<\/em> Gesetze der Gastfreundschaft, in\u00addem sie Grenzen, Be\u00adfugnisse, Rechte und Pflichten markieren, darin bestehen, <em>the<\/em> Gesetz der Gast\u00adfreundschaft herauszufordern und zu \u00fcbertreten, jenes Gesetz, das fordert, dem An\u00adk\u00f6mm\u00adling bedingungs\u00adlo\u00adse Aufnahme zu gew\u00e4hren.\u201c \u201eDas Gesetz w\u00e4re nicht wirklich unbedingt, wenn es nicht wirklich, konkret, bestimmt werden m\u00fc\u00dfte, wenn darin nicht sein Sein als ein Sein-m\u00fcssen best\u00e4nde. Es w\u00fcrde Gefahr laufen, abstrakt, utopisch, illusorisch zu sein und sich somit in sein Gegenteil zu verkehren. Umgekehrt w\u00fcrden die bedingten Gesetze aufh\u00f6ren, Gesetze der Gast\u00adfreund\u00adschaft zu sein, wenn sie nicht vom Gesetz der unbedingten Gast\u00adfreund\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adschaft geleitet, in\u00adspi\u00adriert, verlangt, ja eingefordert w\u00fcrden. Diese beiden Gesetzes\u00adord\u00adnungen, die Ordnung <em>des<\/em> Ge\u00adsetzes und die Ordnung <em>der<\/em> Gesetze, sind also zugleich wider\u00adspr\u00fcchlich, antinomisch und untrennbar ver\u00adbunden.\u201c<\/p>\n<p>Damit ist vielleicht eine Antwort auf die Frage nach der Entscheidung des Arabers m\u00f6glich. Als Daru ihm ein Nachtlager herrichtet, ihm ein Essen anbietet, \u00f6ffnet sich zwischen Daru und dem Araber ein Raum der \u201efraternit\u00e9\u201c, etwas, was dieser \u2013 ohne dass Daru dies wohl intendiert hat \u2013 als Gastfreundschaft im absoluten Sinn versteht. Der Araber kann gar nicht anders als den Weg nach Tinguit w\u00e4hlen. Daru hat sich gegen diese \u201efraternit\u00e9\u201c gestr\u00e4ubt und sich an die Gastfreundschaft in den Grenzen des Rechts gehalten. Der Gast ist ihm Fremder geblieben, doch die Gastfreundschaft im ab\u00adso\u00adluten Sinn meldet ihre Rechte an. So liest Daru nach seiner R\u00fcckkehr in die Schule die an die Tafel geschriebenen Worte. Das, was sich f\u00fcr den Araber in der Nacht ereignet hat, hat Daru gerade im Empfang des Fremden verraten. Er hat der Gastfreundschaft im absoluten Sinn zwar einen Raum er\u00f6ffnet, sich ihr aber gleichzeitig verweigert, weil er die Ordnung des Ge\u00adsetzes nicht aus dem Blick verloren hat. Hier liegt die \u201eTragik\u201c, die Antinomie der beiden Ord\u00ad\u00adnungen der Gast\u00adfreund\u00adschaft, von der Derrida spricht.<\/p>\n<p>Gastfreundschaft ist we\u00adsent\u00adlicher Bestandteil des kulturellen Ethos. Sie ist N\u00e4hrboden f\u00fcr die Entfaltung des Frem\u00adden\u00adrechts, f\u00fcr ethische Orientierungen und rechtliche Regelungen in einer globalen Welt\u00adgesellschaft. Die absolute Gestalt der Gastfreundschaft, auf die Derri\u00adda hinweist, bricht dabei das Miteinander auf eine \u201e\u00d6ko\u00adno\u00admie der Gabe\u201c auf: Hier wird der Gast zum Gastgeber des Gast\u00adgebers, der \u201eHausherr\u201c beziehungsweise die \u201eHaufrau\u201c gewinnt sich \u2013 sein\/ihr Verh\u00e4ltnis zum an\u00adde\u00adren, zur Welt \u2013 neu in der Be\u00adgeg\u00adnung mit dem Fremden. Gastfreundschaft, in ihrer ab\u00adsoluten Form, l\u00e4sst Miteinander als \u201ever\u00addankt\u201c, als gegenseitiges Geben und Empfangen erleben. Wenn wir Gastfreundschaft \u00fcben, so die Hoffnung, werden wir nicht Grenzen hochziehen und zementieren, sondern werden wir die \u201eKunst der Grenz\u00ad\u00fcberschreitung\u201c erlernen in den vielfachen Begegnungen mit den anderen und Grundlagen legen f\u00fcr ein Miteinander in Frieden und Gerechtigkeit, den neuen Zeiten einer \u201ebewegten Welt\u201c und einer pluralen religi\u00f6sen und s\u00e4kularen Weltgesellschaft entsprechend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Die \u201eKunst der Gastfreundschaft\u201c erlernen \u2013 theologische Perspektiven<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Christen m\u00fcssen heute neu in die Weggestalt christlichen Glaubens hinein\u00adwachsen. Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen Schreiben \u201eEvangelii Gaudium\u201c dazu entscheidende Impulse gegeben und damit das in unsere Zeit \u201e\u00fcbersetzt\u201c, was das Zweite Vatikani\u00adsche Konzil bereits benannt hat: Die Kirche ist \u201eihrem Wesen nach \u201amissionarisch\u2018\u201c (\u201eAd Gentes\u201c, Nr. 2), und das bedeutet f\u00fcr eine Reflexion auf die Gestalt christlichen Glaubens, den vielf\u00e4ltigen Dynamiken des Glaubens, den \u00fcberraschenden und fragilen Prozessen der Entstehung, des Reifens und Abbrechens des Glaubens, der Ver\u00e4n\u00adderung religi\u00f6ser Identit\u00e4t in den verschiedenen Prozessen der Begegnung mit anderen besser gerecht zu werden. Das hat in besonderer Weise der Jesuit, Theologe, Philosoph und Historiker Michel de Certeau bereits in den 1960er und 1970er Jahren herausgearbeitet. Er reflektiert in seinen im Band \u201eGlaubensSchwachheit\u201c gesammelten Auf\u00ads\u00e4tzen auf die unterschiedlichen Glaubenspraktiken, die sich \u201eim Transit\u201c herausbilden, in den vielen Kontaktzonen mit den anderen, im \u201eZwischen\u201c. Diese vielf\u00e4ltigen Glaubenspraktiken sind Suchbewegungen nach dem, \u201eohne den\u201c der Glaubende nicht sein kann, Praktiken \u201emit den anderen\u201c, in denen sich der \u201eK\u00f6rper\u201c der Kirche erneuert, weil sie an den Ursprung des Glaubens heranf\u00fchren, an das Erschrecken und Erstaunen angesichts des \u201efehlenden K\u00f6rpers\u201c des Freundes. Sie erinnern daran, dass Glauben hei\u00dft, sich \u201eumzukehren\u201c am leeren Grab, wie Maria von Magdala, um hier, in der \u201eSendung\u201c zu den vielen anderen, vor allem zu denen, die Not leiden, neu zu wer\u00adden. Das sind keine Prozesse, die \u201ekalkuliert\u201c oder die \u201egemacht\u201c werden k\u00f6nnen, hier zieht Michel de Certeau die Spuren der Gnadenlehre seines Lehrers Henri de Lubac weiter aus und \u00fcbersetzt in seine kultur- und sozialwissenschaftliche Sprache das, was Karl Rahner in seinem Aufsatz zur \u201eFr\u00f6mmigkeit heute und morgen\u201c an\u00adzeigt, dass der \u201eFromme von morgen\u201c \u201eMystiker\u201c sein werde. Gl\u00e4ubige Erfahrung und deren \u201egegen\u00adseitige Mitteilung\u201c geh\u00f6ren zusammen, daraus entstehen Glaubenspraktiken, aus und in der Allt\u00e4glichkeit des Lebens, in den vielf\u00e4ltigen Begegnungen mit den anderen und Fremden. Glaube wird gerade hier, so Michel de Certeau, immer wieder neu, Glaube ist Aufbruch, ist \u201eErfahrung von Zerbrech\u00adlich\u00adkeit, Mittel, der Gast eines Anderen zu werden, der beunruhigt und leben macht.\u201c<\/p>\n<p>Theologische Arbeit steht genau hier, aus dieser Tiefendimension christlichen Glaubens, im Dienst der \u201eKunst der Grenz\u00fcberschreitung\u201c, weil diese \u201e\u00dcber\u00adschreitung\u201c, der \u201eTransit\u201c, in die Grundgestalt christ\u00adlichen Glaubens eingeschrieben ist. Es geht immer wieder je neu darum, \u201eanderen Raum zu geben\u201c, vor allem dem Anderen, Gott selbst. \u201eDem N\u00e4chsten Raum zu geben, das wird hei\u00dfen, den Platz zu r\u00e4umen \u2013 mehr oder weniger zu sterben <em>and<\/em> zu leben. Das ist keine Passivit\u00e4t, sondern <em>Kampf daf\u00fcr, anderen Raum zu geben <\/em>\u2013 im Diskurs, in der kollektiven Zusammenarbeit usw. Diese Arbeit der Gastfreundschaft gegen\u00fcber dem Fremden ist exakt die Form der christlichen Sprache. Sie entsteht nur partiell; sie bleibt relativ zu dem partikul\u00e4ren Platz, den man \u201aeinnimmt\u2018. Sie ist niemals abgeschlossen. Sie ist verloren, gl\u00fccklich ertrunken in der ungeheuren Weite der menschlichen Geschichte. Sie verschwindet wie Jesus in der Menge\u201c (de Certeau). Das ist ein beein\u00addruckendes Konzept von Religion und Mission: dem anderen \u201eRaum zu geben\u201c, Gast-Freunde zu werden und so im Eigenen zu wachsen, um gemeinsam Zeugnis zu geben von Gottes Barm\u00adherzigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>\u201e\u2026 um einen Tisch werden\u201c \u2013 ein spiritueller Ausblick<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ich sah gefaltete h\u00e4nde<br \/>\nzum exil<br \/>\nich sah erbrochene fenster<br \/>\nvor flucht<br \/>\nich sah verbrannte haut<br \/>\nins alibi<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ich sah den regen<br \/>\nsich trommeln<br \/>\neingeweide hin<br \/>\nzur erde<br \/>\nich sah die r\u00fcckkehr<br \/>\nder boten<br \/>\nins eigene geh\u00f6r<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ich sah dies haus<br \/>\nin dem freunde sitzen<br \/>\nnoch nicht<br \/>\num einen tisch<br \/>\nwerden<\/p>\n<p>F\u00fcr den Lyriker J.A. Oliver ist das Bild der Gastfreundschaft eine Utopie, ein Hoffnungsbild, das sich in die Erinnerung an Krieg, Gewalt, Flucht einschreibt. F\u00fcr Christen und Christinnen ist dieses \u201ewerden\u201c, mit dem das Gedicht schlie\u00dft, konkrete Hoffnung, konkret geworden durch alle Schuld, Gewalt und S\u00fcnde der Geschichte hindurch in Jesus von Nazareth, dem Christus. In den Texten des Neuen Testaments begegnen wir Jesus als Gast und Gastgeber, als Ein\u00adge\u00adladenen und Einladenden. Er ist zu Gast bei Pharis\u00e4ern, Z\u00f6llnern, den Ausgegrenzten der Ge\u00adsellschaft. Eine Szene, die Eingang in die christliche Liturgie gefunden hat, ist die Begegnung Jesu mit dem Hauptmann von Kapharnaum in Mt 8,8. \u201eHerr, ich bin nicht w\u00fcrdig, dass Du eingehst unter meinem Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund\u201c \u2013 so die Mt 8,8 leicht abwandelnde liturgische Formel. Hier wird, wie Derrida es schildert, der Gast sehn\u00adlich er\u00adwartet, weil ich selbst \u201ege\u00adsund\u201c werde in der Ankunft des Anderen, wenn er \u00fcber meine Schwelle tritt: weil Wirklichkeit gewandelt wird, ein neues Miteinander m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Gast\u00adgeber in ausgezeichneter Form ist Jesus beim letzten Abendmahl (Lk 22,14-23). Er ist es, der sich schenkt, ganz schenkt und darin das empf\u00e4ngt und wandelt, was der Liebe Gottes eine Absage erteilt: Hass und Gewalt, das B\u00f6se im Grund des Herzens und der Geschichte. Er spricht hier das Wort, das \u201egesund\u201c macht. Er ist das Wort, die Gabe, die wandelt, jetzt und auch in Zukunft, denn was Gott jetzt schenkt, ist allen in der Zukunft Gottes, beim Gastmahl in seinem Reich, verhei\u00dfen. Die absolute Gastfreundschaft, die im Leben Jesu aufleuchtet, indem er Gast und Gastgeber ist, die S\u00fcnde der Welt auf sich nehmend sich ganz gibt, ist \u2013 um an Der\u00adridas Gedanken anzukn\u00fcpfen \u2013 von der Spannung der \u201eDifferenz\u201c, einer Tragik durchzo\u00adgen. In den Grenzen von Kultur und Geschichte scheitert absolute Gastfreund\u00adschaft, sie f\u00fchrt an das Kreuz: \u201eIhr habt mich nicht aufgenommen\u201c (Mt 25,43). Aber dass sich gerade darin die \u201eAbsolut\u00adheit\u201c der Gastfreundschaft bewahrheitet, das Geschehen von Geben und Nehmen in einer unaus\u00adlot\u00adbaren Tiefe, wird zum Glauben und zur Praxis der ersten J\u00fcnger und J\u00fcnge\u00adrinnen. \u201eSo steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen V\u00f6lkern, angefangen in Jerusalem, ver\u00adk\u00fcnden, sie sollen um\u00adkeh\u00adren, damit ihre S\u00fcnden vergeben werden. Ihr seid Zeugen daf\u00fcr. Und ich werde die Gabe, die mein Vater verhei\u00dfen hat, zu euch herabsenden\u201c (Lk 24,46-49). Das ist der Ursprungsgrund christlichen Glaubens, die Erneuerung der Sch\u00f6pfung im Christus\u00ader\u00adeignis, aus der Liebe, die Gott von Ewigkeit ist und die in der Zeit konkret geworden ist auf den Wegen Jesu von Nazareth, auf denen sich das ereignet hat, was \u201eabsolute Gast\u00adfreund\u00adschaft\u201c ist: ein Mit\u00adeinander, das verwandelt, den Gast und den Gastgeber, das sie in ein \u201ever\u00addanktes\u201c Mitein\u00adan\u00adder hineinwachsen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der russische Ikonenmaler Andrej Rublev hat die alttestamentliche Gast-Szene \u2013 die drei Fremden zu Besuch bei Abraham und Sara \u2013 zum Ausgangspunkt gew\u00e4hlt f\u00fcr seine \u201eDarstellung\u201c der Trinit\u00e4t (Gen 18,1-33). Gott ist \u201eGa\u00adbe\u201c, und diese Gratuit\u00e4t Gottes dr\u00fcckt sich zutiefst in der Liebesgemeinschaft der drei g\u00f6tt\u00adli\u00adchen Personen aus. In die Bildmitte, am Schnittpunkt der Begegnung der drei g\u00f6ttlichen Per\u00adsonen, hat Rublev den Kelch, das Symbol der Eucharistie, gesetzt. In ihr verdichtet sich in sym\u00adbo\u00adlischer Form das Geschehen der Gabe, der absoluten Gastfreundschaft, die Gott selbst ist. Und in all unseren Feiern auf dem Weg \u2013 in den vielen Gasth\u00e4usern der Welt, wie sie der W\u00fcrttembergische Priester-Maler Sieger immer wieder dargestellt hat \u2013 versuchen wir, dieses Symbol neu Wirklichkeit werden zu lassen: als Beitrag von Christen und Christinnen zur Ausgestaltung des neuen Ethos, des neuen \u201eHabitus\u201c einer neuen Gemeinschaft mit den vielen Fremden, hier bei uns und weit dar\u00fcber hinaus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migration als Zeichen der Zeit &nbsp; Migration \u2013 ein globales Ph\u00e4nomen. Eines der gro\u00dfen Zeichen der Zeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Ph\u00e4nomen der glo\u00adbalen Migration. 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