{"id":118275,"date":"2026-01-28T16:24:58","date_gmt":"2026-01-28T15:24:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118275"},"modified":"2026-01-28T16:24:58","modified_gmt":"2026-01-28T15:24:58","slug":"an-den-raendern-von-heimat","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/an-den-raendern-von-heimat\/","title":{"rendered":"An den R\u00e4ndern von Heimat"},"content":{"rendered":"<p>Edgar Reitz: \u201eOffensichtlich haben wir einen Fehler gemacht, n\u00e4mlich zu meinen, dass der Markt alles regelt. Was Verm\u00f6gen, was Arbeit hei\u00dft, ist nicht mehr an Orte gebunden und hinterl\u00e4sst die Menschen ratlos. Wir sind ja als Menschen nicht wirklich mobil, wir bleiben an unseren K\u00f6rper und unsere Geschichte gebunden, und unsere Sinne suchen Halt in der Welt an den vertrauten Orten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deutschland profitiert als Exportland von der Globalisierung. Das wurde besonders nach der Finanzkrise seit 2008 deutlich. Es war und ist die Lokomotive des wirtschaftlichen Aufschwungs in Europa. Globalisierung und Europa sind unabdingbar und notwendig f\u00fcr die Entwicklung unseres Landes. Gleichzeitig f\u00fchren aber die strukturellen \u00d6ffnungsprozesse zu Regionalisierung und R\u00fcckbesinnung auf Wurzeln und Identit\u00e4t, denn mit dem \u00c4nderungstempo der Lebensverh\u00e4ltnisse und regionalen Bez\u00fcge verfremden sich die Herkunftswelten. So pl\u00e4diert R\u00fcdiger Safranski in seinem Essay <em>Wie viel Globalisierung vertr\u00e4gt der Mensch?<\/em> auch wieder f\u00fcr die partielle Einf\u00fchrung des Heimatbegriffes. Die Ausbalancierung von Mobilit\u00e4t und Weltoffenheit durch Ortsfestigkeit ist eine anthropologische Grundbedingung. \u201eJe mehr emotional ges\u00e4ttigte Ortsbindung, desto gr\u00f6\u00dfer die F\u00e4higkeit und Bereitschaft zur Weltoffenheit\u201c, schreibt Eduard Beutner.<\/p>\n<p>Wenn nicht mehr das \u00fcberzeitlich G\u00fcltige normativ zu sein scheint, sondern die Ver\u00e4nderlichkeit an sich, suchen Menschen Halt in der Heimat. Heimat ist nicht der Gegenbegriff zur Globalisierung sondern deren Angelpunkt. Aber aufgrund seiner existentiellen Dimension eignet sich er f\u00fcr Missbrauch. F\u00fcr eine Begriffsbestimmung ist es notwendig, ihn von ideologischen \u00dcberformungen zu befreien. Daf\u00fcr m\u00fcssen die gew\u00f6hnlichen Orte des Wohnens als auch die Lebenskontexte identifiziert und die internen Lebensparameter wie Lebenseinstellung und Religion reflektiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Was ist Heimat?<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen weltweiten Krisenpermanenz (9\/11, Finanzkrise, Ukraine, ISIS) scheint die heimische Region der letzte \u00fcberschaubare Zufluchtsort zu sein. So beobachtet das Rheingold Institut f\u00fcr quantitative Markt- und Medienanalysen in Deutschland eine R\u00fcckkehr zum Traditionellen, Authentischen und Urspr\u00fcnglichen und spricht von einer neu erwachten Sehnsucht nach Heimat. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig. Durch Mobilit\u00e4t, Flexibilit\u00e4t und schnelle Kommunikation werden Raum und Zeit verf\u00fcgbarer. Aber wenn Informationen ohne Zeitverzug ausgetauscht werden k\u00f6nnen, f\u00fchrt das zur Zeitverdichtung und erzeugt den Wusch innezuhalten. \u201ePanik, die fr\u00fcher lokal war, droht jetzt global zu werden\u201c, hei\u00dft es in einem Artikel der <em>Tagespost <\/em>von Richard Wagner<em>.<\/em> Dieser Vorgang wird durch die Medien verst\u00e4rkt, so dass einzig und allein Bilder zur\u00fcckbleiben, die Angst machen. Die Krise der Moderne hat somit nicht nur im Zusammenbruch der Fortschrittsidee ihren Ursprung, sondern auch in einem \u00dcberma\u00df an Zeit und Raum. Die hinter alledem stehende Sorge, an seinem Fleck der Welt mit den diesen weit \u00fcberschreitenden Problemen der Welt allein gelassen zu werden, wird durch die bereits f\u00fchlbare demografische Entwicklungen in Deutschland verst\u00e4rkt \u2013 und zwar sowohl dort, wo sich eine rasch wachsende Bev\u00f6lkerung zusammendr\u00e4ngt, als auch dort, wo die Bev\u00f6lkerung altert und schrumpft.<\/p>\n<p>Allgemein bezeichnet Heimat die Bilder und Mythen mit denen man gro\u00df geworden ist, den Ort der Herkunft, in den man hineingeboren wurde und der existentielle Vorgabe ist, was durch Sprache, Gebr\u00e4uche und Verhaltensmuster zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig ist Heimat aber auch der Ort der Geborgenheit und Sicherheit, den man versteht und wo man verstanden wird. Als solches ist ein positives Heimatverst\u00e4ndnis Voraussetzung f\u00fcr Stabilit\u00e4t, Ordnung und Orientierung. Das althochdeutsche Wort \u201eheimuot(e)\u201c enth\u00e4lt etymologisch die indogermanische Wurzel \u201ekei\u201c mit der Bedeutung \u201can einem Ort liegen\u201c. Deshalb ist Heimat der Ort, wo man zu Hause ist. \u201eHeimat haben\u201c bedeutet dann, dass man in sich selbst ruht. Sie erm\u00f6glicht es einem, Bindungen einzugehen, obwohl man st\u00e4ndig in Bewegung ist und bei keiner eingenommenen Position zur Ruhe kommt.<\/p>\n<p>Bis in die zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts hatte \u201eHeimat\u201c rein wirtschaftliche Bedeutung, wie in Begriffen wie \u201eHeimatrecht\u201c und \u201eHeimatbesitz\u201c zum Ausdruck kommt. Aber Heimat ist kein Besitztum oder eine Region auf der Landkarte, auf die man verweisen kann, sondern unser intern wahrgenommenes Verh\u00e4ltnis zur Welt. Sie muss sich aktiv angeeignet werden, erfordert das immer wieder sich heimisch machen und formt sich unbewusst durch die Wirklichkeiten, in denen man sich befindet.<\/p>\n<p>Im Heimatbegriff treffen die Unverf\u00fcgbarkeiten von Material und Natur, Kultur und Gesellschaft und von Alltag und politischer Ordnung aufeinander. Sie alle verlangen einerseits nach individueller Akzeptanz und Anpassung, werden andererseits aber vom sie sich aneignenden Einzelnen immer wieder modifiziert und transzendiert, sind Ergebnis menschlicher Aktivit\u00e4ten. Heimat ist folglich immer Heimat <em>f\u00fcr jemanden, <\/em>so Max Scheler \u2013 etwa so, wie das Farben im Verh\u00e4ltnis zur Farbwahrnehmung sind. Im Heimatbegriff verschr\u00e4nken sich innere und \u00e4u\u00dfere Wirklichkeit, die sich nach keiner Seite inhaltlich aufl\u00f6sen l\u00e4sst: Heimat ist nicht nur ein Ergebnis subjektiver Konstruktionen, sondern bereits die geographische und situative Verortung personaler Ereignisse und lebensgeschichtlicher Prozesse. Eine Schwierigkeit bei der wissenschaftlichen Erfassung von \u201aHeimat\u2018 liegt darin, dass die verobjektivierenden Wissenschaften zum Ziel haben, \u201eein Wissen zu gewinnen, dessen Gegenst\u00e4nde nicht mehr daseinsrelativ auf das Leben sind und nicht relativ auf seine m\u00f6glichen Werte\u201c, so eine weitere Erkenntnis von Scheler. Die anthropologische Erforschung von Heimat fokussiert hingegen auf den innersten Kern von Individuen \u2013 und fragt <em>zugleich<\/em> nach dessen Relevanz f\u00fcr die Bildung kollektiver Identit\u00e4t. Untersuchungen von Ethnologie und Anthropologie zur \u201eHeimat\u201c blicken denn auch keineswegs nur auf Individuen, sondern auf die Gesellschaften, als deren Teil die Einzelnen identifiziert werden. Sie interessieren sich f\u00fcr die Vorstellungen von Individuen nicht nur deshalb, weil in ihnen soziale Konstruktionen sichtbar werden, sondern gerade auch, weil sie in der Regel Vorstellungen ihrer Verbindungen zu anderen beinhalten, also jenes \u201asozialen Bandes\u2018, das aus Einzelnen eine Gemeinschaft oder Gesellschaft macht.<\/p>\n<p>Soziale Bindungen sind aber stets solche in Raum und Zeit. So lenkt die Besch\u00e4ftigung mit \u201aHeimat\u2018 die Aufmerksamkeit auf die Orte, an denen Individuen beheimatet sind, und damit auf das Verh\u00e4ltnis von Ort und Verortung. So gesehen erweist sich Heimat als eine organische Ganzheit aus vorgegebener Natur und nachtr\u00e4glich geschaffener menschlicher Ordnung, d.h. von je spezifischer Kultur, die durch den Menschen hervorgebracht, gepr\u00e4gt und aufrechterhalten wird. Ein solcher sozialer Konstruktionsprozess von Heimat startet also auf der Grundlage unverf\u00fcgbarer materieller und biologischer Voraussetzungen, arbeitet mit \u2013 nach Zeit und Raum kulturspezifischen \u2013 Wissensbest\u00e4nden, ist gepr\u00e4gt von den bereits bestehenden sozialen, rechtlichen und politischen Ordnungsstrukturen, kann diese aber \u00fcberschreiten und ver\u00e4ndern, weshalb auch Visionen und Potentialit\u00e4ten schon hier-und-jetzt Bestandteile dessen werden k\u00f6nnen, was als Heimat hervorgebracht wird.<\/p>\n<p>Ein positiver Heimatbezug ist eine wertvolle, vielleicht gar unverzichtbare Voraussetzung f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Ordnung eines Gemeinwesens. Gewiss wird Heimat, aufgrund der dynamischen Struktur der Wirklichkeit, immer wieder \u00fcberschritten. Dann lagern sich neue Schichten des Empfindens, Wissens, K\u00f6nnens und realer Beheimatung \u00fcber das, was anfangs Heimat war. R\u00fcckblickend ist Heimat ein Prozess von Beheimatungsprozessen, denn sie wird immer wieder \u00fcberwunden und muss sich neu angeeignet werden. Was die individuelle Beheimatung als Ganzes ausmacht, setzt sich dann aus den sozialen Auswirkungen verschiedener Zeitschichten zusammen. Mit ihnen gehen oft auch Grenz\u00fcberschreitungen von Sinnschichten einher, wie Karen Joisten schreibt, was dazu einl\u00e4dt, sich der Herkunft neu zu vergewissern. Als soziokulturelle Grundlage unseres Handelns ist sie nichts Statisches, sondern ein sozialer Konstruktionsprozess, in den auch k\u00fcnftige und au\u00dferhalb der Heimat liegende Zust\u00e4nde eingehen.<\/p>\n<p>Die erste Schicht, auf der ein Mensch beheimatet ist, ist nichts anderes als sein K\u00f6rper, wodurch dessen Leiblichkeit entsteht. Der Leib ist jener Eigenraum, dem er mit all seinen Stimmungen, Gef\u00fchlen und F\u00e4higkeiten, von den elementaren bis zu den hochspezialisierten, einwohnt. Die n\u00e4chste Schicht von Heimat ist der Raum, konkret die Wohnung, das Heim als Mittelpunkt menschlichen Wohnens und Ausgangspunkt kreativen Wirkens. Auf sein Heim bezieht er sich immer wieder, und Verfassungsordnungen geben diesem besonderen Schutz. Als n\u00e4chste Schichten von Heimat bauen aufeinander auf: die erlebten Stra\u00dfen, das sie umgebende Dorf oder die umgebende Stadt, die das alles bergende Region \u2013 und dann das umbettende Land oder die \u00fcberw\u00f6lbende Nation. Schicht f\u00fcr Schicht vom Kleinen ins Gr\u00f6\u00dfere aufsteigend erf\u00e4hrt \u2013 oder erarbeitet sich \u2013 der Mensch seine Um-Welt. Das hat freilich auch seine zeitliche Dimension: In dieser Schichtenfolge transzendiert der Mensch vom Kleinkindalter \u00fcber die Kindergarten- und Schulzeit, \u00fcber Pubert\u00e4t und Studienzeit usw. bis hin zu seiner unmittelbaren Gegenwart und deren jeweiliger Beheimatung. Jeder Zeitschnitt und jede Ortsbezogenheit sind bei alledem die Basis einer durch beides abgegrenzten Heimatschicht.<\/p>\n<p>Will man die jeweils handlungsrelevante Heimatschicht \u00fcberschreiten, braucht es wechselseitiges Vertrauen. Ist solches Vertrauen aber einmal gebrochen, so verf\u00e4llt auch, was immer einst an Beheimatung da war. Der Auschwitz\u00fcberlebende Jean Am\u00e9ry macht derlei am Extrembeispiel der Folter deutlich. Vollkommen auf den K\u00f6rper reduziert, verliert der Gefolterte s\u00e4mtliche Beheimatungen, denn \u201e[w]er der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.\u201c Heimat wird von einer Ressource der Lebensf\u00fchrung oft zum existentiellen Problem, wenn sie jemandem genommen wurde, gleich ob durch Folter, Vertreibung oder Flucht. Im Grunde erst durch solche Verlusterfahrung wird einem bewusst, wie sehr man auf Beheimatung angewiesen ist. So antwortete Am\u00e9ry auch im Exil auf die Frage \u201eWie viel Heimat braucht der Mensch?\u201c, umso mehr, je weniger er davon mit sich tragen kann.<\/p>\n<p>Jene Handlungsmotivierung, die zur \u00dcberwindung der alten Heimat und zur Ausbildung neuer Heimaten f\u00fchrt, hat ihren Ursprung in der sch\u00f6pferischen Kreativit\u00e4t des Einzelnen, vor allem in seiner allgemeinen Neugierde, seiner \u00d6ffnung f\u00fcr Andere, seiner F\u00e4higkeit zur Integration von Neuem und seinem Bed\u00fcrfnis nach Austausch und Kontakt. Weil der Mensch in der Natur gleichsam exzentrisch positioniert ist, d.h. viele Ziele seines Strebens nicht in ihm selbst liegen, wird Heimat in der Praxis st\u00e4ndig transzendiert. Eine gemeinsame Kultur und das, was dann gesellschaftlich als Heimat empfunden und bezeichnet wird, ist somit ein durchaus st\u00f6ranf\u00e4lliges Ergebnis der Synchronisation und Abstimmung vieler individueller Beheimatungen. Einmal vorhanden, f\u00fchrt ein positiv bestimmtes Heimatbewusstsein zu gleichartigen, stabil aufeinander bezogenen Aktionsmustern, die in verschiedenen gesellschaftlichen Orten sichtbar und in Organisationen, Institutionen und sozialen bzw. politischen Ordnungsgef\u00fcgen aktiv werden. Gemeinsame kulturelle Muster bilden dann wom\u00f6glich auch gemeinsame Zukunftsbilder aus, die ihrerseits zum Ausgangspunkt dauerhaft wechselseitig aufeinander bezogener Handlungen werden, aus denen im gemeinsamen Einvernehmen Neues auf den Bahnen des Alten entsteht.<\/p>\n<p>Wird Heimat funktional eingegrenzt, sei es als Rechtsbegriff in der Neuzeit oder als Territorial-, Rassen- und Utopie-Begriff in den Ideologien des Nationalsozialismus und Sozialismus des 20. Jahrhunderts, so ist dessen Intention nicht die \u00dcberwindung von Grenzen, sondern deren Errichtung. Heimat erm\u00f6glicht dann nicht Freiheit, sondern wird zur beschr\u00e4nkenden Gr\u00f6\u00dfe. Auf diese Weise f\u00fchrten die beiden deutschen Diktaturen mit ihren je besonderen Verst\u00e4ndnissen von Heimat zum Heimatraub und Heimatentzug. Das verhindert eine konstruktive Auseinandersetzung mit bzw. die Aneignung von Heimat. Sind Synchronisation und Abstimmung zwischen innerer Beheimatung und \u00e4u\u00dferer Heimat gest\u00f6rt \u2013 etwa aufgrund der dargestellten ideologischen \u00dcberformungen oder in Folge der Trennung von Funktions- und Herkunftsr\u00e4umen oder wegen mancherlei Asynchronizit\u00e4t zwischen pers\u00f6nlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Modernisierung \u2013 kommt es zu \u201e\u00e4nderungstempobedingtem Vertrautheitsschwund\u201c im gr\u00f6\u00dferen Ganzen einer eher abstrakt und umfassend verstandenen Heimat sowie zur R\u00fcckbesinnung auf regionale Wurzeln und sozio-kulturell ausgebildete Identit\u00e4t. Zur Erfahrung von Fortschritt geh\u00f6rt beides: sowohl Entt\u00e4uschung \u00fcber dessen Langsamkeit als auch Sorge ob seiner Umgestaltungskraft, meint Herrmann L\u00fcbbe. Selbst notwendige Systemwandel d\u00fcrfen deshalb weder zu schnell noch zu langsam ablaufen, wenn am Ende wiederum Stabilit\u00e4t stehen soll. Gesellschaftlicher Fortschritt wird n\u00e4mlich nur solange als positiv erfahren und unterst\u00fctzt, wie der Einzelne sich seiner Basis sicher ist. Wird diese aber fragil, so geht man auf Distanz zu gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungsprozessen und beginnt mit Versuchen ihrer Blockade. Empfindungen von und Wissen um Zugeh\u00f6rigkeit l\u00f6sen sich nicht allein schon durch politischen Voluntarismus auf. Das zeigen auch die Verwerfungen gegenw\u00e4rtiger Globalisierungsprozesse und den mit ihnen einhergehenden Migrationsbewegungen: Es ist einfach ein Unterschied, wo man lebt \u2013 und wie man sich zu diesem Unterschied verh\u00e4lt. Man kann mit Herrmann L\u00fcbbe sogar sagen: \u201eDie Aufdringlichkeit und damit Politisierbarkeit dieses Unterschieds wird in modernen Lebensverh\u00e4ltnissen gr\u00f6\u00dfer.\u201c Fern davon, eine Ressource allein von Konservatismus zu sein, erweist sich ein positives Verh\u00e4ltnis zur Heimat und deren Bewahrung somit als Grundvoraussetzung nachhaltiger gesellschaftlicher Weiterentwicklung und lernwilliger \u00d6ffnung f\u00fcr Neues.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>R\u00e4nder von Heimat<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man wird sich erst der Heimat bewusst, wenn man erfahren hat, was Heimat nicht ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Heimat h\u00e4ufig auf Ort reduziert, etwa den Ort der Herkunft, der Geburt oder des Wohnens, und damit auf eine Position im Raum, was auch der Verwendung des Ortsbegriffs im Neuhochdeutschen entspricht. Im Althochdeutschen hingegen korrespondiert er aber noch mit \u201eSchneide\u201c, \u201eSpitze\u201c und \u201eEcke\u201c. Dieser ging dann \u00fcber in jenen eines \u00f6rtlichen oder zeitlichen Anfangs- oder Endpunktes, im engeren Sinne des vorderen oder hinteren Endes, der Grenze, des Randes oder der Seite, bevor der Begriff dann im Mittelhochdeutschen nur noch einen Standpunkt, einen Platz, eine Stelle oder St\u00e4tte bezeichnete. \u201eHeimat als Ort\u201c ist eher mit der althochdeutschen Bedeutung zu erfassen, die die raumzeitliche Dimension abdeckt, mit Ereignissen in Verbindung gebracht wird und deren Grenzen reflektiert.<\/p>\n<p>Aus der internen Perspektive, d.h. dem Erleben, ist Heimat offen und grenzenlos. Jemand, der Heimat hat, reflektiert sie nicht, womit der Begriff an Bedeutung verliert. Die sogenannte \u201eSchweizer Krankheit\u201c, d.h. das Heimweh, das die Schweizer Garde bei ihrem Dienst in Rom befiel, tauchte auch erst aufgrund des Heimatverlustes auf. Aus der externen Perspektive werden ihre R\u00e4nder sichtbar. Wenn man sich aus der Heimat wegbewegt, befindet man sich irgendwann in der Fremde. Die Fremde beschr\u00e4nkt die Heimat und wird dadurch f\u00fcr sie konstitutiv, d.h., dass Heimat offene R\u00e4nder hat, an denen es zu Auseinandersetzungen mit dem Anderen, dem Fremden kommt. An den R\u00e4ndern wird verhandelt, was zu einem \u201aOrt\u2018 wird, und wie es sich mit dessen Kern verh\u00e4lt. Im Gegensatz zu Grenzen, die von Menschen kulturell und gesellschaftspolitisch gesetzt werden \u2013 wie Landesgrenzen, religi\u00f6se Markierungen oder rechtliche Tabuisierungen \u2013 und die undurchl\u00e4ssig sind, sind R\u00e4nder durchl\u00e4ssig und \u00fcberwindbar. Sie erlauben das Transzendieren auf neue Schichten von je gegebener Beheimatung, ja legen ihrerseits schon nahe, dass zur Heimat auch geh\u00f6rt, transzendiert zu werden. Im Grunde sind \u201aOrte\u2018 geschichtete Beheimatungen aktueller und vergangener Generationen. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Entwicklung von St\u00e4dten. Diese waren und sind Ausgangspunkt und Motor vielf\u00e4ltiger Modernisierungsbewegungen, wuchsen \u00fcber lange Zeiten am Umgang mit dem Fremden und lassen einen pulsierenden Wechsel von Sammeln, Abschluss und \u00d6ffnung erkennen. Darin sind sie einer \u00e4hnlichen Dynamik von Beheimatungsprozessen unterworfen wie Menschen und deren Handeln selbst.<\/p>\n<p>Schon in der griechischen Mythologie geh\u00f6ren Ort und Bewegung zusammen. So fragte sich Jean-Pierre Vernant, warum auf der gro\u00dfen Zeus-Statue in Olympia Hestia und Hermes zusammen dargestellt sind, obwohl sie als Paar dort nicht hingeh\u00f6ren, weil sie weder verwandt noch verschw\u00e4gert waren. Er kommt zum Schluss, dass sie Seite an Seite an denselben Orten wirken und komplement\u00e4re T\u00e4tigkeiten entfalteten, insofern sie n\u00e4mlich gegens\u00e4tzliche Raumaspekte verk\u00f6rperten: Hestia (griechisch f\u00fcr Herd) repr\u00e4sentiere den kreisf\u00f6rmigen Herd in der Mitte des Hauses, den in sich geschlossenen Raum, der die Beziehung zu sich selbst symbolisiert; Hermes hingegen, der Gott der Schwelle und der T\u00fcr, aber auch der Wegkreuzungen und der Stadttore, steht f\u00fcr die Bewegung und das Verh\u00e4ltnis zum anderen, so Jean-Pierre Vernant. Der Bewegung kann man im Leben nicht entgehen \u2013 und umso wichtiger wird die Suche nach Einhausung und Heimat. Selbst \u201aWohnen\u2018 erscheint dann als ein relationaler Prozess, der im Entdecken, Aneignen, Binden und Identifizieren seine Wurzel und sein Ziel hat, schreibt Martin Schneider. Und gerade aus der Erfahrung seines t\u00e4tigen Lebens erinnert sich ein Erwachsener oft gern \u201ean die mehr oder weniger gl\u00fccklichen R\u00e4ume seiner Kindheit, an die Ger\u00fcche und Atmosph\u00e4ren in den Zimmern, auf der Stra\u00dfe, im Wald etc. Er sucht nach Spuren des Wohlseins.\u201c F\u00fcr Christoph T\u00fcrcke ist schon der m\u00fctterliche Uterus jene erste Heimat, die ein Mensch verlassen muss. Er ist allerdings ein tats\u00e4chlicher Nicht-Ort: Solche Heimat \u201eentsteht postum, wenn sie verloren und der R\u00fcckweg in sie versperrt ist.\u201c Auch in die Kindheit, den folgenden Ort urspr\u00fcnglicher Beheimatung, k\u00f6nnen wir nicht mehr zur\u00fcckkehren. Ernst Bloch sieht denn auch nicht in der \u201aSehnsucht nach der Kindheit\u2018 das Anzeichen einer gelungenen Vermittlung von Subjektivit\u00e4t und Welt, sondern im T\u00e4tigkeit eines Menschen, der ein St\u00fcck Welt aktiv in Heimat umbaut und damit einen Ort wie die Kindheit neu erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das hei\u00dft sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und \u00fcberholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Ent\u00e4u\u00dferung und Entfremdung in realer Demokratie begr\u00fcndet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.<\/p>\n<p>So erscheint \u201edas Prinzip Heimat als Inbegriff des Prinzips Hoffnung\u201c, wie es Bloch in einem seiner letzten Interviews ausgedr\u00fcckt hat. Heimat bezeichnet in diesem Sinne den Aneignungsprozess des Sich-st\u00e4ndig-heimisch-Machens. Das Bed\u00fcrfnis \u201azu wohnen\u2018 und die \u201aSuche nach Heimat\u2018 sind eng verwandt mit den Bed\u00fcrfnissen nach Anerkennung und Teilhabe. Das aber weist Heimatsuche als eine zutiefst politische Haltung aus.<\/p>\n<p>Drei verschiedenen Formen von Transzendentem werden an \u201aHeimat\u2018 sichtbar. Erstens <em>ist<\/em> Heimat unverf\u00fcgbar. Sie ist eine Vorgabe, in die man hineingeboren wird. Immer schon liegt eine Ordnung vor, die es entweder zu verlassen oder sich als nachwirkender Habitus anzuverwandeln gilt. Denn \u2013 zweitens \u2013 wird Heimat Schicht f\u00fcr Schicht unverf\u00fcgbar <em>gemacht<\/em>. Dies geschieht dadurch, dass man sich Heimat immer wieder neu aneignet. Karen Joisten: \u201eDas Transzendieren wird in dieser Auslegung nicht als der punktuelle Vorgang gefasst, in dem sich der Mensch auf ein Ziel hin entwirft, vielmehr wird der Mensch als solcher als ein Wesen des \u00dcberstiegs angesehen.\u201c Martin Heidegger: \u201eDas Dasein selbst ist der \u00dcberschritt.\u201c Die dritte Weise von Transzendentem, die f\u00fcr den Heimatbegriff relevant ist, betrifft \u201adas Andere\u2018, n\u00e4mlich jenes \u201aFremde\u2018, das \u201ain die Heimat einbricht\u2018. Heimat ist ohne Fremde nicht zu denken. \u201aFremdes\u2018 ist dabei etwas, \u201edas sich inmitten aller Erm\u00f6glichungen, seien sie pers\u00f6nlich-dispositioneller, historisch-kultureller oder auch transzendentaler Art, als Un-m\u00f6gliches erweist, als Ersch\u00fctterung oder Infragestellung vorhandener M\u00f6glichkeiten\u201c, formuliert es Bernhard Waldenfels. Jedes Neue ist auf diese Weise ein Einbruch \u201afremder Wirklichkeit\u2018 in eine Heimat, und \u201einsofern hat jede Geburt, in der sich eine neue Welt auftut, Z\u00fcge einer Wiedergeburt, da das Neue nur im Nachhinein fassbar ist.\u201c Bernhard Waldenfels bezeichnet das Fremde, das dem Einzelnen oder der Gemeinschaft pl\u00f6tzlich zust\u00f6\u00dft, mit \u201aPathos\u2018, was \u201ebedeutet, dass wir von etwas getroffen sind, und zwar derart, dass dieses Wovon weder in einem vorg\u00e4ngigen Was fundiert, noch in einem nachtr\u00e4glich erzielten Wozu aufgehoben ist.\u201c Um dem Neuen Sinn zu verleihen und ihm sein Bedrohungspotential zu nehmen und es in die bekannte Ordnung einzugliedern, wurden in archaischen Gesellschaften beim Eintreten neuer Situationen traditionell Sch\u00f6pfungsmythen zitiert. Die Konfrontation mit dem Fremden geh\u00f6rt zu den unumg\u00e4nglichen Voraussetzungen unserer Existenz. Alle Beheimatung und Heimat ist dem eindringenden Stachel des Anderen, des noch Unbekannten ausgesetzt. Das macht sie verletzlich \u2013 und stattet Reaktionen auf ihre Bedrohung mit so tief empfundenen Reaktionen aus. Dabei erw\u00e4chst doch aus den ersten beiden Transzendenzen zun\u00e4chst einmal innere Aufgeschlossenheit und Offenheit f\u00fcr Neues. Aufgeschlossenheit und Offenheit aber treffen auf die Ver\u00e4nderungswirkungen des Fremden f\u00fcr Heimat in all seiner Ambivalenz, was \u00fcbrigens im griechischen Wort \u201exenos\u201c deutlich zum Ausdruck kommt, das zugleich \u201aGast\u2018 und \u201aFremder\u2018 bedeutet und ihm gegen\u00fcber Aufnahme- und F\u00fcrsorgepflichten assoziiert. Heimat ist dann gerade bei der Begegnung mit dem Fremden nicht exklusiv, sondern inklusiv.<\/p>\n<p>So sind Migranten und Heimkehrer konstitutiv f\u00fcr ein Gemeinwesen, weil an ihnen grundlegende Fragen der Selbstdeutung und Kultur eines politischen Systems abgehandelt werden. Ausgehend von \u00dcberlegungen in dem Sammelband <em>Juterczenka, S\u00fcnne, Sicks, Kai Marcel: Figurationen der Heimkehr. Die Passage vom Fremden zum Eigenen in Geschichte und Literatur der Neuzeit. G\u00f6ttingen, Wallstein Verlag 2011 <\/em>w\u00fcrde ich folgendes entwickeln: Migranten sind Wanderer zwischen den Welten. Gleichsam schaffen sie als \u201aGrenzg\u00e4nger\u2018, die die R\u00e4nder zwischen dem \u201aAnderen\u2018 und der Heimat \u00fcberwunden haben, eine Ahnung, ein Wissen von \u201ader Fremde\u2018 als Alternative, auf die hin fortan Heimat relativierbar ist. Zur typischen Form solchen Relativierens werden Stereotypisierungen des Fremden, die dieses \u2013 oft auch nur als Projektionsraum innerheimatlicher \u00c4ngste genommen \u2013 in Beziehung \u201azum Eigenen\u2018 setzen. Zur gelungenen Integration des Fremden kommt es nur dann, wenn dieses als Bereicherung erfahren und mit dem Eigenen verschmolzen wird \u2013 und wenn sich das Erleben der Fremde im Eigenen zum neugierigen eigenen Erleben in der Fremde gesellt. Anderenfalls verst\u00e4rken Fremdheitserfahrungen nur Abgrenzung und Abschlie\u00dfung. Wenn aus den R\u00e4ndern um die Heimat Grenzen werden, die sowohl das Transzendieren von Heimat als auch deren weitere Schichtenbildung verhindern, dann erstarrt Heimat und verliert ihre Zukunftsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Prototypisch f\u00fcr den Grenzg\u00e4nger von Heimat steht in der Mythologie Odysseus, der nach langer Abwesenheit nach Ithaka zur\u00fcckkehrte und feststellte, dass die Heimat nicht mehr so ist, wie sie war, als er sie verlassen hatte. Allerdings war der \u201emythische Heimkehrer\u201c dem \u00dcbergang von der Fremde in die Heimat nicht einfach ausgesetzt, sondern konnte die Ordnung wiederherstellen. Im Allgemeinen k\u00f6nnen Heimkehrer dies gerade nicht, sondern m\u00fcssen sich in den neuen Verh\u00e4ltnissen zurechtfinden. Werden sie dabei den Erwartungen des Sozialraumes gerecht, gl\u00fcckt ihre Reintegration, anderenfalls kommt es zu dauerhaften Konflikten oder Exklusionen. Heimkehrer stehen an der Schwelle zwischen Vergangenem und Zuk\u00fcnftigem, zwischen Realit\u00e4t und Imagination. Damit wird die Fremde als stereotype Projektionsfl\u00e4che erst geschaffen, denn das Erlebte wird mit der Heimkehr zur Erinnerung und der Narration \u00fcberantwortet, die durch Auswahl und Interpretation die Fremde als eigenst\u00e4ndige Einheit erst kreiert.<\/p>\n<p>Narrationen geht es nicht um die detailgetreue Replikation historischer Vorg\u00e4nge, sondern um die Deutung und Bewertung der erlebten Ereignisse aus Perspektive des Erz\u00e4hlers. Solcher Sinn wird durch authentisches Erz\u00e4hlen bezeugt, ja im Grunde erzeugt. \u201ePositiv gewendet er\u00f6ffnet der Erz\u00e4hler folglich durch seine Geschichte hindurch einen Einblick in die Weise, wie er sein Leben deutet und mit welcher leitenden Idee er es bew\u00e4ltigt\u201c, meint wiederum Karen Joisten. Umgekehrt bedeutet das Verschwinden des in der Tradition liegenden Erfahrungswissens, ein Verschwinden der erz\u00e4hlten Welt \u2013 und damit der gro\u00dfen Sinnzusammenh\u00e4nge einschlie\u00dflich jener, die Heimat reflexiv machen k\u00f6nnen und hieraus in einer nicht-naiven Weise konstituieren. Die Postmoderne ist, so Lyotard, nun einmal dadurch gepr\u00e4gt, dass man den \u201agro\u00dfen Meta-Erz\u00e4hlungen\u2018 keinen Glauben mehr schenkt. Auch die jahrzehntelang so attraktive Metaerz\u00e4hlung des Sozialismus, die Utopie einer egalit\u00e4ren Gesellschaft, ist mit den Revolutionen von 1989 zusammengebrochen \u2013 und damit eine Chance auf nicht-geographische Beheimatung, hier: im Sozialismus. Geblieben ist aber der Konstruktionsmechanismus nicht-geographischer Beheimatung, n\u00e4mlich die Nutzung von Narrationen und Sinndeutungen als Ressourcen realer Ordnungskonstruktion.<\/p>\n<p>Beheimatung allein durch Narration, unverkn\u00fcpft mit einem konkreten Sozialraum, scheint dennoch schwer m\u00f6glich zu sein, denn der heimatliche Sozialraum ist jener Grund, auf dem sich Halt und Orientierung in existentiellen Krisen finden lassen. So entstand an der Wende zum 20. Jahrhundert, nicht zuletzt aus Kritik an der modernen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft der Gemeinschaftsbegriff. Die Entstehung der Moderne meint somit (auch) den \u00dcbergang von der Gemeinschaft zur Gesellschaft, vom Kollektiv zum Individuum zu Lasten von Beheimatung und Verortung. Das rief verst\u00e4ndlicherweise Gegenbewegungen hervor. So wurde Ende der 1920er Jahre jedenfalls \u201aGemeinschaft\u2018 und das mit ihr verkoppelten Heimatkonzept zum motivierenden Gegenbegriff gegen die moderne b\u00fcrgerliche Ordnung. In unterschiedlichen Akzentuierungen lie\u00df er sich dann sowohl von Nationalsozialisten als auch von Sozialisten vereinnahmen: \u201eDer Individualist hebt die Gesellschaft zugunsten des gro\u00dfen einzelnen, der Sozialist zugunsten der Gemeinschaft auf\u201c, formuliert es Hellmuth Plessner. Alle derartigen Utopien zielten auf eine als w\u00fcnschenswert hingestellte \u00dcberwindung der bestehenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. So wurde \u201aHeimat\u2018 durch die antimodernistische Inanspruchnahme des Gemeinschaftsbegriffs deformiert, wurde einer positiven Sinndeutung von \u201aHeimat\u2018 die Basis entzogen, und zwar sowohl durch die Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus als auch durch die Gleichheitsutopie des Sozialismus. Theodor W. Adorno stellte dann einem vom Ansatz her neoromantischen Verst\u00e4ndnis von Heimat, das \u201aschicksalshaft\u2018 Natur mit Kultur verbindet und einen gleichsam mythischen Zugeh\u00f6rigkeitsraum zeichnet, ein Heimatkonzept gegen\u00fcber, das als transzendenter Horizont intersubjektiver Erz\u00e4hlungen im Kontext des historischen Zivilisationsprozesses zu begreifen ist. Dieses passt dann wieder zu einer offenen Gesellschaft: Ist die Gesellschaft eine Gemeinschaft von Erz\u00e4hlern und Zuh\u00f6rern, so ist \u201amoderne Heimat\u2018 ein Sozialraum, den Kommunikation und Information anf\u00fcllen.<\/p>\n<p>\u201aHeimat\u2018 ist politischem Handeln vorgelagert, umschlie\u00dft es aber noch nicht, und Gemeinsinn ist nur eine Ressource freiheitlicher Politik, doch noch nicht diese selbst. Heimat und auf sie bezogener Gemeinsinn m\u00fcssen deshalb ihrerseits transzendiert werden, wenn es um die Konstruktion einer freiheitlichen Ordnung geht. Was da als n\u00e4chste Schicht herangezogen wird, wird seinen \u201aSitz im Leben\u2018 aber erst dann finden, wenn eine feste Verbindung zur Wirklichkeitsschicht der \u201aHeimat\u2018 gelingt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind immer schon beheimatet, denn Heimat ist Ausgangspunkt und Grundlage unseres Handelns. \u201eHeimat\u201c ist aber kein statischer Begriff, sondern ein teleologischer. Als Strukturbegriff besitzt er eine in sich bildende Kraft, die zuk\u00fcnftige und au\u00dferhalb von Heimat liegende Zust\u00e4nde antizipiert. So wird \u201eHeimat\u201c immer wieder \u00fcberwunden und muss sich neu angeeignet werden. Das, was die individuelle Beheimatung als ganze ausmacht, setzt sich stroboskopisch aus Heimaten verschiedener Zeitschichten und Orte zusammen. Jede Schicht ist durch r\u00e4umliche, zeitliche und soziale Aspekte charakterisiert und bildet eine organische Einheit aus vorliegender Natur und der Ordnung, die durch kreatives Wirken hergestellt wird. Der Integrationsprozess von Heimat findet in der Zeit an konkreten Orten und in bestimmten kulturellen Zusammenh\u00e4ngen statt und f\u00fchrt von vergangenen Ereignissen zu zuk\u00fcnftigen. Heimat ist charakterisiert durch die uns pr\u00e4gende physische Umgebung, das sind die bebauten Strukturen, die H\u00e4user und Stra\u00dfen, die Landschaft und kulturellen Gegenst\u00e4nde, aber auch Ger\u00fcche, Speisen und Ger\u00e4usche. Hierzu geh\u00f6ren auch die Sehgewohnheiten der uns pr\u00e4genden virtuellen Welt, wie designte Benutzeroberfl\u00e4chen von Computerprogrammen. Die mentale Seite hingegen pr\u00e4sentiert die erz\u00e4hlte Lebenswirklichkeit, die sinnstiftenden Bilder und Begriffe, die in den Narrationen einer Person oder Gesellschaft zum Ausdruck kommen. Sie enth\u00e4lt Dimensionen von gelebter Kultur und praktizierter Religion. Physischer und mentaler Pol sind miteinander verbunden durch das soziale Band, die Gemeinschaft. Dies ist die dritte Dimension von Heimat. Heimat ist immer Heimat f\u00fcr jemanden. Und Orte werden zur Heimat, wenn sie lebendige Orte sind. Wie Edward Caseys Orte ist Heimat durch Kultur, Leben und Sammeln gepr\u00e4gt. Die gesammelten Artefakte sind das, was Orte bestimmt. \u201eKultur\u201c hingegen bezeichnet gelebte Kultur, den Kultus, der in Riten und sinnstiftenden Handlungen zum Ausdruck kommt und gepr\u00e4gt ist durch Narrationen, die Beheimatung und Identit\u00e4t erm\u00f6glichen. Letztendlich sind physische Umgebung und gelebte Kultur durch das Leben miteinander verbunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edgar Reitz: \u201eOffensichtlich haben wir einen Fehler gemacht, n\u00e4mlich zu meinen, dass der Markt alles regelt. 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