{"id":118277,"date":"2026-01-28T16:35:28","date_gmt":"2026-01-28T15:35:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118277"},"modified":"2026-01-28T16:35:32","modified_gmt":"2026-01-28T15:35:32","slug":"dies-ist-die-nacht-der-exodus-israels-als-christlicher-glaubensinhalt","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/dies-ist-die-nacht-der-exodus-israels-als-christlicher-glaubensinhalt\/","title":{"rendered":"Dies ist die Nacht"},"content":{"rendered":"<p>Wenn bei der Feier der Osternacht als eine der Lesungen die Erz\u00e4hlung von den Israeliten, die trockenen Fu\u00dfes durch das Schilfmeer ziehen und den sie verfolgenden \u00c4gyptern, die im Meer ertrinken, zu h\u00f6ren ist, werden nicht wenige Christen sich fragen, warum gerade dieser Text vorgelesen wird. Sie fragen sich, was dieser Text denn mit der Feier der Auferstehung Jesu zu tun habe und was er ihnen sagen solle. Die Irritation \u00fcber diesen Text steckt teilweise jedoch noch tiefer, denn die Rede von einem Gott, der alle \u00c4gypter umbringt, scheint so gar nicht zu dem Gott zu passen, der sich, indem er Jesus von den Toten erweckt, als ein Gott des Lebens erweist.<\/p>\n<p>Die sich durch diese Lesung andeutende Verbindung zwischen Ostern und Exodus ist aber noch viel tiefer, was das Schilfmeerlied aus Ex 15, das die Rettung der Israeliten am Meer besingt, als Zwischengesang nach der genannten Lesung oder die Lesung vom Pascha der Israeliten vor dem Auszug aus \u00c4gypten (Ex 12) bei der Abendmahlsmesse am Gr\u00fcndonnerstag zeigen. Auf die Frage, warum gerade diese Texte an Ostern gelesen werden, gibt es eine ganz einfache Antwort: Es war immer so! Diese so einfache Antwort ist aber weit mehr als ein simples Traditionsargument, denn sie weist auf die Anf\u00e4nge des Christentums zur\u00fcck. Dass die \u00e4ltesten uns bekannten Liturgien der Osterfeier Texte des Exodus-Buches benutzen, ist die logische und notwendige Folge eines bereits in den Schriften des Neuen Testaments zu beobachtenden Ph\u00e4nomens: Das Christusereignis wird von diesen Texten des Exodus-Buches beziehungsweise mit ihnen und durch sie gedeutet. Auch wenn es einen \u00e4u\u00dferlichen Ankn\u00fcpfungspunkt gibt, der darin besteht, dass in den Evangelien \u00fcbereinstimmend berichtet wird, dass das Leiden und Sterben Jesu mit dem Festtermin des j\u00fcdischen P\u00e4sach zusammenfiel (vgl. Mt 26,1; Mk 14,1; Lk 22,1; Joh 6,4), so ist doch leicht zu erkennen, dass die inneren Argumente viel weiter gehen, wenn beispielsweise Christus von Paulus als \u201eunser Paschalamm\u201c, das geopfert worden ist (1 Kor 5,7), bezeichnet wird. Die Deutungen sind zumeist typologischer Art: Ein im Alten Testament beschriebenes Ereignis gilt als \u201eVorbild\u201c (Typos) f\u00fcr ein im Neuen Testament beschriebenes Geschehen (Antitypos). Auf diese Weise wird eine \u201eEntsprechung zwischen den beiden Testamenten hergestellt, um deren sachliche Einheit \u2013 die <em>zweieine<\/em> christliche Bibel \u2013 zum Ausdruck zu bringen. Am anschaulichsten tritt uns dieses typologische Denken in den christlichen Bildwerken entgegen, allen voran in den Bildseiten der mittelalterlichen \u201eBiblia Pauperum\u201c, in der dem Bild eines neutestamentlichen Ereignisses zwei alttestamentliche Szenen zugeordnet sind. So wird beispielsweise die Darstellung vom Abendmahl Christi oft durch ein Bild von der Begegnung Abrahams mit Melchisedek (Gen 14,17ff.) und eines von der Mannalese der Israeliten (Ex 16) flankiert. In beiden alttestamentlichen Szenen sieht man eine Andeutung der sp\u00e4teren eucharistischen Gaben \u2013 Brot und Wein von Melchisedek und \u201eHimmelsbrot\u201c f\u00fcr die Israeliten.<\/p>\n<p>In gleicher Weise wird der Durchzug durch das Schilfmeer beim Exodus der Taufe Christi zugeordnet. Die Verbindung von Durchzug durch das Meer und christlicher Taufe geht bis in die alte Kirche zur\u00fcck, denn schon die fr\u00fchchristlichen Liturgien kennen die Osternacht als Taufnacht der Kirche, was durch entsprechende Predigten der Kirchenv\u00e4ter untermauert wird. Neben die vielf\u00e4ltigen typologischen Deutungen des Exodus-Geschehens treten \u2013 besonders seit Origenes \u2013 die allegorischen Auslegungen. Viele einzelne Elemente des Exodus beziehungsweise der P\u00e4sach-Feier wie beispielsweise das Opferlamm, das Blut oder das Wasser werden benutzt, um den Christus-Glauben zu deuten.<\/p>\n<p>Schaut man sich die christlichen Exodus-Deutungen aber genauer an, dann f\u00e4llt auf, dass zwei in der biblischen Exodus-Geschichte wichtige Ereignisse im Zentrum der christlichen Rezeption stehen: Das P\u00e4sach von Ex 12 und der Durchzug durchs Meer von Ex 14.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>P\u00e4sach und Abendmahl<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die neutestamentlichen \u00dcberlieferungen vom Abendmahl, das Jesus mit seinen J\u00fcngern gefeiert hat, bilden den Ausgangspunkt f\u00fcr das christliche Verst\u00e4ndnis der Eucharistie. Dass das Abendmahl Jesu ein j\u00fcdisches P\u00e4sach-Mahl, eine Seder-Feier, war, wird in der Wissenschaft immer wieder kontrovers diskutiert, auch wenn zahlreiche Hinweise genau darauf hindeuten, wie der gro\u00dfe j\u00fcdische Gelehrte Schalom Ben-Chorin in seinem Buch \u201eNarrative Theologie des Judentums\u201c aufgezeigt hat. Dar\u00fcber kann man diskutieren, aber auch die christliche Rezeptionsgeschichte hat dies immer wieder in dieser Weise gedeutet.<\/p>\n<p>Das Altarbild \u201eDas letzte Abendmahl\u201c von Dierick Bouts d.\u00c4. (1415-1475) von 1464\/7 in der Sint-Pieterskerk im belgischen Leuven zeigt auf den Fl\u00fcgeln unter den klassischen typologischen Zuordnungen zum Abendmahl (links oben: Abraham und Melchisedek; rechts oben: Mannalese; rechts unten: Speisung des Propheten Elia) ein j\u00fcdisches P\u00e4sach-Mahl (links unten), das nach der Ritualanweisung von Ex 12 gedacht ist (ein Lamm, Personen geg\u00fcrtet und mit Stab) als Vorbild f\u00fcr die Einsetzung der Eucharistie. W\u00e4hrend hier durch die beiden Bilder der Bezug klar ist und das sp\u00e4tere Messopfer durch den Kelch und die Hostien in der Mitte die Einsetzung der sp\u00e4teren Eucharistie angezeigt ist, haben andere Abendmahlbilder noch deutlicher das P\u00e4sach-Mahl vor Augen, wenn sie ein Fleischst\u00fcck in der Mitte des Tisches und noch nicht die eucharistischen Gaben durch Hostie und Kelch anzeigen. So beispielsweise bei Matthias Gr\u00fcnewald auf der Coburger Tafel von ca. 1500 oder schon 1100 auf dem Fresko von Sant\u2018 Angelo in Formis.<\/p>\n<p>Die Tiefe der Bez\u00fcge wird aber erst sichtbar, wenn man die entsprechenden Bibeltexte genauer anschaut. Im Zentrum der neutestamentlichen Abendmahlsberichte (Mt 26,26ff.; Mk 14,22ff.; Lk 22,15ff.) stehen die Worte Jesu \u00fcber Brot und Wein, die durch die \u00dcberlieferung des Paulus in 1 Kor 11,23-26 erg\u00e4nzt werden: \u201eIch habe n\u00e4mlich vom Herrn \u00fcberkommen, was ich auch euch \u00fcberliefert: In der Nacht, da er ausgeliefert wurde, nahm der Herr Jesus Brot, sagte den Dank, brach es und sprach: das ist mein Leib f\u00fcr euch \u2013 das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis. Ebenso auch den Becher nach dem Mahl \u2013 sagend: dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut. Das tut, so oft ihr trinkt, zu meinem Ged\u00e4chtnis. Denn: so oft ihr dieses Brot esst und den Becher trinkt, k\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn an \u2013 bis er kommt.\u201c<\/p>\n<p>Diese Worte zeigen, dass die Abendmahlsberichte der Evangelien proleptisch angelegt sind, denn sie greifen dem Ereignis vor oder, anders gesagt, sie umschreiben das sp\u00e4tere Ereignis erinnernde und deutende Ritual vor dem Ereignis selbst. Diese eigenwillige Struktur folgt aber exakt der Beschreibung von Ex 12, dem P\u00e4sach der Israeliten in \u00c4gypten. Dieser Text beschreibt n\u00e4mlich auch kein Geschehen, sondern ist zuerst einmal Anweisung, die die sp\u00e4tere erinnernde Deutung begr\u00fcndet. Der Text von Ex 12 bis 13 enth\u00e4lt, was man auf den ersten Blick schnell \u00fcbersieht, nur wenige Erz\u00e4hlst\u00fccke, die der erz\u00e4hlten Situation der Israeliten in \u00c4gypten eindeutig zuzuordnen sind. Vorherrschend sind in diesem Abschnitt Anweisungen zum Ritual f\u00fcr die P\u00e4sach-Feier, vor allem das Schlachten der L\u00e4mmer und die unges\u00e4uerten Brote (Mazzot) betreffend. Die Anweisungen werden durch die Ausf\u00fchrungsnotizen (\u201eDann gingen die Israeliten daran und machten es so wie der Herr es Mose und Aaron befohlen hatte, so machten sie es\u201c) quasi in die Erz\u00e4hlung implantiert, um so als im Ursprungsgeschehen verankerter Ritus fungieren zu k\u00f6nnen, denn es wird gerade nicht erz\u00e4hlt, was die Israeliten taten.<\/p>\n<p>Am Beispiel der Mazzot lassen sich die im Text angelegten \u201eZeit-Spr\u00fcnge\u201c zwischen dem erz\u00e4hlten Geschehen und den auf Zukunft hin angelegten Anweisungen gut erkennen. So hei\u00dft es: \u201eDieser Tag soll euch zur Erinnerung werden und ihr sollt ihn als Fest f\u00fcr den Herrn f\u00fcr eure Generation feiern, als ewige Satzung sollt ihr feiern\u201c (Ex 12,14). Gleich im n\u00e4chsten Satz ist aber dann die Rede von einem siebent\u00e4gigen Fest: \u201eSieben Tage sollt ihr Mazzot essen. Gleich am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren H\u00e4usern wegschaffen\u201c (Ex 12,15). Der dann folgende Satz, der auf die Situation der Israeliten in \u00c4gypten eingeht, ist ganz auf den (einen) Auszugstag bezogen: \u201eBeachtet die Mazzot, denn an eben diesem Tag f\u00fchre ich eure Scharen aus dem Land \u00c4gypten heraus (\u2026) Sieben Tage lang soll kein Sauerteig in euren H\u00e4usern gefunden werden\u201c (Ex 12,17.19). Die literarische Eigenart dieser Erz\u00e4hlung, ihr metaleptischer Charakter, der Wechsel der Erz\u00e4hlebenen, ist von Ilse M\u00fcllner en d\u00e9tail untersucht und beschrieben worden: \u201eVon der fr\u00fchen j\u00fcdischen Tradition bis in die gegenw\u00e4rtige Bibelwissenschaft hinein wird zwischen dem ersten oder Urpessach, das mit dem Auszugsereignis r\u00e4umlich und zeitlich verbunden ist, und dem Pessachfest, das dieses Auszugsereignis feiernd erinnert, unterschieden. Diese Unterscheidung ist aber mit Blick auf Ex 12f eine analytische Konstruktion. Denn hier werden keine einmaligen Handlungen erz\u00e4hlt, die in einem sekund\u00e4ren Akt ritualisiert w\u00fcrden. Von vorne herein handelt es sich um ein Ritual, das zun\u00e4chst geboten und dann durchgef\u00fchrt wird.\u201c<\/p>\n<p>Analog dazu \u2013 oder sogar in Anlehnung daran \u2013 wird im neuen Testament vom letzten Abendmahl Jesu berichtet und dabei die \u201eErinnerungsfeier\u201c der Eucharistie begr\u00fcndet. In geradezu logischer Konsequenz findet sich sodann Ex 12 als Lesung in der Er\u00f6ffnung der Heiligen Tage am Gr\u00fcndonnerstag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Das Meerwunder<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht so deutlich ist der Bezug zur Meerwundererz\u00e4hlung von Ex 14. Sie wird n\u00e4mlich nicht in einem Ritual \u2013 wenn man vom Taufritus einmal absieht \u2013 vergegenw\u00e4rtigt. Lediglich in der Feier der Osternacht kommt Ex 14 als Lesung vor, und in vielen Gebeten finden sich mehr oder weniger deutliche Bezugnahmen auf die Meerwundererz\u00e4hlung, die aber teilweise auf Psalmentexte zur\u00fcckgehen. Gleichwohl handelt es sich fraglos um ein zentrales Ereignis, das in keiner Erw\u00e4hnung und Deutung des Exodus fehlt. Der Grund f\u00fcr diese Betonung des Meerwunders liegt in der literarischen Komposition der biblischen Erz\u00e4hlung. Ganz grob eingeteilt sind es drei Textst\u00fccke, die auf je eigene Weise den Auszug aus \u00c4gypten behandeln.<\/p>\n<ol>\n<li>P\u00e4sach\/Mazzot und Aufbruch (Ex 12,1-13,19)<\/li>\n<li>Meerwunder (Ex 13,20-14,31)<\/li>\n<li>Mose-\/Mirjam-Lied (Ex 15,1-21)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auffallend ist, dass nur der mittlere Teil, der das Meerwunder betrifft, eine fortlaufende \u2013 ununterbrochene \u2013 Erz\u00e4hlung bietet, w\u00e4hrend im ersten Teil die regulativen \u2013 also nicht-erz\u00e4hlenden \u2013 Passagen, die in Gottes- beziehungsweise Mose-Reden eingebettet sind, die Erz\u00e4hlung vielfach unterbrechen und bez\u00fcglich ihres Umfangs die erz\u00e4hlenden Teile deutlich \u00fcberlagern. Der abschlie\u00dfende dritte Teil kommt de facto ganz ohne Erz\u00e4hlung aus, inhaltlich ist er aber so eng mit der vorausgehenden Meerwunderz\u00e4hlung verbunden, dass diese sich erst von jenem Hymnus her zur G\u00e4nze erschlie\u00dft. Im Blick auf das Ganze dieser Komposition ist eine Affinit\u00e4t zum Liturgischen gar nicht zu \u00fcbersehen, wenn man den m\u00f6glichen Sitz im Lesen der Festanweisung (1.) und des Hymnus (3.) in Betracht zieht.<\/p>\n<p>Daran l\u00e4sst sich ablesen, dass in Ex 12,1-15,21 eine komplexe literarische Komposition vorliegt, deren Teile sich erg\u00e4nzen und gegenseitig interpretieren. Der \u00dcberblick \u00fcber die Kompositionsstruktur zeigt an, dass hier nicht separate Ereignisse nebeneinander stehen, sondern dass es um einen zentralen Inhalt geht, der auf verschiedene Weise durchdrungen und pr\u00e4sentiert wird. Die Meerwundererz\u00e4hlung steht dabei nicht nur formal-kompositorisch im Zentrum, sondern auch inhaltlich und vor allem theologisch. Der Bogen, der \u00fcber die Meerwundererz\u00e4hlung geschlagen wird, bindet das Meerwunder, das die Mitte der Rettungsgeschichte von Ex 12-15 bildet, und die zu feiernde (liturgische) Erinnerung des Auszugs, die untrennbar mit der P\u00e4sach-Feier verbunden wird, aufs engste zusammen. Die (Herausf\u00fchrung aus \u00c4gypten) ist als Ausdruck der entscheidenden Rettung durch JHWH schlie\u00dflich auch zum Kern der Gottesvorstellung geworden, was die Dekalog-Er\u00f6ffnung \u201eIch bin JHWH, dein Gott, der ich dich herausgef\u00fchrt habe aus dem Land \u00c4gypten, dem Sklavenhaus\u201c unterstreicht. Vom Meerwunder ist sie nur scheinbar gel\u00f6st, denn \u201eExodus\/Auszug\u201c bezieht sich auf die ganze Einheit der drei genannten Teile und kann von jedem dieser drei vertreten werden. Der gemeinsame und verbindende Inhalt ist die Rettung Israels durch JHWH.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Befreiung zum Leben mit Gott<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Bibel ist diese Rettung jedoch vielmehr als ein gl\u00fcckliches Ereignis oder ein gro\u00dfer Befreiungsakt. Was in der Meerwundererz\u00e4hlung aufleuchtet, wird im nachfolgenden Lied poetisch verdichtet und zum Ursprungsmythos des Volkes Israel. Dieser Ursprungsmythos beschreibt Israel zuerst in gr\u00f6\u00dfter Not und Gefahr. Die Israeliten haben Angst, ja Todesangst! \u201eGab es etwa keine Gr\u00e4ber in \u00c4gypten, das du uns nehmen musstest, in der W\u00fcste zu sterben?\u201c halten sie Mose in Ex 14,11 vor. Doch gegen alle \u00c4ngste und Bef\u00fcrchtungen der Israeliten stellt Mose die alles entscheidende Aussage: \u201eF\u00fcrchtet euch nicht! Tretet heran und seht JHWHs Rettung, die euch heute zuteil wird, denn, was die \u00c4gypter betrifft, die ihr heute seht, dass werdet ihr niemals mehr sehen. JHWH wird f\u00fcr euch k\u00e4mpfen, ihr aber k\u00f6nnt euch zur\u00fcck halten\u201c (Ex 14,13-14). Mitten im dann folgenden Geschehen scheinen auch die \u00c4gypter das zu begreifen: \u201eDann sagte \u00c4gypten: Ich will die Flucht vor Israel ergreifen, denn JHWH k\u00e4mpft f\u00fcr sie gegen \u00c4gypten\u201c (Ex 14,25).<\/p>\n<p>Israel entkommt also der drohenden Gefahr allein dadurch, dass JHWH an seiner Stelle k\u00e4mpft. Die Israeliten werden zu Zuschauern gemacht, um ihren Gott anzuerkennen. Dass alle Macht und Gewalt allein von ihrem Gott ausgeht, streicht auch der nachfolgende Hymnus von Ex 15 heraus, wenn er Israels Gott als St\u00e4rke und Schutz lobt, da er Reiterei und Streitwagen ins Meer warf und so f\u00fcr Israel zur Rettung wurde (Ex 15,1-2). In diesem Kontext muss man auch die uns heute irritierende Aussage h\u00f6ren und verstehen: \u201eJHWH ist ein Mann des Krieges\u201c (Ex 15,3). Dies ist n\u00e4mlich keine Formulierung einer Wesenseigenschaft Gottes oder Selbstaussage, sondern eine Aussage gegen jede Form von religi\u00f6s motiviertem Krieg (Heiligem Krieg), weil hier kein Mensch f\u00fcr Gott oder seine eigene Religion in den Krieg ziehen muss, sondern Gott f\u00fcr sein Volk k\u00e4mpft. Damit ist nat\u00fcrlich nicht jegliche Gewaltproblematik aus diesen Texten verbannt. Abgesehen davon, dass Pazifismus kein Konzept der Antike ist, gilt es zu beachten, dass die Exodus-\u00dcberlieferung gerade keine historisch greifbare Auseinandersetzung mit einer konkreten \u00e4gyptischen Macht beschreiben will. Bezeichnenderweise wird in der gesamten Erz\u00e4hlung des Exodus kein Pharao namentlich erw\u00e4hnt, was allen Versuchen, die Texte (fundamentalistisch) historisch auszuwerten, entgegentritt. \u00c4gypten steht hier f\u00fcr jede lebensbedrohliche Macht, die durch Gottes Eingreifen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und schlie\u00dflich vernichtet wird.<\/p>\n<p>Mehr als Rettung aus Not, sondern vielmehr Befreiung f\u00fcr ein neues Leben geschieht durch den Exodus. Israel geht als Volk neu aus \u00c4gypten hervor, weil Gott treu zu den Verhei\u00dfungen steht, die er zuvor Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat. JHWH hat Israel aus der Hand \u00c4gyptens befreit, weil er es in das versprochene Land bringen will. Der Exodus ist also f\u00fcr Israel so etwas wie eine neue Geburt des Volkes, deshalb beschreibt sowohl der Text der Meerwundererz\u00e4hlung als auch der nachfolgende Hymnus durch Bilder und Vorstellungen ihn als Sch\u00f6pfergott. Dies hat \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 wohl auch dazu gef\u00fchrt, dass das Christentum Ostern schon fr\u00fch als ein Fest der Sch\u00f6pfung bzw. Neusch\u00f6pfung gefeiert hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr Israel als Volk Gottes ist der Exodus-Mythos die ma\u00dfgebliche Grundlegung der eigenen Identit\u00e4t, was die erste Rede Gottes nach der Ankunft am Berg Sinai best\u00e4tigt. \u201eIhr habt selbst gesehen, was ich an \u00c4gypten getan habe. Dann habe ich euch auf Geiersfl\u00fcgeln getragen und euch zu mir gebracht. Jetzt aber, wenn ihr wahrhaftig auf meine Stimme h\u00f6ren werdet, meinen Bund bewahren werdet, dann werdet ihr mein eigenes Volk unter allen V\u00f6lkern sein, wenngleich mir die ganze Erde geh\u00f6rt, werdet ihr mir aber ein priesterliches K\u00f6nigreich sein, ein heiliges Volk\u201c (Ex 19,4-6).<\/p>\n<p>Genau dieses identit\u00e4tsstiftende Element des Exodus bildet die Grundlage daf\u00fcr, dass das Exodus-Geschehen beziehungsweise die Exodus-Erz\u00e4hlung vom Christentum, das seine Wurzeln im biblischen Israel hat, so exponiert rezipiert wurde. Nicht einzelne Ereignisse oder separate Motive stehen am Anfang der christlichen Exodus-Rezeption, sondern das Bewusstsein, dass dieses Exodus-Ereignis die Gottesbeziehung Israels begr\u00fcndet; sp\u00e4ter erst treten die schon erw\u00e4hnten Deutungen einzelner Motive hinzu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Der Exodus der Auferstehung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis heute aber wird diese grundlegende Verbindung f\u00fcr die Christen in der Feier der Osternacht zum Ausdruck gebracht. Nicht nur durch das Lesen der entsprechenden Texte, sondern mehr noch gleich zu Beginn der Feier beim Exsultet, dem Lob der Osterkerze:<\/p>\n<p>\u201eDies ist die Nacht, in der du am Anfang unsere V\u00e4ter, die Nachkommen Israels, nachdem sie herausgef\u00fchrt waren aus \u00c4gypten, trockenen Fu\u00dfes durch das Schilfmeer geleitet hast.<\/p>\n<p>Dies also ist die Nacht, welche die Finsternis der S\u00fcnden durch der Feuers\u00e4ule Erleuchtung verscheucht hat.<\/p>\n<p>Dies ist die Nacht, die heute auf der ganzen Erde Menschen, die zum Glauben in Christus gekommen sind, losgel\u00f6st von den Lastern der Welt und vom Dunkel der S\u00fcnde, heimgef\u00fchrt zur Gnade und den Heiligen zugesellt.<\/p>\n<p>Dies ist die Nacht, da Christus die Fesseln des Todes gesprengt hat und aus denen, die unter der Erde sind, als Sieger emporstieg.\u201c<\/p>\n<p>Wenn hier von \u201eunseren V\u00e4tern\u201c gesprochen wird, dann ist das ein Bekenntnis dazu, dass die Christen sich von Anfang an in das Volk Gottes eingebunden sehen. Das ist auch \u2013 gerade in der Fr\u00fchzeit des Christentums \u2013 keine Enterbung oder Ersetzung des Judentums durch das Christentum, sondern Ausdruck einer tiefen Verbindung, die den Kern des biblischen und theologischen Begriffs Israel als Volk Gottes erkennt. Genau diesen Kern verkennt Luther, wenn er betont, dass Gott nicht uns, sondern allein die Juden aus \u00c4gypten gef\u00fchrt habe: \u201eAus diesem Text (i.e. Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus \u00c4gyptenland, aus dem Diensthaus, gef\u00fchrt habe) ersehen wir klar, dass selbst die zehn Gebote uns nicht angehen. Denn er hat ja nicht uns aus \u00c4gypten gef\u00fchrt, sondern allein die Juden.\u201c<\/p>\n<p>Diese Trennung ist ganz und gar unbiblisch. Was schon die j\u00fcdische Rezeption zeigt, die uns in der P\u00e4sach-Haggada begegnet, wenn es dort hei\u00dft, dass jeder einzelne in allen Zeiten der Geschichte aus \u00c4gypten befreit ist (\u201eIn jedem Zeitalter ist der Mensch verpflichtet, sich vorzustellen, er sei selbst mit aus \u00c4gypten gezogen \u2026 Nicht unsere Vorfahren allein hat der hochgelobte Heilige erl\u00f6st, sondern er hat auch uns mit ihnen erl\u00f6st\u201c). Diese \u201ebleibende Bedeutung\u201c geht auf das biblische Verst\u00e4ndnis zur\u00fcck. An der Grenze zum gelobten Land erkl\u00e4rt Mose der zweiten Generation des Volkes nach dem Auszug aus \u00c4gypten in Bezug auf den Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat, dass es nicht um eine intellektuelle Erinnerung an ein vergangenes Ereignis geht, sondern um ein Gegenw\u00e4rtig-Sein der Bedeutung des Ereignisses in und f\u00fcr die jeweilige Generation: \u201eJHWH, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. Nicht mit unseren V\u00e4tern hat der Herr diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier stehen, mit uns allen, den Lebenden\u201c (Dtn 5,2-3).<\/p>\n<p>Das Christentum ist ohne Exodus-Ereignis ebenso wenig zu verstehen wie das Neue Testament ohne das Alte. In einer Oration der Osternacht hei\u00dft es dazu ganz treffend: \u201eDu hast uns die Schriften des Alten und Neuen Bundes gegeben, damit wir das Osterfest feiern k\u00f6nnen.\u201c Da das christliche Selbstverst\u00e4ndnis als Volk Gottes im Exodus-Ereignis gr\u00fcndet, erkl\u00e4ren sich die typischen Bezugnahmen der christlichen Tauftheologie auf die Meerwunder- beziehungsweise Auszugsgeschichte ganz von selbst.<\/p>\n<p>Schon die Texte des Neuen Testamentes ziehen das Exodus-Ereignis als entscheidendes Deutungsmuster f\u00fcr das Christusereignis heran. So bringt das Matth\u00e4usevangelium gleich zu Beginn unter seinen Erf\u00fcllungszitaten eines, das die Jesusgeschichte markant vom Exodus her zu verstehen lehrt: \u201eDenn es sollte sich erf\u00fcllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus \u00c4gypten habe ich meinen Sohn gerufen\u201c (Mt 2,15). Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, die kleine Episode von der Flucht nach \u00c4gypten h\u00e4tte allein den Sinn, dieses Zitat aus dem Buch Hosea einzubringen. Beim Propheten Hosea findet sich dieser Satz aber in dem zentralen Kapitel, das von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes k\u00fcndet. Es geht um die geradezu unb\u00e4ndige Liebe Gottes zu Israel, die alles menschliche Erkl\u00e4ren \u00fcbersteigt. Den Auszug aus \u00c4gypten beschreibt der Text bei Hosea als Tat eines \u201everliebten Gottes\u201c. Der Hinweis auf die Erf\u00fcllung, den Matth\u00e4us bei seinem Zitat bringt, will sagen, dass in und durch diesen Jesus sich dieser \u201everliebte Befreier\u201c zu Wort meldet. Das, was im Exodus geschehen ist, ist eine f\u00fcr die Christen bleibende Wirklichkeit, die ihnen dieser Jesus vermittelt. F\u00fcr den christlichen Glauben liefert folglich der Exodus den Schl\u00fcssel zum Leben Jesu, indem er die Erl\u00f6sung zu verstehen hilft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn bei der Feier der Osternacht als eine der Lesungen die Erz\u00e4hlung von den Israeliten, die trockenen Fu\u00dfes durch das Schilfmeer ziehen und den sie verfolgenden \u00c4gyptern, die im Meer ertrinken, zu h\u00f6ren ist, werden nicht wenige Christen sich fragen, warum gerade dieser Text vorgelesen wird. 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