{"id":118279,"date":"2026-01-28T16:38:01","date_gmt":"2026-01-28T15:38:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118279"},"modified":"2026-01-28T16:38:01","modified_gmt":"2026-01-28T15:38:01","slug":"exodus-die-revolution-der-alten-welt","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/exodus-die-revolution-der-alten-welt\/","title":{"rendered":"Exodus \u2013 die Revolution der Alten Welt"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1985 brachte Michael Walzer ein brillantes kleines Buch mit dem Titel Exodus and Revolution heraus. Darin zeigte er, dass die biblische Geschichte vom Auszug aus \u00c4gypten mit der vierzigj\u00e4hrigen Wanderung durch die W\u00fcste und der Eroberung Kanaans zum Grundmodell politischer Revolutionen wurde. Jede Revolution ist ein gewaltsamer Aufbruch in etwas Neues, nach jedem solchen Aufbruch gilt es, W\u00fcsten zu durchqueren voller Entbehrungen und konterrevolution\u00e4rer R\u00fcckschl\u00e4ge, bis dann endlich das Gelobte Land einer neuen Ordnung erreicht ist.<\/p>\n<p>Das ist sehr \u00fcberzeugend. Ich meine den Begriff \u201eRevolution\u201c aber ganz anders. In meiner Deutung ist die Exodus-Erz\u00e4hlung nicht das Modell, die Blaupause politischer Revolutionen, sondern hat selbst Revolution gemacht, und zwar dadurch, dass sie zum Gr\u00fcndungsmythos der monotheistischen Religion wurde. Mit deren Siegeszug hat sie die Alte Welt ver\u00e4ndert, erst durch die Christianisierung und dann durch die Islamisierung. Es handelt sich also nicht um eine politische, sondern um eine geistige Revolution, die aber in ihren politischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen die Welt st\u00e4rker und nachhaltiger ver\u00e4ndert hat als jede politische Revolution. Genau genommen ist es auch nicht die Erz\u00e4hlung als solche, die so weltver\u00e4ndernd gewirkt hat, sondern die Ideen, die sie im Medium der Narration entfaltet. Sie hei\u00dfen Offenbarung, Bund und Glaube. Das sind die Ideen, die unseren Begriff von Religion bis heute gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p>Der Alten Welt \u2013 und damit meine ich die Welt der \u201eheidnischen\u201c, \u201epolytheistischen\u201c Religionen, \u00c4gypten, Babylonien, Ph\u00f6nizien, Griechenland, Rom usw. ist diese Ideen-Trias fremd. Deshalb tun wir uns auch schwer, den Begriff \u201eReligion\u201c auf diese alten Kulturen anzuwenden, obwohl doch \u201ereligio\u201c ein lateinisches Wort ist. Aber um diesen Begriff auf das Christentum anwenden zu k\u00f6nnen, musste ihm Laktanz eine neue Etymologie unterschieben, indem er es nicht wie Cicero von re-ligere \u201ewiederlesen, konzentriert beachten\u201c, sondern von re-ligare \u201er\u00fcckbinden\u201c ableitete, um es auf die Idee des Gottesbundes zu beziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fchren wir uns zun\u00e4chst noch einmal die Erz\u00e4hlung vom Auszug aus \u00c4gypten vor Augen. Das Buch Exodus ist in seiner Endgestalt, wie wir es in unseren Bibeln lesen, ungef\u00e4hr im Verh\u00e4ltnis 3:2:3 dreigeteilt. 14 \u00bd Kapitel Auszug aus \u00c4gypten, 9 \u00bd Kapitel Bundesschluss am Sinai, 16 Kapitel Bau des Zeltheiligtums. Der Auszug aus \u00c4gypten nimmt darin also nur ein knappes Drittel ein. Die Erz\u00e4hlung ist logisch und stringent aufgebaut. Sie beginnt in einer Situation \u00e4u\u00dferster Unterdr\u00fcckung und Gottverlassenheit und endet in einer Situation h\u00f6chster W\u00fcrde \u2013 als auserw\u00e4hltes Gottesvolk \u2013 und innigster Gemeinschaft mit Gott, der inmitten seines Volkes Wohnung nimmt. Genau in der Mitte des 40 Kapitel umfassenden Buches steht die entscheidende Szene: die Berufung des Volkes in das Gottesb\u00fcndnis. Nur zwei Szenenfolgen fallen aus diesem stringenten Erz\u00e4hlungsbogen heraus: die zehn Plagen und die in nicht weniger als zw\u00f6lf Kapiteln zweimal aufgez\u00e4hlten Einzelteile des Zeltheiligtums. In diesen Sequenzen scheint die Erz\u00e4hlung auf der Stelle zu treten. Warum 10 Plagen, wo doch eine einzige schwere Plage, eine vernichtende Pestepidemie etwa, gen\u00fcgt h\u00e4tte, um den Pharao zum Einlenken zu bewegen? Und warum zweimal die endlose Aufz\u00e4hlung der Zeltteile?<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herem Hinschauen tritt als das durchgehende Hauptthema ein Offenbarungsprozess hervor, der sich in f\u00fcnf Schritten entfaltet: 1. Mose am Dornbusch: die Offenbarung\u00a0 des Namens JHWH, 2. die zehn Plagen: die Offenbarung der \u00fcberragenden Macht Gottes, 3. der H\u00f6hepunkt, auf den alles Vorhergehende zul\u00e4uft: die Sinai-Offenbarung mit der Berufung des Volks in den Bund und der Verk\u00fcndung der Gebote und Gesetze, die die Grundlage des Bundes bilden, 4. die Offenbarung des Zeltheiligtums und 5. die Wesensoffenbarung f\u00fcr Mose.<\/p>\n<p>Zwischen 4 und 5 liegt die Szene mit dem Goldenen Kalb, die den eben geschlossenen Bund wieder bricht und alles aufs Spiel setzt. Mose, dem es gelungen ist, JHWH nach der Krise mit dem Goldenen Kalb wieder zu vers\u00f6hnen, erbittet sich die Gnade, Gott von Angesicht sehen zu d\u00fcrfen. Das w\u00fcrde er zwar nicht \u00fcberleben, aber er darf Gott von hinten sehen und die \u201eGnadenformel\u201c h\u00f6ren, in der Gott sein Wesen beschreibt. Den Schluss bildet der Einzug von Gottes kab\u00f4d (\u201eHerrlichkeit\u201c) in das Zelt, der keine Offenbarung ist, sondern einen Dauerzustand der institutionalisierten Gottesgegenwart stiftet.<\/p>\n<p>Das weltumst\u00fcrzend Neuartige an dieser Offenbarung ist, dass sie ein f\u00fcr alle Mal ergeht und das ganze Gottes-, Welt- und Selbstverh\u00e4ltnis der Menschen auf eine v\u00f6llig neue und f\u00fcr immer g\u00fcltige Grundlage stellt. Offenbarungen, d.h. g\u00f6ttliche Willensbekundungen durch Vorzeichen, Omina, Traumerscheinungen und Orakel kennen andere Religionen auch; sie betreffen aber immer nur einzelne Personen und Situationen, nie das Ganze der religi\u00f6sen, sozialen und politischen Existenz, und sie ergehen nicht ein f\u00fcr alle Mal, sondern ereignen sich immer einmal wieder. F\u00fcr diese neue religi\u00f6se Kategorie gibt es kein Wort im Hebr\u00e4ischen, Griechischen und Lateinischen. Um sie zu fassen und zu vermitteln, reicht ein Wort nicht aus, dazu bedarf es einer Erz\u00e4hlung, und zwar einer Erz\u00e4hlung von phantastischen, grandiosen Dimensionen. Den H\u00f6hepunkt dieses Offenbarungsgeschehens bildet die Offenbarung des Bundes.<\/p>\n<p>Der dritte Teil wird allgemein als ein Zusatz der Priesterschrift erkl\u00e4rt. Die Priesterschrift entstand gegen Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus, als es galt, nach der R\u00fcckkehr aus dem Exil den Tempel wiederaufzubauen und den Kult neu zu organisieren. Die Beschreibung des Zeltheiligtums dient als Modell f\u00fcr die Struktur des Tempels und seines Funktionierens. Die Dimensionen dieser Beschreibung erkl\u00e4ren sich, wenn man den Gesamtaufbau der Priesterschrift ins Auge fasst. In ihrer Urgestalt umfasste sie die B\u00fccher Genesis und Exodus und verfolgte das grandiose Konzept einer Geschichtsschreibung, die mit der Sch\u00f6pfung der Welt beginnt und mit der Gr\u00fcndung des Tempels endet. So erscheint der Tempel als die Krone der Sch\u00f6pfung und nimmt daher mit seiner Beschreibung einen so gro\u00dfen Raum in diesem Werk ein. Dabei handelt es sich aber nicht um den ersten, salomonischen Tempel, sondern um das Zeltheiligtum als mythisches Vorbild jeden Tempels und damit auch des neuen, nach der R\u00fcckkehr aus dem Exil erbauten zweiten Tempels. So erkl\u00e4rt sich auch der Einschub der Erz\u00e4hlung vom Goldenen Kalb mitten in der Tempelbeschreibung. Die Priesterschrift ist das Gr\u00fcndungsdokument des Fr\u00fchen Judentums, wie es sich nach dem Untergang Israels und der R\u00fcckkehr aus dem Exil konstituierte. Sie hatte daher nicht nur der Geschichte Gottes mit der Welt, der Menschheit und seinem auserw\u00e4hlten Volk Rechnung zu tragen, sondern auch dem Scheitern dieser Geschichte in der Katastrophe der assyrischen und babylonischen Eroberungen mit dem Totalverlust von Land und Staat, K\u00f6nigtum und Tempel. Diese Katastrophe f\u00fchrte man auf menschliches Verschulden, n\u00e4mlich auf den Bruch des Bundes zur\u00fcck, um sie nicht als Versagen Gottes deuten zu m\u00fcssen. Die Geschichte des Goldenen Kalbs ist die mythische Metapher f\u00fcr Bundesbruch, Strafe und \u2013 vor allem \u2013 Bundeserneuerung. Der Bund hat Schuld und Strafe \u00fcberstanden: das ist der Sinn des f\u00fcnften und letzten Offenbarungsschritts. Nun kann das Zeltheiligtum, das Mose im vierten Akt der Offenbarung gezeigt worden war, gebaut werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>III.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz unabh\u00e4ngig von der Frage nach dem historischen Kern, der m\u00f6glicherweise im Mythos vom Auszug aus \u00c4gypten stecken mag, muss man nach der symbolischen Bedeutung \u00c4gyptens im Rahmen der Erz\u00e4hlung fragen. Wof\u00fcr steht \u00c4gypten, das \u201eSklavenhaus\u201c? Das Bild des Sklavenhauses, das die Exodus-Erz\u00e4hlung von der alt\u00e4gyptischen Welt zeichnet, hat die Vorstellung dieser Kultur bis heute eingeschw\u00e4rzt. Es verbindet sich vor allem mit den Pyramiden, in denen es seinen sichtbaren Ausdruck zu finden scheint. Deren Erbauung kann man sich bis heute kaum anders vorstellen als in Form unmenschlicher Ausbeutung breitester Volksmassen. Aber nicht nur der unvorstellbare Arbeitsaufwand, sondern vor allem der Zweck der Pyramiden skandalisierte die Nachwelt, galten sie doch als die monstr\u00f6sen Zeugnisse pharaonischen Gr\u00f6\u00dfenwahns. Es handelt sich um eine der typischen Legenden, wie sie sich an die nicht mehr verstandenen gigantischen \u00dcberreste einer fremdgewordenen Vergangenheit heften. In den Pyramiden sah und sieht man vielerorts bis heute den symbolischen Ausdruck einer Kultur und eines politischen Systems, das von einer autokratischen Spitze kontrolliert wird und dem sich jeder Einzelne als Baustein einzuf\u00fcgen hat.<\/p>\n<p>Die gigantische Baut\u00e4tigkeit der Pharaonen und was wir \u00fcber die Stellung des K\u00f6nigtums und die politische Organisation des Staates ablesen k\u00f6nnen, bildet aber nur die eine, die Au\u00dfenseite des Systems. Die Innenseite bildet eine hochelaborierte, staatstragende Gemeinschaftskunst, wie sie zu einer Gesellschaft passt, die den ersten gro\u00dfr\u00e4umigen Staat der Geschichte errichtet und \u00fcber dreitausend Jahre aufrechterhalten hat. Ein solches Projekt war nur auf der Grundlage starker konnektiver Tugenden, Ideale und Normen zu errichten und aufrecht zu erhalten. Die alten \u00c4gypter entwickelten die Moral aus den Beziehungen heraus, die die Menschen zur Gemeinschaft verbinden. \u201eNur gemeinsam k\u00f6nnen wir leben\u201c, in dieser Formel, auf die Theo Sundermeier die Quintessenz schwarz-afrikanischen Lebensgef\u00fchls gebracht hat, l\u00e4sst sich auch die alt\u00e4gyptische Ethik zusammenfassen. Leben ist eine Frage des Leben-K\u00f6nnens, und Leben-K\u00f6nnen h\u00e4ngt ab von der F\u00e4higkeit zum Zusammenleben, von den \u201ekonnektiven Tugenden\u201c.<\/p>\n<p>Der \u00e4gyptische Zentralbegriff dieser Gemeinschaftskunst ist Ma\u2019at, was wir mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Echtheit und Ordnung umschreiben. Ma&#8217;at ist in erster Linie das Prinzip der Verbindung oder \u201eKonnektivit\u00e4t\u201c, es stiftet Zusammenhang: erstens der Menschen untereinander, so dass sie sich zur Gemeinschaft verbinden, zweitens der Rede, so dass sie \u201ewahr\u201c ist und in Beziehung steht zu den Absichten, dem \u201eHerzen\u201c, des Redenden und den Sachverhalten der Au\u00dfenwelt, und drittens der Dinge, so dass sie in harmonischer Ordnung zueinander stehen. Ma&#8217;at ist erstens die \u201eGerechtigkeit\u201c, die man im Handeln verwirklicht, zweitens die \u201eWahrheit\u201c, der man im Reden und Denken folgt:\u00a0 das ist die Ma&#8217;at, die man \u201espricht\u201c, und drittens die \u201eOrdnung\u201c: das ist die Ma&#8217;at, die der K\u00f6nig \u2013 wie es in einem wichtigen Text hei\u00dft \u2013 \u201everwirklicht\u201c oder \u201eentstehen l\u00e4sst\u201c auf Erden, indem er die Isfet, das Gegenteil der Ma\u2019at, also Unrecht, L\u00fcge und Chaos vertreibt.<\/p>\n<p>Das pharaonische System ist eine grandiose Sinnkonstruktion. Seine St\u00e4rke erweist sich in seiner beispiellosen Stabilit\u00e4t. Es hat \u00fcber drei Jahrtausende bestanden und sich nach mehreren Zusammenbr\u00fcchen immer weitgehend identisch restituiert. Es war nur durch eine noch grandiosere Sinnkonstruktion zu \u00fcberwinden. Das ist die Leistung der Exodus-Erz\u00e4hlung. Mit ihren Ideen von Offenbarung, Bund und Glaube macht sie deutlich, was dem pharaonischen System und allgemein dem Prinzip des Sakralk\u00f6nigtums fehlt. Auf einen Begriff gebracht, beruht sie auf seiner Intranszendenz. Ihm fehlt die Vorstellung einer Au\u00dferweltlichkeit: das G\u00f6ttliche ist innerweltlich und die Welt ist g\u00f6ttlich. Das G\u00f6ttliche verk\u00f6rpert sich im Herrscher, der Staat ist eine heilige Institution, eine Art Kirche.<\/p>\n<p>Das \u00e4gyptische Weltbild wird von zwei Grundvorstellungen bestimmt: die Vorstellung von der Staatsabh\u00e4ngigkeit der Moral und die Vorstellung von der Inganghaltungsbed\u00fcrftigkeit der Welt. Beides erweist sich im Licht der biblischen Ideen-Trias von Offenbarung, Bund und Glaube als wahnhaft. Daher lassen sich der Exodus-Mythos und der in ihm grundgelegte Monotheismus als ein Akt radikaler Aufkl\u00e4rung und in diesem Sinne als eine geistige Revolution verstehen.<\/p>\n<p>Staatsabh\u00e4ngigkeit hei\u00dft, dass Sinn, Gemeinschaft, Gerechtigkeit und Best\u00e4ndigkeit mit der Existenz des pharaonischen Staates stehen und fallen. Im Buch Exodus geht es in einem durchaus revolution\u00e4ren Sinne darum, das Konzept Pharao zu dekonstruieren. Es stellt den Auszug der Israeliten aus \u00c4gypten vor allem als einen Machtkampf zwischen Jahwe und Pharao und damit als den Kampf zweier theopolitischer Systeme dar, des heidnisch-pharaonischen und des monotheistisch-israelitischen. Jahwe k\u00e4mpft nicht gegen die \u00e4gyptischen G\u00f6tter, die in der Erz\u00e4hlung gar keine Rolle spielen, sondern gegen Pharao, der geradezu als ein Gegen-Gott auftritt. Daher vollzieht sich die \u00dcberwindung des \u00e4gyptischen Systems \u2013 das hier allgemein f\u00fcr \u201eHeidentum\u201c steht \u2013 vor allem in der Form einer Dekonstruktion der Herrscherrolle. Das sakrale K\u00f6nigskonzept wird zerschlagen und seine Elemente unter Gott und Volk aufgeteilt. Gott erbt die Rollen des Herrschers und Gesetzgebers, das auserw\u00e4hlte Volk die des Sohnes. Das gilt auch f\u00fcr das Israel der K\u00f6nigszeit. Hatte Gott zum K\u00f6nig gesagt \u201eDu bist mein Sohn: heute habe ich Dich gezeugt!\u201c (Ps 2,7) so spricht er jetzt zu Pharao \u201eMein erstgeborener Sohn ist Israel, \u2014 und ich sage dir: Lass meinen Sohn ziehen, damit er mir dient! Wenn du dich aber weigerst, ihn ziehen zu lassen, siehe, dann werde ich deinen erstgeborenen Sohn umbringen. (Ex 4,22-23). Der Bund zwischen Gott und K\u00f6nig, der in der K\u00f6nigszeit galt, wird jetzt auf Gott und Volk umgebucht: \u201eIch will euch Gott sein und ihr sollt mir Volk sein.\u201c (Lev 26,12).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>IV.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Entsakralisierung der Herrschaft wird erreicht durch eine gegenl\u00e4ufige Theologisierung von Recht und Gerechtigkeit. Das ist der Sinn des ungeheuren Offenbarungsgeschehens, das in der Sinai-Offenbarung von Bund und Gesetz gipfelt. Der Glaube an den Bund und die Treue zum Gesetz befreien von dem \u00e4gyptischen Wahn, dass Gerechtigkeit und Menschenliebe von der Existenz eines starken Staates abh\u00e4ngen. Gott, Bund und Gesetz erscheinen in dieser Darstellung als Freiheitsformeln und der Ausgang aus \u00c4gypten als Emanzipation von der \u00e4gyptischen Form politischer Unm\u00fcndigkeit.<\/p>\n<p>Die Entsakralisierung der Herrschaft ist die eine Seite des als revolution\u00e4rer Akt radikaler Aufkl\u00e4rung gedeuteten Auszugs aus \u00c4gypten, und man kann mit Blick auf die Geschichte sagen, dass sie nie vollst\u00e4ndig bzw. fl\u00e4chendeckend gelungen ist. Vollst\u00e4ndiger hat sich die andere Seite, die Entg\u00f6ttlichung oder Verweltlichung der Welt durchgesetzt. Die \u00e4gyptische Welt war nicht nur von g\u00f6ttlichen M\u00e4chten bewohnt und beseelt, sondern auch von einer st\u00e4ndigen Gravitation in Richtung Stillstand, Aufl\u00f6sung und Chaos bedroht, gegen die sie fortw\u00e4hrend in Gang gehalten werden musste. Der Sch\u00f6pfer muss sie als Sonne unabl\u00e4ssig umkreisen und alle gro\u00dfen und kleinen G\u00f6tter m\u00fcssen ihm bei diesem Werk der Inganghaltung beistehen. F\u00fcr die Menschen ergab sich daraus, dass sie zu unabl\u00e4ssiger ritueller Mitwirkung und Anteilnahme aufgefordert sind. Sie m\u00fcssen Sonne und Mond mit Hymnen und Opfern begleiten, sie m\u00fcssen die Nil\u00fcberschwemmung ermuntern und beg\u00fctigen, Aussaat und Ernte mit Riten begleiten, die Tiere heilig halten und das ganze kosmische und nat\u00fcrliche Leben mit and\u00e4chtiger Aufmerksamkeit beobachten und bewahren. Wenn die \u00c4gypter aufh\u00f6rten, den Kosmos anzubeten, w\u00fcrde in ihren Augen die Welt unbewohnbar werden.<\/p>\n<p>Der entscheidende Unterschied zwischen dem \u00e4gyptischen und dem biblischen Weltbild wird klar, wenn wir den Fokus erweitern und zu dem Buch Exodus hinzu auch das Buch Genesis in den Blick nehmen. Der Unterschied liegt in dem Motiv des Schlussstrichs. In der Bibel erschafft Gott die Welt in sechs Tagen und ruht sich am siebten Tage aus, um damit eine deutliche Z\u00e4sur zu setzen zwischen der Phase der Weltentstehung und der Dauer der Welterhaltung. Nachdem die Welt einmal geschaffen ist, muss sie von Gott nicht weiter in Gang gehalten werden. Sie bildet ein selbstregulierendes System; man k\u00f6nnte auch sagen, dass ihr von Gott die Geheimnisse ihres weiteren Funktionierens einprogrammiert sind, so dass die Gestirne ihre Bahnen kennen und die Winde wissen, wann und wohin sie zu wehen haben. Ihr Fortbestand h\u00e4ngt einzig allein von Gottes Willen ab, sie nicht wieder zu zerst\u00f6ren. Jedenfalls k\u00f6nnen und sollen die Menschen zu ihrem Gange nichts beitragen. Die Sonne geht auf und unter, ohne von den Menschen darin mit Opfern und Hymnen best\u00e4rkt zu werden, und dasselbe gilt f\u00fcr Mond und Sterne, Regen und Wind. Immer wieder wird der Mensch gewarnt, die M\u00e4chte der Natur nicht anzubeten, da sie nicht nur wie er selbst von Gott geschaffen sind, sondern weil er den Menschen zum Herrn der Erde eingesetzt hat. Der Mensch soll \u00fcber die Welt verf\u00fcgen: damit erkennt er ihre Nicht-G\u00f6ttlichkeit, bzw. die exklusive G\u00f6ttlichkeit des au\u00dferweltlichen Gottes an. Verf\u00fcgen ist das Gegenteil von Anbeten.<\/p>\n<p>Den gleichen Sinn \u2013 und damit kehren wir vom Buch Genesis zum Buch Exodus zur\u00fcck \u2013 hat das Bilderverbot. Auch hier geht es ja nicht nur um die Unabbildbarkeit Gottes, sondern um das Verbot, \u00fcberhaupt Bilder beliebiger irdischer, himmlischer und unterirdischer Wesen herzustellen, weil im Akt der Bildsch\u00f6pfung schon ein Moment der Anbetung gesehen wird. Dieser viel weiter gehende Sinn des Bilderverbots, der jede fig\u00fcrliche Darstellung verbietet, richtet sich gegen das symbiotische Weltverh\u00e4ltnis des Kosmotheismus, gegen die Bilder als Form einer Welt-Verstrickung. Der Mensch ist \u00fcber die Sch\u00f6pfung gesetzt, nicht in sie hinein. Er soll sie nicht anbeten im Gef\u00fchl seiner Schw\u00e4che und Abh\u00e4ngigkeit, sondern sie frei und souver\u00e4n verwalten. Das Bilderverbot entzaubert die Welt, die den Menschen in ihren Bann schl\u00e4gt und ihn von Gott ablenkt. Ikonoklasmus hei\u00dft Theoklasmus: mit den Bildern sollen die G\u00f6tter zerschlagen werden, die in ihnen angebetet werden.<\/p>\n<p>In diesem Sinn l\u00e4sst sich die monotheistische Revolution als ein Akt der Aufkl\u00e4rung verstehen. Diese Emanzipation hatte einen Preis: sie war erkauft durch die Annahme der Offenbarung einer au\u00dferweltlichen Ordnung jenseits alles Gegebenen, die der Mensch nicht mehr mit seinen Sinnen erleben, erfahren und auf sich beziehen konnte wie im heidnischen Kosmotheismus, sondern an die er glauben musste. Die Transzendenz erschlie\u00dft sich nur dem Glauben, nicht den Sinnen. Der Glaube durchbricht die Intranszendenz des Gegebenen und erschlie\u00dft dem Menschen eine Beheimatung im Aufgegebenen und Verhei\u00dfenen. Die Tora, die Heine so treffend ein \u201eportatives Vaterland\u201c nannte, ist extraterritorial und fundiert eine extraterritoriale Identit\u00e4t. Ger anokhi ba&#8217;aretz, \u201eIch bin ein Fremdling auf Erden\u201c hei\u00dft es in Psalm 119, und weiter: \u201enimm deine Gebote nicht von mir\u201c. Nur so konnte die Tora zum Lebensfundament und Identifikationssymbol eines Volkes auch in Zeiten von Exil und Diaspora werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>V.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Prinzip einer au\u00dferweltlichen Beheimatung gilt f\u00fcr alle Offenbarungsreligionen. Nun hat aber die monotheistische Aufkl\u00e4rung nicht Halt gemacht bei der Entg\u00f6ttlichung oder Entzauberung der Welt und der politischen Herrschaft, sondern zuletzt auch die Offenbarung selbst ins Visier genommen. Die Frage ist, ob uns die Dekonstruktion der Offenbarung bzw. der \u201eTod Gottes\u201c nicht auf die Intranszendenz zur\u00fcckgeworfen hat. 1939, im unmittelbaren Vorfeld des Zweiten Weltkriegs, schrieb der Dichter T.S. Eliot: \u201eIf you will not have God (and He is a jealous God) you should pay your respects to Hitler or Stalin.\u201c Der Preis f\u00fcr einen Ausgang aus der Unm\u00fcndigkeit auch noch des Offenbarungsglaubens, meint Eliot, ist die Auslieferung an den Totalitarismus.<\/p>\n<p>Das kann aber nicht das letzte Wort sein. Nie wird sich die Menschheit auf eine Religion, einen Gott, eine Offenbarung einigen. Einigung ist aber das Gebot der Stunde. Die Ethik, die diese Welt braucht, um im Zeitalter der Globalisierung in Frieden und Gerechtigkeit leben zu k\u00f6nnen, muss auf einer anderen, s\u00e4kularen, metareligi\u00f6sen Ebene entwickelt und rechtlich in Kraft gesetzt werden. Das muss aber nicht gegen die Religionen, sondern durchaus mit den Religionen geschehen. Zwar gibt es Ethik ohne Religion, aber nicht Religion ohne Ethik. Daher gibt es einen gemeinsamen Nenner zwischen dem metareligi\u00f6sen Prozess der Menschenrechte als einer neuen Form globalisierter \u201eGemeinschaftskunst\u201c und den Religionen, die in der Ethik die Mitte ihres Gottes- und Weltverh\u00e4ltnisses sehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; 1985 brachte Michael Walzer ein brillantes kleines Buch mit dem Titel Exodus and Revolution heraus. Darin zeigte er, dass die biblische Geschichte vom Auszug aus \u00c4gypten mit der vierzigj\u00e4hrigen Wanderung durch die W\u00fcste und der Eroberung Kanaans zum Grundmodell politischer Revolutionen wurde. 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