{"id":118281,"date":"2026-01-28T16:47:33","date_gmt":"2026-01-28T15:47:33","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118281"},"modified":"2026-01-28T16:47:36","modified_gmt":"2026-01-28T15:47:36","slug":"hitlers-mein-kampf-eine-kritische-edition","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/hitlers-mein-kampf-eine-kritische-edition\/","title":{"rendered":"Hitlers Mein Kampf"},"content":{"rendered":"<p>Mittlerweile sind zehn Monate vergangen, seit die kritische Edition von <em>Mein Kampf<\/em> am Institut f\u00fcr Zeitgeschichte vorgestellt wurde, und die gro\u00dfe Aufregung der ersten Wochen und Monate ist inzwischen verflogen. Dar\u00fcber bin ich pers\u00f6nlich sehr froh. Die meisten Kommentare zur Edition stehen mittlerweile in einem Geist der N\u00fcchternheit und Sachlichkeit und genau dieser Geist soll auch meinen heutigen Vortrag pr\u00e4gen. Dabei geht es zun\u00e4chst um allgemeine Informationen zu <em>Mein Kampf<\/em>, um die Verbreitung, den Aufbau und die Funktionen, die der Text f\u00fcr Hitler besa\u00df. Anschlie\u00dfend m\u00f6chte ich konkret auf die Edition zu sprechen kommen und zun\u00e4chst deren Grundprinzipien offenlegen, das hei\u00dft, die \u00dcberlegungen deutlich zu machen, die uns Herausgeber bei der Kommentierung geleitet haben. Zuletzt sollen das Konzept der Kommentierung genauer erl\u00e4utert und insgesamt vier Kommentierungsbeispiele gegeben werden, die unsere Arbeit illustrieren.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Mein Kampf als Bestseller<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zur Verbreitung von <em>Mein Kampf<\/em>. Das Buch, Sie werden es wissen, war ein Bestseller. Insgesamt wurden zwischen 1925 und 1944 rund 12,4 Millionen Exemplare des Buchs unters Volk gebracht. Diese Zahl bezieht sich wohlgemerkt allein auf den deutschsprachigen Raum. Hinzu kommen die unz\u00e4hligen, oder besser ungez\u00e4hlten fremdsprachigen Exemplare. Wir haben im Laufe unserer Arbeit recherchiert, wie viele solcher Ausgaben sich bis 1945 identifizieren lassen und sind auf mindestens 17 Sprachen gekommen, in die <em>Mein Kampf<\/em> damals \u00fcbersetzt wurde, ohne dass diese Liste Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit erhebt. Die internationale Rezeption von <em>Mein Kampf<\/em> vor 1945 wurde bislang noch kaum untersucht. Die Forschung hat hier noch viel zu tun.<\/p>\n<p>Wie haben sich diese 12,4 Millionen Exemplare verteilt? Abbildung 1 zeigt Ihnen eine Statistik zu den Verkaufszahlen von <em>Mein Kampf<\/em>, auf die ich etwas n\u00e4her eingehen will.<\/p>\n<p>Der erste Balken ganz links wirkt zun\u00e4chst vergleichsweise mickrig, aber man darf sich hier nicht t\u00e4uschen lassen. <em>Mein Kampf<\/em> hat sich bis zur Macht\u00fcbernahme der NSDAP \u00fcber 200.000 Mal verkauft. Nach allen Standards der historischen Buchforschung muss man hier von einem gro\u00dfen Verkaufserfolg sprechen. Wer sich mit dem rechten bzw. rechtsradikalen Buchmarkt der Weimarer Republik auskennt, dem ist sicherlich Hans Grimms ber\u00fchmter Roman <em>Volk ohne Raum<\/em> ein Begriff. Von diesem Buch, dies nur zum Vergleich, haben sich bis 1933 in etwa gleich viele Exemplare verkauft wie von <em>Mein Kampf<\/em>. Noch aussagekr\u00e4ftiger, wenn es um die viel diskutierte Frage geht, ob das Buch \u00fcberhaupt gelesen wurde, ist jedoch das Jahr 1933, in dem sich <em>Mein Kampf<\/em> mehr als eine Million Mal verkauft hat. Dies liegt wohlgemerkt vor der Zeit, in welcher der NS-Staat dazu \u00fcberging, Druck auf St\u00e4dte und Gemeinden auszu\u00fcben, Exemplare des Buchs abzukaufen und bei festlichen Anl\u00e4ssen zu verschenken. Vielmehr gab es im Jahr der \u201eMachtergreifung\u201c ein sehr gro\u00dfes Interesse an <em>Mein Kampf<\/em>, und wenn man versucht, sich in die Situation der politisch interessierten Zeitgenossen hineinzuversetzen, dann ist das auch nicht \u00fcberraschend. Unter ihnen \u2013 es m\u00fcssen nicht unbedingt Anh\u00e4nger Hitlers, es k\u00f6nnen auch Gegner oder unentschlossene Menschen gewesen sein \u2013, \u00fcbte die programmatische Hauptschrift des neuen Reichskanzlers und der zentralen Figur des neuen Staates fast zwingend einen gewissen Reiz aus. Die Dunkelziffer derer, die das Buch nach dem Kauf bald wieder gelangweilt oder angewidert oder aus welchen Gr\u00fcnden auch immer beiseitegelegt haben, l\u00e4sst sich freilich nicht bestimmen. Sie mag sehr hoch gewesen sein. Gleichwohl, ein sehr gro\u00dfes Interesse an dem Buch im Jahr 1933 l\u00e4sst sich nicht bestreiten.<\/p>\n<p>1934 sank die Nachfrage an <em>Mein Kampf<\/em> dann aber deutlich und der nationalsozialistische Eher-Verlag sah sich mit dem Problem einer gro\u00dfen \u00dcberproduktion konfrontiert. Erst diese Situation wurde zur Geburtsstunde der legend\u00e4ren \u201eHochzeitsausgaben\u201c von <em>Mein Kampf<\/em> und es kam zu dem genannten Druck auf Gemeinden und St\u00e4dte, Exemplare des Buchs zu kaufen und an Hochzeitspaare weiterzugeben. <em>Mein Kampf<\/em> wurde damit zu einer Art Geldmaschine f\u00fcr den Eher-Verlag und Hitler zu einem Multimillion\u00e4r, auch wenn, was weniger bekannt ist, sich manche Gemeinden und St\u00e4dte erfolgreich gegen diese Zumutung des NS-Staats wehrten und die \u201eHochzeitsausgaben\u201c also nicht \u00fcberall Verbreitung fanden. Ein wichtiges Charakteristikum der Verbreitung von <em>Mein Kampf<\/em> ist dar\u00fcber hinaus, dass knapp zwei Drittel aller deutschsprachigen Exemplare erst nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verbreitet wurden. F\u00fcr diese Zeit sind Zweifel, ob sich noch viele Menschen f\u00fcr Hitlers Buch interessiert haben, freilich berechtigt. Die Bev\u00f6lkerung hatte damals sicher andere Sorgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Inhalt und Funktionen von <em>Mein Kampf<\/em><\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nun zum Aufbau und zu den Funktionen von <em>Mein Kampf<\/em>. Der erste Band beginnt mit einem umfangreichen autobiografischen Teil. Hitler ging es hier vor allem darum, Deutungshoheit \u00fcber seine eigenen fr\u00fchen Jahre zu gewinnen. Seit seinem Eintritt in die Politik gab es selbst unter den Weggef\u00e4hrten Hitlers viel R\u00e4tselraten dar\u00fcber, was der \u201eF\u00fchrer\u201c in seinen Wiener Jahren bis 1913 eigentlich genau getrieben hatte. Sogar Rudolf Hess, einer der engsten Vertrauten seit der Landsberger Haft, vermutete damals f\u00e4lschlicherweise, Hitler habe als Stra\u00dfenkehrer gearbeitet. In diese Informationsl\u00fccke wollte Hitler vorsto\u00dfen und eine f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit verbindliche Lebensgeschichte formulieren, ohne dabei mehr als n\u00f6tig von sich preiszugeben. Gleichzeitig hat Hitler in den ersten Kapiteln das Ziel verfolgt, sich zu einem fr\u00fchvollendeten Nationalsozialisten zu stilisieren, der alle Kernelemente der NS-Ideologie \u2013 den Antisemitismus, den Antiparlamentarismus, den Antimarxismus usw. \u2013 schon in Wien verinnerlicht habe. Dass dieser Anspruch auf Sand gebaut war, zeigt die Kommentierung. Die ersten Kapitel nutzt Hitler au\u00dferdem f\u00fcr eine Abrechnung mit der v\u00f6lkischen Bewegung der Habsburgermonarchie vor 1914, der er grobe taktische Fehler attestiert, aus denen die NSDAP lernen sollte. Dazu geh\u00f6rt, um ein Beispiel zu nennen, Hitlers Warnung vor einem offenen Konflikt mit der Katholischen Kirche, da dies der NSDAP zwangsl\u00e4ufig den so dringend ben\u00f6tigten Zustrom aus der breiten \u201eMasse\u201c des Volkes kosten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der zweite Themenblock des ersten Bands behandelt die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Novemberrevolution von 1918. Von zentraler Bedeutung sind hier die vermeintlichen Verfehlungen der Sozialdemokratie w\u00e4hrend des Kriegs und damit einhergehend die Dolchsto\u00dflegende. Hitler schreibt auch viel dar\u00fcber, was aus seiner Sicht die Lehren des Ersten Weltkriegs sein mussten, und das war zuvorderst die Vernichtung des \u201eMarxismus\u201c, unter den er undifferenziert alles subsumierte, was seinerzeit liberal und linkspolitisch orientiert war. \u00dcber Hitlers Soldatenleben und seine milit\u00e4rischen Eins\u00e4tze erf\u00e4hrt der Leser hingegen kaum etwas. Selbst die Tatsache, dass er das Eiserne Kreuz Zweiter und Erster Klasse erhielt, spart Hitler aus. Die Ursachen hierf\u00fcr sind unklar, zumal Hitler in <em>Mein Kampf <\/em>ansonsten mit Selbstbeweihr\u00e4ucherung keineswegs geizt. Eine Erkl\u00e4rung ist vielleicht, dass Hitlers Auszeichnung auf die Initiative des j\u00fcdischen Offiziers Hugo Gutmann zur\u00fcckgehen. F\u00fcr einen Autor, der gleichzeitig behauptete, es h\u00e4tte \u00fcberhaupt keine j\u00fcdischen Soldaten gegeben, es seien allesamt \u201eDr\u00fcckeberger\u201c gewesen, war dies nat\u00fcrlich ein peinliches Detail.<\/p>\n<p>Ein weiterer Themenblock des ersten Bands, die Kapitel 8, 9 und 12, betrifft die fr\u00fche Parteigeschichte der Jahre 1919\/20. Auch hier geht es Hitler um Deutungshoheit: Er stilisiert sich zu dem einzigen Macher, der die zuvor angeblich so verschlafene und verb\u00fcrgerlichte DAP zum Leben erweckt und ihr einen Massenzulauf sichert. Hitler erscheint als das alleinige Gravitationszentrum der fr\u00fchen NSDAP, w\u00e4hrend andere wichtige Protagonisten der <em>damnatio memoriae<\/em> verfallen. F\u00fcr sie ist in Hitlers egozentrischem Narrativ kein Platz. Die Kommentierung hingegen erinnert an diese Personen und relativiert entsprechend Hitlers Darstellung, ohne deshalb seine unbestreitbare Bedeutung f\u00fcr den Aufstieg der NSDAP zu negieren. Wichtig in den genannten Kapiteln war f\u00fcr Hitler zudem die Verkl\u00e4rung seines eigenen Eintritts in die Politik, den er gleichsam auf den Tag der deutschen Kapitulation im November 1918 datiert. \u201eIch aber beschloss, Politiker zu werden\u201c \u2013 jeder kennt diesen Satz. Damit versuchte Hitler den f\u00fcr ihn sehr heiklen Umstand zu verschleiern, dass er sich in Wirklichkeit zun\u00e4chst im Umfeld der M\u00fcnchner Soldatenr\u00e4te engagiert hatte und im April 1919 zum Ersatz-Bataillonsrat w\u00e4hlen lie\u00df. Die kompromittierenden Monate zwischen Kriegsende und dem Eintritt in die DAP unterzieht Hitler in <em>Mein Kampf<\/em> einer ebenso groben wie planm\u00e4\u00dfigen F\u00e4lschung.<\/p>\n<p>Zu dem letzten Themenblock des ersten Bands z\u00e4hlt schlie\u00dflich das sicher bekannteste Kapitel von Hitlers Buch, Volk und Rasse. Gemeinsam mit dem Kapitel Ursachen des Zusammenbruches bildet es, um mit Barbara Zehnpfennig zu sprechen, den \u201eideologischen Kern\u201c von <em>Mein Kampf<\/em>. Enth\u00e4lt das Kapitel Volk und Rasse Hitlers zentrale rassenideologische Auseinandersetzung mit der \u201eJudenfrage\u201c, so umfasst das Kapitel Ursachen des Zusammenbruches komplement\u00e4r dazu den Kern seines politischen Antisemitismus. Die deutsche Niederlage 1918 erkl\u00e4rt Hitler nicht mit wirtschaftlichen oder milit\u00e4rischen Faktoren, sondern allein mit den vermeintlichen subversiven Umtrieben der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungsminderheit im Deutschen Kaiserreich, sei es in der Presse, sei es in der Politik, sei es in der Kunst, sei es an den Universit\u00e4ten. Als die \u00fcbergeordnete Funktion dieser beiden Kapitel l\u00e4sst sich mithin Hitlers Versuch benennen, sich zum f\u00fchrenden v\u00f6lkischen Interpreten der \u201eJudenfrage\u201c zu stilisieren.<\/p>\n<p>Deutlich anders konzipiert ist der zweite Band von <em>Mein Kampf<\/em>. In ihm geht es Hitler zun\u00e4chst darum zu zeigen, dass er nicht nur \u00fcber die Gegenwart und Vergangenheit des deutschen Volkes nachgedacht, sondern auch einen Plan f\u00fcr dessen Zukunft habe. Umfangreich und zum Teil sehr pr\u00e4zise formuliert er in den ersten Kapiteln des Bands wie ein \u201ev\u00f6lkischer Staat\u201c der Zukunft auszusehen habe, immer freilich in negativer Kontrastierung zu der Weimarer Republik. Hitler breitet dabei vor allem seine Vorstellungen \u00fcber Erziehungsfragen aus, seine Forderungen umfassen jedoch auch Gewalt- und Zwangsma\u00dfnahmen gegen jene, die er nicht als Teil der \u201eVolksgemeinschaft\u201c gelten lie\u00df. Wie folgenschwer einige dieser Forderungen mit Blick auf das \u201eDritte Reich\u201c waren, werde ich am Ende des Vortrags an einem Beispiel erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Der anschlie\u00dfende Themenblock des zweiten Bands, die Kapitel 6 bis 9, betrifft die weitere Parteigeschichte bis Anfang 1923. Ich betone <em>Anfang<\/em> 1923, denn die direkte Vorgeschichte und den Verlauf seines Putschversuchs vom November 1923 spart Hitler v\u00f6llig aus, womit das zentrale Interesse des damaligen Publikums, n\u00e4mlich wie Hitler sein eigenes Scheitern erlebt und verarbeitet hat, unbefriedigt bleibt. Wieder geht es Hitler darum, sich selbst als die vermeintlich alles entscheidende Figur der NSDAP in den Vordergrund zu r\u00fccken, von der Frage der Gestaltung der Parteifahne, \u00fcber die Organisation effektiver politischer Massenversammlungen bis hin zum Umgang mit fr\u00fchen politischen Gegnern in M\u00fcnchen. Zugleich rechtfertig Hitler in einem eigenen Kapitel, das mit dem Schillerzitat \u201eDer Starke ist am m\u00e4chtigsten allein\u201c \u00fcberschrieben ist, seine ablehnende Haltung gegen\u00fcber allen Koalitionen innerhalb des rechtsradikalen Lagers. Hitler war \u00fcberzeugt, dass die NSDAP nur dann die politische Macht erringen k\u00f6nne, wenn sie auf solche Koalitionen verzichte. Bekanntlich konnte sich Hitler in den 1920er Jahren mit dieser Haltung durchsetzen, wenn auch l\u00e4ngst nicht so reibungslos, wie er in <em>Mein Kampf<\/em> glauben machen will.<\/p>\n<p>Als letzter gro\u00dfer Themenblock k\u00f6nnen schlie\u00dflich die abschlie\u00dfenden drei Kapitel des zweiten Bands gelten, in denen es um Hitlers au\u00dfenpolitisches Programm geht. Kurz gefasst l\u00e4uft es darauf hinaus, Italien und Gro\u00dfbritannien als B\u00fcndnispartner zu gewinnen und in einem Krieg gegen Russland neuen \u201eLebensraum\u201c im Osten zu erobern. Nicht weniger prek\u00e4r als diese ungeschminkte Forderung ist Hitlers Argumentation im letzten Kapitel seines Buchs Notwehr als Recht, es sei die Voraussetzung aller k\u00fcnftigen au\u00dfenpolitischen Ambitionen, dass sich Deutschland seiner \u201eInneren Feinde\u201c entledige. Ohne diese Voraussetzung m\u00fcssten alle weitreichenden Eroberungspl\u00e4ne scheitern. Und wer jene Feinde seien, stellt Hitler unmissverst\u00e4ndlich klar: Marxisten und Juden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Grundprinzipien der Edition<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Kommen wir nun zu den Grundprinzipien der Edition, deren Cover Sie in Abbildung 2 sehen: Als erstes ist hier die Entscheidung zu nennen, den vollst\u00e4ndigen Text von <em>Mein Kampf<\/em> zu edieren und keinesfalls nur ausgew\u00e4hlte, \u201ezentrale\u201c Passagen, wie w\u00e4hrend des Projekts vereinzelt gefordert worden ist. Eine solche Auswahl h\u00e4tte aus unserer Sicht nur einer neuerlichen Mythologisierung des Texts Vorschub geleistet und damit einer sachlichen Auseinandersetzung geschadet. Gerade \u00fcber die nicht-kommentierten Passagen w\u00e4re in diesem Fall wieder spekuliert worden, au\u00dferdem ist es leichter gesagt als getan, objektiv und frei von Willk\u00fcr die \u201ezentralen\u201c Passagen von <em>Mein Kampf<\/em> zu bestimmen. Hier kann man mit jeweils guten Argumenten verschiedener Meinung sein und es ist Sache des m\u00fcndigen Lesers, f\u00fcr sich zu entscheiden, welche Inhalte er f\u00fcr wichtig erachtet und welche nicht.<\/p>\n<p>Ein zweites Grundprinzip lautet: Hitler ernst und beim Wort nehmen. Angesichts dessen, dass der heutige Umgang mit dem Nationalsozialismus und insbesondere mit Hitler immer h\u00e4ufiger auf Komik und Gel\u00e4chter zielt und damit der Untersch\u00e4tzung und Verharmlosung Vorschub leistet, war uns dieser Punkt besonders wichtig. Zwar umfasst <em>Mein Kampf <\/em>zweifellos auch unfreiwillig komische Passagen \u00fcber die gelacht werden darf, doch ist es grundfalsch anzunehmen, der Text w\u00fcrde sich in solchen Passagen ersch\u00f6pfen oder gar erschlie\u00dfen. <em>Mein Kampf <\/em>ist keine Aneinanderreihung singul\u00e4rer Stilbl\u00fcten. Au\u00dferdem ist zu bedenken, dass manche zeitgen\u00f6ssischen Kritiker gerade den Stil und die Sprache Hitlers positiv hervorhoben, so abwegig uns dies heute auch anmuten mag. Die systematisch, sachliche Pr\u00fcfung jedweder Behauptung Hitlers, gleich wie menschenverachtend, brutal oder auch lachhaft sie erscheint, war f\u00fcr uns handlungsleitend.<\/p>\n<p>Drittens war von Beginn an klar, dass die Edition auf ein ungew\u00f6hnlich hohes \u00f6ffentliches Interesse sto\u00dfen w\u00fcrde, weit \u00fcber die Wissenschaft hinaus. Daher sollte die Kommentierung nicht nur Experten, sondern auch die interessierte \u00d6ffentlichkeit ansprechen und erreichen. Einem Experten des Nationalsozialismus oder der Geschichte der 1920er Jahre ist nat\u00fcrlich vieles von dem, was in unseren Kommentaren steht, gel\u00e4ufig. Allerdings w\u00e4re es abwegig, ein solches Detailwissen bei der Mehrzahl der Benutzer der Edition anzunehmen. Dies galt es stets zu ber\u00fccksichtigen und entsprechend umfangreich ist die Kommentierung ausgefallen. Die Anmerkungen sind genau genommen kleine, in sich geschlossene Essays mit weiterf\u00fchrenden Quellen- und Literaturangaben. Als negatives Beispiel, dem wir keinesfalls folgen wollten, haben uns blo\u00dfe \u201eVergleiche-Anmerkungen\u201c gedient. Damit meine ich, dass wir, wenn Hitler etwa \u00fcber die britisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen vor 1914 schwadroniert, etwa schlicht h\u00e4tten schreiben k\u00f6nnen: \u201eZu den deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen vgl. Autor x, Buch y, Seite z\u201c \u2013 in der illusorischen Annahme, die Leser w\u00fcrden dann zu dem entsprechenden Werken eilen. Vielmehr soll die Kommentierung den Benutzern der Edition konkrete und detaillierte Informationen und damit einen genuinen Mehrwert bieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Konzept der Kommentierung<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommen wir nun zum eigentlichen Konzept der Kommentierung, wie sie in Abbildung 3 herausgehoben sind. Hier lassen sich insgesamt sieben Ebenen unterscheiden:<\/p>\n<p>Erstens zielt unsere Kommentierung darauf ab, alle autobiografischen Angaben Hitlers zu pr\u00fcfen und, wo immer n\u00f6tig, zu korrigieren. Dar\u00fcber hinaus erg\u00e4nzen wir viele biografische Informationen, denn zu den propagandistischen Mitteln, die Hitler in <em>Mein Kampf<\/em> systematisch eingesetzt hat, geh\u00f6rt auch jenes der bewussten Aussparung. In seiner Selbstbezogenheit hat Hitler viele f\u00fcr seinen Werdegang wichtige Personen unterschlagen. Er wollte als ein Einzelk\u00e4mpfer wahrgenommen werden, der sich allein aus eigener Kraft gegen widrigste Umst\u00e4nde nach oben gearbeitet habe. So erw\u00e4hnt Hitler in der Darstellung seiner Wiener Jahre sogar eine f\u00fcr ihn so wichtige Figur wie August Kubizek mit keinem Sterbensw\u00f6rtchen. Die Edition erinnert entsprechend an die Rolle Kubizeks, der in den Jahren 1907\/08 die wichtigste soziale Bezugsperson Hitlers war, im Grunde der einzige, der sich damals mit ihm abgegeben und ihm zugeh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Als politisches Pamphlet beinhaltet <em>Mein Kampf<\/em> zugleich eine Unzahl bewusster Falschaussagen, die in der Kommentierung richtiggestellt werden. Neben vielen L\u00fcgen weist der Text zudem zahlreiche sachliche Fehler auf, bei denen nicht klar ist, ob Hitler sie wider besseres Wissen behauptete oder ob er von ihrem Wahrheitsgehalt \u00fcberzeugt war. Ein Beispiel ist hier, wenn Hitler etwa die Wirtschaftskraft des Deutschen Kaiserreichs vor 1914 gegen\u00fcber Gro\u00dfbritannien und Frankreich falsch beurteilt. Die entsprechenden Aussagen werden in der Kommentierung richtiggestellt, ohne Hitler immerzu eine konkrete Manipulationsabsicht zu unterstellen. Angesichts dessen, dass manche Seiten von <em>Mein Kampf<\/em> mit Fehlinformationen f\u00f6rmlich \u00fcberquellen, andere Seiten hingegen vergleichsweise inhaltsarm sind, f\u00e4llt die Dichte der Kommentierung in der Edition von Seite zu Seite unterschiedlich aus.<\/p>\n<p>Drittens bem\u00fcht sich die Edition darum, Hitlers Quellen freizulegen. Die Frage, welche B\u00fccher Hitler beeinflusst haben und aus welchen er abgekupfert hat, wurde schon oft gestellt. Allerdings \u2013 an diesem Befund \u00e4ndert auch die mehrj\u00e4hrige Arbeit an der kritischen Edition nichts \u2013 war Hitler sehr erfolgreich darin, seine Quellen zu verschleiern. Es lassen sich allenfalls eine Handvoll B\u00fccher identifizieren, bei denen gesichert ist, dass Hitler sie kannte, w\u00e4hrend er an <em>Mein Kampf<\/em> schrieb, und die eindeutige, sowohl inhaltliche wie auch sprachliche Parallelen zu seinem Text aufweisen. Ein Beispiel ist etwa Gottfried Feders <em>Der Deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage<\/em> aus dem Jahr 1923. Bei diesem wirtschaftspolitischen Pamphlet hatte Hitler kein Problem damit zuzugeben, dass es auf ihn Eindruck machte, da die Wirtschaftspolitik eines jener wenigen Felder war, bei denen er nicht f\u00fcr sich in Anspruch nahm, ein Originalgenie zu sein. Doch das ist die Ausnahme. Im Ganzen war es Hitler ein zentrales Anliegen seine Leser glauben zu lassen, von selbst auf all seine \u201eErkenntnisse\u201c gekommen zu sein und entsprechend wenige Autoren erw\u00e4hnt er als seine Vorbilder. Insgesamt bietet die Frage, welcher Agitator genau bei Hitlers Text Pate stand, meines Erachtens aber auch wenig Erkenntnisgewinn, zumal jene Autoren selbst h\u00e4ufig voneinander abgeschrieben haben.<\/p>\n<p>Bedeutender als die Frage nach Hitlers Quellen ist daher der Aspekt der ideengeschichtlichen Wurzeln von Hitlers Text. Hier ist der Befund der Edition eindeutig: Zu praktisch jeder ideologischen Aussage Hitlers finden sich vor allem in den Texten der v\u00f6lkischen Bewegung des sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, zum Teil aber auch weit dar\u00fcber hinaus, klare Entsprechungen. Entsprechend schwierig ist es zu bestimmen, was an Hitlers Denken tats\u00e4chlich neu war. Letztlich gilt dies allenfalls f\u00fcr die Art und Weise, wie Hitler \u00e4ltere Ideologeme der v\u00f6lkischen Szene zu einem f\u00fcr ihn koh\u00e4renten Ganzen zusammengef\u00fcgt und sie zum Teil auch radikalisiert hat. Indem die Kommentierung dies aufzeigt, konterkariert sie Hitlers anma\u00dfenden Anspruch, etwas v\u00f6llig Neues geschaffen zu haben.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens zeigt die Kommentierung die inneren Widerspr\u00fcche auf, die <em>Mein Kampf<\/em> mitunter kennzeichnen. An den entsprechenden Stellen verweist die Kommentierung schlicht auf die jeweils andere, inhaltlich unvereinbare \u00c4u\u00dferung Hitlers. Ein Beispiel sind hier etwa stark voneinander abweichende \u00c4u\u00dferungen zum deutschen Beamtenk\u00f6rper. So schw\u00e4rmt Hitler im Kapitel Ursachen des Zusammenbruches etwa von der \u201ewundervollen Solidit\u00e4t\u201c der Beamtenschaft des Kaiserreichs und von deren \u201eunbestechlich ehrenhafter Gesinnung\u201c \u2013 Deutschland sei damals das \u201ebestverwaltete Land der Welt\u201c gewesen. Keine 50 Seiten weiter, im Kapitel Volk und Rasse, polemisiert Hitler hingegen w\u00fcst gegen das \u201ehohe und h\u00f6chste Beamtentum\u201c, in dem \u201eder Jude zu allen Zeiten [\u2026] den willf\u00e4hrigsten F\u00f6rderer seiner Zerst\u00f6rungsarbeit gefunden\u201c habe. Nun ist nicht mehr von wundervoller Solidit\u00e4t die Rede, sondern von \u201ekriechender Unterw\u00fcrfigkeit\u201c, \u201earroganter Hochn\u00e4sigkeit\u201c und \u201ehimmelschreiender Borniertheit\u201c, welche die deutsche Beamtenschaft traditionell charakterisiere. Je nach Kontext, das l\u00e4sst sich hier erkennen, k\u00f6nnen sich Hitlers Auslassungen also diametral widersprechen.<\/p>\n<p>Sechstens ist darauf zu verweisen, dass Hitler sich in <em>Mein Kampf<\/em> immer wieder auf Personen und Ereignisse bezieht, die er bei dem zeitgen\u00f6ssischen Publikum noch als bekannt voraussetzen d\u00fcrfte, die heute aber weitgehend vergessen sind. Wie viele Leser wissen heute etwa noch, wer Dietrich Eckart war? Und wer wei\u00df heute noch genau Bescheid \u00fcber den Verlauf des Burenkriegs, auf den Hitler an einer Stelle anspielt? Die Sachinformationen der Kommentierung bieten hier die notwendigen Informationen, ohne die Hitlers Text an vielen Stellen schlicht unverst\u00e4ndlich bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnlich ist schlie\u00dflich der Blick in die damalige Zukunft, den die kritische Edition ebenfalls unternimmt. Wenn \u00fcber <em>Mein Kampf<\/em> diskutiert wird, dann steht stets auch die kontroverse Frage im Raum, wie bedeutend der Text f\u00fcr die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft war. Das Spektrum der Meinungen reicht hier von \u00dcberinterpretationen von <em>Mein Kampf<\/em> als einer Art Blaupause des \u201eDritten Reichs\u201c bis hin zur Verkennung des Buchs als unverst\u00e4ndliches Gew\u00e4sch ohne nachhaltige Bedeutung f\u00fcr das Handeln des sp\u00e4teren Diktators. F\u00fcr beide Positionen findet man in <em>Mein Kampf<\/em> Argumente und es war ein wichtiger Teil der Kommentierungsarbeit, sowohl die evidenten Parallelen als auch die Widerspr\u00fcche zwischen dem, was Hitler Mitte der 1920er Jahre schrieb, und dem, was er sp\u00e4ter tat und entschied, offenzulegen. Beides ist gleicherma\u00dfen wichtig, um <em>Mein Kampf<\/em> korrekt einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kommentierungsbeispiele<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Kommen wir nun zu einem ersten Kommentierungsbeispiel, einer autobiografischen \u00c4u\u00dferung Hitlers. \u201eIndem das Schicksal mich zwang\u201c, so hei\u00dft es im Kapitel Wiener Lehr- und Leidensjahre, \u201ewieder in diese Welt der Armut und der Unsicherheit zur\u00fcckzukehren, [\u2026] zog es mir die Scheuklappen einer beschr\u00e4nkten kleinb\u00fcrgerlichen Erziehung von den Augen. Nun erst lernte ich die Menschen kennen.\u201c Hitler betont nicht nur an dieser Stelle, wie sehr er in Wien von der Armut getroffen und geformt worden sei und es ist ja bekannt, dass er in Wien kurzzeitig obdachlos war, ehe er 1910 in einem M\u00e4nnerheim Asyl fand. Dennoch muss hier, und das tut die Kommentierung, differenziert werden, denn nach dem Tod seiner Eltern hatte Hitler zun\u00e4chst durchaus aussichtsreiche Chancen, die er jedoch nicht zu nutzen verstand. Die Waisenrente, das m\u00fctterliche Erbe von knapp 2.000 Kronen, ein nicht unerhebliches Darlehen von 924 Kronen seitens seiner Tante, an all dies ist hier zu erinnern. F\u00fcr ein Leben in \u00dcberschwang reichte dies freilich nicht, doch die materiellen Grundlagen, sich eine eigene Existenz aufzubauen, waren durchaus vorhanden. Allerdings weigerte sich Hitler, und das verschweigt er nat\u00fcrlich in <em>Mein Kampf<\/em>, nach seiner zweifachen Ablehnung an der Wiener Akademie der Bildenden K\u00fcnste eine geregelte Arbeit zu suchen. Sein sozialer Abstieg war also immer auch selbstverschuldet.<\/p>\n<p>Ein zweites Kommentierungsbeispiel: Im sechsten Kapitel des zweiten Bands behauptet Hitler en passant bei seiner Darstellung der ersten Parteiversammlungen im M\u00fcnchner Hofbr\u00e4uhaus, dass sich 1920 au\u00dfer der NSDAP niemand um die Frage nach der \u201eSchuld am Krieg\u201c gek\u00fcmmert habe. Hier stellt die Kommentierung klar, dass sich in Wirklichkeit kaum ein Thema finden l\u00e4sst, das in der fr\u00fchen Weimarer Republik intensiver diskutiert worden w\u00e4re als die \u201eKriegsschuldfrage\u201c, da bekanntlich die hohen Reparationsforderungen der Alliierten auf dem Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrags basierten. Jedes politische Lager und jede Reichsregierung setzte sich geradezu zwangsl\u00e4ufig mit der behaupteten Alleinschuld Deutschlands und seiner Verb\u00fcndeter auseinander. Hier verweist die Kommentierung auf zahlreiche Ereignisse und Sachverhalte, die vor Abfassung von <em>Mein Kampf<\/em> liegen und Hitler L\u00fcgen strafen, wie die Etablierung eines eigenen Kriegsschuldreferates beim Ausw\u00e4rtigen Amt, die Gr\u00fcndung der Zentralstelle zur Erforschung der Kriegsursachen im Jahr 1921 und deren Zeitschrift Die Kriegsschuldfrage. Man kann zudem auf Dutzende politischer B\u00fccher und Brosch\u00fcren verweisen, die damals die Schuld am Ersten Weltkrieg thematisierten. Kurzum: Wir haben es hier mit einer plumpen Propagandabehauptung Hitlers zu tun.<\/p>\n<p>Das dritte Kommentierungsbeispiel betrifft die ideengeschichtlichen Wurzeln von <em>Mein Kampf<\/em>: Im ersten Band schreibt Hitler mit Blick auf das Deutsche Kaiserreich: \u201eSo erzog das Heer denn auch das, was die neuere Zeit am n\u00f6tigsten brauchte: M\u00e4nner. Jawohl, im Sumpfe einer allgemein um sich greifenden Verweichlichung und Verweibung schossen aus den Reihen des Heeres allj\u00e4hrlich 350.000 kraftstrotzende junge M\u00e4nner heraus, die in zweij\u00e4hriger Ausbildung die Weichheit der Jugend verloren und stahlharte K\u00f6rper gewonnen hatten.\u201c An dieser Stelle geht es in der Kommentierung nicht nur darum, Hitlers Zahlenangaben zu pr\u00fcfen, sondern vor allem darum zu zeigen, wie verbreitet der Topos der \u201eVerweichlichung\u201c und \u201eVerweibung\u201c in kulturkritischen und -pessimistischen Schriften der Jahrhundertwende war. Die entsprechende Anmerkung verweist hier etwa auf den v\u00f6lkischen Bestseller Wenn ich der Kaiser w\u00e4r\u2018 von Heinrich Cla\u00df aus dem Jahr 1912, in dem die \u201eNeigung\u201c der deutschen Gesellschaft \u201ezu weichlichem Wohlleben\u201c beklagt wird. Im selben Jahr kritisierte auch Ludwig Langemann, Vorsitzender des Bunds zur Bek\u00e4mpfung der Frauenemanzipation, die \u201eVerweiberung der M\u00e4nner\u201c, w\u00e4hrend 1917 der sp\u00e4tere Gr\u00fcnder des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds Leonard Nelson ebenfalls von einer \u201eerschreckenden Verweibung\u201c der m\u00e4nnlichen Jugend sprach. Daran ist zu erkennen, und dieser Aspekt war uns besonders wichtig, dass einige Versatzst\u00fccke von Hitlers Ideologie auch \u00fcber den engeren Ideenkreis der radikalen Rechten hinausreichten und anschlussf\u00e4hig waren.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ein letztes Kommentierungsbeispiel zum Vergleich zwischen <em>Mein Kampf<\/em> und der sp\u00e4teren nationalsozialistischen Herrschaft. In Kapitel 2 des zweiten Bands findet sich etwa folgende sprechende Passage: \u201eDer Staat mu\u00df dabei als Wahrer einer tausendj\u00e4hrigen Zukunft auftreten, der gegen\u00fcber der Wunsch und die Eigensucht des einzelnen als nichts erscheinen und sich zu beugen haben. [\u2026] Er hat, was irgendwie ersichtlich krank und erblich belastet und damit weiter belastend ist, f\u00fcr zeugungsunf\u00e4hig zu erkl\u00e4ren und dies praktisch auch durchzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>Hier, in diesen letzten Satz, erkl\u00e4rt Hitler also systematische Zwangssterilisationen zu einem notwendigen, ja mehr noch: moralisch gerechtfertigten Mittel staatlicher Politik. Die Kommentierung verweist an dieser Stelle folglich nicht nur auf die weite Verbreitung eugenischen Denkens in Deutschland und Europa seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert, sondern auch und vor allem auf die klaren Kontinuit\u00e4ten zwischen der Textpassage und dem Gesetz zur Verh\u00fctung erbkranken Nachwuchses von 1934, das die Grundlage daf\u00fcr schuf, dass im \u201eDritten Reich\u201c rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden, wobei 5.000 bis 6.000 Frauen und rund 600 M\u00e4nner aufgrund von Komplikationen starben. Sp\u00e4testens hier wird klar, wie sehr <em>Mein Kampf<\/em> als antizivilisatorische Programmschrift und zentrale Quelle des Nationalsozialismus ernstgenommen werden muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile sind zehn Monate vergangen, seit die kritische Edition von Mein Kampf am Institut f\u00fcr Zeitgeschichte vorgestellt wurde, und die gro\u00dfe Aufregung der ersten Wochen und Monate ist inzwischen verflogen. Dar\u00fcber bin ich pers\u00f6nlich sehr froh. 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