{"id":118283,"date":"2026-01-28T16:55:00","date_gmt":"2026-01-28T15:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118283"},"modified":"2026-01-28T16:55:03","modified_gmt":"2026-01-28T15:55:03","slug":"laesst-sich-die-welt-restlos-vernuenftig-erklaeren-zu-leibniz-religionsphilosophischem-ansatz","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/laesst-sich-die-welt-restlos-vernuenftig-erklaeren-zu-leibniz-religionsphilosophischem-ansatz\/","title":{"rendered":"Can the world be explained in a completely rational way?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Leibniz, dessen Tod sich am 14. November 2016 zum dreihundertsten Male j\u00e4hrt, sind dem Gebildeten einige Tatsachen bekannt. Er war der letzte europ\u00e4ische Universalgelehrte, der die unterschiedlichsten Wissensgebiete nicht blo\u00df in ihren Resultaten zur Kenntnis nahm, sondern durch eigene Forschungen voranbrachte. Er hat ein hochspekulatives metaphysisches System entwickelt: Danach sind die letzten Elemente der Wirklichkeit fensterlose Monaden, Einheiten, die ohne realen Austausch miteinander alle Vorstellungen, aus dem eigenen Inneren hervorbringen, dabei aber kraft einer von Gott ein und f\u00fcr allemal eingerichteten pr\u00e4stabilierten Harmonie miteinander \u00fcbereinstimmen. Er war Rationalist, der annahm, die Welt sei durchg\u00e4ngig von vern\u00fcnftigen Prinzipien bestimmt. Schlie\u00dflich (eng damit zusammenh\u00e4ngend) war er Optimist, der die wirkliche Welt f\u00fcr die beste aller m\u00f6glichen hielt und dadurch glaubte, in seiner Theodizee Gott angesichts der \u00dcbel in der Welt rechtfertigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Leibniz<\/strong>\u2019<strong> Pers\u00f6nlichkeit und Wirken<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Diese Annahmen \u00fcber Leibniz sind sicher nicht falsch, m\u00fcssen aber vertieft und vor allem gem\u00e4\u00df Leibniz\u2019 Grund\u00fcberzeugung, alles h\u00e4nge mit allem zusammen, in ihrem Zusammenhang gesehen werden, wenn wir Leibniz keine abstrusen Gedankenkonstrukte unterstellen wollen. Dies soll hier besonders f\u00fcr die letzten beiden geschehen. Zuvor aber wollen wir kurz auch auf die beiden ersten eingehen, damit Leibniz\u2019 Pers\u00f6nlichkeit und Wirken plastischer hervortreten. Wer aus der Annahme fensterloser Monaden glaubt folgern zu k\u00f6nnen, Leibniz sei ein vereinsamter Stubengelehrter gewesen, muss sich eines Besseren belehren lassen. Ganz im Gegenteil war Leibniz in besonderem Ma\u00dfe ein Philosoph des Dialogs, der seine Philosophie nicht in einem systematischen Opus magnum f\u00fcr eine anonyme Leserschaft niedergelegt hat, wie es der f\u00fcr den Rationalismus charakteristische Anspruch eigentlich forderte, alles in einem systematischen Argumentationszusammenhang aus obersten Prinzipien abzuleiten, sondern seine Gedanken bevorzugt in brieflicher Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt eines ganz bestimmten Gespr\u00e4chspartners zu kl\u00e4ren versucht hat. Dies h\u00e4ngt durchaus mit Leibniz\u2019 Monadenlehre zusammen.<\/p>\n<p>Dass die Monaden ohne realen Austausch doch \u00fcbereinstimmen, setzt n\u00e4mlich voraus: Jede Monade repr\u00e4sentiert in ihren Vorstellungen dasselbe Ganze, freilich nur einen winzigen, je verschiedenen Ausschnitt klar und wohlunterschieden (distinkt). Damit kann Leibniz seine Philosophie entwickeln, indem er sich ganz auf den gedanklichen Ansatz des anderen einl\u00e4sst und nachzuweisen versucht: Wenn man diesen Gedanken in sich weiterentwickelt und zur notwendigen Klarheit f\u00fchrt, m\u00fcnden sie in Leibniz\u2019 Annahmen.<\/p>\n<p>Aus seinen philosophischen Grund\u00fcberzeugungen heraus, da\u00df die scheinbaren Gegens\u00e4tze eigentlich nur graduelle Abstufungen desselben sind, sowie aus der zentralen Bedeutung der Harmonie in seiner Philosophie erkl\u00e4rt sich, warum Leibniz stets auf Ausgleich bedacht war. So bem\u00fchte er sich immer wieder darum, die konfessionellen Gegens\u00e4tze in einer Kirchenunion zu \u00fcberwinden, und in zahlreichen diplomatischen Missionen erstrebte er einen politischen Interessenausgleich. Hier wird zugleich die besondere Form seines Rationalismus greifbar. Nicht nur wollte er die Welt vern\u00fcnftig erkl\u00e4ren. Getreu dem Motto \u201eTheoria cum praxi\u201c, das er der von ihm gegr\u00fcndeten Berliner Akademie der Wissenschaften vorgab, war er immer auch bem\u00fcht, die Welt nach vern\u00fcnftigen Grunds\u00e4tzen zu gestalten, politisch wie technisch. So hat er etwa f\u00fcr den Harzbergbau zukunftsweisende Projekte eines Energiekreislaufs entwickelt. Die Vereinigung von Theorie und Praxis wird vor allem daran greifbar, wie er wissenschaftspolitisch t\u00e4tig war und die Gr\u00fcndung wissenschaftlicher Akademien in Wien und Petersburg betrieb.<\/p>\n<p>Dieses Bem\u00fchen, Akademien zu gr\u00fcnden, erwuchs auch aus seiner philosophischen \u00dcberzeugung, da\u00df wissenschaftliche Projekte nur im gespr\u00e4chsweisen Austausch und der Zusammenarbeit zahlreicher Wissenschaftler verfolgt werden k\u00f6nnen, und richtete sich nicht blo\u00df auf theoretische Forschungen, sondern auch auf technische Anwendungen. Von hier aus wird auch erkl\u00e4rbar, weshalb Leibniz keine Professur anstrebte, die f\u00fcr ihn eine zu gro\u00dfe Einengung bedeutet h\u00e4tte. Vielmehr versuchte er auf zahlreichen Reisen mit wissenschaftlichen und politischen Gr\u00f6\u00dfen vielf\u00e4ltige Kontakte zu kn\u00fcpfen. Hierzu verdingte er sich an F\u00fcrstenh\u00f6fen, zuerst beim Kurf\u00fcrsten in Mainz und dann bis zu seinem Lebensende in Hannover.<\/p>\n<p>Dass er sich mit Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen zu vernetzen suchte, beruht auch auf der philosophischen \u00dcberzeugung, alles h\u00e4nge mit allem zusammen. Von hier aus wird auch deutlich, in welchem Sinne er ein Universalgenie war. Er erforschte nicht einfach nebeneinander die verschiedensten Wissensgebiete. Vielmehr befruchteten sich diese Forschungen gegenseitig. Daf\u00fcr nur einige Beispiele: Als Mathematiker hat er \u2013 gewi\u00df unabh\u00e4ngig von Newton \u2013 die Infinitesimalrechnung entdeckt, hat aber auch versucht, sie f\u00fcr die Philosophie fruchtbar zu machen. So glaubte er die Determination, da\u00df im wirklichen Geschehensablauf alles bis in die kleinste Einzelheit unfehlbar festgelegt ist, mit Kontingenz und damit Freiheit, da\u00df es grunds\u00e4tzlich anders h\u00e4tte verlaufen k\u00f6nnen, nach dem mathematischen Modell vereinbaren zu k\u00f6nnen: Die Analysereihen kontingenter Wahrheiten n\u00e4hern sich dem Enthaltenseins des Pr\u00e4dikats im Subjekt als Grenzwert beliebig an, so da\u00df die Differenz kleiner als jeder gegebene Wert ist (als Ausdruck der Determination), ohne ihn doch je zu erreichen (prinzipielle Offenheit). Oder in der Physik glaubte er, die Bewegung nicht nur in rein quantitativen, mechanischen Kategorien beschreiben zu sollen, sondern er suchte ihre metaphysischen Grundlagen im Begriff der Kraft, durch den er glaubte, Aristoteles\u2019 Konzeption einer zielstrebigen Kraft (Entelechie) mit empirischem Gehalt f\u00fcllen und so auf ein wissenschaftliches Niveau heben zu k\u00f6nnen. Die juristischen Begriffe und Folgerungen versuchte er mit logischen Mitteln sch\u00e4rfer zu fassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Leibniz\u2019 Religionsphilosophie<\/strong><\/h3>\n<h4><strong>Die Wurzeln des Optimismus in der rationalistischen Forderung nach einer durchg\u00e4ngigen Begr\u00fcndbarkeit.<\/strong><\/h4>\n<p>Kommen wir nun zum Optimismus. Dieser entsprach dem damaligen Zeitgeist und \u00e4u\u00dferte sich etwa bei Leibniz\u2019 j\u00fcngerem Zeitgenossen, dem Hamburger Dichter Brockes in einem etwas naiven Lobpreis Gottes, wie zweckm\u00e4\u00dfig (zumal vom Standpunkt menschlichen Wohlergehens) die Sch\u00f6pfung eingerichtet sei. Ein solcher optimistischer Zeitgeist, der sich auf die beobachtbare Wohlgeordnetheit der Welt st\u00fctzt, die regelm\u00e4\u00dfig optimale Resultate erzielt (zumal bei Lebendigen), konnte durch eine Katastrophe wie das Erdbeben von Lissabon gr\u00fcndlich ersch\u00fcttert werden, da\u00df zahlreiche unschuldige Menschen vernichtet oder ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Leibniz\u2019 Theodizee und seine These von der wirklichen Welt als der besten aller m\u00f6glichen geht tiefer und l\u00e4\u00dft sich jedenfalls durch solche empirisch erfahrbaren, kontingenten Ereignisse nicht ersch\u00fcttern, insofern sie eng mit seinem Rationalismus zusammenh\u00e4ngt, f\u00fcr den die Erkenntnis wesentlich eine Erkenntnis aus Vernunftprinzipien ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>,Ratio sufficiens\u2018 als restlose vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rbarkeit. <\/strong>Bei Leibniz ist besonders das Prinzip des zureichenden Grundes (principium rationis sufficientis, principe de la raison suffisante) bedeutsam. ,Ratio\u2018 oder ,raison\u2018 hei\u00dft nicht blo\u00df ,Grund\u2018, sondern auch ,Vernunft\u2018. Das ist f\u00fcr Leibniz wichtig. Die von ihm gesuchten Gr\u00fcnde sind nicht einfach Realgr\u00fcnde, sondern immer auch Vernunftgr\u00fcnde, die die einschl\u00e4gige Tatsache vern\u00fcnftig erkl\u00e4rbar machen. ,Zureichend\u2018 hat in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutungskomponente. Zum einen meint es, da\u00df die Gr\u00fcnde hinreichend sind, das einschl\u00e4gige Ereignis restlos zu determinieren und damit ineins es bis ins letzte Detail hinein vern\u00fcnftig erkl\u00e4rbar zu machen. Wenn in diesem Raum ein Feuer ausbr\u00e4che, dann besteht sicher ein guter Grund, das Geb\u00e4ude so schnell wie m\u00f6glich zu verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Normalerweise gehen wir davon aus, da\u00df es f\u00fcr die Einzelheiten, wie wir diese Flucht bewerkstelligen, (z.B. ob wir den ersten Schritt mit dem rechten oder linken Fu\u00df tun, welche Armbewegungen wir machen usw.) keiner Gr\u00fcnde bedarf. Dies ergibt sich einfach so. Anders f\u00fcr Leibniz. F\u00fcr ihn mu\u00df alles bis in die kleinste Einzelheit vern\u00fcnftig begr\u00fcndet sein. So ist das Handeln durch zahllose unmerkliche Eindr\u00fccke, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle liegen (petites perceptions) bis in jedes Detail determiniert. \u2013 Hier sp\u00fcren wir, warum sich die Theodizeefrage bei seinem Ansatz so akut stellt. Eine recht verbreitete m\u00f6gliche Einstellung dem \u00dcbel gegen\u00fcber ist, es als die irrationale, dunkle Seite der Wirklichkeit zu nehmen, die sich jeder vern\u00fcnftigen Erkl\u00e4rung widersetzt und die wir daher einfach hinzunehmen haben. Dieser Zugang verbietet sich bei Leibniz\u2019 \u00dcberzeugung, f\u00fcr schlechthin alles gebe es einen vern\u00fcnftigen Grund, es gebe keine Erkl\u00e4rungsl\u00fccken. Damit ist es f\u00fcr ihn eine besondere Herausforderung nachzuweisen, da\u00df sich auch das scheinbar Widersinnige vern\u00fcnftig erkl\u00e4ren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gott als Letztbegr\u00fcndung der kontingenten Welt. <\/strong>Die andere Bedeutung von ,zureichend\u2018 in diesem Kontext ist: eine Erkl\u00e4rung zu geben, die f\u00fcr sich hinreicht, die also das zu Erkl\u00e4rende definitiv erkl\u00e4rt und die nicht \u00a0ihrerseits wieder einer Erkl\u00e4rung bedarf. Verdeutlichen wir uns dies an einem Gegenbeispiel von Leibniz. Zu einer Zeit, wo vor Erfindung der Buchdruckerkunst die B\u00fccher noch abgeschrieben werden mussten, stellt f\u00fcr das vorliegende Exemplar z.B. der <em>Elemente<\/em> Euklids das Exemplar, von dem es abgeschrieben wurde, eine Erkl\u00e4rung dar. Ganz offenkundig ist dies keine zureichende Erkl\u00e4rung, weil f\u00fcr das fr\u00fchere Exemplar genauso eine Erkl\u00e4rung zu suchen ist. Hier wird nicht erkl\u00e4rt, wie der Inhalt des Werks urspr\u00fcnglich zustande kam. Ganz entsprechend ist es, wenn ich ein kontingent Seiendes, das nicht zu existieren br\u00e4uchte, durch ein anderes kontingent Seiendes erkl\u00e4re oder eine kontingente Bestimmung, die nicht so, sondern auch anders sein k\u00f6nnte, durch eine voraufliegende kontingente Bestimmung zu erkl\u00e4ren versuche. Hier kommt es offenkundig zu einem unendlichen Begr\u00fcndungsregress. Die traditionellen Gottesbeweise schlossen einen solchen unendlichen Regre\u00df aus und gelangten so zu einer ersten Ursache, Gott. Leibniz h\u00e4lt einen unendlichen Regre\u00df f\u00fcr m\u00f6glich. Wenn er auf diese \u00dcberlegung dennoch ein kosmologisches Argument f\u00fcr die Existenz Gottes aufbaut, so eben deshalb, weil kein Kontingentes und auch nicht die Welt als die Gesamtheit aller kontingenten Dinge einen zureichenden Grund im Sinne einer Letztbegr\u00fcndung darstellt, \u00fcber die hinaus man keinen weiteren Grund zu suchen braucht. Leibniz\u2019 Argument, wie er es in \u201eDe herum Originalt\u00f6ne radikal\u201c (1697, GP VII 302-308 angedeutet auch <em>Theo<\/em>. \u00a7 7) pr\u00e4sentiert, besagt im Kern: Wenn es um die Letztbegr\u00fcndung der gesamten Abfolge der kontingenten Dinge, ihren Ursprung aus der letzten Wurzel (<strong><em>Originalton radiales<\/em><\/strong>) geht, wenn also zu kl\u00e4ren ist, warum \u00fcberhaupt etwas und nicht vielmehr nichts existiert, dann l\u00e4\u00dft sich als Grundlage der Erkl\u00e4rung kein wirklich Seiendes ansetzen \u2013 eine <strong><em>Petition Pr\u00edncipe<\/em><\/strong>, sondern nur M\u00f6gliches. Damit ist der \u00dcbergang von der M\u00f6glichkeit zur Wirklichkeit zu kl\u00e4ren. Dazu mu\u00df letztlich ein metaphysisch notwendiges Wesen angenommen werden, Gott, aus dessen Wesen die Existenz folgt (de Cebus essential ist existential, 303), wie Leibniz mit der scholastischen Tradition sagt. Das Wesen oder die Essenz ist sozusagen das Modell der Existenz, das den Inhalt des Existierenden zun\u00e4chst als M\u00f6glichkeit pr\u00e4sentiert. Ein \u00dcbergang von der Essenz zur Existenz, von der M\u00f6glichkeit zur Wirklichkeit aber ist nur beim Notwendigen gegeben, dessen Nichtsein per definitionem ausgeschlossen ist. Das Notwendige ist n\u00e4mlich als das definiert, das nicht sein-kann, zu dem alle Alternativen ausgeschlossen sind. Damit kann man vom M\u00f6glichsein auf das Wirklichsein schlie\u00dfen, weil ein Nichtsein von Vornherein ausgeschlossen ist.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h4><strong>Das Theodizee Problem<\/strong><\/h4>\n<p>Soviel zur Frage der Existenz Gottes, bei der ,zureichender Grund\u2018 so viel bedeutet wie Letztbegr\u00fcndung. Zur anderen gro\u00dfen Fragestellung der philosophischen Gotteslehre, den Attributen Gottes, geh\u00f6rt die Theodizee, bei der ,zureichender Grund\u2018 f\u00fcr Leibniz (wie wir gesehen haben) eine restlose vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rbarkeit bedeutet. Die Theodizeefrage ergibt sich aus drei Maximalattributen, durch die die klassische philosophische Theologie Gott definierte und die Leibniz <em>Theod<\/em>. \u00a7 7 im Hinblick darauf, da\u00df er Gott als letzten Grund der Welt erwiesen hat, zu rechtfertigen sucht. Wie kann es das in der Welt erfahrbare \u00dcbel geben, wenn Gott allm\u00e4chtig, uneingeschr\u00e4nkt gut und allwissend ist? Wenn er allg\u00fctig ist, kann er nur das Gute wollen. Ist er allm\u00e4chtig, dann kann er alles Gute, das er will, auch verwirklichen, und alles Schlechte, das er nicht will, verhindern, er braucht also nicht zuzulassen, da\u00df seine Gesch\u00f6pfe Schlechtes tun. Als allwissend aber t\u00e4uscht er sich nicht \u00fcber das wahrhaft Gute, sieht er die Konsequenzen aller Handlungen voraus, kann also das Schlechte rechtzeitig verhindern und sieht sich nicht \u00fcberraschend mit den \u00fcblen Folgen eines Tuns konfrontiert. Eine solche Vernunftwahrheit wie die Existenz und die Eigenschaften Gottes kann durch Erfahrung nicht widerlegt werden, sondern mu\u00df nur mit scheinbar widerstreitenden Beobachtungen vers\u00f6hnt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Erkl\u00e4rbarkeit des malum metaphysicum und malum physicum. <\/strong>Bei der L\u00f6sung dieser Frage bereitet das moralisch B\u00f6se besondere Schwierigkeiten. Das Schlechte (malum) teilt Leibniz n\u00e4mlich gem\u00e4\u00df der Tradition in das malum metaphysicum, das malum physicum und das malum morale (<em>Theod<\/em>. \u00a7 21) ein. Das malum metaphysicum ist die urspr\u00fcngliche Begrenztheit der Kreaturen. Diese begrenzten Kapazit\u00e4ten des Gesch\u00f6pfes stellen nicht aktuell ein \u00dcbel dar, sondern sind dessen erm\u00f6glichende Voraussetzung: Wenn etwas nur limitierte Verm\u00f6gen hat, dann besteht die Gefahr, da\u00df es auch hinter diesen M\u00f6glichkeiten noch zur\u00fcckbleibt und es so zur Privation, also zum tats\u00e4chlich Schlechten kommt, sei es da\u00df es f\u00fcr physische Leiden anf\u00e4llig ist, sei es, da\u00df es zum sittlich schlechten Tun neigt. Leibniz vergleicht in <em>Theod<\/em>. \u00a7 30 die urspr\u00fcngliche Begrenztheit der Kreaturen mit der Tr\u00e4gheit, die zur Langsamkeit der Bewegung f\u00fchrt, macht hier also eine physikalische Analogie f\u00fcr die Philosophie fruchtbar. Zumal wenn wir die Tr\u00e4gheit von der K\u00f6rperbewegung auf das menschliche Handeln \u00fcbertragen, macht es das Schlechte erkl\u00e4rbar. Denn Tr\u00e4gheit bedeutet zum einen, da\u00df es einer Kraft von au\u00dfen bedarf, um den ruhenden K\u00f6rper in Bewegung zu versetzen, \u00fcbertragen, da\u00df der Mensch nicht von sich aus bereit ist, das Gebotene zu tun, zum anderen aber auch, da\u00df der K\u00f6rper in gleichm\u00e4\u00dfiger geradliniger Bewegung nicht ohne \u00e4u\u00dferen Einflu\u00df zur Ruhe kommt, \u00fcbertragen, da\u00df ein Mensch nicht ohne weiteres von falschen Gewohnheiten abl\u00e4sst. F\u00fcr diese urspr\u00fcngliche Begrenztheit kann Gott nicht verantwortlich gemacht werden. Denn es ist eine notwendige Vernunftwahrheit, die auch Gott nicht \u00e4ndern kann, dass er nur dann von ihm und voneinander verschiedene Kreaturen schaffen kann, wenn diese nicht wie er ein absolutes Maximum darstellen, sondern in je verschiedener Weise begrenzt sind.<\/p>\n<p>Das physische Leiden l\u00e4\u00dft sich zumindest grunds\u00e4tzlich als Mittel rechtfertigen, um ein gr\u00f6\u00dferes Gut zu erhalten. So mag eine Krankheit gut sein, einen Menschen zur Besinnung bringen, der in rastloser Betriebsamkeit nur Karriere und Gewinn im Sinn hat und so am Leben vorbei lebt. Fraglich ist nur, ob sich auf diese Weise all das oft grenzenlose Elend rechtfertigen l\u00e4\u00dft, das die Welt heimsucht. Das sittlich B\u00f6se aber l\u00e4\u00dft sich nach der deontologischen Position (die Leibniz <em>Theod<\/em>. \u00a7\u00a7 24f. ausdr\u00fccklich bekr\u00e4ftigt) nicht auf diese Weise rechtfertigen. Sicher ist, da\u00df ich durch ein verwerfliches Tun wie die Folter das Sittengesetz und die moralischen Pflichten verletze. Hingegen ist \u00e4u\u00dferst fraglich, ob ich dadurch wirklich ein \u00dcbel verhindere. Der tiefere Grund jedoch ist: Beim physischen \u00dcbel sind nur materielle, k\u00f6rperliche G\u00fcter betroffen. Diese sittlich indifferenten G\u00fcter stellen einen blo\u00df relativen Wert dar. Hier ist ein Kosten-Nutzen-Kalk\u00fcl berechtigt, mit dem geringsten Aufwand oder den wenigsten Kosten den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Nutzen zu erzielen \u2013 ein Grundsatz, den Leibniz \u00fcbrigens zu einem erkenntnistheoretisch-metaphysischen Prinzip erhoben hat. Im Bereich des Sittlichen haben wir es dagegen mit absoluten Werten zu tun. Ein sittlich verbotenes Tun stellt damit einen absoluten Unwert dar, sein negativer Wert ist mathematisch gesprochen unendlich und kann damit unm\u00f6glich durch noch so gro\u00dfe Vorteile kompensiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rechtfertigung des malum morale durch die Pflicht Gottes, das Bestm\u00f6gliche zu <\/strong><strong>erschaffen<\/strong><\/p>\n<p>Wie l\u00e4\u00dft sich dann moralisch B\u00f6ses \u00fcberhaupt rechtfertigen? In der heutigen Theodizee-Diskussion bem\u00fcht man dazu den sogenannten \u201efree will defence\u201c. Gott hat sich entschlossen, Kreaturen zu erschaffen, die sich ihrerseits frei entscheiden und damit sch\u00f6pferisch am Gestalten der Welt Anteil haben, die keine blo\u00dfen Marionetten in seinen H\u00e4nden sind. Um dieses Gutes willen mu\u00dfte er in Kauf nehmen, da\u00df sie ihre Willensfreiheit zum B\u00f6sen mi\u00dfbrauchen. Wenn die Willensfreiheit darauf beschr\u00e4nkt w\u00e4re, zwischen unbedeutend unterschiedenen Alternativen zu entscheiden, w\u00e4re sie belanglos. Eine bemerkenswerte Entscheidungsfreiheit schlie\u00dft offenbar ein, zwischen Gutem und Schlechtem w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Leibniz war sich der Schw\u00e4che dieses Ansatzes sehr wohl bewu\u00dft. Dieser arbeitet mit der Unterscheidung, selber etwas Schlechtes zu tun und ein \u00fcbles Tun anderer (wie den Mi\u00dfbrauch des freien Willens durch die Gesch\u00f6pfe) zuzulassen. Ist eine solche Unterscheidung bei einem allm\u00e4chtigen und allwissenden Wesen \u00fcberhaupt angemessen? Als Gott zulie\u00df, da\u00df Hitler die Macht \u00fcber Deutschland erlangte, war er sich sehr wohl all des Unheils bewu\u00dft, da\u00df hieraus folgte, und h\u00e4tte es in seiner Allmacht verhindern k\u00f6nnen. Da die sittliche Bewertung einer Handlung weniger an der \u00e4u\u00dferen Ausf\u00fchrung als an der inneren Motivation ausgerichtet ist, ganz zu schweigen, da\u00df Gott nach theistischem Verst\u00e4ndnis die Ausf\u00fchrung durch seine Mitwirkung erst m\u00f6glich macht, l\u00e4\u00dft Gott sich kaum \u00fcberzeugend durch die Unterscheidung rechtfertigen: selber B\u00f6ses tun und zulassen, wenn andere es tun. Die Verteidigung Gottes durch Willensfreiheit w\u00e4re nur bei einem deistischen Gottesbild m\u00f6glich. Hiernach h\u00e4tte Gott eine Welt mit begrenzten vern\u00fcnftigen Kreaturen erschaffen, die eine bedeutsame Entscheidungsfreiheit besitzen, auch wenn er sich dessen bewu\u00dft war, um dieses hohen Gutes willen die M\u00f6glichkeit in Kauf nehmen zu m\u00fcssen, da\u00df die Kreaturen diese Freiheit mi\u00dfbrauchen. Da Gott die perfekt konstruierte Welt sich selber \u00fcberlassen kann, so wie ein Uhrmacher eine perfekt gebaute Uhr nicht st\u00e4ndig nachjustieren und ausbessern mu\u00df, w\u00e4re er nicht f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten verantwortlich, die Gesch\u00f6pfe tats\u00e4chlich kraft ihres freien Willens begehen. Eine solche Verteidigung aber wird wohl hinf\u00e4llig, wenn Gott nach dem christlichen und damit theistischen Gottesbild, nach der Erschaffung weiterhin das Weltgeschehen lenkt. Mu\u00df er dann nicht, wie wir gerade dargestellt haben und wie es Leibniz <em>Theod<\/em>. \u00a7 1 sagt, am \u00dcbel mitwirken (Dieu concourt au mal), indem er es physisch m\u00f6glich macht, aber auch als bewu\u00dft handelndes Wesen sittlich daf\u00fcr verantwortlich ist?<\/p>\n<p>Dennoch ist es m\u00f6glich, eine Handlung, die f\u00fcr sich betrachtet sittlich absolut verboten ist, zu rechtfertigen, ohne dabei die Deontologie zugunsten einer utilitaristischen G\u00fcterabw\u00e4gung aufzugeben, die nur relative Werte kennt. Ein Beispiel aus unserer Lebenswelt, das sich nicht bei Leibniz findet, mag dies verdeutlichen. Was ein Chirurg f\u00fcr sich betrachtet bei einem operativen Eingriff tut, ist, die k\u00f6rperliche Unversehrtheit vor\u00fcbergehend oder (etwa bei einer Amputation) sogar bleibend zu beeintr\u00e4chtigen. Die Einwilligung des Patienten k\u00f6nnte allenfalls den Grad der Verwerflichkeit mindern, nicht aber aus einer sittlich verwerflichen eine erlaubte oder sogar gute Handlung machen. Das Recht des anderen auf Leben und k\u00f6rperliche Unversehrtheit zu wahren, aber kann durchaus zu den absoluten Geboten z\u00e4hlen, die nicht dem G\u00fcterkalk\u00fcl unterliegen. Dennoch kommt keiner auf den Gedanken, das Handeln eines Arztes als unsittlich zu verwerfen. Offenkundig, weil die Verst\u00fcmmelung des Patienten etwa durch eine Beinamputation nach dem gegenw\u00e4rtigen Stand der Medizin die einzige M\u00f6glichkeit ist, seiner \u00e4rztlichen Pflicht nachzukommen, das Leben des Patienten zu retten.<\/p>\n<p>Dies aber ist Leibniz\u2019 zentraler Gedanke in der Theodizeefrage. Nachdem er die deontologische Position unterstrichen hat, das sittlich Schlechte sei kein legitimes Mittel (moyen) f\u00fcr Gott oder die Menschen, ein Gut zu erreichen oder ein \u00dcbel zu vermeiden, erkl\u00e4rt er <em>Theod<\/em>. \u00a7 24 (in bezug auf die g\u00f6ttliche Situation, das schlechte Handeln eines anderen Agenten zuzulassen) von der sittlichen Verfehlung: \u201eSie darf nur insofern zugelassen oder gestattet werden, als sie als eine sichere Folge einer unerl\u00e4\u00dflichen Pflicht betrachtet wird, dergestalt da\u00df derjenige, der die S\u00fcnde des anderen nicht zulassen wollte, es selbst an dem fehlen lie\u00dfe, wozu er verpflichtet ist\u201c. Etwas f\u00fcr sich betrachtet sittlich Schlechtes zu tun oder zuzulassen ist nur dann erlaubt, wenn es notwendig ist, seine sittliche Pflicht zu erf\u00fcllen. Als Beispiel f\u00fcr die hier angesprochene Situation, da\u00df jemand seine eigene unerl\u00e4\u00dfliche Pflicht unausweichlich verletzen mu\u00df, wenn er eine sittliche Verfehlung anderer zu verhindern sucht, nennt Leibniz: Ein Offizier verl\u00e4\u00dft einen wichtigen Wachposten in einer gef\u00e4hrlichen Situation, um den Streit zweier Soldaten zu verhindern. \u2013 Es gilt hier, zwei bedeutsam unterschiedene Beziehungen nicht zu verwechseln. Das eine ist die Mittel-Ziel-Relation. Hier ist es nach der deontologischen Position verboten, ein sittlich verwerfliches Mittel zu einem guten Zweck einzusetzen, etwa das Geld, mit dem ich notleidenden Menschen helfe, durch betr\u00fcgerische Gesch\u00e4fte, Raub oder \u00e4hnliche unmoralische Mittel zu erwerben. Denn ein Mittel ist ein kontingenter Weg, ein Ziel zu erreichen. Es steht mir daher frei, das Ziel statt durch ein verwerfliches durch ein sittlich einwandfreies Mittel zu erreichen. Anders ist es, wenn das, was ich tue, die unerl\u00e4\u00dfliche Voraussetzung ist, um ein sittlich gebotenes Ziel (wie die Heilung des Patienten) zu erreichen. In beiden F\u00e4llen geschieht die sittliche Bewertung in ganz anderer Weise. Da ein Mittel kontingent, also ersetzbar ist, sind Mittel und Ziel als eigenst\u00e4ndige Handlungen je getrennt zu bewerten. Hier gilt, wie wir betont haben: Da eine sittlich verwerfliche Handlung einen absoluten Unwert darstellt, kann sie durch keine noch so gro\u00dfen G\u00fcter aufgewogen werden. Die conditio sine qua non eines gebotenen Ziels ist dagegen ein nicht herauszul\u00f6sender Teil einer Gesamthandlung, so wie der verst\u00fcmmelnde Eingriff des Arztes ein integrierender Bestandteil der gesamten \u00e4rztlichen Behandlung ist. Bewertet werden kann angemessen nur die ganze Handlung. Daher spielt es keine Rolle, da\u00df die Amputation f\u00fcr sich genommen verwerflich w\u00e4re, da sie in diesem Kontext gar nicht als eigenst\u00e4ndige Handlung, sondern als ein notwendiges Element eines insgesamt gebotenen Handlungskomplexes auftritt.<\/p>\n<p>Genau dies besagt Leibniz\u2019 These von der wirklichen Welt als der besten aller m\u00f6glichen &#8211; eine These, die au\u00dferhalb dieses Kontextes betrachtet abstrus oder gar l\u00e4cherlich anmuten mu\u00df. Es geht darum, Gottes Wirken in der Welt sittlich zu bewerten. Leibniz\u2019 zentrale Annahme hierbei ist: Nicht die einzelnen Handlungen innerhalb des Weltverlaufs, gleich ob es Gottes Wirken selber ist oder die von ihm zugelassenen Handlungen der vern\u00fcnftigen Kreaturen, sind angemessen sittlich zu bewerten, sondern nur, welchen Weltverlauf Gott insgesamt erw\u00e4hlt hat. Hier kommt Leibniz\u2019 Determinismus zum Tragen. Nach diesem ist die Welt bis in die letzte Einzelheit hinein festgelegt (wie wir im Kontext des Prinzips vom zureichenden Grund schon beobachten konnten). Dies ist offenkundig nur m\u00f6glich, wenn das gesamte Weltgeschehen in notwendigen Gesetzen zusammenh\u00e4ngt: \u201eTout est li\u00e9\u201c ist Leibniz\u2019 zentraler Grundsatz. Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen, so da\u00df eine \u00c4nderung in der scheinbar unbedeutendsten Einzelheit eine Anpassung in allem anderen nach sich zieht, es sich also bereits um eine andere m\u00f6gliche Welt handelte. Eben darum ist die Notwendigkeit innerhalb des wirklichen Weltgeschehens auch nur eine hypothetische. Das bedeutet: Innerhalb des wirklichen Weltgeschehens ist zwar alles nach notwendigen Gesetzen miteinander verkn\u00fcpft, nichts h\u00e4tte anders sein k\u00f6nnen, als es wirklich ist, aber eben nur unter der Voraussetzung (Hypothese) der wirklichen Welt. Absolut gesehen ist das Weltgeschehen nicht notwendig, was bedeutete, da\u00df ein Nichtsein oder Anderssein einen Widerspruch einschl\u00f6sse. Das aber ist nach Leibniz nicht der Fall, da ja andere Weltverl\u00e4ufe m\u00f6glich sind. Was hei\u00dft dies f\u00fcr die sittliche Bewertung? Da Gott in seiner Allwissenheit den universalen Zusammenhang des Weltgeschehens \u00fcberblickt, ist f\u00fcr ihn sittlich nur relevant, welche Welt insgesamt er erw\u00e4hlt. F\u00fcr die Kapazit\u00e4ten des endlichen menschlichen Geistes sind die wahrhaft universalen Naturgesetze, die den durchg\u00e4ngigen Zusammenhang des Weltgeschehens garantieren, nicht durchschaubar. Die sittliche Bewertung mu\u00df sich f\u00fcr ihn daher nach dem ihm erfassbaren Handlungskontext richten.<\/p>\n<p>Nun kommt der entscheidende Gedankenschritt: Gott ist sittlich verpflichtet, den Weltverlauf zu erw\u00e4hlen, der insgesamt der beste ist \u2013 der f\u00fcr Gott allein ma\u00dfgebliche Gesichtspunkt \u2013 ungeachtet der schlechten Taten der Menschen und des Leids, das diese Welt enth\u00e4lt. Nach Leibniz (<em>Theod<\/em>. \u00a7 10) ist eine Welt ohne Schlechtes sicher m\u00f6glich. Aber sie w\u00e4re nicht die insgesamt beste, sondern vergleichbar einem Musikst\u00fcck ohne Dissonanzen und Kontrasten, das fad und langweilig ist. Eine richtig aufgel\u00f6ste Dissonanz kann gerade die Sch\u00f6nheit erh\u00f6hen. Freilich zeigt sich das oft nur vom Standpunkt des Ganzen. Wer nur einen Teilausschnitt eines Bildes sieht, dem erscheint es vielleicht grell und schockierend. Erst wenn er die Funktion dieses Teils in der Gesamtkomposition versteht, begreift er seine Sch\u00f6nheit. So nehmen wir Menschen h\u00e4ufig an der Welt Ansto\u00df, weil wir die Rolle des Teils des Weltgeschehens im Gesamtplan der Welt nicht verstehen. Partiell machen auch wir Menschen solche Erfahrungen, da\u00df man Gl\u00fcck, Wohlergehen, Gesundheit nur zu sch\u00e4tzen ja \u00fcberhaupt erst zu empfinden vermag, wenn man vorher Bedr\u00e4ngnis, Entbehrung, Krankheit erlebt hat. \u2013 Damit wird klar, inwiefern die deontologische Denkfigur zur Rechtfertigung des sittlich B\u00f6sen anwendbar ist. Ein f\u00fcr sich genommen sittlich Schlechtes ist danach nur zu rechtfertigen, wenn es die erm\u00f6glichende Bedingung einer sittlich gebotenen Handlung ist, weil es dann nicht f\u00fcr sich zu bewerten ist, sondern nur als nicht herauszul\u00f6sendes, notwendiges Element der sittlich guten Gesamthandlung. In diesem Sinne sind die aus der beschr\u00e4nkten menschlichen Sichtweise schlechten Handlungen ein notwendiger Teil des insgesamt besten Weltverlaufs, den zu verwirklichen Gott sittlich verpflichtet ist. Verpflichtet ist Gott vor allem deshalb, weil das Gute (wie es eine Welt ohne B\u00f6ses und Leid sicher ist) die Rolle des Schlechten einnimmt, wenn es als weniger gut die bessere Alternative verdr\u00e4ngt (<em>Theod<\/em>. \u00a7 8).<\/p>\n<p>Da\u00df es (wenn auch nur hypothetisch) notwendig ist, ist bedeutsam, weil allein so Gott gegen den Vorwurf verteidigt werden kann: Warum hat Gott dieses B\u00f6se nicht verhindert, obgleich er es vorhergesehen hat und rechtzeitig h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen? Offenkundig kann Gott nur durch etwas gerechtfertigt werden, was auch ihm vorgegeben ist und auch er nicht \u00e4ndern kann. F\u00fcr Platon im <em>Timaios<\/em> ist dies die chaotische Materie, die der g\u00f6ttliche Weltbaumeister (\u03b4\u03b7\u03bc\u03b9\u03bf\u03c5\u03c1\u03b3\u1f79\u03c2) nur gestaltet, die mithin seiner Ordnungst\u00e4tigkeit widerstehen kann. Diese L\u00f6sung steht einer christlichen Theodizee nicht offen, die eine genuine Sch\u00f6pfung aus dem Nichts annimmt. An die Stelle der ungeordneten Materie k\u00f6nnen aber die ewigen Wahrheiten treten (<em>Theod<\/em>. \u00a7 20). Anders als f\u00fcr den Voluntarismus kann f\u00fcr einen intellektualistischen oder rationalistischen Ansatz wie den Leibnizens Gott diese nicht \u00e4ndern. Er h\u00e4tte keine andere Mathematik schaffen k\u00f6nnen, h\u00e4tte er dies gewollt. Da\u00df dies die Allmacht Gottes nicht aufhebt, zeigen zwei \u00dcberlegungen. Zum einen hei\u00dft Allmacht (omnipotentia) soviel wie Allverm\u00f6gen, bezieht sich also nur auf das in sich M\u00f6gliche. Ein Versto\u00df gegen die notwendigen Vernunftwahrheiten aber ist in sich widerspr\u00fcchlich und so unm\u00f6glich. Ferner sind diese Vernunftwahrheiten nichts von Gott Verschiedenes, sondern machen nach dem christlichen Neuplatonismus den Inhalt seines Intellekts aus. Gem\u00e4\u00df diesen notwendigen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten aber ist es nach Leibniz unvermeidlich, da\u00df etwas (f\u00fcr sich und aus der beschr\u00e4nkten menschlichen Perspektive betrachtet) moralisch Schlechtes geschieht, damit die insgesamt bestm\u00f6gliche Welt wirklich wird. Diese notwendigen Voraussetzungsverh\u00e4ltnisse kann auch Gott nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Gesamturteil<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wie sollen wir Leibniz\u2019 Theodizee beurteilen? Seit Kant pflegt man sie zumeist als ein Wegvern\u00fcnfteln des Schlechten geringzusch\u00e4tzen und h\u00e4lt es heute f\u00fcr authentischer, einen mit der gequ\u00e4lten Kreatur mitleidenden Gott anzunehmen. Dies l\u00e4uft darauf hinaus, Gottes Allmacht aufzugeben. Wie es mit den biblischen Grundlagen der Annahme einer Allmacht Gottes steht, m\u00f6chte ich als Nichtexeget lieber offen lassen. Man sollte aber bedenken: Ohne einen allm\u00e4chtigen Gott ist unsere Hoffnung, da\u00df es dereinst eine neue Welt ohne Leid geben wird, reine Illusion. Dann gleicht Gott einem liebenden Vater oder einer liebenden Mutter, die das Elend ihres Kindes hilflos mitansehen m\u00fcssen und es nur einf\u00fchlsam tr\u00f6sten k\u00f6nnen. \u2013 Ich will damit nicht behaupten, Leibniz\u2019 Theodizee sei ein anzuerkennender Denkentwurf. Aber selbst wenn wir ihn insgesamt aufgeben, enth\u00e4lt er im einzelnen zahlreiche fruchtbare Gedanken. So erlaubt er, die deontologische Ethik aufrechtzuerhalten, ohne wie Kant einem Rigorismus zu verfallen. So ist es sicher intuitiv schockierend, wenn Kant die L\u00fcge f\u00fcr absolut verboten h\u00e4lt, selbst wenn wir durch eine wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Angabe einen unschuldigen Menschen seinen H\u00e4schern ausliefern. Dies ist vermieden, wenn wir davon ausgehen, da\u00df die gebotene Gesamthandlung, unschuldiges Leben zu retten, eine unwahre Information als unabdingbare Voraussetzung enth\u00e4lt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Leibniz, dessen Tod sich am 14. November 2016 zum dreihundertsten Male j\u00e4hrt, sind dem Gebildeten einige Tatsachen bekannt. Er war der letzte europ\u00e4ische Universalgelehrte, der die unterschiedlichsten Wissensgebiete nicht blo\u00df in ihren Resultaten zur Kenntnis nahm, sondern durch eigene Forschungen voranbrachte. 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