{"id":118288,"date":"2026-01-28T17:00:29","date_gmt":"2026-01-28T16:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/?post_type=media-library&#038;p=118288"},"modified":"2026-01-28T17:00:54","modified_gmt":"2026-01-28T16:00:54","slug":"den-dingen-namen-geben-barbara-von-wulffen-zu-gast-bei-albert-von-schirnding","status":"publish","type":"media-library","link":"https:\/\/kath-akademie-bayern.de\/en\/mediathek-eintrag\/den-dingen-namen-geben-barbara-von-wulffen-zu-gast-bei-albert-von-schirnding\/","title":{"rendered":"Den Dingen Namen geben"},"content":{"rendered":"<h3><strong>I.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich will mit offenen Karten spielen und gleich sagen, dass ich die Autorin, die ich Ihnen heute Abend vorzustellen die Freude habe, die gro\u00dfe Freude habe, von Kindesbeinen an kenne. Unsere Eltern waren miteinander befreundet, und wir sind sogar, wenn auch einigerma\u00dfen entfernt, verwandt. Die erw\u00e4hnten Kindesbeine wurden im Fr\u00fchjahr 1942 auf t\u00e4glichen mehrst\u00fcndigen b\u00f6hmischen Waldspazierg\u00e4ngen kr\u00e4ftig strapaziert. Unsere Mutter machte eine Kur in Franzensbad. Wir Kinder wurden im nahen Schlossgut Schwei\u00dfing untergebracht, das dem Grafen Clemens Podewils und seiner Frau Sophie Dorothee geh\u00f6rte. Damit Sie sich den Namen besser merken k\u00f6nnen, zitiere ich den Sch\u00fcttelreim von Eugen Roth, den er seinem Freund Clemens nach langen Geburtswehen pr\u00e4sentierte: \u201eEs trank einst ein Woiwode Pils \/ mit dem Grafen Podewils.\u201c Woiwoden bezeichnen bei slawischen V\u00f6lkern Truppenf\u00fchrer und Verwaltungsbeamte. Hier dienen sie nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich Sch\u00fcttelreimzwecken. Sollte sich aber ihr Einflussbereich bis zum Kaukasus erstrecken, sind wir gar nicht so weit entfernt von einem der Schaupl\u00e4tze des neuen Buches unserer Autorin, aus dem sie heute Abend vorliest.<\/p>\n<p>Aber noch sind wir in B\u00f6hmen, in Schloss Schwei\u00dfing, Mai 1942. Dort fanden meine Schwester und ich uns mit den gleichaltrigen T\u00f6chtern Burgi und B\u00e4rbel zusammengespannt. Wir verstanden uns pr\u00e4chtig. Die Kinderfrau der beiden, wie sie auf solchen Schl\u00f6ssern eben \u00fcblich waren, legte auf gro\u00dfe Spazierg\u00e4nge bei jedem Wetter entschiedenen Wert. Niemals zuvor hatte ich ausgedehntere, geheimnisvollere W\u00e4lder gesehen, sah ich sp\u00e4ter samtigere Moosgr\u00fcnde, trat in Lichtungen, die so \u00fcberraschend im tiefsten Waldesdunkel sich \u00f6ffneten.<\/p>\n<p>Warum ich es wage, bei diesem Anlass davon zu sprechen? Weil Barbara von Wulffen, geborene Podewils, mit ihrem 1989 im Fischer-Verlag erschienenen Buch \u201eUrnen voll Honig&#8220; ihrer b\u00f6hmischen Kindheit einen hinrei\u00dfend sch\u00f6nen Erinnerungstempel geweiht hat. Kindheit ist ortsgebunden, und nur im Kunstwerk kommt das sp\u00e4ter nie wieder mit solcher Intensit\u00e4t erlebte Hier und Jetzt zu seiner unverlierbaren Wahrheit. In Schwei\u00dfing gemahnte im Fr\u00fchjahr 1942 nichts an den Krieg, sieht man davon ab, dass der Hausherr nur vor\u00fcbergehend anwesend war; bald musste er wieder an die Front nach Russland zur\u00fcckkehren. Genau zehn Jahre sp\u00e4ter hat Clemens Podewils im Hanser-Verlag ein \u201eDon und Wolga\u201c betiteltes Buch mit \u201eAufzeichnungen aus dem Jahre 1942\u201c ver\u00f6ffentlicht, die mit der Schilderung dieses Urlaubs einsetzen. Unter dem 23. Mai hei\u00dft es: \u201eDer Urlaub ist vor\u00fcber. Bei der Abfahrt war es wie immer. Wenn der Zug die Kurve nimmt, deine winkende Gestalt entschwindet, Dorf und Schloss sich fort drehen, sagt eine Stimme in mir: das war das letzte Mal.\u201c<\/p>\n<p>Nun, es war Gottlob nicht das letzte Mal. Clemens Podewils wurde nach dem Krieg f\u00fcr ein gutes Vierteljahrhundert Generalsekret\u00e4r der eben erst gegr\u00fcndeten Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste, deren Glanzzeit eben dieses Vierteljahrhundert werden sollte, nicht zuletzt aufgrund der ihm zu verdankenden Impulse und seiner zwischen den sehr unterschiedlichen Mitgliedern vermittelnden Behutsamkeit. \u201eBehutsam k\u00e4mpfen\u201c stand j\u00fcngst \u00fcber der Ilse Aichinger gewidmeten Todesanzeige des Fischer-Verlags. Dieses Motto passt sehr gut auch zur Akademie-T\u00e4tigkeit von Clemens Podewils, des engen Freundes des Ehepaars G\u00fcnter Eich und Ilse Aichinger. Aber sein eigentlicher Beruf war der eines Dichters. Barbara von Wulffen ist jedoch nicht nur von Vatersseite vorbelastet. Als wir mit den Podewils-M\u00e4dchen im Park des b\u00f6hmischen Schlosses spielten, hatte die Mutter vor kurzem ihren ersten Roman im Fischer-Verlag herausgebracht. Nach der Vertreibung im April 1945 fand sie mit den T\u00f6chtern in Haarsee nahe dem oberbayerischen Weilheim, wo Sophie Dorothee Podewils aufgewachsen war, eine bescheidene Bleibe. 1948 erschien bei Suhrkamp ein zweiter Roman.<\/p>\n<p>Das Talent war B\u00e4rbel also in die Wiege gelegt. Nach einem Biologie- und Germanistikstudium, das sie, bereits verheiratet, mit einer Dissertation \u00fcber Wolfram von Eschenbachs \u201eParzival\u201c abschloss, hatte die Mutter von vier Kindern verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sp\u00e4t zu schreiben begonnen: zun\u00e4chst unz\u00e4hlige Rezensionen von Kinder- und Jugendb\u00fcchern f\u00fcr die S\u00fcddeutsche Zeitung, dann ein aus der intensiven Aneignung ihrer Mutterrolle gesch\u00f6pftes erstes Buch. \u201eZwischen Gl\u00fcck und Getto\u201c (1980) behandelt das Thema der Familie im genauen Gegensinn zum heftigen Wogengang der Zeittendenzen. Nicht nur der nat\u00fcrliche Landschaftsschutz lag ihr am Herzen, sondern auch der eines gef\u00e4hrdeten kulturellen Territoriums wie der Familie. Sie hatte freilich l\u00e4ngst in Zeitungen und Zeitschriften eine Reihe von Landschaftsbildern publiziert. Aus ihnen ging 1985 das sch\u00f6ne und wichtige Buch \u201eLichtwende\u201c hervor. Die fundierte Biologin, die, wie ich bezeugen kann, schon als Kind eine geschwisterliche N\u00e4he zu ihren pflanzlichen und animalischen Mitgesch\u00f6pfen entwickelt hat, sieht die Natur im Licht einer verh\u00e4ngnisvollen Gef\u00e4hrdung und damit im Gegenlicht zum eingleisigen Denken einer im Dienst des technischen Eroberungswillens stehenden Naturwissenschaft, vor dem die Ph\u00e4nomene in Funktionsweisen und Kausalketten zergehen. Das Buch lehrt, dass Namen etwas ganz anderes sind als Begriffe, weil Namen die Dinge ins Licht der Erkenntnis treten lassen, ohne sie auf blo\u00dfe Mechanismen und Informationstr\u00e4ger zu reduzieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>II.<\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wohin Barbara von Wulffen uns in diesen und ihren anderen B\u00fcchern auch f\u00fchrt \u2013 ich nenne neben den schon erw\u00e4hnten \u201eUrnen voll Honig\u201c (1989) den Roman \u201eMaureen\u201c (1993), der um ein irisches Farmerehepaar gruppierte Geschichten erz\u00e4hlt, und das wunderbare Buch \u201eVon Nachtigallen und Grasm\u00fccken. \u00dcber das irdische Vergn\u00fcgen an Vogelkunde und Biologie\u201c (2001); auf Sommerwiesen, in W\u00e4lder, in Moorlandschaften, ins Wattenmeer, in ein versinkendes Irland und ein versunkenes B\u00f6hmen, vor allem und immer wieder ins K\u00f6nigreich der V\u00f6gel \u2013 sie ist vorher dagewesen, hat sich an Ort und Stelle kundig gemacht. Ihr staunenswertes Detailwissen steht im Dienst der Namengebung; sie wei\u00df die Dinge beim Namen zu nennen.<\/p>\n<p>\u201eKindergeburtstag\u201c hei\u00dft ein Anderthalb-Seiten-Kapitel in \u201eUrnen voll Honig\u201c \u2013 f\u00fcr mich das sch\u00f6nste, das Barbara von Wulffen geschrieben hat. Ein Augusttag mitten im Krieg. \u201eVielleicht hat nur ein- oder zweimal an diesem Tag die Sonne geschienen. Das spielt keine Rolle. Es ist ein Tag der F\u00fclle, eine Zeitquelle. Das zahme Lamm kommt gesprungen und knabbert von meinem Salat. Ich bekomme dies eine Mal als erste serviert. Das Lamm wird nach dem Essen hinter mir die Stiege zum Kinderzimmer hinaufpoltern. Hinunter m\u00fcssen wir es tragen. Die Erwachsenen haben nichts dagegen. Nicht am 10. August. [&#8230;] An einem solchen Augusttag sammelt sich Zuversicht, ohne dass ein Kind es merkt. Es wei\u00df gar nicht, dass gerade dieser eine Geburtstag in sein Ged\u00e4chtnis schwebt, so sachte wie Mittagslicht eine Familie umspielt, die im Freien beisammensitzt und ein besonderes Mahl verzehrt, ein fl\u00fcchtiges, unwiederbringliches Sommersonnenmahl, umringt vom Grauen eines auf sein verlorenes Ende zust\u00fcrmenden Krieges.\u201c<\/p>\n<p>Nehmen wir an, es war der 10. August 1944, wenige Monate vor der Vertreibung der Familie, vor der Flucht nach Oberbayern. Barbara von Wulffens achter Geburtstag. Seitdem waren am 10. August dieses Jahres zweiundsiebzig Sommer vergangen. Ich betrachte diesen Abend auch als die Nachfeier zu einem runden Geburtstag.<\/p>\n<p>Das j\u00fcngste Buch wird demn\u00e4chst erscheinen. Es geht um eine h\u00f6chst au\u00dfergew\u00f6hnliche Dame, Muska von Nagel, die mit dem muslimisch-dagestanischen, in Schwabing lebenden Exilmaler Halil Mussayassul verheiratet war und als Witwe Benediktinerin in Connecticut war. Im anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch soll von diesem Buch noch die Rede sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. &nbsp; Ich will mit offenen Karten spielen und gleich sagen, dass ich die Autorin, die ich Ihnen heute Abend vorzustellen die Freude habe, die gro\u00dfe Freude habe, von Kindesbeinen an kenne. Unsere Eltern waren miteinander befreundet, und wir sind sogar, wenn auch einigerma\u00dfen entfernt, verwandt. 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